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Full text of "Geschichte der Chalifen"

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W 4228 


Geſchichte der Chalifen. 


Nach 


handſchriftlichen, größtentheils noch unbenützten 
Quellen bearbeitet 


von 


Dr. Guſtav Weil, 


a. 0. Profeſſor der morgenländiſchen Sprachen und Bibliothekar an der Uni— 
verſität Heidelberg, Mitgliede der Aſiatiſchen Geſellſchaft zu Paris und der 
deutſchen Morgenländiſchen zu Halle — Leipzig. 


Erſter Band 


vom Tode Mohammeds bis zum Untergange der Omejjaden, mit 
Einſchluß der Geſchichte Spaniens, vom Einfalle der Araber bis 
zur Trennung vom öſtlichen Chalifate. 





433945 
14. 1.49 
a2 oss0 
Mannheim. 


Verlag von Friedrih Baffermann, 


— 


1846, 


a Be pt — — Eu: — Sr * — 
— J— — —— 





Vorrede. 


Ermuthigt durch die Anerkennung, welche mein 
vor drei Jahren bearbeitetes „Leben Mohammeds“ in 
Betreff der gewiſſenhaften Ausbeutung und Sichtung 
der Quellen gefunden, übergebe ich den Freunden der 
hiſtoriſchen Literatur den erſten Band der Chalifenge— 
ſchichte, mit der Verſicherung, daß das mir von 
mehreren Seiten geſchenkte Vertrauensvotum keine 
andere Wirkung gehabt, als mich in meinen Ar— 
beiten noch ängſtlicher und vorſichtiger zu ma— 
chen. Uebrigens bitte ich nur den Leſer um die 
geneigte Vorausſetzung, daß die mir zugänglichen 
Quellen ſorgfältig unterſucht und jede geſchichtlich wich— 
tige Thatſache hervorgehoben und treu wiedergegeben 
wurde; über die Folgerungen, die ich daraus gezogen, 


= 
kann er felbjt urtheilen, denn ich habe auch hier, wie 
es -in jedem, Fritifcher Vorarbeiten entbehrenvden *) 
und aus handferiftlihen Duellen gefhöpften Werfe, 
nothmwendig ift, in den Noten, über alle neuen, oder 
son meinen Vorgängern abweichenden Facta und An- 
fihten, Rechenfchaft abgelegt. Der gelehrte Hiftorifer 
wird fich leicht überzeugen, daß auch bei der in dieſem 
Bande behandelten Periode, es noch immer fehr ſchwie— 
rig bliebe, das durch orientalifhe Phantafie, moham- 
medanifche Orthodoxie und politifchen Parteigeift ent- 
ftellte Material kritiſch zu fichten und aus dieſem Ge- 
webe von Verblendung und Lüge die nackte hiftorifche 
Wahrheit herauszufinden. Wagte es doch felbft ver 
Ueberfeger des Tabari, ver faft allen fpätern perfifchen 
Hiftorifern zum Mufter diente, wie man aus mehreren 


in den Anmerfungen zu gegenmwärtigem Bande mitge- 


*) Eine gedrängte Darftellung der in diefem Bande bearbeite 
ten Geſchichte, von ©. Flügel, findet man in dem 36ten Theil der 
Allgem. hiftor, Tafchenbibliothef (S. 14—108). Wenn hier mande 
Verſehen gerügt werden, fo geſchah es Feineswegs in der Abficht, 
die Verdienfte diefes wackern DOrientaliften zu fchmälern. Es kann 
mir überhaupt nicht in den Sinn kommen, dur Berichtigungen, die 
ich in die Noten verflechte, eine hyperkritiſche Mädelei an den Tag 
legen zu wollen. Es gefhieht nur, um Srrthümer, die aus bekann— 
ten Büchern ins größere Publicum gedrungen find, ein für allemal 
zu befeitigen. 


hi 
tbeilten Stellen erfehen Fann, nicht nur Manches, was 
ibm unwefentlich fchten, oder in fein Syſtem nicht 
paßte, auszulaffen, fondern fogar feinen Autor fürm- 
ich zu fälfhen, was mochten ſich erft felbftitändige Hi- 
ftorifer erlauben, die unter gar Feiner Controle ftan- 
den? Die Sunniten warfen einen dichten Schleier 
über alle Mängel, welche an den vier erften Chalifen, 
den alten Gefährten und Verwandten des Propheten, 
bafteten. Die Schitten ftatten befonders Alt und feine 
Nachkommen mit allen erdenklichen Tugenden aus. 
Die Anhänger des Haufes Abbas bemühen fih, uns 
die Omejjaden als die verworfenften Menfchen darzu— 
ftellen. Die frommen Mufelmänner jeder Partei be- 
urtheilen die Chalifen nur nah dem Grade ihrer 
Srömmigfeit, im rein theologifchen Sinne, fo daß es 
nur dur Vergleichung der verſchiedenen Duellen und 
Benüsung ihrer Schwächen und Ungefchietheiten, durch 
welche fie fih häufig verrathen, möglich wird, einen 
fichern gefchichtlichen Boden zu gewinnen, 


Außer den bis auf Die nenefte Zeit in Europa 
erfehienenen gedruckten Duellen, welche entweder Die 
ganze Chalifengefihichte oder einzelne Theile derfelben 
behandeln, habe ich folgende Handfchriften benüßt: 


a) 


b) 


c) 


a) 


b) 
c) 


d) 


a) 


a) 


1) Aus der herzoglichen Bibliothek zu Gotha: 
Dsachirat Alulum wanatidjat alfuhum, (Die 
Vorrathskammer der Wiffenfohaft und das Er— 
zeugniß des Verftandes) von Bekri (No. 235 
des Möller’fchen Catalogs). 

Das Buch „„Chamis“ von Hufein Jon Moham— 
med Ibn Alhafan Aldiarbefri (No. 326). 
Sujuti’s Gefchichte ver Chalifen (No. 321). 

2) Aus der Föniglichen Bibliothef zu Paris: 
Masudi’s Goldne Wiefen R. B. XH. (No. 
1815). 

Dfahabt Gefhichte des Islams (No. 626). 

Abd Almahafin Albahr Azzahır fi ilm Alaw- 
wali walachiri. (Das volle Meer in der Kennt- 
niß des Frühern und Spätern No. 659 ?). 

Mohammed Ibn Schakir. Ujun Attawa- 
rich (Duellen der Geſchichte) mit Gloſſen von 
Yon Schaddad und Ibn Athir. (No. 638, II.) 

3) Aus der Föniglichen Bibliothek zu Berlin: 
Br, 10 — 12 des Urtextes der Chronik des 
Tabari. 


4) Von Herrn Profeſſor von Ewald: 


Abd Errahman Ibn Abd Allah Ibn Abd Alha— 
kam. Futuh Missr (Eroberung von Egypten), 


M 


eine Abſchrift der Pariſer Codd. No. 655 und 
785. 


Später erhielt ih noch durch die Gefälligfeit des 
Hrn. Dr. Möller das Kitab Almaarif von Ibn 
Kuteiba (No. 316), fand aber nichts Erhebliches 
über die in gegenwärtigem Bande behandelte Periode, 
das mir nicht aus andern Quellen bekannt geweſen 
wäre. Meine mehrmals ausgeſprochene Vermuthung, 
daß manche Hiſtoriker gerne ſpätere ruhmvolle Thaten 
frühern Chalifen zuſchreiben, fand ich auch in Betreff 
der Eroberung Perſiens beſtätigt, die ſelbſt von Ta— 
bari größtentheils unter Omars Chalifat geſetzt wird, 
während nach Jon Kuteiba (S. 112 und 190) Rei, 
ein Theil von Fars, Kerman, Chorafan, Sedjeftan 
und Tabariftan, erft unter Othman befriegt wur— 
den. Eben fo wird bei diefem Autor (S. 212) aus- 
drücklich geſagt, daß Haddjadi von Medina aus nad 
Irak ging, (S. ©. 428.) Auch in feinem Urtheil 
über ihn ftimmt ex mit mir überein, indem er (S. 236) 
ganz Furz fagt: „er verwaltete Irak 20 Jahre, ver- 
befferte es (asslahaha) und vdemüthigte feine Be- 
mwohner, 


Durd die Handfchrift des Hrn, v, Ewald war 
ih im Stande, auch über die Eroberung von Egypten 


vm 


fowohl, als über die der übrigen mufelmännifchen Pro— 
vinzen in Afrifa und Spanien, manches Neue zu bie 
ten, denn die andern von mir benüsten Quellen, felbft 
Tabari nicht ausgenommen, befaffen fih mehr mit den 
Begebenheiten in Syrien, Jraf und Perfien. Auch 
die Kriege der Araber in Indien werden nur Furz 
erwähnt, daher mir die auf die indifchen Zuftände fich 
beziehenden Abfihnitte des Beladori, welche mir 
H. Reinaud gleich bei ihrer Veröffentlichung zuzu— 
fenden die Güte hatte, nicht minder willfommen waren, 
H. Reinaud war auch fo gefällig, mir fein Exemplar 
der vor zwei Jahren in Konftantinppel erfchienenen 
türfifchen Veberfeßung des Tabari mitzutbeilen, wie er 
denn überhaupt während meines Aufenthaltes in Paris 
mich in meinen Arbeiten auf der Föniglichen Bibliothef 
freundlichſt unterſtützt hat. 

Neben den genannten drei Gelehrten muß ich 
noch den königlich Preußiſchen und herzoglich Sachſen— 
Koburg-Gothaiſchen hohen Regierungen meinen ver— 
bindlichſten Dank zollen, da ſie mir gnädigſt geſtattet 
haben, ihre höchſt werthvollen und ſeltenen Hand— 
ſchriften hier in Heidelberg zu benützen. 


Zu beſonderem Danke aber fühle ich mich der 
großherzoglich Badiſchen hohen Regierung verpflichtet, 


RX 


welche mir jede, zur Ausführung dieſer Arbeit nöthige 
Unterſtützung, mit der größten Liberalität zu gewähren 
geruhte. 


Ueber die Art, wie ich arabiſche Wörter in 
europäiſcher Schrift wiedergegeben, beziehe ich mich 
auf das in der Vorrede zum „Mohammed“ Geſagte 
und bemerke nur noch, daß auf dieſem, ohnehin den 
meiſten Leſern fremden Gebiete, eine conſequent durch— 
geführte Schreibart des Dhamma (u und o) und 
Fatha (a und e) fie nur noch in größere Verwirrung 
gebracht hätte, Wollte man 3. B. überall ein e ans 
nehmen, fo müßte man Beßre ſtatt Baßra fihreiben 
und im andern Falle Makka ftatt Mekka. Verſuchte 
man es gar, die richtige orientalifche Orthographie 
durchgängig beizubehalten, fo müßte man das Publi- 
fum an „Dimiſchk“ ftatt „Damask“ gewöhnen, 


Nah dem am Schluffe beigegebenen DVerzeichniffe 
der Drudfehler und fonftiger Verſehen bitte ich nur 
Die umnrichtigen Zahlen vorher zu verbefjern, eben fo 
das Seite 60 Zeile 10 von oben finnftörende Wort 
„Djaban‘ in „Dſu-l-Hadjib“ zu verwandeln, Einige 
Fleinere Berjehen, wie die Verwechslung des a und e, 
o und u, f und 3, das überall nach franzöfiicher, fo 
wie Das tb nah englifher Weife auszufprechen ift, 

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X 


fand ich nicht der Berichtigung werth. Ein vollftän- 
diges Regiſter foll mit dem dritten Bande folgen, der 
fih bis zum Untergange des Chalifats von Bagdad 
erftrerfen wird, 


Heidelberg, Mitte Februar 1846, 


Der Verfaſſer. 


Inhalt. 


Seite 
a a 
Abu Ber. . . . 8 
Zieite Hungen 
San nn); 20200. 54-148 
Drittes Sanpiiie 
Sthman . - . . ... .. 149- 189 
Viertes Hansi 
N ea 777 .. 190260 
andre Hanpifii 
Hafan und Muamia . . . . » 2000. 261-298 
— Danpift . 
Se...‘ art 1209-869 
Siebentes gepnäc, 
Muawia ll... . . 2.20. 840—841 
adiee xeupitia 
Merwan J... 22. 842—862 


Neuntes Ganptftiie 
BEE ee 02. 868490 


Welid J. 


Suleiman . . 


Dmar ll . 


Sezid I. 


Hiſcham 


Welid I. . 


Sezid IU. 


Merwan I. . 


2 — 
if Haur tu | 
| wit Danger : 
Breiehutes Danpsiäc 
wierzchnies Danger 


Bnfgehnte Daupsfäct 


Seitens Daupefäe 


eb pie Sauptftüe. 


©eite 


491—553 


554—578 


. 579—594 


595—615 


616—657 


658— 671 


672—679 


. 680-702 


Erftes Hauptſtück. 
Abu Bekr. 


Streitigfeiten über die Erbfolge nady dem Tode Mohammeds. 
— Abu Beer wird zum Thalifen erwählt. — Uſamas Streifjua ge: 
gen die forifche Grenze. — Aufruhr in Arabien. — Kämpfe gegen 
die Rebellen in der Nähe von Medina. — Tod des falfchen Pro- 
pheten Aswad. — Abu Bekr's Rundfchreiben an die Abtrünnigen. — 
Krieg mit Tuleiha und Salma. — Die Prophetin Sadjah und der 
Prophet Mufeilama. — Chalids Feldzug gegen Lestern. — Unter: 
werfung der Provinzen Bahrein, Oman und Jemen. — Eroberung 
der perfiichen Grenzftädte Hira, Anbar und Gin Tamr. — Syriſcher 
Feldzug. — Einnahme von Boßra. — Schlaht bei Adjnadein und 
am Jarmuk. — Chalid’s Nede vor dem Treffen. — Eroberung von 
Damask. — Abu Bekr's Krankheit, letzter Wille und Tod. — Schil— 
derung feines Charafters. 


Mohammed hatte am fiebenten oder achten Juni 632 
das Zeitliche verlaffen, ohne irgend eine Beſtimmung über bie 
Nachfolge zu treffen, obihon ihm der Tod keineswegs uner- 
wartet gefommen, Männliche Nahfommen hinterließ er nicht, 
feine nächſten Verwandten waren: Ali, der Sohn Abu Ta- 
libs, der zugleich fein Better und Schwiegerfohn war, und 

1 


2 Erftes Hauptſtück. 


Abu Bekr, der Vater feiner Gattin Aiſcha. Der Grund, 
warum Mohammed dem von ihm geftifteten Reiche Fein Ober- 
haupt vorſchrieb oder wentgftens anrieth, ift fchwer zu ermit- 
teln, Bielleiht wurde er auf dem Kranfenbette von feiner 
Umgebung daran verhindert, welche eine ihren Wünfchen nicht 
zufagende Verfügung befürchtete, vielleicht ſchwankte er felbit 
zwifchen dem Gatten feiner geliebten Tochter, zu dem ihn 
fein Herz binzog, und dem Bater Aiſcha's, den ihm feine 
Klugheit eingab. Vielleicht vermied er es aber auch abftcht- 
lich bis zum Testen Lebenshauche, von feiner Vergänglichkeit 
zu Sprechen, denn es kann wenigftens als geſchichtliche That— 
ſache angenommen werden, daß viele Araber ihn für unfterb- 
ih hielten. Die beiden genannten Prätendenten batten nicht 
bloß als Verwandte Mohammeds und als feine älteften Ge— 
fährten am meiften Anfprüche auf die Nachfolge, fie wurben 
auch noch dadurch begünftigt, daß fie beide dem edlen Ge— 
fhlechte Rureifch angehörten. Schon vor Mohammed waren 
ihre Ahnen im Beſitze der höchſten Würden und Nemter der 
Stadt Meffa gewefen, welche als Wallfahrtsort immer eine 
gewilfe Herrfchaft über die ganze arabifche Halbinfel ausge— 
übt, Die Meffaner, von denen fich feit dem Gedeihen des 
Islams, und befonders feit der Auswanderung Mohammeds, 
nach und nach viele in Medina angefiedelt, dachten daher na= 
türlich, ſchon aus Borliebe für ihre Stammgenoffen und Lan- 
desleute, an Ali oder an Abu Bekr, fobald es fih darum 
handelte, Mohammed einen Nachfolger zu geben, Die ältern 
Bewohner Medinas hingegen, bie zum Theil feldft dem Pro— 
pheten nur ungern gehorcht, wollten nicht länger einem aus 
ganz andern Stamme entfproffenen Fremdling geborchen. 
Sie befchloffen daher, bald nad Mohammeds Tod, einen Mann 
aus ihrer Mitte als Fürften des Islams, oder weniafteng 
als ihr Oberhaupt zu wählen. 

Wir Haben aber ſchon am Schluffe unfres ) „Leben 


1) ©. Mohammed der Prophet, fein Leben und feine Lehre u. ſ. w. 
Stuttgart, Mesler, 1848. 8. ©. 334 — 837, 


Abu Betr, 3 


Mohammeds“ erzählt, dag die Bemühungen der Medinenfer, 
fih von fremden Herrfchern zu befreien, fruchtlos blieben, 
und dag Abu Bekr noch vor der Beerdigung Mohammed 
zu deſſen Nachfolger (Chalife) erwählt worden, Er trat näm— 
lich ganz unerwartet mit Omar, Abu Überda und einigen 
andern feiner Wartet in das Haus, wo die Medinenfer ich 
verfammelt hatten, um ihrem Hauptlinge Saad Ibn Ibade) 
die Herrfchaft über das islamitiſche Reich zu übertragen und 
fuchte, ſowohl auf Koransftellen, als auf fonftige Ausſprüche 
Mohammeds geftügt, Die anmwejenden Mufelmänner zu über- 
zeugen, daß das Chalifat einem mit dem Propheten ausge— 
wanderten Rureifchiten gebühre und dag nur ein folcher hoffen 
fünnte, von ganz Arabien anerkannt zu werden. Er ſchlug 
bierauf Abu Ubeida ?) und Omar zu Chalifen sor, aber 


1) Diefer ſprach auch, wie Abu Beer, nicht für feine Perfon, 
fondern für das Recht der Hülfsgenojjen oder „Anßar,“ wie die 
Mufelmäinner Medinas hiegen. Er war Eranf und lieg daher fol- 
gende leife gefprochenen Worte von feinem Sohne dem Volke laut 
verkünden: „Gemeinde der Hülfsgenoffen! Shr habt einen Vorzug 
im Glauben, den euch Fein andrer arabifher Stamm ftreitig machen 
kann. Mohammed, über den Heil, lebte über zehn Sahre unter 
feinem Bolfe und forderte es zum Dienfte des Barmherzigen und 
zur Verabfcheuung der Götzen auf, aber nur wenige von den Sei— 
nigen glaubten am ihn, fo daß fie weder ihm zu beſchützen, noch fei- 
nen Glauben zu verherrlichen vermochten, ja fie Fonnten nicht ein— 
mal von ſich jelbft die Gewalt abwenden, unter der fie fchmachteten. 
Als Gott aber euch durch feine Huld auszeichnen wollte, verlieh er 
euch den Glauben an ihn und feinen Gefandten und die Macht, ihn 
und feine Gefährten zu vertheidigen, ihn und feinen Glauben zu 
verherrlichen und feine Feinde zu befriegen. Ihr habt den fchmwerften 
Kampf gegen feine Feinde geführt und fie mit mehr Bitterfeit als 
eure eignen Feinde verfolgt, bis fich die Araber unter der Herrichaft 
Gottes beugten u. f. m.“ Tabari ed. Kofegarten. ‚p. 32. 


2) Dem in Conftantinopel gedrudten türfiihen Tabari, Th. IV. 
©. 74 zufolge, ſchlug Abu Befr Omar und Ali vor, als aber einige 
Medinenjer lestern wählen wollten, ſagte Omar: dies würde zum 
Bürgerfriege führen und huldigte dem Abu Ber. 


1* 


A Erftes Hauptſtück. 


Beide erklärten ihn für der Herrfchaft würdiger und brachten 
ihm fogleich ihre Huldigung dar Y. Abu Bekr's und feiner 
Freunde Beredfamfeit würde indeffen nicht fo leicht den Sieg 
davon getragen haben, wenn Alt an dieſen Berhandlungen 
Theil genommen hätte, oder wenn die Medinenfer unter fich 
felbft einig gewefen wären. Was zuerft diefe angeht, fo hat— 
ten fhon, ehe Abu Befr auftrat, einige berfelben gefagt: 
„wenn die Rureijchiten mit unfrer Wahl nicht zufrieden find, 
fo mögen aud fie einen Emir wählen,” worauf ſogleich Saad 
Ibn Fbade antwortete: „Das ift der Anfang der Schwäche 2).” 
Später fagte dann ein Aujite, bei dem der alte Haß und 
Neid gegen die Chazradjiten, zu denen Saad Jon Ibade ge- 
hörte, wieder erwachte 3), oder vielleicht aufgefhürt ward, 
zu feinen Stammgenoffen: „Bei Gott! gelangen einmal die 
Chazrabjiten zur Herrſchaft, fo ftehen fie für alle Zufunft 
über euch und werden fie nie mehr mit euch theilen, darum 
huldiget Tieber Abu Befr 2)!" Was aber den Yängern Wi- 
derftand der Anhänger Saads vollfommen unmöglich machte, 


1) ©. Abu Befr’s Nede im Leben Mohammeds, ©. 335. 


2) Tabarı p. 34. Omar war befanntlich der eifrigfte Verfechter 
der Anfprühe Abu Bekr's und behauptete jogar, die ganze Nede 
Abu Bekr's auf der Zunge gehabt zu haben. Offenbar war es ihm 
alfo, wenn er wenige Stunden vorher behauptete: Mohammed fei 
unfterblich, nur darum zu thun, deſſen Tod jo lange zu verheimlichen, 
bis er die nothwendigen Vorfehrungen getroffen, um die Nachfolge 
feinem Freunde Abu Beer zu fihern. ©. Leben Mohammeds ©. 333 
u. 337. Bei Sujuti (S. 74) beißt es in einer bis auf Mohammed, 
dem Sohne Abu Befr’s, zurückgehenden Tradition: „Abu Bekr fagte 
zu Omar: ftredfe deine Hand aus, daß wir dir huldigen! Dmar ei: 
wiederte: du bit beſſer als ih. Darauf verfegte Abu Bekr: du bift 
ftärfer als ih. Nun, fagte Omar, fo wird ſich meine Stärfe mit 
deinen andern Vorzügen vereinen, und fo huldigte er ihm.“ 

3) Die Stimme Aus und Chazradj bildeten den Kern der Be: 
völferung von Medina und hatten vor Mohammeds Flucht aus 
Mekka manche blutige Händel unter einander, 


4) 9.0.9.6, 88. 


Abu Ber. 5 


war das Herbeiftrömen der mit den Kureiſchiten verwandten 
und verbündeten Aslamiten, welche alle Zugänge verfperrten 
und fogleih Abu Befr zum Chalifen ausriefen ). Saab 
jelbit fol indeffen, nad den zuverläfligften Berichten, die 
Huldigung hartnädig verweigert und Abu Bekr es für Flüger 
gefunden haben, ihn unangefochten zu laſſen, als durch deſſen 
Hinrichtung, auf die Omar drang, fih in einen blutigen 
Kampf mit deffen ganzer Familie und fämmtlichen Stamm: 
genoffen einzulaffen 2). 

Was Alt anbetrifft, der, wenn die Vermwandtfchaft mit 
Mohammed bei der Chalifenwahl entſcheiden follte, als deffen 
Schwiegerfohn und Better, nähere Anfprühe als Abu Bekr 
hatte, jo war er während der Berathungen mit den Vorbe— 
reitungen zu Mohammeds Beftattung und nad) einigen Be— 
richten auch mit Sammlung der Koransfragmente befchäftigt, 
und die Stimmen der Medinenfer, die fi zu feinen Gunften 
vernehmen. liegen, fanden ſchon darum wenig Anklang, weil 
er an den Kriegen Mohammeds gegen die Ungläubigen zu 
thätigen Antheil genommen, als daß er bei manden rach— 
fügtigen Stämmen, unter denen er Blut vergoffen, möglich 


D 4 a. O. ©. 38: Hiſcham berichtet nah Abu Muhnif, der 
ed von Abu Bekr Sbn Mohammed dem Chozaiten gehört: Die As: 
famiten ftrömten in folber Muffe herbei, daß ihnen die Zugänge zu 
eng wurden und huldigten dem Abu Bekr. Auch jagte Omar: fo: 
bald ich die Aslamiten fah, war ich des Sieges gemiß. 


2) A. a. O. ©. 40, mo noch hinzugefest wird: Saad betete 
dann nicht mehr mit der Gemeinde, nahm an ihren Berfammlungen 
feinen Antheil mehr, pilgerte nicht mehr mit ihnen und fchloß fi 
ihren Zügen von Arafat nicht an, bis zum Tode Abu Bekr's.“ Weber 
den Zug der Pilger von Arafat nad) Mekka f. Leb. Mob. ©. 298. 
Daraus fieht man, daß die Bande der Vermwandtihaft und Stamm: 
genoffenjchaft unter den Arabern noch mächtiger waren als die des 
Selamd; „wirft du Saad mit dem Tode beftrafen,” faate deffen Bet: 
ter zu Abu Befr, „jo mußt du auch feine ganze Familie und einen 
großen Theil feiner Stammgenoffen ausrotten.“ 


6 Erſtes Hauptſtück. 


geweſen wäre 1). Als er das Reſultat der Wahl vernahm, 
war er, oder fühlte er ſich zu ſchwach, mit dem Schwerdte 
in der Hand ſein Recht zu behaupten, obgleich Abu Sofian 
und einige andere Verwandte (Haſchimiten) ihm ihren Bei— 
ftand zuſagten ?) und Abu Bekr ihn ſogar der ihm als Erbe 
zufommenden Güter beraubte 3). Doch ließ er fi von Omar, 
der ihm brobte, er würde fein Haus über ihm anzünden, nicht 
einſchüchtern und protejtirte ſtillſchweigend big zu feiner Gattin 
Fatima Tod. Erft als diefe nad ſechs Monaten ftarb, er— 
fannte er fürmlih Abu Bekr als Chalifen an. Abu Softan 
aber, der ihn zum Widerfiande gereizt und felbft die Hulbi- 
gung verfagt hatte, ward einer ber eifrigften Anhänger Abu 
Befr’s, fobald fein Sohn Jezid, der ältere Bruder Muawias, 


1) Schahreftant ed. Cureton, T. I. S. 116, 


2) Zubeir ging Omar mit gejogenem Schwerdte entgegen, als 
Alt aufgefordert ward, Abu Befr zu hufdigen, aber er ftolperte, das 
Schwerdt entfiel ihm und Omar zerbrah es. A. a. O. S. 8 


3) A. a. O. ©. 14. Der Güter von Fadaf und Cheibar näm— 
fh, welhe Mohammeds Privateigenthbum waren. ©. Leben Mo: 
hammeds ©. 186. Als Fatima, Ali's Gattin, darauf Anfpruch 
machte, verweigerte fie ihr Abu Bekr unter dem Vorwande: Mo: 
hammed habe einft gejagt: „was wir hinterlaffen, werde als Almo- 
fen vertheilt.“ Tabari ©. 14 u. 16. u. Sujuti ©. 78. Bei legterem 
heißt es ausdrüdlih: man jtritt über Mohammeds GErbtheil und 
Niemand wußte Befheid Darüber zu geben, bis Abu Bekr 
fagte, er habe von Mohammed gehört, die Hinterlaffenfchaft der 
Propheten gehöre den Armen. An derfelben Stelle heißt es auch: 
man ftritt über den Drt, wo Mohammed begraben werden follte, 
und Niemand wußte etwas darüber, bis Abu Bekr jagte, er habe 
von Mohammed gehört: jeder Prophet ſollte unter feinem Kranken: 
bette begraben werden.” Thun wir Abu Bekr Unrecht, wenn wir 
glauben, daß der eine Ausſpruch Ali's Einfluß ſchwächen und der 
andere das Anfehen feiner Tochter Aifcha, in deren Wohnung Mo— 
hammed geftorben, und der Reſidenz Medina erheben follte, da 
mande den Leichnam des Propheten nah Mekka bringen wollten? 
— Bon ihm rührt aud) Mohammeds Ausfage her: „die Herrichaft 
gebührt dem Stamme Kureiich.“ Sujuti ©. 9. 


Abu Ber 7 


an die Spise einer Truppenabtheilung als Feldherr geftellt 
ward, 

Abu Bekr's erfter Negierungsact war, den in Djurf, in 
der Nähe von Medina, gelagerten Truppen, welche noch bei 
Mohammeds Leben zu einem Sireifzuge nad) der Örenze von 
Paläftina verfammelt worden waren, den Befehl zum Auf 
bruch zu ertheilen ). Zwar ftellten fie ihm vor, ev follte bet 
dem vorauszufebenden Abfall vieler arabifger Stämme, welche 
nur vor Mohammeds Namen gezittert, feine im Glauben er: 
probten Soldaten in feiner Nähe behalten; ev erwieberte aber 
darauf: „Bei Gott, in deſſen Hand Abu Bekr's Seele ift, 
glaubte ich auch, dag mic) wilde Thiere zerreißen würden, fo 
fönnte mich dies nicht abhalten, den vom Geſandten Gottes 
angeoroneten Zug auszuführen, felbft wenn ich allein hier zu— 
rücbleiben müßte.” Diefer Entſchluß, aus weldem gewöhn— 
lich Abu Bekr's unbegrenzte Pietät gegen feinen Vorgänger 
gefolgert wird, mochte indeffen auch einen politifchen Grund 
haben, und aus den bei der Chalifenwahl vorgefallenen Strei- 
tigfeiten zwijchen den Ausgewanderten und den Hülfsgenoſſen 
hervorgegangen fein. Diefe Truppen beftanden nämlich größ- 
tentheils aus Bewohnern Medinas und der in der Nähe die— 
fer Stadt haufenden, mit ihnen befreundeten Beduinenftämme ?), 


1) Abulfeda ©. 208 u. Tabari ©, 42 und folgende, nicht wie 
bei Flügel (Gefhichte der Araber 2. Th.) ©. 20: „Oſama, des Zeid 
Sohn, der furz vor dem Tode des Propheten mit 700 Mann einen 
Einfall in Paläſtina gethan, hatte die Oſtrömer gejchlagen und 
kehrte unter Abu Ber zurück.” Nur den Befehl zu diefem Streif- 
zuge hatte er von Mohammed erhalten, die Ausführung ward aber 
wegen des Lestern Krankheit verjchoben. 

2) So bei Tabarı ©. 46: Es erzählt ung Abd Allah u. f. w. 
(Folgen die verihiedenen Gewährsmänner.) Der Gefandte Gottes 
hatte vor feinem Tode den Bewohnern Medinas und ihrer Um— 
gebung einen Streifzug vorgefhrieben u. j. w. Eben jo einige Zei: 
fen vorher, auf derjelben Seite: Diejenigen Araber von den Stüm: 
men aus der Umgebung von Medina, welhe von dem Zuge nad) 


8 Erftes Hauptftüd. 


deren Entfernung Abu Befr, bis zur Befeftigung feiner Macht 
durch andere zuverläfligere Stämme, erwünfcht fein mußte, 
Bon welchem Geiſte diefe Krieger befeelt waren, geht ſchon 
daraus hervor, daß fie dem zur Partei der Ausgewanderten 
gehörenden Ufama, Sohn des tapfern, bei Muta gefallenen 
Zeid, welden Mohammed felbft mit dem Oberbefehle beffet- 
det hatte D), nicht gehorchen wollten ?). Auch fieht man deut— 
lich, daß es Abu Befr mit der pünftlichen Befolgung der Be- 
fehle des Propheten nicht fo genau nahm, indem er Dmar, 
welcher nad) Mohammeds Verfügung auch an dieſem Zuge 
Theil nehmen follte, in Medina zurüdhielt, weil er feine 
Heftigfeit bei einer aus feindlichen Elementen zufammenge- 
festen Truppenabtheilung fürdten, und einen fo ergebenen 
und energifhen Mann unter fo fchwierigen Umftänden gerne 
in feiner Nähe haben mochte ). Um indeffen in feinen Wi- 


Hudeibije zurücgeblieben waren, zogen aus und mit ihnen Bewohner 
Medinas zu dem Heere Ujamas u. f. w. Uebrigens wird bei Sujuti 
(S. 39) die Zahl der Truppen, welche mit Ujama audjogen, nur auf 
700 Mann angegeben und hinzugefest, daß Ddiefer Zug eine gute 
Wirkung hervorbrachte, weil mande Stämme, welche Luft hatten, 
abtrünnig zu werden, dadten: „Wären die Mufelmänner nicht ftarf, 
fo würden fie dieje Leute nicht gegen die Griechen fenden, wir wollen 
lieber warten, bis fie mit diejen handgemein geworden.“ 
D ©. Leben Mohammeds ©. 325. 


2) Gelbft der fonft fo ftarfe Omar fuchte den Chalifen zu be- 
mwegen, an Uſama's Stelle einen andern Feldherrn zu ernennen. 

8) Das in der That, felbft beim Leben Abu Bekr's, Omar 
fhon eigentlich herrichte, geht aus folgender Gtelle bei Tabari 
©. 138 hervor: Zibrifan und Afra Famen zu Abu Befr und fag- 
ten: gib uns den Ertrag von der Provinz Bahrein, fo verbürgen 
wir und, daß Feiner von den Unſrigen abtrünnig wird. Abu Bekr 
willigte ein und ließ, unter Vermittlung Talha's Ibn Ubeid Allah, 
den Vertrag aufiegen. Man rief nun Zeugen herbei, unter Andern 
auh Dmar. Als diefer aber den Vertrag fah, weigerte er fich, ihn 
ald Zeuge zu unterfchreiben und fagte: Mein, bei Gott, fie jollen 
Fein Weberbleibfel einer Speife haben (ich leſe kudamat für karamat), 


* 


Abu Bekr. 9 


derfpruch mit feinen eigenen Worten zu gerathen und um 
den Truppen ein Beifpiel des Gehorfams gegen den von 
Mohammed ernannten Feldberrn zu geben, hielt er felbft in 
ihrem Angefichte bei Ufama um Urlaub für Omar an, den 
der ſchwache Jüngling natürlih dem alten Chalifen nicht 
verfagte ). Ein anderes Beijpiel der Verehrung für den— 
felben gab der fchlaue Abu Bekr dadurch, daß er ihn bei 
feinem Aufbruche eine Strede weit zu Fuß begleitete und 
nicht duldete, daß aud er von feinem Kameele abftieg. Che 
er umfehrte, ließ er Halt machen und fprach: „Ihr Leute, 
ich empfehle euch zehn Dinge an, die ihr genau beobachten 
möget: Laffet euch feinerlei Treulofigfeit oder Verrath zu 
Schulden fommen, verftümmelt Niemanden ?), tübtet weder 


er verwijchte dann den Vertrag und zerriß ihn. Talha gerieth im 
Zorn, lief zu Abu Beer und fagte ihm: bift du der Emir oder 
Dmar? Gr antwortete: Dmar, doch ift man mir Gehorfam ſchul— 
dig. Talha ſchwieg. Sie fochten dann mit Chalid alle Schlachten, 
bis zu der von Samama, und Afra ging mit Schurahbil nad) Dau— 
mat. Kojegarteng Verſehen in diefer Stelle hat fbon de Sacy im 
journal des savans 1832, ©. 619 bemerft. 


1) Tabari ©. 48. Abulfeda ©. 208. Ganz faljch bei Flügel 
a. a. O. ©. 19: „Sp juchte jener (Omar) den Ufama, des Zeid 
Sohn, um feine Feldherrnftelle zu bringen, da er zu jung fei und 
Abu Ber ſah fi veranlaßt, Legtern zu bewegen, dag er freimillig 
dem Dmar feinen Poſten überließ.“ Es heißt wörtlich bei Abulfeda, 
den Reiske hier ungenau überfegt: Ald Abu Beer zurückkehren 
mwollte, fagte er zu Ujama: wenn du es gut findeft, mich durh Omar 
zu unterftügen, fo tbue ed! Da erlaubte Ufama dem Omar zu bfei- 
ben. Dafür hat Reisfe: »Tandem in urbem regressurus Abu-Bekr, 
compellans blandis verbis Osamam, si quid, ait, gratifieare mihi te 
posse putas in Omaro voti sui damnando, fac quaeso. Quo audito 
statim Osama militiae veniam Omaro dabat.« 


2) Tabari ©. 48. Bon Kofegarten in feiner leberfegung aber 
bis hierher ausgelaffen. Ueber das Verftümmeln (im Terte tumath- 
thilu, an deifen Richtigfeit de Sacy im journal des savans a. a. 
D. ohne Grund gezweifelt) f. Leben Mohammeds ©. 129 An- 
merf. 179, 


10 Erſtes Hauptftüd. 


Kinder noch Frauen, noch reife, zerftöret feine Dattelbäaume 
oder fonftige fruchttragende Bäume, ſchlachtet Feinerlei Vieh, 
außer wenn ihr es zur Nahrung brauchet! Wenn ihr zu 
Männern fommet, welche zurüdgezogen in Zellen leben, fo 
verfchonet fie! Bringt euh Jemand Speifen entgegen, fo 
genieget fie nad und nad ), unter Erwähnung des Namen 
Gottes. Begegnet ihr Männern, welche ihren Scheitel ab- 
geichoren haben und die übrigen Haupthaare in langen Flech— 
ten tragen, fo berühret fie nur mit der Breite des Schwertes 
und fo ziehet nun in Gottes Namen! Gott beihüse euch 
unter Krieg und Peſt 1” - 

Diefe Expedition Ufama’s, welche nichts anderes be- 
zwecken follte, als einige entlegene arabifhe Stämme, bie an 
dem Treffen bet Muta Theil genommen, zu züchtigen, war um 
jo auffallender, da dieſe Truppen viel beffer zur Unterdrüdung 
der Unruhen, welche in Arabien felbft, theils ſchon ausgebro- 
chen, theils leicht vorauszufehen waren, hätten verwendet wer- 
den können. Selbft von Aswad's Tod und der Niederlage 
feiner Anhänger, welche gleichzeitig mit Mohammeds Tod 
ftatt fand, konnte damals Abu Bekr noch feine Nachricht er- 
halten haben 3); nichts hätte ihm dringender fcheinen follen, 


1) Wahrfcheinlih wollte er mit diefen Worten (scheian baada 
scheiin) fie gegen Vergiftung vorfihtig machen. 

2) Eine andere in Djurf gehaltene Rede Abu Bekr's, welche 
auch Tabari ©. 42 anführt, verdient feine bejondere Ermähnung, 
indem fie nur allgemeine Ermahnungen enthält, wie man fie häufig 
im Koran findet; nur folgende Worte, weiche gewiſſermaßen alles 
Tadelnswerthe an ihm entfchuldigen follen, dürfen nicht übergangen 
werden. Nachdem er nämlich erklärt hatte, wie er fich bemühen 
würde, in Mohammeds FZußtapfen zu wandeln, dem Niemand Die 
geringste Ungerechtigkeit vorzumerfen hatte, fährt er fort: „Sch bin 
aber zumeilen von einem Dämon befeffen, der fih meiner bemeiitert; 
dann bleibet fern von mir, damit ich an euren Haaren und eurem 
Fleifhe feine Merkmale davon zurüclaffe.‘ 

3) Ber Tabari ©. 74: Abu Beer fandte das Heer des Uſama 
Ton Zeid End Rabia Amwal ab und die Nachricht von dem Tode 


Abu Bekr. 11 


als diefen Rebellen und falfchen Propheten zu befriegen, wel: 
cher fhon ganz Jemen bis Taif und Bchrein unterworfen ) 
und die mufelmänniichen Statthalter in die Flucht getrieben 
batte. 

Der unerwartet fchnelle und glüdlihe Ausgang diefer 
Empörung fonnte um fo weniger vorausgefehen werden, ale 
er nur durch Berratb bewerfitelligt ward. Aswad hatte näm— 
lich die Wittwe des von ihm erfchlagenen Schehr Ibn Bad— 
ſam, Statthalter von Sanaa, gebeirathet und nad) mehreren 
gewonnenen Schlachten die Feldherren, denen er feine Siege 
verdanfte, mit Geringfhäsung behandelt, fo daß fie ſich gegen 
ihn verfchworen und im Einverftändniffe mit feiner noch um 
Schehr trauernden Gattin, ihn meuchelmörderiſch umbrachten 
und gemeine Sache mit den Mufelmännern machten ?), 


des Anafiten (Aswad's) Fam ihm End Rabia Achir zu, nah dem 
Auszuge Uſama's, und dies war die erfte Siegesbotfchaft, melde 
Abu Befr erhielt, während er noch in Medina war. Demungeachtet 
berichtet Tabarı ©. 68: Die Nachricht von dem Tode des Anafiten 
kam dem Propheten vom Himmel zu in der Nacht, in welder er 
getödtet ward, damit er fie und mittheile. Er (Mohammed) fagte: 
„Der Anafite ift geftern getödtet worden von einem gefegneten 
Manne aus einem gejegneten Haufe." Man fragte: wer hat ihn 
getödtet? Er antwortete: Feirus. 
1) Tabari ©. 56 u. ff. 


2) Asmwad gleiht, nah der muſelmänniſchen Tradition, voll: 
fommen dem Samfon der Bibel; er fannte die PVerräther und 
mußte auch, daß Einer derfelben mit feiner Gattin, deren Better er 
war, geheime Zujammenfünfte hielt, und doch brachte er die Nacht 
mit ihr in einem Haufe zu, das nad) einer Seite ganz frei und un: 
bewaht war, jo daß feine Feinde die Mauer durchbohren und ihn 
erjchlagen fonnten. Schon einige Tage vorher läßt ſich Aswad von 
dem aus ihm fprehenden Geifte oder Satan jagen: „Du haft dich 
zu Keis hingeneigt und ihn geehrt, bis er aufs Enafte mit dir ver- 
kunden war und an Macht und Anjehen dir gleih Fam, da neigt 
er fi zu deinem Feinde hin und gelüftet nad) deiner Herrichaft und 
finnt auf Verrath. (Zabari ©. 58.) Zu Feirus, dem andern Ber: 
räther, ſagt er auch, (©. 62) nachdem er hundert Kameele und Kühe 


12 Erftes Hauptftüd. 


War aber auch Abu Bekr ohne fein Wiffen von dieſem 
gefährlichen Feinde befreit worden, jo hatte er in der nächſten 
Umgebung Medinas Aufruhr und Widerfpenftigfeit zu befäm- 
pfen, ja feine eigene Reſidenz war einem nächtlichen Leber: 
falle bloßgeftellt. In allen Provinzen Arabiens fträubte man 
fi) gegen eine Herrfhaft, die bloß auf der Wahl weniger 
Freunde und Stammgenoffen beruhte. Nur in feiner Eigen- 
fchaft als Prophet fonnte Mohammed über die an Freiheit 
gewöhnten Beduinenftämme einige Macht ausüben. Mit feis 
nem Tode löften ſich alle Bande der Abhängigkeit. Hier er- 
hoben fih Pieudopropheten, welde im Namen Gottes die 
Dbergewalt in Anfpruch nahmen, dort wollte man nur einem 
Häuptling aus dem eigenen Gefchlechte gehorchen, und allent- 
halben war man froh, auf irgend eine Weife die nicht un- 
bedeutende fogenannte Armenfteuer los zu werden I), melde 
zivar zu nüglichen und wohlthätigen Zweden verwendet wer: 
den follte, doch nicht immer zum Bortheile der Stämme, von 
denen fie entrichtet worden 2). 

Abs und Dfubian, denen fid) noch einige andere an— 
dere anfchlojfen, waren die erfien Stämme, welde bald nad 
Ufama’s Abzug Abu Befr erflärten, fie würden ihm nur un- 


—_— 





nad einander gejchlachtet: „Feirus! ift das, was mir von dir be- 
richtet worden, wahr? Indem er dann das Schwert gegen ihn er: 
hob, fuhr er fort: ich habe beſchloſſen, dich zu Schlachten und diefen 
Thieren nachzuſenden.“ Aswad führte den Beinamen „Diul Chi: 
mar“, weil er einen Schleier trug. Nah andern hieß er Dfu’l Hi: 
mar, weil er einen Gjel hatte, welcher abgerichtet war, fi vor ihm 
zu verbeugen. So im türf. Kamuß, im Arabijchen fcheint nach Koſe— 
garten (S. 259) nur legtere Bedeutung vorzufommen, 

1) Bei Tabarı ©, 11V fagt Kurra, Häuptling der Benu Amir, 
zu Amru: Die Araber find euch wegen der euch zu entrichtenden 
Steuern nidyt gut; höret ihr auf, von ihnen einen Theil ihrer Güter 
zu fordern, jo werden fie euch Gehorfam leiften, wo nicht, jo glaube 
ih nicht, daß wir gemeine Sache mit euch) machen werden. 


2) ©. Leben Mohammeds ©, 25%— 253. 


Abu Ber. 13 


ter der Bedingung buldigen, daß er ihnen die Armenfteuer 
erlaffe. Omar !) rietb zu einem gütlichen Vergleich. Abu 
Befr antwortete aber den Abgeordneten, welche ihm biefen 
Antrag machten: Verſagt ihr mir ein einziges jähriges Schaaf 
oder Kameel 2), welches dem Propheten bewilligt worden, fo 
erkläre ich euch den Krieg. 

Sobald indeffen die Abgeordneten mit dieſer Antwort 
entlaffen waren, lieg Abu Bekr die drei Zugänge der Stadt 
durh Alt, Talha und Zubeir bewachen, verfammelte die Mu- 
felmänner in der Mofchee und fagte ihnen: „Das Land ift 
abtrünnig und die Abgeordneten der Rebellen haben eure 
Schwäche wahrgenommen. Ihr Fünnt nicht wilfen, ob fie 
euch bei Tag oder bei Nacht überfallen, und ob ihre Bor: 
posten nicht fchon die nächte Station erreicht haben, Sie 
glaubten, wir würden ihre Anträge genehmigen und Frieden 
mit ihnen fchliegen, wir haben fie aber mit Entrüftung ver- 


D Bei Sujuti ©. 77 erzählt Omar feldft: Nah dem Tode 
des Gefandten Gotted wurden die Araber abtrünnig und fagten: 
beten wollen wir, aber feine Armenfteuer entrichten. Da ging ich 
zu Abu Ber und fagte ihm; D Chalife des Gejandten Gottes! fei 
mild gegen dieje Leute und fuche fie durh Güte zu gewinnen, denn 
fie fteben auf der Stufe wilder Thiere. Abu Beer ermwiederte: Sch 
erwartete deinen Beiftand und nun ertheilft du mir falfchen Rath, 
du Held im Heidenthume und Scwähling im Sslam! womit fol 
ich fie zu geminnen ſuchen? etwa mit erlogenen Verſen oder erdich- 
tetem Zauber? fern von mir! fern von mir! der Prophet ift todt 
und die Offenbarung hat aufgehört. Bei Gott, ich befriege fie fo 
fange meine Hand ein Schwert zu halten vermag, wenn fie mir nur 
ein jähriged Kameel verfagen. Bet diefer Gelegenheit (jo erzählt 
Dmar) fand ih ihn fefter und entfchiedener, als ich felbft war.“ 

2) Tabari ©. 82. Dies ift die Bedeutung von »Ikal« nad 
dem Kamuß, wo diefe Tradition angeführt wird, nicht wie bei Kofe: 
garten, welcher Abu Beer fagen läßt: vetsi illi non denegarent nisi 
unius cameli vinculum, tamen propterea bellum iis inferrem.« Das 
Folgende bei Tabart ıft nicht recht Elar, Ber Dfahabi Fol. 110 lieſt 
man »Ikalan au Anakana, fegteres bedeutet eine zweijährige Armen: 
fteuer, f. auch den Kamuß unter Anak (ain, nun, kaf). 


14 Erftes Hauptſtück. 


worfen ) und ihnen den Krieg erklärt, darum rüſtet euch 
und haltet euch fchlagfertig !” 

Dieſe Vorfichtsinagregein waren nicht überflüfftg, denn 
in einer der folgenden Nächte verfuchten es in der That die 
Rebellen, Medina zu überrumpeln, mußten aber, als fie die 
Engpäffe in der Nähe der Stadt befeßt fanden, ihr Vorha— 
ben aufgeben und wurden fogar, als fämmtlihe Bewohner 
Medinas einen Ausfall machten, in die Flucht getrieben ?). 
Am folgenden Morgen überfiel Abu Bekr plötzlich die in 
Dſu'l Kiffa, eine Tagereife von Medina, gegen die Provinz 
Nedjd bin, verfammelten aufrührerifchen Stämme und nö— 
thigte fie, fih mit Verluſt zurückzuziehen. Hier befchworen 
die getreuen Mufelmänner Abu Befr, er möchte fich doch fei- 
ner weitern Gefahr mehr ausfegen, fondern nah Medina 
zurüdfehren und den Dberbefehl einem Andern übergeben. 
Er gab ihnen aber fein Gehör und nahm auch noch an dem 
Treffen bei Abraf Theil, in welchem die Abfiten und Befriten 
gefchlagen wurden. Inzwiſchen kehrte Uſama von feinem 
Streifzuge nad der fyrifchen Grenze zurüf und jetzt erft 
fonnte Abu Bekr daran denfen, auch die entlegenen abtrünni- 
gen Provinzen zu unterwerfen. Er verfammelte in Dfu’l 
Kiffa alle marfchfertigen Truppen, ernannte elf Anführer unb 
wies jedem derfelben den zu befriegenden Feind an. Jeder 
Feldherr follte die geringe Mannfchaft, die mit ihn von Me- 
dina auszog ©), durch die treu gebliebenen Mufelmänner der 

1) Sc lefe »abeina« ftatt »ateina«, welches Kofegarten ©. 85 
überſetzt: »sed contra eos insurreximus«, denn »ata« mit der Präpof. 
»alac hat nah dem Kamuß die Bedeutung „beftegen, zu Grund 
richten, was doch damals noch nicht gefchehen war, 

2) Die Mufelmänner fegten ihnen bis Dfu Hifa nad. Hier 
wurden ihre Kameele von einer Abtheilung Rebellen, welche an die: 
fem Orte aufgeftellt war, zurüdgetrieben und zwar nach Tabari 
S. 84 dadurd, dag man ihnen aufgeblafene Schläuche vorhielt, de- 
ren Anblick dieſes Thier nicht ertragen kann. 

3) Die elf Feldherren hatten zufammen nach Tabarı ©. 82 
nur 8000 Mann. 


Abu Ber 15 


zu durchziehenden Provinzen verftärfen, und vor Eröffnung 
der Feindfeligfeiten die Abtrünnigen durch folgendes Nund- 
fchreiben zur Unterwerfung auffordern: 

Bon Abu Befr, dem Nachfolger des Gefandten Gottes, 
(der Herr fei ihm gnädig und beſchütze ihn!) am Jeden, zu 
dem dieſes Schreiben gelangt, fowohl an die Befehlshaber 
wie an die Untergebenen, an die im Glauben Berharrenden, 
wie an die Abtrünnigen, 

Gruß denjenigen, welche der göttlichen Leitung folgen 
und nicht von Neuem in Irrthum und Trug verfinfen. Ich 
preife Gott für euch, außer dem es feinen gibt. Ich befenne, 
dag er einzig it, obne Genoffen und dag Mohammed fein 
Knecht und fein Gefandter war. Wir beftätigen dag, was er 
ung gebracht, und erflären für gottlog und befriegen diejent- 
gen, die ed verwerfen. Allah, der Erhabene, hat nämlich 
Mohammed, als ein ftrahlendes Licht, mit göttlicher Wahrheit 
zu feinen Gefhöpfen gefandt, um fie zu ihm zu rufen durch 
Verheißungen und Drohungen. Er follte allen Lebenden pre= 
Digen und den Ungläubigen die Wahrheit verfünden ). Gott 


1) Wenn Abu Beer es nothwendig findet, fih fo ausführlich 
über Mohammeds Tod auszufprehen und mehrere Koranverfe an: 
zuführen, um zu beweifen, daß er vorhergefagt war, fo laßt fid 
wohl daraus fchliegen, dag nicht blog Omar in der erften Beftürzung 
daran nicht glauben wollte, fondern dag man Mohammed allent- 
halben für unfterblih hielt. Bon Werfen, welche ihn für fterblich 
erklären, wußte Niemand etwas, bis fie Abu Beer befannt madte 
oder erdichtete. j. Leben Mohammeds ©. 351. Mohammeds lekte 
Rede wäre demnad) natürlich auch unächt, oder er hielt fie nur vor we: 
nigen Freunden, kurz vor feinem Tode. Dies erklärt am beiten, 
warum er nichts über die Nachfolge beftimmt. Noch einen Beweis, 
daß beim Leben Mohammeds er in Arabien für unfterblih galt 
jiefert Tabari ©. 182, wo es heißt: „Nach dem Tode des Propheten, 
jagte der Stamm Abd Alkeis: wäre Mohammed ein Prophet ge— 
wejen, jo würde er nicht geftorben fein und ward daher wieder abtrün— 
nig.“ Mehrfah unrichtig ift Folgendes bei Flügel ©. 16: „Den Omar 
aber, der jedem den Kopf zu fpalten drohte, der wagen würde, fei- 


16 Erfies Hauptſtück. 


bat diejenigen geleitet, die ihm Gehör gefchenft und Moham- 
med bat diejenigen, die ihm den Rüden gefehrt, befämpft, 
bis fie freiwillig oder gezwungen fih zum Islam befehrt. 
Nachdem er aber Gottes Befehl vollzogen, fein Volk auf den 
rechten Weg geführt und feinen Beruf erfüllt hatte, nahm 
ihn Gott zu fih. Dies (Mohammeds Tod) hatte Gott ihm 
und den Mufelmännern in der geoffenbarten Schrift voraug- 
gefagt, denn es heißt: „Du wirft fterben und auch fie wer- 
den fterben.” Ferner: „Wir haben Niemanden vor dir Unfterb- 
lichkeit verliehen, wenn du fterblich bift, werden fie wohl ewig 
leben 2” Ferner, die Mufelmänner anredend: „Die Gefandten 
vor ihm find geftorben, werdet ihr daher zum Unglauben zu- 
rückkehren, wenn er ftirbt oder getödtet wird? Wer rüdgän- 
gig wird, der fügt Gott dadurch Fein Leid zu, aber Gott 
wird die Danfbaren belohnen.” Wer aljo blog Mohammed 
diente — Mohammed ift todt. Wer aber Gott diente, num, 
Gott lebt noch und ftirbt nie, fondern er wacht immerfort, 
bewahrt fein Wort und nimmt Rache an feinen Feinden. Ich 
fordere euch daher auf, Gott zu fürchten und das zu beob- 
achten, was euch euer Prophet geoffenbart, denn nur von 
Gott hängt euer ganzes Schickſal ab. Folget feiner Leitung, 


nen Glauben an den Tod Mohammeds auszuſprechen, brachte der 
verjühnende Abu Beer durch den Ausruf zum Schweigen: Möchtet 
ihr wieder zu dem zurüdfehren, was ihr früher waret, möchtet ihr 
wieder Heiden werden? Dmar, von diejen Worten ergriffen, ver: 
mochte nit zu antworten, und ftatt jedes Widerftandes, huldigte er 
dem Schwiegervater Mohammeds, worauf die herbeigeftürzte Menge 
daffelbe that (Mitte Suni 632). Wenn Omar wirklich an dem Tode 
Mohammeds zweifelte, fo brachte ihn nicht der angeführte Ausruf 
Abu Bekr's, fondern die vorhergehenden Worte deſſelben Korans— 
verfeg, in welchem Mohammeds Sterblichfeit ausgejprochen ift Cjiehe 
Abulfeda ©. 204), zum Schweigen, Auch fand die Huldigung nicht 
Mirte Zuni, fondern am Sten oder Iten dieſes Monats ftatt, und 
was Flügel nachher von der Spaltung zwifchen den Ausgewanderten 
und Hülfsgenoffen berichtet, ging der Huldigung Omars voraus, der, 
wie oben erwähnt, fih mit Abu Ber in ihre Mitte begab. 


Abu Belr. 17 


baltet feft an feinem Glauben. Wen Gott nicht Yeitet, der 
gebt irre, wer ihn nicht anbetet, ift getäufcht. ... 

Ich babe vernommen, daß Manche unter euch, welche 
fih zur Religion des Islams befannt hatten, wieder davon 
abgefallen find, fie haben in ihrer Blindheit die Sache Gottes 
verlafjen, um dem Nufe Satans zu folgen, welcher der Schrift 
zufolge der erbittertfie Feind der Menſchen ift.. .. 

Ich fende euch daher N, N. mit einer Abtheilung Aug: 
gewwanderter, Hülfsgenoffen und anderer jüngeren frommen 
‚ Männer mit dem Befehle, nichts Anderes anzunehmen, als 
den Glauben an Gott, und Niemanden aufzunehmen, ohne 
ihn vorber zum Glauben an Gott aufgefordert zu haben. 
Wer diefe Aufforderung ermwiedert und gerecht handelt, wird 
aufgenommen und befchügt, wer widerftrebt, wird befriegt, big 
er zur Sache Gottes zurüdfehrt. Kein Abtrünniger foll ver- 
fchont bleiben, fie follen den Feuertod fterben oder auf jede 
andere mögliche Weife getödtet werben, und ihre Kinder und 
Frauen als Sklaven den Mufelmännern anbeimfallen. ... 
Ich babe meinem Gefandten befohlen, diefes Nundfchreiben 
jeder Gemeinde vorzulefen, und den Ausruf zum Gebete alg 
Aufforderung zum Islam gelten zu laffen. Diejenigen Ge- 
meinden, die auch fogleih das Gebet ausrufen, jollen ver- 
ſchont bleiben, die es aber nicht thun, follen als Feinde be- 
bandelt werben, bis fie fih zum Glauben befennen. 

Diefe Prorlamation wurde durd) Gefandte dem Deere 
vorausgeſchickt. Die verfchiedenen Feloherren aber erhielten 
von Abu Bekr ein anderes Schreiben, welches alfo lautete: 

Dies ift der Befehl Abu Bekr’s, Stellvertreter des Ge— 
fandten Gottes, an N, N., als er ihn in ven Kampf gegen 
die Abtrünnigen fandte. 

Bor Allem foll er Gott fürchten, fowohl in feinen öffent- 
lichen als verborgenen Handlungen Gottes Sache mit Eifer 
dienen, feine Feinde unaufhaltſam befimpfen, bis fie in den 
Schooß des Islams zurüdfehren, dann aber foll er fie befannt 
machen mit dem, was fie anzufprechen und zu entrichten ha— 

2 


18 Erftes Hauptſtück. 


ben, fie follen empfangen, was ihnen gebührt, aber auch ohne 
Rückficht angehalten werden, ihren Obliegenheiten nachzukom— 
men. Er foll ferner die Mufelmänner nicht abhalten, ihre 
Feinde zu befriegen, doch foll er jeden aufnehmen und ihm 
Beiftand leiften, der dem Aufrufe zur Sade Gottes Gehör 
gibt und fid) als Gläubiger bewährt, denn wir befämpfen bie 
an Gott Ölaubenden nur, big fie auch das von ihm Ausge— 
gangene anerkennen, thun fie dies, fo dürfen fie nicht ange- 
feindet werden, Gott wird fie richten für das, was fie in 
ihrem Innern verbergen. Diejenigen aber, welche diefer Auf- 
forderung fein Gehör geben, follen bekämpft und getödtet wer- 
den, wo man fie findet. Er foll von ihnen nichts Anderes 
alg den Islam annehmen,. wer fid) Dazu befennt und fi als 
Gläubiger dur) die That bewährt, der foll von ihm aufge- 
nommen und unterrichtet werden, Wer aber den Islam nicht 
annimmt, den foll er mit Feuer und Schwert befriegen und 
wenn ihm Gott den Sieg über den Feind verleiht, fo foll er 
die Beute tHeilen, ung aber den fünften Theil derfelben zu— 
fenden. Seine Gefährten foll er von Verwegenheit und Ber- 
dorbenheit abhalten, und feinen Fremden unter feine Leute 
aufnehmen, den er nicht genau kennt .. . ). Er fei gerecht 
gegen die Muſelmänner und ſchone fie ſowohl auf dem Marfche, 
als im Lager und zerftreue fie nicht zu jehr. Er fei flets 
für das Wohl der Mufelmänner beforgt, er behandle fie als 
treue Gefährten und fei freundlich im Umgange mit ihnen! 
Chalid, der erfte der elf von Abu Bekr ernannten Häupt- 
linge, ward zuerft gegen Tuleiha gefandt, welcher noch beim 
Leben Mohammeds fih aud für einen Propheten ausgab 
und gleich ihm fi) in gereimter Profa ausdrüdte, die ale 
himmlische Offenbarung gelten follte. Er war aus dem 
Stamme Afad, der ihm feine Hufdigung darbrachte, was auch 


— — — ——— 


1) Die hier ausgelaſſenen Worte find im Texte nicht ganz klar 
und lauten bei Kofegarten: »Neque divites hi sint, neque ab üs ho- 
mines lacessantur, « 


Abu Befr 19 


der mit demfelben verbündete Stamm Fazara that. Später 
ſchloſſen fih ihnen auch die Flüchtlinge der von Abu Bekr 
gefchlagenen Stämme Abs und Dfubian an, Selbſt Ujeina 
Fon Hin, aus dem Stamme Ghatafan, welcher fo reichlich 
son Mohammed befchenft worden war T), ward abtrünnig, 
weil Ghatafan, Afad und Fazara früher Bundesgenoffen wa- 
ren und Ujeina daher fagte: „Bei Gott, es ift beffer, wir 
gehorchen einem Propheten aus den mit ung befreundeten 
Stämmen, als einem Kureifchiten. Uebrigens ift Mohammed 
todt und Tuleiha lebt noch 2).“ 

Chalid fonnte mit der geringen Mannfchaft, die er bet 
fih führte, Feinen Kampf wagen; erft als ihm Adif, der 
Sohn Hatims, eine bedeutende Berftärfung aus dem Stamme 
Tai zuführte, zog er dem Feinde entgegen und fehlug ihn bei 
Buzacha. Ujeina ward gefangen und nah Medina gefandt. 
Abu Bekr begnadigte ihn jedoch, obgleich er auf die Frage: 
warum er dem Islam wieder abtrünnig geworden, offen ge- 
ftand, daß er nie ein wirflicher Gläubiger gewefen 3). Tu— 
leiha flüchtete fih nad) Syrien, befehrte ſich jedoch fpäter 
aufs Neue zum Islam ?). 

Nach der Niederlage bei Buzacha fehrten auch die abge— 
falfenen Benu Amir zum Jslam zurüdf und erhielten ihre Be— 
gnadigung; nur diejenigen, welche während des Aufitandes 
irgend einen Mufelmann getödtet hatten, wurden auf Abu 
Bekr's Befehl auf die graufamfte Weife hingerichtet. Die 
Einen wurden von hohen Bergen herabgeftürzt, Andere ge- 
feffelt und mit Steinen zermalmt, wieder Andere, wie Fud— 
jaa, welcher von Abu Bekr feldft Waffen und Kameele er- 
halten und fie dann gegen Mufelmänner gebraucht hatte, 


1) ©. Leben Mohammeds ©. 239, 
2) Tab. ©. 106. 
3) Ibid. ©. 110. 


4) Ibid. &, 112. 
2 % 


20 Erftes Hauptſtück. 


wurden auf dem Begräbnißplase zu Medina verbrannt N). 
Noch einmal vereinigten ſich die Flüchtlinge der aufrührerijchen 
Stimme um Salma oder Umm Ziml, eine angefehene Frau 
aus dem Stamme Ohatafan 2); fie wurden aber aud) dieg- 
mal von Chalid geichlagen und Umm Zimt! felbft ward getöd- 
tet, nachdem hundert Mann gefallen waren, die das Kameel, 
auf dem fie faß, beſchützten. 

Gefährliher ale Umm Ziml hätte ein anderes Weib den 
Mufelmännern werden fünnen, wenn die übrigen Rebellen 
fi) mit ihr vereinigt hätten, und fie nicht durch Muſeilama 
um ihr Anfeben gefommen wäre. Dies war Sabjah, eine 
Chriftin aus dem mächtigen Stamme der Benu Tagplib, wel- 
her einen großen Theil von Mefopotamien inne hatte. Schon 
längft beherrfchte fie als Prophetin ihre Stammgenoſſen, de: 
nen fih bald auch Hudfeil, Scheiban und einige andere 
Stämme anfchloffen. Mohammeds Tod war ihr eine er- 
wünfchte Gelegenheit, um ihre Herrichaft weiter auszudehnen, 
Schon hatte fie Malif Ibn Numeira, das Oberhaupt ber 
Benu Malik und Waki' Fon Malik, den Anführer der Benu 
Jarbu' gewonnen und beſchloſſen, die Truppen Abu Befr’s 
anzugreifen. Die beiden genannten Stämme weigerten fi) 
aber bald, mit ihr in ein Bündniß zu treten und Fündigten 
ihren Häuptern den Gehorfam auf 3). Als daher, nad) einem 


1) Ibid. ©. 120. 

2) Sie war die Tochter Malik's Ibn Hudfeifa, eines der reich: 
ten und angefehenften Männer feines Stammes. Sn einem Streif- 
zuge gegen diefen Stamm ward fie noch bei Mohammeds Lebzeiten 
gefangen genommen und nad Medina gebracht. Aiſcha nahm fie 
auf und befehrte fie zum Islam. Nach einiger Zeit erlaubte ihr 
Aiſcha zu ihrer Familie zurückzufehren, um fie auch im neuen Glau— 
ben zu unterrihten. Ihr Vater ftarb aber bald nad ihrer Rückkehr 
und fie erbte feine Reihthümer und mit denjelben auch fein Anjehen 
unter den Benu Ghatafan. Sie ſchloß fih dann, nah Mohammedd 
Tod, auch den Abtrünnigen an, weil ihr Bruder von Mujelmännern 
erfhlagen worden war. 

8) Das für die Beurtheilung Chalid’s nicht unmwichtige Verhält— 


Abu Befr, 21 


Treffen, in welchem mehrere Anführer von Sadjah's Truppen 
gefangen wurden, Malif und Waki' wieder von ihr abftelen, 
verließ fie das Gebiet der Benu Tamım wieder und gab den 
Befehl zum Aufbruch nad) der Provinz Jamama, in welcher 
Mufeilama I) fi feitgefegt hatte. Sobald diefer von dem 


nis Sadjahs zu Malit Son Numeira wird im türfiihen Tabari 
S. 87 folgenderweije dargeftellt: Kurz nad Mohammeds Tod, als 
viele Araber die Armenfteuer verweigerten, hörten doch Malik und 
fein Sohn Walt, melde die Hiupter der Stämme Benu Malik und 
Benu Jarbu' waren, nicht auf, fie einzufordern und nad Medina 
zu jenden. Die zahlreihern Benu Dhobba aber, ein Zweig der 
Benu Tamim, welbhe auch abtrünnig geworden, feindeten fie deshalb 
an und tödteten mehrere der Benu Malik. Als Sadjah in ihr Sand 
fam und fie aufforderte, fih mit ihr zu verbünden, wiejen ſie fie 
zurüd, theild® aus Furcht sor Chalid, welcher niht mehr fern war, 
theils meil fie mit den Benu Hudjeil, aus denen ein Theil ihres 
Heeres beftand, in Fehde lebten. Sadjah wendete fih hierauf an 
Malik und diefer ſchloß ein Bündnig mit ihr, nur um eine Gele: 
genheit zu finden, fih an den Benu Dhobbah zu rächen. Lestere 
wurden in der That gefhlagen, als aber hierauf Sadjah gegen Ja— 
mama 503, ward fie von den Benu Amru überfallen, welde, mie 
die Benu Dhobba, ein Zweig der Benu Tamım waren. Nach die: 
fer Niederlage fagten die Benu Malik: wir haben unſern Zweck 
erreicht und jegen uns vergebens weitern Feinpdfeligfeiten aus, da: 
rum fehren wir lieber in unjre Heimath zurüd u, ſ. w. 

1) Bon Mufeilama willen wir auch wenig mehr, als von den 
vielen andern faljhen Propheten, welhe damals in Mohammeds 
Fußtapfen freten wollten. Er ſchlug jhon Mohammed eine Thei- 
fung der Herrfchaft über Arabien vor und mollte jest Sadjah den 
von den Kureifhiten verſchmähten Theil überlajfen. Auch er ver- 
fuchte allerlei Wunder zu üben, wie man fie von Mohammed er: 
zählte. Bon den fünf Gebeten, welche der Mufelmann täglich zu 
serrichten hat, erließ er zwer, nämlich das Früh- und das Nacht— 
gebet. Die Ehe fah er nur als ein Mittel, Söhne zu zeugen, an, 
fobald jemand einen Sohn hatte, follte er feiner Frau nicht mehr 
beimohnen. Auc hatte er ein gewiffes Gebiet, in der Provinz Ja— 
mama, als Heiligthum erklärt, wie ed das von Mekka für die Mu- 
jelmänner war. Er ertheilte Kindern jeinen Gegen und betete für 
Kranke und andere Unglüclihe. Seine Offenbarungen waren ın 


22 Erftes Hauptftüd, 


Anzuge Sadjah's mit einem zahlreihen Heere unterrichtet 
ward, fandte er ihr einige Gefchenfe und erbat ſich eine Zu- 
fammenfunft mit ihr, welde fie ihm auch gewährte und die 
nad einigen Berichten drei Tage dauerte, Mufeilama ſchlug 
ihr vor, gemeine Sache mit ihm zu machen und die Herr= 
[haft mit ihm zu theilen, doch follte fie, entweder weil er 
feine Nebenbuhlerin haben wollte, oder weil er einem Theile 
ihrer Truppen ) nicht traute, fich fo lange zurüdziehen, bis 
er die Mufelmänner befiegt haben würde, Sie fehrte hierauf 
zu ihren Stammgenoffen zurüd, doch erft nachdem ihr Mu- 
jeilama bedeutende Summen ausbezahlt und andere nachzu— 
fenden verſprach 2). Mufeilama, der jeden Augenblid einen 
Angriff der Mufelmänner befürchtete, mußte nachgeben, nach— 
dem er wahricheinlich fi) vergebens bemüht hatte, einen Theil 
ihrer Truppen zu bewegen, fi mit den Seinigen zu ver- 
einigen. 

Sadjah hatte faum mit ihren Schaaren Jamama ver- 


furzen gereimten Sätzen, gleich denen Mohammeds in den ältejten 
meffanifhen Suren. Viele Araber ſchloſſen jih ihm an, ohne an 
ihn zu glauben, fo fagte ihm (bei Tabarı ©. 156) Talha der Na— 
marite: „ich weiß, dag du ein Lügner bift, Mohammed aber ein 
wahrer Prophet, doc ift mir ein Lügner aus dem Geſchlechte Rabia 
lieber, ald ein wahrer Brophet aus dem Geſchlechte Mudhar.” Nach 
einer andern (wahrfcheinlichern) Tradition fagte er ihm: „ein Lügner 
aus Rabia ift mir lieber als ein Lügner aus Mudhar.“ Das Mu: 
feilama, wie eine von Europäern nachgefchriebene Tradition bei Ta— 
bari lautet, fih mit Sadjah drei Tage lang den größten Ausſchwei— 
fungen hingegeben habe, iſt troß dem ©. 186 angeführten Gedicht: 
hen, dem obſconſten, das vielleicht die arabifche Literatur aufzuwei— 
fen hat, doch nur eine Erfindung der Mujelmänner, da Mufeilama 
damals über hundert, nach Sujuti (S. 82) jogar hundert und fünf- 
zig Sahre alt war. - 

1) Nach Tab, ©. 89 befonders den mit ihr vereinten Benu Ta: 
mim nicht, die fie auch in der That bald verliefen und in den Schooß 
des Islams zurückehrten, 

2) Die Hälfte der Einkünfte der Provinz Jamama mußte er 
gleich bezahlen und die andere Hälfte follte er nachliefern. 


Abu Betr. 23 


laffen, als in der That Ikirma mit einer Abtheilung Mufel- 
männer in diefe Provinz einftel. Er wagte aber, ehe ihm 
die verfprochene Verftärfung zufam, gegen den Befehl Abu 
Bekr’s, ein Treffen, in welchem Muſeilama den Sieg davon 
trug. Als Abu Bekr von der Niederlage Ikirma's Nachricht 
erhielt, fand er es für rathſam, Chalid zum Dberfeldherrn 
der gegen Mufeilama beftimmten Truppen zu ernennen, ob» 
ſchon diefer eines foldhen Amtes nicht mehr würdig war und 
Dmar fogar deffen Hinrichtung verlangte. Chalid hatte fic) 
nämlich, nad) feinem Siege über die unter Tuleiha und Umm 
Ziml vereinigten Stämme, gegen den Willen der angefehen- 
ften ihn begleitenden Mufelmänner, nad Bitah gezogen, wo 
Malit Fon Nuweira feinen Sitz hatte, obſchon diefer längſt 
wieder feine Truppen entlaffen und zum Gehorfam gegen den 
Chalifen zurüdgefehrt war. Malif ward gefangen genommen 
und mit mehreren feiner Gefährten des Nachts auf Chalidg 
Befehl ermordet, welcher auch fogleich deſſen Wittwe heiras 
thete, obgleih es bei den Arabern gegen alle Sitte war, 
während eines Feldzugs eine Che zu fchliegen. So fehr aber 
auch diefe Heirath Chalid zum Mörder ftempelte, nahm doch 
Abu Bekr feine Entſchuldigung ) an und behauptete, einen 


1) Chalid wird auf verſchiedene Weife entfchuldigt. Nach eini— 
gen, behaupteten mehrere jeiner Emijjarien, Malik habe dem Rufe 
des Muaddzins zum Gebete nicht Folge geleiftet, nah Andern fol 
Malik in feiner Unterredung mit Chalid Mohammed „euern Herrn“ 
genannt haben, ftatt „unſern.“ Wieder Andere nehmen an, Chalid 
habe gar nicht den Befehl zur Ermordung der Gefangenen gegeben, 
aber das Wort, das er gebrauchte, um zu fagen, man folle ihnen. 
einheizen, ſei mißverftanden worden, weil es in dem Dialekte der: 
jenigen, denen ſie anvertraut waren, „erjchlagen“ bedeutet. Daß 
Chalid, wie man aus Abulfeda ©. 216 gefchloffen, Maliks Wittwe 
während ihrer Reinigung beigewohnt, wird nicht von ihm gefagt, es 
heißt ſogar ausdrüdlich bei Tabari ©. 145: »Chalid uxorem duxerat 
(d. h. ſchloß den Ehevertrag mit ihr) Omm Tmim filiam El Minhali 
(fo hieß Maliks Frau) qguam reliquit propterea quod in menstruis 
erat.a S. auch mein Leben Mohammeds ©. 229— 231. Aud von 


24 Erftes Hauptſtück. 


Mann nicht entlaffen oder betrafen zu können, welchem Mo— 
hammed den ehrenvollen Namen „Schwerbt Gottes“ gegeben N). 

Noch ehe Chalid aber mit feinen Truppen nad) Jamama 
gelangte, hatte Mufeilama ein zweites Treffen gegen Schurah- 
bil gewonnen, welder, durch das Schiefal Ikirma's nicht Flug 
geworden, allein die Ehre haben wollte, den falfchen Propheten 
zu zernichten, der, nach mufelmännijchen, allerdings übertriebe— 
nen, Berichten über vierzigtaufend Mann ?) zu verfügen hatte, 
Da aber Mufeilama’s Truppen zahlreich und tapfer gewefen 
fein müffen, gebt fchon daraus hervor, daß felbft der fchnell 
zu fiegen gewohnte Chalid, welcher die größte Borficht mit 
männlicher Tapferfeit paarte, nahe daran war zu unterliegen. 


einer Verweigerung der Armenjteuer, wodurd allerdings Chalid be: 
rechtigt gemwejen wäre, Malik als Abtrünnigen zu beftrafen, ift bei 
Tabari feine Rede. In der Hamafa (ed. Freytag. p. 371) lieft man: 
„Nahdem 45 Mann von den Benu Bahan unter Malik gefallen 
waren, forderte ihn Chalıd auf, Mufelmann zu werden. Malıf 
fragte: was gibt du mir dann? Chalid antwortete: den Schutz 
Gottes, feines Gefandten, den Abu Bekr’s und Chalid's Ibn Welid, 
ih nehme dein Befenntnig an und thue dir fein Unrecht. Malik 
ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Chalid hatte aber den 
Auftrag von Abu Bekr, ihn zu tödten; er faate ihm daher: Malık, - 
ich Taffe dich hinrihten. „Thu dies nicht!” „Sch Fann nicht anders.“ 
„So thue, was du nicht unterlaffen kannt!“ Chalid ftellte ihn dann 
feinen Leuten (um Tödten) vor, aber fie jcheuten fi, ihn zu tödten, 
und die Ausgewanderten (Mefkaner) fasten: willft du einen Mu: 
felmann tödten? nur Dharrsr Sbn Alaswar, aus dem Stamme 
Afad von den Benu Kus, machte ſich auf und erfchlug ihn.“ 

1) Chalid (ſo heißt es im ft. T. ©. 91) war mit Bilal, dem 
Pförtner Abu Bekr's, befreundet; als ıhn daher Omar vor Abu 
Beer führen wollte, meldete er Chalid allein und verfagte Omar 
den Zutritt. So gelang es Jenem, von dem Chalifen feine Begna: 
digung zu erwirfen, ohne daß Omar ihn davon abzuhalten vermochte, 
Dmar verlangte feinen Tod als Mörder Malifs, nicht wie bei Flü— 
gel ©. 19 „weil er nach feiner Meinung eines andern Weib zu 
zärtlich angefehen hatte.‘ 

2) Niht wie bei Elmafin ©. 16, mo die Zahl der Mufelmän- 
ner auf 40,000 angegeben wird, 


Abu Bekr. 25 


Die Mufelmänner wurden zu miederholtenmalen zurückgeſchla— 
gen und die Benu Hanifa, welche den Kern von Mufeila: 
ma’s Heere bildeten, waren fchon in Chalids Zelt gebrungen. 
Seine Gattin, um deretwillen er feinen glorreihen Namen 
mit Mord befledt, verdanfte ihr Leben nur Madjaa, einem 
Häuplinge der Benu Hanifa, welchen Chalid vor dem Treffen 
gefangen genommen. Doch die Mufelmännifchen Veteranen, 
welche wohl einfaben, daß es fich hier um die Eriftenz des 
Islams handelte, Fehrten immer wieder aufs Neue in den 
Kampf zurück, mehrere widmeten fi dem Tode und fpornten 
dur ihr Beifpiel die übrigen Krieger an. Chalid theilte 
feine Leute nad Stämmen ein, damit fie mit einander an 
Tapferfeit wetteifern follten, er felbft focht an ihrer Spike 
und nahm endlih zur Lit feine Zuflucht. Als er nämlich 
einfab, daß, fo lange Mufeilama feinen Plab behaupte, bie 
Benu Hanifa nicht nachgeben würden, rief er ihn zu ſich und 
machte ihm Friedensvorfchläge. Während diefer aber nach— 
Dachte, drang er auf ihn ein und nöthigte ihn, ſich mit den 
Seinigen in einen von hohen Mauern umgebenen Garten 
zurückzuziehen "). k 

Barra Ibn Malik, einer derjenigen, welche ſich am meijten 
in der Schlacht ausgezeichnet hatten, ließ fi auf die Gartens 
mauer heben, fchlug diejenigen, welche das Thor bewacht 


1) Der hierauf bezüglihe Tert bei Tabarı, ©. 170, ift fo man— 
gelhaft, dag man nicht recht weiß, wie es eigentlich zuging. Bei 
Kofegarten lieft man hierüber: „‚Itaque Moseilamam compellavit, im- 
pugnandi opportunitatem quaerens, responditque Moseilama. Proposuit 
ei autem nonnulla Chaled, quae grata ipsi essent; et: quodsi nos, 
inquit, dimidio regno contenti sumus, quod nam dimidium nobis dabis? 
Moseilama vero quum respondere vellet, vultum avertere solebat, dae- 
monem suum si aderat, de illa re consulens. Unde factum est, ut 
voltum forte illo avertente Chaled in eum irrueret, acriter eum pre- 
mens; tum pedem ille retulit, cesseruntque a fronte Chaledi hostes, 
qui suis: „agite dum! cavete ne impune ferant!“* Mox ab insistentibus 
Moslemis in fugam conjecti sunt Haniſitae.“ 


26 Erftes Hauptſtück. 


hatten, zurück und Hffnete es den Mufelmännern. Nun be- 
gann ein fcehauderhaftes Gemetzel, wie noch feines unter den 
Arabern ftatt gefunden. Mufeilama felbft fiel nad) einigen 
Berichten von der Hand Wahfchi’s, deffelben Sklaven, welcher 
im Treffen bei Dhod Mohammeds Oheim Hamza erfchlagen. 
Die Zahl der Anhänger Mufeilama’s, die theils auf dem 
Schlachtfelde, theils im Garten geblieben, wird auf 10,000 
angegeben. Doch auch von Seiten der Mufelmänner war der 
Berluft groß, befonders unter den Ausgewanderten und Hilfs: 
genoffen, jo daß nach diefem Kriege Abu Befr es für rath- 
fam hielt, ven Koran, welchen diefe Männer am beften aus— 
wendig wußten, Dadurch der Vergeſſenheit zu entziehen, daß 
er die yon bemfelben vorhandenen fchriftlichen Fragmente ſam— 
meln und vielleicht auch manches mündlich aufbewahrte auf 
ſchreiben ließ N). 

Selbſt der grauſame und unerſchrockene Chalid fand nach 
ſeinem Siege über Muſeilama's Truppen, daß genug Blut 
der Benu Hanifa gefloſſen ſei und geſtattete daher denjenigen, 
welche ſich in die Stadt Jamama zurückgezogen hatten, einen 
annehmbaren Frieden. Freilich wurde er von Madjaa hinter— 
gangen, der ihm den Feind noch ſtärker ſchilderte, als er war, 
und um ihn leichter zu täuſchen, auch alle Frauen und Mäd— 
chen hatte in Männerrüſtung die Wälle beſteigen laſſen. Chalid 
verzieh ihm indeſſen, als er nach unterzeichnetem Friedens— 
ſchluſſe die gegen ihn gebrauchte Liſt entdeckte, wahrſcheinlich 
aus Liebe zu deſſen Tochter, die er abermals gegen das Her— 
kommen der Araber heurathete, noch ehe die Erde das Blut 
feiner Waffengefährten verſchlungen hatte ?). 





1) ©. mein Leben Mohammeds ©. 348 u. ff. 

2) Chalid ward nah dem türf, Tab. abermals bei Abu Behr 
ald Verräther angeklagt, wegen des für die Benu Hanifa zu gün- 
ftigen Friedensſchluſſes ſowohl, ald wegen feiner Heurath mit Mad: 
jaa's Tochter, der er eine damals unerhort große Morgengabe ent: 
richtete, die er natürlich von der noch nicht vertheilten Beute 
genommen, Auch foll er am erften Schlachttage nicht aus feinem Zelte 


Abu Bekr. 27 


Der zwifchen Chalid und den Bewohnern yon Jamama 
geichloffene Bertrag lautet: 

„Dieß ift die Mebereinfunft Chalid's Ibn Welid mit 
Madjaa Ibn Marara, Salma Ibn Omeir un NN. Er 
geftattet ihnen Frieden gegen ihr Gold und ihr Silber, ihre 
Panzerhemden ?) und ihre Pferde, die Hälfte ihrer Sklaven 
nebft einem Garten und einem Ader bei jedem Städtchen, 
doch müffen fie fih zum Islam befennen, dann ftehen fie 
unter Gottes Obhut und unter dem Schutze Chaliv’s Ibn 
Welid und Abu Bekr's, Chalifen des Gefandten Gottes und 
unter dem aller Gläubigen” ?). 

Gfeichzeitig mit der Unterwerfung yon Jamama fand 
auch die einiger andern aufrührerifchen Provinzen ftatt. Bah— 
rein, das Küftenland am perſiſchen Meerbufen, hatte ſich unter 
der Regierung des Mundfir Ibn Sawa zum Islam befannt, 
nach deſſen Tode aber dem Chalifen den Gehorſam verjagt. 
Auch war ein Theil der Bevölferung wieder vom Glauben 


hersorgetreten fein. Nach dem türk. Tab. ©. 96 erhielten die Mu- 
felmänner den vierten Theil ihrer Habe. 

1) Sch lefe »halkate ftatt »Chilfat« bei Tab. S. 178 und über: 
feße daher nicht wie Kofegarten: flava et alba et bicoloria. S. den 
Kamuf unter »safra,« mo alle drei Worte vorfommen, eben jo bei 
Dſahabi fol. 112, 

2) Die Zeit diefes Friedensfchluffes wird verichieden angegeben. 
Tabari nennt nur das 3. 11 der Hidjrah, Abd Al Bafı, Ende des 
llten Zahres, Abu Maſchir und Wakidi Rabia Ammal des 5. 12. 
(Dfahabi a. a. DO.) Da mir aber bei Tabari lefen, daß Salma den 
Bewohnern von Jamama, um fie zum Widerftande zu ermuthigen, 
fagte: „D Benu Hanifa! fämpfet für eure Ehre und bringet dem 
Frieden fein zu großes Opfer! Die Feftung ift ftarf, der Vorrath 
groß und der Winter nahe,“ fo müffen wir Chalids Sieg etwa 
in den Schaban des J. 11 fegen, denn das 12te begann im März 
633 und zu Anfang des 12ten zog Chalid jhon nad Zraf. Die an- 
geführte Stelle aus Tabari fpriht auch gegen eine ©. 176 ange: 
führte Tradition, derzufolge in Samama gar feine fireitbaren Männer 
mehr übrig. geblieben wären, fonft hätte fih Salma nit jo hart: 
nädig dem Friedensfchluffe widerfest. 


28 Erftes Hauptſtück. 


an Mohammed abgefallen, weil fie fih ihn unfterblich ge- 
dacht. 

Ala Ibn Hadhrami, welchen Abu Bekr gegen dieſe Re— 
bellen ſandte, blieb einen ganzen Monat vor ihrem verſchanz— 
ten Lager liegen, bis er endlich eines Nachts durch Berrath 
erfuhr, daß die Häupter der Truppen bei einem Feſtmahle 
waren, da gelang es ihm, fie zu überrumpeln und theile 
niederzuhauen, theils in die Flucht zu treiben N), 

Der falfhe Prophet Lakit Ibn Malik, welcher fi) der 
Provinz Dinan bemädtigt hatte, ward von Hubfeifa und 
Arfadja, zu denen fpäter Ikirma und Schurahbil ftießen, Bei 
Daba gefchlagen. 

Muhadjir Ibhn Dmejja beftegte zuerft Keis Fon Abd 
Jaghuth, weldem der größte Theil der Provinz Jemen 
fammt der Hauptftadt Sanaa anhing, dann die Benu Kinda, 
welhe in Hadhramaut ihren Sig hatten, und namentlich 
wegen der Armenfteuer das Joh der Mufelmänner abgefchüt- 
telt hatten. Afchath, welcher an der Spise der Benu Kinda 
ftand, öffnete felbft vervätberifcherweife den Mufelmännern bie 
Thore der Feftung Nudjeir, nachdem ihm und feinen Ver— 
wandten Leben und Gut zugefihert worden war. Wenig 
fehlte, fo hätte Afchatb für feinen Verrath fogleih büßen 


1) A6d Allah Son Hadjaf hief der Verräther, der ſich Eintritt 
ing feindliche Lager zu verfchaffen mußte, weil er von mütterlicher 
Seite mit den Rebellen verwandt war und dann, als er fich gefät: 
tigt und mit Proviant verfehen hatte, wieder zu den Mujelmännern 
ging, um ihnen, wegen der Trunfenbeit der Ungläubigen, zum An- 
ariff zu rathen. Die Wunder, die bei diefem Feldzuge fich ereignet 
haben follen, will ih bier nur in Kürze angeben: Die Mufelmän- 
ner, welche nahe daran waren, vor Durft umzukommen, fanden in 
der Wüſte Waſſer, an einer Stelle, mo nach der Ausjage der älte- 
ften Männer aus jener Gegend, früher nie ſolches gefehen ward. 
Kameele, die in der Naht davon gelaufen waren, Famen allein 
wieder zurück. Die Flüchtlinge, welche ſich in Schiffen retten wollten, 
wurden von Ala’s Reitern eingeholt, meil das Meer zurüdtrat, fo 
daß das Waffer nicht über ihre Knie reichte. Tab. ©. 192 u. ff. 


Abu Ben 29 


müffen, denn er vergaß aus Uebereilung in dem mit Mu- 
badiir gefchloffenen Bertrage fich feldft unter denjenigen Be— 
wobnern von Nudjeir zu nennen, welche begnadigt werben 
follten. Da er indeffen behauptete, als Hauptperſon der Un— 
terbandlung verftebe fich feine Begnadigung von felbft, warb 
die Entfcheidung über fein Schickſal dem Chalifen überlaffen 
und dieſer, fein Schwager, fchenfte ihm dag Leben ). Mit 
Auszabme der im Bertrage genannten Verwandten des Aſchath 
lieg der graufame Muhadjir alle fireitbaren Männer, die er 
in Nubdjeir fand, hinrichten, Frauen und Kinder als Sklaven 
vertbeilen, einige fogar verftümmeln, worüber ihm jedoch Abu 
Bekr einen derben Verweis gab 2). 


1) Nah Sujuti foll jedoh Abu Beer auf feinem Kranfenbette 
es bereut haben, daß er diefen doppelten Verräther nicht habe hin: 
richten laſſen. 

2) Die Stelle bei Tabarı ©. 248 (wo einige Worte fehlen) und 
bei Sujuti ©. 106 lautet: Dem Muhadjir fielen zwei Sängerinnen 
in die Hand, von denen die Cine Spottlieder gegen den Propheten 
und die Andere gegen die Mujelmänner gefungen. Er ließ Erfterer 
beide Hände abjchneiden und die Morderzähne ausreigen, Letzterer 
eine Hand abjchneiden und einen Zahn ausreißen. Abu Bekr fchrieb 
ihm: „Sch habe vernommen, wie du mit der Sängerin verfahren, 
die in ihren Liedern den Propheten geſchmäht. Wäreft du mir nicht 
mit deiner Strafe zuvorgefommen, fo hätte ich dir befohlen, fie 
hinrichten zu laffen, denn ein Vergehen gegen den Propheten wird 
anders beftraft, als andere Vergehen. Gin Gläubiger, der dieß 
thut, wird als Abtrünniger angefehen und ein DBerbündeter oder 
Schusgenojje, als Feind und Verräther.“ In Betreff der andern 
Sängerin ſchrieb ihm Abu Bekr: „Ich babe vernommen, du haft 
einer Sängerin eine Hand abhauen und einen Zahn ausreigen laffen, 
weil fie Spottlieder gegen Mufelmänner gejungen. Bekannte fie fich 
zum Slam, fo verdiente fie wohl eine Züchtigung, aber nicht eine 
Berfümmlung, war fie aber eine Verbündete Wichtgläubige, die 
unter muſelmänniſchem Schutze fteht), nun, bei meinem Leben, das 
von ihr geduldete Vergehen Gott einen Genoſſen an die Seite zu 
ftellen, ift doch größer (d. h. fie verdient feine Strafe, da man ihr 
doc geftattet, in ihrem Glauben zu verharren), Wäre ich dir mit 
einem folchen Beifpiele vorangegangen, fo hätte ich ein Unrecht be: 


30 Erſtes Hauptſtück. 


Kaum war das eigentliche Arabien unterjocht, ſo ertheilte 
Abu Bekr dem Sieger über Jamama den Befehl N), die Herr— 
fchaft des Islams über die Provinz Irak auszudehnen, welche 
damals zu dem perfiichen Neiche gehörte. Perfien hatte unter 
Chosru Nufhirwan (Chosroes I.) einen hohen Grad von 
Gultur, Macht und Wohlftand erreicht und. in den erften Re— 
gierungsjahren des Chosru Perwis (Chosroes II.) feine Herr- 
fchaft noch weit über feine Grenzen hinaus gedehnt. Aber 
die letzten Jahre diefes Saffanidenfönigs bracpten großes Un- 
glück über das perſiſche Weich. Heraflius war bis in das 
Innere des Landes vorgedrungen und Siroes, Chosrus Nach— 
folger, mußte einen fchmählichen Frieden unterzeichnen und 
alle von feinen Ahnen eroberten Provinzen wieder abtreten, 
Seither war das Reid) der Saffaniden durch Hunger, Bürger- 
frieg, Adelsfehden und Weiberherrſchaft immer tiefer gefunfen, 
fo daß die noch unterjochten Grenzländer nad einem Erföfer 
ſchmachteten. Die Mufelmänner hatten daher in Irak nicht, 
wie in Arabien, das Bolf, fondern blos die perfifchen Trup— 
pen zu befämpfen, welche die am Euphrat gelegenen Stäbte 
und Feftungen befest hielten. Ein großer Theil der Bevöl— 
ferung, welche arabifchen Urfprungs war und gegen die Abu 
Bekr feinen Feldheren die größte Schonung anempfahl, machte 
gemeine Sache mit den Mufelmännern. 

Chalid, welder von Jamama ?) mit nur 2000 Mann 
aufgebrochen war, hatte bald 18,000 Mann unter feinem 


gangen. Mäßige did nunmehr und hüte dich, jemanden mehr zu 
verftümmeln, es ift eine zu verabſcheuende That, die nur ald Ver: 
geltungsftrafe Cbei Förperliher Verlegung) geftattet wird.” Kofegar: 
ten hat diefe ganze Stelle anders gedeutet. 

1) Mubarram des 12ten Sahred. (März 633.) Tab. I. ©, 2. 

2) Tab. a. a. D. Als Chalid mit den Angelegenheiten Jama 
ma’s zu Ende war, fohrieb ihm Abu Beer, während er noch in Ja— 
mama war: „Ziehe gegen Sraf und befege diefes and, beginne 
mit der Grenzfeftung gegen Sndien, das ift Obolla, bebandle freund 
fih die Perſer und die Völker, welche unter perfifher Herrfchaft 


Abu Befr, 31 


Befehle, denn viele Stämme, durch deren Gebiet er zog, 
fchloffen fih ihm an, befonders die von Mudhar und Rabia, 
und vor ihm jtanden ſchon S000 Mann an der Grenze von 
Irak unter dem Dberbefehle Muthanna’s, welcher den Chali- 
fen zu einem Feldzuge nad Irak angeregt. Ehe er eine 
Feindfeligfeit beging ) ſchrieb er, den vom Chalifen empfan- 
genen Berbaltungsmaßregeln zufolge, an Hormuz, den Felb- 
beren der Perfer: „Bekehre dich, fo bift Du gerettet, fichere 
dir und deinem Bolfe unfern Schuß und bewillige einen Tri- 
but, fonft Fannft du nur dich felbft anflagen, denn ich ziehe 
mit einer Schaar heran, die den Tod eben fo fehr Tiebt, ala 
ihr das Leben.” 


fteben.” Dann folgt eine andere Tradition, derzufolge er zuerft noch 
einmal nah Medina zurückkehrte und dann von Medina unmittelbar 
nah Sraf. Das wäre faum der Erwähnung werth, wenn man nicht 
bei Flügel ©. 20 läſe: „Chalid zog ein Sahr fpäter (als Ujama, der 
Sohn Zeid’s) von der Küfte des verfiihen Meerbufeng aus, herauf 
nad Sraf, während Amru Ben Elaſi in Paläftina und Abu Obeida 
in Syrien einbrah, bis Chalid, der das Gebiet von Bahrein und 
von Anbar herauf nad Hira, und die ganze Strede Landes, wo 
foater Badra gegründet ward, unterworfen hatte, nad diefen Er: 
oberungen mit ihnen zujammenftieß.“ Das daß Gebiet von Bahrein 
durch Ala Son Alhadhrami und nit durch Chalid unterworfen wor: 
den, haben wir fhon erwähnt. ©, Tab. ©. 188 u. ff. Auch die 
angegebene Frift von einem Jahre zwiſchen dem Zuge Ufama’s und 
dem Chalid's nah Jrak ift nicht genau. Grfterer fand wenige Tage 
nach dem Tode Mohammed’s ftatt, aljo Zuni 652 und letzterer im 
März 633. 

1) Bei Tabari ©. 4 wird fogleih die Unterwerfung des Ibn 
Saluba und des Ayas, Emir von Hira, erzählt. Diefe fand aber 
erft fpäter nach mehreren gewonnenen Schladten ftatt. Vergl. ebend, 
S. 36 — 46. Die hier angeführte Tradition gibt nur, wie dieg auch 
an andern Orten bei Tabari vorfommt, eine gedrängte Weberficht 
der erften Grfolge der Mufelmänner in Sraf, welhe dann nad an- 
dern Berichten näher beleuchtet werden. Möglich wäre es indeflen, 
und dafür fpriht ©. 60, dag nach andern Ueberlieferungen die Be: 
wohner von Hira und einiger andern Städte gleich nach Chalid's 
Einfall in Sraf Frieden mit ihm fchloffen und vermöge einer Summe 


32 Erſtes Hauptſtück. 


Hormuz antwortete Chalid mit einer Herausforderung 
zum Zweikampfe, durch welche das Treffen bei Kazimat in 
der Nähe von Hafir eröffnet ward. Die Muſelmänner 
fiegten über die an einander gefeffelten perfifhen Truppen, 
weshalb auch diejes Treffen dag der Ketten genannt ward ?). 
Die eroberte Beute, worunter die mit Ebdelfteinen befette 
Krone des Hormuz allein auf 100,000 Dirhem gefhätt ward, 
foll fo bedeutend gewefen fein, daß jeder mufelmännifche Reiter 
1000 Dirhem auf feinen Antbeil erbielt. 

Auf die Kettenfchlacht folgte die von Madfar am Zu— 
jammenfluffe des Euphrats und Tigris ?), wo jest die Stadt 
Korna liegt, gegen den perſiſchen Feldherrn Karin, welche 
ebenfalls zu Gunften Chalids endete. 30,000 Perſer follen 
bei Madfar geblieben und die Lebrigen nur auf Schiffen dem 
Schwerdte der Mufelmänner entgangen fein. 

Bei Waladja, in der Nähe von Kasfar, auf dem Ge— 
biete der fpäter erbauten Stadt Waſit, fand eine noch bluti- 


gere Schlacht zwifchen dem von Ardſchir abgefandten Feldherrn 
Anderfas und Chalid ſtatt. Sie blieb lange unentfchieden, denn 


von 290,000 Dinaren ihn bewogen, fich von ihnen zu entfernen, fpäter 
aber formlich unterjocht und zu einem jährlihen Tribut angehalten 
wurden. Wir folgen aber diefer Tradition fhon darum nicht, weil 
es fpäter ausdrücklich heißt: „Chalid jollte Sraf von Süden und 
Sjadh von Norden her angreifen und wer zuerft nad Hira gelangt, 
Statthalter werden,“ woraus hervorgeht, daß Chalid fich zuerft gegen 
das untere Guphratgebiet wenden mußte. Auch ift die Unterwerfung 
einer Stadt, wie Hira damals war, ohne vorhergegangene Schlacht, 
höchſt unwahrfcheinlic. 

1) Hafir heißt nah dem Kamuß ein Ort zwifchen Mekka und 
Baßra, alſo weftlih vom untern Euphrat. 

2) Wahrfcheinli waren die Truppen nur bie zur Eröffnung der 
Schlacht fo gebunden, daß fie nicht entfliehen Fonnten, vielleicht auch 
nur der Theil derfelben, denen Hormuz am mwenigften traute. Aehn 
liches wird von den Griechen in der Schlaht von Sarmuf erzählt. 

3) Madfar, heißt es im Kamuß, ift der Name eines Ortes 
zwiſchen Wafıt und Baßra. 


Abu Bekr. Be: 


es wurde von beiden Seiten mit gleichem Muthe gekämpft, 
doch trug endlih Chalids beffere Kriegstaftif auch bier den 
Sieg davon D). Ber diefer perfifchen Armee waren aber viele 
hriftlihe Araber aus dem Stamme Bekr, welche jest ihre 
arabifhen Glaubens- und Bundesgenofjen zu Hülfe riefen und 
ein neues Heer rüfteten, das auch von perfiihen Truppen 
unter dem Dberbefehle Djabans unterftügt ward. Die nöthigte 
Chalid wahrfcheinlich wieder, das eigentliche Chaldea zu ver— 
laffen, den Euphrat zu überfchreiten und fih mehr nad 
Nordweft zu wenden, Bei Lis, am kleinern weftlichen Eu— 
phratarme, der einft auch an Kufa vorüberzog, trat ihm das 
feindlihe Heer entgegen. Die verweichlichten Werfer ließen 
aber den günftigen Augenblick zum Angriffe vorübergehen, weil 
fie, gegen den Willen Djabans, vor dem Gefechte Mahlzeit 
balten wollten, und faum hatten fie ſich niedergelaffen, alg 
Chalid mit feiner Reiterei den Kampf begann. Indeſſen ward 
ibm auch diegmal der Sieg fo ſchwer, daß er mitten in der 
Schlacht zu Gott betete und gelobte, daß, wenn ihm ber 
Feind den Rüden fehren würde, er feinen einzigen Dann 
verſchonen und fo viele der Ungläubigen ſchlachten wollte, big 
der Strom yon ihrem Blute roth gefärbt. Chalid erfüllte 
fein Gelübde, indem er, fobald die Perfer die Flucht ergriffen, 
ausrufen ließ, daß niemand die Flüchtlinge, die Feinen Wider- 
ftand leiſten, erfchlage, fondern nur gefangen nehme, dann 
aber alle Gefangenen in Maſſe am Ufer des Stroms fchlachten 
lieg, fo daß er, am Ufer wenigftens, fich von ihrem Blute 
roth färbte, 

Chalid zog jest firomabwärts und ftand fo unerwartet 
vor der ebenfalls am weltlichen Euphratarme gelegenen Stadt 


1) Nah diefem Siege fagte Ihalid zu feinen Arabern: Seht 
einmal dieje fruchtbaren Gefilde! Bei Gott, wenn wir aud nicht 
für den Glauben fämpften, fo follten wir ſchon des gejegneten Lebens 
willen diefes Land unter uns vertheilen. 

3 


34 Erftes Hauptſtück. 


Amghiſchia, welche nicht viel kleiner als Hira ) war, bag 
ihre Bewohner nur ſchnell die Flucht ergriffen und ihm all 
ihre Habe und ihr Gut überließen. Von der hier gemachten 
Beute ſoll der Antheil eines Reiters 1500 Dirhem betragen 
haben. Nach gänzlicher Zerſtörung von Amghiſchia wendete 
ſich Chalid gegen Aſadſuba, den perſiſchen Statthalter von 
Hira, ſchlug deſſen Sohn am Euphrat ?), belagerte mehrere 
feſte Schlöſſer in der Nähe der Hauptſtadt, die ſich nicht lange 


1) Die alte Stadt Hira lag ohngefähr zwei Stunden nordweſt— 
fib von dem ſpätern Kufa, fait in der Mitte zwiſchen Kerbela und 
Meſchhed Ali, nur etwas mehr weftlih, den Ruinen von Babylon 
gegenüber. Vergl. Rıtter’s Erdkunde. Th. 1°. ©. 186. Bon einem 
alten Chriſten in Hira, Abd Almaſih (Knecht des Chriſt's) genannt, 
wiſſen die Araber eben fo viel Fabelhaftes, ald von dem Juden Ruab 
alachbar zu erzählen. Gr ſoll unter Anderm Chalid prophezeit haben, 
Daß einjt die aunze Strede zwiſchen Damasf und Hira fo aut anae- 
baut und fo ftarf bevölfert jein würde, daß fie ein Weib allein ohne 
Furt umd mit einem einzigen Paib Brod als Reiſevorrath würde 
durhmandern können. 

2) Wenn es überhaupt ſchwer ift, den Erzählungen der Araber 
mit der Karte in der Hand zu folgen, fo wird es bier, mo nicht 
nur mandhe Drte genannt werden, die bei fpitern Geographen 
gar nicht mehr vorfommen, fondern aud der Boden jelbit eine an— 
dere Geſtalt angenommen hat, indem der Cuphrat ſowohl, als der 
Tigris mit ihren Armen und Kanälen eine ganz andere Richtung 
genommen, faum mehr möglich, die verjchiedenen Züge der arabi- 
fben Feldherrn genau zu beftimmen. Co heift es hier bei Tab. 
©. 34, daß Chalid nach der Eroberung von Amghiſchia die Bagage 
auf Schiffe bringen ließ, daß fie aber auf einmal ftrandeten, weil, 
wie die Matrojen fagten, die Perſer die Kanäle geöffnet, fo daß 
das Waſſer des Cuphrats einen andern Ausflug genommen und nicht 
eher in ſein Wett zurücfebren Ponnte, bis die Kanäle wieder ge: 
fchlojfen fein würden. Chalid 5303 dann mit feiner Neiterei gegen 
den Sohn Ajudjuba’s, der die Kanäle geöffnet hatte, ſchlug ihn an 
der Stelle, wo der Euphrat ſich in zwei Arme fpaltet (dad ift wohl 
das vfam furat Badakla?«) und verftopfte die Kanäle wieder. Mit 
dem erbeuteten Gute wollte er waährſcheinlich ſtromaufwärts fegeln, 
weil er doch auch mit den Truppen zu Land gegen das Gebiet von 
Hira 309, 


Abu Bekr. 35 


halten fonnten, und bald darauf unterhandelten die arabifchen 
Häupter der Stadt felbft mit ihm und verpflichteten ſich zu 
einem jährlichen Tribut von 190,000 Dirhem. Ihrem Bei- 
ſpiele folgte auch Ibn Saluba, indem er für die Erhaltung 
der Städte Banifia und Barfuma, am Ufer des weftlichen 
Euphratarmes, einen jährlihen Tribut von 10,000 Dinaren 
verſprach und nicht lange naher unterwarfen fih unter ähn— 
lihen Bedingungen mehrere andere perſiſche Statthalter ber 
Landſchaft Sawad. 

Nach dieſen Siegen ſandte Chalid den perſiſchen Großen, 
welche nach Ardſchir's Tod ſich in Madain (Kteſiphon) um 
die Wahl eines Nachfolgers ſtritten, ein zweites Schreiben 
und forderte ſie, unter Androhung eines Vertilgungskriegs, 
zum Islam oder zur Unterwerfung auf. Mehrere Boten mit 
ähnlichen Aufträgen ſandte er auch an verſchiedene perſiſche 
Statthalter. Bis zur Rückkehr dieſer Gefandten blieb Chalid 
in Hira liegen und dehnte ſeine Streifzüge über ganz Chaldäa 
aus. Doch konnte er mit der Hauptarmee den Euphrat nicht 
überſchreiten, weil die Perſer in Nahr Schir ) eine neue 
Armee zuſammenzogen und die Feſtungen Ein Tamr 2), 
Anbar ?) und Firadh MY flarf mit Truppen befegt waren, 





1) Wahr Schir ift der Name eines Kanals und einer an dem: 
felben gelegenen Studt in der Nähe von Madain, doch am weit: 
lichen Tigrisufer, während Madain bekanntlich am öſtlichen lag. 
©. Ritter a. a. O. ©. 199. 

2) Ein Tamr (Dattelnguelle) lag wahriheinlich nordweftlid von 
Anbar. Sm Kamuß heißt es bloß: „Ein Attamr ift der Name einer 
Quelle in der Gegend von Kufa.“ Aber wir haben jhon an andern 
Beijpielen geſehen, daß Firuzabadi in geoaraphiicher Beziehung nicht 
fehr genau ift. Auch geht aus Tab. ©. 228 hervor, daß Ein Tamr 
an die Provinz Faludja grenzte, welche das waſſerreiche Bezirk von 
Anbar bezeichnet. ©. Ritter a. a. D, ©. 208. 

3) Anbar lag am Guphrat in gerader Linie der fpäter am Tigris 
erbauten Stadt Bagdad gegenüber. 

4) Firadh kommt auch im Kamuß ald der Name eined Ortes 
zwifhen Samama und Baßra vor, bei Tabari ald eine Zeitung, 
welche in der Mitte zwifchen Syrien, Mejopotumien und Sraf lag. 

3 * 


36 Erftes Hauptftüd. 


deren Ausfälle ihm hätten gefäbrlih werden Fünnen. Auch 
mußte er fih dem Befehle Abu Bekr's unterwerfen, welcher 
ihm vorfchrieb, Jjjadh entgegenzuziehen, der von der fyriichen 
Wüſte ber in Jraf einfallen fellte. Er wentete fi daher 
gegen Nordweit nad) Kerbela und griff von hier aus die fefte 
Stadt Anbar an, deren Bevölferung von arabifcher Abfunft 
war und daher ungern unter den Perfern gegen die Mufels 
männer fodht. Die Schlacht in der Nähe von Anbar beißt 
die „der Augen,” weil viele Perſer von den arabifchen Pfeil- 
ſchützen geblendet wurden I). Als die flüchtigen Truppen hinter 
den Mauern Schuß fuchten, ließ Chalid die Graben mit ges 
ſchlachteten Kameelen ausfüllen und gab den Befehl zum 
Sturme. Der perfiihe Statthalter Schirazad ließ es aber 
nicht aufs Aeußerſte fommen, fondern übergab die Stadt und 
309 fih) zurüd. Bei Ein Tamr gewann Chalid wieder eine 
Schlacht, weil die mit den Perfern verbündeten chriſtlichen 
Stämme Namr, Taghlib und ad glaubten, ihm allein die 
Epige bieten zu können, und daher den Perfer Mihran am 
Sefechte feinen Antheil nehmen Tiefen, Diefer blieb in 
der Feftung liegen, bis er die Niederlage feiner Berbündeten 
vernahm, dann ergriff er die Flucht und überließ fie den 
chriſtlichen Flüchtlingen, die fie aber bald dem ihnen auf den 
Serfen felgenden Chalid übergeben mußten. 

Nach diefem Siege eilte Chalid nah Dumat Aldjandal, 
wo der von den Stämmen Kelb, Tanuch und Ghaffan be- 
drängte arabifche Feldherr IJjjadh feines Beiftandes bedurfte 
und eroberte diefen befeftigten Drt. Die von ihm gefchlagenen 
Srafanischen Araber benützten aber feine Abwefenheit und zogen, 
mit den perfiichen Feldherrn Sermihr und Nufaba vereint, gegen 
Anbar, wo Zibrifan als Befehlshaber der Mufelmänner mit 
einer geringen Befatung zurücgeblieben war. Chalid fehrte 
daher fchnell nad Hira zurück und fandte Kaka Jon Amru, 


1) Tab. I. ©. 58, Kofeg. richtig »oculorum.a Nicht „der quellen: 
begabte Frohnkampf,“ wie bei Hn. v. Hammer, Gemäldeſ. I. ©. 247. 


Abu Ber. 37 


den bisherigen Statthalter von Hira, den Perfern entgegen. 
Diefe wurden bei Haßid, nordweftlih von Anbar, nod ehe 
fie fid) mit den arabifchen Hülfstruppen vereinigt hatten, ges 
fhlagen. Chalid feltft brach bald nachher von Hira auf und 
verfolgte die flüchtigen Perfer fowohl, als ihre hriftlichen 
Bundesgenoffen, bis an die fyriihe Grenze und brachte ihnen 
mehrere Niederlagen bei. Als das ganze untere weitliche 
Euphratgebiet unterworfen und von den ihm feintlichen Stäm— 
men gefäubert war, 308 er gegen die perfiihe Grenzfeftung 
Firadh und erfocht noch einen glänzenten Sieg über ein an 
Zahl ihm weit überlegenes Heer, aus Griechen, Verfern und 
chriſtlichen Arabern zufammengefegt. Nachdem er den Feind 
zu Paaren getrieben hatte, ſandte er feine Truppen nad Hira 
zurüf, er aber pilgerte nah Mekka und traf noch mit der 
Nachhut ter Mufehnnänner in Hira ein, wo er bald nachher 
den Befehl erhielt, ſich zur ſyriſchen Armee zu begeben N). 
Abu Bekr hatte nämlich ſchon am Anfang des dreizehn: 
ten Jahres ter Hijrah (März 634), waährſcheinlich in Folge 
der bei dem Pılgerfefte wahrgenommenen keiegeriſchen Stim— 
mung der Araber, fo wie ter von allen Euden der Halbinfel 
eingetroffenen Nachrichten von der gänzlichen Unterwerfung 
der Nebellen im Junern, Chalid Jon Satd mit ſieben taufend 
Mann an die Grenze yon Syrien gegen bie Griechen und 
die mit ihnen verkündeten Araber geſchickt. Da dieſer Felds 
herr aber ein Anhänger Ali's war, der fogar öffentlich in 
der Moſchee erklärt, Ali ſei hintergangen worden und zweif 
Monate mit der Huldigung gezögert hatte, warb ihm au 
Berlangen Dmar’s ?), dem er bejonders verhaßt war, ber 


1) Das hier über Chalid's Züge mitgetbeilte bildet den Kern 
der weitläufigen und ungeordneten Darftellung Tabari's. I. ©. 1— 78. 
2) Abu Ber Fonnte ihm verzeisen, Omar aber nicht, weil er, 
nah Tabari ©. 82, erklärt hatte, daß ihm an der Herrſchaft Abu 
Bekr's wenig liege, tie Omar's aber ihm verhaßt jei. Gin Beweis 
mehr, dag eigentlich Omar fon unter Abu Beer die Zügel der 


38 Erſtes Hanptftüd, 


Oberbefehl wieder genommen und Jezid, dem Sohne Abu 
Softans, übertragen. Diefer follte gegen die Provinz Balka 
ziehen, in das Land der alten Ammoniten und Moabiten, öſt— 
lih vom todten leere, während jener in der Gegend von 
Teima, an der Grenze der ſyriſchen Wüfte ein Fleineres Re— 
fervecorps befehligen follte. Bald meldeten ſich aber fo viele, 
von den Feldzügen in Arabien zurüdgefehrten Mufelmänner, 
zum Kriege gegen die Ungläubigen, welche den braven Zeid 
und Dfafar bei Muta gejchlagen und den Propheten felbft 
verhindert hatten, weiter als bis Tabuk vorzurüden, daß ihnen 
Abu Beke nah und nad) noch dreimal fieben taufend Mann 
unter Abu Ubeidah Ibn Djarrah, Schurahbil Ibn Hafana 
und Amru Jon Aaß I) nachfolgen laſſen konnte. Im Vorge— 
fühle ſeines Sieges ſoll Abu Bekr ſchon im voraus jedem der 
vier Anführer die zu erobernden Landſtriche angewieſen haben. 
Jezid ſollte Damaskus einnehmen, Abu Ubeidah Himß (Emeſſa) 
Schurahbil die Ufer des Jordans beſetzen und Amru Fon Aaß 
das weſtliche Paläſtina. So leicht aber auch dem Chalifen 
der Sieg über den byzantiniſchen Kaiſer ward, der, wie es 
fcheint, alle feine Thatfraft im Perferfriege erſchöpft, die ara- 
bifchen Grenzbewohner, durch unzeitige Sparfamfeit, die chriſt— 


— “ 


Regierung lenkte. Nur in Betreff Chalid’s Ibn Welid, den Omar 
ebenfalls entjegen wollte, behauptete Abu Bekr fein Recht ald Cha- 
life. Gegen Chalid Sbn Said war Omar ohnehin no, übel geftinmt, 
weil er, von Semen zurückkehrend, in Medina in einem feidenen 
Kleide erfchienen war, 

1) Diefer war zum Statthalter von Omman ernannt. Abu Bekr 
fehrieb ihm, er wolle ihn zwar nicht gegen feinen Willen von einer 
Statthalterfehaft abrufen, die ihm fhon vom Propheten zugefagt 
war, doch wollte er ihm, wenn ed ihm recht wäre, einen höhern 
Beruf anweijen, Darauf antwortete Amru: „Sch bin ein Pfeil von 
den Pfeifen des Islams, und du, nad Gott, der Schüße, der fie 
fammeit, und gegen den Feind fihleudert. Wähle dir den ftärkften, 
herbften und beften und verwende ihn nach jeder Seite, wo du ihn 
brauchſt. Auch MWelid, welcher Steuereinnehmer war, zog den Krieg 
feiner Stelle vor. (Tab, ©. 86.) 


Abu Bekr. 39 


lichen Unterthanen, durch Firchliche Tyrannei gegen ſich auf: 
gebracht hatte und ſelbſt von einem Theile der ſyriſchen Armee 
abgefegt ward, jo konnte doch diefer erfte Plan Abu Bekr's 
nicht ausgeführt werden. Schon Amru Jon Aaß, welcher 
längs dem rothen Meere über Eilah durd) das Thal Ghur 
nad dem todten Meere hin zog, ftich bei Ghamr Al Arabat ”) 
auf Wilterftand, und, an der Grenze von Palältina angelangt, 
ſah er bald die Nothwendigfeit ein, fi mit den andern Trup— 
penabtheilungen zu vereinen. Chalid Ibn Said ?), welder, 
durch einige glückliche Scharmützel gegen die chriſtlichen Ara— 
ber fühn geworden, ſich bis in die Gegend von Martj Affofar, 
füdweftlih von Damasf, wagte, erlitt eine gänzliche Nieder: 
lage und "Abu Ubeida fand in der Feftung Boßra 3), an der 


1) Tabart ©. 114 u. 132. Nach letzterer Stelle ſcheint es, dag 
Amru im Ghur blieb, bis die übrigen Feldyerren von Bora aus 
zu ihm Stiegen. 

2) Tabari ©. 90 u. 114. Chalid verlor in diefem Treffen feis 
nen Sohn Said und fein ganzes Heer wäre aufaerieben morden, 
wenn ihm nicht Ikirma und Schurahbil zu Hülfe gefommen wären, 

5) Auf dem Wege nah Bora eroberte er Maab oder Rabba 
in der Provinz Balfa, einige Stunden nördfib von Kerak. Ebend. 
©. 114. Ueber die Dauer der Belagerung von Boßra, fo wie über 
die Zeit der Uebergabe dieſer Stadt willen wir, da Wakidis Nach— 
rihten eher Stoff zu einem Roman, ald Materialien für eine Ge: 
ſchichte geben Eönnen, nichts Beftimmteg, denn die älteften, von Ta: 
bari angeführten Traditionen, widerjprechen fih. Nac dem ©. 122 
angeführten Berichte follte man glauben, Chalid Son Welid habe 
Bofira mit feinen Srafanern erobert und fei von dort zu den andern 
Felcherren an den Jarmuk gezogen. ©. 132 heißt es aber: „Chalid 
zog von Martj Rahit, wo er die Ghaffaniden geichlagen, nad) 
Boßra, wo auch Abu Ubeida, Schurahbil und Jezid gelagert waren, 
fie vereinigten fi) und befugerten die Stadt, bis fie fi erbot, Tri: 
but zu zahlen.“ S 94 it von der lintermerfung von Boßra Feine 
"Rede, tod wird auch erzählt, daß die Mufelmänner ſchon fange am 
Jarmuk ftanden, als Chalid mit den Srafanern eintraf. Letzteres 
ift mir wahrfcheinficher, weil nach S. 114 Chalid Hira erft im Rabia 
Achir verließ und doch dieſen bejchwerlichen Zug mit einem Heer& 


40 Erftes Hauptſtück. 


füböftlichen Spige vom Haurangebirge, welche die Grenze 
der arabifchen und fyrifchen Wüfte bildet, und einft die Haupt: 
jtabt der Arabia provincia war, eine fo ftarfe Befagung, daß 
er fie weder im Rücken laffen, nod allein zur Lebergabe 
zwingen fonnte, Man berichtete daher an Abu Befr, welcher 
natürlid) feinen erftien Plan aufgab und den verfchiedenen 
Feldherren den Befehl ertheilte, fi) gegenfeitig zu unterftügen, 
Zugleich fandte er aber auch, weil er vernommen, daß bie 
Griechen ein den Mufelmännern an Zahl weit überlegenes 
Heer rüfteten, ein Schreiben an Chalid Jon Welid nad) Jraf 
mit der Weifung, fi fogleih mit einem Theile der irafani- 
ſchen Truppen zur fyrifhen Armee zu begeben. Chalid ge- 
horchte, obgleich er Dinar befhuldigte, dem Abu Bekr dieſes 
Schreiben dictirt zu haben, aus Furcht, er möchte durch die 
gänzliche Unterwerfung Perſiens allzuviel Ruhm ernten. In 
der That war aber Chalid's Perfönlichfeit jowohl, als die 
Berftärfung von neun taufend Mann, bie er mit fi führte, 
für das Gelingen des fyrifhen Feldzugs von höchſter Wich— 
tigkeit. Zwar hatte fi wahrſcheinlich vor feiner Ankunft 
Boßra fhon ergeben, auch hatten die Mufelmänner ein Treffen 
bei Adjnadein I) im fünlichen Palaftina gewonnen, Dann 509 


das fih mehrmals durd die Waffen den Weg bahnen mußte, und 
mehrere Städte, wie Ural, Tadmor und Kariatein brandichogte, 
nicht gut noch zur Belagerung Boßra's fommen Fonnte und dann 
noch der Schlacht von Adjnadein beimohnen, welche den 28. Djumadi 
Awwal ftatt fand. Uebrigens heißt ed audı in dem ©. 116 ange: 
führten Briefe Abu Bekr's an Chalid ausdrüdlih, er folle fich zu 
den am Sarmuf verjammelten Mujelmännern begeben.“ 

1) Weber die Zeit dieſes Treffens herrſcht mehr Gemißheit, weil 
auch der Tag der Woche, nämlich Sumftag, angeneben ift und der 
28. Djumadi Awwal vom $. 18 (30, Zuli 634) wirklich ein Sumftag 
war, warum ich aber nicht glaube, dag Chalid fhon dabei war, habe 
ih in der vorhergehenden Anmerkung aus einander gejeßt. Die 
Lage von Adjnadein ift nicht genau befannt. Bei Tabari heißt es, 
„zwiihen Ramla und Beit Hibrin“ (vielleiht ift aber Djibrin zu 
lefen), alfo nicht zwifchen Namla und Hebron, wie Kofegarten über: 


Abu Betr 4 


fih aber am Fluffe Jarmuf, welcher bei den Alten Hieromax 
hieß und jeßt den Namen Schariat Mandhur führt, ein grie- 
chiſches Heer zufammen, das wenigftens achtzig taufend Mann 
ſtark war und das, auch abgefehen von der numerifchen Ueber: 
legenheit, in feiner feften Stellung zwifchen diefem, zwei Stun- 
den unterhalb des Sees von Tiberias miündenden Fluſſe und 
dem Gebirge, nicht leicht angegriffen werben konnte. Dazu 
kam noch, daß die verfchiedenen arabifchen Feldherren zwar 
notbgedrungen zufammenbielten, doch betrachtete fich jeder als 
unabhängig vom Andern und fo fehlte es an einem in folcher 
Lage unentbehrlichen, Teitenden Haupte. Chalid ward zwar 
von Abu Bekr nicht über die andern vier Anführer der Trups 
pen erboben, aber durch feine Klugheit, fein Friegerifches Tas 
lent und feine Tapferfeit wurden fie ihn bald untergeordnet. 
Bor dem Treffen bei Jarmuf, als er diefe kleinliche Rivalität 
unter den Feldherren wahrnahm, welde fo weit ging, daß 


.—. 


fest, fondern zwiſchen Ramla und Beit Djibrin, dem alten Beto- 
Gabra, das ohngeführ in der Mitte zwifhen Askalon und Hebron 
liegt. Sm Kamuß heift es: Adjnadein ift ein Städtchen in der Ge: 
gend von Damask. Ueber Beit Djibrin vergl. Robinjon und Smith, 
Paläſtina, Bd. I. ©, 617 f. Bei Dſahabi Fol. 118 heißt es: Adj: 
nadein liegt zwif ben Ramla und Djaraſch, alfo nordöftlih von Ramla 
gegen den Sordan hin. Auch heift es dort: nach Einigen focht jeder 
Felöherr an der Spige feiner Truppen, nach Andern führte Amru 
den Dberbefehl. Ein Beweis mehr, das Chalid noch nicht einge: 
troffen war. Ein Spion, den der griehiihe Feldherr vor der Schladht 
von Adjnadein ins mujelmännijche Fager jundte, erftattete folgenden 
Beriht: Bei Naht find fie andächtig wie Mönche und bei Tage 
tapfere Ritter; begeht der Sohn ihres Königs einen Diebitayl, wird 
ihm wie jedem Andern die Hand abgejchnitten, begeht er einen Ehe: 
bruch, wird er geiteinigt, fo groß it die Macht des Geſetzes unter 
ihnen. Darauf foll der Feldherr, welcher Kankalar genannt wird, 
gejagt haben: Ber Gott, wenn deine Ausſage wahr ift, fo ift mir 
das Innere der Erde lieber, als einem ſolchen Feinde auf ihrer 
Dberflähe zu begegnen, Gott gäbe, Daß wir gefchieden blieben, ich 
wollte gern auf den Sieg verzichten, wenn ich nu vor einer Mie- 
derlage gefihert wäre! 


42 Erftes Hauptſtück. 


Amru und Fezid ſich nicht einmal fo weit herabließen, dem 
Abu Ubeida oder Schurahbil nacdhzubeten, ſprach er vor den 
verfammelten Häuptern der Truppen: „Es naht ein Schladht: 
tag, an tem Prahlerei und Lüge nichts nügen. Kämpfet mit 
reinem Sinn und ftrebet nur nad) Gottes Wohlgefallen! Dies 
fer Tag entfcheidet über alle folgenden. Kämpfet nicht ver: 
einzelt gegen ein Bolf, das euch in geordneten Schaaren ents 
gegenzieht. Das tft nicht recht und würde von dem, der eud) 
hierher gefendet, nicht gebilligt werden, wenn er es wüßte. 
Handelt aud) ohne den Befenl eures Gebieters, wo ihr willet, 
dag ihr mit feinem Willen übereinftimmet.” 


Da er aufgefordert ward, fich näher zu erklären, fuhr 
er fort: 


„As Abu Bekr uns in den Krieg fandte, zählte er auf 
unfere gegenfeitige Nachgiebigfeit und DBereitwilligfeit, einanz 
der beizuftehen. Hätte er Alles vorausgefchen, fo würde er 
euch ohne Zweifel unter einem Anführer vereint haben, denn 
eure jegige Trennung ift für die Mufelmänner weit fchlimmer, 
als Alles, was ihnen bisher widerfahren und den Ungläubigen 
heilbringender, als tie ihnen zugefommenen Berftärfungen. 
Ich weiß, daß nur weltliche VBortheile euch entzweien, aber 
bei Gott, es find doch jedem von euch die zu verwaltenden 
Länder fhon angewieſen. Davon verliert Niemand etwag, 
wenn er fi aud einem Andern unterwirft, nod wird fein 
Antheil vergrößert, wenn er über Andere gebietet. Dadurch, 
daß einer den Dberbefehl führt, wird weder bei Gott nod) 
bei dem Chalifen fein Anfehen erhöht oder erniedrigt. Auf 
alfo! der Feind ift fhon zum Angriff bereit, diefer Tag ent: 
fcheidet über alle zufünftigen, treiben wir ihn in feine Ver— 
ſchanzung zurück, fo wird er ung immerfort weichen müffen, 
jagt er ung aber in bie Flucht, fo haben wir feinen Sieg 
mehr zu erwarten. Auf alfo! Laffet ung mit dem Oberbefehle 
wechſeln, es übernehme ihn, der eine heute, der andere mor— 


Abu Bein 13 


gen und fo fort, bis ihn jeder von euch geführt, doch heute 
erfennet nur mich zu eurem Oberfeldherrn an I)!“ 

Diefe Worte wirkten auf die Häupter der Truppen; fie 
ernannten Chalid zum Emir und ein jeder von ihnen nahm 
die Stellung ein, die ihm von Chalid angewiefen ward. Abu 
Ubeida ward an die Spise des Centrums geftellt, Amru und 
Schurahbil befehligten den rechten und Jezid den Iinfen Flü— 
gel). Die Schlacht, an der fogar vier hundert Frauen 
Theil genommen haben follen, war eine ber blutigften, Die 
je im Islam gefochten worden und der Sieg blieb unent— 
fhieden, bis es endlih Chalid gelang, die griechiſche Reiterei 
von dem Fußvolfe abzufchneiden, fo daß fie das Weite fuchen 
mußte; dann fiel das vereinte mufelmännifche Heer, welches 
obngefähr 36000 Mann ftarf war, über die zwifchen dem 
Fluſſe und dem Gebirge zufammengedrängten Griechen ber 
und erftürmte ihr Lager ?). Die Niederlage der Chriften war 


1) Chalid hatte fo viel Selbitvertrauen, daß er einem Krieger, 
der ihm fagte: „wie groß iſt die Armee der Griehen im Verhält— 
niffe zur unfrigen!“ antwortete: Die Stärfe eined Heeres hängt 
nicht von ihrer Zahl ab. Bei Gott, wäre nur mein Nenner nicht 
lahm geworden von der Reije hierher, ich wollte gern dem Feinde 
eine doppelte Zahl Truppen gönnen! Tab. ©. 100, 

2) Bor dem Treffen ward jedoch noch verjucht, mit den Grie: 
hen Frieden zu fchliegen. (Bei Tab. ©. 108 3. 7 v. u. ift wahr: 
icheinlich nazalu ftatt taraku zu lejen.) Die Gefandten, welhe man 
zum griebiichen Feldheren, auch nach arabiihen Berichten Heraclius’ 
Bruder, führen wollte, mweigerten fih, unter feinem jeidenen Zelte 
Pag zu nehmen, und er ward genöthigt, fib außerhalb defjelben 
auf einem gemwöhnlihen Teppiche niederzulaffen, ihre Forderungen 
den Sslam anzunehmen oder Tribut zu entrichten, konnte er aber 
natürli doch nicht zugeftehen. 

3) Folgende Stelle aus Tab. ©. 100 läßt vermuthen, daß der 
Berraty eines griehiihen Generals auch einen Antneil am Siege 
der Mujelmänner hatte. Ich führe fie trotz ihrer Länge an, meil 
fie auch in anderer Beziehung wichtig ift: Djaradja (ein Grieche, 
wahrſcheinlich Georgius) trat zwifhen die Reihen der beiden Armeen 
und verlangte nad Chalid. Diefer Fam hervor und nachdem fie ſich 


44 Erftes Hauptſtück. 


(hrediih, denn es fanden eben fo viele im Waffer ihren 
Tod, ale das Schwert der Mufelmänner aufgerieben hatte, 


gegenfeitig Sicherheit zugefagt, traten fie einander fo nahe, daß die 
Hälje ihrer Pferde fih berüsrten. Djaradja ſprach dann: Eralid, 
fage mir die Wahrheit und füge mich nicht an, denn der freie Mann 
fügt nicht, hintergehe mich nicht, denn der Edle hintergeht nicht den, 
der feine Freundjchaft fucht. Sage mir, hat Gott eurem Propheten 
ein Schwert vom Himmel gejandt, das er dir gegeben, fo daß du 
jeden Feind damit in die Flucht treidft? Chalid antwortete: Nein. 
Warum heift du denn Schwert Gottes? fragte Djuradja. Chalid 
ermwiederte: Als ung Gott feinen Propheten jandte, der ung zu einem 
neuen Glauben aufrief, ſchenkten wir ihm fein Gehör und mieden 
ihn, doch nad und nach glaubten mande an ihn und folgten ihm, 
andere aber hielten fih fern von ihm und erklärten ihn für einen 
Lügner. Sch felbit gehörte fange zu Letzteren und war unter denen, 
die ihn befümpften. Dann faßte aber Gott unjer Her; und unjer 
Haupt und leitete und durd ihn, bi wir ihm folgten. Da ſagte er 
zu mir: Du bift ein Schwert, das Gott gegen die Götzendiener ges 
zogen und wünſchte mir fortwährenden Sieg. Seit jener Zeit nennt 
man mich „Schwert Gottes” und ich war in der That einer der 
furdtdarften Männer gegen die Gögendiener. Du haft wahr ges 
fproben, verjegte Djaradja, nun fage mir, Chalid, mas du von Mir 
forderft. — Das Bekenntniß, Daß Gott der einzige Gott it, Mo: 
hammed fein Knecht und fein Gejandter und die Beftitinung deifen, 
was ihm Gott geoffenbart. — Und wer dies nit ableat? — Der 
entrichte Tribut, dann fteht er unter unjerm Schutze. Und wer ihn 
nicht entrichtet? Den befriegen wir. — Und welden Rang nimmt 
der Meubefehrte bei euch ein? — Wir Fennen nur einen Rang; in 
Allem, was ung Gott zur Pflicht gemacht, ift fein Unterſchied zmi: 
fhen Bornehm und Gering, zmijchen den Erſten und dem Festen. 
— Coll denn derjenige, der fih heute zu euch gejellt, Gutes und 
Shlimmes mit euch theilen? mwodurd verdient er Das, da ihr doch 
längſt vorangegangen fein? — Der Neubekehrte hat mehr Verdienft 
als wir, die wir unter unjerm Propheten dieſen neuen Glauben ans 
genommen: mir huldigten ihm, als er in unjerer Mitte lebte, ung 
Nabriht vom Himmel brachte, mit der Schrift befannt machte und 
Wunder zeigte. Wer geſehen, was wir geiehen, und gehört, mag 
wir gehört, dem ziemte es, ıhm zu huldigen und fi dem Glauben 
an Gott zu ergeben. Bon euch aber, die ihr Feine der Wunder und 
Beweiſe gehört noch gefehen, mie wir, ift ed um fo verdienftooller, 


Abu Ber. 45 


von denen indeifen auch 3000 Mann das Schlachtfeld be- 
deckten. Dieſe für die Eroberung Syriens entſcheidende 
Schlacht, wie Chalid wohl mit Recht vorhergeſehen, fand 
ſchon unter dem Chalifate Omar's ) ſtatt, welcher am 22, 


wenn ihr aus Ueberzeugung und mit reiner Abſicht euch zum Islam be: 
kehret. — Sprichſt du wahr? täuſcheſt du mich nicht ? — Bei Gott, 
ih habe dir die MWahrbeit gejagt, ich habe fein Verlangen nad dir 
oder fonft jemanden von den Deinigen, aber Gott hat ſchon ge: 
währt, was du wünſcheſt. — Du haft wahr gefproden. — Djaradja 
fehrte dann feinen Schild um, neigte ſich zu Chalid hin und jagte 
ibm: lehre mich den Slam. Chalid führte ihn in fein Zelt, goß 
einen Schlaub Wajfer über ihn, dann betete er mit zwei Verbeu— 
gungen. Die Griechen, welche glaubten, Djaradja ſei gegen Chalid 
ausgezogen, ſtürmten mit feinen Dienern gegen Chalid heran und 
trieben tie Mujelmänner aus ihrer Gtellung, nur Sfirma und 
Harith Ibn Hiſcham nicht, welche die Wache hatten. Als aber die 
Grieben mitten unter den Mujelmäannern waren, beftieg Chalid fein 
Pferd wieder; das Gleiche that auch Djaradja, als die Griechen ſchon 
mitten unter den Mujelmännern waren. Segt ſammelten ſich dieſe 
wieder und Fehrten um. Die Grieben wollten aud ihre frühere 
Stellung wieder einnehmen, aber Chalid drang auf fie ein, bis ſich 
ihre Schwerter kreuzten und er ſowohl ald Djaratja hieb auf fie 
ein von Aufgang der Sonne, bis fie ficb zum Untergang neigte 
u. f. mw. Hierauf folgt dann, was fhon im Terte angegeben wor: 
den, dag Chalid zwischen die NReiterei und das Fußvolf drang. Aus 
diejer ganzen, am Schluſſe freilich nicht fehr Elaren Erzählung, glaube 
ih jedenfalls entnehmen zu dürfen, daß Djaradja durch feinen Ueber— 
gang zu den Mujelmännern große Verwirrung unter den Griechen 
heroorbradite und wahricheinfichh das ganze Corps, das ihm zu Hülfe 
geeilt, dem Schmerte der Mujelmänner überliefert ward. Möge 
der aelehrte Fejer übrigens an dieſem Beirpiele fehen, wie ſchwer 
ed iſt, aus orientafiihen Werfen unbezmweifelte Facta zu ſchöpfen 
und die in diefem Buche häufig vorfommenden „wahrfceinfich, ver: 
muthlich, vielleicht“ und dergleihen nicht der Sfeptif des Verfaifers, 
fondern der Natur der Quellen zufchreiben. Vergl. auch Schloſſer's 
Weltgeſch. I. 1. ©. 241. 

1) Manche Autoren fegen befanntlic die Schlaht am Jarmuk 
erft nach der Eroberung ron Damasf, aber nicht nur die angeführte 
Rede Chalid's und die Thatjache, daß er den Oberbefehl hatte, ſpricht 


46 Erftes Hauptflüd. 


Djumadi Achir des 13. Jahres der Hidjrab (23. Auguft 
634) dem am vorhergehenden Abende verftorbenen Abu 
Befr auf dem Throne folgte. Auf den Befehl des neuen 
Chalifen follte fogar bei Jarmuk fhon unter dem Oberbefehle 
des Abu Ubeida gefochten werden. Chalid veröffentlichte je— 
doch die Ernennung Abu Ubeida’s zum Oberfeldherrn, welde 
fur; vor dem Treffen oder während deſſelben eintraf, erft 


jpäter, nach einigen Berichten fogar ern nad) der Einnahme 
von Damasf, 


Abu Ubeida ließ nun ein Fleines Beobachtungsheer unter 
Baſchir am Jarmuk zurück und zog nad Mardj Affofar in 
der Abjicht, von bier aus zur Belagerung von Damasf zu 
fchreiten. Da aber die Griechen fi) aufs Neue bei Fachl 
am wefllichen Jordan, in der Nähe von Beifan, fammelten, 
während ein anderes Corps vom Norden her über Himf 
heranzuziehen drohte, blieb er in Mardj Affofar Tiegen, bis 
er fih vom Chalifen einen neuen Feldzugsplan eingeholt. 
Dmar befahl ihm, mit der Hauptarmee Damasfus, die Haupt- 


dagegen, fondern auch aus Theophanes erhellt, daß die Belagerung 
von Damasf erſt eine Kolge der gewonnenen Schladt am Jarmuk 
war. Auch fpricht der Umstand dafür, daß die Nachricht von Abu 
Bekr's Tod, der einftimmig in den Monat Djumadi Air des Sah: 
red 13 gefegt wird, vor oder während der Schlaht eintraf. Außer 
dem Treffen von Jarmuk wird auch von mehreren Autoren eined 
dei Mardj Alfofar erwähnt, und zwar von Dfahabi wenige Tage 
nach dem von Adjnadein, nach dem Ujun Altawarih, Mitte Djumadi 
Achir. Sujuti fagt nur nah der Schlacht von Adjnadein: „in die 
fem (13.) Suhre fand auch ein Treffen bei Mardj Affofar ftatt. Ver: 
muthlich hatten fih hier die flüchtigen Griechen gefammelt und den 
Mufelmännern auf ihrem Zuge gegen Damask in den Weg geftellt. 

1) Abu Beer ftarb am 22, Auguft, nicht am 23., wie bisher 
alle Europäer angegeben, denn es heißt ausdrüdiih am Montag, 
den 21. oder 22. Djumadi Air, je nahdem man annimmt, daß er 
vor oder nad Eonnenuntergang geftorben. »Masa leilat Althalatha« 
(bei Abulfeda ©. 220) ift doch, wie Sedermann weiß, der Abend 
von Montag auf Dienftag, der nad) europäiſcher Zeitrechnung jeden: 
falls zum Montag, aljo zum 22. Auguſt gehört. 


Abu Ber. 47 


ſtadt von Syrien, zu belagern. Nur ein Fleineres Corps follte 
gegen Fachl ziehen, um den Nüden der Belagerungsarmee zu 
decken und ein anderes eine Tagereife nördlih von Damasf 
lagern, um die von Norden ber zum Entfage beranrücdenden 
Griechen zurüdzutreiben, Beide Unternehmungen hatten ein 
glüdliches Ende. Dſu'l Kalaa fchlug die Griehen, die von 
Himß famen und Fezid die bei Fachl Gelagerten, welche ver- 
gebens das ganze Land unter Waſſer gefest hatten, Die 
Stadt Damasfug ward nun immer enger eingefchloffen und 
da von feiner Seite Hülfstruppen famen, mußte fie fi im 
folgenden Fahre (635) ergeben ). Während aber die Häupter 


1) Auch über die Zeit der Einnahme von Damasf fomohl als 
über die Dauer der Belaaerung weichen die Traditionen von ein: 
ander ab. Nah Ibn Ishak ward Damask im Radjab des S. 14 
erft eingenommen, alſo ein ganzes Jahr nah dem Tode Abu Bekr's. 
Masuri hingegen berichtet, daß ein Monat nad der Ginnahme von 
Damasf Haſchim mit einem Theile der fyriihen Truppen im Mus 
harram des J. 14 wieder in Sraf eintraf. Demnach müßte fie 
vor Ende des J. 15, etwa im Januar 635, ftatt gefunden haben. 
Damit ftimmt auch die Stelle- bei Tabari ©. 166 überein, wo es 
heißt: Die Damascener hatten gehofft, bei Annäherung des Winters 
würden die Mujelmänner die Belagerung aufheben; als dies nicht 
seihah, gaben fie alle Hoffnung auf und bereuten es, fih in Da— 
mask eingeichloffen zu haben. Daß auch Abulfeda die Eroberung 
von Damasf noch in das J. 13 fest, ift befannt; gegen alle ältern 
Quellen erwähnt er aber die Schlacht von Jarmuk vor der Einnahme 
von Boßra. Dſababi ift mit ſich felbit in Widerſpruch, denn er jegt 
aud die Schlacht von Fachl, die unmittelbar vor oder vielleicht fhon 
während der Belagerung von Damask ftatt gefunden, in den Monat 
Dſul Kaada, gibt die Dauer der Belagerung auf 4 Monate an umd 
ſetzt doch auch die Einnahme erft in den Radjab des J. 14. Nah 
Theophanes wird auch, wie fhon erwähnt, die Belagerung und Gin- 
nahme von Damasf ald eine Folge der verlorenen Schlacht am 
Sarmuf angegeben, legtere aber auf einen Dienftag den 23. Sult 
oder Auguft geiegt, je nachdem man ’Towkov oder »Lous« lieſt. 
Wir fonnen aber, da wir aus mufelmänniihen Berichten wiſſen, 
dag die Schlacht am Jarmuk ohngefähr mit dem Tode von Abu 
Beer übereinftimmt, nicht zweifeln, daß legtere Lefeart (vergl. Pagi 


48 Erftes Hauptftüd, 


der Stadt mit Abu Ubeida unterhandelten, drang Chalid von 
einer andern Seite her in die Stadt, die entweder wegen ei- 
nes Feftmahles, oder weil die Delagerten während der Unter: 
handlungen feinen Angriff erwarteten, fchledht bewacht war. 
Chalid behandelte die unglüdlihe Stadt als eine durch Ge— 
walt erftürinte, bis Abu Ubeida ihm entgegentrat und ihn 
nötbigte, den von ibm geſchloſſenen Vertrag anzuerkennen H. 


L. VII. ©. 1066) die richfige ift, weil im J. 634 nad) Chr. der 23. 
Auguſt wirklich ein Dienftag, der 23. Suli aber ein Samftag war. 
Dies überzeugt ung auch, daß Theophaned die Schlabt von Sarmuf 
um zwei Sabre zu ſpät fert, weil im 3. 655 und 686 weder der 
23. Juli noch der 23. Auguft ein Dienftag war. Diefer Irrthum 
kömmt daher, daß er zwar den Tod Mohammeds richtig in die vierte 
Sndiction, weldhe mit dem September 651 berinnt, jest, Dann aber 
doh Abu Bekr's Regierung erſt mit dem folgenden Sahre beginnt, 
ihr eine Dauer von zwei und ein halb Sahren verleiht und feinen 
Tod, fo wie Omar's Negierungsantritt in das Jahr 6126, 
ftatt 6125, fegt, das mit dem September 634 beginnt. Der zweite 
Irrthum kömmt daher, daß er, wahrjheinlih nach andern arabijchen 
Traditionen, welhe die Schlaht von Jarmuk in dag Sahr 15 der 
Hidjrah ferten, fie auch erst zu Ende des erſten Regierungsjahrs 
Omar's, ftatt zu Anfang dejjelben, angibt. Aber der von ihm an: 
geführte Tag des Monats und der Woche beftimmt ung, den andern 
Traditionen den Vorzug zu geben. 

1) Wer mehr Unterhaltung als hiftorifhe Belehrung fucht, der 
fefe bei Gibbon und Andern nach, was dem Theile der Bevölkerung 
widerfuhr, welcher die Stadt verließ, alles nach Wafidi, der eine 
befondere Vorliche für das Nomantifhe hat. Sch will hier nur, da 
Tabari von Allem nichts erwähnt, die Hauptmomente anführen! Zu 
den Bedingungen des Vertrags gehörte auch, daß den Auswanderern 
nur drei Tage Ruhe gegönnt werde, am vierten aber es den Mufel- 
männern frei ftehe, fie zu verfolgen. Zu jenen gehörte auch eine 
Griebin mit Namen Eudocia, welche Jonas, ein zum Slam über: 
getretener Grieche, liebte. Diejer hatte noch als Chriſt während der 
Belagerung von Damasf feine Geliebte entführen wollen, ward aber 
gefangen. Chalid verfprah ihm, wenn er den Islam annähme, ihm 
nach der Eroberung der Stadt feine Geliebte zu verichaffen. Eu: 
docia gehörte aber auch zu denen, welden eine dreitägige Sicherheit 
zugefagt war. Der verzweifelte Sonas fpähte daher dem Zuge der 


Abu Ber 49 


Ehe wir nun zu den weitern Fortfchritten der mufel- 
männifchen Waffen in Syrien und Paläftina übergehen, müffen 
wir zuerft nod einen Blick auf die legten Tage des Chalifen 
Abu Bekr werfen, fo wie auf die Vorfälle in Perfien nad 
dem Abzuge Chalid's. 

Abu Bekr, der Sohn Abu Kubafa’s, mit dem Beinamen 
Siddif (der Beftätigende), weil er zuerft Mohammeds Sen- 
dung und bejonders deſſen nächtliche Himmelfahrt als wahr 
erflärt, und Atif (der Freie) wegen feines edlen Ausfeheng 
oder weil ihn Mohammed von der Hölle frei geſprochen, der 
Unruben eingedenf, welche nah Mohammeds Tod die unent- 
fhiedene Erbfolge verurfacht, war darauf bedacht, noch bei 
feinem Leben diefe Frage zu Gunften Omars zu entfcheiden. 
Er ließ daher während feiner Krankheit die angejehenften und 
einflußreidhften Gefährten des Propheten zu fi fommen und 
fhilderte ihnen Omar als den tüchtigften und Fräftigften Dann, 
um die Zügel der Regierung mit ficherer Hand zu Ienfen. 
Dem Abd Arrahman Fon Auf ), welder einige Beforgnig 
wegen Omar’s Härte äußerte, fagte er: Dmar war nur fo 
fireng, weil ich zu weich war, herrſcht er einmal allein, fo 
wird er ſchon milder werben; denn fehr oft fuchte er mich 


Flüchtlinge nah und leitete Chalıid mit 4000 Mann in der Nacht 
som dritten zum vierten Tage einen nahen Weg über Berge und 
Schluchten, fo daß er fie noch einholte und bis auf einen einzigen 
Mann erfhlug, der diefe traurige Kunde nach Sonftantinopel brachte. 
Sonas fuchte natürlich feine Geliebte auf, aber fie wollte von einem 
Verräther und Abtrünnigen nichts wiſſen. Als er nach einem langen 
Gefechte mit ihr fie endlich entwaffnete, griff fie nach einem Dolche 
und machte ihrem Leben ein Ende. Auch eine Tochter des Heraclius 
ward gefangen und Sonas zum Erſatze geboten, aber er war troftlos 
und fiel fpäter im Kampfe für feinen neuen Glauben. Die Prin: 
zefiin aber fandte Chalid ohne Löjegeld ihrem Vater, dem Kaifer 
Heracliug, zurüd. 

D Bei Tabari ©, 148 ift in der Antwort Abd Errahmans 
wahrjcheinlich »fi ra’ jika« ftatt »min« zu leſen und fo zu überfegen: 
mBei Gott, er ift in deinem Sinne der Vorzüglichfte von Allen u, ſ. w.“ 

4 


50 Erftes Hauptſtück. 


zu befänftigen, wenn er bemerfte, daß ich zur Strenge geneigt 
war, und nur wenn ich zu mild war, zeigte er ſich hart.“ 
Dem Othman Ibn Affın fagte er: „ic weiß gewiß, daß 
Dmars Inneres beffer ift, als fein Aeußeres ſcheint.“ Beide 
bat er jedoch, von feinem Borhaben nichts verlauten zu Laffen. 
Erft als die Häupter der Muſelmänner beifammen waren, 
von denen er vielleicht Mandem Hoffnung auf die Nachfolge 
gegeben hatte, fragte er: Wollt ihr, daß ich cud) einen Nach— 
folger bejtimme? bei Bott, id) werde es nad) veifer Erwä— 
gung und ohne Bevorzugung eines Berwandten thun. Nach— 
dem fie gefehworen, ihm zu gebercdyen, nannte er Omar 
Fon Chattab, deffen Erhebung zum Chalifen er ſchon vorher 
durch Othman hatte ſchriftlich aufferen laſſen. Talha Ibn 
Ubeid Allah ſagte ihm hierauf: „wie magſt du Omar zu dei— 
nem Nachfolger beſtimmen? du weißt doch, was man von 
feiner Härte zu dulden hatte, fo Lange du noch neben ihm 
ftandeft, wie wird eg fein, wenn er allein herrſcht? Was 
willſt du antworten, wenn du deinem Herrn begegneft und 
er did) nad deiner Hrerde fragt?“ Da antwortete Abu 
Befr: „willft du mir Gottesfurdt predigen? wenn id) vor 
Allah trete, werde ich ſagen: Ich babe den Beiten deiner 
Leute zu meinem Nachfolger eingefegt.” „Iſt Omar rein 
und gerecht,“ fagte er ferner, „fo ift er wie id es von ihm 
erwarte, wird er ein gewaltthätiger Tyrann, fo war ich eben 
nicht allwiffend, doch habe ich dcs Beſte gewollt; die Uebel— 
thäter werden einft fchon erfahren, welches Ende ihnen bes 
vorſteht 1). 


1) Omar ſelbſt, dem einer feiner Freunde faate, daß mande 
ihn wegen feiner Derbheit nicht als Herrſcher haben wollen, foll 
darauf geantwortet haben: Gelobt fei Gott, der mein Herz mit 
Liebe zu den Muſelmännern gefüllt und das Ihrige mit Furt vor 
mir. Omar ſcheint in der That in feinen fpitern Sahren als Nes 
gent viel von der Heftigkeit verloren zu haben, die er unter Mo: 
hammed gezetat, wo er als ein wahrer Faruk (Trennender) jeden 
Augenblist bereit war, einen Kopf vom Rumpfe zu frheiden, Diejen 


Abu Bekr. 5 


Da Dmar während feiner ganzen Negterung ſich als ein 
tüchtiger Herrfcher bewährt, jo wollen wir aud Abu Befr 
wegen dieſer Vorfehrung, weldhe in Arabien ohne Beifpiel 
war, nicht tadeln. Selbft Ali fcheint dies eingefehen zu ha— 
ben, wenigftens wird aud von Niemanden behauptet, daß er 
irgend einen Widerſpruch erhob, wie dies bei der Wahl Abu 
Bekr's und der Othman's der Fall war. Er foll fogar dem 
fterbenden Abu Bekr zugerufen haben: „Gott erbaıme fi 
dein! du warft der erſte Gläubige und der Neinfte unter 
Allen. Du haft dem Propheten und den armen Mufelmän- 
nern dein Bermögen geopfert. Du warft Mohammeds treue: 
ter und nächſter Gefährte und ihm ähnlich in Sitten und 
Lebenswandel. Du ftandeft ihm zur Seite in jeder Gefahr 
und warft fein Begleiter auf der Flucht. Du warſt fein 
wiürdiger Nachfolger zur Zeit der Empörungen, ftarf, wenn 
Andere verzagten. Du warft der Getreuen Panier gegen 
Ungläubige und Heuchler. Deine Klugheit war eben fo groß 
wie deine Beredfamfeit und deine Tapferfeit. Der Glaube 
fand in dir eine fefte Stüge, die jedem Sturme troßte und 
den Gläubigen, denen du in Tugend vorangeeilt, warft du 
ein Tiebender Vater, Alle deine Nachfolger werden vergebene 
dir nadyzueifern fuchen, darum ift aud dein Tod im Himmel 
wie auf Erden bedeutungsvoll, doch wir find Gottes und 
fehren einft zu ihm zurück I.” 

Diefer Leichenrede müffen wir, fo weit unfre Kenntniß 
von Abu Bekr's Leben reiht, vollkommen beiftimmen, denn 
außer feiner Nachficht gegen Chalid Ibn Weliv, weldhe ihm 
die Staatsflugheit gebot, fann ihm weder Schwäche noch Uns 
gerechtigfeit vorgeworfen werden. Er felbjt foll indeffen auf 
feinem Zodtenbette drei Dinge bereut haben, Erftens daß er 
Aſchath Fon Keis nicht Hinrichten laſſen, zweitens daß er die 


Beinamen erhielt er aber, weil Mohammed glaubte, Niemand uns 
terfcheide fo gut Wahrheit von Lüge und Recht som Unrecht, wie er. 
1) Bekri. 
4* 


52 Erſtes Hauptſtück. 


Herrſchaft übernommen und nicht Mohammed vor ſeinem 
Tode über die Nachfolge gefragt habe, um alle andern An— 
ſprüche von Seiten ſeiner übrigen Familie zu beſeitigen und 
drittens nicht an dem Feldzuge gegen die Abtrünnigen Antheil 
genommen zu haben . Sein Privatleben war nicht minder 
tadellos und trog der Schäge, die ihm feine Feldherrn von 
der Beute zufandten, blieb er doch arm und fuhr fogar eine 
Zeit lang als Chalife noch fort, Handel zu treiben und feine 
Heerde auf die Weide zu führen, bis endlich Dinar und Abu 
Ubeida ihm bedeuteten, daß er feine ganze Zeit den Staats— 
angelegenbeiten zu widmen habe. Dann erſt entſchloß er fich, 
einige Tauſend Drachmen jährlich nebft einem Sommer- und 
einem Winterfleive aus dem öffentlihen Schatze zu nehmen, 
und felbft dies foll er vor feinem Tode durch Aiſcha wieder 
zurückgegeben haben. Wie fehr er gegen alles unnöthige Blut- 
vergießen und fonfiige Grauſamkeiten war, haben wir an 
mehreren Beifpielen gejehen. 

Als Gefetgeber ift Abu Bekr aud nicht ohne Berbienft, 
wenigſtens wird erzählt daß er, fo oft Fälle vorfamen, die 
weder durch den Koran noch durch die mündlichen Lehren Mo- 
hammeds entfchieden werden fonnten, er die gelehrteiten Diän- 
ner verfammelte und erſt nachdem er ſich mit ihnen beratben, 
ein Urtheil fällte, das dann für die Zukunft zum Gefege er- 
hoben ward. Er felbft befolgte aufs Strengfte die Borfchrif- 
ten des Korans; darum heirathete er aud; bloß vier Frauen. 
Bon feinen Kindern verdient außer Aifha, der Gattin Mo- 
hammeds, nur nod Mohammed, der Mörder Othmans, eine 
befondere Erwähnung. Um den Koran fcheint er fein an- 
deres Berdienft zu haben, ald daß er die zerftreuten Frag- 
mente deffelben fammelte und aufbewahrte, vielleiht auch 
Manches, das fih nur im Gedächtniſſe erhalten hatte, nieder- 
ſchreiben ließ. ine förmliche Redaktion des Korans und 
Berbreitung durch vollftändige gleihfürmige Abfehriften, fand 


1) Masudi fol. 183. 


Abu Bekr. 33 


erft unter Othman ftatt, wo wir auf diefen Gegenftand zu— 
rüdfommen werden. 

Abu Bekr ftarb nach einer Regierung von zwei Jahren, 
drei Monaten und einigen Tagen, in einem Alter von 63 
Jahren, an einem Fieber, das er fi) in einem Bade 14 Tage 
vor feinem Tode zugezogen "). 





1) Diefe wahrfheinlihere Tradition rührt nah Tab. ©. 186 
fowohl von Aida ald von Abd Errahman, dem Gohne und 
der Tochter Abu Bekr's her, verdient aljo jedenfalld den Vorzug 
vor einer andern, derjufolge Abu Beer ein Sahr vor feinem 
Tode von Juden vergiftet worden fein foll. Harith Ibn Killida, 
fo lautet dieſe Tradition, war Abu Bekr's Tiſchgenoſſe, aber er hielt 
noch zeitlih genug ein und fagte zu Abu Beer: du haft eine ver: 
giftete Speife genofjen, deren Gift nad einem Jahre tödtet; nad 
Abu Djafars Bericht ftarb Attab Son Ufeid in Meffa an demjelben 
Tage wie Abu Bekr; fie waren miteinander vergiftet werden. Die 
Mamen der Juden werden nicht genannt, auch wird Fein Grund an— 
gegeben, warum fie den Chalifen umgebracht, und das foll ein Jahr 
vor dem Tode Abu Befr’s geichehen fein?? Nimmt man nod zwei 
andere Weberlieferungen hinzu, welche Bekri anführt, denenzufolge 
er von Zuden verzaubert worden, oder in Folge eined Schlangen: 
biffes ftarb, den er auf der Fluht von Mekka in der Höhle Tor 
empfangen, fo fieht man offenbar, daß es dieſen Leuten nur darum 
zu thun war, ihn aud) ald Märtyrer fterben zu laffen, wie vor ihm 
Mohammed, an deffen Vergiftung ich auch nicht mehr glaube, und 
nah ihm Omar, Othmar, Alt, Hafan (2?) und Hujein. 9. Flügel, 
welcher ©. 21 ſchreibt: „er ftarb entweder, wie ed wahrſchein— 
fiher ift, an einem langjam wirkenden Gifte, das ihm Zuden in 
der Speije beigebradt haben follen, oder, wie Aifha berichtet, an 
einer Erkältung,“ hätte mwenigitens auch einen Grund für Ddiefe 
Wahrfheinlichkeit angeben follen, 


Zweites Hauptſtück. 


OO mar 


Verfügung gegen Juden, Chriften und frühere Rebellen, — Ent: 
fesung Chalids. — Abu Ubeids Feldzüge in Sraf. — Sein Tod. — 
Schlacht bei Kadefia unter Suad Jon Abi Wakkaß. — Eroberung 
von Madain. — Gründung der Städte Bafra und Kufa. — Omars 
Berdienfte um das Finanzwejen. — Unterjohung von Syrien und 
Paläſtina. — Dmars Reife nah Jeruſalem. — Krieg in Mefopo- 
tamien und Fars. — Hormuzand Befehrung. — Schlacht bei Dia: 
lula und Nehawend. — Eroberung der übrigen perfiichen Provinzen. 
— Gezdedjerds Untergang. — Amrus Feldzug nab Egypten. — Zu: 
ftand dieſes Landes. — Friedensfhluß mit den Kopten. — Ginnahme 
von Alerandrien. — Gründung der Stadt Foftat. — Verbindung 
des Wild mit dem rothen Meere. — Amrus Feldzüge in Pentupolis 
und Marmarif. — Ginnahme von Barka und Tripoli. — Omars 
ECorrejpondenz mit Amru. — Omars Ermordung und Teftament. — 
Dmars Berdienfte um den Islam. — Sein Privat: und öffentliches 
Leben. 


Dmar zeigte gleich) bei feinem Negierungsantritte, daß 
er im eigentlihen Sinne des Wortes zu berrfchen gefonnen 
fet, indem er fagte: Ber Gott, der Schwächlte unter euch 
wird mir als der Stärfite erfcheinen, bis ich ihm fein Recht 


Omar. 55 


verfchafft, den Stärfiten unter euch werde ich aber als ben 
Schwächſten behandeln, bis er fih dem Nechte fügt ). Die 
Araber gleichen einem Kameele mit wunder Nafe, das ohne 
Widerftreben feinem Führer folgt. Diefer muß aber fehen, 
wohin er es leitet. Auch ich, bei dem Herrn der Kaaba! 
id werde fie auf den rechten Weg bringen 2). 

Durch folgende Verfügungen zeigte er aber auch, daß er 
die übernommene Herrihaft zum Schuße der Gercechtigkeit, 
zur Bewahrung des Islams vor Jrrlehren und zur weitern 
Berbreitung defjelben durch das Schwerdt gebrauchen würde. 
Einen Mann wie Chalid, der feinen Kriegsruhm mit Mord 
befledt und mit zügellofer Ausihweifung, der ihm übrigens 
auch perſönlich verhaßt war, wollte er nicht länger an der 
Spige der fyrifchen Armee dulden. Er fchrieb daher an Abu 
Ubeida Ibn Djarrah: „Fürdte Gott, der allein ewig ift, 
während Alles außer ibm vergeht, der uns aus dem Irrthume 
und der Finfternig an’s Licht geleitet. Ich fege did) über 
das Heer Chaliv’s Ibn Welid, wache über deffen Wohl wie 
e8 dir obliegt. Stürze es in feine Gefahr, aus Berlangen 
nad) Beute. Laffe es an feinem Drte lagern, ten du nicht 
vorher auskundſchaften laſſen. Sende Nirmanden ohne ftar- 
fes Geleite aus! Hüte dich, die Mufelmänner ing Verderben 
zu ftürzen! Gott hat dich durch mid und mich durd dich 
verfucht 3). Halte deinen Blick von diefer Welt ab und vers 


1) Atulfeda ©. 222. 

2) Tab, ©. 156. Bekanntlich wird das Kameel an einem Gtride 
geleitet, der an einem durch die Naſe gezogenen Ringe befeftigt iſt. 

8) Tub. a. a. 9. Die Worte des Tertes lauten: »Wakad ab- 
läka bi waablani bika.« Kojegarten überiegt fie: »judicantem tibi 
tribuit me mihique te.« Nah dem Kuamus bedeutet die vierte Form 
von bala: verbrauchen, benahrictigen, eine Entihuldiaung zufommen 
laffen, ſchwören und beihmwdren. Keine tiefer Bedeutungen mill 
hier paſſen. Ich vermuthe daher, daß die dte Form auch mie tie 
Ite und Ste „verjuchen, erproben” bedeutet, oder daß ibtalani und 
ibtalaka gelefen werden muf. Der Sinn ift: dadurch, daß ich Did) 


56 Zweites Hanptftäd. 


fliege ihr dein Herz! Sei auf deiner Hut, daß fie dich 
nicht verderbe, wie fie Andre vor dir verborben, deren Sturz 
du wohl gejehen.” 

Eine zweite Maßregel, zur Bewahrung der Reinheit 
des Glaubens, war die Verbannung der Chriften, von Nadj- 
ran, angeblih nah Abu Bekr's und Mohammeds letztem 
Willen, damit auf der arabifpen Halbinfel, dem Hauptfise 
des Islams, nicht zwei Religionen herrſchen. Doch follten 
fie nicht nur mit all ihrer Habe abziehen, fondern ihnen fo- 
gar, je nach ihrer Wahl, in andern Ländern fo viele Tiegende 
Güter angewiefen werden, als fie in Nadjran befeifen 1). 
Aus demfelden Grunde vertrieb er auch fpäter die Juden aus 
Cheibar und Wadi-l-Kura und verpflanzte fie nah Kufa 2). 
Ehen fo mußten in allen eroberten Ländern, um Vermiſchung 
und Verwechslung der Gläubigen und Ungläubigen zu ver- 
hüten, 2estere durd) den Gürtel und die Farbe des Ober— 
fleidg und der Kopfbinde fi auf den erften Anblick kenntlich 
machen. 

Um das mufelmännifche Heer, ſowohl in Irak als ın 
Syrien zu verftärfen, erlaubte endlih Omar aud) denjenigen 
Arabern, welche nad) dem Tode Mohammeds abtrünnig ge— 
worden, und die Abu Bekr, aud nach ihrer Unterwerfung, 
von den immer treu gebliebenen Truppen ausgefchteden batte, 
gegen die Ungläubigen Krieg zu führen 3), und fo ward ge- 
wiffermaßen bei feinem NRegierungsantritte allen frühern Re— 
bellen eine vollftändige Amneftie zu Theil. 

Durh die Ernennung Abu Ubeid's Ibn Mafud zum 


zum Oberfeldherrn ernannt, wird Gott deine Tugend und Tapfer: 
feit erproben, und je nad) deinen Thaten wird auch mein Herrfcher- 
talent fi bewähren und meine auf dich gefallene Wahl gelobt oder 
getadelt und von Gott belohnt oder beftraft werden. 

1) Tas. ©. 176. 

2) Türk. Tab. ©, 181 im $. 21 der Hidjrah. Auch Dfahabi 
©. 183. 

8) Tab. ©. 180, 


Dmar 57 


Feldherrn über die Armee in Irak, zeigte Omar fogleih auch, 
daß er das wahre Berdienft höher ftelle als Alter und edle 
Abkunft. Dmar hatte nämlih in der Mofchee zu Medina 
dreimal die Gläubigen aufgefordert, an dem heiligen Kampfe 
gegen die Perfer in Irak Theil zu nehmen, weil die Perfer 
neue Heere rüfteten, während das der Mufelmänner durch 
den Abzug Chalids mit einem Theile der Truppen fo ges 
ſchwächt war, daß es fih faum noch in Hira und der näch— 
ften Umgebung diefer Stadt halten fonnte, Omars Aufruf 
fand aber feinen Anflang bei den Arabern. Erſt am vierten 
Zage meldete fich Abu Ubeid der Thakifite und feinem Betz 
fpiele folgten dann Andere, fo daß Omar bald taufend Mann 
abſchicken Fonnte, denen fi) nach und nach noch viele fremde 
Stämme, befonders von den frühern Abtrünnigen, anfchloffen. 
AS aber nunmehr von Omar verlangt wurde, er möchte 
einem ber Gefährten des Propheten den Dberbefehl übertra- 
gen, fagte er: „ich ernenne Abu Ubeid zum Feldherrn, weil 
er der Erfte war, der meiner Aufforderung Folge geleiftet 
und dadurch die Gefährten des Propheten übertroffen hat.“ 

Die Notb der Mufelmänner in Irak mußte fehr groß 
fein, denn Muthanna felbft, dem Chalid vor feinem Abzuge 
den Dberbefehl übertragen, war nad Medina gefommen, um 
fih von dem Chalifen ) neue Hülfstruppen zu erbitten und 
die Erlaubnig zu erwirfen, die wiederbefehrten Abtrün- 
nigen auch in die Reihen feiner Krieger aufzunehmen. Zwar 
hatte Muthanna nah Chaliv’s Abzug die Perſer unter Hor- 
muz Djadfuweih noch einmal bei den Ruinen von Babel ge- 
Schlagen, fpäter aber, als nad mehrfahen Fürftenmord Buran 
an die Regierung fam und der tapfere Ruſtum mit der Lei- 
tung des Kriegs gegen die Araber beauftragt ward, erhob 
fih überall das Bolf gegen Lestere, und als Muthanna, einen 


1) Abu Bekr war jchon franf, als Muthanna nah Medina 
fam, er trug aber Dmar auf, gleich bei feinem Regierungsantritte 
der Srafanifchen Armee Berftärfungen zufommen zu laffen. 


58 Zweites Hauptflüd. 


Monat vor Abu Überd, wieder nad Irak gelangte, befetste 
Diaban auf Ruftums Befehl das ganze Gebiet am weftlihen 
Euphratarme, fo daß jener es für rathjam fand, bis zur Anz 
funft der Hülfstruppen, fogar Hira zu verlaffen und das 
Lager der Mufelmänner nad Chaffın 7) zu verlegen. 

Abu Ubeid's perfönliher Muth ftellte indeffen bald wie- 
ber das alte Selbftvertrauen der Mufelmänner her. Nach 
einigen Ruhetagen in Chaffan griff er das perfiihe Heer bei 
Namarif, einer Stadt weftlid vom Euphrat, an und ba 
Diaban 7) felbft gefangen ward, fo ergriffen feine Truppen 
bald die Flucht gegen Kaskar hin, wo Narfes, ein Berwand- 
ter ber kaiſerlichen Familie, an der Spige eines andern klei— 
nen Heeres ftand. Abu Ubeid feste ihnen aber nach, trieb 
auch die unter Narfes ftebenden Truppen zu Paaren und be— 
mächtigte fi aller Schäße des Narſes in der Feltung Sa— 
fatie, in deren Nähe das Gefecht ftatt fand 3). Ein zweites 
Treffen gewann er dann nod) gegen den Feldherrn Djalinug, 
welcher Narfes eine Berftärfung zuführen wollte, der aber 
fhon vor feinem Eintreffen gefchlagen worden. 

Die Eroberungen, welde Abu Ubeid in Sawad ge- 
macht, gingen aber bald wieder verloren, denn die Perfer rüs 
fteten ein neues Heer unter der Anführung des Bahman 


1) Shaffan heißt nah dem Kamuß ein Wald in der Nähe von 
Kufa, mwahrjceinlih gegen Mordweft, an der Grenze der Wüſte. 
Nach Tab. (Cod. msc. Berol.) XI. 139. lag Chaffan 4 Pharafungen 
von Kadeſia. 

2) Der Araber, welher ihn gefangen nahm, Fannte ibn nicht 
und wollte ihn erfchlagen, 309 aber dann vor, zwei junge Sklaven 
als Löſegeld zu nehmen. Abu Mbeid nöthigte ihn, fein Wort zu 
halten, obſchon er nachher erfuhr, Daß es der perfiihe Feldherr war, 
der entweder erfchlagen oder zu einem größern Löſegeld verpflichtet 
merden follte. Tab. ©. 184. 

3) Als Abu Ubeid Fönialich bemirthet wurde mit Speiſen, die 
bisher die Araber gar nicht fannten, weigerte er ſich zu eifen, bis 
er die Verficherung erbielt, daß auch dem gemeinften Soldaten eine 
ähnliche Koft gereicht würde, Ebend. ©. 188. 


Dmar. ; 59 


Diadfuweib aus, das alle bisherigen an Zahl übertraf. Bah— 
man, welder den Beinamen Dful’ Hadjib führte, brad) gegen 
die Hauptarmee der Mufelmänner auf, welche wieder in ber 
Gegend von Hira ihr Lager hatte, doch machte er am öſtlichen 
Euphratufer, gegenüber den Ruinen von Babel, an einem 
Drt, welder Kuß Alnatif hieß, halt. Abu Ubeid z0g ihm 
entgegen und lagerte in Marwaha am weltlichen Euphratufer. 
Statt aber, nad) dem Rathe Sillits I) und anderer erfahre: 
nen Krieger, dem Feinde den Uebergang über den Strom 
fireitig zu machen, trieb ihn feine Verwegenheit an, über 
denfelben eine Brüde fchlagen zu laſſen und ihn jenfeitd des 
Eupbrats anzugreifen. Die Perjer hatten aber diesmal fo 
viele Elephanten bei fi, daß die Araber,ederen Pferde fcheu 
wurden, genötbigt waren, abzufteigen und gegen ihre Gewohn— 
beit zu Fuß zu kämpfen. Doc behaupteten fie demohngeachtet 
das Schlachtfeld, bis Abu Uberd von einem Elephanten zu 
todt getreten ward ?). Jhre Niederlage wäre indefjen nicht 
jo ſchrecklich geweſen, wenn fie fi über die Brüde in das 
weftlihe Euphratgebiet hätten flüchten fönnen. Aber Abd 
Allah Ibn Marthad, ein Araber aus dem Stamme Thafif, 
dem auch Abu Ubeid angehörte, zerftörte fie, um die Mufel- 
männer zu nöthigen, aus Berzweiflung von Neuem dem Feinde 


1) Sillit ſagte ihm, nah Tabari S. 194: Die Araber jind nie 
einem fo zahlreihen und wohl ausgerüfteten Heere begegnet, wie 
diesmal die Perjer Eins ung entgegenführen. Sie haben ihr Lager 
an einem Drte aufgeichlagen, wo mir feinen freien Tummelplag ha: 
ben, auch feinen Raum, um nah einem Rückgange wieder einen 
neuen Angriff zu machen. Abu UÜbeid ermwiederte: ich thue es nicht 
anders, bei Gott du bift feig. Da hierauf ein Bote fam, welcher 
von der Gerinsihbägung der Perſer gegen die Araber Nachricht 
brachte, ſprach er um jo entjchiedener für den Uebergang und hörte 
nicht auf die Mahnung Sillits. 

2) Nah Tab. ©. 200 hieb Abu Uberd dem Glephanten den 
Rüſſel ab, ftand ihm aber io nahe, daß, als er zuſammenſtürzte, er 
ihn erdrüdte. 


60 Zweites Hauptftüd. 


die Stirne zu bieten und den Tod ihres Feldherrn zu rächen N). 
Die Mufelmänner waren aber von einem folhen Schreden 
ergriffen, daß fie fih fchaarenmweife in den Strom ftürzten 
und hätte nicht Muthanna mit feinen Reitern den Feind fo 
lange in Schach gehalten, bis die Brüde wieder hergeftellt 
war, fo wäre das ganze Heer der Mufelmänner theild er- 
trunfen, theild dur das Schwerdt umgefommen. 

Nach diefer Schlacht, welche unter dem Namen Brüden- 
ſchlacht bekannt ift und vierzig Tage ?) nach der am Hiero- 
mar sorgefallen fein foll, die ein ganz anderes Ende nahm, 
wäre es den Perfern leicht geweſen, die Mufelmänner von 
der Grenze von Irak zu vertreiben, denn vier taufend waren 
umgefommen und zwei taufend flohen in ihrer Beftürzung 
bis nah Medina 3), fo dag Muthanna nur noch über drei 
bis vier taufend Mann zu gebieten hatte. Zu feinem Glück 
erhielt aber Djaban, als er im Begriffe fand, ihm über den 
Euphrat nachzuſetzen, die Nachricht, dag in Madain eine Em- 
pörung gegen Ruftum ausgebrochen, fo daß er genöthigt war, 
mit feinen Truppen gegen die Hauptftadt zurüdzufehren. Djaban 
und Merdanfchab, welche, in der Meinung, Dful’ Hadjib würde 
mit dem Hauptheere folgen, mit einer geringen Mannfchaft 
bis Lis gedrungen waren, wurden fogar von Muthanna ge- 
fangen und hingerichtet und der Drt Lis ward unterworfen 9). 

1) Er rief den Kriegern zu, erzählt Tabari S. 198: „ſieget oder 
fterbet, wie euer Anführer geftorben!” 

2) Tabari ©. 194. Ein neuer Beweis, daß die Schlaht am 
Jarmuk noch in das Zahr 13, Purz vor oder unmittelbar nach Abu 
Bekr's Tod zu jegen if. 

3) Dmar war jedoch, um die Araber nicht von fernern Kriegen 
gegen Perſien abzufchreden, Plug genug, die Flüchtlinge freundlic, 
aufzunehmen, indem er ihnen fagte: jeder Mufelmann, dem das 
Schickſal dem Feinde gegenüber ungünftig ift, findet bei mir Schutz. 
Gott erbarme fich des Abu Ubeid! wäre er in unfre Nähe geflüchtet, 
fo hätten wir ihn auch aufgenommen. 

4) Diefed Treffen heißt das kleine bei Lis, zur Unterſcheidung 
son der oben erwähnten Schlacht in der Nähe diefer Stadt. 


Omar. 61 


Omar bot indeſſen alles auf, als die Flüchtlinge nach 
Medina kamen, um neue Truppen zur Verſtärkung Muthan— 
na’s zu gewinnen. So oft fi) Freiwillige zur ſyriſchen Ar— 
mee meldeten, fagte er ihnen: die bedarf eurer Hülfe nicht, 
gebt Fieber nad) Irak und kämpfet dort für den Glauben 
fowohl, als für ein Leben, reih am irdifchen Genüffen! 
Manchen verfprady er fogar einen außergewöhnlichen Antheil 
an der Beute, um fie zu bewegen, nad Irak zu ziehen N). 
Erft als diefe Hülfstruppen ſchon in der Nähe waren, fandte 
Ruftum ein neues Heer über den Euphrat unter dem Ober: 
befehle Mihrans, welcher, weil er in Arabien aufgewachfen, 
am geeignetiten fchien, fie zu befämpfen. Sobald Muthanna, 
der in Mardj Aſſiba zwifchen Kadefia 2) und Chaffan fein 
Lager hatte, von dem Anzuge Mihrans Kunde erhielt, brad) 
er gegen den Euphrat auf und Tagerte in ber Gegend des 
fpätern Kufa auf dem öftlihen Ufer eines Kanals, welcher 
Buweib hieß, und beſchied auch Djerir und Ißmah, welde 
an der Spitze der frifhen Truppen bei Hira fanden, zu fi. 
Dmar’s Verbot zufolge, nie mehr vor einem Siege einen 
Strom zu überfchreiten, erwartete er Mihran auf dem wefte 
lichen Ufer. Die Schlaht war mörderiſch und der Ausgang 


1) So nad) Tab. ©. 202 dem Djerir und den Seinigen ein 
Vierttheil von dem für den öffentlichen Schag beftimmten Fünfttheile 
der Beute gegen die Beftimmung des Korans und den Gebrauch. 

2) Der Drt Kadeſia, in deffen Nähe fpäter eine blutige Schladht 
vorfiel, welche die Eroberung von Madain zur Folge hatte, lag nad 
Ritter X. 186 an der Grenze der Wüfte, neun Stunden weftlich von 
Bagdad, einige Stunden nordweftlich von Hira, fo daß letztere Stadt 
ohngefähr in der Mitte zwiſchen Kufa und Kadefta lag. Bei Tab. 
(eod. Berol.) XI. 139 lieſt man aber: „Als unter Manfurs Regie: 
rung der Alive Ibrahim ſich in Baßra empörte, ward Abu Fadhl 
zum Statthalter von Kadeſia ernannt und beauftragt, die Kufaner 
abzuhalten, fih Ibrahim anzufchliegen. Sie gingen nämlih von 
Kufa nah Kadefia, von da nad Udfeib, dann nah Wadi Affiba’, 
dann nad) Baßra.“ Diefem Berichte zufolge Fann Kadefia nicht fo 
weit nördlich gelegen fein. 


62 Zweites Hauptftüd, 


blieb ſchwankend, bis Muthanna ſich mit einem Fleinen Häuf— 
Tein fühner Reiter in das feindliche Centrum warf und ein junger 
Chrift von dem Stamme Taghlib den Feldern Mihran er- 
ſchlug. Diefe Schlacht heißt die bei Buweib, aud die 
Zehnſchlacht, weil viele Mufelmänner tabei waren, von denen 
einer zehn Perſer getödtet. Diefe hatten nämlich daffelbe 
Schickſal, welches die Araber bei der Brückenſchlacht getroffen. 
Als fie über den Euphrat fliehen wollten, war die Brüde 
ihon von Muthanna zerftört, der ihnen dadurch den Nüdweg 
abfehnitt. Sie zerftreuten fi) dann nad) allen Seiten am 
weftlichen Euphratgebiete, wo bie ihnen nachfegenden Araber 
fie leicht einholen fonnten. Doch ſcheinen die Perfer ſich vor— 
her an der Brüde nody einmal gefammelt und den Mufel- 
männern ein zweites blutiges Treffen geliefert zu haben, in 
welchem jene aber auch zuletzt unterlagen "). 

Nach diefer Schlaht bei Buweib, welde im Monat 
Ramadhan ?) vorfiel, alfo nicht einmal zwei Monate nad) 
der Brüdenfchlacdht, wagte es Muthanna wieder, Streifzüge 


1) Sm arab. Tabari ©. 218 heißt ed: „Muthanna bereute es, 
die Brücke befegt und zerftört zu haben und warnte feine Leute, nie 
mehr Aehnliches zu thun; denn, fagte er, man darf nie einen Feind 
in die äußerjte Verzweiflung bringen, -wenn er noch ftarf genug ift, 
fi zu vertheidigen.“ Sm türf, Tabari ©. 108 heißt es ausdrücklich: 
die Perjer ernannten einen neuen Feldheren, griffen die Muſelmän— 
ner an, tödteten 2000 Dann und trieben die übrigen in die Flucht. 
Doch Muthanna bradte fie wieder zum Stehen und fiel von neuem 
mit jolhem Ungeftüm über die Perſer, daß fie ſich abermals zer 
ftceuten. Dem türk. Tab. zufolge hatte nicht Muthanna, fondern 
ein Anderer, ohne deſſen Befehl, die Brücke zerftört. Diefem fagte 
Muthanna: durch die Zerftörung der Brüde haben wir 2000 Mann 
verloren. Nach einer andern Tradition im Urterte des Tab. ©. 224 
lag Djerir, gegen Muthanna’s Befehl, an der Brüde und erichlug 
ſelbſt Mihran, nahdem ihn Mundfir, von dem Stamme Dhobba, 
zu Boden geworfen. 


2) Tab. ©. 206. Muthanna ließ jedoch die Faften brechen, um 
die Truppen zu ftärfen. 


Dmar 63 


jenfeits des Euphrats bis an den zwifchen Madain und 
Djardjaria fliegenden Sib und bis in die Gegend von Tefrit 
anzuordnen. Cogar nad) Bagdad, feine ganze Tagereife 
oberhalb der Hauptſtadt Madain ), wo eine große Meffe 
gebalten wurde, wagte fih Muthanna mit feinen Neitern, 
indem er des Nachts von Aubar aufbrad) und hei Tages 
anbruch plögfih über den von den reichiten Kaufleuten be= 
fuchten Drt berfiel und ihn ausplünderte. Diefer fühne Hand» 
ftreih der Mufelmänner erweckte endlicy die Verfer aus ihrer 
Lethargie. Sie waren der ohnmächtigen Weiberherrfchaft müde, 
darum enttbronten jie Buran und festen Fezdedjerd ?), einen 


1) So bei Tab. ©. 230, übereinjtimmend mit Abulfeda und 
Edriſi. ©. Ritter a. a. D. ©. 198. 

2) Ueber die Thronfolge in Perſien zwiihen Siroes und Jez— 
dedjerd (623 — 634) lieft man ım türf. Tab, Bd. IL. ©. 118; Na 
Siroe's Tod, dejjen Regierung nur fieben Monate gedauert hatte, 
beitieg Schehrjur den Thron. Da diejer aber nicht von fürftlichem 
Geblüte und darım auch nicht beliebt war, ward er ermordet und 
Turan (Burun?), eine Schwefter des Chosru Verviz, auf den Thron 
gejegt. Dieje ernannte Ferruhjad, den Mörder Schehrjahrs, zu 
ihrem Vezier, und ihre Regierung war sehr beliebt, dauerte aber 
nur 16 Monate. Zu ihrer Zeit (7) itarb Mohammed und ward Abu 
Bekr Chalife. Nah ihrem Tode herrichte ihre jüngere Schwefter 
Adjurmivoht. Diefe war jo ſchön, daß Ferruchjad, einer ihrer Des 
jiere, um ihre Hand anhielt. Dieſer Antrag beleidigte fie, fie be: 
ftellte ihn daher um Mitternacht zu fich und ließ ihn ermorden. Als 
fein Sohn Rufum, der an der Spige eines Heeres in Chorajan 
ftard, dieß hörte, brach er mit feinen Truppen gegen die Hauptftadt 
auf, erftürmte den Föniglihen Palaft und tödtete Buran, Dieſer 
folgten dann Ardſchir, der wegen lintauglichfeit wieder entthront 
murde, dann Feirus, von den Nachkommen Nuſchirwan's, der ebens 
falld wieder vom Throne gejagt ward, weil ihm die Krone zu eng 
war, was man ald ein böjes Omen betrachtete, dann Ferruchjad 
aus dem weftlihiten Theile Aiiens, der nach fehd Monaten umge: 
brabt ward. Endlich rief man Sezdedjerd, einen Cohn Schehrjars, 
herbei, welcher jih in Fars aufhielt und damals erft 15 Jahre alt 
war. Im Aten Bande hingegen ©. 104 heißt es: Zur Zeit, als 
Abu Ubeid nad Sraf ging, waren die Perjer unter Turan ftarf. 


64 Zweites Hauptftüd. 


Sohn des Königs Schehrjar, welchen feine Mutter wunder- 
barermweife vor dem allgemeinen Prinzengemetzel gerettet hatte, 


Bor ihr herrſchte ihre Schwefter Adfurmidocht, welhe Ferruchfad 
heirathen wollte. Dieſer ward aber, als er fie des Nachts bejuchte, 
auf ihren Befehl ermordet, worauf fein Sohn Ruftum die Königin 
binrichten ließ und ihre Schweſter Turan an ihre Stelle feste. Auch 
heißt e8 ©. 108, daß Turan noch an der Regierung war, als Bag: 
dad geplündert ward, daß dann Sezdedjerd zum König ernannt ward, 
der damald 21 Sahre alt war, Damit ftimmt auch der arabifche 
Tabari S. 178 und 206 überein. Nah ©. 126 herrſchte Schehr 
Sran Son Ardſchir Ibn Schehrjar zur Zeit, ald Chalid nah Syrien 
ging, alſo im $. 13 der Hidjrah, ihm folgte Docht Zenan, Tochter 
Kisra's, fie wurde aber bald entthront und Sabur, Sohn Schehr 
Stang, erwählt. Sein Vezier Ferruchfad hielt um Adjurmidocht bei 
ihm an, er gewährte fie ihr, fie aber lieg ihn durch Sejawuſch er: 
morden, der auch Sabur erfchlug und fie auf den Thron feste. Daran 
reiht fih dann die ©. 178 erzählte Ermordung Adſurmidocht's durch 
Ruftum und die Nachfolge Buran’s. Bekanntlic herrſcht ſelbſt in 
den älteften Quellen die größte Meinungeverfchiedenheit fomohl über 
die Zahl als die Namen und Reihenfolge der perfifhen Regenten 
zwiſchen Sirves und Sezdedjerd. Vergl. Assemani bibl. orient. II. 
419. Eutych. annal. II. 253. not. et extraits 357 u. Mem. sur qq. antiq. 
p. 408 ff. Journal Asiatique 1843. p. 388 u. f. Merfwürdig und 
bezeihnend für den Werth oder vielmehr die Nichtigkeit der orien— 
talifhen Zeitrehnung ift, daß auc der Verfaſſer des Mudjmil Atta- 
warich, der fih rühmt, aus den älteften Quellen gefchöpft und die 
größte Behutiamfeit angewandt zu haben, Mohammeds Geburt in 
das Alte Regierungsjahr Nufchirwang fest und feinen Tod unter 
Purandocht's Regierung. Demnach müfte aber Mohammed 70 Jahre 
alt geworden fein; denn derfelbe Verf. gibt Nufchirman’d Regierung 
eine Dauer von 47 Sahren und 7 Monaten, der des Hormuz 23 J. 
des Perwiz 38 J., des Siroes 8 Monate, des Ardichir 1 G., des 
Schehriraz einen Monat und fieben Tage. Daß aber Mohammed 
nur ein Alter von 63, höchftens von 65 Sahren erreicht, ift bekannt, 
Eben fo widerfpricht er fih, indem er Dmar unter Purandocht Ehalife 
werden läßt, die ganze Dauer der zwiſchen Perwiz und Zezdedjerd 
regierenden Fürften und Fürftinnen auf 43. und 9 Monate angibt, 
und doch behauptet, Omar habe noch fünf Zahre gleichzeitig mit 
Jezdedjerd geherricht, da jener doch zehn und ein halb Jahr Chalife 
war. — Daß Abu Beer unter Purandocht Chalife geworden und im 


Dmar. 65 


an ihre Stelle. Diefer ein und zwanzig jährige Fürft ergriff 
fo energifhe Mafregeln, daß ganz Sawad fidy gegen bie 
Mufelmänner erbob und Muthanna genöthigt ward, von 
Dmar fchleunige Hülfe zu verlangen und fih bis an die 
Grenze der Wüfte, weftlih von Baßra, zurückzuziehen, wo 
er auch bald nachher, in Folge einer in der Brüdenfchlacht 
erhaltenen Wunde, fein Leben endete. Als Dinar am Anfang 
des 1Aten Jahres der Hidjrah von der Pilgerfahrt zurück— 
fehrte, zeigte er den Entſchluß, feldft an der Spike eines 
Heeres gegen Irak aufzubrehen. Als aber die Truppen fidy 
um ihn verfammelt hatten, gab er den PVorftellungen Abd 
Errabmans Ibn Auf nad) ) und kehrte nad) Medina zurüd, 
nachdem er Saad Ibn Abi Wakkaß, einen der älteften Gefähr- 
ten Mohammeds, der von Wuheib, dem Großonfel Mohammedg 
abftammte, zum Feldherrn ernannt hatte, Diefer verlieg Medina 
mit viertaufend Mann und wartete in Schiraf nod) weitere 
Hülfstruppen ab, die, yon Omar angefpornt, in fo großer 
Anzahl herbeiftrömten, daß er nach feiner Bereinigung mit dem 
fhon an der Grenze von Jraf ftehenden Heere über mehr als 


dritten Monate ihrer Regterung geftorben, während doch fein Cha— 
lifat über zwei Sahre dauerte, ift nur ein Verjehen des Weberfegers, 
im Terte Heißt es: „Zur Zeit der Purandoht war der Prophet 
fhon todt und Abu Befr ſaß auf dem Throne des Chalifats und 
ed war das End feiner Regierung” u. ſ. w. — Daß zwifchen Permiz 
und Sezdedjerd mehr als 41, Sahre liegen, ann nicht bezweifelt 
werden, da Griterer im 3. 628 ſtarb und Letzterer erft unter Omar, 
der 634 Chalife ward, an die Regierung kam. Hier ift wohl der 
Fall mit dem Berf. des Mudjmil Attawarich zu fagen: „Gott allein 
befigt die Schlüjfel des Verborgenen.“ 


1) So im arab. Tab. S. 24. Im türk S. 108 rieth ihm Abbas 
ab, Alt hingegen beftärfte ihn, nah Masudi ©. 185, in feinem 
Vorhaben. Auch berichtet derfelbe, daß, nachdem Omar feinen Ent« 
ſchluß aufgegeben hatte, er Ali zum Feldherrn ernannte, diefer aber 
den Oberbefehl ablehnte. Aus der ganzen Erzählung geht aber hers 
vor, dag Dmar nie ernftlich daran dachte, nah Irak zu gehen, fons 
dern nur dadurch mehr Leute herbeisiehen wollte. 

5 


66 Zweites Hauptſtück. 


30,000 Mann zu gebieten hatte, denen auch Richter, Secre— 
täre, Dolmetscher, Aerzte und Pretiger T) beigegeben waren. 
Nachdem er fein Heer geordnet und die Häupter der verfchie- 
denen Abtheilungen ernannt hatte, brad er nach Udſeib auf, 
das ohngefähr eine ZTagereife weitlih von Kufa Tiegt, und 
von hier zog er gegen Kadefta, den Grenzort des perfifchen 
Reichs, gegen die arabifhe Wüfte hin. Weiter durfte er 
nah Dmars ausdrücklichem Befehl nicht vordringen, um 
im Falle einer Niederlage gleich wieder den heimathlichen 
Boden erreichen zu können. Docd wurden von hier aug 
allerlei Raubzüge gegen das untere Euphratgebiet hin un- 
ternommen. Als indeffen Saad vernahm, daß Ruſtum in 
Sabat ?) in der Nähe der Haupiftadt ein großes Heer rüfte, 
fandte er vierzehn Männer zu Jezdedjerd, um ihn aufzufor- 
dern, entiweder den Islam anzunehmen, oder einen Tribut 
zu entrichten, weil ihnen nur dann ihre Religion geftattete, 
ihn in Frieden zu Taffen. Jezdedjerd vertraute auf Ruſtum 
und fein Heer und Tieß fogar dem Häuptlinge der arabifchen 
Gefandtichaft zum Spotte einen Sad voll Erde um den Hals 
hängen 3). Die Mufelmänner wurden aber dadurd nicht ent- 


1) Tab. ©. 256. Das heißt folde, die zum Kampfe anfporns 
ten (Dai). i 

2) Nah Tab. ©. 114 eine Tagereife von Madain, jedenfalls 
nicht, wie Nahr Schir, der Hauptftadt gegenüber, wie Ritter X. 
S. 199 nad Alulfeda berichtet, 


3) Nach arabifhen Berichten foll ihnen Sezdedjerd vorher allerlei 
Anerbietungen gemacht, tod dabei eine hochmüthige, für die Araber 
fehr verlegende Sprache geführt haben. Mugbira, der im Namen 
der übrigen Gefandten dag Wort nahm, fagte hierauf: Was du 
son unjerem Glend ſagſt, ift wahr. Unſere Armuth war fo groß, 
das Würmer, Schlangen und Scorpionen unfere Wahrung bildeten, 
die harte Erde war unjere Nuheftätte, die Haare unjerer Kameele 
und Ziegen mußten wir verarbeiten, um und vor Madtheit zu fügen, 
Unjer Glaube beftand in ewigen Kriegen und Raubzügen, wir tödte— 
ten fogar unſere Töchter, um fie nicht ernähren zu müſſen. Alles 


Omar. 67 


muthigt, ſie ſahen es vielmehr als eine gute Vorbedeutung 
an, daß der Kaiſer von Perſien ihnen ſelbſt freiwillig einen 
Theil ſeines Landes überliefert. Indeſſen vergingen mehrere 
Monate, bis Ruſtum die Muſelmänner angriff, es ſei nun, 
daß er, wie die Araber berichten, die Sterne beobachtete und 
ſie für die Perſer ungünſtig fand, oder was wahrſcheinlicher 
iſt, daß er es für klüger hielt, mit ſeinen Truppen das öſt— 
liche Euphratgebiet zu beſetzen und den Angriff der Araber 
abzuwarten Y. Jezdedjerds jugendliche Unbeſonnenheit, verbun— 
den mit den Klagen der Bewohner des weſtlichen Stromge— 
biets, welche fortwährend den muſelmänniſchen Raubzügen 
ausgeſetzt waren, nöthigten indeſſen Ruſtum, den Euphrat zu 
überſchreiten und den Müſelmännern in der Nähe von Ka— 
deſia eine Schlacht zu liefern. Mit dem Reichspanier an der 
Spitze, das aus einem reich verzierten Leopardenfelle ?) von 
zwölf Ellen Länge und acht Ellen Breite beftand, demfelben, 
um das ſich die Perſer unter Feridun zum Kampfe gegen Sohak 
geihaart, fochten die Heiden gegen die Mufelmänner drei Tage 
mit gleihem Muth und gleicher Ausdauer 3). Doc) neigte fi 
am britten Schlachttage der Sieg zu Gunften Lesterer, weil 
am zweiten gegen Abend ſechs bis acht taufend Mann friſcher 
Truppen unter Haſchim Ibn Diba aus Syrien anlangten, 


ward aber anders, ald ung Gott einen Mann aus unferem edelften 
Stamme fandte, der uns den wahren Glauben predigte, u. f. m. 
Tab. ©. 280. 

1) Auch foll er, natürlich nach arabifhen Berihten, im Traume 
einen Engel gefehen haben, der ins perfiiche Lager Fam, alle Waffen 
aufsob, fie verftegelte und Mohammed übergab, der fie dann dem 
Chalifen Omar überreichte. 

2) Masudi ©. 186. 

8) Die Namen der drei Schladhttage find wahrfcheinlich: Irmath, 
Ghawath und Amas (mit Ain). Griteres bedeutet nah dem Kamuß 
fo viel ald ichtilat, alfo Handgemenge, dann der Tag der Hülfe, 
wegen der hinzugefommenen Berftärfungen, dann der Tag des ers 
bitterten Krieged. So bei Masudi a. a. O. Bei Abulfeda ©. 230 
heißt der erfte Tag Aghwath, 

5 * 


68 Zweites Hauptftüd. 


diefelben, welche Chalid im Anfange des dreizehnten Jahres 
zur Schlacht von Jarmuk geführt "hatte I). Damasf war 
nun erobert Abu Ubeida mußte fie daher auf Dmar’s Befehl 
mit Andern, die fich ihnen freiwillig anfchloffen, wieder nad) 
Sraf zurückſchicken. Dod machte neh, wie die Araber ſich 
ausdrüfen, die ganze dritte Nacht hindurch die Mühle des 
Krieges die Runde, daher auch diefe Nacht die Nacht des 
Geheuls genannt ward, und erft am vierten Tage endete das 
Gemetzel mit der Zernichtung eines großen Theileg des per: 
fiihen Heeres, doc Foftete diefer Sieg au den Mufelmännern 
nicht weniger als fiebentaufend ihrer beiten Streiter. Unter 
den Gebliebenen waren audy vier Söhne der berühmten Chanfa, 
die von allen ihren Zeitgenoſſen als die befte Dichterin ver- 
ehrt ward. Sie begleitete fie fel&ft auf das Schlachtfeld und 
fagte ihnen am Abend vor der Schladt: „meine Söhne! ihr 
habt euch freiwillig zum Islam befannt und feid aus eigner 
Wahl zum Propheten gewandert. Bei Gott, dem Einzigen, 
ihr feid die Söhne eines Mannes, wie ihr die Söhne einer 
Frau ſeid. Ich habe euern Vater nicht hintergangen, euern 
Oheim nicht zu Schanden gemadt und euer Gefchledht nicht 
befleckt. Ihr wiffet, weldyen reichen Lohn Gott den Mufel- 
männern verheißen für den Krieg gegen die Ungläubigen. 
Bedenket, daß die ewige Wohnung diefem vergänglicdhen Auf- 
enthalssorte vorzuziehen ift. Wenn ihr morgen erwadet, fo 
rüftet euch zum Kampfe gegen euern Feind und flehet Gottes 
Beiftand an! feht ihr, daß die Schlacht recht ernft wird, fo 
eilet immer dahin, wo das Gefecht am blutigften und die 
Gefahr am größten.” Als fie ihren Tod vernahm, fagte fie: 





1 &o bei Masudi ©. 187 und Clmafin S. 21. Nah dem 
türf. Tab. ©. 109 erbielten die Perſer eine Verſtärkung von 20,000 
Mann (9) unter Bahram, Um die Araber zu ermuthigen und die 
Perfer zu täufsben, ließ dann Gaad in der Nacht eben fo viele 
Araber eine Strecke weit zurückgehen und erft am folgenden Tage, 
als die Schlacht wieder begonnen, heranrücen, fo daß die Araber 
fowohl, als die Perſer, fie für friihe Truppen hielten. 


Dmar. 69 


„Lob dem Herrn, der mich durch den Märtyrertod meiner 
Söhne ausgezeichnet” "). 

Wie immer, hatten auch dießmal die Elephanten, welche 
die Sronte der Perfer bildeten, den erften Andrang der arabis 
fhen Reiterei abgehalten, fo daß, als ihr Feldherr Saab, 
welcher wegen Unpäßlichfeit am Kampfe feinen thätigen Anz 
theil nehmen fonnte, durch den Ruf Allah Akbar (Gott ift 
der Größte) das Zeichen zum Angriff gab, gegen tie Ge— 
wohnheit der Araber zuerft das Fußvolk voranrüden mußte, 
um die Efephanten, denen fie die Nüffel abzubauen fuchten, 
zurüdzutreiben. Unter den Mufelmännern, welche durch ıhre 
Tapferkeit zu dem Siege bei Kadeſia beigetragen, wird befon= 
ders Abu Mihdjan, aus dem Stamm Thafıf, genannt, der 
wegen eines Weinliedeg in dem Haufe, wo Saad ſich befand, 
eingefperrt war ?). Es gelang ihm, deſſen Gattin zu bewe— 


1) Sujuti zum Mushni. Chanfa war die Tochter Amru's Ibn 
Scharid, aus dem Stamme Suleim, und die Mutter des Dichters 
Abbas Ibn Mirdas, welcher feine Mufe dem Propheten gemeiht. 
Chanſa ift nur ein Beiname, welcher eıne niedere Naſe bedeutet, 
ihr eigentliher Name war Tumadhir. Ste kam mit ihren Stamm: 
genpjien zum Propheten und befannte ficb zum Selam und er hatte 
viel Mohlgefallen an ihrer Perſon. Cie hatte lange Zeit nur ein: 
zelne Verſe gedichtet, bis zum Tode ihres Bruders und ihres Gatten, 
welche fie in größeren Gedichten betrauerte. Dmar gab ihr nad 
dem Tod ihrer Söhne einen vierfachen Sold, wie fie ihn bei ihrem 
Leben bezogen. 

2, Masudi © 188. Die Verfe, die ihm diefe Strafe zugezogen, 
lauten: 

Schlieft einjt der Todesengel meine Augen, 


fo fei ein Weinberg mein Begräbnißplag, 

ruht mein Gebeine auch im Schooß' der Erde, 

fo wird ihm Labung doch durch Nebenfaft. 
Begrabt mich nicht auf unfrudhtbarem Boden, 

fonft wird der Tod mir ſchrecklich und verhaßt, 

den ohne Furcht und Bangen ich erwarte, 

wenn mic erquicfet noch der Traubenduft.” 


Abu Mihdjan hieß nad einigen Abd Allah, nad) Andern Malıf 
und war ein Sohn Hubeibs. Dmar hatte ihn wegen des Weintrin: 


70 Zweites Hauptftüd. 


gen, ihn zu entfefeln und ihm des Feldherrn Waffen und 
Pferd augzuliefern. So fämpfte er den ganzen Tag und 
jobald die beiden Heere wieder in ihr Lager zurüdfehrten, 
lieg er fih wieder feine Fejfeln anlegen. Doch fcheinen aud) 
die Perfer am Euphrat, deren Truppenzahl nad mufelmän- 
nifhen, ohne Zweifel übertriebenen Berichten, doppelt oder 
gar viermal fo ſtark als die der Araber gewefen fein fol, 
wie vor ihnen die Griechen am Hieromar, befonders von den 
gegen fie fämpfenden Elementen überwunden worden zu fein. 
Wie in Paläftina der Südwind bie Chriften nöthigte, den 
Bekennern des Islams den Rücken zu febren, fo trieb hier 
den Feueranbetern ein Sturm von Welten her ſolche Staub- 
wolfen entgegen, daß fie nimmer länger den mit demfelben 
fie verfolgenden Mohammedanern die Stirne bieten konnten. 
Ruftum, welcher am Testen Tage das Centrum anführte, 
mußte, vom Staube geblendet, da der Sturm fein Zelt an 
feinem Plage ließ, unter einem Kameele Schutz fuchen. Er 
fürzte fi ins Waffer, als er fich verlaffen und den Feind 


kens mehrmals geißeln laſſen und zulest auf eine Snfel verbannt. 
Er entfam und flüchtete ftch zur Armee in Sraf. Aber Omar erfuhr 
es und befahl dem Feldherrn Saad, ihn einzufperren. Wach der 
Schlacht lief ihn Saad rufen und verſprach ihm, ihn nie mehr wegen 
des MWeingenujfes zu beftrafen, er aber ſchwur, er werde nie mehr 
Wein trinfen. Sch trank, fagte er, fo lange ich wußte, daß die 
Peitfhe mich wieder von meiner Sünde reinigen würde, nun aber 
werde ıch aufhören zu trinken, weil ich Gottes Strafe fürdte. Ein 
Sohn Abu Mihdjans kam einft zu dem Chalifen Muawia. Diefer 
fragte ihn: bift du der Sohn des Mannes, welcher in einem Wein: 
berge begraben fein will? und recitirte obige Verſe. Er antwortete: 
wenn du mir erlaubt, fo will ic dir ganz andere Verſe meines 
Vaters vortragen. Mit Muawia's Grlaubniß recitirte er dann ein 
Gedicht, in welhem er Tugend und Tapferkeit über Reihthum fekt. 
Es wird erzählt, man habe auf feinem Grabe in Adferbidjan oder 
Djordjan drei Weinftöcde gepflanzt, welche herrlihe Früchte trugen. 
Sujuri zum Mughni. Vergl. auch journ. Asiat. L. 11. ©. 139, 
wo ein Theil dieſer Geſchichte aus derfelben Quelle mitgetheilt 
worden. 


Omar, 11 


in feiner Nähe ſah, warb aber noch von einem Araber 7), 
ber ihn erfannte, erreicht und getödtet. Sobald die Mufel: 
männer Ruſtums Haupt faben, welches der Araber auf feine 
Lanze geſteckt, ftürzten fie mit neuem Muthe unter dem Nufe 
Allah Akbar über den Feind ber, welcher feinerfeits, durch 
den Verluft des Feldherrn entmuthigt, nur noch in der Flucht 
fein Heil ſuchte. Diefe Schlacht bei Kadeſia, welde nicht 
lange nad der Eroberung von Damasf ?) ftatt fand, machte 
Saad zum Herren des arabifchen Iraks, denn nunmehr Fonnte 
Sezdedjerd nur nod an die Erhaltung der öſtlich vom Tigris 
gelegenen Provinzen mit der Hauptftadt Madain denfen. Die 
Mufelmänner bedurften indeifen auch der Nuhe und ehe fie 


D) Sein Name war nad dem türf. Tab. ©. 110 Hilal Ibn 
Alkama. Gr brachte den Kopf vor Suad, weldher ihm Ruſtums 
foftbare Kleidung und Rüſtung fchenfte, von welcher das mit 
Perlen und Gdelfteinen bejeste Panzerhemd allein 60,000 Drachmen 
werth war. 


2) Wir haben ſchon oben erwähnt, daß Masudi diefe Schlacht 
in den Muharram des Zahres 14 fest. Nach Tabari fand fie auch 
im 5. 14 ftatt, mur etwas ipäter, da ja Dmar erft im Muharram 
den Feldheren Suad von Medina abjandte. Ihm folgt auch Elma- 
fin ©. 21, während Abul Feda S. 230 die Schlabt bei Kudefia 
unter den Begebenheiten des 15ten Zahres erzählt. Ebenſo Sujuti 
©. 144. Masudi bemerft indeffen auch, daß Andere, morunter 
Mohammed Ibn Ishak die Stlaht von Kadefia erft in dag 15te 
Sahr fegen, er ſtimmt aber nicht damit überein. Damit hängt na— 
türlih auch die Zeit der Gründung Bafras zufammen, welche in 
das Zahr 14 oder 15 fällt. Dſahabi (S. 127) feit die Schlacht bei 
Kadefia Ende Schammal oder Ramadhan des 3. 15 und aibt die 
Zahl der Perier auf 60,000 an, doch mit dem Bemerfen, daß An: 
dere fie ſchon in das J. 14 fegen. Da er jelbit indeiten die Grüns 
dung Kufa’d, wie Magudi, in das J. 15 fegt, fo fcheint er auch 
legterer Anfiht zu fein; denn es verging ein Jahr zmwijchen der 
Schlacht von Kadefia und der Eroberung von Madain, und Kufa 
ward erit erbaut, als die Mufelmänner das Klima der erorberten 
Stadt nit gut ertragen Fonnten, und höchft wahrfcheinlich erft nad) 
der Eroberung von Hulman. 


= Zweites Hauptſtück. 


den Krieg mit Jezdedjerd fortfegten, fanden fie es rathfam, 
ihre Macht am Euphrat zu befeftigen. Hira ward von Neuem 
unterworfen, die Feſtung Dbolla am Fluffe gleichen Namens 
befegt und in ihrer Nähe eine neue Stadt gegründet, welche 
wegen des weißen Bodens, auf dem fie erbaut ward, ven 
Namen Bafra erhielt ). Dur die Anlage diefer Stadt, 
nach welcher alle Bewohner der umliegenden Ortſchaften ver: 
pflanzt wurden, beberrfchten die Araber die Schiffahrt vom 
perfiihen Meerbufen her und zernichteten den Handel Perfiens 
mit Indien, während fie auf der andern Seite den Statt- 
halter von Chufitan, dem auch noch ein Theil des nördlich 
und nordweftlih vom perſiſchen Meerbufen gelegenen Gebiets 
untergeben war, in Echad hielten und fo die Macht der 
Perfer zerfplitterten. Die Unterwerfung von Obolla ſowohl, 
als die Gründung Baßra’s gefhah durch Otba, den Sohn 
Ghazwan's. Nach deffen Tod ernannte Dmar den Mughira 
Ibn Schu'ba zum Statthalter von Baßra, der aber eines 
Ehebruchs angeklagt ward ?), weshalb fpäter Abu Mufa Ala- 
hart diefe Statthalterfchaft erhielt. 


1) Das alte Bafra lag bekanntlich 17% bis zwei deutihe Meilen 
füdmweftlih von dem heutigen Bafra. Vergl. Ritters Erdfunde X. 
©. 58. 

2) Diefe ffandalöfe Gefhihte findet man ausführlich bei Abuls 
feda ©. 239 und fo Flar dargeftellt, daß ich nicht weiß, warum 
Reiske faat; »fateor hune locum mihi subobscurum esse.« Vier 
Männer, welhe in einem Haufe waren, dem Mughira’d gegenüber, 
fahen, als der Wind einen Faden von Mughira’d Gemach aufftie, 
wie er mit Umm Djumeil einen Ehebruch beging. (Das Wort Ghascha 
hat nad dem Kamuß diejelbe Bedeutung wie djämaa, es ift alfo 
unndthig, es in aschaka zu verwandeln.) Omar verhörte dann die 
Zeugen. Als drei derjelben ein vollftändiges Zeugnig abgelegt, fagte 
er: ich hoffe, daß Gott durch diejen Vierten nicht auch einen Mann 
entehren wird, der zu den älteiten Gefährten des Propheten gehört. 
Zijad, fo hieß der vierte Zeuge, verftand Omar's Wink und nahm 
zwar feine Anklage nicht zurüd, doch erflärte er, Mughira nur in 
einer verdäcdtigen Stellung mit Umm Djumeil, die That felbft aber 


Dmar, 73 


Erft in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahres (636) 
festen die Araber bei Anbar über den Euphrat und bemäch— 
tigten fih, nad mehreren Treffen, der Stadt Sabat und 
Nahr Schir am weftlichen Tigrisufer. Noch immer vertheis 
digten aber die Perfer die am öftlichen Ufer gelegene Haupt- 
ftadt Madain, und erft gegen Ende des Jahres, nach Finigen 
erft im 16ten Jahre der Hidjrah I), als die Zahl der Mufel- 
männer bis auf 60,000 Mann angefhwollen war, ſah Jez— 
dedjerd die Unmöglichkeit ein, ſich länger in der Hauptftadt zu 
balten, er überließ fie daher dem Feinde und zog des Nachts 
mit den ihm übrig gebliebenen Truppen und den leicht zu vet 
tenden Schäßen gegen Hulwan in das medifche Gebirgsland ?). 
Die Mufelmänner bemeifterten fich alsbald der verlaffenen Stadt 
und verfolgten noch die flüchtigen Bewohner derfelben eine 
Strecke weit, fo daß eine unermeßliche Beute in ihre Hände fiel, 
AS Saad in Madain einzog und die große Stadt mit ihren 
herrlichen Paläften und Luftgärten von Menfchen verlaffen fand, 
las er folgenden, auf die im rothen Meere ertrunfenen Egyptier 
ſich beziehenden Koransvers: „Wie viele Gärten haben fie ver— 
laffen und Duellen und Saaten, wie viele Wonne- und Luft 
pläße, an denen fie fi) ergößten. Wir (Gott) haben Alles einem 
andern Volke gefchenft und weder der Himmel noch die Erde 
weint über fie.’ Alles bewegliche Gut ward zufammengetras 


nicht geiehen zu haben, auch geftand er, nicht ganz gewiß zu fein, 
ob es mwirflih Umm Djumeil mar. (Ich lefe uschabbuhaha. Reiske 
iheint aschbahaha gelejen zu haben und überjegt daher unrichtig: 
aiebat simillimam nosse) Dmar fprah hierauf Mughira frei und 
ließ die drei erften Zeugen ald Verläumder ftrafen, weil der Koran 
zur Beftätigung des Ehebruchs vier Zeugen fordert. 

1) So bei Tab. S. 114. 

2) Die Stadt Hulman lag auf der großen Karamanenftraße 
zwiſchen Bagdad und Kirmanfchah, auf dem Grenzgebiete der alten 
aſſyriſchen und mediihen Reihe, dort lag das alte Calach oder 
Xalchas an einer gegen Weften fich erſtreckenden Felſenkette des 
Aagrosgebirgs. Vergl. Ritter IX. 478, 


74 Zweites Hauptſtück. 


gen und in den berühmten weißen Palaſt !) gebracht, in den 
Saad fein Hauptquartier legte. Der fünfte Theil wurde nad) 
den Borfchriften des Korans für den Staatsſchatz nad Medina 
geſchickt und obgleich zu diefem Fünftheile noch mande unzers 
theilbare Koftbarfeiten gelegt wurden, blieb doch noch fo viel 
übrig, daß ein jeder der 60,000 Mufelmännner, aus denen 
ihr Heer beftand, 12,000 Dradmen Silber für feinen An- 
theil erhielt. Unter den Runftwerfen, welche nah Medina 
gefandt wurden, war das Merkwürdigfte ein Teppich, drei— 
hundert Ellen lang und fechzig breit, welcher das Paradies 
vorftellte, deffen Blumen, Bäume und Früchte aus den Fofts 


1) Sn diefem Palafte, von dem befanntlich noch einige Mauern 
als einzige Spuren des ehemaligen Cteſiphon übrig geblieben und 
der unter dem Namen Swan oder Tauf Chosru befannt it, war 
ein Sual, der nıh Tab, ©. 114 eine Fänge von 300, eine Breite 
von 120 und eine Höhe von 100 Ellen hatte. Dieier Swan wurde 
von Kobad Ibn Feirus erbaut, von jeinem Sohne Nuſchirwan aber 
erft vervollfommnet. In deſſen Mitte ftand ein goldner Thron, auf 
dem Recht und Gerechtigkeit gehandhabt wurde. Ald Saad hinein: 
trat, verrihtete er ein Gebet mit acht Kniebeugungen u. f. w. 
9. Flügel bedarf hier vielfaher Berihtigungen, denn er fchreibt 
S. 28: „Sm folgenden Jahre (nah der Schlabt von Kadefta, die er 
in das 3. 636 fest) ſchon fiel die Hauptftadt des damaligen Herr: 
ſchers Medain (Eteiiphon). Sie lag, mie fpäter Bagdad, am Eu: 
phrat, jo an den beiden Ufern des Tiaris. Unverweilt eilte der 
Sieger von Kadefia hin in den weißen, von dem Propheten feinen 
Gläubigen verheißenen Chosrven: Palaft (Iwan Kisra). Allein erft 
im März 637 gelang es dem Sa’d, den Uebergang über den Tigris 
zu erzwingen.” I) Sag Medain nicht an den beiden Ufern des Tigrig, 
fondern nur am öftlihen, die weftliche Stadt hieg Nahr Scir. 
2) ag auch das fpätere Bagdad nicht am Guphrat, fondern eben: 
falld am Tigris, mehrere Stunden nördlih vom alten Mavdain. 
3) Befund fich der weiße Palaft auch bei oder in Mudain, alfo auf 
dem öftlichen Ufer, der Eieger von Kadefta konnte alıo nicht unver: 
meilt dahin eilen, wenn ed Saad erft im März 637 gelang, den 
Vebergang über den Tigrid zu erzwingen; denn Saad oder fein 
mufelmännijches Heer ift doch mit dem Sieger von Kadefla ganz 
identifch. 


Dmar. 75 


barften Edelfteinen gebildet waren. Dmar follte ihn als ein 
Prachtſtück aufbewahren, aber er zertbeilte ihn unter den Ge— 
fäbrten des Propheten. Ali's Stück allein war aber nod 
10,000 Silberftüde werth. Diefen Teppich fanden fie in dem 
weltberühmten Valafte, deffen Trümmer fidy bis auf den heu- 
tigen Tag noch erhalten. Dort fanden ſich auch Foftbare mit 
Edelſteinen beſetzte Waffen, die Reichskrone mit ungeheuern 
Diamanten, ein goldenes Kameel und ganze Vorräthe von 
Moſchus, Ambra, Sandelholz und Kampfer, dag die Araber 
für Salz hielten. Nicht lange nah der Eroberung von 
Madain, nad den meiften Berichten noch vor Ende des 
fünfzehnten Jahres, doch wahrſcheinlich erft im fechzehnten 
Jahre der Hidjrab ward die Stadt Kufa ), weftlih von 
einem Cupbratarme, der ſich feither verloren, gegründet. 
Dmar mochte bei der Wahl diefer Gegend zur Gründung 
einer neuen Stadt nicht nur, wie die Araber berichten, die 
veinere Luft berücfichtigt haben, fondern auc den Umftand, 
daß fie gegen die immer noch mächtigen Feinde des Is— 
lams ſich befjer vertheidigen ließ, während auf der andern 
Seite es ihm auch leichter ward, feine Oberherrſchaft über 
die Statthalter diefer ohnehin ſchon fernen Länder immer 
geltend zu machen. Aus demfelben Grunde gejtattete er auch 
fpäter den Mufelmännern in Egypten nicht, fih in Memphis 
und deſſen Gebiet anzufieteln, fondern lieber am öftlichen, 
Arabien näher gelegenen Nilufer die Stadt Foftat zu gründen 
und eben fo Baßra nit an die Stelle des frühern Obolla, 
fondern weftlih vom Euphratarme. Dazu fam noch wahr- 
ſcheinlich Dmars Furt, die Araber möchten, bei einer Nie: 
verlaffung in einer Stadt, welche an Pracht und Herrlichkeit 
mit Rom und Byzanz wetteifern fonnte, ellzufchnell ihre an— 


1) Der Kamuf gibt verfchiedene, doch nicht fehr befriedigende 
etpmologifhe Gründe für den Namen Kufa an; das Wahrfheinlichfte 
it, daß jkon vor Gründung der Stadt ein Fleiner Hügel dajelbft 
diejen Namen führte. Tab. ©. 116 fest die Gründung Kufa’s erft 
in das Jahr 17, Andere Meinungen haben wir jhon oben erwähnt. 


” 


76 Zweites Hauptftüd, 


geborne Einfachheit verlieren und in alle Schwächen und Lafter 
verfinfen, die ihren früheren Bewohnern den Untergang be— 
reitet N). 

Wir verlaffen jest die Araber am Euphrat und Tigris 
und wenden ung, ehe wir ihre weiteren Kämpfe gegen Jez— 
dedjerd erzählen, zu ihren Brüdern in Syrien und Paläftina 
bis zur völligen Unterjochung diefer Länder, Vorher müffen 
wir aber eine von Omar getroffene Maßregel erwähnen, welche 
in dieſe Zeit fällt und wahrſcheinlich durch die Eroberung von 
Madain und die ihm nad) derfelben zugefloffenen Schäge her- 
vorgerufen ward. 

Mohammed hatte befanntlid nad) dem Treffen bei Bedr 
befohlen, oder vielmehr als göttliche Offenbarung befannt ge— 
macht, daß vier Fünftel der Beute unter den Kriegern vers 
theilt werden, ein Fünftel aber ihm zufallen follte, für ihn 
und feine Berwandten und zur Unterftügung der Armen, Wai— 
fen und Wanderer. Diefes Gefeg ward fortwährend, bei allen 
Kriegen und Naubzügen, ftreng beobachtet. Mohammed fowohl 


1) Tabari S. 116 erzählt, dag Saad fih in Kufa einen Palaft 
bauen lief, nah dem Mufter des Taf Chosru in Matain umd jogar 
von diefem ein Portal nah Kufa bringen lieg, um es zu feinem 
Yalafte zu vermenden. Ald Dmar dies vernahm, fandte er Moham— 
med Ibn Maslama nah Kufa mit dem Befehle, dieſen Palaft in 
Brand zn ſtecken, Saad jchrieb er aber einen Brief, deſſen Inhalt 
war: „Sch habe gehört, du mollteft einen Palaft bauen nad dem 
Modell des Palaftes der Chosroen und fogar ihre Pforte dazu ge: 
gebrauchen. Willft du fie etwa auch wie jene mit Wachen und Pfört: 
nern befegen, welche den Leuten, die ein Anliegen zu dir führt, Ten 
Zutritt verfagen ? Willft du jo von der Sitte unſeres Propheten ab: 
weichen und die Bahn der perfiihen Kaiſer wandeln, welche in die 
Hölle hinabaeftiegen trog aller Pracht ihrer Luſthäuſer? Darum 
fende ih Mohammed Ibn Maslama, damit er deinen Palaft ver: 
brenne. Zwei gewöhnliche Häuſer müſſen dir genügen, das eine fei 
für dich und das andere verwende zur Aufbewahrung des öffentlichen 
Schatzes.“ Diejer Palaft blieb nun verwüſtet, bis ihn Zijad unter 
Muamia’s Regierung wieder aufbaute, 


Dmar. 77 


als Abu Bekr hatten aber über die Vertheilung des empfangenen 
Fünftels nichts beftimmt, ſondern verfügten darüber ganz nad) 
den momentanen Bedürfniffen, Erfterer fogar, wie wir im 
Leben Mohammed’s gejehen T), zuweilen ziemlich willkührlich. 
Dmar bingegen batte in der erften Zeit feiner Negierung, 
um bei der Größe feiner Unternehmungen ſtets für den Noth- 
fall über bedeutende Mittel gebieten zu fünnen, den ihm zu— 
gefommenen Antheil an der Beute gefammelt, big endlich, 
nad) der Eroberung von Madain, die öffentliche Schatzkammer 
dermaßen angefüllt war, daß er, ohne das Wohl des Staats 
zu gefährden, über einen Thril derfelben zu verfügen im 
Stande war. Die Teilung follte aber nad beftimmten 
Grundfägen ftatt finden und er richtete daher eine eigne Fi— 
nanzfammer (Diwan) zum Behufe derfelben ein. Zuerft 
wurden die Namen der mit Mohammed verwandten Söhne 
Haſchims eingetragen, an deren Spige Abbas, der Oheim 
des Propheten, mit einem jährlichen Gehalte von zwanzig— 
taufend Drachmen ftand 2). Hierauf folgten diejenigen, welche 
am Treffen von Bedr Theil genommen. Sodann diejenigen, 
die fich zwifchen diefem Treffen und der Eroberung von Meffa 
zum Islam befehrt und für denfelben gefochten. Hierauf 
foldhe, die nad der Eroberung von Meffa, doch noch vor 
dem Tode des Propheten Mufelmänner geworden ?). Nah 
diefen wurden die Namen ber Krieger in Syrien und Irak 


1) ©. 259 u. ff. 


2) So bei Tab. ©. 114, wo aber das Wort „bin“ fehlt, bei 
Abulfeda ©. 228 heißt es „fünf und zwanziataufend “ auch find dort 
die Abtheilungen verſchieden. Nah Diahabi S. 143 erhielten die 
Ausmanderer 5000, die Hülfsgenojjen 4000 und Mohammed's Frauen 
12,000 Drachmen. 


8) Demnab wäre Omars vielgepriefenes Wort: daß die Tugend 
im Himmel ihren Lohn finden würde, er aber die Güter der Erde 
nur nad den Bedürfnifien der Mufelmänner vertheilen dürfte, 
wenn auch vielleicht nicht erdichtet, doch jedenfalls nicht mit Conſe— 
quenz in Anwedung gebracht worden, 


78 Zweites Hauptftüd. 


aufgefchrieben, fo wie bie der Frauen, deren Männer in 
einem dieſer Kriege gefallen. Nach diefen Abftufungen und 
im Berbältniffe zur Kinderzahl wurden die vorbandenen 
Summen vertbeilt, nur die Wittwen des Propheten wurden 
befonders begünftigt, indem eine jede 10,000 Drachmen jähr- 
lih erhalten ſollte. Für ſich felbft nahm aber Omar nur fo 
viel, als er zu feinem einfachen Leben bedurfte, Näheres tft 
über diefe Einrichtung nicht befannt, doch ift nicht zu zwei— 
feln, dag auch fonitige Arme und Unglüdlihe, der VBorfchrift 
des Korans gemäß, welche noch bis auf den heutigen Tag 
als Gefeg gilt I), von Omar bedacht wurden, fonft müßten 
wir diefe Maßregel eher tadeln, als Toben. Sie ift aber 
auch noch darum befonders wichtig, weil fie nothwendigerweiſe 
aud) ein genaues DVerzeichnen der Staatseinnabmen erforderte, 
welche nicht blos aus der Beute beftanden, fondern auch aus 
den feftgefegten Armenfteuern und Afmofen für Dlufelmänner, 
und aus dem Tribut Grund» und Kopfſteuer für Nichtmufelmän- 
ner, fo daß man fie alfo überhaupt als einen Anfang zu einem 
geordneteren Finanzwefen betrachten kann, das aber natürlich 
erft nad und nad fi vervollfommnen mußte). Daran 


1) Die mufelmännifhen Theologen oder Juriſten faſſen den 
Ausſpruch des Korans nach dem Buchſtaben auf und fo lieft man 
in dem Handbuche tes Sbn Kafim: „die im Kriege eroberte Beute 
wird in fünf Theile getheilt, vier Fünftel erhalten die Truppen, 
welche fie erobert, und zwar die Reiter drei Theile und die Fuß: 
gänger einen Theil. Das übrige Fünftel wird wieder in fünf Theile 
getheilt, und zwar ein Theil für den Propheten und nad) feinem 
Tode für das Wohl des Islams (Befoldung der Richter, Feftungsbau, 
Waffenrüſtungen u. dergl.), ein Theil für die Nachkommen der 
Söhne Haſchims und Muttalib, ein Theil für Arme, ein Theil für 
Maijen und ein Theil für Wanderer.” 

2) Auch Theophanes (S. 522 der Bonner Ausgabe) erzählt, dag 
Omar in dem Zahre, in welchem er Perfien eroberte, alle ihm un: 
terworfenen Länder genau verzeichnen ließ, und zwar nicht blos die 
Zahl der darin wohnenden Menſchen, fondern auch die der Lajtthiere 
und fruchtbaren Felder (das ift wohl mit dem Worte guro» gemeint, 
gewiß nicht die Aufzählung der einzelnen Pflanzen). 


Omar. 79 


fnüpft ſich endlich auch noch die Feftfesung einer Nera und 
ihren Gebrauch bei fchriftlihen Dofumenten, als nothwendige 
Bedingung eines geregelten Staatshaushalts. Man wählte 
die Auswanderung Mohammeds aus Meffa zum Anfange- 
punfte, weil mit derfelben das Gedeihen des neuen Glaubens 
begann, um jedoch nicht die ganze Ordnung der Monate zu 
zerftören, vechnete man nicht vom Tage der Auswanderung 
an, fondern vom erften Muharram des Jahres, in welchem 
fie ftatt fand I. 

Wie in Perfien nad) der Schlacht von Kadeſia, fo fcheinen 
auch in Syrien nad) der Einnahme von Damasf die Waffen der 
Mufelmänner ein ganzes Jahr hindurch gerubt zu haben, wag hier 
ſchon der Abzug eines Theils der Truppen nad) Irak nothwen— 
dig machte. Ihre erfte größere Unternehmung war gegen die 
Stadt Himß gerichtet, welche fih nach einer Niederlage der 
Griehen in ihrer Nähe unter denfelben Bedingungen wie 
Damasf ergab 2). Das Gleiche that bald nachher die Stadt 
Ziberias gegen die Amru Jon Aaß und Schurahbil zu Felde 
zogen und in deren Nähe, ſchon während der Belagerung 
von Damasf, Byfan war erobert worden. Nach der Ein- 
nahme yon Himß dehnte Abu Übeida feine Eroberungen nad 
Norden aus und nahm Hama und Sceifar, Maarra, Ki— 
nesrin, Antiochien und Haleb. Kinesrin wurde zerftört, weil 
diefe Stadt erſt nad einem Ausfalle Friedensvorfchläge ge- 

1) Rab Sujuti ©. 144 ward diefe Zeitrehnung im J. 16 der 
Hidjrah, und zwar auf Ali's Rath, von Omar eingeführt. 

2) Himß, heißt es bei Tab. ©. 112, ward im Winter belagert. 
Heraflius ermahnte die Stadt zur Ausdauer, in der Hoffnung, die 
Mufelmänner würden die Kälte nicht ertragen können; da fie aber 
die Belagerung nicht aufhoben und im Innern der Stadt Mangel 
aller Art herrſchte, machte fie Friedensvorfchläge. Demnach wäre die 
Eroberung diejer Stadt in den Anfang des 15ten Jahres (Februar 636) 
zu fegen. Eo heißt es auch bei Djahabi (S 125): Am Ende des 
Sahres 14, nah Andern am Anfang des 15ten Sahres, ward Himf 
und Balbek erobert, worauf dann Heraklius von Antiochien nad 
Eonftantinopel floh. 


80 Zweites Hauptftüd, 


macht. Andere Truppenabtheilungen unter Amru Ibn Aaß, 
Schurahbil und Fezid wendeten ſich gegen Paläftina und die 
Küfte des mittelländifhen Meeres, Die auh im Laufe des 
16ten und 17ten Jahres von Latafie bis Ghaza in die Hände 
der Mufelmänner fiel. Einen fräftigen und längern Wider— 
ftand fanden fie nur vor Cäſarea !) und Ferufalem?). Lestere 
Stadt, die fefteite in ganz Paläftina, beftand darauf, fi nur 
Omar felbft zu unterwerfen, welcher, erfreut, eine Gelegenheit 
zu finden, an der Berherrlihung des Islams auch perſönlich 
beizutragen, die Reife nach Syrien machte und während feiner 
Abweſenheit Alt als Statthalter von Medina zurückließ 3). 


1) Cäſara fiel nah Dſahabi ©. 132 erſt im 3. 19 der Hidjrah, 
nah Tabari ©. 113 aleichzeitig mit Adjnadein vor Serufalem, nad 
Theophanes erjt ein Sahr nah dem Tode des Heraflius, nach einer 
Belagerung von jieben Zahren, nah Sbn Abd Albafam ©. 28 in 
demjelben Sahre, als Herakflius ftarb, gleichzeitig mit Alerandrien. 


2) Djahabi jegt die Eroberung von Serujalem (S. 129) in das 
J. 16, eben jo die von Haleb und Antiobien. Nach einer andern 
S. 143 angeführten Tradition ward Serujalem erft im Uten Sahre 
eingenommen, In einer Glofie zu Mohammed Ibn Schakir lieſt 
man (5. 42): Nach der Groberung von Damasf unterjochte Sezid, 
der Sohn Abu Sofians, die Küftenftidte Seida und Beirut, dann 
fhlug Chalid die Griechen bei Balbef. Dieje Stadt ſowohl als 
Tiberiag und Byſan ergaben fih nad der Schlacht bei Fachl. Hierauf 
fofgte eine Schlaht bei Merdj Arrum, nad deren Verluſt die Be: 
wohner von Himß fih ergaben, dann Hama, Scheifar, Kaftal, Fa: 
dakia, Djebele, Antartus, Haleb und Kinesrin. Serujalem, heißt 
e3 ©. 108, ward im Rabia ammal des J. 16, nach Tabari aber im 
%. 15 eingenommen, dem auch Abul’eda folgt, während Gimafin 
©. 14 die Groberung von Serujalem in das $.16 jest. Bei Sujuti 
©. 144 wird Himß und Balbef zu den im J. 14 ſchon eroberten 
Städten gerechnet. 

3) Artiun, der Befehlshaber zu Serufalem, jo erjählen die 
Araber, behauptete in alten Büchern gelejen zu haben, daß die 
heilige Stadt Zerufalem von einem Fürften eingenommen werden 
follte, deifen Name nur aus drei Buchfiaben (wie der Owars nad 
arabifder Schreibart) beftehen würde. Die Griehen erfanden wahr: 
ſcheinlich dieſes Mähren, um einen Vorwand zu finden, die Stadt 


u Omar - 8 


Die wefentlichiten Bedingungen, unter denen den durch 
Vertrag genommenen Städten Friede geftattet ward, und bie 
bis auf den heutigen Tag noch wenigftens auf dem Papier 
als Gefes gelten, find: Entrichtung einer Kopfftener, Ver⸗ 
bindlichfeit, jeden veifenden Mufelmann drei Tage zu bewir- 
tben, Auszeichnung in der Kleidung, Zulaffung der Mufel- 
männer in die Kirchen, Abfhaffung aller Kreuze und alies 
Glodengeläutes, Vermeidung aller verlekenden Ausdrücke gegen 
den Islam und Verbot des Neitens auf Pferden, fo wie der 
Erbauung neuer Kirchen. 

Den Testen Verſuch zur Wiedereroberung Syriens ſchei⸗ 
nen die Griechen im 17. Jahre der Hidjrah von Diarbekr 
aus gemacht zu haben, indem von Tabari erzählt wird, daß, 
nachdem Kinesrin ſchon in der Gewalt der Mufelmänner war, 
Abu Ubeida von den Griehen in Dimß belagert ward N), 
Aber Chalid eilte vom Norden und Amru vom Süden 
ber zum Entſatze herbei, während Omar neue Truppen aus 
Arabien ſandte, welche abermals in der Nähe von Himß 
ſiegten. So mangelhaͤſt und parteiiſch aber auch die Berichte 
der Muſelmänner über dieſe Begebenheiten ſein mögen, ſo 


nicht dem Feldherrn Amru zu überliefern, deſſen Name vier Buch⸗ 
ſtaben zählt, weil-fie zu Omar ein größeres Vertrauen hatten. Theo: 
„phanes (S. 519 der Bonner Ausgabe) läßt die Belagerung von Ze: 
ruſalem zwei Sahre dauern, doch fest er ihre Ginnahnte auch in das 
$. 627 (636 nach unjerer Zeitrehnung). Im 3. 628 ſchließt Joannes 
Cateas, Statthalter von Edeſſa (Roha), Frieden mit Jjad und 
zahlt ihm Tribut. Sm J. 629 wird" Antiochien genommen. Sm 
5. 680 Edeſſa und ganz Mejopotamien von Sjad bejegt. rs 
1) Dies ermähnt auch Elmafin ©. 23, dei Tabari S. 117 heißt 
ed aber, daß die Griechen geſchlagen wurden, ehe die Hülfstruppen 
von Omar ankamen. Nach der Geſchichte Haleb's (ed. Freytag ©. 3) 
famen 30000 Griehen von Mejopotamien ber, zu denen. fich noch 
die Ehriften aus der Gegend von Kinesrin gefellten und bradten 
den Mufelmännern mehrere Niederlagen bei. Omar befahl dann 
Saad Ibn Wakkaß, mit ſeinen Truppen einen Einfall in Meſopo— 
tamien zu machen, damit die Bewohner dieſes Landes zur Verthei⸗ 
6 


82 Zweites Hauptflüd, 


geht doch aus Allem hervor, daß das Rolf in Syrien wenig 
Antheil am Kriege nahm, daß gar kein Zuſammenwirken un— 
ter den verſchiedenen mächtigen und ftarf bevölferten Städten 
vorhanden war, fondern jede nur an ihre Erhaltung dachte 
und lieber einen ſchmählichen Frieden unterzeichnete, als ſich 
der Gefahr einer gewaltfamen Einnahme ausſetzte. Nur fo 
ward es den Arabern möglich, in einem Zeitraume yon fünf 
Jahren ganz Syrien und Paläftina, von dem todten Meere 
bis herauf nad) Antiohien, zu unterwerfen. 

Nicht minder fiegreich waren in den Testen Jahren die 
muſelmänniſchen Waffen im Oſten, ſo daß bis zum Anfange 
des 18. Jahres der Hidjrah die irafaniiche Armee der ſyri— 
fhen am obern Euphrat, in der Gegend von Rakka und 
Kirkiſia ), die Hand reichen fonnte, . y 





digung deffelden von Himß abziehen. Sobald diefer Befehl vollzo— 
gen ward und Kafa Son Amru Die Operation Saad's noch unter⸗ 
ſtützte, zog ſich ein Theil der Griechen nach Meſopotamien und ge— 
gen die Uebrigen wagte Abu Ubeida eine Schlacht, die er auch ge— 
wann, 


1) Nah Dfahadi ©. 130 ward Kirfifta fhon im J. 16 genom- 
men, mas aber gewiß falfh ift. Ber Elmufin ©. 25 wird zu den 
Groberungen des 21. Zuhres, Haran, Edeſſa, Rakka und Nißibin 
gerechnet, Circefia ward aljo wohl ſchon früher unterworfen. Nach 
Abulfeda ward der ganze Norden von Syrien bis Haleb und Ans» 
tiochien im 15. Sahre der Hidjrah erobert. Eben jo in demjelben 
Jahre aanz Paläſtina, Nablus, Jafa und Cäſarea. Tefrit, Moßul 
und Kirkiſia fielen im 3. 16 in die Gewalt der Muſelmänner; von’ 
Edeſſa ſchweigt er ganz. Die große Ungewisheit und Verſchiedenheit 
in den chronologiſchen Angaben dieſer Kriegsgeſchichte rührt beſon— 
ders daher, daß manche Städte mehrmals unterjocht oder wenigſtens 
gebrandſchatzt wurden, wie wir dies aus Theophanes bei Edeſſa ge⸗ 
ſehen. Dieſe und jene Provinz kaufte ſich vermöge einer beſtimmten 
Summe los, ward dann aber ſpäter doch von den Muſelmännern 
beſetzt; die Einen rechneten nun die Unterwerfung von dem erſten 
Vertrage, die Andern von der wirklichen Beſitznahme. Da übrigens 
die ganze Geſchichte der muſelmänniſchen Kriege in Perſien und 
Syrien erſt anderthalb Jahrhunderte nach der Hidjrah niedergeſchrie— 


Dmar. 83 


- Bald nad) der Einnahme von Madain lieg Omar den 
flüchtigen Jezdedjerd verfolgen. Nach mehrern blutigen Schlach— 
ten bei Djalula und Kaßr Schirin, in der Gegend von Zo— 
bab, ward Hulwan genommen und Jezdedjerd zog fih nad 
Rei, in der Nähe des jesigen Teheran, zurück. in weiteres 
Nachfegen jenfeits der medifhen Gebirge hielt Omar nicht 
für rathfam, die Eroberung der Provinz Chufiftan (Susiana) 
im Süden und die Unterjodhung Mefopotamiens im n Weſten 
von Huhvan mußten vorausgehen, 

Abd Allah Ibn Mafhar ward daher gegen Tefrit am 
Tigris, zwifhen Bagdad und Moßul, geſchickt, und nad) der 
Eroberung diefer Feftung, durch Verrath der mit den Grie— 
hen darin eingefchloffenen arabiſchen Befagung I), wendete 
er ſich noch weiter gegen Norden bis in die Gegend von 
Moßul, während Ijadh Jon Mimar nad) Nordweit bis an 
den Euphrat hinzog und die Hauptftadt Roha (Edeſſa) mit 
dem größten Theil von Mejopotamien unterwarf, fo daß jekt 
das ganze Land. vom mittelländiihen Meere bis gegen die 
Grenze von Kurdiſtan die Oberherrfchaft des Chalifen in 
Medina anerkannte 2). 


ben wurde, fo ift leicht begreiflich, dag über mandhe Data Meinungs: 
verſchiedenheit berricht. Wer eine Karte zur Hand nimmt, wird die 
von mir adoptirte Drdnung gewiß am Natürlichften finden, 

1) Tab. ©. 116. Der ariehiihe Fürft heißt Anthaf, er machte 
21 Ausfälle während der 40tägigen Belagerung. Dies, fo wie die 
Eroberung von Moßul fiel noch in das J. 16 der Hidjrah. 

2) Alle briftliihen Bewohner Meſopotamiens, heißt es bei 
Tab, ©. 117, unterwarfen fih nach der Capitulation von Roha, nur 
die Benu Taghlib wanderten aus, weil fie zu ſtolz waren, Kopfiteuer 
zu bezahlen, und fehrten nicht eher zurück, bis Omar einwilliate, 
die ihnen auferlegten Abgaben, welche fie fih aerne erhöhen liegen, 
mit dem Namen Almojen zu befegen., Noch in den fpitern Geſetz— 
büchern der Mujelmänner heißt ed: Die Ehriften vom Stamme der 
Benu Taghlib müſſen doppelt fo viel Armenfteuer entrichten, als 
die Mujelmänner. f. Kuturi in den Mem. de l’Institut, acad. des 
inscript. et belles lettres L. V. p. 13. Die Eroberung von Djefira 
(Mejopotamien) jest Tab. in das 3. 17, 

6*r 


84 Zweites Hauptftüd, 


Die Sicherheit der neu gegründeten Stadt Baßra ſowohl 
als die Nothwendigfeit, Jezdedjerd allen Beiftand aus den 
füdlichen Provinzen abzufchneiden, erheifchten jest dringend 
die Bekriegung des perſiſchen Fürften Hormuzan, welcher fi 
nad) der Schlacht von Kadefia wieder in fein Fürftenthum 
Ahwas oder Chufiftan zurüdgezogen hatte. Es wurden Trup- 
pen von Kufa und Baßra über den Tigris gefchict, welchen, 
mit Hülfe des dafelbft anfägigen Stammes Wail, der alsbald 
mir ten Arabern gemein: Sache machte, es bald gelang, Hor— 
muzan aus der Hauptftadt Ahwas zu vertreiben ). Hormu— 
zan verlegte feine Nefirenz nah Nam Hormuz und trat den 
Mujelmännern das ganze Gebiet von Ahwas bis an den 
Zigris ab ?). Als aber Dmar hörte, daß Hormuzan mit 
Schehref, dem Statthalter der Provinz Fars, ein Bündniß 
geihleffen und den Krieg erneuern wollte, gab er Saad, dem 


1) Tab. ©. 118 gibt ald Weranlaftung zum Ausbruche des 
Kriege einen Einfall Hormuzand in das von Mujelminnern bes 
wohnte und an Baßra grenzende Gebiet ron Meijan. Die Stadt, 
in mwelder die ron Hormuzan abgefallenen Araber wohnten, wird 
Naher Tir genannt, 


2) Harkuß Son Suheil, heift es bei Tab. ©. 119, ging über 
den Dupdjeil (den £leinen Tigris oder den Fluß Kuran) und ſchlug 
Hormuzan, der fih nah der verlorenen Schlabt nab Ram warf, 
während die Muſelmänner die Stadt Ahwas (bei Tubari Suk Al: 
Ahmas) bejekten, welche die bedeutendfte Studt des gunzen Landes 
war umd in deren Mitte der Dudjeil fliegt. Um Hormuzan weiter 
zu verfolgen, waren jetoch neue Berftirfungen nöthig. Als dieje 
anlangten, machte Hormuzan Friedensvorſchläge. In feiner Gewalt 
waren noch vier Stätte: Rum, Guja, Tufter und Djund. Die 
Mujelmänner ließen ihn im Befige diefer Städte, machten aber 
alles ſchon eroberte Land mit der Hauptitadt Ahwas zu einer mus 
ſelmänniſchen Provinz. Aus dieſer Stelle gebt hervor, daß die Pro: 
pin; Susiana Ahwas, die Huuptitadt aber Suf al Ahwas (der Bazar 
von Ahwas), nicht Sud al Ahwas hieß, und daß Sufa fomohl als 
Djondi Scabur zu jener Zeit noch Stätte waren. Auch fpricht 
Tub. ©. 118 von einer feiten Brücke bei Ahwas, deren Reſte noch 
Mignan im Sabre 1826 gefunden. Vergl. Ritter IX. ©. 221. 


Dmar. 85 


Statthalter von Kufa, Befehl, neue Truppen nad Ahwas zu 
fenden. Diefe, im Verein mit andern Trupven aus Baßra, 
nöthigten Hormuzan, Nam Hormuz zu verlaffen und fid) in 
bie feitere Stadt Tufter (Schuſter) einzufchliegen, wohin er 
auch Schehreks Truppen berief. Die Mufelmänner Tagen ein 
halbes Jahr vor diefer Feftung, ohne fie einnehmen zu fünnen, 
und mußten in ihrer Nähe fih faſt täglich, theils mit der 
Beſatzung, theild mit andern perfiihen Truppen fchlagen, fo 
daß eine neue Berjtärfung, von Abu Muſa Alaſchari anges 
führt, von Baßra berbeigerufen werden mußte. Aber dems 
ohngeachtet fiel diefe Feſtung nur durch Verrath eines Per: 
fers, der den Belagerern einen unterivdiihen Weg zeigte, in 
die Gewalt der Muſelmänner und felbft jest behauptete fich 
Hormuzan noch in der Citadelle und erlangte von den Mus 
felmännern ein ficheres Geleite zu Omar, der allein über fein 
Schickſal entſcheiden follte ?). Hormuzan ward auf dem gans 


1) Hormuzan, berihtet Tab. ©. 121, erfbien auf der Mauer 
der Citadelle und ſagte zu den Arabern, vie ihn belagerten: Diefe 
von dem Schah Schabur erbaute Cıtadelle iſt noch nie eingenommen 
worden und wird ed aud nie werden. Sch habe tauſend Schügen 
bei mir, deren Pfeile nie auf den Boden fallen und jeder Schütze 
ift mit taujend Pieilen verjehen; ich werde mich fo lange vertheidi: 
gen, bis ein jeder Pfeil Das Haupt eines Muſelmannes getroffen; 
auch habe ih noch andere Krieger bei mir, die es mit Tauſenden 
aufnehmen. Bon der Eroberung von Suja it meiter feine Rede 
mehr, fondern es heißt nur im Allgemeinen, dag die ganze Provinz 
Ahwas hierauf erobert mard und jede Stadt einen mujelmännifchen 
Präfekten erhielt: Da Tabarı ſonſt alles Legendenartige weit aus: 
führliher noch als wirklich hiſtoriſche Facta darjtelit, ſo it auffallend, 
dag er nichts von dem Auffinven von Danield Gratmahl erwähnt, 
mas von jpätern Autoren erzählt und auch als Beweis für die Iden— 
tität dieſer Statt Sus mit tem alten Schuſchan gebraudt wird, 
Sch vermuthe Daher, dag dieſe Sage erjt fpätern Urſprungs ift. Die 
gänzlihe Unterwerfung von Ahwas jest Tab. in das 3.18, Abulf: da 
in das 3. 17. Dſahabi die Einnahme von Tuſter erſt in das J. 20 
nad einer Belagerung von 18 Monaten, oder nach Andern von 2 
Sahren. 


86 Zweites Hauptſtück. 


zen Wege von Schufter bis Medina als Fürft behandelt und 
hielt au feinen Einzug mit der Krone auf dem Haupte und 
von Föniglihem Purpur umhüllt. Sein Erftaunen war groß, 
als er Dmar allein an der Schwelle der Mofchee in einem 
einfacyen wollenen Kleide fchlafend fand und feine Begleiter 
ihm denſelben als den Beherrſcher der Gläubigen bezeichneten. 
As Dmar erwagte und ihm Hormuzan vorgeftellt ward, be- 
fahl er, dag man ihn zuerſt diefer äußern Pracht entblöße, 
dann erlaubte er ihm zu ſprechen. Hormuzan fragte: foll ic) 
die Sprade eines Todten oder eines Lebenden reden? — 
Die eines Lebenden. — Du begnadigft mid) alfo? — Das 
habe ich nicht damit gemeint, du bit ein Verräther, viele 
Gläubigen, unter andern der fromme Bara Ibn Malik, find 
durh dich umgefommen, du haft den Tod verſchuldet. — So 
laß mir dod vor meinem Tode einen Trunk Waffer reihen. 
— Das fei dir gewährt. — Als einer der Anmefenden einen 
Krug Waffer brachte, fagte Hormuzan: du ficherft mir alfo 
das Leben, bis ic) diefes Waffer getrunken? und als Omar 
biefe Frage bejahte, goß er das Waffer aus, und fagte: nun 
mußt du mir, als gerechter worttreuer Herrſcher, dag Leben 
fchenfen, denn dieſes Waffer wird nie mehr aus der Erde 
emporfteigen, daß ich es trinfe, Omar begnadigte ihn, jedoch 
nur unter der Bedingung, daß er fih zum Islam bekenne, 
was er auch fogleich that. 

Beranlaffung zur Vereinigung des Fürſten von Fars mit 
Hormuzan war außer dem Aufgebote Jezdedjerds nod ein 
Einfall der Araber von Bahrein aus in diefe Provinz, Ala 
Al Hadhrami, der Statthalter von Bahrein, eiferfüchtig auf 
die fiegreichen Feldzüge feiner Glaubensgenoffen in Irak und 
Syrien, wollte nämlih auch zur Berbreitung des Islams 
mitwirfen. Ohne Dmar’s Befehl ſchiffte er fid daher auf 
dem perſiſchen Meerbufen ein und fegelte mit einem Eleinen 
Heere nad) Fars hinüber und drang bis Ißtachr ) vor. 


1) Hier mußte ih von Tab, abweichen, welcher (S. 119) diefen 


Omar. 87 


Schehrek, der Fürft von Fars, fammelte aber ein Heer, dem 
Ala mit feinen Fünf taufend Mann nicht die Spige bieten 
fonnte. Diefer fuchte nun, da ein Sturm feine Ediffe zer: 
trümmert hatte, längs der Küfte des perfiihen Meerbufeng 
und dem Schat-al-Arab nad) Baßra heraufzufommen. Aber 
fein Rüdzug wäre ihm, da ihn die Perfer von allen Seiten 
nachſetzten, nicht gelungen, wenn nicht Omar, fobald er von 


Zug folgendermeife darftellt: „Ala feste über das Meer, dag zwi: 
fhen Bahrein und Fars liegt und zog gegen eine Stadt, melde 
Iſtache hieß.... Der König diefer Stadt hie Muſid. Er zog mit 
feinen Truppen den Mujelmännern entgegen, dieſe ſiegten aber und 
Muſid felbit fiel in der Schlacht. Als Schehrek, welcher damals in 
Schiras mohnte, dies vernahm, fammelte er ein zahlreites Heer. 
Ala, welter die Unmöglichkeit einjah, dieſem Heere zu widerfteben, 
kehrte zurück und wollte fich wieder einjchiffen, aber ein Sturm hatte 
feine Schiffe gegen die Feljen geſchlagen und zertrümmert. Die 
Mujelmänner geriethen in Verzweiflung bei dem Anblick ihrer zers 
ftörten Fiotte und mwendeten jih gegen Ahwas, um von dort aus 
nah Bafra zu gelangen. Schehrek, der davon Kunde erhielt, fandte 
aber Truppen gegen Abroad, um ihnen den Weg abzuſchneiden. Als 
die Mujelmänner, welche fünf taufend Mann ftarf waren, fuben, 
dag ihnen ſowohl die Rückkehr über das Meer ald über Ahwas 
unmöglich war, mußten fie fin nicht zu helfen. Omar ward von der 
traurigen Rage Ala's benachrichtigt, er befahl daher Otba Son Ghaz— 
wan, von Bafra aus über Ahwas dem bedrängten Ala entaegenzus 
ziehen. Dtba brach mit 50069 Mann von Basra auf, zog Schehref 
entgegen, welcher mit feiner Armee in Tas lagerte, ein Ort an der 
Grenze von Ahmwas und Fars und vertrieb ihn aus dieſer Stellung. 
Ala verließ danır Iſtachr und zog, vereiniat mit Otba's Truppen, 
über Ahwas nad Baßra. — Iſt es alaublih, daß Schehrek die 
Mujelmänner vom Meere wieder nad Iſtachr zurückkehren lieg ?? 
Selbſt die erite Einnahme von Sftahr (Perſepolis) möchte ih bes 
zweifeln. Da Schiras damals höchſtens ein ganz imbedeutender Ort 
war, ijt es auch nicht mahrjheinlich, daß Schehrek, der Kürft von 
Fars, in Schiras refidirte und Muſid in dem nur eıne Tagereije 
davon entfernt fiegenden Sftachr ohne Beiſtand lieg. Auch ſieht 
man nicht aut ein, wie die Mujelmänner nah Iſtachr im Nordosten 
son Shiras gelangten, ohne ganz nahe an Schiras vorüberzu— 
fommen. " 





83 Zweites Hauptflüd. 


diefem tollfühnen Unternehmen unterrichtet warb, dem Diba 
befohlen hätte, ihm mit einem Heere von Baßra aus entge- 
genzuziehen und den Weg von Feinden zu fäubern. Hierauf 
verband ſich Schehref mit Hormuzan, um gemeinſchaftlich mit 
ihm die Araber aus Chufiftan zu vertreiben, aber, wie ſchon 
erwähnt, ward Hormuzan in Edhufter belagert und die Trup— 
pen von Fars vermocdten nichts zu feiner Nettung. Obſchon 
wir eigentlich -ung jegt der Zeit nad) von den Ufern des Ti- 
gris an die des Nils wenden follten, wo Amru Jon Aaß 
das Reich der Pharaonen in eine mufelmänniihe Provinz 
ummwandelte, ziehen wir body, der Teichtern Ueberſicht willen, 
vor, den weitern Verfolg des Kampfes zwifchen den Jüngern 
Mohammeds und. den Drmuzddienern bis zum Untergange 
des Saffanidenreihs vorher zu erzählen. 

Jezdedjerd, der nad) der Einnahme von Hulwan durch 
Kafka Ibn Amru fih nah Rei), oder wie Andere berichten, 
nad Ispahan zurückgezogen hatte, blieb Feineswegs unthätig 
in feiner neuen Reſidenz. Fortwährend fpornte er vielmehr 
die verfchiedenen, wie es feheint, ziemlich unabhängigen Statt 
halter der Provinzen feines Reiches an, fi zu verbinden, 
um dem weitern Bordringen der Araber einen Damm zu 
jegen. Mehrere Jahre vergingen aber, ehe feine Aufforderung 
Gehör fand. Erft im 20. Jahre der Hidjrah gelang es ihm, 
ein Heer zufammenzubringen dem ähnlich, welches fich bei 
Kadeſia den Mufelmännern entgegengeftellt hatte. Die ver- 
ſchiedenen ?) Fürſten des perfiihen Neichs, welche bisher nur 


1) Nah Tab. ©. 136 zog er fih von Hulwan nah Rei zurüd, 
wo er bis nach der Schlucht von Nehamand blieb, dann Fam er erft 
nad Sipahan, mo er fih aber nicht lange aufhielt, hierauf nach 
Kerman, wo ed ihm auch nicht gefiel, endlich nach Choraſan. Wahr- 
fheinfiher it ed aber, daß er vor der Schladht von Nehawand in 
Zipahan war, da nad) derſelben dieſe Studt bald von den Mufel: 
männern ‚eingenommen ward. 

2) Ganz Perfien folate der Aufforderung Sezdedjerds zum 
Kriege gegen die Muſelmänner. Choraſan, Nifabur, Ei, Farg, 


Omar. . 89 


auf die Erhaltung ihrer Provinz bedacht waren, mochten end— 
lich nad) der Eroberung von Chufiftan und dem Einfalfe Ala’s 
in Fars zur Ueberzeugung gelangt fein, dag Omar in feinen 
Eroberungsplänen feine Schranfe fannte und daß fie doch 
früß oder fpät auch von feinen Schaaren angegriffen würden. 
Mebrere Umftände trugen noch dazu bei, die Perfer hoffen 
zu laſſen, daß es ihnen jetzt leicht gelingen würde, die Araber 
wieder aus ihrem Lande zu vertreiben. Hunger und Peſt 
hatten im 18. und 19. Jahre einen großen Theil der muſel— 
männiſchen Armee ſowohl in Syrien D) als in Irak hinweg— 
gerafft, ein anderer Theil ihrer Truppen war in Egypten 
beſchäftigt. Der Sieger von Kadeſia, Saad Jon Wakkaß, 
deffen Name den größten Schreden in Perſien verbreitet, war 
von der Statthalterfchaft von Kufa entfernt worden, weil 
fhon damals die aus Arabern, Perfern, befehrten und un— 
befehrten Juden und Chriften aus allen Gegenden gemifchte 
Bevölkerung diefer Stadt jenen unruhigen Geift zeigte, der 
fpäter für Alt und fein Geſchlecht fo unheilvoll ward 2), Die 


Kuhiſtan und Adſerbidjan. Jede große Stadt ſtellte zehn oder zwan— 
zig tauſend Mann, Jezdedjerd hatte aber keinen Feldherrn mehr, 
Nur Feiruzan, mit dem Beinamen Dſu'l Hadjib, war noch übrig 
von den ültern Generäilen. Da diejer aber wegen feined hohen 
Alters feinen Feldzug mehr mitmachen konnte, befahl Jezdedjerd 
den Truppen, ſich in Nehamend, wo er wohnte, zu verfammeln. Es 
kamen 150000 Mann zuſammen. Tab. ©. 125. 

1) Sn Syrien ftarben nad Dfahabi ©. 130 im 3. 18 der 
Hitjrah von 30000 Mann 24000, Darunter auch Abu libeida, der 
Eroberer dieſes Landes. Wach Abulfera ©. 244 farben 25000. 
Nehnliches Unglück, jest Lesterer hinzu, traf die Bevölkerung von 
Bafra. 

2) Gegen Saad Ibn Wakkas klagten fie, er fei gemaltthätig 
und ungerecht, doch nur ein paar Leute traten ofen gegen ihn auf, 
ald Omar den Mohammed Ibn Maslama nah Kufa fandte, um 
Saad's Verwaltung zu unterjuhen, Zijad Son Hanzala wollten fie 
nicht, weil er nichts vom Kriegsweſen verftand, Ammar Son Zaflr 
folgte ihm. Als fie auch diefen verwarfen, weil er.nicht zu den 


90 Zweites Hauptftüd. 


Umftände waren in der That für die Perfer fehr günftig, 
darum verbreitete auch die Nachricht von ihrer neuen Schilds 
erhebung in Medina denſelben Schreien, wie ſechs Jahre 
früher vor der Schlacht von Kadefia, troß der inzwiſchen er 
rungenen Macht und Ausdehnung. Wie damals äußerte auch) 
diesmal Dmar ) den Entfhluß, fi felbft an die Spike ei- 








Muhadjir und Anfar gehörte, fagte Dmar: ich weiß nicht, wie .ich 
ed den Kufanern recht machen foll u. f. w. Tab. ©. 131. 

1) Als Omar den Brief des Abd Allah Ibn Ghatafan, Statt: 
halterd von Kufa, erbielt, heißt es bei Tab. S. 125, verfammelte er 
die Mufelmänner in der Mojchee und las ihnen den Brief vor, dann 
ſagte er: ich hoffe, dies wird die legte Bereinigung der Perjer fein, 
jaget ihr fie diesmal aus einander, ſo bleiben fie für immer zerftreut, 
werden fie aber jegt nicht zerftreut, fo werden fie ed nie mehr, dar: 
um beabfichtige ih, felbft den Feldzug mitzumahen, was jaget ihr 
dazu? Nachdem ihm mande zu: und mance abgerathen, jagte 
Dthman: Gott wird, nachdem er die Mufelmänner fo fehr durch 
dich verberrlicht, fie nunmehr nicht zu Schanden machen. Laſſe deine 
Truppen aus Syrien, Zemen und Bafra zujammentreten, ziehe du 
ſelbſt an der Spige der Medinenfer nad) Kufa, wo ebenfalld Truppen 
zufammengejogen werden fünnen, dann bleibe du entweder in Hul— 
wan oder in Madain oder in Kufa, um nöthigenfalld Veritärfungen 
nachzuſchicken und laſſe das Heer unter einem andern Feldherrn dem 
Feinde entzegenziehen; fiegt es, ſo erhältit du alsbald Nachricht da— 
von, wird es in die Flucht gefchlagen, fo kann es fich wieder an 
deiner Seite fummeln und dur deine Gegenwart von Neuem fo 
erftarfen, das ihm der mächtigfte Feind gering erſcheint. Alt miß— 
billigte aber diefen Ruth; ziehft du die Truppen aus Syrien zurüd, 
fagte er, fo gibſt du es einem feindlichen Einfalle preis, entfernft 
du dich. mit der arabijhen Armee aus Medina, jo fegeft du Die 
Hauptftadt einer Pünderung und Verwüftung von Geiten der Be: 
duinen aus, darum iſt es rathjam, fowohl die Armee in Semen, als 
die in Syrien an ihrem Plage zu laſſen und den Gtatthaltern von 
Kufa und Bafra zu jchreiben, daß fie zwei Dritttheile ihrer Truppen 
zum Feldzuge gegen die Perſer hergeben. Du felbft darfit aber nicht 
zur Armee, denn dies würde die Perjer nur zu größern Anitrenguns 
gen anjpornen, wenn fie hoffen könnten, unjere ganze Macht, mit 
dem Chalifen an der Spitze, auf einmal zu vernichten. Omar wollte 
dann noch Abbas’ Anſicht vernehmen und da diefer mit Ali überein- 
ſtimmte, entſchloß er fih, in Medina zu bleiben, 


Omar. i 91 


ner Armee zu ftellen, um den letzten Saffaniden zu vertilgen 
und viele Gefährten des Propheten beftärften ihn in dieſem 
Borbaben, in der Ueberzeugung, daß dann die Zahl ber 
Kämpfer viel größer fein würde. Als aber fünf taufend Dann 
aus Medina und der Umgegend beifammen waren, 309 er 
doch wieder vor, der Stimme derjenigen zu folgen, die ihm 
rietben, in Medina zu bleiben, obgleich ſelbſt Othman eg für 
zweckmäßig fand, daß er die Armee bis Hulwan oder wenig- 
ftens bis Kufa anführe, um nad) einem erften unglücklichen 
Gefechte gleich ſelbſt mit der Nachhut weitere Niederlagen zu 
verhüten. Atd Allah Ibn Mufein, welcher in Ahwas fand, 
erhielt den Dberbefehl über fünf und zwanzig taufend Mann, 
welche nicht ohne Mühe aus den verfchiedenen Städten Iraks 
zuſammengebracht wurden und mit diefen vereinigten ſich bie 
fünf taufend Medinenfer, welche an Omar's Etelle fein Sohn 
Abd Allah anführte. 

Abd Allah Ibn Mukrin war nicht wenig erftaunt, ale 
er in das Herz von Perften über Hulwan hinaus drang, 
ohne einem Feinde zu begegnen. Die Perfer hutten fich 
nämlidy in Nehawend, einem Städtchen ſüdlich von Hama— 
dan, in der Provinz Diebel (Gebirgs- oder Hochland) an 
dem Südweftabhange des Wendgebirgs, verfammelt, weil dort 
der alte Krieger Feiruzan wohnte, zu dem fie troß feinem 
hohen Alter doch am meiften Vertrauen hatten. Diefem 
Städtchen gegenüber hatten die Derfer, wahrſcheinlich öſtlich 
von dem in der Nähe entfpringenden Kerhafluffe, in der 
Stadt Chesf !) eine fefte Stellung eingenommen, in welder 


1) Da die Lage von Nehawend noch immer nicht genau ermit: 
telt ift (Bergl. Ritter IX. ©. 95), jo will ic hier die Worte Taba- 
ri's anführen, aus denen fih die im Terte angenommene Stellung 
der beiden Heere ergibt: „Von Hulman zog Nu'man nad Merdj, 
von Werd) nah Tur. Die Armee der Perſer war aber immer noch 
in Nehawend. Als dieje von dem Heranrüden der Muſelmänner 
Kunde erhielt, beſchloß ſie, Nehawend zum Kuampfplage zu wählen. 
Die ganze Armee, 150,060 Mann ftark, bejeste die Stadt Cheöf. 


92 Zweites Hauptftüd. 


Numan fie nicht anzugreifen wagte. Nachdem er zwei Mo- 
nate dem Feinde gegenüber gelagert war, gab er daher plötz— 
ih den Befehl zum Rückzuge und lieg Alles, was nicht zu 


* 
+ 


Als Numan jah, dag die Verfer ihm nicht entgegen ziehen, brady er 
von Tur, welches 25 Pharaſangen von Nehamend war, mit feinen 
30,000 Mann gegen Nehamend auf und lagerte vor der Stadt zwei 
Monate lang. Die Perſer famen nicht zu ihm herüber und er ging 
nicht zu den Verfern hinüber. Dies verftimmte die Mujelmänner 
ſehr, auch Omar ward jehr betrübt, als er von ihrer Lage benach— 
richtigt ward .. . . (hier folat die Klage der Kufenjer gegen Suad). 
Nahdem Nu'man lange Zeit vor dem Thore von Mehamend ge: 
lagert war, fandte ihm Feirus einen Boten, um ihn einzuladen, ihm 
einen Gejandten zur Unterhandlung zu ſchicken. Nu'man ſandte 
Mughira Ibn Schu’da, „welher in die Stadt Chesk eingelajfen 
wurde.” Feirus fagte num dem muſelmänniſchen Gejandten unter 
Anderm: „Sn meinem Heere find fo viele Pfeilſchützen, daß fie auf 
meinen Befehl in einer Stunde eure ganze Macht aufreiben mwür: 
den, ich will aber nicht, daß euer Blut in meiner Stadt ver: 
goffen werde.“ Als die Mufelmänner fih zurückzogen, heißt es 
ferner, „braben die Perjer von Chesk auf“ und verfolgten fie. 
Bor der Stlaht fagte Feiruzan zu den Truppen „wer entflieht, der 
flüchte fih nah Chesk, aber nicht weiter.” Ferner: „Ald die Per: 
fer den Rüden Behrten und fih nah Chesk flüchteten, folgten ihnen 
die Mufelmänner auf dem Fuße nach und ein jeder von ihnen töd— 
tete fünf bis zehn Feinde. Feiruzan entfam jedoh und ergriff den 
Weg, der nah Hamadan führt u. f. m.“ Auf der folgenden Seite 
heißt e3 dann noch: „Als die Muſelmänner den Flüchtlingen in den 
Bezirf Hamadan nachſetzten, fchloß der Präfeft von Dinamer Frie- 
den mit ihnen „fo ward Hamadan durch Vertrag und Nehbamend 
durch das Schwerdt unterworfen, Legtere Stadt ward dann Mal: 
Albaßrah und Dinamer, welche in ihrer Nihe lag, Mah-Kufa ges 
nannt u. ſ. w.“ (Mah heißt nimlih nad) dem Kamuß in der Veh: 
lewi-Sprache fo viel ald Stadt), Aus der Vergleihung diejer 
Stellen aeht offenbar hervor, daß Chesk und Mehamend eine und 
diefelbe Stadt find, Chesf aber den ditlih vom Kerah gelegenen 
befeitisten und Nehawend den weitliben Theil bezeichnete, den, mie 
aus der Unterredung Feiruzans mit dem Gejandten erhellt, die Mu— 
felmänner ſchon vor der Schlacht bejegt hatten, nur war ihr Haupt: 
lager natürlich außerhalb der Stadt. 


Omar. 93 


“einer Schlacht dienlich ift, im. Lager zurüd, um Feiruzan 
glauben zu Laffen, er fliche vor ihm und ibn fo aus feiner 
Feftung berauszuloden. Diefe Lit gelang. Feiruzan ließ 
den vermeinten Flüchtlingen nachlesen. Diefe waren aber 
bereit, dem Feinde die Stirne zu bieten. Feiruzan mußte 
nun eine Schlacht wagen, welde am folgenden Tage zu Gun— 
ſten der Mufelmänner entfchieden ward. Zwar blieb Numan 
im: Gefechte, er hatte aber vorher ſchon Hudſeiſa zum Nach⸗ 
folger ernannt, welcher ſogleich die Fahne ergriff und die 
ſchon im Weichen begriffenen Perſer gänzlich aufs Haupt 
ſchlug. Feiruzan, welcher gegen Hamadan floh, fiel auch in 
die Hände der Muſelmänner, weil eine Karawane mit Honig 
den Engpaß verſperrte, der dahin führt, und er genöthigt 
war, abzuſteigen, um den Berg zu erklettern; daher das 
Sprüchwort: „Auch Honig gehört zu den Schaaren Allah's.“ 
Nach der Eroberung von Nehawend, ſchloß der Statt— 
halter von Dinawer, damals die bevölkertſte Stadt im Be— 
zirke Hamadan, Frieden mit den Muſelmännern. Dieſe Stadt 
und ihr Gebiet erhielt dann den Namen Mah Kufa (Kufa-⸗ 
ſtadt), weil die kufaniſchen Truppen dahin verlegt wurden, 
welche Nehawend nicht alle faffen fonnte. Letztere Stadt 
ward aber Mah Baßra genannt, weil die Truppen von Baßra 
dort einquartirt wurden. | 
Omar, der bisher feinen Statthalpaltern in Hulwan und 
Ahwas ftets anempfohlen hatte, die Grenzen ihres Gebiete 
nicht zu überfchreiten und fid) gerne mit dem Beſitze des ara— 
biihen Iraks begnügt hätte, war durch diefen neuen Verſuch 
der Perjer, die verlorenen Provinzen wieder zu erobern, zur 
Neberzeugung gelangt, daß, jo lange er nicht das eigentliche 
Perfien unterjocht, er immer neuen Angriffen von diefer Seite 
her würde ausgefeßt bleiben. Er beſchloß daher, den Schreden, 
welchen. die Niederlage bei Nehawend in Perfien verbreitet, 
zu meitern Croberungen zu benügen. Auf feine Frage an 
den befehrten Fürften Hormuzan, der in feiner Nähe zu Me: 
dina lebte, nach welchem Theile des perfiihen Reichs er den 


a 


94 Zweites Hauptftüd, 


Kern feiner Truppen ſchicken follte, antwortete ihm jener: 
nad Jspahan, weldes gleihfam das Haupt des perſiſchen 
Reichs bildet, während Fars und Kerman nur als deifen 
Hände, Net und Adferbidjan als deifen Füße angefehen wer— 
den fünnen. Schneideft du die Hände oder die Füße ab, fo 
bleibt der Kopf unbefchädigt und wendet fih ben noch übrigen 
Theilen zu, wird aber das Haupt abgefchnitten, fo löſt fich 
Alles auf ). Dmar folgte diefem Rathe und fandte Fleinere 
Truppenabtheilungen gegen Norden. Nueim Ibn Mufrin 
mußte gegen Hamadan aufbrechen, welches den mit Hubfeifa 
gefhloffenen Frieden gebogen, andere follten theilg über Hul- 
wan, tbeils über Moßul gegen Adferbidjan, die Hauptarmee 
aber, unter dem Dberbefehle des Abd Allah Ibn Attab, gegen 
Ispahan aufbrechen 2). Dieſer drang nach einem Treffen 
bei Ruſtak Eſſcheich 2) bis vor die Thore von Ispahan, wo 
ein perjiicher Fürft mit Namen Kadisfan lag, der ſich mit 
einem großen Heere ihm entgegenftellte und ihn felbft her— 
ausforderte. Nach Tangem unentfchiedenem Zweikampfe ver: 


"einigten fie fi dahin, daß die Stadt Ispahan den Mufel- 


männern überliefert, Kadisfan mit feinen Truppen aber freier 
Abzug geftattet werden follte, 

Nah der Eroberung von Ispahan, im Jahre 22 der 
Hidjrah, wendete fih Abd Allah, vereint mit Abu Mufa Al- 
aſchari, der drei Tage nad) dem Friedensichluffe von Ispa— 


1) So bei Tab. ©. 129, bei Djahabi ©. 156 heist es: Ispahan 
ift das Haupt, Fars und Adferbidjan find die beiden Flügel. 

2) Tab. ©. 130. . 

3) Von Nehawend nad Sepahan, fagt Tab. a. a. 9. find fieben 
Tagereifen. Kadiskan, welcher jelbit viele Truppen hatte, zu denen 
ſich noch viele Flüchtlinge von Nehawend gefellten, ernannte einen 
Feldherrn mit Namen Schehr Ifar, welber den Muſelmännern bis 
Ruſtak Aſſcheich, ein noch zum Gebiete von Ispahan gehörendes 
Dorf, entgegenzog. Nach einem blutigen Kampfe ward er von Abd 
Allah’3 eigner Hand erichlagen, worauf Isfendiar, der Herr diejes 
Bezirks, mıt Abd Allah Frieden fchloß. 


Omar. 95 


han mit neuen Truppen zu ihm ſtieß, gegen die ſüdöſtlichen 
Provinzen des perſiſchen Reichs. Zuerſt ward Kerman T) er: 
obert, dann ein Theil der an Hinduſtan und Candahar gren— 
zenden Provinzen Sedjeitan ?) und Mefran, obſchon letzterer 
Provinz aud Truppen von Sind zu Hülfe kamen. Abd. 
Allah wollte noch weiter nad) Oſten gegen den Indus drin- 
gen, Omar fette aber feinen Zügen eine Grenze, denn als 
er den Boten, der ihm die Siegesnadhricht brachte, nach der 
Beichaffenbeit der Provinz Mefran fragte, erhielt er zur Ant— 
wort: „Es ift ein Land, deifen Ebenen gebirgig und deffen 
Bewohner Friegerifch find; es ift arm an Quellen und Früch— 

ten, jo daß eine Fleine Armee vom Feinde und eine große 
von Hunger und Durſt aufgerieben würde, und hinter dieſer 
Provinz iſt es noch ſchlimmer 2).“ Bor dem Feldzuge nad 
dieſen entlegenen Ländern #) ward die an Chuſiſtan und dem 
perſiſchen Meerbuſen grenzende Provinz Fars von verſchiede— 
nen Feldherrn angegriffen, deren jedem, wie früher in Syrien, 
die Statthalterſchaft des zu unterjochenden Bezirks angewieſen 





1) Zn dieſem Gebirgslande, ſagt Tab. (S. 141) hatten die Mu: 
felmänner ein Volk zu bekämpfen, das die Perfer Kufedj nennen, 
die Nraber aber in Kufeß verwantelt haben.” Auch Ritter (VII, 722 
‚nennt nah Ibn Haufal das Gebirge im füdlihen Kerman, das ſich 
dann weſtwärts nah Farftıtan zieht, Kefesberg. Auf die Verſchie— 
denheit der Vokalen kommt es befanntlich bei orientaliihen Gigen- 
namen nicht an.) Eine der Hauptitidte Kermans wird bei Tabari 
Djireft genannt, ferner-Zisfun an der Grenze von Kuhiſtan. 

2) Die Hauptftadt von Sedjeftan, die Abd Allah Son Amru 
einnabm, wird Sirenf genannt. Der Fürft von Sedjeftan übergab 
diefe Feſtung und fchloß Frieden mit ihm, nachdem er fah, daß die 
Mufelmänner ſich des ganzen Landes bemeiftert hatten. Tab. a. a. D. 

8) Tab. ©. 142 nennt die zwei Städte, welche die Mufelmäns: 
ner eroberten, Tis und Hoſch. Der König von Sind, welder im 
Gefechte fiel, heift Rutbil (Zenbil), was aber fo viel ald Kisra bei 
den Perſern und Kaiſer bei den Griechen bedeutet und kein Eigen— 
name iſt. 

4) Mekran ward nach Tab. im 28ten J. der 9. erobert, Fars 
aber. im 22ten begonnen und im 23ten vollendet. 


96 Zweites Hauptftüd 


ward. Mudjafcht' Ibn Masud, Bruder des tapfern, in der 
Brückenſchlacht gefallenen Abu UÜbeiv, bemächtigte ſich ber 
Stadt Tus oder Tudj ), welde an der Grenze von Chu— 
fitan lag, und der Stadt Schapur 2). Othman Ibn Abu P 
Ang nahm die Stadt Iſtachr, fein Bruder Hafam Scirag, 
nach einer blutigen Schlacht 3), in welder er Schehref, den 
Fürften von Fars, mit eigner Hand erfchlug. © ; 

Sariah Jon Sanim zog gegen Saba und Darabgerd, an 
der. Grenze von Kerman, belagerte aber letztere Stadt ver- 
gebens drei Monate lang. Wenig fehlte fogar, fo wäre er 
mit feinem ganzen Heere aufgerieben worden, denn die Be— 
lagerten machten einen Ausfall in demfelben Augenblide, als 
andere perfifhe Truppen aus der Gegend von Schiras zum 
Entfaße berbeieilten, fo daß Sariah zu gleicher Zeit von zwei 
Seiten angegriffen wurde, Nur eine raſche Wendung gegen 
einen Berg, an den er feinen Rüden Ichnte, rettete ihn ) 


— — — 


1) Tudj, ſagt Tab. ©. 139, welches die Perſer Tus nennen, lag 
an der Örenje von Ahwas. 


2) Bei Tab. a. a. D. Niſchabur. 


3) Er ward, während er Sciras belagerte, von Schehrek ange: 
griffen, welcher von Tudj her kam. 


4) Suriah, fo erzählen die Mufelmänner, vernahm mitten im 
Gefehte Omar's Stimme, welcher ihm zurief: „Sariah! an den Berg, 
an den Berg!“ Es wird binzugejegt: Omar ſah in der Naht vor 
dieſer Schlacht im Traume Sariah’s Armee, von der er jchon drei 
Monate ohne Nachricht war, in Gefahr. Am folgenden Tage, es 
war ein Freitag, ald er die Kanzel beitieg und die Chutba ſprach, 
hob Gott gleichſam einen Schleier von feinen Augen, fo daß er 
Sariah im Gefebte mit den Perjern erblickte und erfannte, daß er 
nur durch eine Wendung gegen einen Berg gerettet werden Fonnte. 
Gr rief dann nad einigem Schweigen, mitten in der Chutba: „O 
Sariah! an den Berg! an den Berg!” dann fuhr er in der Chutba 
fort. Gott der Erhabene ließ Omar's Stimme von Medina bis zu 
Sariah gelangen... Als fpäter die Siegesnachricht nad Medina 
kam, ftellte fi heraus, daß die Armee zur felben Stunde Omar's 
Stimme vernommen, ald er von der Kanzel aus dem Sariah zurief? ? 


Dmar. 97 


und am folgenden Tage erneute er die Schladht, welche mit 
der Einnahme von Darabgerd endete, 

Gleichzeitig mit der Eroberung des Südens von Perfien 
durch Abd Allah Fon Attab und andere arabijche Feldherrn, 
ward der Norden und Nordoften, big gegen die füdweftliche 
Küfte der kaspiſchen See auf der einen und bis gegen den 
Drus auf der andern Seite, theild mit Gewalt unterjecht, 
theils durch Friedensichlüffe zur Entrihtung eines Tributg 
verpflichtet. Nueim Fon Mufrin wendete ſich nach der Ein- 
nahme von Hamadan, welder eine Schlacht vorangegangen, 
die, wie die von Nehawend, drei Tage gedauert, über Sawa 
gegen Rei H, einige Stunden fürlih von der fpätern Stadt 
Teheran. Diefe Stadt beherrſchte damals Sijawuſch, der 
Sohn Bahram’s, ein fehr angefehener perfiiher Fürft, um 
den fid alle Flüchtlinge von der Schlacht bei Hamadan vers 
fammelten, zu denen fid) bei der Nachricht von dem Herans 
rüden der Araber aud) viele andere perſiſche Truppen aus 
den an Rei grenzenden Provinzen Chorafan und Ghilan ges 
fellten. in anderer perfiiher Großer aber, Zein genannt, 
welcher fhon längft mit Siawufc in Hader lebte, befriedigte 
fein Rachegefühl auf Koften feines Baterlandes, Er begab 
fi) nämlich heimlich in das mufelmännijche Lager, Tieß ſich 
von Nueim einige taufend Mann geben und führte fie in der 
Naht auf Umwegen in die Nähe der Statt. Als am fol- 
genden Morgen verabredetermaßen Nueim von Südweſt ber 
gegen die Stadt rüdıe und Siawuſch ihm entgegenzog, drang 
Zein von der entgegengefekten Seite her mit den Mufelmän- 
nern in die Stadt 2). Sobald die flüchtigen Bewohner von 


1) Von Hamadan nad Rei find ſechs Tagereijen, Sawa liegt 
in der Mitte diejer beiden Städte. Tub. 9.132. Nlerander brauchte 
befanntlih 11 Tage, als er mir feinem Heere den flüchtigen Darius 
von Hamadan (Ekbatana) bis Nerv (Rhagan) verfolgte. Keppel, 
welcher im 3. 1524 ohne Gepicd reijte, legte auch dieſe Etrede in 
ſechs Tagen zurück. Vergl. Ritter IX. 75. 

2) Rad) Dſahabi ©, 138 im 3. 22 der 9, in demfelben Zahre 

7 


98 Zweites Hauptftüd. 


Rei diefe Schreckensnachricht ins Lager brachten, wollten viele 
Truppen der überrumpelten Stadt zu Hülfe eilen und eg 
entftand eine folhe Verwirrung, daß es Nueim Leicht ward, 
das ganze Heer der Perfer aufzureiben. 

Nach der Einnahme von Rei und der Zerftörung der 
Gitadelle, ward die Provinz Tabarijtan mit den Hauptſtädten 
Boftam und Damaghan big gegen Gurgan an dem faspijchen 
Meere durd Suwerd Ibn Mufrin unterjocht I), welchen Nu— 
eim von Rei aus dahın fandte; einen andern Feldherrn, 
Sammak Fon Harith, ließ er gegen Nordweft ziehen, wohin 
ſchon früher andere Truppenabtheilungen zur Eroberung von 
Adſerbidjan fi) gewendet hatten, und auch dieſe an Georgien 
grenzende Provinz, nebft dem ganzen Lande bis an den Kau— 
kaſus, ward fhon unter Omar, wenn auch vielleiht nicht 
gerade dem Neiche der Chalifen unterworfen, Pod mit dem— 
felben gegen die angrenzenden Bölfer im Norden und Weiten 
eng verbünder 2). Auf gleiche Weiſe dehnte ſich die Herr— 





auch vorher Hamadan und nachher Djordjan und Kumis. Kerman, 
Serjeftin und Mekran aber erit im Jahre 23. Bei Abulfeda ift 
merkwürdigerweiſe von der Unterwerfung der fürlihen Provinzen 
Perfiend gar feine Rede, eben jo wenig bei Glmafin. Daß Chora— 
fan nicht, wie Lesterer ©. 25 berichtet, vor der Schlacht von Me: 
hawend erobert worden, bedarf Faum einer Erwähnung. 

1) Sie verpflichtete ſich zu einem jührlihen Tribut von 500,000 
Drabmen. Tab. ©. 183. 

2) Gleib beim Ginfalle der Mujelmänner in die Provinz Ad: 
ferbirgan, ſchloß Isfendiar, dem ein Theil derſelben unterthan war, 
Frieden mit ihnen, Bahram führte allein Krieg und ward bald bes 
fiest. Nach der Anfunft neuer Truppen ziehen fie gegen die Ge: 
birgspäſſe des Kaukaſus. Gin König, Schehrſad genannt, fchließt 
Frieden mit ihnen, doch will er. feinen Tribut bezablen, fondern 
ftatt deiten die Muſelmänner gegen die Angriffe der nordifchen Völ— 
fer vertbeidigen. Hierauf wurden die Gebirgepiffe von Muſelmän— 
nern bejegt, ebenjo die Städte Tiflis und Kofan. Suraka, 
welcher den Oberbefehl hatte, nimmt Derbend und ftirbt dujelbft. 
Abd Arrabman, der ihm nacfolgt, will noch weiter gegen Norden 
ziehen, Schehrſad jagt ihm; weiter gegen Norden beginnt Das Reich 


Omar 99 


haft des Islams gegen Nord-Oſt über Chorafan und Bald) 
bis gegen die Ufer des Diihun oder Oxus aus. Diefe Pro— 
vinzen mußten um fo nachdrüdlicher befriegt werden, als fie 
nad der Schlaht von Nehawend Zufluhtsort Jezdedjerds 
geworden, dem Omar feine Ruhe gönnen durfte. Ahnaf Ibn 
Keis z0g daher von Jspahan aus durd die Provinz Kuhiſtan 
über Herat und Tus nah Meru. Aber Fezdedjerd hatte fich, 
ehe Ahnaf dahin gelangte, nad Merwerud I) geflüchtet und 
die Hülfe der Türken nachgeſucht. Ahnaf wartete in Meru 
neue Berftärfungen ab und als diefe anlangten, brach er ge= 
gen Merwerud auf, worauf Fezdedjerd nad Bald floh und 
als auch diefe Stadt von den Mufelmännern 2) befegt ward, 


der Ruffen und Alanen, jene Gegend heist Balandjar, dann kommt 
die Mauer von Sadjudj und Madjudj. Abd Arrahman macht einen 
Streifzug bis Balandjur und befehrte viele Völkerſchaften, welche 
die Mujelmäinner für unjterbliche Engel hielten, bis einmal einer 
von einem Pfeile getroffen ward und ftarb. Dies iſt das Weſent— 
lichſte aus Tabari's Darftelung dieres Feldzugs, worauf dann noch 
fabelhafte Sagen von der Mauer von Satjudj und Madjudj folgen. 

1) Mermwerud oder Mecurud, auh Merutſchak genannt, liegt 
ohngefähr vier Tagereiien füdlih von Meru, mit dem Beinamen 
Schah-Djihan. Ehe Ahnaf von Tus, in der Nähe des fpätern 
Meſchhed, aufbrah, lieg er auch Nijabur und Sarachs befegen 
welche gar feine Truppen zur Vertheidigung hatten. 

2) Ahnaf lieg Rabia Son Amir mit den Truppen von Kufa in 
Bald, er felbit mit der Hauptarmee blieb aber in Merwerud, weil 
er fo in der Mitte der Huuptitädte Herat und Meru, und in der 
Mühe von Chorafan war. Co bei Tab. S. 138, woraus erhellt, daß 
er niht wie Edriſi die nördlichere Stadt Merurud nennt, wus ich 
ſelbſt anfangs vermuthete, weil es mir natürlicher jchien, daß Jez— 
dedjerd von Süden nah Norden fich aeflüchtet hate. Da indeſſen 
,‚ die Nraber nicht direkt von Herat, fondern vom Weften ber über 
Tus famen, in der Hoffnung, ihn in Meru zu erreichen, jo ıft fein 
Rückzug nah Merwerud und von hier nah Balch gar nicht auffallend. 

Da in den bisher befannten Quellen von Ahnafs Zug fich Tehr 
menig findet und au die von Slune aus dem Chamid mitzetheilten 
Potizen (Ibn Challitan I, 50) fehr ungenügend find, will ich das 
darauf Bezügliche, wörtlich aus Tabari überfegt, hier anführen: 

7* 


100 Zweites Hauptftüd. 


309 er fih hinter den Drus zurüd. Die Mufelmänner wurz 
den jedod bald wieder von den Türken aus Bald vertrieben 


„Als Sezdetjerd nah Meru Fam, fandte ihm Omar Ahnaf Ibn Keis 
mit 10,000 Mann aus Kufa und Baßra nad, mit dem. Nuftrage, 
ihn zu verfolgen, bid er von der Oberfläche der Erde verſchwindet, 
denn Dinar war jebr auf jener Hut. genen ihn, Abnaf brach nah 
Choraſan auf, zuerit Fam er nab Sspahan, dann auf dem Wege 
von Tus nad Kuhiſtan nabe an Kain vorüber und von hier aus 
nach CThoraſan. Er ging zuerjt nach Herat und nahm diefe Stadt 
mit dem Schwerdte. Da Jezdedjerd damald in Meru war, 504 Abs 
naf dahin und lieg Sahar Alabd als jeinen Stellvertreter in Herat 
zurück. Sn Niſabur war Niemand (Fine Berakung), es bedurfte 
aljo feines Kampfes; er jandte Mutrif Sen Abd Allab mit Neitern 
dahin und Harıty Son Haſan nah Sarachs, das ebenfalld ohne 
Krieg genommen ward. Als Ahnaf nah Meru kam, floh Sezderjerd 
nah Merwerud umd ſchickte Geſandte an den Chafan der Türken, 
an den Koͤnig von Soyd und den König von China und ließ fie 
um Berftand anjlehen. Ahnaf blieb in Meru, bis ibm Omar vier 
Feldheren (mit neuen Truppen) ſchickte. .. Dann ließ er Harith 
Ibn Nu'man ald feinen Stellvertreter in Meru zurück und brad) 
genen Merwerud auf. Jezdedjerd floh nach Bald, Ahnaf aber blieb 
in Mermwerud, welches in der Mitte von Chorajfan lag und nahe von 
Herat, Meru und Niſabur war, und jandte die fufaniiche Armee 
nad Bald, welches ſich nah Furzem Widerjtande ergab und fon 
erobert war, als Ahnaf anlangte. Jezdedjerd zog fih über den Oxus 
zurück. Ahnaf jundte Truppen nah Tochariſtan, das auch erobert 
wurd, dann ließ er Rabia Jen Amir mit den Kufanern in Bald 
und fehrte ſelbſt wieder nad Merwerud zurück. Er meldete hierauf 
Omar die Eroberung von Chorafan und Jezdedjerd's Flucht an die 
Grenze des Türfenlandes. Omar ſagte: was uf zu thun? es wire 
beſſer gemwejen, wenn zwiſchen uns und.Crorafan ein Wald oder ein 
Meer lige, Daß niemand hätte dahin ziehen Fonnen. Als Ali fragte, 
warum er der Eroberung von Choraſan ſo abgeneiat, antwortete er: 
weil die Bewohner Chorajan’s ſchon dreimal den Vertran gebrochen 
und ſchon viel mujelmänniiches Blut in dieſem ande gefloſſen; ich 
will nibt, daß noch mehr Muſelmänner dort umfommen. Er ſchrieb 
dann an Ahna’z Bleibet in Chorajan, wo ihr jeid und überſchreitet 
den Dj hun (Ocus) nit, bemühet euch, eure Citten und Gewohn— 
heiten zu bewahren und nehmt nicht die der Perſer am in ihrer 
Kot und ihrem Luxus, Gott wird euch feinen Beiſtand entziehen, 


* 


Omar. 101 


und ſogar in Merwerud mehrere Monate belagert. Als aber 
der Chakan der Türken die Unmögßlichkeit einſah, eine von 
zwanzig taufend Muſelmännern vertheidigte Statt zu nebmen 
und feine Truppen, die wegen Ahnafs bäuftzer Ausfälle viel 
zu leiden hatten, ſich ungern für einen fremden Fürften län— 
gern Gefahren und Mühſeligkeiten ausjeßten, hob er endlich 
die Belagerung auf und zog fi) wieder über den Drug zus 
rüd, wohin ihm auch Fezdedjerd, den nunmehr felbft Die Seis 
nigen verliehen, zu folgen genöthigt war. Letzterer foll ins 
deffen einige Jahre fpäter, unter O.hmans Chalifat, als 
Chorafan fih empörte, nod einmal gegen den Islam in die 
Schranken getreten und erft nad) der nochmaligen Unterwer— 


fobald ihr eure alten Eitten verändert. Jezdedjerd hatte fich inzwi— 
fhen zu dem König von Sogd begeben, der viele Truppen verſam— 
melte und auch das Heer von Ferahanı herbeirief und mit Jez— 
dedjerd über den Djihun 303. Als fie nach Bald kamen, zog ſich 
Rabia Ibn Amir nad Merwerud zurück. Jezdedjerd zog dann gegen 
Ahnaf mit 50,000 Mann Tıuppen von dem Chakan der Türken, 
aus Balch und aus Tatariſtan. Ahnaf ſchloß fih im Merwerud ein 
mit 20,000 Mann und der Shafan, welber in Deir Abnaf in der 
Nähe ver Statt Merwerud lagerte, hatte zwei Monate lanı, jeden 
Morgen und jeden Abend, genen die Muſelmänner zu fechten. Eines 
Abends bemerkte Ahnaf einen türkiſchen Oberſten in der Nähe des 
Chafan, er trat daher in der Nacht zu ibm heraus und tödtete ihn; 
als feine beiden andern Brüder, von denen Ahnaf micht3 mußte, Dies 
faben, Famen fie herbei und kämpften einer nach dem Andern mit 
Ahnaf, der fie beide auch erſchlug. Sobald der Chakan am foigens 
den Morgen di’ drei erichlasenen Brüder ſah, faate er den Türken: 
das iſt ein unalücjeliser Krieg u. ſ. w.“ Nach der von Slane ans 
geführten Stelle aus dem Chamis, wäre Ahnaf unter Dihman'z 
Chalifat von Abd Allah Zbn Amir mit 400D Manı nah Tochariſtan 
geſchickt worden. Mad der Unterwerfung diejer Provinz ſoll er mit 
400,000 (?) Mann ohne Erfolg Balch belugert und nah Chuwaresm 
zu dringen geſucht haben, ſpäter dann, als Abd Allab Sen Amir 
nad Meffa pilgerte, als Statthalter von Choraſan zurückgeblieben 
fein. Ahnaf ftarb nah den meiſten Berichten in Kufa im J. 67 
dv, 9. (A. D. 686 — 87,) 


102 Zweites Hauptſtück. 


fung diefer Provinz, auf feiner Flucht, von einem vaubfüch- 
tigen Müller getödtet worden fein ). Ueberhaupt werden 
wir in der Folge fehen, daß die Perfer fich nicht fo Leicht 
wie die chriftlihen Bevölferungen Syriens und Egyptens un: 
ter das Joch der Mufelmänner beugten, was zum Theil jchon 
wegen ber größeren Entfernung vom Site des arabiſchen 
Reiches Yeichter ward, dann aber auch aus der Unverträglich- 
feit des Islams mit dem Feuerdienſte folgte. Zwar war bei 
diefen eriten Zügen gegen Perfien der Islam noch eben fo 
tolerant gegen die Drmuzddiener ald gegen die Chriften. Es 
wird nirgends erwähnt und es ift auch gar nicht wahrfchein- 
ih, dag alle Städte und Provinzen des perfiihen Reiche, 
welche mit den Mufelmännern Frieden fchloffen, auch zugleich 
dem neuen Glauben huldigten; hätten fie dies gethan, fo wä- 
ren fie ja gleich Brüder geworden und fie hätten aufgehört 
tributpflichtig zu fein. Wir finden fogar bei Seldzügen, welche 
mehr als ein halbes Jahrhundert fpäter ftatt fanden, noch 
immer Erwähnung von neuen Befehrungen und Zerftörung 
von Gögenbildern, in Gegenden, die jeit ſchon unterworfen 
waren. War aber aud die Religion der Perfer zu diefer 
Zeit noch geduldet, fo konnte doch ein friedliches Nebenein- 
anderbeftehen des Dualismus und der Einheitslehre nicht von 
Dauer fein und darum folgte eine Empörung auf die andere, 
befonderg in den nördlichern Theilen des perſiſchen Reiche, 
bis fie endlih von der immer wachſenden Macht der Mo- 


1) Die Traditionen über Sezdedjerd’s trauriged Ende weichen 
fehr von einander ab. Nah Ginigen ward er, noch ehe Ahnaf nad 
Meru kam, von Mahu, dem Fürften von Choraſan, verrathen, wels 
her den türkiſchen Truppen, die ihm beiftehen jollten, den Befehl 
gab, feinen Pallaft zu erftürmen, jo dag ihm kaum noch Zeit blieb, 
fih mittelft eines Strides durch das Fenfter zu retten, worauf er 
dann des Nachts von einem Müller ermordet ward. Nach Andern 
ermordeten ihn feine eignen Trabanten, um vermittelit feines Kopfes 
Ahnafs Gnade zu erhalten. Vergl. Not. et extr. de la bibl. du roi, 
T. II. p. 360, 


Omar. 103 


hammedaner ganz erdrückt wurden. Mit dem Chriſtenthume 
hingegen konnte der Islam und beſonders jenes mit dieſem 
ſich ſehr gut befreunden. Die ganze Geſchichte von Adam 
bis Chriſtus, die Grundlage beider Religionen, war dieſelbe; 
Chriſtus ſelbſt in den Augen der Mohammedaner ein großer 
Prophet, von einer unbefleckten Jungfrau geboren und von 
Gott in den Himmel erhoben ). Die Chriſten waren an 


1) Sch habe im Leben Mohammeds S. 199 — 196 die bedeu— 
tendften Koransverje über die Chriftolonie des Korand zuſammen— 
geitellt und bemerfe nur zur Anmerk. 293, daß ich, feitdem jene 
Zeilen niedergeichrieben worden, immer mehr die Verſe, melde von 
Mohammeds Sterblichkeit handeln, ald eine Erdihtung Abu Bekr's 
anjebe und darum auch eber alaube, daß Mohammed wirklih vie 
Himmelfahrt Jeſu ausgeſprochen. Bei Tab. Bd. IL. ©. 17 lieſt 
man hierüber: Als Herodes den Befehl zur Kreuzigung Jeſu geges 
ben, verbarg fih eſus in einem Haue, wo ihm die Juden nicht 
finden fonnten. Eines Nachts jaate Zeus zu den zwölf Jüngern, 
die bei ihm waren: dieſe Nacht müßt ihr betend und Gott preijend 
durhmahen. Die Jünger verjegten aber: der Schlaf nird uns 
überwältigen. Da fagte Jeſus: Zur werdet mih dem Feinde übers 
liefern, mande werden mich verliugnen und für einen geringen 
Preis verkaufen. Die Jünger wurden jehr beftürzt über dieje Worte, 
Am folgenden Morgen als Schumun, jo bieg einer der Jünger, 
ausging, griffen ihn die Juden, welche Jeſus fuchten und mußten, 
daß er einer feiner Freunde, auf und drohten ihm mit dem Tode, 
wenn er ihnen nicht Jeſu's Verſteck zeige. Schamun fragte: mas 
gebt ihr mir, wenn ich euch den Weg zu ihm zeige? Da gaben fie 
ihm 30 Silberſtücke und er führte fie zu Chriftus, worauf algbald 
einige Zünger Chriftus den Rüden fehrten. Jeſus ward gebunden 
und verböhnt, weil er behauptet, er könne Todte beleben, und nad 
dem Galgen geführt, der ſchon für ihn errichtet war. Aber plötzlich 
verſchwand Iſchu' (Zoiua), ein Häuptling der Juden, aus ihrer 
Mitte und niemand wußte, wo er hingefommen war, jo daß fie 
fagten: das ift noch ein Blendwerk Jeſus', mit dem es jest bald 
aus fein wird. Aber Gott hatte diejem Sudenhäuptlinge Jeſus' Ge: 
ftalt und Ausjehen gegeben, fo daß man ihn für Jeſus hielt und 
ihn freuziate, obaleib er fortwährend rief, er fei ier Häuptling 
Iſchu'. Jeſus hob aber Gott in den Himmel und da Iſchu' nicht 
mehr zum Vorſchein kam, fo behaupteten manche, er fei der Gefreu: 


104 Zweites Hauptftüd, 


Meinungsverfhiedenheit über die wichtigften Dogmen ihres 
Glaubens gewöhnt und nicht felten wurden dem Bolfe von 
der gerade in Konftantinopel herrſchenden Geiftlichfeit Lehren 
aufgedrungen, die ihm eben fo fremd waren als die des Is— 
lams. In veligiöfer Beziehung Fonnten fie alfo durch ihre 
Unterwerfung nur an freiheit gewinnen, weil die Mufelmän- 
ner ſich in ihre geiftlichen Angelegenheiten gar nicht einmifch- 
ten und, von der politifchen Seite betrachtet, war in jener 
Zeit, wo die worttreuen Chalifen ſich mit einem fehr mäßigen 
Tribut begnügten, ihre Herrfchaft weit milder, als die der 
Kaifer von Byzanz, welde ihre fernen Länder im eigentlich- 
ften Sinne des Wortes ausfaugten, Diefer Umftand allein 


— — — 


zigte, während doch Andere darauf beharrten, Jeſus ſei der Gekreu— 
zigte. So heißt es auch im Koran: fie haben ihn nicht getödtet u. ſ. w. 
Iſchu' blieb fieben Tage und fieben Nächte hängen und Mariam ſaß 
denn Galgen gegenüber und mweinte mit einer andern Frau, melde 
Chriſtus vom Tode erwedt. In der ahten Naht flieg Zeius vom 
Himmel herab und jest ſah erjt Maria zu ihrer großen Freude, daß 
ihr Sohn nicht gehängt worden. Sejus lieg dann Johannes und 
die fieben treu gebliebenen Zünger rufen und ernannte erftern zu 
feinem Stellvertreter und jandte Legtere jeden nad) einem andern 
Sande, um den neuen Glauben zu predigen..... Bor Tagesan: 
bruh nahm dann Jeſus von feiner Mutter Abfchied und betete zu 
Gott, er möchte ihn wieder in den Himmel heben, was auch gejchah. 
Dieje Nacht halten die Chriſten fehr hoch, es ift ihre Beiramsnacht, 
in der fie in ihren Häufern allerlei Räucherwerk verbrennen und 
in ihren Kirhen viele Wachslichter anzünden .. .. Später ward 
das Kreuz, an welchem Chriftus fterben follte, nad Nom gebracht 
und die Chriſten wendeten beim Gebete ihr Gefiht aegen Diefes 
Kreuz und halten überhaupt die Kreuzesform für heilig, weil fie 
glauben, Zejus fei vom Kreuze aus gen Himmel geitiegen; das ift 
aber ein Irrthum, die Juden haben an Zeju Stelle ihren Häuptling 
Zıchu? gefreuziat und Jeſus iſt nicht vom Kreuze, fondern von der 
Erde weg in den Himmel gehoben worden u. f. w.“ Wahricheinfich 
ift es erft jpäatern Theologen eingefallen, zu Ehren Mohammeds 
Christus weninftens ein Paar Stunden vor der Himmelfahrt fterben 
zu laſſen. Vergl. meine „Bibliihe Legenden der Mufelmänner “ 
(Frankf. .1845) S. 296 u, ff. 


Dmar. 105 


erflärt die ans Mährchenhafte grenzende Leichtigkeit, mit der 
Egypten von den Mufelmännern erobert ward. 

In Egypten waren nämlich die Kopten, die Nachkommen 
der alten Bewohner des Nilthales, Monophyſiten; fie bilteten 
bei weitem die Mehrzahl der Bevölferung, befonderg in Ober: 
und Mittelegypten, fammt der Hauprftadt Memphis. Die fie 
beherrfchenden Griechen hingegen buldigten der Lehre von 
einer doppelten Natur und Wirfungsweife Chrifti und wurden, 
weil fih der Hof zu diefem Dogma bekannte, Melfiten (Noya- 
liſten) genannt, Zwar hatte Heraflius bald nad) feiner Rück— 
fehr aus dem perfifchen Kriege dur die Einführung einer 
Formel, welche beide Parteien zu ihren Gunften deuten fonns 
ten, viele Monophyſiten wieder in den Schooß der herrfchens 
den Kirche zurüdzuführen gefuht. Auch hatte er, als durch 
den Patriarchen von Ferufalem, den früher als Sophiften be- 
fannten Sophronius, die alten GStreitigfeiten wieder aufs 
Neue ausbrachen, im Jahre 638 durdy das unter dem Namen 
Ektheſis befannte Evdift fie von Neuem wieder beizulegen fich 
bemüht. Aber gerade in Nordafrifa ward der Vergleich des 
Kaiſers am meiften angefochten und die Lehre vom Dyotheles 
tismus von der griechiſchen Geiftlicyfeit mit Heftigfeit ver: 
fochten, fo daß der alte Haß zwifchen diefer und den Kopten 
gerade um die Zeit des Einfalls der Araber neuen Nahrungs— 
off erhielt ). Den Mohammedanern fonnte der Zuftand 
dieſes Landes, bejonders feit der Eroberung von Paläftina, 
nicht fremd fein. Schon Mobammed hatte den Foptifchen 
Statthalter von Memphis, den die Araber Mukaukas nennen, 
einladen laffen, fih zum Islam zu befehren, und wenn aud) 
diefer dem neuen Glauben nicht huldigte, fo tft doc gewiß, 
bag er die Gefandten freundlid aufnahm und mit koſtbaren 
Gefchenfen für ihren Propheten entlich 7). Amru Fon Aaf 
feldft, ein eben jo gewandter Diplomat als tapferer Feldherr, 


1) Bergl. Neander's Kirchengeſchichte IM. ©. 353 u. ff. 
2) Vergl. mein „Leben Mohammeds“ S, 200. 


106 Zweites Hauptflüd. 


foll, no vor feiner Belehrung zum Islam, Egypten befucht 
haben "), fo dag ihm gewiß die innere Zerrüttung diefes Lan— 
des und der Haß der Eingeborenen gegen die Fremden nicht 
entgangen war. So fam es denn, daß er nach der Erobe- 
rung von Paläftina und Syrien, im 18. oder 19. J. d. 9., als 
diefe unglücklichen Länder von Hunger und Peft heimgeſucht wa— 
ren, in Omar drang, ihm zu geftatten, einen Feldzug nad) Egyp— 
ten zu unternehmen. Omar zauderte lange, weil er es troß 
allen günftigen Umftänden doc für zu gewagt hielt, vier tau- 
ſend Dann ?), über die Amru damals nur zu gebieten hatte, 
gegen ein fo flarf bevölfertes Land zu ſchicken. Der Chalife 
gab endlich nach, doch behielt er fih vor, feinem Feldherrn 
weitere Verhaltungsmaßregeln zufommen zu laffen, die ihn, 


1) Amrı machte einit eine Handelgreife nach Serufalem. Eines 
Tages, ald er auf einem “Berge in der Nühe diejer Stadt feine und 
feiner Gefährten Kameele hütete, Fam ein griechiſcher Kirchendiener 
aus Alerandrien zu ihm und bat ihn um einen Trunf Waſſer, denn 
die Hige war fehr drückend. Amru reichte ihm Waſſer aus feinem 
Shlaube. Als jener feinen Durft geftillt hatte, lieg er fih nieder 
und jchlief ein. Da ſah Amru, wie eine Schlange aus einer Grube 
hervorfam, an deren Rand der Griehe fchlief und ſich gegen den- 
felben richtete. Er griff ſchnell nah feinem Bogen und jchoß einen 
Pfeil gegen fie ab, der fie tödtete. Als der Griehe erwachte und 
die getödtete Schlange an feiner Seite fahb und von Amru hörte, 
dag ihm Gott durdh ihn das Leben gerettet, küßte er ihn und ſagte: 
Du haft mir zweimal das Leben gerettet, ich will dich dafür beloh— 
nen, doch bin ich hier nur ein armer Pilger, geh mit mir nad Ale: 
randrien, da verſchaffe ich dir 2000 Dinare. Amru folgte ihm und 
wohnte aud während feiner Anmwejenheit in Alerandrien einem Ball: 
fpiele bei, der Ball, welher, nah dem Glauben und der Grfahrung 
der Alerandriner, noch nie jemanden in den Aermel gefallen war, 
ohne daß er fpäter Herriher über Egypten gemorden, fiel diesmal, 
zum Gritaunen aller Grieben, in Amru's Nermel. Dieſes Mähr— 
chen, aus dem wir nur Amru's frühere Reife nah Egypten feithal: 
ten wollen, erzählt noch etwas unmftindlicher Fon Abd Alhafam 
©8u.9. 


2) Nach andern Heberlisferungen fogar nur über 8500 Dunn. 


Dmar, 107 


wie er boffte, noch an der Grenze Egyptens erreichen wür— 
den. Omar war nämlich, als er Amru erlaubte, gegen ben 
Nil aufzubrehen, auf feiner Nüdfehr von Syrien ) nad 
Medina, und wollte, obne vorber über eine fo wichtige Anz 
gelegenbeit den Rath der Gefährten Mohammeds zu verneb: 
men, feinen beftimmten Entſchluß faffen. Aber auch unter 
feinen Ratbgebern in der Hauptitadt ſcheinen eben fo viele 
Stimmen gegen als für diefe fühne Unternehmung gewefen 
zu fein ?2), jo daß er die Enticheidung gewiffermaßen dem 
Zufalle überlieg und Amru ſchrieb: „Gelangt diefer Brief 
zu dir, ehe du das egyptiſche Gebiet betreten, fo kehre wieber 
um, baft du aber fchon die Grenze überfchritten, jo rüde vor: 
wärts!“ Amru war entweder fhon auf egyptifchem Boden, 
als er diejes Schreiben erbielt, oder er war von deſſen ihm 
unangenehmen Inhalt unterrichtet und erbrach es erft, nach— 
dem er die Grenze des Pharaonenlandes überfchritten, fo daf 
er, ohne den Befehl des Chalifen offenbar zu verlegen, feinen 
Zug gegen Memphis fortfegen Fonnte 3). In Farma (Dere- 


1) Schon Abulfeda berichtet (S. 244), dag Omar Ende des 
18. Sahres eine Reife nad) Syrien machte, um die Verlaſſenſchaft 
der an der Peſt Geitorbenen zu vertheilen. Darum glauben wir 
auh mit Sbn Abd Alhafanı (S. 9), dag Amru in Djabia bei Das 
mask mit Omar eine Interredung hatte und daß fein Zug nad 
Egypten noch im 18. Sahre ftatt fand (Dezember 639). 

2) Nah einer Tracition (a. a. ©. S. 11) hatte Omar den 
beftimmten Befehl zur Eroberung Egyptens gegeben, Othman ihm 
aber gejagt: „Amru ift ein verwegener und herrſchſüchtiger Mann, 
er könnte leiht die Mufelmänner in Gefahr ftürzen,“ worauf er 
dann feinen erften Befehl widerrief. Nah Andern war Amru heim: 
fih von Cäſarea aus gegen Guypten aufgebroden und fogar (nad 
S. 10) ohne Dmar’d Erlaubniß. 

5) Nah Ibn Abd Alhak. (S. 10) war Amru in Rafah, als 
der Bote zu ihm gelangte, da er aber den Inhalt des Briefes fürch— 
tete, nahm er den Brief erft in einem Drte zwifchen Rufah und 
El-Ariſch, welches ſchon zu Ganpten gehörte, nah Andern erft in 
El-Ariſch. Hier feierte er das Opfer- oder Pilgerfeft, wornach alfo 


108 Zweites Hauptftüd. 


num) warb er indejfen von der griechiſchen Beſatzung dieſer 
Seftung einige Zeit aufgehalten und verdanfte feinen Sieg 
über diefelbe nur der Hülfe der Kopten. In Bilbeis ) ward 
er abermals von driftlihen Truppen befämpft. ine dritte 
Schlacht mußte er den Griechen bei Umm Danin 2) Tiefern. 
Am meiften Widerftand fand aber Amru vor Babylon, eine 
Feltung auf dem öſtlichen Nilufer, in der Nähe des jekigen 
Alt-Kahira, fo daß er genöthigt war, Omar's Berftärfung 
abzuwarten ®), weldher ihm 12000 Mann unter der Anfühs 
rung Zubeir's und drei anderer Gefährten Mohammeds fandte, 
deren jeder in den Augen Omar's taufend andere Krieger 
aufwog . Als Babylon nach einer Belagerung von meh: 


feine Ankunft in El-Ariſch mit Beftimmtheit auf den 13. oder 14. 
Dezember angegeben werden könnte, denn das Opferfeft mird bes 
Fanntlih am 10. Diu’l Hudjah gefeiert und das 3. 19 der Hitjrah 
begann mit dem 2. Sanuar. Der Ort Rafah wird auch bei Abuls 
feda (ed. Schier p. 84 u. 86) als nördlicher Grenzort von Gaypten 
genannt, eine Tagereiie von Ghaza und eben jo weit von El⸗Ariſch. 

1) Bilbeis liegt ohngefähr zwölf Stunden von Kahira, zwiſchen 
Bilbeis und Karma find drei Taaereijen und eben jo viele zwiſchen 
Farma und El:Ariih. Nah Wakidi, der aber befanntlih überall 
das Romantiihe in der Gefcbichte liebt, fiel hier eine Tochter des 
Mukaukas in die Hände Amru's, melde Gonftuntin, der Sohn des 
Kaiſers, in Cäjarea heirathen follte. Amru war aber aalant genug, 
fie ihrem Water mit allen ihren Schätzen zurückzuſchicken, wodurch 
diejer natürlich dem edeln Mujelmann sehr gemogen ward. Vergl. 
Quatremere Mem. geogr. et histor. sur l’Egypte T. I. pag. 53. 

2) Umm Danin, auh Mafs genannt, fag nah Makriſi außer— 
halb Kabira am meftliben Kanalufer und bildete zur Zeit der Er— 
oberung von Kahira den Hufen vdiejer Stadt (Abd Allatif ©. 401), 

3) Diefe jandte Omar mwahrjheinlih, sobald er hörte, daß 
Amru auf feinem Entſchluſſe beharre, nicht erft, wie einige glauben, 
erft nachdem cr lange vergebens vor Babylon gelegen. 

4) Dieje Tradition bei Ibn Abd Alhakam ©. 15 ift glaub» 
mwürdiger als die vorher angeführte, derzufolge er nur 4400 Mann 
fandte, obſchon Amru's Heer allerdings auch ſchon durch Beduinen, 
welche in der Gegend von El-Arijch gelagert waren, verſtärkt wurde, 


2 


Dmar. 109 


reren Monaten ) genommen ward, 309 fih die Befatung 
nad ter Inſel Rodha 2). Bald nad dem Falle von Babys 
lon befchloffen aber die Kopten, an teren Spitze Mukaukas 
ftand, lieber mit den Arabern einen Frieden zu fihliegen, als 
länger die Bejchwerden eines Krieges zu tragen, von deſſen 
glücklichem Ausgange nur den herrſchenden riechen, aber 
nicht ihnen, irgend ein Vortheil erwachſen konnte. Mufaufag 
zauderte indeffen doch noch einige Zeit, ale er die Anſprüche 
der Mufelmänner vernabm, welche, wie immer und überall, 
Befehrung zum Jslam oder Unterwerfung durd Tribut fors 
derten. Das Gemälde, das ihm aber die Gefandten, welche 
Amru abfihrlih mehrere Tage in feinem Lager zurückhielt, 
von dem Leben der Araber entwarfen, flößte ihm eine ſolche 
Ehrfurcht vor ihnen ein, daß er fein Berenfen mehr trug, 
ihnen dag Intereſſe der riechen zu opfern. „Wir waren 
bei Männern,” ſagten die aus dem mufelmännifchen Lager 
zurücfehrenden Gefandten zu Mukaukas, „denen der Tod lieber 
it als das Leben und die weder um irdifhe Größe fi füm- 
mern, nod nad) weltlichen Genüſſen gelüften. Sie fisen auf 


wie Died derfelbe- Verfaffer S. 11 ausdrüdlih von dem Stamme 
Lachm und dem mit demſelben verwandten Raſchida berichtet. 

1) Nah einer Tradition son fieben Monaten, nad einer ans 
dern von einem Monate. Auch erzählen die Einen, die Feftung fei 
durd Zubeir erftürmt worden, während nach Andern die Griechen 
fie vorher fton verließen, Die Gefangennahbme Amru’s halte ic) 
für ein Mährchen, das ſich gar zu oft wiederholt, denn Aehnliches 
wird auch bei der Belagerung von Nlerandrien, fo wie bei der von 
Ghaza erzählt. ſ. Elmafin ©. 29. 

2) Auch hier find zwei Traditionen, welche von einander abs 
meichen und über die Page der Zeitung Babylon entſcheiden. Nach 
der Einen waren die Schiffe dit am Gaftell, nad der Andern ver: 
liegen die Grieben das Caſtell durch das jüdlibe Thor und zogen 
kämpfend bis an den Nil. Bielleiht waren zwei Cajtelle zu nehmen, 
von denen dus eine auf der Anhöhe und das andere am Wil Sag. 
Vergl. Mannert Geogr. der Griechen und Römer Bd. X. Abth. I. 
©. 46, 


110 Zweites Hauptftüd, 


der Erde und effen kniend, ihr Anführer ift durch nichts von 
den Andern ausgezeichnet, man fteht überhaupt feinen Unter- 
fhied zwifchen groß und gering, noch zwiſchen Herren und 
Sflaven. Kömmt die Gebetszeit, jo bleibt Feiner zurüd, ein 
jeder wafcht fih und betet im tiefiter Andacht.” Mufaufag 
drang um fo mehr auf einen fchnellen Friedensſchluß, als er 
fürdtete, daß mit der Abnahme und dem Zurüdtreten der 
Nilmaffer ), welde die Araber in ihren Unternehmungen 
hemmten, aud ihre Anfprüche wacfen würden. Amru’s For: 
derungen waren in der That für Leute, die längft ihre Frei- 
heit eingebüßt hatten und fich Tieber einer geregelten Abgabe 
als willführlihen Erpreffungen unterzogen, äußerft billig, denn 
er begnügte fih mit einer Kopfiteuer — von zwei Dinaren, 
yon der jedoch Frauen, Greife und Kinder befreit blieben und 
einer fehr mäßigen Grundfteuer 2). Mufaufas nahın daher 
für fih und die ganze foptifhe Bevölkerung Egyptens Amru’s 
Bedingungen an und lieg den Griechen die Wahl, ob fie fih 
auch denfelben unterwerfen oder Lieber nach Alerandrien zurüd- 
ziehen wollen 3). Auf die Vorwürfe des griehifchen Kaiſers 


3) Diefe Stelle bei Sbn Abd Alhakam ©. 18 und andere ähn: 
lihe, aus denen hervorgeht, daß zur Zeit des Friedengschluffes faft 
das ganze Fand noch unter Wajfer ftund, beftimmt mich zur Annahme, 
daß Babylon nicht fieven Monate lang belagert worden, denn da 
fie im Januar dahin kamen, fo ftele ja die Uebergabe gerade in die 
Zeit, wo der Nil wieder im Steigen iſt. 

2) Die Zahl der ftenerpflidtigen Männer wird von Einigen 
auf 6,000,000, von Andern auf 8,000,000 angegeben, welches auf eine 
Gejammtbevölferung von weniaftens 19,000,000 ſchließen liege. 

3) Dies ift mohl die wahrjcheinlichite aller Traditionen. Wach 
Andern ward gar Fein Vertrag geſchloſſen, gewiß eine Erfindung 
fpäterer Statthalter, die fich allerlei Berrücungen erlaubten. Die 
verjchiedenen Weberlieferungen über dieſen Geaenftand hat de Sacy 
aus Makriſt zufammengejftellt, der felbit Son Abd Alhafam größten: 
theild abgejchrieben. (j. mem. de linstitut T. V. p. 20 u. ff.) In 
einem ehr wejentlihen Punkte bin ich jedoch von diefem Gelehrten 
abgewichen, indem er annimmt, die Mufelmänner haben ſich im 


Omar, 111 


über diefen ſchmählichen Frieden fol Mukaukas geantwortet 
haben: „Es ift wahr, der Feind ift bei weitem nicht fo zahl- 


ihrem Bertrage nur Kopfiteuer bedungen und diefe fei fpäter in 
eine Grunditeuer vermandelt worden, oder letztere fei noch willführ: 
lih hinzugejegt worden, Die Stelle aus Jon Abd Alhakam, melde 
de Sacy ©. 21 Anmerf. 2 anführt und von der er fagt: »le sens de 
ce passage est un peu obscur,s bemweijt mir dieſes nicht minder, als 
die wirkliche Ginforderung des Charadj (Grundfteuer) jhon ım eriten 
Sahre nach der Eroberung von Alcrandrien. Dieje Stelle bedeutet 
nimlih nab meinem Dafürhalten: „Ganz Egypten wurde durd 
Vertrag genommen, vermitteljt einer Kopfiteuer von zwei Dinaren 
für jeden Mann; e8 durfte von Niemanden mehr denn zwei Dinare 
als Kopfiteuer verlangt werden, nur wurde ein jeder noch im 
Verhältniffe zu feinen Gütern und ihrem Ertrag befteuert, mit Aus— 
nahme der Alerandriner, welche, weil fie feinen Frieden gejchlojfen, 
fomohl Kopf: ald Güterfteuer nah dem Gutdünfen ihrer Herren zu 
entrichten hatten.“ Die Güteriteuer wurde in der erften Zeit in 
Maturalien erhoben. Abd Albafam jpriht nod von einem Ardeb 
Weizen monatlid für jeden Murelmann, eine gewiſſe Portion Fleiſch, 
Honig, Leinwand für die Soldaten. f. de Sacy a. a. O. ©. 46, 
Dazu fam noch die Verbindlichkeit, jeden Mufelmann drei Tage zu 
bemwirthen. Sn dem Vertrage, welben Ibn Kethir aufbewahrt hat, 
it von diejen bejondern Berpflibtungen Feine Rede, er lautet: 
„Dies ift die Sicherheitäurfunde, mwelhe Amru Son Aaß den Bes 
mohnern von Mißr gab, in Betreff ihrer Perſonen, ihres Glaubens, 
ihrer Güter, ihrer Kirchen, ihrer Kreuze, ihres trodenen Landes fo: 
wohl als ihrer Gewäſſer. Es joll ihnen in nichts von all diefem 
Gewalt angethban werden und ihnen auch nichts vermindert werden, 
auch foll es den Nubiern nicht geituttet fein, unter ihnen zu mohnen. 
Hingenen haben die Bemohner von Mifr, wenn fie mit diejem Frie: 
densſchluſſe übereinjtimmen, 50,000,000 Kopfiteuer zu bezahlen, ſobald 
das Zunehmen ded Stromes zu Ende ift. Auch find fie verantwort: 
fi für Gemaltthaten, welche von Räubern aus ihrer Mitte began— 
gen werden. Will jemand von ihnen diefen Vertrag nicht annehmen, 
fo wird die Kopfitenerfumme nach der Zahl der fih Ausſchließenden 
vermindert; gegen dieſe haben wir (Mufjelmänner) aber auch Feinerlei 
Verbindlichkeit. Sit der Etrom nad der Zeit feines Anſchwellens 
nicht fo hoch als gemwöhnlih, fo wird ihre Steuer im Verhältniſſe 
zum niedern Wajjerftande vermindert. Die Griehen und Nubier, 
die an ihrem (der Kopten) Vertrage Theil nehmen, übernehmen da: 


112 Zweites Hauptftüd. 


reih wie wir, aber ein Muſelmann wiegt hundert der Unſri— 
gen auf, fie begehren von den Genüffen der Erde nur eine 
einfache Kleidung und Nahrung und fehnen fi nad dem 
Märtyrertode, weil er fie ins Paradies führt, während wir 
am Leben und feinen Freuden hängen und den Tod fürchten.” 

Eobald der Nil wieder in fein Bett zurüdgetreten und 
der Weg nad) Alerandrien gangbar war, brach Amru mit 
feinem Heere auf, in Begleitung vieler Kopten, die, wenn fie 
aud nicht gerade in feinen Reihen kämpften, ihm doch durd) 
Zufuhr von Lebensmitteln, Brückenbau und dergleichen auf 
jete Weife behülflid waren. Die Bewohner des durd) Römer 
und Griechen gedehmürbigten und felbft eines Theiles feiner 
Alterthümer beraubten Memphis arbeiteten freudig an dem 
Sturze der ftolzen Griechenftadt mit, welche auf ihre Koften 
der Hauptfig der Regierung, des Handels, jo wie der Künfte 
und Wiffenfchaften geworten. 

Die Griechen hatten indeffen, ald die Kunde von dem 
Berrathe der Kopten zu ihnen gelangte, die Befagungen aus 
den verichietenen Städten zufammengezogen und dem Amru 
entgegengeſchick. In Terenut ) fiel das erfte Gefecht zwi— 


durch die gleichen Verpflichtungen und genießen dieſelben Vortheile, 
wer dies nicht will und ſich lieber entfernt, der kann unangefochten 
ſich an einen ſichern Zufluchtsort begeben, oder unſer Reich verlaſſen. 
Ihre Steuern haben ſie in drei Theilen, nach je vier Monaten, zu 
entrichten. Für die Aufrechthaltung dieſes Vertrags haben fie (als 
Büraen) Gotted Zeugniß, den Schus feines Gejundten und des 
Fürften der Släubigen, feines Chalifen und aller Gliubigen. Die 
Nubier, wilde fih dieſem Vertrage anſchließen, müſſen noch mit 
einer gewiſſen Zahl Menſchen und Pferde den Muſelmännern bei— 
ſtehen, damit (die Muſelmänner dafür ſorgen können, daß) fie (die 
Nabier) von keinem Feinde überfallen und ihnen bei ihren Handels— 
zugen nach und von Egypten Fein Hindernig in den Weg trete. 
Zeugen (diejes Vertrags) find: Zubeir und feine beiden Söhne Abd 
Allah und Mohammed und gejhrichen hat ihn Wardan.“ (j. Mem. 
de l’Inst, T. V. p. 35.) 


1) Terenut lag an den beiden Ufern des weftlihen Nilarıng, 


Omar, 113 


fhen den beiden Heeren vor und die Griechen mußten wei— 
hen. Amru ließ den Feind durch Scarif verfolgen, dieſer 
ward aber von den Griechen umzingelt und nur mit Mühe 
gelang es ibm, fih fo lange auf einer Fleinen Anhöhe zu be- 
baupten, bis Amru mit dem Hauptheere nachrückte. In der 
Nähe dieſes Hügels, welcher fpäter Kom Scharik ) (Scha— 
rifshügel) genannt ward, wurde drei Tage lang gefochten. 
Die Griechen zogen ſich hierauf nah Siltis ?) zurüd, Als 
fie auch bier geichlagen wurden, ftellten fie fi) noch einmal 
bei Keriun 3) dem Feinde entgegen und hielten ihn zehn Tage 
lang auf, doch mußten fie, nach mehreren Schladhten, auch 
diefe Stellung aufgeben und hinter den Mauern Alexandriens 
Schutz ſuchen, fo daß die Araber ihr Lager ganz in der Nähe 
der Hauptftadt auffchlagen und Anftalten zu einer fürmlichen 
Belagerung treffen Fonnten 2). Gegen eine Feftung wie 


ohngefähr fünf Tugereifen von Alerandrien, Es war ehedem eine 
bedeutende Stadt und Sitz eines Biſchofs, jest aber ein kleines Dorf, 
welches Terranech heißt. ſ. Quatremere a. a, O. ©. 354. 

1) Bei Abd Allatif (ed. de Sacy ©. 667) wird Kom Scharik 
zu den Ortſchaften der Provinz Buheira gerechnet, deren Hauptitadt 
Damanhur. 

2) Diefer Ort ift mir unbekannt, vielleicht ift Samiatis oder 
Sunteis zu lejen, wie fhon Ewald vermuthet, f. Zeitfchrift für 
Kunde des Morgenlandes II. 345. 

3) Keriun liegt nur noch eine Tagereife weit von Alerandrien, 
e8 ıft nach Quatremere a. a. O. ©. 419 das alte Zuges. 

4) Son Abd Alba. erzählt (S. 29); Vier Mufelmänner wur: 
den von ihren Gefährten abgejchnitten, darunter Amru Ibn Aaß 
und Mohammed Ibn Maslama. Site flüchteten jih in ein Bad 
und ftellten fid zur Vertheidigung an. Da fagte ihnen ein Grieche, 
welcher arabifch redete: Gebet euch gefangen und ftürzet euch nicht 
ins Verderben! Sie wollten fich aber nicht ergeben. Da fagte der 
Griehe: wir verfprechen euch, daß wir euch nicht födten, fondern 
gegen Gefangene von den Unfrigen austaufhen. Die Mufelmänner 
nahmen aber auch diefen Vorfchlag nicht an, Nun, fagte der Grieche, 
fo mag einer son euch fich mit einem der Unfrigen fchlagen, fieget 
ihr, fo laſſen mir euch abziehen, ſiegen wir aber, fo feid ihr unfere 


114 Zweites Hauptftüd. 


Alerandrien, welche, da das Meer für fie offen war, ftets 
frifche Truppen aufnehmen und mit Lebensmitteln verſehen 
werben fonnte, blieb aber auch die an Verwegenheit grenzende 
Tapferfeit der Araber erfolglos. Selbft als fie fchon einmal 
die Citadelle erftürmt hatten, wurden fie wieder aus derjelben 
vertrieben und mehrere Mufelmänner, unter denen Amrır felbft 
gewefen fein fol, gefangen genommen 9). Heraklius fah wohl 
ein, Daß mit dem Falle von Mlerandrien nicht nur ganz 
Egypten für ihn auf immer verloren, fondern auch dag ganze 
nördliche Afrika bedroht fein würde, Darum bot er auch Alles 
auf, um dieſe Stadt zu retten. Nah feinem Tode aber, als 
nicht nur der bedrängten Stadt Feine Hülfe zufam, fondern 
auch noch, wegen der in Conftantinopel ausgebrochenen Erb- 
folgeftreitigfeiten und Soldatenempörungen, Truppen von Ale 
randrien in die Hauptſtadt zurüdfehrten, fanf der Muth der 
Alerandriner, Die Reichen und Mächtigen wanderten nad) 
und nad mit ihrer Habe aus und die Zurücgebliebenen wa- 
ren zu ſchwach, um die unter Ubada Ibn Affamit, einem ber 
Gefährten des Propheten, in gefchloffenen Reihen beranftür- 
menden Mufelmänner zurüczutreiben. Im Muharram des 
Jahres 21 der Flucht ?) (Dezember 641) bielt Amru 


Gefangenen. Amru wollte den Zweifampf annehmen, Mohammed 
Son Maslama gab es aber nicht zu, fondern er trat in die Schran- 
fen und todtete feinen Gegner, worauf fie dann ihre Freiheit er: 
hielten, Bei Elmafin ©. 30 wird Amru’s Befreiung der Lift feines 
Sflaven Wardan zugefchrieben, aber beide Erzählungen tragen das 
Gepräge der Unwahrfcheinlichkeit. 

1) Nach einer Tradition bei Sbn Abd Alhaf ©. 27 blieben fie 
zwei Monate in Holman oder Holwat, dann rückten fie bis Make 
vor, Letzterer Name bedeutet Zoll, es mochte alfo wohl auch, wie 
am Nil bei Kahira, jo in der Nähe von Alerandrien ein Haus oder 
Dorf diefen Namen geführt haben. Von einem Orte Holwan in 
der Nähe von Alerandrien ift mir nichts befannt. Abulfeda nennt 
nur ein Holwan zwei Pharafangen von Foftat entfernt. Auf der 
vorhergehenden Seite heißt es: fie lagerten zwifchen Cholwan und 
Kaßr Faris (Perſerſchloß). 

2) Bei Ibn Abd Alhak. ©, 31 den erſten Muh. d. J. 20. Dies iſt aber 


Omar. 115 


ſeinen Einzug in die eroberte Stadt, die indeſſen ein zweites 
Mal eingenommen werden mußte, weil die griechiſchen Trup— 
pen, die ſich eingeſchifft hatten, ſie nochmals beſetzten, während 
Amru diejenigen verfolgte, welche zu Land zu entkommen 
ſuchten. Die zweite Einnahme, welche, wie es ſcheint, nur 
wenige Tage nach der erſten erfolgte, ward Amru durch den 
Verrath eines Thorwächters erleichtert. 

Da Alexandrien ohne Vertrag durch das Schwerdt er— 
obert ward, verlangte Amru's Heer, daß die Stadt geplün— 
dert und ſowohl die Menſchen als alles unbewegliche Gut 


offenbar ein Irrthum, oder vielleicht ein Schreibfehler, denn es heißt 
vorher: Alexandrien ward vierzehn Monate lang belagert; fünf Mo: 
nate vor und neun nad Heraklius Tod, dieſer ftarb aber befanntlich 
im März oder nach Einigen im Februar 641. Auch jagt Sbn Abd 
Alhak. an derfelben Stelle, die Eroberung habe an einem Frei: 
tage ftatt gefunden. Der erfte Muharram des Sahres 20 war aber 
fein Freitag. Endlich wäre ja überhaupt der Zeitraum zwiſchen dem 
Zuge nad) Memphis (Ende 18) und der Einnahme von Alerandrien 
zu kurz, da doc mehrere Monate bis zum Friedensschluffe mit 
Memphis vergingen, dann vor der Belagerung von Alerandrien eben- 
fall8 mehrere Monate. Bei Abulfeda wird allerdings und eben fo 
bei Elmafin die Eroberung von Alerandrien in das Sahr 20 gefegt, 
aber erjterer nennt nicht den Monat Muharram, fo daß er alfo das 
Ende des Zahres meinen Fann und legterer jest nicht den Einfall 
in das Ende des Sahres 18, fondern führt vielmehr eine Tradition 
an, derzufolge Memphis jhon im 3. 18 unterworfen war. Vergleicht 
man aber die verfhiedenen Angaben mit einander und wiſſen wir 
doch, daß Heraklius nicht im 19., ſondern im 20. Sahre der Hidjrah 
geftorben, jo Fann Das von mir angenommene Datum nicht mehr 
bezweifelt werden. Tabari verdient in der ganzen Darftellung der 
Eroberung von Egypten (S. 123 — 125) gar keine Erwähnung. Er 
beginnt mit der Eroberung von Alerandrien und häuft allerlei Un— 
wahrfcheinlichfeiten auf einander, Am Scluffe des Kapitels jagt 
er: „Die Eroberung von Mißr Memphis) und Alerandrien war im 
J. 20 im Monate Rabia-l-Amwal.“ (Alfo in drei Monaten?) Dia: 
habi (©. 136) fest auch die Eroberung von Alerandrien in das J. 
21, eben fo eine Tradition bei Ibvn Abd Alhak. ©. 92, eine andere 
fogar in das S. 22, 
g* 


116 Zweites Hauptſtück. 


unter den Mufelmännern vertheilt werde. Amru berichtete 
aber deshalb an den Chalifen, und da diefer an feinem Orte 
die Bevölferung erbittern, fondern vielmehr durch eine milde 
Behandlung für fi gewinnen wollte, befahl er, daß der 
eroberten Stadt außer der Kopffteuer yon zwei Dinaren für 
jeden Einzelnen und der Grundfteuer nach dem Verhältniſſe 
der Güter auch noch ein Tribut auferlegt werde, übrigens 
aber Leben und Gut der Bewohner verſchont bleibe, Eben 
fo ließ Omar die Bewohner einiger Dörfer, welche den Grie- 
hen im Kampfe gegen Amru beigeftanden waren, und die 
diefer daher als Kriegsgefangene behandelte, wieder in ihre 
Dörfer zurüdfehren und räumte ihnen diejelben Rechte wie 
den übrigen Kopten ein”). 


1) Abd Alhak. ©. 54. Die Berhreibung von Alerandrien ift 
bier eben fo übertrieben, wie bei Elmafin: 4000 Bäder, 12,000 Ge— 
müfehändler, 40,000, nach einer andern Tradition fogar 70,000 Su: 
den, die Kopfiteuer zahlen, 400 Theater. Sn der Stadt waren 
200,000 Griechen (blos Männer), von denen 30,000 fih mit ihrer 
Habe und ihrer Famlie vor der Eroberung einfcifften. Sm Ganzen 
fand man in Alerandrien 600,000 Seelen, ohne die Frauen und 
Kinder. Bon einer Bibliothek ift, wie fchon Ewald bemerkt, weder 
bei Abd Alhafam, noch bei Tabari die Rede. Darf man fich aber 
nah ſolchen Webertreibungen wundern, wenn einige fpätere Autoren, 
die vielleicht von der Zerjtorung einer Bücherfammlung gehört, fechs 
Monate alle Bäder damit heizen laſſen? Wäre Omar wirklich an 
der Zerftörung von Handfchriften gelegen geweſen, fo hätte er fie 
eher ins Meer werfen lafien, ald den Bädern übergeben, wo doch 
mandes gerettet werden fonnte. Omars befannte Antwort: „ftim: 
men die Bücher mit dem Koran überein, fo find fie überflüflig, wo 
nicht, fo find fie ſchädlich,“ paßt übrigens nur auf philofophifche oder 
theologifhe Werke, am wenigften aber auf medicinifche, die ja der 
Chrift allein haben wollte. Auch läßt fih nicht denken, daß, wenn 
wirklich damals in Alerandrien noch koſtbare und feltene Handſchrif— 
ten ſich befanden, fie nicht vor der Einnahme gerettet worden wären, 
da doch, wie aus obiger Stelle erfichtli, eine große Anzahl Griechen 
ihre Habe einfhifften, und fhon lange vorher viele auswanderten. 
Die von de Sacy aus Ibn Chaldun angeführte Stelle ſcheint mir 
eher gegen als für die Zerftörung der hriftlihen Bücher zu zeugen, 


Omar. 117 


Amru wollte Aerandrien zu feiner Reſidenz machen, 
Dmar gab es aber nicht zu, daß fein Statthalter jenfeit des 
Niles fich feftfege. Die Entfernung von Medina war übrigens 
auch größer und die Umgebung ter Stadt nicht fo fruchtbar, 
wie die von Memphis. Amru gründete daher eine neue Stadt 
an dem Drte, wo früher, während der Belagerung von Ba- 
bylon, die Armee ihre Zelte aufgefchlagen hatte und von der 
noch ein Theil, unter dem Namen Alt- Kahira, fi bis auf 
unfere Zeit erhalten hat. Damals hieß aber die neue Stadt 
Foftat (das Zelt), weil Amru’s Zelt, welches bei dem Zuge 
nad) Merandrien ftehen blieb — der Sage nach, weil Tauben 
ihr Neft darauf gebaut — den Drt zur Gründung der neuen 
Stadt bezeichnete. In der Nähe diefes Zeltes ward alsbald 
eine Mofchee errichtet mit einer Kanzel und neben derfelben 
lieg fih Amru ein Haus bauen. Dmar wieß ihn darüber 
zurecht, er follte durch die Kanzel fich nicht gleichfam auf den 
Nacken der Mufelmänner ftellen, noch in Egypten ein Haus 
befigen, da er fchon ein foldhes in Arabien hatte, Dmar 
wollte ihn wahrfheinlih dadurch an feine Abhängigkeit von 
ihm erinnern und ihm andeuten, daß er ja jeden Tag nad 
Arabien zurüdgerufen werden könnte. Omar fah es fogar 
ungern, daß einige Stämme fih in Djifeh, unterhalb Mem— 


find ja auch Mohammeds Kriegsgefeke für die Feueranbeter nicht 
diefelben, wie für Chriften und Suden, jo läßt fi aud aus Omars 
Befehl, die Bücher der Perſer ins Waſſer zu werfen, nicht jchliegen, 
dag auch die der Alerandriner verbrannt werden follten. Sch hätte 
diefe ſchon fo vielfach verhandelte Frage gar nicht berührt, wenn 
nicht das Schweigen Tabari's und befonders Abd Alhafams, der in 
die geringften Ginzelheiten eingeht und diefelben Traditionen zwei 
dreimal wiederholt, wenn nur irgend ein Zuſatz, mandmal von 
einem Worte fich findet, fehr zu Gunften der Gibbon'ſchen Parthei 
fprähe und die erwähnte Auswanderung es jedenfalld warſcheinlich 
machte, das das Koftbarfte nicht einem barbarifchen Feinde über: 
laſſen wurde, von dem zu erwarten ftand, daß er die ganze Stadt 
ausplündern, dann in Flammen aufgehen laſſen und ihre Bewohner 
als Sklaven verkaufen würde, 


118 Zweites Hanptftüd. 


phis, am weftlihen Nilufer anftedelten und befahl Amru, 
damit fie im Falle eines Verraths von Seiten der chriftlichen 
Bevölkerung nicht blosgeftellt feien, aus der Staatsfaffe eine 
Feftung jenfeit des Stromes bauen zu laffen )Y. Ueberhaupt 
ſuchte Omar zu verbüten, daß feine Soldaten, und das waren 
ja zu jener Zeit faſt alle feine Untertbanen, durch nichts zu 
ſehr an irgend ein Land gefejjelt würden. Sie follten fo lang 
als möglih Nomaden bleiben, jeden Augenblick bereit fein, 
ihr Lager aufzuheben und auf den erften Winf des Für— 
ften der Gläubigen diefes oder jenes Land mit Krieg über: 
ziehen. Dieß erflärt uns Omars Befehl an ſämmtliche Ober: 
feloheren, fowohl in Perfien als in Syrien und Egypten, 
nicht zuzugeben, daß die Mufelmänner fi) mit Ader- und 
Feldbau befchäftigen 2). Auch ließ Amru feinen Truppen in 
Foftat nicht lange ruben, fie mußten fih nach allen Provin- 
zen bin zerftreuen, und wie dieß noch jest in Egypten ges 


1) Sbn Abd Alhak. ©. 59. 

2) Ebenda ©. 80: „Scharif, der Sohn Sumejj’s, kam zu Amru 
Son Aaß und fagte: du gibft uns nicht fo viel, ald wir brauchen, 
erlaube mir ein Feld zu befien. Amru ermwiederte: ich kann das 
nicht. Scharif that es aber doch ohne Amru's Grlaubnig. Als 
diefer davon Kunde erhielt, fchrieb er an Omar: Scarif, der Sohn 
Sumejj’s, hat fih in Egypten [gefegwidrige] Neuerungen erlaubt. 
Dmar antwortete: fende mir ihn hierher! Als Amru diefes Schreiben 
erhielt und Scharif mittheilte, fagte diefer: du vernichtet mich, Amru! 
Amru ermwiederte: das haft du ſelbſt gethan, nicht ih. Nun, fagte 
Scharif, wenn dem fo ift, fo geftatte mir, daß ich ohne ein Schrei: 
ben von dir mich zum Chalifen begebe, ich ſchwöre dir bei Gott, daß 
ih meine Hand in die feinige lege. Amru entließ ihn ohne Schrei: 
ben. Als er zu Omar kam, fagte er: begnadige mich, Fürft der 
Gläubigen! — zu welhem Heere gehörft du? — zum egpptifchen. 
— Bift du Scharif, der Sohn Sumejj’s? — Sa wohl, Fürft der 
Gläubigen. — Sch werde dich zum mwarnenden Beifpiele für alle 
Zukunft machen. — Nimm lieber von mir an, was auch Gott von 
dem Sünder annimmt (Reue). Iſt das dein Ernft? — Gewiß. — 
Da ſchrieb Omar an Amru, dag Scharik ſich bei ihm eingeftellt, er 
aber ihn begnadigt habe,“ 


Dmar. 119 


bräuchlich ift, ihre Pferde mehrere Monate lang auf die Werde 
führen . Das gefegnete Nilland follte aber nicht nur Amru's 
immer zunebmendes Heer verpflegen, fondern aud des un- 
fruchtbaren Arabiens Syeifefammer werden. Schon vor der 
Eroberung von Alerandrien, als Amru nod in Babylon Yag, 
forderte ihn Omar auf, der von Hungersnoth heimgefuchten 
Refidenz einige Lebensmittel zu ſchicken. Amru ließ eine Anzahl 
Kameele mit Korn beladen gegen Medina ziehen, Obgleich 
aber diefe Karavane, nach mufelmännifhen Berichten fo ftarf 
war, daß das erfte Kameel ſchon Medina erreicht hatte, als 
das letzte Egypten verließ, fo fühlte Omar doch das Bedürfniß 
nach einem rafchern und leichtern Verbindungsmittel zwifchen 
Egypten und Arabien. Sobald er daher von dem früheren 
Beftehen eines Kanals zwifchen Egypten und dem rothen 
Meere Kenntnig erhielt ?), faßte er den Entfchluß, denfelben 


1) „Seht jest,” redefe Amru feine Truppen an, „da die Zah: 
reszeit jo günftig für diefes Land ift und wenn die Milih gerinnt, 
die Baumzmeige hart werden und die Mücken fih vermehren, fo 
fehret wieder in eure Zelte zurück! Sch weiß nicht, was einer zu 
begehen fähig ift, der fi herausmäftet und fein Pferd darben läßt.“ 
Ibid. ©. 64. 


2) Nach einer Tradition bei Sbn Abd Alhak. ©. 81 lief Omar 
Amru mit einigen Kopten nadı Medina fommen und trug ihm auf 
einen Kanal zu graben. Als Amru den Kopten Omars Befehl mit: 
theilte, ward ihnen bangz fie jagten zu Amru: wir fürdten, dieſes 
Unternehmen möchte Egypten große Nachtheile bringen, drum laß 
es und dem Chalifen als ein höchft fehwieriges, unausführbares dar- 
ftellen. Ald Amru dem Chalifen diefen Bericht erftatten wollte, 
durchſchaute ihn diejer und beftand auf feinem Verlangen. Amru 
fehrte dann nad Eaypten zurück und ließ den Kanal graben, welcher 
bei Foftat anfängt, und ehe ein Sahr vorüber war, wurden allerlei 
Lebensmittel auf Schiffen nah Medina und Meffa (d. h. an die 
Hafen diefer beiden Städte) gebradt. Er blieb dann fchiffbar bis 
nah der Regierung des Dmar Ibn Abd Alaziz (720). Dann ver: 
nadhläfligten ihn die Statthalter fo, daß er verfandete und ganz 
zerftört ward. Sein End mar am Schweif ded Krofodils, in der 
Ebene son Kolzum. Died war nad Masudi eine Milte von Kolzum. 


120 Zweites Hauptſtück. 


wiederherftellen zu Yaffen, und Amru mußte für eine rafche 
Ausführung Sorge tragen, fobald die Unterwerfung Egyptens 
durch die Einnahme yon Mlerandrien vollendet war. In 
weniger als einem Fahre war der Kanal fchiffbar, welcher 
in Babylon oder Foftat feinen Arfang nahm, ſich norböftlich 
gegen Bilbeis hinzog, dann öſtlich längs dem Thale Tumlat 
bis zu den Ruinen von Heroopolis, von wo er endlich eine 
ſüdliche Richtung durch die bittern Seen nach Kolzum, in der 
Nähe des ſpätern Suez, nahm. Schon der egyptiſche König 
Nechos, Sohn des Pſammetichus (nach Andern ſogar ſchon 
Seſoſtris), hatte (610 — 615 vor Chr. Geb.), um das mit- 
telländiſche Meer mit dem rothen Meere zu verbinden, einen 
Kanal anlegen laſſen, der ein wenig oberhalb von Bubaſtis, 
am Nilarme von Peluſium, dem öſtlichſten der ehemaligen 
ſieben Arme, ſeinen Anfang nahm, aber er ließ ihn in Folge 


S. Quatremere mem. sur l’Egypte. I, 174. Nach einer andern Tras 
dition fagte Amru zu Dmar, der fid) über die Noth in Arabien 
beklagte: „Was mwillft du, Fürft der Gläubigen! Sch habe erfahren, 
daß vor dem Islam egyptifhe Kaufleute auf Schiffen zu ung gefom- 
men, ald wir aber Egypten eroberten, wurde diefer Kanal nicht 
mehr befahren, wenn du willft, fo laſſe ich ihn wieder aufgraben‘ 
u. ſ. w. Nach einer dritten Tradition hatte Amru zuerft an Omar 
in Betreff ded Kanals gefchrieben, dann aber nach den Vorftellungen 
der Kopten und aus eigner Furcht, Egypten möchte von Arabien 
ganz ausgefaugt werden, die Sache wieder als zu fehmierig vorge: 
ftellt, doch Omar ließ fih nicht mehr davon abbringen. Amru felbft 
ward aber von dem Beftehen eines folhen Kanals dur einen Kop— 
ten benachrichtigt, der fich für diefe Mittheilung eine Befreiung von 
der Kopffteuer ausbedungen. Mach lesterer Tradition müßte alfo 
der Kanal jhon ftarf verfandet und lange vor dem Ginfalle der 
Araber außer Gebrauch gewefen fein. Bei Tab. (cod. msc. Berol,) 
XI, 123. fieft man, daß Manffur zur Zeit der Empörung der Me: 
dinenfer unter Mohammed das Meer bei Djar fchliegen ließ, fo daß 
ihnen feine Lebensmittel von Egypten zufließen Eonnten, und erſt 
unter Mahdi ward es wieder geöffnet. Ob indeffen der Kanal noch 
ſchiffbar war, läßt ſich daraus nicht fchliegen, da ja die Egyptier auch 
zu Land ihre Früchte nach Suez bringen konnten. 


Omar. 121 


eines Drafelfpruchs, oder weil er die Entdeckung machte, daß 
der arabifche Meerbufen höher Tiege, als die niedrigen Theile 
der arabifchen Ebene, unvollendet. Unter dem perfifchen König 
Darius, Sohn des Hyftafpis, ward er wahrfcheinlich bis an 
das rothe Meer fortgegraben und fchiffbar gemacht. Er ver- 
fandete aber wieder unter den fpätern perfifchen Königen und 
erft Philadelphus, der zweite Ptolomäer, ließ wieder, ſowohl 
zur Erleichterung des Handels, als zur Befeftigung des Neichg, 
das gegen Norboften offen war, den Kanal ausbeſſern. Statt 
aber, wie feine Vorgänger denfelben bei Bubaftis ausgraben 
zu laffen, ließ er ihn weiter nördlich bei Phakuſa abftechen, 
um einen geraden Zufammenhang zwifchen den beiden Meeren 
zu erwirfen und namentlih um den Nüdweg vom rothen 
Meere in das mittelländifche zu erleichtern. Diefer Kanal 
warb aber wahrſcheinlich noch durch einen zweiten unterjtüßt, 
der oberhalb des Delta das Waffer aus dem ungetheilten 
Nile gegen Dften leitete. Der Kanal blieb unter der Herr— 
ſchaft der Lagiden fchiffbar, ebenfo unter den erften römijchen 
Kaiſern, er entſprach jedoch nicht ganz den Erwartungen, bie 
man von demſelben gebegt, weil er nur während bes hohen 
Nilftandes die erforderliche Tiefe erhielt, und warb abermals 
vernachläfligt, bis ihn endlih Trajan wieder ausbeſſern ließ N). 


I) Ueber die Literatur diefes Kanals vergl. Bähr zu Herodot 
II, 158. Sc bin hier befonders Mannert, Geographie der Gr, und 
Römer, X, 1. ©. 503 u. ff. und Letronne in der revue des denx 
mondes, vol. XXVI. p. 215 gefolgt, und wo fie von einander ab- 
meichen, bald diefem, bald jenem, ohne mir ein Urtheil über diefe 
ausgezeihneten Männer anmaßen zu wollen. Die mefentlidften 
Streitpunfte find folgende: Nah Mannert lieg Necho fchon außer 
dem Hauptfanale von Bubaftis noch einen zweiten vom ungetheilten 
Nile aus graben, eben fo Ptolomäus, denn von Phakuſa Fonnte der 
Nil unmöglih Waffer genug für den ganzen Kanal liefern, fchiffbar 
ward der Kanal erft unter Ptolomäus, Unter Trajan ward nur der 
Kanal von Dften nach Weiten, aber nit der von Norden nad 
Süden hergeftellt. Nach Letronne ward der Kanal von Bubaftis 
bis in das rothe Meer fchon von Darius vollendet. Bon einem 


122 Zweites Hauptftüd. 


Es ift zweifelhaft, wie lange Trajans Werk brauchbar war N), 
gewiß ift nur, daß in der zweiten Hälfte des zweiten Jahr— 
hunderts nad) Ehriftus noch eine ununterbrochene Wafferftraße 
zwifchen den beiden Meeren vorhanden war 2), vielleicht aber 
doch nur über Babylon, weil der nörblihe Kanal längft ver- 
fandet war. 

Der furze Zeitraum, in welhem Amru den Kanal von 
Foftat bis in das rothe Meer wieder fchiffbar machte, da 
doch höchſt wahrſcheinlich Die Arbeiten erft nad) der Eroberung 
von Alerandrien, alfo im Fahre 642 begannen 3) und jeden- 
falls vor Dmar’s Tod (644) ſchon egyptifche Schiffe an der 
Küſte von Arabien Tandeten H, läßt nicht zweifeln, daß noch 


Anfang des Kanals unter Ptolomäus bei Phakufa erwähnt er nichts. 
Erft Trajan ließ den zweiten Kanal von Babylon aus gegen Dften, 
den die Araber wiederherftellten, anlegen. 

1) Nach einer der oben erwähnten Traditionen wäre ein Kanal 
son Egypten nach dem rothen Meere noch kurz vor der Eroberung 
son Eaypten befahren worden, fie verdient aber wenig Glauben. 

2) ©. Letronne a. a. D. ©. 232 nach Lucian apologia pro mer- 
cede cond. $. 12. p. 202. 

3) Falihlih wird gemöhnlih das J. 640 als das der Wieder: 
herftellung de Kanals angenommen. Der Irrthum kömmt daher, 
weil fie mit dem Hungersjahre in Verbindung gebracht wird, welches 
allerdings im 3. 639 und 640 war. Ibn Abd Alhak. berichtet aber 
nur, dag Dmar um diefe Zeit von Amru Lebensmittel verlangte. 
Amru, welcher damals vor Babylon lag, fandte ihm eine Karavane 
und erft jpäter, gewiß erft nach der Ginnahme von Alerandrien 
(Ende Dec. 641) ward an die Anlage des Kanals gedadht. Alkindi 
fagt übrigens ausdrüdlich, der Kanal fei erft im Sahre 23 d. 9. 
(Nov. 643) gegraben morden und Langles fekt ganz ohne Grund 
hinzu: »Je suis convaincu qu'il y a ici une erreur soit de la part 
d’Alkendi soit de la part du copiste, tous les auteurs excepte celui 
ci s’accordent ä dire que ce canal fut creuse en l’annee de la morta- 
lite qui etait la 18me de l’Hegire.« (S. not. et extr. de la biblioth. 
du roi T. VI. p. 341). 

4) Die ausführlihe Nachricht bei Fun Abd Alhaf, ©. 85 über 
Dmars Reife nah Diar, dem Hafen von Medina, um die egyp— 


Omar, 123 


viele Theile deffelben in gutem Stande waren und nur Fleine 
Ausbefferungen vorgenommen werden mußten. Cine Berbin- 
dung der beiden Meere bezweckten die Araber nicht, fondern 
nur eine Schiffahrt von Egypten nad Arabien N). 

Während dieſes Werk des Friedens im DOften vom Nil 
vollbracht wurde, dehnte Amru die Grenzen des islamitischen 
Reihs gegen Weiten aus. Die Berber, welde aus dem 
Diten gefommen ?) und fi in Lybien und den verfchiedenen 
Bezirfen der Pentapolis und Marmarif angefiedelt hatten und 
zum Theil unter griechifcher Botmäßigfeit ftanden, wurden 
obne große Mühe für den Islam gewonnen. Die Stadt 
Barfa bot einen Tribut von 13,000 Dinaren 3). Dfba unter: 
jochte das ganze Land zwiſchen Barfa und Zawila 9, dann 


tiihen Schiffe anfommen zu fehen, läßt nicht zweifeln, daß er die 
Vollendung des Kanals noch erlebt. 

1) Amru, jo berichtet Abulfeda, wollte die Landenge zwiſchen 
Peluftum und dem rothen Meere durcftechen, an einem Drte, wel: 
cher jest der Schweif des Krofodilld heißt, aber Omar gab es nicht 
zu, weil er ſagte: die Griechen würden dann die Pilger rauben 
(d. h. mit ihren Schiffen bis Meffa dringen). Ob zu diefer Zeit 
der nördlihe Kanal ganz verfandet war, ift zweifelhaft. Mannert 
(a. a. O. ©. 529) behauptet, der pelufiihe Nilarm ſei auch von den 
Arabern nod in der Gegend von Bilbeis in Anjpruch genommen 
worden zur Berftärfung des Kanals von Foftat, und diefem Um— 
ftande jchreibt er das Abnehmen des pelufiihen Nilarms zu. Jeden— 
falld mußte der Zuflug fo unbedeutend gemwefen fein, daß er Feine 
Schiffe tragen fonnte, fonft hätten ja die Griehen auch auf dDiefem 
Mege die Mujelmänner bedrohen können. 

2) Nah Son Abd Alhaf. ©. 86 ftammen die Berber aus Pa— 
läftina, das fie zur Zeit des Königs David verliefen, als er ihren 
König Djalud (Goliat) erſchlug. Vergl. auh Ibn Khallican, überf. 
von Slane 1. 36. 

3) 3m Bertrage ftand, zur großen Schmach der Mufelmänner, 
daß die Berber, um die von ihnen verlangte Summe aufzubringen, 
ihre Söhne und Töchter verkaufen müßten. A. a. D. ©. 87. 

4) ES gibt nad) dem Kamuß zwei Orte diefes Namens, einer 
im Lande der Berber und einer in der Provinz Afrifa, hier ift offen: 
bar erfterer Ort gemeint, 


. 


124 Zweites Hauptſtück. 


ward Tripoli nach einer Belagerung von einem Monate ge- 
nommen I) und glei darauf Sabre. Amru wollte noch 
weiter gegen Weften vordringen, aber Omar erfannte die 
große Gefahr und den geringen Bortheil eines ſolchen Feld» 
zuge. Auch ſchrieb ihm Mufaufas, daß die Griechen neue 
Berfuche zur Wiedereroberung Egyptens machen würden, weß- 
halb er wieder nad Foftat zuücfehrte. 

Sp groß aber auch Amru’s Verdienfte um die Vergröße- 
rung des Chalifenreichs fein mochten und fo fehr er ſich auch 
bemühte, die öffentlihen Schagfammern mit foptifchem Golde 
und Medina’s Speicher mit egyptifchem Korn zu füllen, be- 
handelte ihn doch Omar, weil er fortwährend glaubte, das 
reihe Nilland follte ihm noch mehr einbringen, mit der fcho- 
nungslofeften Härte, Er fchrieb ihm einmal: „Ich habe über 
dich und deinen Zuftand nachgedacht; du befindeft dich in einem 
großen vortrefflihen Lande, deren Bewohner Gott durd Zahl 
und Macht zu Land und zu Waffer gefegnet. Ein Land, das 


1) Tripoli war von der Seefeite ohne Befeftigungsmwerfe. Die 
Araber fanden dicht an der Stadtmauer noch einen Durchgang und 
drangen ganz unerwartet von dieſer Seite her in die Stadt, und 
die Griechen hatten Faum noch Zeit genug, fih auf ihren Schiffen 
aus dem Hafen zu retten. A. a. D. ©. 88. ©. auch Journ, asiat. 
Nov, 1844. Sabra (Sabrata) ward ebenfalld überrumpelt, noch ehe 
die Bewohner diefer Stadt etwas von der Eroberung Tripoli's er: 
fuhren. Diefe Eroberung fiel nah Abd Alhafam in das J. 23 der 
Hidjrah (645 — 44), Demnach ſchreibt H. Lembke (Gefhichte von 
Spanien, Bd. I. ©. 250) mit Unrebt: „Der Erfte, welcher von 
Eaypten aus in Afrika vordrang, war Abdallah Ben Saad; im 
Begriff, Tripolis zu nehmen, ward er von dem Faiferlichen Statt: 
halter Gregorius mit einer großen Macht angegriffen; allein Abdallah 
blieb Sieger und kehrte mit Beute beladen, obmohl durch Anftren- 
gungen erfchörft, nad) Egypten zurück.“ Won dem Kriege Abdallah’s 
Son Abi Sarh gegen den Statthalter Gregorius unter Othmans 
Chalifat wird weiter unten die Rede fein, diefer Feldzug darf aber 
nicht mit dem Amru's vermwechfelt werden. Tripoli fiel fchon unter 
Amru, mährend in Folge des Krieges mit Gregorius Gubeitallah 
unterworfen ward. 


Omar, 125 


fhon die Pharaonen, tros ihrem Unglauben, durch nützliche 
Arbeiten in einen blühenden Zuftand gebracht. Ich bin daher 
höchſt erftaunt, daß es nicht die Hälfte von dem früheren 
Ertrage einbringe, obſchon diefe Abnahme nicht durch Hungers— 
noth und Mißwachs entfchuldigt werden kann. Auch haft du 
früher von vielen Abgaben gefchrieben, die du dem Lande 
auferlegt. Nun hoffte ich, fie würden mir zufliegen, ftatt 
deffen bringft du Ausflüchte vor, die mir nicht zufagen. Ich 
werde durchaus nicht weniger annehmen, als ehedem entrichtet 
worden .... Schon im verfloffenen Fahre hätte ich dies 
von dir fordern können, doc ich hoffte, du würdeſt von felbft 
deine Pflicht erfüllen. Nun fehe ich aber, daß deine fchlechte 
Verwaltung es dir nicht geftattet. Aber, mit Gottes Hilfe, 
befige ich Mittel, dich zu zwingen, mir zu gewähren, was 
ich fordere” u. f. w.D) 

Amru erwiederte darauf, daß allerdings Egypten unter 
den Pharaonen, die fih ganz dem Aderbau hingaben, mehr 
einbrachte, als jet unter der Herrichaft der Mufelmänner; 
dann macht er aber dem Chalifen Vorwürfe, daß er fo harte 
Worte an ihn richtet, er fihreibt unter Anderm: „Ich habe 
dem Gefandten Gottes und feinem Nachfolger (Abu Ber) 
gedient, ich habe, Gott fei gelobt! ftets dem Vertrauen ent- 


I) A. a. O. ©. 78 u. 79. Vergl. aud) Mem. de I’Institut acad. 
des inscript. et belles letires TV. P. 56 u. f. Diefe Correfponden;, 
melde Ibn Abd Alhakam ſchriftlich vorgefunden, nicht wie manche 
andre Nachrichten mündlich gehört, und von der auch de Sacy 
a. a. D. einige Auszüge mittheilt, verdient vollen Glauben. Auch 
diefer Gelehrte jchreibt (S, 59%): »Je dois dire que toutes ces tradi- 
tions portent un caractere d’authenticite, par le soin meme que l’on prend 
de rapporter les diverses manieres dont un meme fait avait ete trans- 
mis & la posterite et par le style, qui respire un cäractere frappant 
d’antiquite et olfre souvent des expressions qui n’etaient deja plus 
d’usage au temps d’Ebn Abd Alhakam et dont il est oblige d’expliquer 
le sens.«a Dies zur Entfhuldigung meiner Ausführlichkeit über diefen 
Punkt, welcher gewiß, als bezeichnend für das Verhältnig zwifchen 
Dmar und Amru, nicht ohne hiftorifche Bedeutung ift. 


126 Zweites Hauptſtück. 


ſprochen, das mir gefchenft worden und die Pflichten erfüllt, 
die mir Gott gegen meinen Fürften auferlegt.... Nimm 
deine Statthalterfchaft zurück, denn Gott hat mid) frei gehalten 
von der Habgier und Gemeinheit, derer du mic) in deinen 
Briefen befhuldigft ... du hätteft ja einem Juden von Cheibar 
nicht mehr fagen fünnen, Gott verzeihe dir und mir!“ 

Dmar, ftatt fich zu entfchuldigen oder Amru zu entfegen, 
erwiederte hierauf ganz kurz: „Sch habe dich nicht nad) Egyp— 
ten geſchickt, um deine Begierde und die deiner Leute zu ftillen, 
fondern weil ich hoffte, du würdeſt durch eine gute Verwal: 
tung unfere Einfünfte vermehren. Drum fende mir die Ab- 
gaben bei Empfang diefes Schreibens, denn ich habe bier 
Leute, welche in großer Noth find.“ 

Amru erbat ſich dann, als er merkte, dag Omar auf 
feinem Berlangen bebarrte, nur noch eine Friſt bis zur 
Erndte, damit die Egyptier nicht genöthigt würden, ftatt der 
Frucht andere unentbehrliche Gegenftände zu verkaufen. 

Amru ſcheint indeffen nicht gerade aus Schonung gegen 
die Bewohner Egytens, fondern vielmehr weil er fich ſelbſt 
und feine Freunde bereichern wollte, Dmar fo lange als 
möglich mit leeren Worten hingehalten zu haben. Dies vers 
anlafte Lestern, Mohammed Jon Maslama, den fchon oben 
erwähnten Dberauffeher der Statthalter, nah Egypten zu 
ſchicken, um Amru einen Theil feines geraubten Gutes wieder 
abzunehmen ) und Add Allah Ibn Sarh, einen Milhbruder 


1) Ibn Abd Alhak. S. 69. „Omar fchrieb ihm: Shr Statthalter 
figet an den Quellen der Güter, fordert unerlaubte Gut ein, ver 
jehret es und vererbet es an eure Nachkommen, drum fende ich dir 
Mohammed Ibn Maslama, gib ihm die Hälfte deines Vermögens !“ 
Amru wollte den Boten dur ein Gefchenf beftehen, diefer nahm 
ed aber nicht an. Amru gerieth in Zorn und jagte: „warum weiſeſt 
du mein Geſchenk ab? Als ih von dem Feldzuge von Dfat Sulaſil 
kam, befchenfte ich aud den Propheten und er nahm meine Gabe 
an.” Mohammed erwiederte: „der Prophet Fonnte durch Infpiration 
annehmen oder abweifen, was er wollte. Wire dein Geſchenk das 


Omar. 127 


Othman's, zum Statthalter von Oberegypten und von ber 
Provinz Fayım zu ernennen. Erfteres geſchah übrigens nicht 
Amru allein, fondern aud andern Statthaltern, welche durch 
ihr luxuriöſes Leben Omars Verdacht und Unzufriedenheit er= 
regten. Selbſt der tapfere Chalid ward nad) feinen Helden— 
tbaten in Syrien über feinen Privatbefig zur Rechenschaft 
gezogen, und mußte, da er deſſen rechtmäßigen Erwerb nicht 
gebörig nachweisen fonnte, einen Theil deffelben wieder in 
den Staatsſchatz fliegen Iaffen, nad) einigen Berichten fogar 
eine der Sandalen, die er am Fuße batte, ausziehen. Als 
man Omar fagte, ev würde wohl daran thun, diefem Manne 
fein Gut zurüdzugeben, antwortete er: „Bei Gott, ich erftatte 
nichts zurück, ich bin ein Kaufmann zum Bortheile der Mu— 
felmänner“ 1). 

Dmar mußte diefen falihen Grundfag, die Staatsfaffe 
in Medina auf Koften der entlegenen Provinzen und ihrer 
Statthalter zu füllen, mit dem Leben büßen. Wie Amru 
Egypten, den frühern Verträgen zum Trotze, mit Abgaben 
jeder Art belaftete, fo dag ein Kopte dem Chalifen fagte: er 
baufe in feinem Lande, als wolle er nur ein Jahr deffen 


eines Freundes an den Freund, fo würde ich es annehmen, es ıft 
aber das Geſchenk eines Großen, das fchlimme Folgen hat.“ Amru 
fluchte und fchmähte, gab aber zulegt doch die Hälfte feines Geldes 
her. Beranlafung zu Omar’s Strenge foll ein anonymes Gedicht 
geweſen fein, in welchem er auf die verfchwenderifche und verweich— 
lichte Lebensweiſe feiner Statthalter aufmerffam gemacht ward. 

1) Tab. ar. ©. 162. Gegen Chalid hatte er fhon einen alten 
Groll wegen feines Verfahrens gegen Malit Ibhn Numeira und 
wegen einiger früher ausgeftogenen Worte. Dieſe follte Chalid, 
fobald Omar an die Regierung fam, widerrufen, und als jener nad) 
gepflogenem Ruthe mit feiner Schweiter, fich weigerte, ward er ab- 
gejest und Abu Ubeida mußte ihm die Hälfte von feinem Beſitze 
abnehmen. Dieſer war doch human genug, um ihm dann fogleich 
einen jeiner Sandalen zu geben. Nach Halebi (ed. Freitag, pag. 4) 
geihah dies erft im Uten Sahre der Hidjrah, nach der Wiedererobe- 
rung von Kineßrin, 


128 Zweites Hauptftüd, 


Früchte genießen, jo mußte Mughira Ibn Schuba gegen bie 
Kufaner verfahren. Ein riftlicher Handwerker I) von Kufa 
ward zu einem täglichen Tribut von zwei, nach einigen fogar 
von vier Dramen verpflichtet. Der Unglüdlihe, welder 
Firuz hieß und den Beinamen Abu Lulu führte, reifte nad) 
Medina und beflagte ſich bei dem Chalifen über die Härte 
des Statthalter. Dmar fagte ihm: fo viel würde id aud) 
von einem gefchieften Dandwerfer wie du bijt, fordern, bu 
bift ja zugleih Tiſchler, Schmidt und Maler 7), Auch habe 
ich gehört, du könnteſt Windmühlen verfertigen, mache mir 
einmal eine Windmühle! Wenn mir Gott das Leben erhält, 
eriwiederte Firuz, will ich eine Mühle machen, die alle Be- 
wohner des Dftens und des Weftens bewundern follen. Omar 
entließ ihn hierauf, doch fol er gefagt haben: dieſer Menſch 
trachtet mir nad) dem Leben. Einige Tage darauf, als Omar 
des Morgens in die Mofchee ging, ftellte fih Firuz in die 
vorderſte Reihe der zum Gebete ſich ordnenden Mufelmänner, 
und als Omar vorüber fam, fprang er heraus und brachte 
ihm mit einem boppeljchneidigen Dolche ſechs Wunden bei, 
von denen eine in den Unterleib tödtlih war, Omar warb 


1) Nah Andern war e8 ein Magier, 

2) Diefe Worte finden fih nicht in allen Traditionen, ich möchte 
ihre Aechtheit nicht verbürgen, da jie leicht ein fpäterer, zu Ehren 
Dmars fabricirter Zufas fein fonnten, woran es bei diefer Erzäh— 
fung nicht fehlt. Sp wird Firuz von Ginigen als ein Sklave 
Mughira's bezeichnet, aber als folder hätte er doc feinen Grund 
gehabt, fich zu beklagen. Ferner wird Dmar Drei Tage vor diefem 
Vorfalle, von dem befannten Traditionsgelebrten Kaab, einem zum 
Islam übergetretenen Juden, aufgefordert, jein Tejtament zu machen, 
weil er in der Tora (in den Büchern Mojes) feinen nahen Tod 
gelefen. Drei mal warnt er Omar, ohne dag diefer gejunde und 
Fräftige Mann ibm Glauben fohenft. Damit wir aber an diejem 
Mährchen nicht zweifeln, werden dem Dmar nah Firus’ That fol- 
gende Verfe in den Mund gelegt: „Dreimal hat mich Kaab gewarnt, 
das ift das Wort, das er gefprochen, ich fürchte nicht den Tod, der 
unvermeidlich, aber die Sünde, welher Sünde folgt,“ 


Oman 129 


ohnmächtig in feine Wohnung getragen. Als er wieder zu 
fih kam, fragte er, wer ihn angefallen? Als man Firuz 
nannte, fagte er: Gelobt ſei Gott, der mich durch die Hand 
eines Ungläubigen als Märtyrer fterben läßt. Es ward ein 
Arzt gerufen von den Benu Harith. Diefer ließ ihn Mil 
trinken und da fie wieder zu einer der Wunden herausfam, 
fagte er: du bift unrettbar, made dein Teftament! Dmar 
wollte dag neue aufblühende Reich vor Bürgerfrieg bewahren, 
obne jedoch, als Abd Errahman, der wiürdigfte Mufelmann, 
das Chalifat ablehnte, durch die Beftimmung eines Nachfol— 
gers, auch im Grabe nocd für das Wohl der Mufelmänner 
alle Berantwortlichfeit zu übernehmen N. Er ernannte daher 
die ſechs älteften Gefährten Mohammeds zu Candidaten des 
Chalifats; wer von diefen jehs am meiften Stimmen erhalte, 
der follte Fürft der Gläubigen werden. Dieſe fehs waren: 
Al, Othman, Abd Errahman, Zubeir, Talha und Saad Ibn 
Wakkaß. Diefe Berfügung wäre zwar zur Verhütung des 
Bürgerkriegs ungenügend gewefen, da ja bei jehs Wählern 
leicht die Stimmen hätten getheilt fein können, wenn nicht 
Abd Errahman eigentlich mehr Borftand und Leiter der 
Wähler 2) als Mitftimmender gewefen wäre. Nur die Uns 


1) Auf die Frage, warum er feinen Sohn nit zum Nachfolger 
ernenne, foll er geantwortet haben: es ift genug, daß einer der 
Söhne Adij’s (fo hieß das Geflecht, zu dem er gehörte) über das 
Wohl der Mufelmänner unter feiner Herrſchaft Rechenſchaft abzu— 
legen habe. Nah Andern foll er geantwortet haben: er ift deſſen 
nit würdig, Fann er es doc nicht einmal über ſich gewinnen, ſich 
von feiner Frau ſcheiden zu laſſen. Auch foll er Ali und Othman 
gewarnt haben, falls die Wahl auf fie fiele, ihre Verwandten nicht 
zu jehr zu begünftigen. 

2) Dmar wollte Abd Errahman zum Nachfolger beftimmen, er 
lehnte es aber ab, erbot ſich jedoch nad des Chalifen Tod, den Mu— 
felmännern zu rathen; dies wollte Omar nicht, fondern trug ihm 
auf, die fünf genannten Männer zufammenzurufen und ihnen die 
Wahl zu überlaſſen. Diefe, zur Erflärung der Verfügung Omars 
höchſt wichtige Nachricht, findet man bei Tab, ©, 146, u, Abulfeda 

9 


130 Zweites Hauptſtück. 


entfchiedenheit oder die Abweſenheit eines der fünf Wähler 
machte es, wie wir in der Folge fehen werden, nothiwendig, 
dag zulest Abd Errahman durch feine Stimme entfdhied. 
Damit aber die Entfcheidung nicht zu lange ausbleibe, zus 
gleih aud die Wähler ungeftört fi berathen könnten, follten 
fünfzig Mann das Haug bewachen, in weldem die Wähler 
zufammentraten, mit dem Auftrage, feinem Fremden den Zu- 
tritt zu geitatten, aber auch den Wählern nicht daſſelbe zu 
verlaffen, falls fie am dritten Tage noch zu feinem Refultate 
gefommen wären 1). Auch follte, damit Keiner als Imam 
ein factifches Recht anfpreche, wie dies Abu Bekr nah dem 
Tode Mohammeds that, bis zur Entfeheidung, feiner der 
Candidaten, fondern Suheib, ein ſchlichter anfpruchsiofer Ge— 
lehrte, der Gemeinde vorbeten 2). Seine eignen Angelegen- 
heiten hatte Omar bald geordnet. Die Schulden, die er hin— 
terließ, ſollten ſeine Stammgenoſſen, die Söhne Adij's, be— 
zahlen, und Aiſcha ihm geſtatten, daß er auf dem ihr gehö— 
renden Boden, neben Mohammed und Abu Bekr, begraben 
werde. Nachdem ihm dieſe beiden Wünſche gewährt waren, 
ſah er mit Ruhe und Ergebung dem Tode entgegen, der ihn 
den 26ten Dſul Hudjah des 23ten Jahres der Hidjrah (3ten No— 
vember 644) son feinen Leiden befreite 2). Ueber die Dauer 


©. 250. Daß Omar zunähit Abd Errahman als Nachfolger im 
Auge hatte, geht jhon daraus hervor, dag er im Augenblide, wo 
er verwundet ward, ihn beauftragte, das Gebet mit der Gemeinde 
au verrichten. 

1) Sujuti ©. 171. 

2) Dfahabi ©. 145. 

8) Die Traditionen weichen von einander ab, fowohl in Betreff 
des Todestages als der Beerdigung. Vergl. v. Paten, Gefcichte 
der Todtung Dmars aus der Ehronif des Diarbefri ©. 7 ur 11 des 
arab. Terted. El Mafin ©. 25. Abulfeda ©. 250 und Abul Fa- 
radj ©. 179, Ich folge Tabari ©. 147 und Nawawi ©. 460, wel: 
cher den Todestag auf Mittwoch fest, dann die Berathung der 
Wähler drei Tage dauern läßt und als den vierten, an welchem 


Omar. 131 


von Omar's Leben ſind die Traditionen nicht einig, manche 
geben ihm nur ein Alter von 59 Jahren, andre von ſechs 
und ſechzig. Seine Regierung, vom Tode Abu Bekr's ge— 
rechnet, hatte zehn Mondjahre, ſechs Monate und vier Tage 
gedauert. In der That herrſchte aber Omar, nur wenige 
Falle ausgenommen, nicht nur von dem Tode Mohammeds, 
fondern von dem Tage an, als er fih zum Islam befannte; 
denn er war nicht nur feines Vorgängers, fondern auch des 
Propheten vertrautefter Rathgeber und Leiter. Es war nie 
eine Meinungsverfchiedenheit unter den Mufelmännern — fp 
lautet eine alte Tradition — ohne daß bald darauf ein Ko— 
ransvers erfchten, welcher zu Gunften Omars entfchied. Omar 
rietb dem Gefandten Gottes, — fo lautet eine andere Ueber: 
lieferung — die Stätte Abrahams zum Gebetsorte zu bes 
ftimmen, und es erfchien der Koransvers, welcher dieſes vor— 
fhrieb. Das Gleiche geſchah, als er ihn auf die Unfchieklichfeit 
aufmerffam machte, daß jedermann feine Gattinnen erblicte, 
indem ihnen von Gott befohlen ward, fich zu verfchleiern. 
Auch der Tadel, welchen Omar gegen das Auslöfen der Ge- 
fangenen von Bedr ausfprad, ward nachher durch eine gött— 
liche Offenbarung wiederholt und die Hinrichtung der Götzen—⸗ 
biener auf eine Zeit lang zum Geſetze gemacht ). Als 


Dthman gehuldigt ward, Sonntag den erften Muharram des J. 24 
nennt, weil auch in den meiften andern Traditionen, wo der Tag 
des Monats anders lautet, doc Mittwoch als der Todestag genannt 
wird, mir aber doch wiſſen, dag Mittwoch der 26te Dful Hudjah 
war, "Mad Andern, fährt Tabari fort, ward er Mittwoch verwun— 
det, lebte aber nod) bis Samſtag Abend und ward Sonntag begra: 
ben. Rah Dſahabi (©. 145) ftarb er den 26ten, ward aber erft 
den eriten Muharram beerdigt. Bei Bekri ward er Mittwoch den 
2öten verwundet und am letzten des Monats begraben. 

1) Bekri, Sujuti ©. 134 u. 136 und Nawawi ed, Wüften- 
feld ©. 453 und 455. Die Stelle im Koran, welhe ſich auf die 
Gefangenen von Bedr bezieht, Sautet: Es war Feinem Propheten 
geftattet, Gefangene zu machen, bis er ihnen große Wiederlagen bei- 
gebraht auf Erden, Ihr gelüftet nach Gegenftänden diefer Welt 

g * 


132 Zweites Hauptſtück. 


Mohammeds Frauen eiferfüchtig waren, war es Omar, ber 
ihm rieth, ihnen mit Scheidung zu drohen und der Korans- 
vers erfchien, in welchem Gott ihm beffere Frauen verbieß, 
falls er diefe verftogen würde. Auch das Verbot des Wein- 
trinfens fol Dmar hervorgerufen haben, eben fo das für 
Ungläubige zu beten, und das, unangemelvet in ein Haus zu 
treten. Der Islam verdanfte ihm übrigens wahrjcheinlich 
die meiften energiihen Maßregeln, zu welchen der furdht- 
famere Mohammed und der unentjchloffene Abu Befr ohne 
ihn nicht gegriffen hätten, Erſt nach Dmar’s Belehrung 
wagte es Mohammed, mit feinem Glauben an das Tageslicht 
zu treten, während er früher nur geheime Zufammenfünfte 
mit feinen Jüngern batte ). Omar war auch der Einzige, 
welcher den Muth hatte, aus feiner Auswanderung nad Me- 
dina fein Geheimniß zu machen. Vor feiner Abreiie betete 
er in der Kaaba und erflärte öffentlih, daß er ſich zu den 
Medinenfern begeben würde, „wer Luft hat, feine Mutter 
finderlos, fein Weib zur Wittwe und feine Kinder zu Waifen 


(Löfegeld), Gott will aber, daß ihr des Zufünftigen würdig werdet, 
Gott ift mächtig und weile. Wäre nicht Gottes Schrift vorausger 
gangen, jo hätte euch für dad, was ihr empfangen, jchwere Strafe 
getroffen. Sur. VII. V. 69 u. 70. Der Sinn diefer beiden, fi) 
jheinbar widerfpredbenden Verſe, ift wahrfcheinlih: Euer Gelüften 
nad) Föjegeld, ftatt die Högendiener zu verfilgen, war fündhaft und 
ward zu Feiner frühern Zeit gejtattet, jo lange die Gögentiener noch 
mächtig waren. Da es indeifen in der ſchon vorhandenen Schrift 
für fpätere Zeit erlaubt war, fo mwurdet ihr, obgleih die Verſe, 
welche Löfegeld geftatten, noch nicht erfchienen, doch ihretwillen vor 
Strafe bewahrt. 

D ©. Leben Mohammeds S. 61. Die Zahl der Mufelmänner 
belief fih damals auf 40 oder 45 Mann. Daß feine Belehrung 
nicht in Folge der Glten Sura ftatt fand, wie mande Mufelmänner 
glauben, verfteht fih von jelbit, da diefe Sura erſt in Medina er- 
fhien. Vergl. meine Einleitung in den Koran ©. 76. Wahr: 
fcheinfih wurd er durch die 69te befehrt, welhe Mohammeds 
Charafter als Prophet von dem eines Dichters und Wahrfagers 
unterjcheidet, 





Omar. 133 


zu machen, der fee mir nach,” fagte er ). Omar war 
einer der Wenigen, die Mohammed beiftimmten, den Me 
kanern, troß ihrer überlegenen Zahl, nad Bedr entgegen zu 
ziehen ). Er vertheidigte in dem unglüdfichen Treffen bei 
Ohod den Hügel, auf welden Mohammed fih geflüchtet 
hatte 3), und harıte aud in der Schladht von Honein bei 
ihm aus 9). Furcht und Halbheit Fannte Dmar nicht, aber 
feine Kühnheit und Entfchloffenheit hätte dem neuen Glauben 
und jungen Staate verderblich werden fünnen, wenn fie nicht 
viele Fahre hindurch durch Mohammeds Klugheit in Zügel 
gehalten worden wären. Mohammed wollte vor allem die 
Medinenfer fchonen, und darım gab er Omar fein Gehör, 
als diefer den Kopf des Abd Allab Ibn Ubeji 5), eines ihrer 
Häuptlinge, verlangte, ja er ließ ſich fogar nicht von ihm 
abhalten, noch für feine Seele zu beten, obgleich er nachher 
es nicht mehr geftattete, der Ungläubigen Grab zu betreten 6), 
Diefelbe Rückſicht nahm auch fpäter Abu Befr, und gab es 
darum nicht zu, dag Dmar den Saab Jon Fbada erfchlage, 
welcher ihm die Huldigung verweigert. Auch die Mefkaner 
wollte Mohammed nicht erbittern, darım warb dem Abu So— 
fian das Leben gefchenft, obaleih Dmar ihm zu töbten 


1) Sujuti ©. 127. 

2) ©. Leb. Moh. ©. 107. 

8) A. a. O. ©. 128. 

4) 4. a. O. S. 233. 

5) Diefer hatte, bei einer Rauferei zwifhen Meffanern und 
Medinenfern, zu legtern gejagt: uns geht es, wie das Sprüchwort 
lautet: Mäfteft du deinen Hund, fo frißt er dich auf. Er machte 
ihnen dann Vorwürfe darüber, daß fie die Mufelmänner fo gut auf: 
genommen und drohte fogar Lekteren wieder mit dem Eril. Siehe 
a. a. D. ©. 148. 

6) A. a. D. ©. 283 u. Sur X. V. 82 u. 86. Sm Erſten heißt 
ed: bete für fie oder nicht, Gott verzeiht ihnen doch nicht, und im 
Letztern ift es ihm abfolut verboten, für fie zu beten und ihr Grab 
zu befuchen. 


134 Zweites Hauptſtück. 


wünfchte ). Am entjchiedenften war fein Widerfpruch gegen 
Mohammed bei dem erften Zuge nah Mekka, als diefer fic, 
um den Krieg zu vermeiden, in Hubeibia, am Weichbilde der 
heiligen Stadt, entſchloß zurüdzufehren, ohne die Pilgerfahrt 
vollzogen zu haben. Da jagte Omar 2): Bift du nicht der 
Gefandte des Herrn? find die Meffaner nicht Ungläubige und 
wir Gläubige? Warum follen wir unferm Glauben eine 
ſolche Schmad zufügen laſſen?“ Nur einen Fall haben wir 
erwähnt, wo Dmar mehr Nachgiebigfeit als Abu Bekr ges 
zeigt, es war nad) dem Tode Mohammeds, als er, um ben 
allgemeinen Aufruhr Teichter zu bemeiftern, dem Chalifen rieth, 
einigen Stämmen die Almoſen- oder Armenfteuer zu erlaffen. 
Dies und die Beibehaltung Chaliv’s als Feldherr, waren 
übrigens auch die einzigen Fälle, in denen Abu Bekr einige 
Selbftftändigfeit zeigte, im Uebrigen war Omar, der ihn zum 
Chalifen erhoben, der eigentliche Herrſcher, wie wir dies ja 
aus Abu Bekr's eignem Munde vernommen ?). So wie 
jener Rath mit feiner fonftigen Entfchiedenheit in Widerfprud) 
ſteht, fo läßt fich feine fchon erwähnte Nachficht gegen Mu- 
ghira, mit feiner fonfligen, an Härte und Graufamfeit gren- 
zenden Strenge gegen jeden Uebertreter des Geſetzes, nicht 
vereinbaren. Seinen eignen Sohn foll er wegen des Wein- 
trinfeng und eines unfittlichen Lebensmandels öffentlich in ber 
Moſchee haben zu Tode geigeln Iaffen ?), und Mughira, deſſen 
fittenlofes Leben doch jedenfalls erwiefen war 9), ward nicht 


2) 1.0. D. ©. 

3) ©. oben ©. 9. 

96. Vlaten a. a. O. ©. 21 u. ff. Auch den Ghaffanidenfürft 
Djabala behandelte Omar wie jeden gemeinen Mufelmann, als er 
einem Pilger einen Schlag auf die Naje verfegte, fo dag jener nad 
Eonftantinopel floh und wieder zum Chriftenthume zurüdfehrte. ©. 
Abulfeda I, ©. 234. 

5) Im Koran werden allerdings vier Zeugen gefordert, daß 
aber, in einem Falle wie bei Mughira, wo drei ein vollftändiges 


Dmar, 135 


nur freigefprochen, fondern fogar nach einiger Zeit wieder 
zum Statthalter von Kufa ernannt. Die Art, wie er zu 
diefer Stattbalterfchaft gelangte, ift für fein Verhältniß zu 
Dmar fo bezeichnend, und dient fo fehr zur Charafteriftif der 
Stadt Kufa, weldhe in den fpätern Unruben eine große Rolle 
fpielt, daß wir die ganze darauf bezüglidye Stelle aus Tabari 
bier I) anführen wollen: „In diefem Jahre (21 der 9.) be: 
Hagten fi die Bewohner yon Kufa über Ammar Ibn Jaſir. 
Da fagte Omar: ich weiß nicht, wie ich es mit dieſen Leuten- 
in Kufa machen foll. Sende ich ihnen eine hohe Perfon wie 
Saab, find fie nicht zufrieden, und ernenne ich einen minder 
angefehenen Statthalter, wollen fie ihn wieder nicht. Er ließ 
denn Djubeir Jon Mutim rufen und fagte ihn: ich ernenne 
dich zum Statthalter von Kufa, reife dahin, aber fprich mit 
Niemanden darüber, ehe du daſelbſt anlangit, damit die Ku— 
faner nicht im Voraus fagen, er ift ein guter oder ein ſchlech— 
ter Statthalter. Als Mughira Jon Schuba, der damals in 
Medina lebte, vernahn, dag Omar mit Djubeir eine geheime 
Unterredung gehabt, ſchloß er daraus, daß er ihm irgend 
eine Statthalterfchaft verliehen, nur wußte er nicht, welche. 
Er jagte daher feiner Frau: geh’ in das Haus Djubeir's 
und ſuche von feiner Frau zu erfahren, wohin ihr Mann 
reift. Mughira's Frau folgte diefem Befehle und da fte Dju- 
beirs Frau mit Einpaden beſchäftigt fand, war es ihr leicht, 
das Ziel der Reife zu erfragen und jene machte fein Ge- 
heimniß daraus, obſchon Djubeir ihr Schweigen geboten hatte. 
Sobald Mughira durdy feine Frau vernahm, daß Djubeir 
zum Statthalter von Kufa ernannt, begab er fih zu Omar 
und fagte ihm: Welchen Dann haft du zum Vorgeſetzten der 


Zeugnig ablegen, das eines Vierten, weil es nicht fo entſchieden 
lautet, ungültig fei, davon ift Feine Rede und eine folhe Auffaffung 
des Geſetzes mußte es natürlich ganz unanwendbar machen, und die 
Selbftrahe des Mannes zur Folge haben. 


1) ©. 131. 


136 Zweites Hauptſtück. 


Mufelmänner für einen Drt wie Kufa beftimmt! — Nun 
wen? — Djubeir Ihn Mutim. — Ich habe ihm doch ver— 
boten, es jemanden zu fagen, woher weißt du das? — O 
Fürft der Gläubigen! der ift fein verfchwiegener Mann. — 
Ich weiß nicht, was ich mit diefen Rufanern anfangen foll, 
ich mag ihnen ſchicken, wen ich will, fo ift ihnen Feiner recht. 
— Mugbira fhilderte ihm dann den (aufrührerifchen, unbe: 
ftändigen) Charakter der Kufaner und fügte: die brauchen 
einen Mann, der zu regieren verftebt. Wenn dem fo ift, 
verſetzte Omar, fo weiß ich feinen beffern Statthalter als 
dich. Djubeir ward dann aufgegeben und Mughira nad 
Kufa gefandt, wo er bis nach) Omar's Tod blieb.“ 

Mughira war aber nicht etwa ein edler, großer Mann, 
dem Omar einen Augenbli der Schwäche verzeihen mußte. 
Keineswegs, Mughira war ein Raub» und Meuchelmörber 
und hatte fich als folcher, um ver Rache der Verwandten ber 
Ermordeten zu entgehen, in den Schoß des Islams geflüch- 
tet ). Auch fagte Othman fpäter zu Ali, der ihm die Er- 
nennung fchlechter Statthalter zum Vorwurfe machte: Stebt 
denn einer meiner Statthalter unter Mughira Ibn Schuba, 
den Dmar zum Statthalter erhob, ohne dag ihn jemand des— 
halb tadelte? Alt wußte nichts Darauf zu antworten, als 
dag Dmar feine Statthalter nicht fo fich felbft überließ wie 
Othman ?). Derartige einzelne Thatfachen, welche ung die 
Annaliften aufbewahrt, müffen ung natürlich gegen ihre all- 
gemeinen Urtheile, welche wenigftens über bie vier erften 
Chalifen fo günftig als möglih lauten, behutfam machen. 
Die vier erften Nachfolger Mohammeds werben von ben 
Sunniten im eigentlichen Sinne des Wortes als Chalifen, 
das heißt als gänzlih an die Stelle Mohammeds getretene 


1) Leb. Moh. ©. 175 u. ff. Auch foll er, wie wir in der Folge 
fehen werden, ald er Baßra verließ, feinen Nachfolger Saad be- 
ftohen haben. 


2) Tab, ©, 160, 


Dmar. 137 


Häupter der Mufelmänner betrachtet, denen zwar feine Offen— 
barung mehr zu Theil ward, die aber doch als rechtmäßige 
Herrfher unbedingten Geborfam anfprechen fonnten, deren 
Wort und That, nicht weniger als die Mohammeds, Nach— 
abmung verdiente. Darum war jeder von ihnen ber Gerech— 
tefte, der Gelebrtefte, der Beredtefte, der Aufrichtigfte, ber 
Beicheidenfte und fo fort. Sp wird unter Andern auch von 
Omar behauptet, er babe, um die alte Einfachheit und Fru— 
galität zu erhalten, feinen Stattbaltern I) verboten, auf einem 
Pferde zu reiten, weißes Brod zu effen, feine Kleider zu tra— 
gen 2). Dod hören wir wieder von Tabari ?) eine Ge— 
ſchichte, die beweift, daß es damit feineswegs fo ernft fein 
fonnte und daß er nicht gegen jeden fo ſtreng war, wie ges 
gen Chalid und Amru, Wir theilen fie mit, weil wir aud) 
zugleich den Dann näher fennen lernen, der bei den Thronftreitig- 
feiten zwifchen Ali und Muawia Erfterem zum Schiedsrichter 
aufgebrungen ward, „Dhobba Ibn Muhßin Fam nad Me- 
dina und fagte zu Dmar: ein Mann wie Abu Mufa Ala- 
{chart verdient nicht Statthalter in Baßra zu fein. Was hat 
er begangen? fragte Omar. Jener erwiederte: Er hat von 
den Rriegsgefangenen, welche Gemeingut der Mufelmänner 


1) Masudi erzählt: (fol. 85) Omar's Statthalter lebten fo 
fromm und fo einfah wie er, Einſt Elagten die Bewohner von 
Him ihren Statthalter Said Ibn Amir an, er ertheile nie Audienz 
bis die Sonne aufgegangen, höre Niemanden des Nachts an und 
bleibe jeden Monat einen Tag ganz unfihtbar. Als Omar ihn 
darüber zur Rede ftellte, jagte er: Da ich feinen Diener habe, fo 
muß ich des Morgens früh felbft Brod kneten und baden. Des 
Nachts bete ih zu Gott und leſe im Koran, bi mich der Schlaf 
überwältigt, und da ih nur ein Oberhemd befige, jo Fann ich mic 
an dem Tage, wo ich es waſche und trocdne, nicht zeigen. Omar 
fchenfte ihm 100% Dinare, aber er verjchenfte felbft wieder den 
größten Theil davon an Arme. 


2) Sujuti ©. 144, und Dfahabi ©. 141. 
8) ©, 143. 


138 Zweites Hauptfiüd, 


find, fechzig ſchöne Sklaven für ſich behalten. Er hat dem 
Dichter Chatia für eine Kaßidah (ein Lobgedicht) taufend 
Dirhem aus der Staatsfaffe gegeben. Er hat ein großes 
und ein kleines Maaß, aus denen er nad) Belieben Lebens— 
mittel ausmißt. Er verwaltet die Angelegenheiten der Mu- 
felmänner nicht felbft, fondern Zijad führt alle Bücher, bat 
auch einen Siegelring ’) wie Abu Mufa und handelt ganz 
willkührlich. Er hat endlich yon feinem Vorgänger Mughira 
fih durch eine hübſche junge Sklavin beftehen laffen, Die 
Morgens und Abends Schüffeln voll Fleiſchſuppe erhält, wäh— 
rend mander von uns den ganzen Tag feinen Biffen Brod 
bat. Omar ftellte Abu Muſa über alle diefe Anflagepunfte 
zur Rede, ließ ihn aber in feinem Amte, als er fih auf fol- 
gende Weife vertheidigte: Die Sklaven, die ih in meinen 
Dienft genommen, find aus guter Familie; ich erwarte von 
ihren Verwandten ein ftarfes Löfegeld, das ich dann, dem 
Gefege gemäß, vertbeilen werde. Dem Dichter Chatia habe 
ich taufend Dirhem für ein Gedicht gegeben, um feine Zunge 
damit zu befchneiden, und ihn für den Islam zu gewinnen, 
wie dies auch der Prophet gegen Abu Sofian, Safwan und 
‚ andere gethban 2). Ich babe ein boppeltes Maaß, mit dem 
kleinen meffe ich die Frucht, die ich aus den öffentlichen Spei- 


1) Bekanntlich werden im Driente noch heut zu Tage öffentliche 
Urkunden felten von den fie ausftellenden Behörden unterzeichnet, 
fondern bloß mit ihrem Siegel verfehen. Wenn alfo Abu Mufa 
zmei gleihe Siegelringe hatte, von denen er den einen dem Zijad 
gab, fo ertheilte er diefem hiedurc die unbefchränftefte Vollmacht. 

2) Aber welch ein Unterfchied in Zeit und Umftänden? War 
nicht der Islam jest mächtiger ald die Zunge eines Dichter8? Hat 
nicht Omar den Dichter Lebid zurechtgemwiefen, weil er alle Freude 
vergänglich genannt, indem er ihm bemerfte, die des Paradiefes fei 
von ewiger Dauer? Gin anderer, der ſich einige Fühne Fragen über 
verfchiedene Stellen des Korans erlaubte, ward mehrmals gegeißelt, 
fo daß er felbft den Tod verlangte. ©. Sujuti ©. 114 und Ibn 
Abd Alhakam ©. 85. 


Omar. 139 


hern vertheile und mit dem großen die, welche ich an Arme 
verjchenfe. Zijad kann ich volles Vertrauen fchenfen, denn 
er iſt der verftändigfte und geſchickteſte Schreiber, den id) fin- 
den fonnte. Mugbira bat mir eine anmuthige Sklavin ge- 
fhenft, aber nicht um mich zu beftechen, fondern aus reiner 
Freundſchaft; er hatte nichts von mir zu fürdten und ich 
bedurfte feiner Gefchenfe nicht.” Alle diefe Eutfchuldigungen 
lieg der firenge Omar gelten, während er doch, um nur Eines 
zu erwähnen, Chalid, der den Dichter Aſchath befchenfte, aufs 
Gemeinfte behandeln und ihm jagen ließ: „haft du dag Ge- 
ſchenk aus der Staaisfaffe genommen, fo bift du ein Dieb, 
baft du e8 von dem Deinigen gegeben, fo bift du ein Ber- 
ſchwender.“ 

Mochte aber auch Omar gegen manche ſeiner Freunde 
nachſichtig ſein, ſo war er doch bemüht, ſelbſt ein Beiſpiel der 
ſtrengſten Frugalität zu geben und als Gebieter über die ſchönſte 
Hälfte der alten Welt, noch in jeder Beziehung ſo einfach 
wie ehedem als armer Hirt zu leben. Gerſtenbrod und Oli— 
ven bildeten ſeine gewöhnliche Nahrung, einige Kiſſen, mit 
Palmenfaſern gefüllt, ſeine Lagerſtätte. Er hatte nur zwei 
Röcke, einen für den Sommer und einen für den Winter, 
beide vielfach geflickt ). Bei den Pilgerfahrten, von denen 
er feine einzige verfäumt haben foll, nahm er nie ein Zelt 
mit, fordern befchattete fi mit feinem Kleide oder mit einer 
Matte, die er an einen Baum oder Pfahl hing 2). Er ritt 
ſtets auf Kameelen, nie auf Pferden, felbft bei feinem Einzug 
in Serufalem ließ er fih von Abu Ubeida fein Pferd auf 
dringen, noch ein anderes Kleid ftatt des alten wollenen, das 
er auf dem Leibe hatte. Chen fo wenig Grund haben wir, 
troß den angeführten Beifpielen willführlicher Juftizübung, zu 
zweifeln, daß er im Allgemeinen um die Gerechtigfeitspflege 
viele Verdienfte hatte, da er in allen bebeutenden Städten bes 
1) Betri. 

2) Dfahabi ©. 141 u. 142. 


140 Zweites Hauptftüd. 


Reiches Richter einfegte, welhe, den Vorſchriften und ber 
mündlichen Ueberlieferung Mohammeds gemäß, Recht ſprechen 
follten ). Auch für die Sicherheit in allen ihm unterworfe- 
nen Ländern trug er große Sorge. Er foll einft gefagt ha— 
ben: Wenn einem Hirten an den Ufern des Euphrats oder 
des Tigris ein Schaaf entwendet wird, fo fürchte ih, daß 
mich einft Gott darüber zur Rede ftelle ). Für die Sicher- 
heit in Medina wachte er perfönlich, indem er oft mitten in 
der Nacht aufftand und die Runde machte. Eines Nachts 
merkte er Abd Errafman aus dem Schlafe und forderte ihn 
auf, ihn zu begleiten, weil eine flarfe Karawane angefommen 
war, ber leicht etwas entwendet werden fonnte, und durch— 
wachte dann mit ihm die ganze Nadıt, während die Kameel- 
treiber fchliefen ?). Ein andersmal trieb ihn eine ähnliche 
Beranlaffung mit Zeid Ibn Aslam zur Stadt hinaus, da ſah 
er eine Frau mit einigen Fleinen weinenden Kindern, Die 
Frau ftellte einen Topf über das Holz und fagte zu den Kin— 
dern: weinet nicht, fchlafet nur einftweilen, bis das Nachteffen 
gefocht ift, dann fuhr fie, Yeife vor ſich hin fprechend, fort: 
Gott wird ung Recht verfehaffen gegen Omar, der jet mit 
sollem Bauche fchläft, während ich bier mit meinen Kleinen 
hungrig die Nacht durchwache. Dmar vergog Thränen, ale 
er dies hörte und fragte die Frau, welch Unrecht Omar ge- 
gen fie begangen? Er hat meinen Mann in den Krieg ge 
fehickt, antwortete fie, wo er umkam, und nun bin ich brodlos 
mit dieſen Fleinen Kindern, die vor Hunger nicht einfchlafen 
fönnen und die ih, um ihre Thränen zu ftillen, auf jenen 


1) Sujuti ©. 151. 

2) Tab. ©. 148. 

3) Abulfeda ©. 250 u. Tabari ©. 148. Derfelbe erzählt auch, 
daß Omar an einem jehr heißen Tage felbft die Kameele zeichnete, 
welhe Staatsgut waren und denen, die ſich Darüber wunderten, fagte: 
Gott hat fie meiner Obhut anvertraut und wird einft von mir Re: 
chenſchaft darüber begehren. 


Omar. 141 


Topf vertröftet, welcher nichts als ein bißchen Waffer enthält. 
Dmar lief dann in die Stadt, kaufte Mehl und Schmalz, 
brachte es der Frau, ließ Zeid Feuer machen, und fagte zur 
Frau, nachdem er mit eigener Hand eine Mehlſpeiſe zubereitet 
und fie ihr dargereicht hatte: fättige dich und deine Kinder! 
danke Gott und bete für Omar, der eure traurige Lage nicht 
fannte ), Außer der Anftellung von Richtern, der Feſtſetzung 
der Aera, der Anordnung einer Finanzfammer und einer ge- 
wiffen Penftionsanftalt werden ihm noch manche andere Ver— 
fügungen zugejchrieben, die aber entweder von feiner hiftori- 
ſchen Wichtigkeit find, wie das fogenannte Ruhegebet (Tarwih) 
im Ramadhan ?), das Geigeln der Weintrinfer, das Augdeh- 
nen der Armenfteuer auf Pferde, Feftfegung der Entfehädigung 
für ein verlegtes Glied, oder auch bezweifelt werden müffen, 
wie das Verbot der Miethehe 3) und die Todesſtrafe für ei- 
nen Rebellen ). Das Berbot, eine Sklavin zu verkaufen, 
welhe Mutter geworden 5), würde ihn ehren und für feine 
Humanität zeugen, wenn wir nicht wüßten, daß bie armen 
Berber ihre Kinder verfaufen mußten, um ben ihnen aufer- 
legten Tribut aufzubringen und wenn er nicht bei Ermordung 
eines Sklaven an die Stelle der Todesftrafe eine Entſchädi— 
gung gefest hätte), Wenn wir alfo Omar auch als Er: 
oberer und eigentlichen Reichsgründer an die Spike ſämmt— 
licher muslimifchen Herrſcher ftellen müffen, fo fünnen wir 
ihm doch als Staatsmann und Menſch nicht unbedingte Be— 
wunderung zollen. Man fieht offenbar, dag es ihm weniger 
darum zu thun war, den Islam von Arabien aus über alle 
Theile der Welt zu verbreiten, als Arabien auf Koften der 


1) Tab. ©. 149, 

2) Sujuti ©. 151. Xbulfeda ©. 252. 
3) ©. Leben Mohammeds S. 425. 
4) Sujuti ©. 101. 

5) Abulfeda ©. 252. 

6) Sujuti S. 108, 


142 Zweites Hauptſtück. 


übrigen Welt zu flärfen und zu bereichern. Die fremden 
Bölfer follten nur in Feſſeln gefchlagen, aber nicht gebeſſert 
und veredelt werden, was doch allein einen „heiligen Krieg“ 
rechtfertigen Fann. Sie jollten nicht mit den Schriftgelehrten 
und Predigern, fondern nur mit den Steuereinnehmern in 
Berührung fommen. Seine Statthalter durften fi, nament- 
lich gegen Nicht-Mufelmänner, alle möglichen Bedrüdungen 
erlauben, wenn fie nur, wie dies Iange Zeit bei den Türfen 
der Fall war, die Früchte ihrer Erpreffungen in die Haupt- 
ftadbt fandten D. Das Bertreiben der Chriften aus Nadjran 
und der Juden aus Cheibar beweift, dag ihm unter gewiffen 
Umftänden felbft Verträge, die Mohammed gefchloffen, nicht 
heilig waren. Eben fo beweift ung der Rath, den er Abu 
Bekr ertheilte, den Rebellen die Armenfteuer zu erlaffen, daß 
ihm, wo es die Berhältniffe geboten, ſelbſt die Borfchriften 
des Korans nicht mehr das Höchfte waren ?). Seine Härte 
gegen Chalid und Amru im Bergleihe zu feiner Nachficht 
gegen Mughira, Abu Mufa und Andere geftatten ung endlich 
auch nicht ihn für fo ſtreng rechtlich und unparteiiſch zu hal- 
ten, als jeine mufelmänniichen Panegyrifer ung glauben laſſen 
möchten. 

Bon Dmar’s Familienleben ift ung wenig befannt, doc 
wiffen wir — und das zeigt doch auch, daß er nicht gerade 
Gott und dem Islam allein lebte — daß er fieben Ehen 
gefchloffen, davon drei in Meffa und vier nach der Auswan- 


1) Dies geht befonders aus feiner Correfponden; mit Amru 
hervor, aus dem Vertrage, der mit den Berbern gefchloffen worden, 
und endlich aus der erfolglofen Klage des Perſers Firuz. 

2) Die Mufelmänner fuhen Omar zu rechtfertigen, aber fol: 
gende Stelle des Korand fpricht doch offenbar gegen Omar's Anficht. 
Wenn die heiligen Monate vorüber find, fo tödtet die Gögendiener, 
wo ihr fie findet, ergreifet fie, belagert fie, lauert ihnen auf jede 
Meife auf! Wenn fie fi aber befehren, Gebet verrihten und Ar: 
menſteuer geben, fo laifet fie ihres Weges gehen. Gott ift gnä— 
dig und barmherzig (Sur. X. V. 5). 


Dmar 143 


derung nad Medina, worunter eine mit einer Tochter Ali's, 
und daß er zwei Sflavinnen hielt I), die ihm aud Kinder 
gebaren. Um zwei andere Frauen ließ er dur Aifcha wer: 
ben, ward aber von ihnen verfchmäht. ine Tochter Otba's 
wellte nicht fein Weib werden, weil er aus Eiferfucht ftets 
feine Frauen einfchloß, was uns um fo eher glauben läßt, 
daß die im Koran den Frauen vorgefchriebenen Befchränfun- 
gen von ihm berrühren. Die andere, Asma, eine Tochter 
Abu Bekr's, fürdtete die fchlehte Koft Omar’s, der feine 
Familie mit Gerftendrod und Kameelfleifch nährte I). Dmar 
war aber fo verliebt in Asma, dag Aiſcha nicht den Muth 
batte, ihn ihre verneinende Antwort zu bringen und deshalb 
mit Amru Ibn Aaß ſich berieth. Diefer begab fi zu Omar 
und fagte ihm: Ich habe gehört, du wollteft Asma, die Tod: 
ter Abu Befr’s, heiratben, ich rathe aber nicht dazu, denn fie 
ift frei unter ihren Brüdern aufgewachfen ) und paßt nicht 
zu einem jo ftrengen Gebieter, wie du bift. Wer weiß, ob 
fie fi deinen Einfchränfungen fügen wird und beffagt fie fi 
über deine Härte, fo werden die Leute ſich ihrer, als ber 
Tochter Abu Befr’s, annehmen und dich tadeln. Diefe Lift 
gelang und Aiſcha ward mit weitern Aufträgen an ihre Schwe— 
fter verſchont . Auch Ali gab ibm feine Tochter nicht gern 


1) Tabari ©. 147. Er hatte acht Söhne: Abd Allah, Ubeid 
Allah, drei, welche Abd Arrahman biegen und fih durch den Zufat 
der Xeltere, Mittlere und Süngere von einander unterfchieden, zwei, 
welhe den Namen Zeid führten und einer, deffen Name unbekannt, 
Seine vier Töchter biegen: Zeinab (foll wahrſcheinlich Hafßa heißen), 
Fatima, Rukejja und Zeinab. Lestere, fo wie Abd Arrahman der 
Süngere, hatten Sklavinnen zu Müttern. Nach Bekri hatte er neun 
Söhne. Auch lauten die Namen bei diefem zum Theil andere. Eben 
fo bei Platen a. a. D. aus Diarbefri ©. 12 u. ff. 

2) Tab. ©. 148. 

3) Daraus geht hervor, daß er fie mehrere Sahre nah Abu 
Bekr's Tod erft heirathen wollte, aljo etwa fhon im 60. Lebensjahre. 

4) An ihrer Stelle heirathete er dann Ali's Tochter, Umm 
Kolthum, welche ihm Zeid den Xeltern und Rukejja gebar. 


144 Zweites Hauptſtück. 


zur Frau, konnte fie ihm aber nicht verfagen, weil er öffent- 
lich um fie warb D. 

Obgleich aber Mi in den legten Jahren von Omar's 
Regierung fein Schwiegervater geworden, fo fcheint doch — 
und das fpricht wie manches Andere noch gegen den reinen 
Charakter Omar's — nie ein freundfchaftliches Verhältniß zwi— 
fhen ihnen beftanden zu haben. Wir fehen Alt, der unter 
Mohammed in allen Schlachten der erjte war, weber als 
Feldheren im Kriege, noch als Statthalter einer der eroberten 
Provinzen. Auch zeigt die folgende Chalifenwahl, dag er ihn 
wenigftens in den darüber getroffenen Vorfehrungen feines- 
wegs begünftigt. Alt hatte aber doc, das haben wir im Le— 
ben Mohammeds gefeben, große Verdienſte und es wird ſich 
noch in der Folge zeigen, daß er einer der tüchtigern Feld— 
herren war, die ber Islam hervorgebradt. Im Andenfen 
der Mufelmänner hat fih übrigens Omar fchon wegen 
der großen Macht und Ausdehnung, welche unter ihm das 
Reich des Islams erlangt, als der größte Herrſcher erhal- 
ten, Als Eroberer verdient er aber auch, obgleich er nicht 
feroft Feldherr war, die größte Bewunderung, denn mit 


1) Man fieft im Chamis hierüber: Omar warb zur Zeit feines 
Shalifats um Umm Kolthum, die Tochter Ali's. Alt fagte ihm aber: 
meine Tochter ift nocdy zu jung zum Heirathen. Omar wollte dies 
nicht glauben. Da ſchickte fie Ali zu Omar mit einem Kleide. Die: 
fer entfchleierte ſie und wollte fie zu ſich ziehen, fie entwand fich ihm 
aber, Tief zu ihrem Vater zurück und erzählte ihm, wie fih Omar 
fo unanftändig gegen fie benommen. Alt fagte ihm hierauf: wäreft 
du nicht Chalife, ich würde dir die Nafe zerfchlagen und die Augen 
ausfragen. Omar warb aber noch einmal um fie im Angefichte der 
angefeheniten Ausgewanderten und Hülfsgenofjen und gab ald Grund 
feiner Werbung an, dag Mohammed einft gejagt: jede Verwandt: 
fchaft und Verſchwägerung hört am Tage der Auferftehung auf, nur 
die mit mir nicht. (Umm Koltyum war bekanntlich eine Enkelin 
Mohammeds.) Ali ging nah Haufe und fagte zu feiner Tochter: 
geh wieder zu Omar! Gie verfegte: willft du mich nochmals zu 
diefem alten Wollüftling ſchicken? Ali erwiederte: er ift dein Gatte. 


Dmar. 145 


feinen mehr an Raubzüge als an Krieg gewöhnten Beduinen 
gelang es ibm, das perſiſche Reich zu zernichten und dem 
byzantinischen die fchönften Provinzen zu entreigen. Er fonnte 
bei feinem Tode über die ganze weite Strede von Tripoli 
in Afrika bis nad Dftperfien und von Bab-el-Mandeb big 
an den Kaukaſus und den Drus gebieten, fo verftand er eg, 
bei den Truppen, den Mangel an Disciplin und Kriegstaftif 
duch religiöfen Eifer, Tapferkeit und Kühnheit zu erfegen, 
Den Einen zeigte er das Paradies mit den Huris, welde 
der im heiligen Kriege Gefallenen ſehnſuchtsvoll harren, den 
Andern allen Reihthum und allen Genuß der Erde, welde 
die zu befiegenden Länder in fich fchloffen. Wir dürfen ung 
daber nicht wundern, wenn man nach feinem Tode nicht nur 
ihn mit allen Tugenden ausfhmücte, fondern auch nod in 
feine Geſchichte manches Wunderbare einflocht. Wir haben 
ſchon berichtet, wie er einft auf der Kanzel in Medina einem 
in Perfien kämpfenden Feldherrn die Stellung angegeben has 
ben fol, die ihn vor dem Untergange gerettet. In einem 
Hungerjahre fol auf fein Gebet um Regen ſich fogleich eine 
Wolfe über das Gebiet von Medina entladen haben ’). Fer: 
ner wird erzählt: „Der Nil wollte im erften Jahre nach der 
Eroberung Amru’s nicht feigen, fo daß die Egyptier ver» 
zweifelten und ihm, ihrer alten Sitte gemäß, eine reich ge- 
ſchmückte Jungfrau opfern wollten, Amru wollte als Mufel- 
mann fein Menfchenopfer dulden. Als aber der Nil immer 
abnahın, fragte er Dmar um Rath. Diefer fehrieb: „An den 
Nil Egyptens, von Omar, dem Fürften der Gläubigen. Bift 
du bisher nad) deinem eigenen Willen geftrömt, fo vertrodne! 
bat aber Gott, der Einzige, Allmächtige, dir zu fliegen gebo- 
ten, fo beten wir Gott, den Einzigen, Allmächtigen, an, dag 
er Dir wieder zu fließen gebiete.“ Diejes Briefchen fandte 
Omar dem Amru mit einem andern Schreiben, in weldem 
er ibm befahl, e8 in den Nil zu werfen. Amru that dies 


1) Abulfeda ©. 244, 
10 


146 Zweites Hauptftüd. 


am Tage vor dem Feite der Kreuzigung (14. Sept.), als 
fhon die Kopten aus Berzweiflung fih anſchickten, Egypten 
zu verlaffen, und gleich in der folgenden Nacht ftieg der Nil 
um ſechszehn Ellen H. 

Wir erzählen noch zwei andere Wunder, weil fie bie 
hohe Meinung, die man bald nah Dmar’s Tod von ihm 
batte, darthun, ung aber auch um fo mehr felbit gegen das 
hiſtoriſch Mögliche, welches die Mufelmänner von ihm be- 
richten, mißtrauiſch machen müffen. 

„Einft famen griechiſche Gefandte nad Medina, um mit 
Dmar zu unterhandeln. Dmar lag allein im Garten auf 
dem Boden, den Kopf auf einen Stein gelehnt. Da faßten 
die Gefandten den Entfchluß, ihn zu tödten, aber fiehe da, eg 
erfchtenen zwei Löwen zu feinen Häupten, bei deren Anblid 
fie ſchnell die Flucht ergriffen 2).“ 

Tabari berightet ?): 

Dmar las gewöhnlich bei dem Morgengebete, nad) dem 
Beifviele des Propheten, zwei Suren aus dem Koran, eine 
lange nad) der erften und eine furze nad) der zweiten Sinie- 
verbeugung. Eines Tages las er aber mit großer Eile zwei 
fleine Suren und forderte, nach vollendetem Gebete, die Ge— 
meinde auf, ihm zu folgen, um ihren Freund zu empfangen. 
Die Leute fahen einander vor Erftaunen an, denn Niemand 
wußte, was Dmar von ihnen wollte. Aber faum waren fie 


1) Son Abd Alhakam ©. 82. Es ift ſchwer zu beftimmen, auf 
welcher hiftorifchen Grundlage diefe Sage beruht, denn wir konnen 
nicht glauben, daß die Kopten wirflih eine Sungfrau in den Nil 
warfen, da felbft die alten Eayptier feine Menjchenopfer brachten. 
Vielleicht warfen fie, wie dies noch heut zu Tage bei Eröffnung des 
Kanals alljährlich in Kahira gefchieht, eine als Sungfrau gefhmücdte 
Puppe unter dem Namen „Nilbraut” in den Strom und widerfegte 
fih Amru auch dieſem alten Aberglauben. f. eine Befchreibung 
eines folhen Feftes bei Lane mod. Egypt. II. p. 260 u. ff. 

2) Befri. 

3) ©. 149, 


Omar. 147 


vor dem Thore der Stadt, als ein Jüngling und eine Jung— 
frau daher zu reiten kamen. Omar ſagte, als er ſie erblickte, 
zu ſeinen Gefährten: dies ſind unſere Theuern, die wir in 
die Stadt geleiten wollen. Es hatten ſich nämlich bei der 
Belagerung einer Feſtung in Syrien zwei muſelmänniſche 
Krieger, welche Brüder waren, dermaßen ausgezeichnet, daß 
die Griechen bei einem Ausfalle es ganz beſonders darauf 
anlegten, ihrer habhaft zu werden. Vermöge eines verbor— 
genen Hinterhalts gelang es ihnen auch, den einen zu tödten 
und den andern gefangen zu nehmen. Als man ihn vor den 
König jener Stadt brachte, ſagte dieſer: Es wäre unmännlich 
von uns, wenn wir dieſen Jüngling tödteten, doch können 
wir ibn auch nicht frei laſſen. Wenn wir ihn nur zum Chri— 
ftentbume befehren könnten, der würde uns vortreffliche Dienfte 
leiften.. Da fagte ein angefehener Priefter; gebet mir ihn, 
ih will ſchon einen Chriften aus ihm machen, Wie fo denn? 
fragte der König. Der Priefter antwortete: ich habe eine 
jhöne Tochter, der es bald gelingen wird, ihn für ung zu 
gewinnen. Der Gefangene ward dem Priefter übergeben, ber 
ihn mit in fein Haus nahm und feiner Tochter ſagte: Be— 
diene diefen Jüngling und wenn er fi dir nähern will, fo 
fage ihm: das fann nicht fein, bis du meinen Glauben an- 
nimmft. Das Mädchen Tegte ihre fchönften Kleider an und 
begab fi zu dem Mufelmanne, diefer fah fie aber mit kei— 
nem Auge an. Das Mädchen ward aber bald in ihn ver- 
liebt und eines Tages, als fie hörte, wie er den Koran las, 
trat fie zu ihm hin und legte das islamitiihe Glaubensbe- 
fenntnig ab. Als nad einiger Zeit der Priefter feine Toch— 
ter nach dem Gefangenen fragte, fagte fie: ich habe ihn fchon 
erweicht, doch ift er immer noch ſehr niedergefchlagen, es 
wäre daher ratbfam, ihn aufs Land zu fhiden, damit er in 
der freien Luft erftarfe und mit frohem Muth unfern Glau— 
ben annehme. Seine Liebe zu mir ift fo groß, daß er, felbft 
wenn man ihm die Freiheit fchenfte, fih nimmermehr von 
| 10* 


148 Zweites Hauptftüd. 


mir trennen würde, Der Priefter fandte fie auf ein Gut, 
das er vor der Stadt beſaß, aber fie beftiegen bald zwei 
Pferde und flohen nad Medina, wo fie gerade an dem 
Morgen anlangten, als Omar das Gebet abfürzte, um ihnen 
entgegen zu geben. 


Drittes Hauptſtück. 


Othman. 


Die Chalifenwahl. — Othman wird zum Chalifen erwählt. — 
Läßt einen Mörder unbeftraft. — Ernennt neue, verhafte Statt: 
halter. — Sonftige Neuerungen Othmans. — Berluft und Wieder: 
eroberung von Alerandrien. — Feldzug gegen Gregorius in Afrika. 
— Aufruhr und Krieg in Perfien. — Dihman bevorzugt feine Ver: 
wandten. — Empörung in Egypten, in Kufa und Baßra. — Unzu— 
friedenheit und Verfhmwörung in Medina. — Ali, Talda und Zubeir. 
— Othman veranſtaltet eine neue Nedaction des Korans. — Läßt 
‚die ältern Abjchriiten verbrennen. — Abd Allah Son Magud wird 
eingeferfert. — Abu Diurr wird verbannt. — Alt begleitet ihn. — 
Wortwechſel zwischen diefem und dem Chalifen. — Gr nöthigt Dth: 
man den Statthalter von Kufa zu entjegen. — Benehmen feines 
Nachfolgers. — Abu Muſa von Bafra entfernt. — Sektenweſen in 
Egypten zu Gunſten Ali's. — Vertreibung des Statthalter von 
Kufa. — Zug der Rebellen nad Medina. — Othmans Rede an 
diefelben. — Abzug der Rebellen. — Othmans Schreiben und ihre 
Wiederkehr nach Medina. — Belagerung des Valaftes des Chalifen. 
— Deffen Erftürmung und Othmans Ermordung. — Mitſchuld Ali's 
und anderer Gefährten ded Propheten. 





Als die von Dmar zu Kanditaten des Chalifats be- 
fiimmten Häupter der Araber fi verfammelten und aud Alt 
eingeladen ward, fagte ihm fein Oheim Abbas; „Nimm feinen 


150 Drittes Hanptflüd. 


Antheil an der Wahl, denn auf dich fällt fie doch nicht, Omar 
liebte die Söhne Haſchims nicht und hat dich nur unter den 
andern vorgeichlagen, um durch deine Alnmwefenheit der auf 
einen andern fallenden Wahl mehr Gewicht zu geben. Alt 
glaubte aber nicht, daß es möglich wäre, dag man ihm irgend 
einen Andern vorziehe, und begab ſich in Aiſcha's Wohnung, 
wo die Wahl ftatt finden follte. Zwei Tage vergingen in 
leeren Debatten, ein jeder fuchte feine Verdienſte hervorzu— 
heben und feine Anfprühe auf das Chalifat zu begründen, 
oder die eines andern zu verwerfen und manchmal ward ber 
Streit fo heftig, daß Abu Talha ), der mit fünfzig Mann 
das Haus bewachte, einfchreiten mußte. Am dritten Tage, 
als fie wieder zufammentraten, fagte ihnen Abu Talha: heute 
darf feiner von euch diefes Haus verlaffen, bis ihr über die 
Chalifenwahl einen Beſchluß gefaßt habt. Als die Verhand— 
lungen aber auch an diefem Tage wieder diefelbe Wendung 
nahmen, wie an ben beiden vorhergegangenen, fagte Abd 
Errahman Ibn Auf: Ih fehe, dag auf diefe Weife wir zu 
feinem Ziele gelangen, wenn jeder immer nur feine eignen 
Anfprühe zu begründen fucht. Iſt denn feiner unter euch, 
der für fih dem Chalifate entfage,”fo wie ich gethan? Nie— 
mand antwortete. Abd Arrahman wiederholte diefe Frage 
fünfmal und als er noch immer feine Antwort erhielt, fuhr 
er fort: Ich will euch eure Aufgabe erleichtern, wollt ihr 
geloben, denjenigen als Chalifen anzuerfennen, den ich als 
Solchen beftimme? Alle antworteten: ja. Als jedoch die 
Reihe an Ai fam, fagte er: unter der Bedingung, daß bu 
nicht mit Vorliebe zu deinen Stammgenoſſen entſcheideſt ?). 





1) Abu Talha ift nicht mit Talha, einem der fehs Wähler, zu 
verwechfeln, auch ift er nicht der Vater diefed Talha. Sein Name 
war Zeid Ibn Sahl, Son Alaswad Ibn Haram und er gehörte zu 
den älteften Hülfsgenoſſen und Gefährten Mohammed's. ©. Na: 
wawi ©. 350. 

1) Tabari fest hinzu: „weil er (Abd Errahman) nämlich von 
dem Stamme (Kabilah) des Othman war.” Das ift mir aber nicht 


Othman. 151 


Abd Errahman erwiederte darauf: hätte ich ſelbſtſüchtige Ab— 
ſichten, ſo würde ich für mich die Herrſchaft angeſprochen 
haben. Er begab ſich hierauf in ein Eck des Zimmers und 
rief zuerſt Ali zu ſich und ſagte ihm leiſe: du hältſt dich, als 
Vetter des Propheten, als Sprößling der Benu Haſchim, als 
den erſten Muſelmann, am würdigſten die Gläubigen zu be— 
herrſchen. Ich will dieß zugeben, geſetzt aber, die Wahl fiele 
nicht auf dich, wen würdeſt du dann am würdigſten halten? 
Dann würde ich für Othman ſtimmen, ſagte Ali. Abd Er— 
rahman entließ hierauf Ali und rief Othman zu ſich. Dieſem 
ſagte er: du machſt deine Abkunft von Abd Manaf, dem 
Ururgroßvater Mohammeds geltend und nennſt dich Schwie— 
gerſohn des Propheten, das iſt alles wahr, geſetzt aber, Die 
Mehrheit wollte dich nicht zum Chalifen, wen würdeft du nad 
dir für den mwürdigften halten? Keinen Andern als Alt, ant- 
wortete Othman. Diefelbe Frage richtete hernach Abd Errahman 
noch an Saad und an Zubeir. Erfterer ſtimmte für Alt und 
Lesterer für Othman Y. Abd Errabman erhob fich jest und 


recht Elar; denn Othman ſtammte von Abd Schems ab (f. Leben 
Moh. S. 11) und Abd Errahman von Zuhra (ſ. Nawawi ©. 385). 
Wenn Ali alfo wirklich fürchtete, dag Abd Grrahman zu Gunften 
eines Stammgenoffen entjcheiden würde, jo meinte er wahrfcheiniic 
Saad damit, der auch Zuhrite war. Abd Errahmans Väter hiegen: 
Auf, Abd Auf, Abd Elharith, Zuhra und Saads Väter hießen: 
Malif, Wahb, Abd Menaf, Zuhra. Saad's Vater war demnach 
ein Bruder von Mohammed's Mutter. 

1) Bon Talha ift bei Tab. ©. 151, dem ich hier gefolat bin, - 
feine Rede. Auch heißt es gleich im Anfang: „Als Omar beerdigt 
mar, verfammelte Abu Talha (nit mit Talha Ibn Ubeid Allah 
Abu Muhammed zu verwechieln) die fünf Wähler in Aiſcha's Haus.“ 
Auch berichtet er ©. 146, dag man Talha nicht fand, denn er war 
aufs Land gegangen. Es wäre daher möglih, dag Omar ftatt feiner 
einen Andern beftimmte, daß er aber urfprünglih nur fünf Candi— 
daten wollte, oder daß, mie wir fchon oben erwähnt, Abd Errahman 
nur die Wahl leiten follte. Bei Abulfeda ©. 254 mird weder Talha 
noch Zubeir genannt, hingegen follte Abd Allah Ibn Dmar zwar 
son dem Chalifate ausgefchloffen fein, doc eine Stimme bei der 


152 Drittes Hauptftüd. 


fagte: Es ift nun entſchieden, daß die Wahl nur noch zwifchen 
Alt und Othman ſchwebt, geht jest nach Haufe! morgen werde 
ih einem von beiden huldigen. Abd Errahman war wahr- 
ſcheinlich zu ängftlich oder zu gewiffenhaft, um eine Verant- 
wortlichfeit zu übernehmen, welche felbft Omar von ſich ge- 
wälzt. Er wollte die Stimmung des Bolfes, oder wenigftens 
der Häupter deffelden, ergründen und dann erft enticheiven. 
Er beftieg daher am folgenden Tage die Kanzel und trug der 
Gemeinde Dmar’s Testen Willen vor, fo wie den Erfolg der 
bisherigen Verhandlung und forderte fie auf, fich entweder 
für Ali oder Dibman auszufpreden. Ammar Jon Jaſir D), 
einer der älteften und angefehenften Mufelmänner, erhob ſich 
und fagte: willt du Zwiſpalt verhindern, fo ernenne Alt zum 





Berathung haben und bei Stimmengleihheit die Abd Errahmans 
entiheiden. Bei Sujuti ©. 171 wird auch Talha nicht als Stim- 
mender angeführt, hingegen joll Saad für Othman geftimmt, Zubeir 
aber fih nicht entjchieden ausgefprodhen haben. Bei Dſahabi fol. 144 
wählt Zubeir Alt, Talba aber Dthman und Saad gibt feine Stimme 
dem Abd Errahman. Diefer entjagte dem Chalifet und foderte Ali 
und Dthman auf, daß einer von ihnen auch Verzicht leifte. Als fie 
aber ſchwiegen, fragte er fie, ob fie ihn als Schiedsrichter anerkennen 
wollten und ernannte dann Dthman, theild wegen Ali's unentjchie: 
dener Antwort, theils weil er bei den übrigen Häuptern der Mufel: 
männer weniger beliebt war. Dafjelbe lieft man auch bei Befri. 
Daß Zubeir für Othman geftimmt habe, ift nicht wahrſcheinlich, 
denn er war von väterliher Seite ein Neffe Chadidja’s, der erften 
Gattin Mohammed's und von mütterlicher ein Better Mohammed's 
und Ali's, denn feine Mutter war eine Tochter Abd Almuttalib’s, 
Saad und Abd Errahman waren, wie fhon oben erwähnt worden, 
weder mit Ali, noch mit Othman nah verwandt, eben fo wenig 
Talha. Das Othman Abd Grrahman’s Schwiegervater gemefen, 
habe ich bei feinem arabifchen Autor außer Abulf gefunden. Bei Na- 
wawi ©.387, mo Abd Errahman’s Kinder und ihre Mütter genannt 
werden, wird Feine derjelben als eine Tochter Othman's bezeichnet, 


1) Mohammed foll einft gefagt haben: wenn ihr nach mir einer 
Leitung bedürfet, fo wendet euch an Ammar Son Saftr! Anderes 
auf ihn bezügliche werden wir bei feinem Tode anführen. 


Othman. 153 


Chalifen! Daſſelbe ſagte auch Mikdad ), welchen Omar neben 
Abu Talha beſtimmt hatte, für die Ruhe und Ordnung bei 
der Chalifenwahl zu wachen. Abd Allah Ibn Abi Sarh, ein 
Milchbruder Othmans, äußerte ſich zu Gunſten Othman's. 
Ammar Ibn Jaſir ſchmähte Abd Allah Ibn Abi Sarh und 
ſagte: was hat ein Menſch wie du hier mitzureden??) Da 
ſchmähte aber ein Mann von dem Stamme der Benu Mah— 
zum, zu dem Abd Allah gehörte, Ammar wieder und bald 
entftand ein heftiger Streit zwifchen den Benu Mabzum, die 
für Othman waren, und den Benu Haſchim, dem Geſchlechte 
Als. Saad Ibn Abi Wakkaß ſagte daher zu Abd Errah— 
man: entfcheide fchnell die Sache, ehe Bürgerfrieg ausbricht! 
Abd Errahman rief: Schweiget einen Augenblif, ihr Mufel- 
männer! damit ich nach meiner Ueberzeugung urtheile. Als 
wieder Stille eintrat, rief er Ali zu fih und fagte ihm: 
Gelobe bei Gott, dem Erhabenen, daß du über die Mufel- 
männer nach den Borfchriften der göttlichen Dffenbarung 
herrſchen, das Leben des Propheten zur Richtſchnur nehmen 
und die Grundfäße der beiden dir vorangegangenen Cha- 
lifen fefthalten willſt. Alt antwortete: ich werde mich unbe- 
dingt der göttlichen Schrift unterwerfen und die mündlichen 
Lehren unfres Propheten befolgen. Was aber die Grund- 
füge meiner beiden Vorgänger betrifft, fo werde ih, fo weit 
ich es vermag, ihnen treu zu bleiben fuchen 3), Diefe Antwort, 


I) Mifdad Son Alaswad war auch einer der erften Mufelmän- 
ner und einer ter Wenigen, die den Feldzug von Bedr zu Pferd 
mitgemacht und überhaupt die Zaahaften zu diefem Feldzuge ermu- 
thiat. Auch fol Mohammed ihn einft unter den vier Männern ge: 
zählt haben, die Gott liebt und ihm auch zu lieben befohlen, 

2) Abd Allah war einige Zeit Mohammed’s GSecretär, ward 
aber wieder abtrünnig und verfpottete die Art, wie der Koran ge- 
offenbart ward. Bei der Eroberung von Mekka ward er zum Tode 
verurtheilt, doch durch Dthmang Fürbitte wieder begnadigt. ©. Leb, ° 
Moh. ©. 220. 

3) Sch habe hier Ali's Antwort ganz wörtlich nach Abul Faradj 
&, 182 angeführt, weil fie bei andern mufelmännifchen Autoren nit 


154 Drittes Hauptftüd. 


welche gewiffermaßen eine Proteftation gegen manche Hand— 
lungen Dmar’s und Abu Bekr's enthielt, mißftel dem Abd 
Errahman, welcher wohl einfab, daß nur dann Einigfeit und 
unbedingter Gehorfam erhalten werden fönnte, wenn den Cha— 
Iifen, durch Befolgung der von ihnen eingejchlagenen Bahn, 
eine gewiſſe Lnfehlbarfeit zuerfannt würde. Er rief daher 
Othman zu fih und richtete diefelbe Frage an ihn, und alg 


fo deutlich ausgedrückt ift. Abul Faradj nennt zwar hier überall 
den längft verftorbenen Abu Ubeida an Abd Errahman’s Stelle. Dieß 
ift aber gewiß nur ein Schreibfehler, der daher rührt, dag man in 
andern Quellen lieit, Omar habe gejagt: „lebte Abu Ubeida Ibn 
Diarrah noch, fo würde ich ihn zum Nachfolger beſtimmen.“ Ali's 
Antwort feheint mir aber in der That zu bedeuten, daß er fi kei— 
neswegs an die Lehren feiner beiden Vorgänger, fendern blos an 
die Mohammed’s binden wollte. Die Mufelmänner, welche diefe 
Antwort nicht begreifen können oder wollen, zugleich auch Ali's 
Zaudern entjhuldigen müffen, wollen uns glauben laſſen, Alt fei 
von Amru Ibn Aaß hintergangen worden, Diejer foll ihm gerathen 
haben, auf Abd Errahman's Frage eine befcheidene und zurüdhal: 
tende Antwort zur ertheilen, um ihn durch das Bekenntniß feiner 
Zweifel an der Möglichkeit allen Herrſcherpflichten jo aut wie feine 
Vorgänger nahzjufommen, für fih zu gewinnen, während er Dth: 
man zu einer entjchiedenen, das größte Selbftvertrauen darthuenden 
Antwort rieth. Aber abgejehen davon, dag wenn Alt blos fagte: er 
werde fich beftreben feinen Vorgängern nachzukommen, er fih wür— 
diger zeigte ald Dthman, fo aeht noch aus 3. Abd Alhafam ©. 89 
hervor, dag Amru Son Aaß damals gar nicht in Medina war. 
Dort heit es nämlich: „Als Omar Ibn Chattab ftarb, war Amru 
Son Aaß Statthalter von Unteregupten und Abd Allah Sbn Sad 
Son Abi Sarh von Dberegypten (Said)...” Als Othman das 
Chalifat übernahm, wünſchte Amru Ibn Aaß, dag er Abd Allah von 
der Statthalterfhaft von Oberegypten entjeße. Gr begab fich daher 
zu ihm und redete ihn deshalb an. Othman ſagte ihm aber: „Dmar 
Son Ehattab hat ihn zum Emir über Oberegypten gefest, ohne daß 
zwifchen ihnen irgend eine befondere Verehrung und Verwandtichaft 
beftand, wie foll ich, fein Milchbruder, ihm nehmen, was ihm ein 
Anderer gegeben“ u. f. w. Daraus erhellt, daß Amru zur Zeit 
der Chalifenwahl nicht in Medina war und dag Othman keineswegs 
ihm den Thron verdanfte. 


Othman. 155 


dieſer ohne Zaudern alles gelobte, was Abd Errahman von 
ihm forderte, gab er ihm den Handſchlag der Huldigung und 
ſeinem Beiſpiele folgte die ganze Gemeinde, obſchon Ali und 
Mikdad Abd Errahmans Urtheil für ungerecht erklärten. 
Othman zeigte gleich bei dem erften Urtheil, das er als 
Chalife zu fällen hatte, daß er allerdings dem Beifpiele Dmar’s 
und Abu Befr’s zu folgen gefonnen ſei, indem aud er in 
gewiffen Umftänden das Geſetz und die göttlihe Dffenbarung 
zu umgehen für erlaubt hielt. Abd Allah, der Sohn Omar's, 
hatte von Abd Errahman, dem Sohne Abu Bekr's, gehört, 
dag Firuz, der Mörder feines Baters, einige Tage vor deſſen 
Ermordung mit einem Dolche in der Hand mit Hormuzan, 
dem befehrten perfiichen Fürften und Hufeina, einem chriftlichen 
Sklaven des Saad Ibn Abi Waffag, eine Unterredung ge: 
habt. Ohne nähere Unterfuhung Tief Abd Allah, nach feines 
Baters Beerdigung, in Hormuzans Haus und ermorbete Hor= 
muzan, dann ftürzte er in das Saad's Jon Abi Waffag und 
erſchlug Hufeina. Als ihn Saad deshalb zur Rede ftellte, 
fiel er aud) ihn an, aber Saad warf ihn zu Boden, entriß 
ibm fein Schwerdt und befahl feinen Sflaven, ihn in feinem 
Haufe einzufperren, bis die Chalifenwahl entfchieden fein würde 
und der neue Derrfcher über ihn ein Urtheil fälle. Sobald 
Othman zum Chalifen ernannt war, brachte ihn Saab in den 
Diwan und verlangte fein Blut, weil er das eines Mufel- 
mannes ohne Beweis von deſſen Mitfchuld an der Ermordung 
Dmar’s vergoffen. Ali und Abbas unterſtützten Saad's Ver- 
langen, weil Hormuzan bei feiner Anfunft in Medina fich 
unter Abbas’ befondern Schuß geftellt hatte. Andere fagten 
aber ), wenn du Abd Allah hinrichten läßt, fo werben bie 
Feinde fagen: bie Gefährten des Propheten tödten fich felbft 
unter einander, und dieſes Gerede wird deiner Regierung 





1) Bei Tabarı ©. 158 wird hier auch wieder Amru Ibn Aaß 
genannt, was ich aber aus oben angeführtem Grunde nicht anneh: 
men fann, 


156 Drittes Hauptſtück. 


nachtheilig werden, Othman ließ ſich einfchüchtern, begnadigte 
den Mörder und bezahlte den Verwandten des Ermordeten 
ein Löſegeld aus der Staatskaſſe. Auch bei ſeiner erſten 
Kanzelrede (Chutba) verrieth Othman ſeine Schwäche und 
Schüchternheit. Er fand keine Worte und mußte ſich durch 
den Ausruf: „Aller Anfang iſt ſchwer,“ aus der Verlegenheit 
zu helfen ſuchen N). 

Das erfte Jahr von Othman's Regierung ging ohne 
Merkmale einer Veränderung vorüber, denn Omar hatte vor 
jeinem Tode alle Statthalter auf das folgende Fahr in ihrem 
Amte beftätigt; nur Mughira Ibn Schu’ba ward von Kufa 
abgerufen und durch Saad Ibn Abi Waffag erfegt 2). Aber 
nad Verlauf eines Jahres 3) mußte auch diefer wieder ab- 
treten und an feine Stelle fam Welid Ibn Ofba, Othman's 
Bruder von mütterliher Seite, zur großen Unzufriedenheit: 
der alten Mufelmänner, weil fein Bater Dfba %) einer der 
bitterften Feinde Mohammeds geweſen, weshalb er auch nad 
dem Treffen bei Bedr hingerichtet ward. Auch fol Moham- 
med, als Dfba, um ihn zur Begnadigung zu bewegen, fragte: 
was foll aus meinen unmündigen Kindern werden? geant- 
wortet haben: fie mögen zur Hölle fahren! Einige andere 
Neuerungen Othman's, welcher gelobt hatte, ſich Dmar zum 
Mufter zu nehmen, erregten auch ſchon im erften Jahre feiner 


1) Abulfeda ©. 260. Diefes Sahr, das 24te der Hidjrah, war 
überhaupt nad Tab. a. a. D. und Dfahabi fol. 149 ein unglückliches 
für Arabien. Die Hige ward unausftehlich und fehr viele Leute be- 
fiel ein heftiges Nafenbluten, fo daß man diefes Sahr (7. Nov. 644 
— 28. Det. 645) das des Mafenblutens (NRuäf) nannte, 

2) Er behauptete, Omar habe es feinem Nachfolger zur Pflicht 
gemacht, Saad alsbald eine Statthalterfchaft zu verleihen. Tab. 
©. 154. 

3) Nah Dfahabi T. 149 ward Saad erft im J. 26 von Kufa 
abgerufen und zwar, weil er wegen einer Summe, die er an Ibn 
Masud fchuldig war und zu zahlen ſich weigerte, verklagt ward. 


4) ©, über Okba Leben Mohammedd ©. 110 u. 414. 


Othman. 157 


Regierung viel Mißtrauen gegen ihn. Er vermehrte ben 
Sold aller von ihm neu erwählten Emire. Statt daß Omar 
im Ramadban jeden Abend ein Kameel für Arme und Rei— 
fende fchlachten und vertheilen ließ und jedem noch ein Sil- 
berftüd gab, ließ Dibman zwei Kameele vertheilen und jedem 
Armen zwei Silberftükfe geben, was darum getabelt ward, 
weil es ſchien, als wolle er Omars Wohlthätigkeit durd die 
Seinige verbunfeln ). Eben fo murrte man darüber, daß 
er einige Meffaner, welche in der Nähe des Tempels wohn- 
ten, mit Gewalt aus ihren Wohnungen vertrieb, um den 
Tempel zu vergrößern, da doch Omar, obgleich auch er fchon 
den Tempel für die immer wachfende Zahl der Gläubigen 
zu Hein fand, fi dennoch fcheute, Femanden mit Gewalt aus 
feinem Haufe zu vertreiben ?). 

Im folgenden Jahre 3) ward Amru Fon Aaß, der mit 
Unteregypten allein nicht zufrieden war, auch entfegt und ganz 
Egypten dem Abd Allah Ibn Saad übergeben, welcher fchon 
früher Statthalter yon Dberegypten oder wenigftens von der 
Provinz Fajjum gewefen, Othman war indeffen bald #) wie 

1) Tabari a. a. O. 

2) Tab. a. a. O. Nah Dſahabi fol. 149 ım J. 26. Die Un: 
jufriedenen wurden eingefverrt und Othman fagte ihnen: „meine 
Milde macht euch verwegen,“ doc wurden fie bald wieder in Frei: 
heit gejest. 

8, Sm 2öten der 9. (28. Oktob. 645 — 17. Oft. 646) nad 
5. Abd Alhak. S. 90 der hier am Zuverläſſigſten ift. Abd Allah war 
in Fajjum, als ihm feine Ernennung zufam, er eilte nah Foſtat 
und traf dafelbft vor dem Morgengebete ein. Er ftand ſchon auf 
dem Plage des Smams, als Amru's Sohn Abd Allah, der in feines 
Baterd Abmwefenheit Imam war, in die Mojchee Fam. Das ijt Folge 
deiner Schlechtigfeit und deiner Umtriebe, fagte Amru’s Sohn zu 
dem neuen Statthalter. Diejer antwortete aber: Keineswegs, du 
und dein Vater ihr habt mich beneidet, weil ih über Dberegypten 
gefegt war, wenn du willft, jo vermalte du jegt Dberegypten und 
dein Vater Iinteregypten; ich werde euch nicht darum beneiden, 

4) Nach 3. Abd Alhak. S. 92 noch in demfelben Sahre, ebenfo 
bei Dfahabi, der noch dazu den Monat Rabia Awwal nennt, 


158 Drittes Dauptflüd. 


der genöthigt, Amru nad) Egypten als Feldherrn zurückzu— 
fhiden, denn es war endlich den vielen in Alerandrien zu— 
rüdgebliebenen Griechen, welde mit den Byzantinern noch 
immer im Einverftändniffe waren, gelungen, eine griechifche 
Flotte ) in ihren Hafen zu rufen und mit ihrer Hülfe bie 
Mufelnänner aus der Stadt zu vertreiben. Statt daß bie 
Griechen aber, um wieder in den Beſitz des ganzen Landes 
zu gelangen, fi hätten beftreben follen, die Freundſchaft und 
das Bertrauen der Kopten wieder zu gewinnen, behandelten 
fie fie als Feinde und plünderten die von ihnen bewohnten 
Dörfer in Unteregypten aus, fo dag Amru abermals an ihnen 
treue Berbündete fand, obfchon fie wegen der ſchweren Ab- 
gaben, mit denen fie belaftet worden, auch mit der muſelmän— 
nifchen Herrſchaft nicht mehr zufrieden, vielleicht fogar an dem 
Berlufte von Alerandrien nicht ganz ohne Antheil waren. 
Amru fah eine Zeit lang ruhig zu, wie Griechen und Kopten 
einander befehdeten, erftere wurden dadurch gefchwächt und 
feßtere fo erbittert, daß fie von Neuem die Mufelmänner ale 
Erlöfer begrüßten und Chalid die Wiedereroberung von Alexan— 
drien erleichterten 2). Sie fand in Folge einer Schlacht ftatt, 
welche die Griechen am Nile ?) verloren. Das gefchlagene 


1) Der Befehlshaber hieß Manuel. a. a. D. ©. 9. 


2) Charidja Son Hudfafa fagte zu Amru, ald er nad) Egypten 
kam: greife den Feind an, ehe er ſich vermehrt und ganz Egypten 
am Aufruhr Theil nimmt! Amru fagte: ich will Tieber ihren An: 
griff abwarten, denn fie werden alle (Kopten) mißhandeln, an denen 
fie vorüberziehen und fo wird fie Gott einen durch den andern ver- 
derben. Die Griechen zogen dann von Alerandrien aus und mit 
ihnen waren die aufrührerifchen Bewohner einiger Dörfer, Wo fie 
durchkamen, verzehrten fie die Lebensmittel, die fie vorfanden, tran— 
fen den Wein und plünderten, was fie Fonnten. Ebend. 


3) Den Namen des Orts, wo die Schlacht vorfiel, kann ich nicht 
mit Beitimmtheit angeben, da das Wort nicht deutlich punktirt ift 
und man ©, 90 Nafius, Takjus, Tajus u. ©. 92 Nafwis, Takwis, 
Tamwis leſen kann, weil dort Das waw vor dem ja fteht. 


Othman. 159 


Heer kehrte in die Stadt zurück, das ſiegende folgte aber 
auf den Ferſen, ſo daß jenem nicht Zeit genug blieb, die 
Thore zu ſchließen. Amru nahm eine fürchterliche Rache an 
den verrätheriſchen Alexandrinern. Bis an die Stelle, wo 
ſpäter die Moſchee der Barmherzigkeit ſich erhob, ward alles 
niedergehauen, die Feſtungswerke 7), wenigſtens die gegen die 
Landfeite, wurden gefchleift, und die Dörfer, die mit ben 
Griechen gemeine Sache gemacht, wurden ganz verwüftet 2). 
Hingegen lieg Amru den Bewohnern anderer Dörfer, welche 
wegen ihrer Treue von den riechen waren ausgeplündert 
worden, das Ihrige wieder zurück erftatten und bedauerte, den 
Griechen nicht gleich bei ihrem Ausfalle aus Mlerandrien ent: 
gegengetreten zu fein. Nach beendetem Kriege ward Amru 
wieder entlaffen und Abd Allah an feine Stelle gefeßt. Oth— 
man wollte ihn zwar an der Spige der Armee laſſen und 
Abd Allah bloß über die Finanzen fegen; dies Anerbieten 
ſchlug aber Amru aus, indem er fagte: Ich gliche dann einem 
Manne, der eine Kuh an den Hörnern fefthält, während ein 
Anderer fie milft, Sowohl Abd Allah als Welid Jon Okba, 


1) Amru hatte gleich bei feiner Ankunft in Egypten gefchworen, 
Alerandrien einem Hurenbaufe gleich zu machen. Da indeffen die 
Griechen damals zu Waffer noch ftärfer waren als die Mufelmänner, 
fo iſt nicht wahricheinfih, daß er die Stadt auch von der Seeſeite 
her ihrer Mauern beraubte. 

2) Nach J. Abd Alhak. S. 91 hatte ein Kopte die Griechen nad) 
Alexandrien gerufen und ihnen wahrſcheinlich den Beiſtand der gan— 
zen Bevölkerung zugeſagt. Der vielen willkührlichen Erpreſſungen 
der Muſelmänner müde, ſoll er nämlich Amru gebeten haben, we— 
nigſtens die Abgaben auf irgend eine Weiſe zu beſtimmen. Amru, 
der gerade vor einer Kirche ſtand, ſoll aber darauf geantwortet ha— 
ben: gebt ihr mir einen Haufen Gold, der bis zum Dache diefer 
Kirhe hinaufreiht, fo kann ich auch nichts beſtimmen. She feid 
unfere Schagfammer, brauchen wir viel, fo fordern wir viel von 
euch, geht es uns gut, fo machen wir ed euch auch leichter. Als 
diefer Kopte gefangen ward, befchenkte ihn Amru und fagte ihm: 
geh nur und hole ein zweites Heer! 


160 Drittes Hauptſtück. 


deren Erhebung fo bitter getabelt ward, theils weil fie mit 
Dihman verwandt waren, theils weil fie Mohammed ver: 
wünfcht hatte, zeigten fich indeffen, in der erften Zeit wenig- 
ftens, der ihnen verlichenen Stelle nicht unmwürbig und Beide 
trugen zur Befeftigung und Ausdehnung der islamitifchen 
Macht bei. Welid mußte bald nach feiner Ernennung D) zum 
Statthalter von Kufa, einen Feldzug nad der perfifchen Pro- 
vinz Adferbidjan unternehmen, welche den mit Omar geſchloſ— 
jenen Frieden gebrogen und von Neuem für ihre Unabhän- 
gigfeit Fämpfte Er ward des Aufruhrs Meifter und 
verpflichtete die befiegte Provinz zu einem bedeutenden Tribut, 
Später fandte er einen Theil feiner Truppen gegen Armenien 
und einen andern ließ er zu denen Muawia's flogen, welcher 
in Kleinaſien einftel und mehrere Städte einnahm, dann bie 
Inſel Cypern, nad Einigen fpäter auch Rhodos unterwarf 2). 
Abd Allah Ibn Saad erweiterte die Grenzen des Reichs 


1) Noch im 5. 25 der 9. Tab. ©. 154. Omar hatte nur 
6000 Mann in diefer Provinz gelaffen. Nah Dfahabt fol. 149 308 
Welid fbon im J. 24, alfo noch vor feiner Ernennung zum Statt: 
halter von Kufa, gegen Adierbidjan und von da nad Armenien. 


2) Tab. a. a. O. Welid fandte Salman Son Rabia mit 8000 
Mann gegen Syrien, er follte fih mit Habib Son Maslama ver: 
einigen, den Muawia mit einem Heere von 10,000 Mann gegen die 
Griehen gefchieft. Die Eroberung von Cypern ſetzt Tab. ©. 155 
in das J. 28, Dſahabi in das 3. 27, Iheopbanes ©. 525 (ed. Clas- 
sen) in das Ste Jahr von Othman's Regierung, die er aber um 
zwei Sahre zu fpät beginnen läßt und daher auch ©. 580 ihm nur 
eine Negierungsdaner von zehn, ftatt von zwölf Jahren gibt. Rho— 
dos ward nach demfelben (S. 527) fünf Sahre fpäter von den Mu: 
felmännern befegt. Muamwia wollte fchon unter Omar auch zur See 
die Griechen befämpfen, er foll es aber nah Dfahabi f. 150 nicht 
zugegeben und gejagt haben: das Pleinfte Dorf, in dem Hunde bellen 
und Hahne Erähen, iit mir lieber als das ganze Meer, Auch Amru 
fol! abgerathen haben. ©. auch Tab. ©. 155. Nah Ion Ishak 
ward Cypern erft im J. 83 erobert und Rhodos nad Abd Alma- 
hafın im J. 53 und nach dem Chamis ſelbſt Eypern erft im 3. 48. 


Othman. 161 


gegen Weſten. Er zog im J. 27 der Hidjrah gegen den 
Patrizier Gregorius, welcher ſich gegen den Kaifer empört 
batte und das ganze Gebiet von Carthago beherrichte. Abd 
Allah Ibn Zubeir, der, wie wir fpäter fehen werden, am 
längften der Macht der Omejjaden Widerftand Teiftete, zeich— 
nete fih bier zum erftenmale aus, auch ward er beauftragt, 
die Siegesborfchaft nah Medina zu bringen. Gregorius, 
welcher mit zwei Sflavinnen unter einem Zelte faß, ward 
überfallen und getödtet und feine Tochter gefangen genommen. 
Dies entfchied die Schladht zu Gunften der Mufelmänner, in 
deren Folge die Bewohner von Subeitala und der Umgebung 
diefer Stadt, fih Abd Allah unterwarfen und Tribut zahlten N). 
Auch unternahm er im Jahre 31 einen Feldzug gegen Nu— 
bien, jedod ohne großen Erfolg ?). Im Jahre 34 fandte er 


1) Gregorius hatte mit feinen 120,000 oder gar 200,000 Mann 
die 20,000 Mufelmänner umzingelt, denn Abd Allah's Befehle wur: 
den nicht vollzogen. Aber Mußab überfiel Greaorius, der allein 
mit zwei Sklavinnen in einiger Entfernung von den Truppen unter 
einem Zelte faß und todtete ihn; dies entmuthigte fein Heer. (Dſa— 
habi ©. 150.) Die Empörung des Gregorius gegen den Kuijer er: 
wähnt aub Ibn Abd Alhak. S. 96, übereinftimmend mit Theophanes 
©. 5235. Nah Son Abd Alhak. ward aber Gre orius von Abd Allah 
Ibn Zubeir erſchlagen, mas ohne Zweifel richtiger ift. Die Beute 
foll fo bedeutend gewesen fein, daß von den 20,000 Mann, aus de> 
nen die mufelmänniibe Armee beftand, jeder Fußgänger 1000 und 
jeder Reiter 3000 Dinare auf feinen Antheil erhielt. (2) Die Tod): 
ter des Gregoriug fiel einem Medinenjer zu, aber fie 309 den Tod 
der Sklaverei vor und ftürzte fih, auf dem Wege nad Medina, von 
ihrem Kameele herab. Dies find die. hiftoriihen Grundlagen der 
romantiſchen Grjählungen fpäterer arabijcher Autoren, denen Gar: 
donne und Gibbon gefolgt iind. (S. Journal asiatique de Paris 1844. 
Novembre. und 1832 Avril.) 


2) Nach einem mörderifhen Kampfe, in welchem Muawia Ibn 
Chudeidj und andere Häupter der Mujelmänner verwundet wurden, 
fah Abd Allah ein, daß er die Nubier nicht bezwingen fünne; er 
ſchloß daher Frieden mis ihnen und verſprach ihnen alljährlich ein 


162 Drittes Hauptſtück. 


Muawia Ibn Chudeidj gegen das weftlichere Afrika, welcher 
dasjenige Gebiet eroberte, auf dem fpäter die Stadt Kaira— 
war gegründet ward 1), während er felbft zur See einen 
glänzenden Sieg über eine griechifche Flotte Davon trug, bie 
abermals in Dſat Suwar, in der Nähe yon Alerandrien, zu 
landen verfuchte 2). 


gewiffes Maaß Korn und Linfen gegen 360 oder 400 Sklaven zu 
fenden. Son Abd Alhak. S. 100. 


1) 4A. a. ©. ©. 104. Auch wird noch die Einnahme der Stadt 
Dijalula berichtet, deren Mauern von felbft einftürzten. Das 
Fünftel der hier gemachten Beute ſchenkte Dthman feinem Bet: 
ter Merwan. Weitere Züge fanden nah J. Abd Alhak. unter Oth— 
man in Afrika nicht ſtatt. Auch erwähnt er nichts von einem 
Zuge des Abd Allah Ibn Nafi gegen Spanien, von dem nicht nur 
bei Abulfeda S. 262, fondern auch bei Dfahabi ©. 150 die Nede 
if. Daß er um diefe Zeit auch höchſt unwaährſcheinlich ift, bedarf 
feiner Erwähnung. 

2) Dfu oder Dfat Sumarı bedeutet Beſitzer der Maftbäume, 
alfo ein Drt, wo Schiffe zu landen pflegen, ein Hafen oder eine 
Bucht. Daß diefer Ort in der Nähe von Alerandrien, vielleiht in 
Abufir, berichtet Diahabı ©. 160. 

Die Araber hatten nach 3. Abd Alhak. S. 101 nur zwei hundert 
und einige Schiffe, die Griechen aber i000 (2); dazu fehlte noch die 
Hälfte der arabifhen Mannichaft, welche mit Befhr Ibn Abi Urtah 
einen Streifzug zu Land unternommen. Abd Allah forderte, als die 
griechifche Flotte fichtbar ward, dreimal feine Leute auf, die Schiffe 
zu befteigen, um den Feind zu befimpfen, aber niemand rührte fid. 
Da erinnerte ein Medinenfer an den Koransvers: „Wie oft hat 
fbon eine Kleine Schaar ein großes Heer befiegt mit Gottes Willen! 
Gott ift mit den Ausdauernden.“ Endlich beftiegen fie ihre Schiffe 
und fehleuderten Pfeile gegen den Feind, bis ihr Vorrath erichöpft 
war, dann warfen fie Steine gegen die Griehen und als fie auch 
feine Steine mehr hatten, befeftigten fie die griechiſchen Schiffe an 
die ihrigen mit Ketten und kämpften mit dem Schwerdte. Nach 
Tab. ©. 158, welcher diefe Seejchlaht in das J. 82 fest, (Dfahabi 
ſ. 161 in das 3. 35) verlangte Abd Grrahman, der Sohn des Abu 
Beer und Abd Allah Son Hudfeifa, daß man ver geichlagenen Flotte 
nachfege und als Abd Allah den Befehl gab, nach Alerandrien zu: 


Othman. 163 


Mit gleichem Glück fochten andere Feldherrn Othman's 
gegen die Ungläubigen. Perſien war unter Omar mehr 
flüchtig durchſtreift als eigentlich unterworfen worden. Omars 
Feldherrn waren gegen Jezdedjerd und ſeine Truppen zu Feld 
gezogen, ſobald dieſe geſchlagen und zu Paaren getrieben wa— 
ren, konnte das Land keinen Widerſtand mehr leiſten. Aber 
nach und nach erholte ſich die Bevölkerung Perſiens von ih— 
rem erſten Schrecken und erhob ſich überall gegen die geringe 
muſelmänniſche Beſatzung, welche in den bedeutendern Städ— 
ten und Feſtungen zurückgeblieben war, ſo daß das ganze 
Land gewiſſermaßen zum zweitenmale erobert werden mußte. 
Said Ibn Aa unterdrüdte die Unruhen in Djordjan und 
Zabariftan ). Abd Allah Fon Amir züchtigte die Rebellen 
der Provinz Fars, welche den arabifchen Statthalter Ubeid 
Allah Ibhn Mi’mar erihlagen und nahm Iſtachr und Schiras 
wieder ein. Dann befegte er die Provinz Kerman. Bon 
hier wendete er fi gegen Chorafan, wo fchon Dmeir Ibn 
Othman mit einem Deere ftand und befegte Nifabur, während 
er einen Theil feiner Truppen gegen Herat und Meru 
fandte. Kaum war aber Abd Allah Ibn Amir wieder nad 
Arabien zurücgefehrt, jo brachen neue Empörungen aus, fo 


rüdzufehren, fhmähten fie ihn und Othman, der ihn zum Statt: 
halter ernannt. Ibn Abd Alhaf. erzählt noch hierauf, daß im fol 
genden Jahre Konftantin, der Sohn des Heraklius, abermals mit 
faufend Schiffen gegen Egypten fegelte, aber ein Sturm zertrüm: 
merte die Flotte, nur fein Schiff entfam nach Sicilien, wo er 
in einem Bade getödtet ward. Auch Tab. Th. 5. ©. 4 erzählt, daß 
die Grieben, als fie Othmans Tod und die Unruhen in Sraf ver— 
nahmen, eine Flotte gegen Syrien ſchickten, welche zertrümmert 
ward Mur der Kaifer entfam, ward aber im Bade ermordet. Die: 
ſes Schickſal hatte befanntlic viel fpäter Conftanz, ein Enkel des 
Heraklius. S. Theoph. ©. 537. 

1) Tab. ©. 156. Er ließ die Beſatzung hinrichten, obfhon er 
verſprochen hatte, nicht einen Soldaten tödten zu laffen, inden er 
feine Worte dahin deutete, daß er nicht Einen, fondern Alle dem 
Schwerte preisgeben würde, 

IE” 


164 Drittes Hauptftüd. 


daß der von ihm in Nifabur zurücgelaffene Statthalter Abd 
Allah Ibn Keis nad Medina eilte, um Berftärfungen herbei- 
zurufen. Abd Allah Ibn Hazim behauptete ſich indeffen in 
der Citadelle von Nifabur gegen die ihn belagernden Perfer, 
an deren Spise Karan ftand, auch gelang es ihm in einem 
nächtlichen Ausfalle, diefen zu tödten und bie ihm ergebenen 
Gedirgsvölfer zu Paaren zu treiben 2). Auch am Kaufafus 
fielen mehrere Gefechte vor, in deren Folge die Mufelmänner, 
bis zur Anfunft neuer Truppen aus Kufa, ſich zurücdziehen 
mußten, und erft im J. 32 der Hidjrah gelang es ihnen, die 
verlorenen Provinzen wieder zu unterjochen ?). 


1) Tabari ©. 198 u. 199. Abd Allah Fon Hazim befahl feinen 
Truppen, daß jeder eine Fadel zur Hand nehme. Als dies gefchah, 
glaubte Karan, die Mujelmänner haben VBerftärfungen erhalten, 
denn er beurtheilte ihre Zahl nad) den brennenden Fadeln und 
glaubte, nur vor jedem Häuptling werde eine Fackel getragen. Als 
er aber mit den Seinigen die Flucht ergriff, festen ihm die Mufel- 
männef nah u. f. w. Abd Allah Son Keis und die Nachricht von 
Abd Allah Fon Hazims Sieg trafen faft zu aleicher Zeit (im J. 32 
der 9.) in Medina ein und Pegterer ward dann zum Gtatthalter 
yon Nifabur ernannt. Nah Nawawi ©. 458 ward Choraſan nad 
Ginigen unter Dmar gar nicht erobert, nach Andern unter Othman 
zum zmweitenmale. 

2) Abd Almahafın erzählt hier, was Tab. fhon unter Omar er: 
wähnt: „Die Chofaren, weldhe am Kaukaſus wohnten, glaubten, die 
Muſelmänner ſeien unſterblich, bis fie endlich einem auflauerten, ver 
fih von der Armee entfernt batte und ihn todteten, dann fasten fie 
Muth und fchlugen die Mufelmänner bei Balandjar; ihr Anführer 
Abd Errahman Ion Rabia blieb auf dem Schlachtfelde und feine 
Feute flohen gegen Djor jan, bis Othman neue Truppen fcicte. 
Tab. (S. 185) erwähnt zwar nichts von einer folchen Miederlage, 
doch fagt er, daß die Chojaren, weil fie von der Sterblichkeit der 
Mufelmänner überzeugt wurden, fich gegen fie erhoben und diefe 
das Gebiet von Derbend verließen. Balandjar ift nah Tab. an 
demielben Drte, der Name der Linder, welche jenjeits des Kaukaſus 
liegen und von Ruffen und Alanen beherrjcht wurden. Nach Abd 
Almahafin ſowohl ald nah dem Kamus, ift es aber der Name eines 
Drted an der Grenze von Georgien und LFirkaffien, 


Dthman. 165 


Sp groß aber auch der Ruhm war, den Othman's Felb- 
herrn ernteten, vermochten fie doch nicht den altersſchwachen 
Chalifen, der fi) von feinen Verwandten und Günftlingen 
leiten ließ, beliebt zu machen, denn zu feinem Unglücd waren 
es gerade folhe Männer, welche fich felbft, oder deren Eltern 
fi irgend eines fchweren Vergehens gegen Mohammed fchul- 
dig gemacht. Ueberhaupt beftand zwifchen dem Gefchlechte 
Haſchim, dem Mohammed entfproffen, und dem des Abd 
Schems, von welhem Dihman und Muawia abftammen, zu 
feiner Zeit viel Liebe und Einigfeit. Außer Abd Allah und 
Welid, von denen fchon die Rede war, und die fich fpäter, 
erfterer durch feine Erpreffungen und Testerer durch feine 
Sittenlofigfeit verbaßt machten, gehörten zu Othman's begün- 
ftigten, von den Gefährten des Propheten aber verabfcheuten 
Verwandten, Al Hakam, der Sohn des Abul Aaß, Bruder 
feines Baters Affan und deffen Sohn Merwan. Alhakam 
hatte fich erft bei der Eroberung von Meffa zum Islam be- 
fehrt, doch bald darauf Mohammed wieder verrathen, jo daß 
er mit feiner Samilie nad) Taif verbannt ward, das er aud) 
unter Abu Befr und Omar nicht verlaffen durfte )Y. Othman 
rief ihn nicht nur nah Meffa zurüd, fondern fchenfte ihm 
auch den größten Theil der in Afrifa gemachten Beute, fo 
wie das Gut Fadak, welches nicht Privateigenthum Dihmang, 
ſondern Staatsgut war, ernannte deſſen Sohn Merwan zu 
feinem Geheimfecretär und Bezier und gab ihm feine Tochter 
zur Frau ?). Auch wegen feines Betters Muawia, den er 
nah und nad zum Herrn über ganz Syrien, im weiteften 
Sinne des Wortes, erhoben, ward er getadelt, weil man ihm 
mande Ungerechtigfeit und Gewaltthat zum Vorwurfe machte. 
Muawia verftand es indeffen, bie ihm untergebenen Provinzen 
durch eonfequente Strenge. zu beherrfchen und im Zaume zu 


1) Nawawi ©. 546, 
2) Kitab Alaghani ed. Freytag ©. 19. 


166 Drittes Hauptſtück. 


halten, fo daß wohl hie und da eine Klage nah Medina 
drang, fonft aber von diejer Seite her dem Chalifen feine 
Gefahr drohte, Anders verhielt es fih aber in den jeßt 
ſchon fehr volfreichen Städten Baßra und Kufa und in Egyp- 
ten, wo die Anhänger der von DOthman entfegten Statthalter 
öffentlichen Aufruhr predigten und mit den einflußreichiten 
Männern in Medina felbft im Einverftändniffe waren. So— 
wohl Ali, als Talha und Zubeir, welche, als die älteften 
Gefährten Mohammeds und als die reichften Männer Mer 
dina's ) in größtem Anfehen ftanden, und deren jeder wahr- 
fheinlih im Stillen hoffte, einft Othman's Nachfolger zu 
werden, fahen mit Beforgniß, daß die ganze Macht des Cha- 
Hifats in den Händen der Derwandten Othman's war, welche 
wir jebt [hon, da fie von Abu Sofians Vater Omejja her- 
ftammen, mit dem Namen Omejjaden bezeichnen wollen. Ge— 
gen Abu Sofian und fein Geſchlecht Hatte der Islam zwanzig 


1) Masudi f. 194 erzählt viel von den ungeheuern Ginfünften 
des Talha, Zubeir, Zeid Jon Thabit, Mifdad, Saad Ibn Abi Wak— 
faß und Abd Errabman Son Auf. Mag au hier, wie bei allen 
Zahlen der DOrientalen, manche Null abzuziehen fein, fo ift doch ge: 
wiß, daß dieſe älteften Gefährten Mohammeds einen großen Theil 
der nah Medina gelangten Beute und Steuern auf Koſten der Ar: 
men unter ſich vertheilten. Talha und Zubeir beſaßen in Kufa und 
Baßra Paläfte, welhe noch zu Maſudi's Zeit, alſo nah 500 Sahren 
noch beftanden und berühmt waren. Welch ein Contraſt, ruft diefer 
Autor aus, zwiihen der Verſchwendung und Prachtliebe diefer Män— 
ner und der Einfachheit und Sparfamteit des Ghalifen Omar, der, 
als er auf einer Pilgerfahrt 16 Dinare gebraucht, feinem Sohne 
Abd Allah faate: „wir waren verfchwenderifch.“ Auch Namami gibt 
Zubeir'd Gefammtvermögen nah Budhari (S. 253) auf 50,000,000 
an. Gr hinterließ ein Gut, das für 1,600,000 Dirhem verkauft ward, 
ferner 11 Häufer in Medina, zwei in Bafra, ein Haus in Kufa und 
Gines in Eaypten. Geld hinterließ er feines, das hatte er wahr: 
foheinlich zur Befoldung der Empodrer gegen Othman und Ali ge 
braudt. Bon Abd Errahmans Reichthümern erzählt Elmafin ©. 33 
Aehnliches, 


Dthman, 167 


Sabre zu kämpfen und nur die äußere Macht, zu der er ge- 
langt war, vermochte ibn dem Heidentbume zu entreigen. Es 
mochten alſo allerdings neben den egoiftifhen Befürchtungen 
auch Beforgniffe um die Erhaltung des reinen Glaubens 
diefe Männer zum Widerftande gegen Othman und feine Par- 
tei anregen. Diefer felbft hatte Schon, außer den oben er- 
mwähnten Neuerungen, fi) noch andere erlaubt, welche diejent- 
gen Mufelmänner, deren Grundfag war, alle von Mohammed, 
Abu Bekr und Dmar eingeführten Gebräuche beizubehalten, 
in große Aufregung verfegen mußten. Er betete nicht wie 
Mohammed und feine Nachfolger auf der Pilgerfahrt nach) 
Mekka das abgefürzte Neifegebet und bezeichnete dadurch 
Mekka gemwiffermaßen als feine zweite Heimatb ). Auch 
vertbeilte er, gleich feinen heidnifhen Vorfahren, den Pilgern 
in Mina allerler Lebensmittel und ließ dafelbft zur Bequem— 
lichkeit der Pilger große Zelte auffchlagen, obgleich der Pro— 
phet diefen aus dem Heidenthume ftammenden Gebrauch, durch 
den leicht die heilige Pilgerfahrt in ein Zechgelage ausartete, 
abgefchafft 7). Am meiften emwörte aber, befonders die Schrift- 
gelehrten, feine neue Redaction des Korans und der Befehl, _ 
den er damit verband, alle bisherigen Abfchriften deffelben zu 
verbrennen. Diefe Maßregel war zwar notbwendig, denn 
als bei dem oben erwähnten Feldzuge gegen Armenien, ira— 
Fanifche und fyrifhe Truppen zufammen famen, zeigte fich 
eine Berfchievenheit in den Abfchriften des Korans, die fie 
mit ſich führten und veranlaßte großen Streit unter ihnen. 
Aber Othman übertrug die Verfertigung einer neuen, allein 
geltenden Ausgabe des Korans, nicht den gelehrteften, fondern 
den ihm ergebenften Männern 3), Bei diefer Gelegenheit 


1) Tab. ©. 156. 

2) Tab. a. a. D. 

3) Zeid Ibn Thabit follte ihn fehreiben, einer der erften, der 
nah Dthmans Tod zu Muamia ſich flüchtete, und Said Ibn Aaß, 
fein Statthalter von Kufa, dictiren. Dſahabi ©. 171, 


168 Drittes Hauptſtück. 


mochte manches gegen die Dmejjaden Gehäffige aus den frü- 
beren Jahren Mohammeds gemildert oder ausgelaffen werden, 
denn wir haben fhon an andern Orten nachgewieſen, daß 
der Unterfchied zwifchen dem neuen und alten Koran feines» 
wegs, wie die Mufelmänner glauben und behaupten müflen, 
blog im Weglaffen ortbographifcher oder linguiſtiſcher Va— 
rianten beftand I. Abd Allah Ibn Masud, den Mohammed 
felbft als den beften Koransleſer bezeichnet, ward nicht zu 
Rathe gezogen. Diefer fagte daher, als Othman die Nedac- 
tion dem Zeid Ibn Thabit übertrug: Mich beratbet man nicht 
bei dieſer Arbeit, fondern man beauftragt damit einen Mann, 
der noch nicht geboren war, als ich fchon zur Gemeinde der 
Mufelmänner gehörte. D ihr Kufaner! (dort lebte er näm- 
lih um diefe Zeit) verberget eure Koranshefte und haltet fie 
boch! wie fol ih nad Zeid Iefen, der noch mit den Knaben 


1) ©. Einleit. in den Koran ©. 47 u. ff. Daß vieles ausge— 
faffen wurde, ichliege ich befonders noch aus den bei Dfahabi fol. 164 
angeführten Worten der Rebellen, welche fagten: Der Koran war 
Bücher (kutub) und er (Dthman) hat nur ein Bud (kitab) gelaffen. 
Sie fonnten damit keineswegs Abjchriften meinen, denn auch er lieg 
ja von dem Seinigen mehrere Abjchriften maben. Daß fhon Mo: 
hammed manches Geoffenbarte widerrief, haben wir auch (a. a. O. S. 45) 
aus dem Koran und der Tradition nadıgewiefen. Hier noch ein 
Beleg aus Dfahabi fol. 71: Abu Imama Son Sahl erzählt, mehrere 
Hülfsgenoffen von den Gefährten des Propheten haben ihm berich— 
tet: Ein Wann ftand mitten in der Nacht auf, um eine Gura nad: 
zulefen, die er ſchon auswendig gelernt, er fand aber bloß die Ueber— 
fohrift „Im Namen Gottes des Barmberzigen.“ Gobald der Tag 
anbrac, lief er in das Haus des Gefandten Gottes, um ihn darnach 
zu fragen. Er fand aber vor deſſen Thüre jchon andere Gefährten 
des Propheten verjammelt und als Einer den Andern fragte, was 
ihn fo früh hergeführt, erzählte ein Seder, mas ihm in Betreff einer 
aufgefchriebenen und wieder verlorenen Sura widerfahren. Gie 
trugen dann ihre Angelegenheit Mohammed vor. Diefer fchwieg 
eine Weile, dann fagte er: „fie ift geftern vom Himmel widerrufen 
worden.“ 


Othman. 169 


ſpielte, als ich ſchon etliche ſiebzig Suren aus dem Munde 
Mohammeds gehört I). Abd Allah ward wegen feiner Wis 
derfpenftigfeit eingefperrt und dadurch zog fih Othman den 
Haß der Benu Hudfeil zu, deren Stammgenoffe er war, und 
den der Benu Zuhra, deren Schußgenoffe er früher gewefen, 

Durch die Verbannung des Abu Dfur, eines andern Ge— 
fäbrten Mohammed's, lud fih Othman die Feindſchaft der 
Benu Ghifar auf und bier ſowohl, wie bei einem Ereigniffe, 
welches Welid Ibn Okba's Entfernung von Kufa zur Folge 
batte, feben wir, daß Ali in offenem Widerftande gegen den 





1) Dfahabi fol. 157 und Chamis. Auch bei Nawawi ©. 372 
heißt es: der Gefandte Gottes fagte einft: nehmet den Koran von 
vier Männern an: von Abd Allah Jon Masud, Salim, dem Sfla: 
ven des Abu Hudjeifa, Maads und Ubejj Sbn Kaab. Omar hatte 
ihn mit Ummar Sbn Safır als den beften Koranslehrer nah Kufa 
gefbickt, und doch lieſt man im Chamiß, natürlih um den Chalifen 
Othman zu entihuldigen und feinen Koran zu vertheidigen: „Oth— 
man mußte Abd Allah’s Koran verbrennen, denn er hätte zu großen 
Unruhen geführt wegen der vielen Srrthümer, welche die Korange— 
fehrten daran gefunden und weil er dıe beiden Muawwids (die bei: 
den legten Kapitelhen des Korans) weggelaſſen. Auf der andern 
Seite wird dann wieder der Verluft von Ali's Koran bedauert, „weil 
die Kenntniß dejjelben dadurch wäre bereichert worden, indem er 
ganz nah der Dffenbarung war.“ Wie jo es Othman gelungen, 
alle älteren Abfchriften aufzutreiben, weiß ich nicht, wahrſcheinlich 
wurden die ſchwerſten Strafen gegen die Uebertreter feines Befehls 
verhängt, und den Befigern derjelben vorher nicht befannt gemacht, 
dag alles mit Othmans Koran nicht Webereinftimmende verbrannt 
werden ſollte. Doch behaupten nicht nur mande Schiiten, es fei 
noch einiges aus den früheren Koransterten zu Gunſten Ali's ge- 
rettet worden, fondern auch bei Abd Almahafin Cam Schluffe des 
3.58) findet ſich folgende Tradition: „Okba Ibn Amir, der Eroberer 
von Rhodos und Afrika, mar ein gelehrter Theologe und Koran: 
lejer, auch ein auter Schreiber, Dichter und Redner, er ift der Letzte, 
der den Koran gejammelt. Abu Said Ibn Zunus erzählt: ich habe 
feinen Koran in Egypten gelefen, welcher verfhieden war von 
dem Dthmans, (ala ghair ta’lif Othman) und am Schluffe ftand: von 
Okba Ibn Amir eigenhändig gefchrieben.” 


170 Drittes Hauptftüd, 


Chalifen Iebte. Abu Dfurr Hatte namlih in Syrien mit 
Muamwia einen heftigen Streit, weil er gegen diejen Statt 
halter, der wenig für die Armen that, behauptete, man fünne 
dem Koran zufolge die Reichen fogar zwingen, im Ber: 
bältniffe zu ihrem Vermögen, Almofen zu geben . Diefer 
und anderer Tadel des fchlichten und wahrheitliebenden Abu 
Dfurr veranlaßte Muawia, ihn als Rebellen nah Medina 
zu ſchicken. Abu Dfurr führte aber auch dem Chalifen gegen- 
über eine fo fühne Sprade, daß er nad) Rabadſah verbannt 
ward und die Weifung erhielt, auf dem Wege mir Nieman- 
den zu verfehren. Aber Ali und feine Söhne, jo wie Am— 
mar Ibn Zafir, begleiteten ihn, und als Merwan fie zurüd- 
halten wollte, ftieß Alt fein Kameel zurüd und überhäufte ihn 
mit Schmähungen. Merwan Flagte Alt bet Othman an und 
als diefer bei feinen Freunden deshalb Beſchwerde erhob, fagte 
Ali: Das Pferd fträubt fi) gegen feinen Zaum. Glaubt 
Othman, man gehorche ihm immer, wenn er gegen Gottes 
Willen Bandelt? Als dann Merwan Wiedervergeltung ver- 
langte, fagte Ali zu Othman: ich habe nichts Dagegen, daß 
er auch mein Kameel ftoße, ſchmäht er mich aber, jo ſchmähe 
ih dich, und das fann ih, ohne zu lügen. „Und warum,” 
verfegte Othman, „Sollte er dich nicht fo gut ſchmähen, als 
du ihn? biſt du beffer als er?“ „Mir fagft du dies?’ er- 
widerte Ali zornig, „bin nicht ich und mein Vater und meine 
Mutter beffer als du und die Deinigen? Du fiehft, ih babe 


1) Nach Tab. ©. 157 fiel dies im Sahre 80 der Hidjrah vor. 
Derfelbe erzählt auh, dag Abu Dſurr von Muamwia weder ein Ka: 
meel noch NReifevorrath annahm und den Weg von Damasf nad 
Medina zu Fuß zurüclegte. Raab Alachbar, der Othman beiftimmte, 
ward von Abu Dfurr mit einem Stocke aefchlagen, doch verzichtete 
jener, auf Othmans Fürbitte, auf die Wiedervergeltung. Auch foll 
Abu Dfurr fih freimillig nah Rabadfah, das er Zabidah oder Zu- 
beidah nennt, zurücgezogen haben. Rabadfuh ift nah dem Kamus 
der Name eines Ortes in der Nähe von Medina. Vergl. auch 
Abulfeda S. 260. 


Othman. 171 


nun meinen Pfeil aus dem Köcher gezogen, thue das Gleiche!“ 
Am folgenden Tage ſagte Othman zu ſeinen Freunden: Ali 
iſt auf Irrwegen und ſteht denen bei, die auf Irrwegen ſind, 
nämlich dem Abu Dſurr und Ammar Ibn Jaſir, welcher 
ſchon bei der Chalifenwahl ſich gegen Othman ausgeſprochen 
und die Benu Machzum, ſeine Stammgenoſſen, gegen ihn 
aufregte N). 

Eben ſo entſchieden trat Ali gegen Othman auf, als 
Welid Ibn Okba, der Statthalter von Kufa, betrunken der 
Gemeinde vorbetete und das vorgeſchriebene Gebet verlängerte. 
Othman war taub gegen die Klagen der Kufaner, welche dem 
Statthalter im Rauſche feinen Siegelring vom Finger ge— 
nommen und ihn nah Medina brachten, aber Alt nöthigte 
den Chalifen, ihn zu entfegen und gab ihm felbft die von 
Dmar über die Uebertreter des Weinverbots verhängten Stod- 
fireiche, als fein Anderer, aus Furcht vor Othman, dies thun 
wollte 2). 

Diefes Ereigniß hatte für Othman die nachtheiligften 
Folgen, indem Welids Nachfolger ihm die ganze Bevölferung 
von Kufa entfremdete. Bon diefer Zeit her fing feine Herr- 
haft an zu wanfen und er felbft abnte dies, als er ben 
Siegelring Mohammed’s mit der Inſchrift: „Mohammed, 
Gefandter Gottes,“ welden nad) des Propheten Tod Abu 
Bekr und Dmar getragen, verlor, und troß aller Bemühun- 
gen dieſes Symbol der Herrfhaft nicht wiederfinden Fonnte. 


1) Wörtlih nah) Masudi f. 196. Ammar war einer der erften 
Mufelmänner und der Erbauer der erften Mofchee zu Kuba, in der 
Nähe von Medina. Mohammed foll einit gefaat haben: Iaffet euch 
von Ammar leiten und folget der Tradition des Son Masud ©. 
Nawawi ©. 487. Nach Dfahabi f. 164 foll einſt Mohammed ge: 
fagt haben: „Die Wahrheit ift mit Ammar.“ 

2) Masudi f. 194. Nah Abulfeda ©. 263 im 3. 29. der 9., 
nadı Tab, ©. 156 im 3. 80. Derſelbe berichtet auch, daß man in 
Kufa mit Welid’s Verwaltung im Webrigen ganz zufrieden war und 
daß (einige Fanatifer ausgenommen) man ihn fehr ungern verlor. 


172 Drittes Hauptſtück. 


Der neue Statthalter von Kufa, Said Jon Aaß, war 
auch wieder ein Better des Chalifen, ein Abkömmling Omejja’s. 
Er machte fih befonders durch feine taftlofe Geſchwätzigkeit 
und feine großen Erpreffungen verhaßt. Er war eines Tages 
unflug genug, in Anmefenbeit der Häupter der Stadt, die 
Provinz Irak einen Garten Kureiſch's zu nennen. Malik 
Alaſchtar, einer der Häuptlinge, welche zugegen waren, fagte 
ihm: wie wagft du es, ein Land, das wir mit unferm 
Schwerdte erobert haben, deinen Garten zu nennen? Er über- 
häufte ihn dann mit Schmähungen und fein Haus ward der 
Sammelplag aller Unzufriedenen. As Said bievon dem 
Chalifen Bericht erftattete, erhielt er den Befehl, Malif und 
feine Genoffen nady Syrien zu verbannen, damit fie Muawia 
unter feine Zucht nehme. Muawia verſuchte es zuerft, fie 
dur Milde zu gewinnen, aber fie fuhren fort in ihren 
Schmähungen gegen den Chalifen und fein Gefchlecht. Eines 
Tages wies fie Muamia zurecht und machte fie auf die Bor- 
züge feines Vaters Abu Sofian und auf das Anfehen und 
die Verdienſte der Kureifchiten zur Zeit des Heidenthums 
aufmerffam. Wir ftammen aus Meffa, fagte er unter Ans 
derm, aus der heiligen Stadt, in welcher ein jeder Schuß 
fand zu einer Zeit, wo die Araber noch wie wilde Thiere 
einander auffraßen, ihr aber feid aus der fchlechteften aller 
Städte, die erft dem Islam ihr Dafein verdanft.. Dann 
feste er hinzu: fahret ihr fort, den Einflüfterungen Satans 
zu folgen, fo trifft euch Schmach in dieſem und jenem Leben. 
Da fielen die Rebellen über ihn her und faßten ihn am Barte. 
Muawia ſchrie fie aber an: ihr feid nicht in Kufa, bei Gott, 
wüßten meine Syrer, was ihr gethan, ich Fünnte fie nicht 
hindern, euch in Stüde zu zerreißen ). Indeſſen ſcheint er 


1) Abd U Mahafin, im 3.33. Safaah, ein anderer Aufrührer, 
fagte zu Muamia: Kureifch war weder durch Macht noch durd Zahl 
im Heidenthum berühmt. Hierin hatte er auch ganz recht, der 
eigentliche Adel der Familie Kureifch ftammt erft von Mohammed 


Othman. 173 


es doch nicht gewagt zu haben, ſie nach ſeiner ſonſtigen Strenge 
zu behandeln, ſondern ſandte ſie dem Statthalter von Himß, 
Abd Errahman Ibn Chalid Ibn Welid. Diefer verfuhr mit 
großer Härte N) gegen fie, bis fie endlich wahrſcheinlich Neue 
und Unterwerfung beuchelten und die Erlaubniß erhielten, 
wieder in ihre Heimath zurüdzufeßren, wo fie indeffen yon 
Neuem Aufruhr predigten. 

In Bafra war auch eine große Gährung, weil Abu 
Muſa Mafhari einem andern Better Othman's, dem Abd 
Allah Ibn Amir, die Statthalterfhaft ohngefähr um diefelbe 
Zeit 2) überlaffen mußte, als Said nad; Kufa berufen ward. 
Der eigentliche Heerd des Aufruhrs war aber Egypten, wo 
die zahlreichen Freunde Amru’s und die Feinde Abd Allah’s, 
an deren Epige Mohammed, der Sohn des Chalifen Abu 
Befr, fand, gegen Othman thätig waren, In Egypten hatte 
ſich ſchon wor diefer Zeit eine religiöfe Sefte gebildet, deren 
Haupttendenz war, Othman des Chalifats unmwürdig zu ers 
flären. Der Stifter diefer Sefte war Abd Allah Ibn Saba, 
ein Jemenite von zjüdifcher Abfunft, welchen Othman aug 
Medina vertrieben, weil aud er feine Negierungsweife zu 
tadeln fih erlaubte, Er wendete fih nach Egypten 3), wo 


her, obgleich feine Ahnen ſchon im Beſitze der wichtigiten geiftlichen 
und weltliben Nemter in Meffa waren. Als Muamia hierauf von 
den Verdienften Kureiſch's um den Slam ſprach, faate Saßaah: 
As Mufelmann follteft du wohl deine GStatthalterfchaft einem An 
dern überlajjen, es gibt ältere und würdigere Mufelmänner, als du 
fammt deinem Vater. 


1) Er ließ fie nah Abd Almahaſin a. a. O. wie Diener vor 
fih her laufen, wenn er ausritt. 


2) Nah Dfahabi f. 150 im J. 29, während Said im 5. 30 
Statthalter ward. Nah Abulfeda S. 262 beide im S. 29. 

3) Nach Dſahabi f. 163% muß Abd Allah ichon in den erften Regie— 
rungsjahren Dthman’s nah Eaypten gefommen fein, denn er erzählt, 
dag er die Egyptier gegen Amru aufheste und fie bewog, Amru’s 
Entfesung zu verlangen, Dies that er aber nur in der Hoffnung, 


174 Drittes Hauptſtück. 


er durch feine Kenntniß der heiligen Schrift bald zu großem 
Anfehen gelangte. Dort lehrte er, daß, fo gut als die Chri— 
ften glauben, Chriftus werde einft wieder erjcheinen, die Mu— 
jelmänner aud an der einftigen Wiederkehr ihres Propheten 
Mohammed nicht zweifeln dürften, und ftüßte diefe Lehre auf 
einen Roransvers, in welchem Gott Mohammed die Ber: 
fiherung gibt, ihn einft wieder in feine Heimath zurüdzus 
bringen D. Dann fuhr er fort; Alle Propheten, welche Gott 
bisher zur Erde gefandt, hatten auch einen Gehülfen oder 
Bezier, Mohammeds Vezier war fein anderer als Ali, folg- 
lich gebührte ihm auch nah Mohammeds Tod die Nachfolge, 
Er ift noch zulest von Abd Errahman hintergangen worden, 
der, ftatt ihn als Chalifen auszurufen, dem Othman hul— 
digte. Othman iſt alfo fein geſetzmäßiger Chalife, verdient 
daher feinen Gehorfam, Dtbman, feste er hinzu, ift ohnehin 
wegen feiner verwerflihen Statthalter des Chalifats unwür— 
dig, wir müffen daher feine Abjesung zu bewirken ſuchen 2). 
Die Unzufriedenen in Egypten festen fih dann mit denen in 
Baßra und Kufa in Verbindung und beichloffen, wahrſchein— 
lich in Uebereinftimmung mit Alt, Talha und Zubeir, welche, 
Erfterer in Egypten und Lestere in Kufa und Baßra den 


— — — 


daß Othman einen minder energiſchen Mann als Statthalter ſenden 
würde, unter dem er ſein Unweſen ungeſtörter forttreiben könnte. 
Als Othman hierauf Abd Allah über die Finanzen feste, hetzten die 
Feinde Othmans Amru und Abd Allah fo lange hinter einander, big 
Dthman genöthigt war, Amru ganz zu entfernen. Mohammed Ibn 
Abi Hudfeifa, dem Othman eine Statthalterfchaft abgejchlagen, war 
einer der größten Aufwiegler in Egypten. Daraus geht hervor, daß 
eine gewiſſe Partei, welche von Medina aus ihre Snftruftionen er- 
hielt, auf jede möglihe Weife Othman zu ftürzen fuchte. 


1) Sura 28, 8.84. Die Mufelmänner behaupten, diefer Vers 
fei Mohammed auf feiner Flucht von Mekka nad Medina geoffen- 
bart worden. ©. Leben Moh. ©. 378. Diefe erfte Sefte im Islam 
heißt Sefte der (an die) Wiederkehr (Ridjat Gfaubenden). 


% ) Tab, ©. 160. 


Othman. 175 


größten Einfluß übten, zu einer feſtgeſetzten Zeit nach Medina 
zu ziehen und vom Chalifen die Entfernung ihrer Statthalter 
zu verlangen, oder ihn ſelbſt vom Throne zu ſtürzen. So— 
bald Othman von dem Vorhaben der Rebellen Kunde erhielt, 
berief er ſeine Statthalter zu ſich, um ſich mit ihnen über 
geeignete Maßregeln gegen die immer wachſende Empörung 
zu berathen. Seine Räthe konnten aber zu keinem gemein— 
ſchaftlichen Beſchluſſe kommen und Othman ſelbſt, damals 
(im Jahre 34 der Hidjrah, 654 n. Chr.) wenigſtens ein 
achtzigjähriger Greis, fürchtete jeden ernften Kampf. Abd 
Allah Ibn Saad rieth die Unzufrievenen dur Beftehung zu 
gewinnen, Saad Yon Aa, ihre Häupter hinrichten zu 
laffen ), Abd Allah Fon Amir, fie gegen äußere Feinde 
zu führen, weil dadurch die inneren Umtriebe ſchon aufs 
bören würden. Muawia endlih verlangte, dag Othman 
einen jeden Statthalter bevollmächtige, die Nebellen feiner 
Provinz auf die ihm geeignet fcheinende Weife zu bezäh— 
men ?). Othman fol, und das flimmt ganz mit feinem 
ſchwachen Charakter und feinem Alter überein, dem Vor— 
fhlag des Abd Allah Ibn Amir beigeftimmt haben 3), Die 


1) So bei Abd Al Mahafın, und dies erklärt auch die große 
Erbitterung des Malik Alafhtar, als er von Said's Rath unter: 
richtet ward. Bei Masudi f. 195 rathet Said zum Krieg und Abd 
Allah Son Amir zur Hinrichtung der Schuldigiten. 


2) Ber Tab. ©. 161 fagt Muawia: Alle diefe Unruhen fommen 
von den Gefährten des Propheten, fie haben das Beifpiel der Em: 
pörung geaeben. Darum ift das Beite, einen jeden iryend wohin 
als Statthalter zu ſchicken. Andere fagten: man muß ihnen Geld 
aus dem Staatsjchage geben, wie ed Omar gethan, damit fie zu: 
frieden werden. 


3) So bei Abd Almahafın. Derfelbe läßt auch Amru Ibn Aaß 
an dem Rathe Theil nehmen, was mir unmwahrjcheinfich ift, da er 
doch megen feiner Entfegung zu den Feinden Othmans gehörte. 
Amru foll gejagt haben: „entweder fei gerecht und ändere deine 
Statthalter, oder millft du eigenmächtig herrfchen, fo faſſe einen 
Entſchluß und führe ihn rafh aus!“ 


176 Drittes Hauptſtück. 


Entfchloffenheit der Kufaner vereitelte aber alle gefaßten Pläne, 
Malik Alaſchtar befand fi) nämlich zu jener Zeit auch in 
Medina, um Said's Entfegung, wegen feiner Erpreffungen 
und Bernadläffigung der Grenzfeftungen, dringend zu ver: 
langen. Zalha und Zubeir, welche von Allem, was zwifchen 
Othman und feinen Statthaltern vorgefallen, unterrichtet was 
ren D), festen Malif Alafchtar von Muawia’s und Said’s 
Anfiht in Kenntnig und fragten ihn, was er unter biefen 
Umftänden zu thun gedenfe? Mafchtar antwortete darauf: ic) 
möchte Said zuvorfommen und die KRufaner in dem Grade 
gegen ihn erbittern, daß fie ihn gar nicht mehr aufnehmen, 
doch dazu fehlen mir die Mittel. Zalha und Zubeir gaben 
ihm ein jeder 50,000 Dinare. Er eilte dann nad Kufa zu— 
rück, und es gelang ihm mit diefem Golde und vermittelſt 
einer Nede gegen Othman und Said, die er in der Mofchee 
hielt, 10,000 Mann zu gewinnen, welde ſchwuren, daß, fo 
lange fie am Leben, Said nicht mehr ihre Stadt betreten 
dürfte. 

Alaſchtar Tagerte dann mit den Unzufriedenen in Djaraa, 
einem Dorfe in der Nähe von Kufa und nöthigte Said, der 
mit einer kleinen Häuflein Neiter heranzog, zur Rückkehr 
nad Medina, und den Chalifen zur Ernennung des ſchon 
oft erwähnten Abu Mufa Alaſchari zum Statthalter von 
Kufa 2). Trotz diefer Nachgiebigfeit Othman's war doc die 
Ruhe oder wenigftens der Frieden in Kufa noch nicht berges 
ſtellt. Unter Abu Mufa, welcher felbft wegen feiner Ent- 
feßung von Baßra zu Gunften des Abd Allah Yon Amir, 
zur Dppofition gehört hatte, Fonnten die Mißvergnügten und 
Srregeleiteten ganz öffentlich gegen den Chalifen confpiriren. 
Nicht zufrieden, felbft einen ſchwachen Statthalter zu haben, 


— 


1) Masudi L. 195 nennt hier auch Amru als den Verräther. 
Vielleicht hatte diefer harakter- und gewiffenlofe Mann fich wieder 
auf irgend eine Weife in Othmans Vertrauen eingefhlichen. 


2) Masudi a, a. DO. Dſahabi u, Tab. ©. 159, 


Dthman. 177 


wollten fie auch Baßra und Foftat von den beiden ihnen 
verbaßten Abd Allah's befreien. Othman ſah wohl ein, daß 
der Aufruhr in den Provinzen von der Hauptitadt Medina und 
den Gefährten des Propheten ausging, von denen jeder hoffte, 
nach des Chalifen Tod zur Herrfchaft zu gelangen und darum 
gerne die Statthalterfchaften in die Hand feiner Freunde zu 
bringen fuchte. Nach diefen Vorfällen in Kufa beftieg er die 
Kanzel und fagte unter Anderm: Wiffer ihr nicht, ihr Gläu— 
bigen! daß Aufruhr der Fluch eines Bolfes it? D ihr Ge— 
fährten des Propheten! Gott wird euch meimetwillen ftrafen, 
ihr habt als wahre Aufwiegler das Gute, das ich gethan, 
verborgen und das Schlechte hervorgehoben, um die Unver- 
ftändigen gegen mich zu reizen. Bei Gott! gegen Dmar 
bättet ihr das nicht gewagt, oder ihr wäret mit Füßen ge— 
treten worden. Sch war zu mild gegen euch, aber wenn ihr 
wollet, ſo ift mir Hülfe nabe und ich werde mir Gehorfam 
erzwingen, fo gut als meine Vorgänger, Das Scwerdt 
entjcheide zwifchen uns! feste noh Merwan hinzu N). 

Als aber bald nachher ?) ftatt der vielleicht aus Syrien 
erwarteten Hülfe, die Rebellen aus Egypten, Baßra und 
Kufa vor Medina anlangren, mußte der von Truppen ganz 
entblößte Dihman wieder in einem ganz andern Tone mit 
den Gefährten Mohammeds reden und fie demüthtg bitten, 
als Vermittler zwifchen ihm und den Unzufriedenen aufzu— 
treten. Zweimal blieb feine Aufforderung ohne Erfolg, erft 
als er zum Drittenmale fragte: wer will mit den Mißver- 
gnügten unterhandeln? erbot fi Ali dazu und trug nad) einer 
Beſprechung mit denfelben dem Chalifen ihre Klagen gegen 
ihn und feine Statthalter vor. Othmans demüthige Rede, 
vielleicht auch Ali's Bermittlung und Merwan’s Gold be— 
Ihwidtigten die Rebellen. In diefer Rede fuchte Othman 
jeden ihm gemachten Vorwurf zu widerlegen und fein Ver— 


1) Dfahabi im J. 34. Abd Almahafin f. 163. 
2) Ende 34 oder Anfangs 85 d. 9, 
12 


178 Drittes Hauptftüd, 


fahren zu rechtfertigen. Ihr behauptet, fagte er, ich habe 
die göttlihe Schrift verbrannt, dabei beabfichtigte ih nur 
Zwiefpalt unter euch zu verhindern, doc leſet den Koran, 
wie ihr wollt ). Ihr ſaget, ich habe die beften Weidepläge 
eingezäunt und dem allgemeinen Gebrauche entzogen, dies 
habe ich nidyt für meine Heerde, fondern für die der Armen 
gethan. Ich habe Hakam nad Medina zurüdgerufen, den 
der Prophet verbannt, das ift wahr, aber der Prophet hat 
doc feineswegs bei feiner Verbannung ausgefprocdhen, daß er 
nie fein Exil verlaffen dürfe Ich habe Merwan befchenft, 
aber nicht aus dem Staatsihate, fondern aus meinem Pri— 
vatvermögen. Uebrigens könnet ihr einen andern Schagmeifter 
an Merwan’s Stelle ernennen. Ich foll einige Gefährten 
des Propheten mißhandelt haben, nun ich bin auch nur ein 
Menſch, der bald fih) vom Zorn binreigen läßt, bald wieder 
ſich befänftigtz; ich bin übrigens bereit, einem eben, der an 
mich eine Forderung ftellt, oder über erlittenes Unrecht ſich 
beffagt, Genugthuung zu geben. Ich habe junge Leute, weil 
fie meine Berwandten waren, zu ÖStatthaltern ernannt, aber 
der Prophet felbft hat Attab zum Statthalter von Meffa und 
Uſama Fon Zeid zum Heerführer erhoben, als fie noch in 
ihrer eriten Jugend waren, auch bat er felbft die Bevor: 
zugung der Verwandten empfohlen ?) und das Geſchlecht Ku— 
veifch über jedes andere erhoben. Als ihm hierauf Abd Er- 
rahman noch zum Vorwurfe machte, von dem Lebenswandel 
Dmars abgewichen zu fein, fagte er: „Omar in Allem nad- 
zuahmen, vermag fein Menſch“ 3). 


1) Wortlich eigentlich, mach welchen Buchftaben ihr wollt (ala 
ejji harfin schi'tum), Abd Almahaf. a. a. ©. Daraus könnte man 
fhliegen, dag Othman fih nicht damit begnügte, die vorhandenen 
Verfionen des Korand zu verbrennen, fondern auch verbot, den 
Koran anders, ald nach der neuen Ausgabe zu lefen. 


2) Freilich nur in Betreff der Privathinterlaſſenſchaft. 
3) Abd Almah. a. a, O. Tab, ©. 161, 


Othman. 179 


Sobald indeſſen Medina wieder von den Mißvergnügten 
geſäubert war, bereute Othman ſeine Schwäche und Nach— 
giebigkeit und ſtellte, auf Merwan's Rath, in einer Predigt, 
die Rückkehr der Rebellen als eine Folge ſeines Rechts und 
ſeiner überzeugenden Rede dar und erwähnte kein Wort von 
der Vermittlung Ali's und ſeiner Freunde. Die Verſchwö— 
rung griff daher immer weiter um ſich und im folgenden 
Jahre (35 d. H.) zogen die Häupter der Rebellen von Kufa, 
Baßra und Egypten, unter dem Vorwande einer Pilgerfahrt, 
abermals nach Medina, mit noch zahlreichern Haufen ) 
als zuvor. Diesmal blieb Othman, der unbegreiflicherweiſe 
nur über einige hundert Mann, meiſtens Sklaven ?) zu ge— 
bieten hatte, und auf die Bewohner Medina’s, weldhe von 
Ali, Talha und Zubeir geleitet wurden, und denen Merwan 
verhaßt war, nicht zählen fonnte, feine andere Wahl übrig, 
als den Egyptiern nachzugeben. Diefe bildeten die Mehrzahl 
der Rebellen und an ihrer Spise ftand Mohammed der Sohn 
Abu Bekr's, Ali's Freund und fein treuefter Anhänger in 
den fpätern Kriegen. Der Chalife mußte »iefen ihm ver— 
baßten Menfchen zum Statthalter von Egypten an Abd Allah 


1) Bei Abulfeda ©. 274 famen aus Egypten 500, nach Andern 
700, nab Andern 1000 Mann nad Medina, eben jo fam eine 
Anzahl Rebellen aus Kufa und Baßra. Nah Diahabi fol. 165, 
400 Eayptier, eben jo viele Kufaner und Baßraner, alſo zuſammen 
1200 Mann. Nah andern Traditionen (fol. 166), 600 Gapptier, 
200 aus Kufa und 100 aus Baßra. Masudı (fol. 196) nennt auch 
600 Egyptier, die Zahl der Kufaner und Bafraner gibt er nicht 
näher an. Tab. ©. 161 nennt 4000 Egyptier und eben fo viele 
Kufaner; auch fpriht er ©. 163 von 12000 Rebellen. Wahrſchein— 
fih ward fpäter die Zahl der Rebellen von den Anhängern Ali’s 
übertri.ben, um feine Unthätigkeit zu entfchuldigen. 

2) Nah Tab. ©. 165 waren 500 Mann bei Othman. Nach 
einer Tradition bei Dfahabi ıf. 168) 700 Wann, welche für ihn 
Fämpfen wollten, aber er- gab es nicht zu, meil er fein muſelmän— 
niihes Blut in der Stadt, nach welcher der Prophet ausgewandert, 
vergiegen wollte, (?) 

122 


180 Drittes Hauptftüd, 


Fon Saads Stelle ernennen, um den Sturm von feinem Haupte 
abzuwenden. Othman, oder vielmehr feinem Bizier Merwan 
fonnte es aber natürlicy mit diefer Conceffion, welde einem 
Entfagen auf fein Herrſcherrecht glich, nicht ernft fein. Er 
hoffte auf Beiftand von Seiten des ihm ergebenen Abd Allah 
Ibn Amir aus Baßra, fo wie von Muawia aus Syrien. 
Eobald daher Mohammed, der Sohn des Abu Befr, mit 
den Seinigen wieder abgezogen war, ward ein Bote an Abd 
Allah Fon Saad abgefendet, mit einem Briefe, in welchem 
die Ernennung Mohammeds Jon Abu Bekr widerrufen und 
der Befehl ertheilt ward, die Aufrührer aus der Welt zu 
fhaffen )Y. Unglücklicherweiſe ward aber diefer Bote, welcher 
ein Sklave Othmans war, aufgefangen und durchſucht. Als 
das genannte Schreiben bei ihm gefunden ward, fehrten die 
Rebellen voller Entrüftung nad) Medina zurüd. Othman 
wälzte alle Schuld auf Merwan, der es eigenhändig gefchrie- 
ben ?) und mit des Chalifen Ring ohne fein Wiffen befiegelt 
haben follte. Als aber die Rebellen des Verräthers Kopf 
verlangten, weigerte fih doch Othman ihn auszuliefern, Jetzt 


I) Nach einer Tradition bei Tab. ©. 163 foll in dem Briefe 
geftanden haben: „gebe (Mobanımed) entgegen;“ dies wurde fäljch- 
lich „todte ihn“ gelesen, weil die Worte »kabala« und »katala« im 
Arabiſchen nur durch einen Punkt fih von einander unterjceiden 
und Damals diefe Zeihen noch auggelaffen wurden. Gine Apologie, 
ganz im Geijte der oıthodoren Mujelmänner, welche einmal an 
ihren erjten Stalifen feinen Flecken laſſen wollten. Ob das „ent: 
gegen geben” zu dem übrigen Inhalte des Briefes paßt oder nicht, 
darum kümmern ſich diefe Leute nicht. Daffelbe findet man auch 
bei Befri, obſchon in dem Briefe es heißt: »fahtal ala katlihim « 
(erfinde eine Liſt, fie zu tödten). 

2) Es heißt bei Abulfeda ©. 276 u. A.: er geftand ein, daß 
es fein Siegel und die Schrift feines Secretärd, nicht wie bei Flügel, 
©. 44, mo es heißt, Daß „Othman zwar Siegel und Schrift 
als fein anerfennen mußte, ih aber von der Schuld frei ſchwor,“ 
wie hätte er das gefonnt?? es heißt doc) bei Abulfeda katibihi (fein 
Secietär) nicht kitäbihi (feine Schrift). 


Othman. 181 


ward der Chalife in der Moſchee mißhandelt und mit Steinen 
geworfen, und nur mit Mühe entkam er in ſein Haus, das, 
wie aus der ganzen Geſchichte bervorgebt, ſehr geräumig 
und wenigſtens gegen einen Dandftreich gefihert war I). Amz 
mar Ibn Jaſir nahm feinen Turban vom Haupte und rief: 
fo wie ich diefen Turban vom Haupte genommen, fo entfleive 
ih Dibman des Chalifats. Die Rebellen liegen fih nun in 
Medina nieder und wurden bald noch durd) die Benu Teim, 
die Stammgenoffen des Mohammed Ibn Abu Befr, ver: 
ftärft ). Abd Allah Ibn Omar, Zeid Fon Thabit und 
einige andere Medinenfer fprachen fi) entfchieden gegen den 
Aufruhr aus, und fagten den Nebellen: Tödtet ihr dieſen 
Greis, jo werden die Mufelmänner nie mehr gemeinfchaftlich 
beten, noch gegen den Feind fämpfen, noch nah Meffa pil— 
gern ?). Diefe Männer waren aber ohne großen Einfluß 
und die eigentlihen Gebieter in Medina: Ali, Talha und 
Zubeir blieben unthätig und glaubten wahrſcheinlich, Othman 
würde freiwillig dem Chalifate entfagen *). Ein jeder dieſer 


1) Masudi Cl. 194) erzählt ſchon, daß Dthman, als er zur 
Regierung gelangte, fein Haus vergrößern und verſchönern Tief, 
Auch Tab. fpriht immer von einem „Serai,“ welches wir wohl mit 
Palaft oder Schloß überjegen dürfen. 

2) Masudi f. 197. Ammar Son Jaſir mar, nah Elmafin ©. 33, 
auf Othmans Befehl gefhlagen worden, weil er nicht zugeben wollte, 
dag der Thalife für eigene Bedürfniſſe aus dem Staatsſchatze ein 
Anfeihen made. Ali hatte fih zwar auch dagegen ausgefprocen, 
gegen diefen wagte es jedoch Othman nicht, mit Strenge zu ver: 
fahren. 

3) Dfahabi f. 167. 

4) Die Gefährten des Propheten, heißt es bei Dfahabi a. a. 
D., glaubten nicht, daß es fo weit fommen würde, denn, bei Gott! 
hätten fte fih, oder hätte fih nur einer von ihnen gegen die Rebellen 
erhoben und ihnen nur eine Hand voll Sund ins Geſicht geitreut, 
fie wären beſchämt zurücgefehrt. Nach einer andern, zur Verthei— 
digung Ali's erionnenen Tradition, mollte dieſer Othman beſchützen, 
aber Malik Alafhtar lieg ihn nicht aus feinem Haufe. 


182 Drittes Hauptftüd, 


drei älteften und angefehenften Gefährten des Propheten 
fchmeichelte fih) mit der Hoffnung, dem entfagenden Chalifen 
nadyzufolgen. Alt baute auf den Beiftand Mohammeds Ibn 
Abu Befr’s mit feinen Egyptiern, Zubeir auf die Rufaner 
und Talha auf die Nebellen aus Baßra. Ihre Hoffnungen 
fcheiterten aber an der unerwarteten Entfchloffenheit des alten 
und ſchwachen Chalifen, welcher lieber fterben, als, wie er 
fi) ausgedrüct haben foll, die von Gott erhaltenen Herrſcher— 
rechte aufgeben wollte '). Daß Dibman aus religiöfer Ueber— 
zeugung es aufs Aeußerfte fommen Tieß, ift indeffen nicht 
wahrscheinlich, denn er mußte doch wohl wiffen, dag ihm 
das Chalifat nicht Gott, jondern Abd Errahman Ibn Auf, 
in der Erwartung, daß er von dem Pfade, den feine Bor: 
gänger betreten, nicht abweichen würde, verliehen hatte, Aber 
felbft Abd Errahman hatte ihm längſt den Rücken gefehrt 
und feine Entfcheidung zu Gunften Othmans öffentlich be- 
reut 2). Entweder Othman war nody immer, ſelbſt alg die 
Rebellen fein Haus förmlich belagerten und ihm fogar dag 
Woffer abfehnitten, der Meinung, feine alten Kampf» und 
Glaubensgenoſſen, an deren Seite er alle Schickſale des Is— 
lams von feinem Entfteben an, durchlebt, würden es nicht 
aufs Aeußerfie fommen laſſen 3), oder er erwartete jeden 


1) Alaſchtar foll ihm gefaat haben: entweder verzichte auf das 
Chalifat oder du mußt fterben; darauf ermwiederte er, warum foll 
ich fterben ? ich bin weder ein Mörder, noch ein Ehebrecher, noch 
ein Renegat. Dann bei Tab. ©. 163: das Chalifat habe ich nicht 
von euch, fondern von Gott empfangen, darum hat auch Fein Menjch 
das Recht, mir dafjelbe zu nehmen, 

2) Dſahabi f. 163. 

3) Als wir nach Medina famen, fagte er, hatten wir Fein ſüßes 
Waſſer, bis ih Bir Rumah Faufte, und jest foll ih vor Durft 
umfommen? Die Moſchee war für die Gläubigen zu eng, ich ließ 
fie vergrößern und nun fol ich nicht darin beten? Dſahabi f. 166. 
Ali foll ihm jedoch, was aber fehr bezweifelt werden muß, einige 
Schläuche Waſſer geſchickt haben. 


Othman. 183 


Augenblick durch Muawia ?), oder Abo Allah Ibn Amir be— 
freit zu werden. Wir können über Letztern nicht urtheilen, 
denn da Talha in Baßra einen großen Anhang hatte, fo 
fonnte der Statthalter fich vielleicht nicht ohne Gefahr ent: 
fernen und auch zu einem Kampfe gegen Mufelmänner zu 
Gunſten Othmans feine zuverläffigen Truppen zufammen- 
bringen. Muawia aber, der, wie wir bald fehen werden, 
gegen Ali achtzigtaufend Mann ins Feld führen Fonnte, fehlte 
es gewiß nur an gutem Willen, nicht an Mitteln, den be- 
drängten Chalifen zu retten. Aber auch diefem fchlauen Wanne, 
der jpäter als Othmans Bluträcher fidy erhob, war es mehr 
um die Begründung feiner eigenen Macht, als um die Er- 
haltung Dibmans zu thun. Muawia Fannte die Menfchen 
beffer als feine Nebenbuhler; er wußte, daß das im Wider- 


3) Als DOthman belagert wurde, heißt es bei Dfahabt f. 167, 
fendete er Muſawir zu Muamtia und lieg ihn um fchleunige Hülfe 
bitten. (Daran ift nicht zu zweifeln, das Folgende erjcheint mir aber 
mährchenhaft.) Nach zehn Tagen traf Muamia in Medina ein und 
begab ſich um die Mitternachtitunde zu Othman. Diejer fraate gleich 
nah den Truppen und als Muuwia fagte, er ſei nur mit zwei 
Freunden gefommen, fluhte ihm Othman. Muamia fagte dann: 
wären Truppen im Anzuge hierher, fo mwürden die Nebellen did) 
um fo eher tödten, fliehe mit mir! in drei Tagen bringen ung unjere 
Dromedare nah Syrien. Othman wollte aber die Zufluchtsitätte 
des Propheten nicht verlaffen. Nah andern Traditionen fandte 
Muamwia 2000 Mann gegen Medina und fagte ihrem Anführer Hu: 
bib Son Maslama: ift bei deiner Ankunft in Medina Othman fchon 
ermordet, fo erichlage alle, welhbe am Morde Theil genommen, 
erfährft du aber feinen Tod fhon auf dem Wege, fo mahe Halt 
und erwarte meine weiteren Befehle. Habib vernahm Othmans 
Tod in Eheibar durh Numan Sbn Beihr, der fein blutiges Hemd 
und die abaehauenen Finger feiner Gattin mitbrachte. Mögen aber 
auch diefe Nachrichten gegründet fein, fo tft immer auffallend, daß 
Muamia nicht ſchon längft, da doch Othman fhon mehrere Monate, 
wenn au nicht in Lebensgefahr fehmebte, doch alles Anfehen und 
alle Macht verloren hatte, an der Spige einiger faufend Mann nad) 
Medina gezogen, 


184 Drittes Haupſtück. 


ftand gegen Othman einige Triumvirat fi) auflöfen würde, 
fobald Othman aus dem Wege geräumt und das Chalifat 
vacant würde, Er wußte auch, daß ein großer Theil des 
Bolfs, welches jest gegen den verhaßten Chalifen Partei 
nahm, nad erhaltener Genuatbuung, ſich doch wieder gegen 
Diejenigen wenden würde, welche fie ihm verſchafft. Muawia 
fonnte daber als jchlauer Staatsmann nichts befferes thun, 
als Othman feinem Scidjale zu überlaffen, in ver Ueber: 
zeugung, dag er dann am leichteften über feine Nebenbubler 
fiegen fünnte, wenn diefe fih als Häupter der Verſchwörung 
und Chalifenmörder gebrandmarft haben würden. 

Die Aufrührer felbft fcheuten fi) indeffen, das Blut 
eines alten Mannes zu vergiegen, welcher Mohammeds Schwie— 
gerfohn war, und der in der erften Periode des Islams fo 
viel für dejfen Gedeihen geopfert. Sie hoffen immer nod, 
der Mangel an Waffer und Lebensmitteln würde ihn endlich 
zur Auslieferung Dierwans und zum Intfagen auf das Cha- 
lifat nöthigen. Erſt nah mehrwöcentliher Belagerung ) 
ſeines Palaſtes, als vielleicht die Nachricht verbreitet ward, 
Muawia rücke mit feinen Syrern zum Schutze des Chalifen 
heran 2), legten fie Feuer an das Thor von Othmans Palaft, 
und während feine Sklaven, unter Merwan’s Anführung, 
theils von der Terraffe aus, theils am Thore gegen die Re— 
bellen kämpften, drang Mohammed Ibn Abu Bekr 3) mit 


1) Nah Dfah. f. 168 dauerte die Belagerung 22 Tage. Nach 
Masudi f. 198, 47 Tuge oder noch länger. Bei Tab. ©. 163, 20 
Tage, bei Elmafin ©. 35, 40-80 Tage. Die Einen zählen wahr: 
fheinfib nur das förmliche Umzinseln des Palaftes, die Andern die 
ganze Zeit des Aufenthalts der Rebellen in Medina, 

2) Tab. und Diahabi a. a. D. Griterer berichtet auch noch 
©. 164, daß Truppen aus Kufa nur noch zwei Tagereifen von Me: 
dina ftunden, Andere, aus Syrien, in Nabadfa, und dag auch Egyp— 
tier und Baßraner nicht mehr fern waren. Sie fehrten aber alle 
wieder in ihre Heimat zurück, als fie Othmans Tod vernabmen. 

3) Mohammeo wollte ihn felbft erfchlagen, dod vermochte er 
es nicht, als Othman ihn fragte: ob er wohl glaube, daß fein Vater, 


Othman. 185 


einigen Andern von einem benachbarten Hauſe aus in das 
Gemach, wo Othman ſich allein mit ſeiner Gattin befand, 
und ermordeten ihn 1). Seiner Gattin Naila, welche die 
Streihe der Mörder von dem Chalifen abwenden wollte, 
wurden einige Finger abgebauen und der Koran, welcher vor 
ibm lag, und die angeblich für die Erhaltung der heiligen 
Sasungen fümpfenden Mufelmänner vor einer Mordthat be= 
wahren follte, ward mit Blut beiprist. Der Kampf am 
Thore hörte auf, fobald der zwei und achtzig jährige ?) reis 
erichlagen war und dag Gefindel drang in den Palaft. Statt 
aber Dierwan und tie übrigen Häupter der Omejfaden, welche 
weit fchuldiger als der alterihwace Chalife waren, zu ver- 
folgen, ftürzten fi die Kämpfer für Recht und Gefeg in die 
Schasfammer und plünderten fie aus. Merwan und feine 
Genoſſen entfamen 3), Dibmans Leiche aber blieb drei Tage 


wenn er noch am Leben wäre, ihm feine Zuftimmung geben würde? 
Er war durch das Haus des Amru Son Hazım in Othmans Palaſt 
gedrungen. Mohammed lieg Othman los, nachdem er ihn eine 
Meile am Barte gezauft;z ermordet ward er von finana Son Beſchr 
Alnadjibi, Sudan Son Hamran, Amru Ibn Alhanck und einige Andere, 
welhe Mohammed gefolgt waren. 

1) Den 18. Dful Hudjah des S. 35. Freitag, 17. Juni 656. 
©. auch nod andere Traditionen bei Nawawi ©. 410. 

2) Bei Bekri heißt es: „Othman ftarb in einem Alter von 86, 
nah andern von 90 Jahren, das NRictigfte iſt aber 82 Jahre.“ 
Auch bei Tab. ©. 164 lieſ't man: „Othman mar 82 Sahre alt, als 
er ermordet wurde, nad) einigen 90.“ Bei Abulfeda ©. 278: „75 
nad einigen, nad andern 82, nad andern 90.” Bei Abulfaradj 
S. 185: „Othman ward einige und achtzig ahre alt.” Bei Dfahabi 
f. 172, 82, nad andern 86 Jahre. Bei Sujuti ©. 181, 81 oder 
90 Sabre. ©. auch Nawawi a. a. O. 3 

8) Die fünfhundert Mann, welche bei Othman waren, heißt es 
bei Tab. ©. 164, führten einen verzweifelten Kampf gegen die 
12000 Rebellen. Merwan ftand an ihrer Spise, biß fie alle fielen. 
Als auch er verwundet ward, brachte ihn Abu Hafßa in das Haus 
einer Frau, melde feine Wunden pflegte. Merwan war gegen diefe 


186 Drittes Hauptſtück. 


liegen, ehe es jemand wagte, ihr bie letzte Ehre zu erweiſen. 
Erft am vierten Abend brachten fie einige Omejjaden I) in 
alfer Eile und verftohlenerweife nad) dem Begräbnißplage, 
waren jedoch zu ängftlih, um bineinzugeben und begruben 
ihn daher außerhalb der Mauer, welde ihn umgab. Erft 
fpäter, als Muawia den Begräbnißplag erweitern lieg, fam 
Othmans Grab innerhalb der Mauer zu liegen. Othmans 
Mörder und ihre Genoffen beherrfchten die Stadt Medina. 
Als fie Othmans Palaft verließen, riefen fie: O Talha, Sohn 
Abd Allahs! wir haben Othman Ibn Affan getödtet. Dies 
thaten fie wahrfcheinlih, um zu zeigen, daß aud er mit 
ihnen im Einverftändniffe war und daß nicht, wie dies fpäter 
gefhah, Othmans Ermordung Ali allein zugefchrieben werden 
dürfe 2). Daß diefe Beiden fowohl als Zubeir Othmans 
Sturz wünfchten, unterliegt feinem Zweifel, felbft an der 
Erhaltung feines Lebens fonnte ihnen, namentlih in der 
legten Zeit, wenig mehr gelegen fein, da fie ja zugaben, daß 
man ihn durch das Umzingeln feines Palaftes dem Hunger: 
tode nahe brachte. Zwar wird berichtet, Alt babe ihm Waffer 
geihict, und er ſowohl als Talha und Zubeir haben ihren 
Söhnen den Auftrag gegeben, fein Leben zu befhügen. Wenn 
wir aber aud diefe Berichte als hiſtoriſche Thatſachen an— 
nehmen ?), fo follte doc gewiß nur der Schein gerettet wer— 


Frau erfenntlich, fo lange er lebte und ernannte fpäter ihren Sohn 
Ibrahim Ibn Adijj zum Präfeften über eine Stadt in Syrien. Als 
Merwan megaetragen wurde, war Mohammed Ibn Abu Ber der 
Erfte, der in Othmans Wohnung drang u. f. w. 

1) Die Namen der edlen Männer, melde, nicht ohne Lebens: 
gefahr, diefen Act der Pietät vollzogen, hiefen: Hafım Ibn Hizam, 
Zubeir Ihn Mutim und Humeit Ibn Abd Aluffa. Tab. ©. 164. 

2) Tab. ©. 163. 

3) Wie konnte das Waſſer zu Othman gelangen, wenn fein 
Palaft von Rebellen umzingelt war? Alt fol! feine Söhne, melde 
verwundet worden, gejchlagen haben, weil fie Othmans Leben nicht 
befhüst, was konnten fie aber thun, wenn fie am Thore ftanden 


Othman. 187 


den, denn wäre ihnen die Rettung Othmans wirklich am 
Herzen gelegen, fo hätten fie ſelbſt an der Spitze ihrer zahl- 
veihen Anbänger gegen die Rebellen auftreten müfjen, denn 
felbft die ortbodoren Mufelmänner, für welche die Unfchuld 
Ali's eine Glaubensſache ift, geben zu, daß er ſowohl ale 
Talha und Zubeir mächtig genug gewefen wären, den Auf- 
ftand zu unterdrüden. Sie fagen daher, um Othman und 
AS Ruf zu reinigen: Othman ward unfhuldig getödtet, die 
ibn feinem Schickſale überlaffen, find aber wegen Merwans 
Treulofigfeit und der Schlechtigfeit feiner Statthalter zu ent- 
fchuldiger, feine Mörder aber waren Verbrecher, Auch wir 
fönnen Othmans Mörder nicht frei fprechen, aber eben fo 
wenig diejenigen, welche den ſchwachen, fiebzigjährigen Dann 
zum Chalifen erhoben, als die, welche den zwei und achtzig— 
jährigen Chalifen den Rebellen preis gaben. 

Wir haben wenig über Othman nachzutragen. Seine 
Schwäche, Folge feines Alters, und feine Vorliebe zu feinem 
Geichlechte, auf Koften des Staats, und mit Hintanfegung 
der Gefährten Mohammeds, bereiteten ihm fein traurigeg 
Ende. Uebrigens foll er viel gebetet und gefaftet, und mag 
ihm die Mujelmänner auch zum DBerdienfte anrecdhnen, den 
Palaft Ghumdan in Jemen, weil er den Tempel zu Meffa 
verbunfelte, in eine Ruine verwandelt haben. 

Mohammed fol Othman den befcheidenften feines Volkes 


und Mohammed Sbn Abu Beer von einer andern Seite her ins 
Haus drang? Entweder letzteres iſt erdichtet, um damit zu zeigen, 
dag Alt und die Seinigen Othman noch außer Gefahr glaubten, oder 
Als Vorwürfe find ungerebt. Tab. erwähnt auch in der That we- 
der das Eine noch das Andere, Aus feiner Darftellung geht viel: 
mehr ziemlich Flar hervor, daß nah Merwans Entfernung das Thor 
erftürmt wurde und Mohammed Son Abu Beer mit den Mördern 
von der Straße aus zu Othman drangen. Wie viel zur Entſchul— 
digung Ali's fpäter noch erdichtet ward, bemeift eine Tradition bei 
Sujuti ©. 182, derjufolge Ali auf dem Lande war, ald Othman 
ermordei ward, 


188 Drittes Hauptftüd, 


genannt und ihm wegen feiner großen Beifteuer, zu den 
Koften des Feldzugs von Tabuk, für alle vergangenen und 
zufünftigen Sünden Vergebung zugefagt haben. In der Nacht 
vor feinem Tode fol ihm der Prophet erfchienen fein und 
ihm gejagt haben: morgen brichft du deine Faften mit mir, 
Nach mufelmännifhen Traditionen wußte natürlich Moham— 
med zum voraus, nicht nur, dag man Othman zum Chalifen 
erwählen, fondern auch, daß man ihn unfchuldigerweife er- 
morden würde, Er foll ihm gefagt haben: „Wielleicht wird 
dir Gott einft das Gewand des Chalifats verleihen, fordert 
man dann von dir, daß du es ablegeft, fo thue es nicht, 
mag man auch Gewalt gegen dich brauden N). 


1) Nah Son Abd Alhafam ©. 99 erzählte Merwan Sbn 
Alhatam, den Abd Allah Son Saad mit Xrabern aus dem 
Stamme Lahm und Andern nah Medina fandte, um dem 
Chalifen Othman Nahribt von den Waffenthaten in Afrika zu 
bringen: „Eines Abends, ald wir auf der Reiſe waren, fagte 
mir mein NReifegefährte: willft du mit mir zu einem Freunde gehen, 
der hier in der Nähe mohnt? Sch willigte ein und er lenkte von 
der Straße ab, und führte mich vor ein Klofter, an welhem eine 
Kette heraubhing. Er zog an diejer Kette, denn er war erfahrener, 
als ih, da blickte ein Mann auf uns herab und öffnete uns, bradte 
einem jeden von ung ein Stück Bett, dann fprach er mit meinem 
KReifegeführten in feiner Sprache, und fie kauderwelſchten (ratäna) 
mit einander auf eine Weiſe, daß mir fehlimme Gedanken famen. 
Dann fam er auf mich zu und fragte mib, wie nahe ich mit dem 
Chalifen verwandt? ich fagte: er ift mein Vetter. Hierauf fragte 
er wieder: Hat er noch nähere Verwandte? ich antwortete: Nie— 
manden außer feinen Kindern. „Biſt du der Herr des heiligen 
Landes?" (Paläſtina) „Mein. „Wenn du ed werden Fannft, fo 
thue es! Höre, ich möchte dir etwas fagen, doc fürchte ich, du 
möchtest zu fchwach fein, um es zu ertragen. Mir faaft du das? 
mir, der ih... Dierauf wendete er fich wieder zu meinem Seife: 
gefährten und faate ihm etwas in feiner Sprahe, dann richtete er 
wieder diefelben Fragen an mich, und als ich ihm die gleiche Ant: 
wort ertheilte, fagte er: dein Herr wird getodtet, der Herr des 
heiligen Landes wird feine Herrfchaft erben, darum fuche du es zu 


Othman. 189 


Othman hatte acht Ehen geſchloſſen, worunter zwei mit 
Mohammeds Töchtern Rukejja und Umm Kolthum, und nach 
den meiſten Berichten elf Söhne und ſechs Töchter gezeugt. 
Er ſcheint ſehr eitel geweſen zu ſein, denn es wird von ihm 
erzählt, er habe ſich ſeine Zähne vergolden laſſen. 


werden! Dieſe Weiſſagung verſetzte mich in große Beſtürzung. „Habe 
ich dir nicht gejagt, du wirſt fie nicht ertragen?” „Warum follte mich 
die Nachricht vom Tode des Fürften der Gläubigen und Herrn der 
Mufelmänner nicht fhmerzen?“ Sch reifte nun nah Medina und 
lebte dajelbit einen ganzen Monat ohne gegen Dthman etwas von 
diefem VBorfalle zu erwähnen. Gines Tages Fam ich zu ihm, er 
faß auf einem Divane und hatte einen Fächer in der Hand; da 
erzählte ih ihm von meiner Einkehr in das Klofter, ald ih aber 
an die Nachricht von feinem Tode Fam, hielt ich ein und weinte. 
Da fagte er: fprich weiter, dann werde ih auch jprechen. Ich 
erzählte ihm dann, was ich mußte. Da nahm er den Rand des 
Fächers ... und warf fih auf den Rüden und rieb fi die Ferien, 
fo daß ich es bereute, ihm etwas geſagt zu haben. Dann fprad) 
er: er hat die Wahrheit gejagt. Wille, als der Prophet von Tabuf 
heimzog, gab er jedem feiner Gefihrten einen Theil (von der Beute) 
und mir zwei Theile. Sc glaubte, er that dies wegen meines 
großen Beitrags zu diefem Feldzuge. Er fagte mir aber: nicht 
deshalb, jondern um den Leuten zu zeigen, welchen hohen Rang 
du einnimmft. Sch zog mih dann zurüd. Da folgte mir Abd Er- 
rahman Son Auf und fagte mir: was haft du dem Gefandten Gottes 
gejagt, daß er dir jo jcharf nachfieht? ich glaubte ihm durch meine 
Worte mißfallen zu haben und wartete, bis er zum Gebete ging; 
da trat ih ihm in den Weg und fagte: Abd Errahaman hat mir 
fo und fo geſagt; ich thue Buße zu Gott (wenn ich etwas Unrechtes 
gejagt). Er ermiederte: du haft nichts begangen, aber du wirft ent: 
weder einen Mord begehen, oder ermordet werden, ziehe Lektered 
vor!” Eine ähnlihe Vorausſagung eines Kopten f. in der Zeitſchr. 
für Kunde des Morgenlandes. II. 341. 


Viertes Hauptftück. 
Ar 


Alt wird zum Chalifen erwählt. — Talha und Zubeir werden 
zur Huldigung gezwungen. — Alt fendet feinen Wetter als Statt: 
halter nah Semen, — Die Kufaner wollen ihren alten Statthalter 
behalten. — Aufftand in Eaypten gegen Ali's Statthalter. — Der 
nad Syrien beftimmte wird von Muawia zurücgetrieben. — Aiſcha, 
Talha und Zubeir erkennen Alt nicht an. — Shr Zug nah Mekka 
und Baßra. — At lagert in Dſu Kar. — Unruhen in Baßra. — 
Kampf zwifchen Ali's Statthalter und den Rebellen. — Erſterer muß 
die Stadt verlaffen. — Ali verlangt Truppen von Kufa. — Abu 
Mufa fucht vergebens die Kufaner abzuhalten. — Die Kameelſchlacht 
von Ai gewonnen. — Ginnahme von Bafra. — Unterhandlungen 
mit Muamwia. — Amru Ibn Aaß ſchließt fih diefem an — Schlacht 
bei Siffin. — Ai wird zum Waffenftillitande genöthigt — Das 
Schiedsgericht. — Unzufriedenheit der Fanatifer. — Entſcheidung 
Amru's und Abu Mufa’s. — Lesterer wird hintergangen. — Wie: 
derausbrudy der Feindfeligfeiten. — Treffen von Nahraman. — Wi- 
derjpenftigfeit der Kufaner. — Ali's Statthalter unterliegt in Egyp— 
ten. — Alaſchtar wird vergiftet. — Krieg in Arabien und Meſopo— 
tamien. — Verſchwörung gegen Ai, Muamia und Amru — Ai 
allein wird tödtlih verwundet. — Sein Tod und Begräbnißort. — 
Sein Familienleben und Charakter. — Sagen der Mujelmänner in 
Betreff Ali’. 


Ali. 191 


Eine ganze Woche verging nach Othman's Ermordung, 
ehe ein Nachfolger erwählt ward. Die Rebellen begaben ſich 
zwar alsbald zu Ali und proclamirten ihn zum Chalifen. Er 
ſcheute ſich jedoch, den mit Blut befleckten Menſchen ſeine 
Hand zur Huldigung zu reichen, und lehnte die Herrſchaft ab. 
Das Gleiche foll Talha und Zubeir getban haben, welche die 
Rebellen aus Kufa und Baßra wählen wollten. Erft am 
folgenden Freitage, als aud die Medinenfer, um der Anarchie 
ein Ende zu fegen, Ali die Herrichaft übertrugen, erklärte er 
ſich bereit, das Chalifat zu übernehmen, wenn auch Talha und 
Zubeir ihm buldigen würden I). Diefe beiden Männer hatten 
aber nit, um an Othman's Stelle Alt zu gebordhen, den 
Aufruhr unterftügt. Malik Alaſchtar mußte daher, als er 
Talha zur Huldigung aufforderte, und dieſer, wahrſcheinlich 
um zu entfliehen oder um Zwiefpalt zu ftiften, die Huldigung 
auf den folgenden Tag verfchieben wollte, zu Drohungen feine 
Zuflucht nehmen 2). Auf gleiche Weife verfuhr Hafım Ibn 


— — — 


1) Bei Tab. Th. V. ©. 2 heißt es bloß: nach fünf Tagen ver— 
fammelten die Rebellen die Bewohner Medina’s und fagten ihnen: 
jest find wir jhon fünf Tage ohne Imam, das darf nicht länger 
dauern, auch wiſſen wir feinen würdigern ald At. Da fagten Einige: 
er wird das Smamat nicht annehmen. Aber die Rebellen verjegten: 
ihr müßt in ihn dringen, bis er nachgibt. Die Medinenfer begaben 
fih zu Ali, aber er beitellte fie auf den folgenden Tag in die Mo— 
ſchee. Hier fträubte er fih von Neuem, bis die Egyptier (die ihm 
Ergebenften unter den Aufrührern) fagten: wenn wir ohne Smam 
in unfere Heimath zurücdfehren, werden Unruhen ausbrecen, die nie 
mehr gedämpft werden fünnen u. f. w. Eben fo bei Dfahabi fol. 
172, wo noch hinzugefegt wird, daß, nachdem zuerft Alı die Gayptier, 
Talha die Baßraner und Zubeir die Kufaner zurüdgemwiejen, fie 
Saad Ibn Abi Waffas oder Abd Allah Son Omar huldigen wollten, 
aber au dieje lehnten die Herrfchaft ab. Dann fagten die Rebellen 
zu den Medinenfern: wenn ihr bis morgen feinen Chalifen mwählet, 
fo erfhlagen wir Ali, Talha und Zubeir und nod viele Andere, 


2) Bei Abd Almahafın heißt ed ausprüklih: „Malik Alaſchtar 
308 fein Schwert gegen Talha und Zubeir und nöthigte fie, ihm zu 


192 . Viertes Hauptſtück. 


Djebele gegen Zubeir. Als ſie vor Ali erſchienen, erklärte 
dieſer abermals, er gelüſte keineswegs nach der Herrſchaft, 
aber die Muſelmänner könnten doch nicht ohne Oberhaupt 
bleiben, übrigens wolle er recht gern einem Andern, nament— 
lich Talha huldigen. Dieſer ſoll dann ſeinerſeits, vielleicht 
Malik's Schwert fürchtend, Ali als den würdigern erklärt 
haben, als Malik Alaſchtar dieſer doppelten Heuchelei ein 
Ende machte, indem er Ali's Hand öffnete und Talha gebot, 
den Handſchlag der Huldigung zu geben I). Zubeir mußte 
dann folgen und nach diefen Beiden huldigten die übrigen 
anmefenden Nebelfen und Häupter Medina’s, von denen jedoch 
Ihon Manche ſich entfernt hatten 2), zuerft in einem Privat— 


folgen. Bei Tab. ©. 3 fagt Malie Mafchtar zu Talha: Willft du 
durh Verzögerung der Chalifenwahl Zwietraht unter den Mufel: 
männern ſäen? warum haft du das Chalifat nicht angenommen, als 
die Bafraner (ed heißt im Terte Mir ftatt Baßra, was wohl 
nur ein Druckfehler fein kann) dir huldigen wollten? jest ift ein 
Anderer gewählt, willft du dich der Wahl widerfegen? folgeft du 
mir (ur Huldigung) gut, wo nicht, fo bit du die Veranlafjung zum 
Verderben. 

1) Ein gewiffer Habib nahm gleich eine ſchlimme Vorbedeutung 
von diefer Huldigung, weil Talha, deffen rechte Hand lahm war, 
mit der linfen huldigen mußte. Tab. a. a. O. Abulfeda u. U 


2) Außer Merwan und 17 andern Omejjaden, welche bei Oth— 
man maren, noch Zeid Ibn Thabit, der Othman's Koran gefchrieben 
und Uſama Ibn Zeid (Sohn des ehemaligen Sklaven Mohammeds). 
Abd Almahaſin nennt auch Mughira Son Schuba, Doch diejer entfloh 
erft fpäter. Bekri nennt noch Saad Fon Abi Wakkaß, Suheib und 
Mohammed Ion Maslama. Abulfeda S. 282 nennt noch mehrere 
Andere, welche die Huldigung verfagten. Alt febeint nur auf die 
Huldigung Talha's und Zubeir's, weil fie die einfluiveichiten waren, 
großes Gewicht gelegt zu haben, denn er glaubte nicht, daß fie einen 
ſelbſt erzwungenen Eid breben würden. Diejenigen, welche die Hul- 
digung verweigerten, wurden nach Abulfeda ©. 282 Mutazil (die 
Abgejonderten) genannt, ein Name, der nach Andern erſt einer ſpä— 
tern religiöfen Sekte beigelegt ward, während die politischen Separa- 
tiften mit dem Namen Charidji (der Ausgetretene) oder der Ems 


Ali. 198 


hauſe, dann in der Moſchee. Obſchon aber Ali, ſowohl nach 
Mohammed's als nach Abu Bekr's Tode ſich um das Chalifat 
beworben, mochte doch unter den gegenwärtigen Umſtänden 
ſeine Freude an der längſt erſehnten Herrſchaft nicht ungetrübt 
geweſen ſein, denn er mußte vorausſehen, daß er ſie nicht 
ohne ſchweren Kampf würde geltend machen können. Durch 
die Uebernahme der Regierung aus den Händen der Mörder 
Othman's bezeichnete er ſich ſelbſt als das Oberhaupt der 
Verſchwörung. Er hatte ſelbſt ſchon früher das Beifpiel der 
Widerfpenftigfeit gegen den Herrfcher der Gläubigen gegeben, 


pörer (mit Ala) bezeichnet werden. Db man Mutazal (der Abge- 
fonderte, Verftoßgene) oder Mutazil (der Ausicheidende, ſich Abſon— 
dernde) lieft, hängt lediglich davon ab, ob dieſe Sekte ſich ſelbſt fo 
genannt, oder ob ıhmen diefer Name von anders Gläubigen beigelegt 
worden, worüber, nach dem Kamuß, die Gelehrten nicht einig find. 
Reiske fchreibt hier motazelitae und S. 479 nennt er Waßil Son 
Ata, welcher diefe Sefte geitiftet, einen »motazalitam« und die Sefte 
ſelbſt »motazalac, Hammer jchreibt „Moteſile“, Pocock, Sale 
und de Sacy »Motasala oder »Mutazala, was einerlet ift. Für letz— 
tere Vocalifirung, d. h. für die Bedeutung des partic, passiv. fpricht 
befonders die aus Ibn Challifan angeführte Stelle bei Pocock. Spe- 
cimen hist. Arab, ed. White (oxon. 1806) p. 215. Dort heißt es 
nämlih, als Wagıl Ibn Ata, in Gegenwart feines Lehrers Hafan 
aus Bafra, in Betreff derjenigen, welche eine fhmere Sünde began: 
gen, eine Meinung geäußert, welche ſowohl von der der orthodoren 
Gelehrten als der Iharidjiten verfihieden war, indem er fie nicht 
wie dieje den Ungläubigen und nicht wie jene den Gläubigen völlig 
gleich ftellte: „Hafan jagte ihn (fataradahu) aus feiner Gefellfchaft 
weg und er ward von ihm verftoßen (fau’tuzila); Amru Ibn Ubeid 
gefellte fih aber zu ihm und man nannte diefe Beiden und ihre 
Anhänger Motazal. Hier, glaube ich, läßt fih doch nicht gut 
»faitazala« (er fonderte ſich ab) lejen, da doch vorhergeht, daß Hafan 
ihn wegjagte, die Abjonderung aljo nicht von Waßil ausging. Der 
Urjprung des Namens fcheint indejfen ungewiß, da nad) einer andern 
Stelle des Ibn Challifan Kutada fie erit fo nannte, (S. ebendaf. 
©. 216.) Mir ift es wahrjheinlicher, dag diefe Sefte ihren Namen 
von den Drthodoren ald Schimpfnamen erhielt, daß er Motazal 
lautet und die (von den Rechtgläubigen) Verſtoßenen bedeutet, 
13 


194 Biertes Hauptſtück. 


mit weldem Rechte Fonnte er jest unbedingten Gehorſam 
fordern? Diefe gegründeten Befürchtungen, welche vielleicht 
wirklich fein Zaudern mit der Annahme des Chalifats verur— 
fachten, verwirklichten fi fehr bald. Da feine und der Re— 
bellen Hauptflage weniger gegen Othman felbft als gegen 
deffen Statthalter gerichtet waren, fo fonnte er dem Rathe 
Abd Allah's Ibn Dfafar und Mughira’s Jon Schuba N, fie 
bis zur Befeftigung feiner Macht in ihrem Amte zu laffen, 
unmöglih Gehör geben. Durch ihre Entfegung machte er 
aber fie feldft und ihren ganzen Anhang fih zu Feinden, und 
wer von ihnen Die Macht dazu hatte, verfagte ihm fürmlich 
die Anerkennung, bis er für Othman's Blut Rache genommen, 
Diefe Bedingung fonnte aber Alt unmöglich erfüllen, theilg 
weil er felbft an der Verſchwörung zu großen Antheil ge— 
nommen, theils weil fie fo weit verzweigt war, daß er durch 
Beftrafung der Rebellen einen großen Theil des Volks und 
zwar gerade den ihm ergebenften — Othman's Verwandte 
und Freunde hätten ihn doch nie aufrichtig gelicht — gegen 
fih aufgebracht haben würde. Alt fandte feinen Vetter Übeid 
Allah Ibn Abbas als Statthalter nad) Jemen. Diefer fand 
feinen Widerftand, doch gelang es feinem Vorgänger Jala 
Ibn Munabbab, vor deffen Anfunft die Staatsfaffe zu leeren, 
melde 600,000 Goldſtücke enthielt, und ſechs hundert Kameele 
fortzuführen 2). Ammar Ibn Schihab ſollte die Statthalter: 
[haft von Kufa übernehmen, aber Tuleihba Jon Chumeilad, 
der zu Abu Bekr's Zeit aufrührerifche und dann begnadigte 





1) Diefer hatte zuerft Ali gerathen, namentlih Moamwia als 
Statthalter von Syrien zu beftätigen, dann aber, wahrfheinlih um 
Alt ins Verderben zu ftürzen, ihm abzujegen. Abd Allah ſagte ihm: 
man bezeichnet dich ald den Mörder Othman's und du bift felbft 
fbuld, weil du mir fein Gehör geſchenkt, als ich bei dem Ginzuge 
der Rebellen dich beſchwor, Medina zu verlaffen. Ali fürchtete aber 
wahriceintih, daß in feiner Abmwejenheit ein anderer zum Chalifen 
erwählt mürde, 

2) Abd Almahafin und Abulfeda ©. 288. Tab. ©, 4. 


Ai. 195 


falfhe Prophet, zog ihm entgegen und erklärte ihm, daß die 
Kufaner feinen andern Statthalter als Abu Muſa Alaſchari 
wollten, den fie no von Othman an Suid’s Stelle ſich er- 
zwungen hatten. Auch erklärte er ihın, daß die Rufaner Rache 
für Othman's Blut verlangten und daß, wenn er fih nicht 
augenblicklich zurücziehe, fie ihm den Kopf fpalten würden N), 
Zum Statthalter von Egypten ward Keis Jon Ibada ernannt, 
Diefer ward zwar von der Mehrzahl der Egyptier anerkannt, 
denn Mohammed Ibn Hudfeifa hatte den frühern Statthalter 
Abd Allah Fon Abi Sarh fchon vor Keis Ibn Ibada's Anz 
funft aus dem Lande vertrieben. Mohammed Ibn Hupfeifa 
hatte aber gehofft, jelbft die Statthalterfchaft von Egypten zu 
erhalten, er unterftügte daher Keis Jon Fbada nicht nad 
Kräften und des legtern eigner Better Mohammed Ibn Mas— 
lama fuchte die Egyptier gegen Alt aufzumiegeln, fo daß bald 
eine Anzahl Migvergnügter fi in dem Dorfe Charbata in 
Dberegypten verfammelte und die Huldigung verfagte 2). Auch 
in Baßra, wohin Othman Ibn Huneif gefandt wurde, mußte 
zwar der verbaßte Abd Allah Jon Amir weichen, doch fand 
der neue Statthalter feineswegs in diefer Stadt, welche für 
Zalha eingenommen war, die gewünichte Anhänglichfeit für 
den neuen Chalifen 3). Wie Ammar die Befisnahme von 
Kufa, fo ward Sahl Ibn Huneif H, welcher Muawia erfegen 
follte, die von Syrien nicht geftattet. Er ward an der Grenze 
von Syrien von einer Abtheilung fyrifcher Truppen empfan- 
gen, welche ihn nöthigten, nah Medina zurüczufehren. Der 
bärtefte Schlag für Ali war aber, als er vernahm, daß 
Aiſcha °) in Mekka Aufruhr predigte und das Volk aufforderte, 


#226... 0: 9, 

2) Tab. ©. 15. 

8) Abulfeda a.a D. 

4) Ali hatte vorher feinen Better Abd Allah Ihn Abbas zum 
Statthalter von Eyrien ernannt, er lehnte ed aber ab, meil er wohl 
wußte, dag Muamia fih nidt untermerfen würde. 

5) Aiſcha hatte früher jelbft gegen Othman confpirirt, und ihr 

43” 


196 Viertes Hauptſtück. 


ihm die Huldigung ſo lange zu verſagen, bis er die Mörder 
Othmamn's beſtraft und dag Talha und Zubeir nebſt mehrern 
andern angeſehenen Medinenſern, die ſich zu ihr begeben, trotz 
ihrem Huldigungseide den Aufruhr unterſtützten. Auch Jala 
Ibn Munabbah, der abgeſetzte Statthalter von Jemen, hatte 
ſich ihr angeſchloſſen und das geraubte Geld und die Kameele 
zu ihrer Verfügung geſtellt. Ali, welcher gehofft hatte, alle 
ſeine Getreuen gegen Muawia ins Feld führen zu können, 
der ihm förmlich die Anerkennung verſagte und ihn nicht ein— 
mal einer ſchriftlichen Antwort würdigte I, ſah ſich jetzt ge— 
nöthigt, zuerſt die Empörung in Arabien ſelbſt zu unterdrücken 
und gegen drei Feinde zu kämpfen, von denen, wie er ſich 
ſelbſt ausgedrückt haben ſoll, der Eine (Zubeir) der ritterlichſte 
Mann ſeines Jahrhunderts, der Andere (Talha) der freige— 
bigſte und der Dritte (Aiſcha) diejenige Perſon war, deren 


Bruder Mohammed ſtand bekanntlich an der Spitze der egyptiſchen 
Rebellen. Während der Belagerung von Othman's Palaſt war ſie 
in Mekka. Auf dem Rückwege nah Medina vernahm fie Othman's 
Ermordung und Ali's Ernennung zum Nachfolger und Fehrte gleich 
wieder nach Mekka um. Sie grollte Ali ſchon lange, weil er nad 
einer Tradition, zur Zeit ald Mohammed an ihrer Unjchuld zweifelte, 
und deshalb fehr betrübt war, ihm gefagt haben foll: wie magft du 
das fo fehr zu Herzen nehmen, es gibt ja der Frauen noch viele. 
©. Leb. Moh. S. 155 u. 417. 

1) Ali fandte Sabrat Fon Mibad aus dem Stamme Djuheina 
zu Muawia. Diefer hielt ihn einen ganzen Monat in Damask zurüc, 
dann gab er ihm einen verfiegelten Brief und ließ ihn von einem 
Manne, Namens Kabifa, nah Medina begleiten. Als Ali den 
Brief erbrach und nichts darin gefchrieben fand, fragte er Kabißa, 
wie feine mündliche Aufträge lauteten? Diefer antwortete, nachdem 
ihm volle Freiheit zu reden gejtattet war: Sch verlaffe ein Wolf, 
das Dergeltung verlangt. 60,000 Mann weinen unter dem blutigen 
Gewande Dthman’s. Abd Almahafin. Bei Tab. ©.5 fagt Kabißa: 
Alle Bewohner Syriens haben geſchworen, Othman’s Blutrahe von 
dir zu fordern. Weber 100,000 Mann kommen täglih in die Mo: 
fchee, um Othman zu beweinen. Ali antwortete: auch ic) verabfcheue 
Othman's Mörder, aber an meinem Halfe haftet fein Blut nicht. 


Alt. 197 


Wort unter den Gläubigen am meiften Geltung batte N). 
Während daher mehrere taufend Mufelmänner nach Meffa 
ſtrömten und auch alle Omejjaden, Abd Allah Ibn Amir, 
Sad Fon Aaß, Welid Jon Okba, ſelbſt Merwan fich der 
ränfefüchtigen Aiſcha anfchloffen, forderte Alt drei Tage hinter 
einander vergebens die Medinenfer von der Kanzel herab auf, 
ihm gegen die Treubrücdigen nad Meffa zu folgen, und nur 
mit Mühe brachte er neun hundert Mann zufammen ?). Als 
er aber demungeachtet gegen die Treulofen aufbrechen wollte, 
erbielt er ein Schreiben aus Meffa ?), in welchem ihm ge— 
meldet ward, daß Talha, Zubeir und Aiſcha mit 1000 Mann, 
600 Kameelen und 400 Pferden fih gegen Baßra gewendet. 
Dort war nämlich der Anhang Talha’s und Abd Allah's Ibn 
Amir fo groß, daß fie leicht vorausfaben, eg würde ihnen 
bald gelingen, Ali's Statthalter zu vertreiben. Sie hofften 
nad und nad, ganz Jraf für fi zu gewinnen, um fo mehr, 
da Abu Mufa Mafchari, welchem Ali, gegen feinen Willen, 


1) Abd Almahafin. 

2) Tab. a. a. D. Ale waren bereit, ihm nad Syrien zu fol: 
gen, als fie aber hörten, daß er gegen Talha und Zubeir Krieg 
führe, zauderten fie u. ſ. mw. 

3) Nach Tab. ©. 6 von Umm Harth, der Tochter Abd Almut: 
talibs, alſo von feiner Tante. Derfelbe berichtet auch, daß Umm 
Salmah, eine andere Gattin des Propheten, ſich erbot, um Aiſcha's 
Einfluß zu paralyfiren, fih zu feinem Heere zu begeben. Ali danfte 
ihr und fagte: bleibe du nur zu Haufe und bete zu Gott, daß er 
Aiſcha in meine Gewalt liefere! Dies hörte fpäter Aifcha wieder 
und darum fürctete fie fih jo fehr, von Alt cefangen genommen zu 
werden. Früher hatten fich Talha und Zubeir vergebens bemüht, 
Umm Salmah zu bewegen, ihre Partei zu ergreifen und Abd Allah 
Ibn Zubeir, welcher einer der heftiaften Gegner Ali's war, und ihn 
dffentlih als den Mörder Dthman’s bezeichnete, richtete fogar harte 
Worte gegen diefe ehrwürdige Wittme des Propheten. Aber ſie 
nahm nit nur an ihrem Zuge feinen Antheil, fondern bot auch 
ihre ganze Beredfamkeit auf, um ihnen das Sündhafte ihres Unter: 
nehmens vorzuftellen. 


198 Biertes Hauptftüd. 


die Statthagerfchaft von Kufa laſſen mußte, höchſt unzuver- 
Yällig war. Ihre Unternehmung gründete fih jedoch ganz 
befonders auf die Meinung, Alt würde zunächft gegen Muawia 
ins Feld ziehen; fobald fie daher durch ihre KRundfchafter 
vernahmen, daß Alt ihnen auf den Fuß folge, wurden fie 
fhon zaghaft und Aiſcha wollte fogar, eine Warnung des 
Propheten vorfhügend "), wieder umkehren, Talha und Zubeir 
waren indeffen als Männer ſchon zu weit gegangen, um nicht 
auf dem Wege der Empörung gegen Ali zu verharren, fie 
boten daher alles auf, um Aiſcha, die Mutter der Gläubigen, 
mit fi fortzureigen. Alt war noch nicht im Stande, Die 
Zreulofen bis Baßra zu verfolgen, denn er hatte nur fieben 
oder neun hundert Dann ?) bei fi, während jene, noch ehe 
fie vor Baßra anlangten, ſchon 3000 Mann unter ihrer 
Sahne zählten 3), Er fchlug fein Lager in Dfu Kar, an der 


1) Als fie an einem Hauab genannten Orte vorüberfam, fo 
berichten alle arabiihen Quellen, und Hunvdegebell vernahm, jagte 
fie zu Talha und Zubeir: „ich Fehre um, denn der Gejandte Gottes 
hat einjt gejaut: Cine meiner Gattinnen wird einſt an Huuab vor- 
überziehen, wenn die Hunde dieſes Ortes bellen, ihre Unternehmung 
wird aber Ferne gerechte jein.“ Dieje Tradition erjann gewiß Aiſcha 
um ihre Furcht zu verbergen, als fie von Ali's Truppen Kunde er: 
hielt, die man ihr vielleicht zablreicher ſchilderte, als fie in der That 
waren. Darum beruhigte fie ſich auch nicht, ald man ihr den Numen 
dieſes Ortes anders nannte, Abd Allah Son Zubeir mußte dann, 
nah Tab. © 6, die Nachricht verbreiten, Ali's Heer ſei fon jo 
nahe, daß fie bei ihrer Rückkehr unfehlbar in feine Macht fallen 
würden, um jie zu bewegen, mit ihnen den Marih nach Baßra 
fortzufegen. Hauab ift nach dem Kamuß der Name eines Ortes 
auf dem Wege von Meffa nah Baßıa, nicht weit von lekterer 
Stadt. So heißt der Dit auch in der Hamaſah ©. 435, nicht 
»Haoub« mie bei Quatremere journ. asiat. 1832. ©. 301. 

2) 900 nah Tabari und 700 nah Masudi f. 201. 


5) Tab. a. a. O. Nach Abd Almabafin wollte fih auch Hafßa, 
Dmar’d Tochter und ebenfalls Mohammed’s Gattin ihnen anjchlie: 
fen, aber ihr Bruder Abd Allah gab es nicht zu, Auch Mughira 


Ali. 199 


Grenze zwiſchen Arabien und Irak, in faſt gleicher Entfer— 
nung von Baßra und Kufa H, auf, und ſchrieb an feine 
verfchiedenen Statthalter, befonders aber an Abu Mufa nad 
Kufa, ihm Truppen zu ſchicken. 

Othman Ibn Huneif, Alis treuer Statthalter von Baßra, 
war nicht im Stande Truppen zufammenzubringen um Aiſcha 
mit ihrem Heere zurüdzutreiben 2). Sie fowohl als Talha 
und Zubeir erflärten fi) als unglüdliche Flüchtlinge, welde 
nad den vorgefallenen Unruhen ſich in Arabien nicht mehr 
fiher hielten, und darum alle Mufelmänner aufforderten, fich 
für die Wiederherftellung der Ordnung und Beftrafung der 
Rebellen zu bewaffnen. Bergebens fuchte Othman Fon Hu— 
neif ibre Heuchelei zu entlarven, indem er fagte: „Wäre es 
diefen Leuten um ihre Sicherheit zu thun, fo hätten fie bie 
heilige Stadt Meffa nicht verlaffen, wo der ſchwächſte Vogel 
nicht für fein Leben zu zittern braucht” 2). Kin großer Theil 
der Bewohner Baßra's erflärte fih mit Talha und Zubeir 
einverftanden und Othman fonnte es nicht hindern, daß fie 
mit ihren Truppen einen Theil der Stadt befegten. Als fie 
jedod am folgenden Tage nad) ihrem Einzuge in Baßra auf 


Son Schuba und Said Ibn Elaaß ſollen fih wieder zurückgezogen 
haben. 

1) Nah dem Kamuß in der Mitte zwiſchen Kufa und Waſit, 
nah Tab. ©. 6 in der Mitte zmifchen Kufa und Bußra. 

2) Er rief Keis Jen Muahira zu fih und fagte ihm: ich 
möchte wiſſen, ob die Baßraner Aiſcha urterftügen werden oder nicht; 
geh’ einmal in die Mojchee und rufe aus: Aiſcha rückt mit einem 
Heere heran, das die Veftrafung der Mörder Othman's verlangt, 
mas fagt ihr dazu, ihr Bewohner Baßra's? Als Keis dies in der 
Moſchee befannt machte, erhob fich Jemand und jagte: Wenn Aiſcha 
in der Abficht, und gegen die Mörder Othmans beizuitehen, fommt, 
fo unterftügen wir fie in ihrem Vorhaben. Keis erftattete Otyman 
Bericht über dieſe Erklärung, und er jah daraus, daß die Bußraner 
Aiſcha in die Stadt aufnehmen würden u, 1. w. Tab. © 7. 

3) Dijahabi f. 172, 


} 


200 Viertes Hauptſtück. 


einem großen Page ), welcher Baßra in zwei Theile trennt, 
öffentliche Reden hielten, in denen fie das Bolf gegen Alt 
aufzumiegeln fuchten, und ihm die Ermordung des Chalifen 
zufcehrieben, fchloffen fih mande Dihman Ibn Huneif an, 
denn fie fagten: da Talha und Zubeir in Medina waren, 
warum haben fie Alt gehuldigt, wenn er wirklich den Chali- 
fen gemordet und warum brechen fie jegt ihren Eid? Sie 
haben gewiß feine andere Abficht, ald gegen Ali Krieg zu 
führen, nicht Othman's Blut zu rächen. Ein gewiffer Harith 
Fon Kudama aus dem Stamme Saad, fagte der heuchleri- 
fhen Aiſcha, als auch fie in demfelben Sinne wie Talha und 
Zubeir fi) äußerte: „Bei Gott, dein Benehmen ift weit ftraf- 
barer als das der Mörder Othman's; du haft das Heilig- 
thum des Propheten entweiht und den Schleier der Züchtigfeit 
von dir geworfen; haft du dich freiwillig in die Mitte diefeg 
Heeres begeben, fo ift es Pflicht der Gläubigen gegen Gott 
und feinen Propheten es zu befämpfen und dich wieder in 
deine Gemächer zurüczuführen, bift du dieſen Männern gegen 
deinen Willen gefolgt, fo ift es Pflicht, ihnen Widerftand zu 
feiften, weil fie, die Gefährten des Propheten, fich nicht geicheut, 
den Schleier der Mutter der Gläubigen zu lüften.“ Othman 
ward befonders fräftig durch Hakim Ibn Diebele unterftügt, 
welcher einer der erbittertften Feinde des vertriebenen Statt— 
balters Abd Allah Fon Amir war. Ihm und feinen Leuten ?) 
gelang es, theils durch Gewalt, theils durch Ueberredung, zu 


1) Es heißt bei Tab. ©. 7: Am folgenden Tage zog Aiſcha 
mit ihren Truppen in die Stadt Witten in Bafra war ein offener 
Platz, welcher Mizbad hieß, hier erfhien fie in einer Sänfte auf 
ihrem Kameele und ihre Truppen waren in Schladhtordnung aufge: 
ftellt. Talha ftand zu ihrer Rechten und Zubeir zur Linken. Oth— 
man Ibn Huneif Fam auch mit feinen Dienern und blieb auf einer 


Anhöhe u. f. w. Statt „Mizbad” ift wahrfcheinlih „Mirbad“ zu 


fefen, denn es heißt auh im Kamuß: „Mirbad (wie Minbar) ift der 
Name eines Platzes in Baßra.“ 
2) Nad) Dfahabi ftand er an der Spike von 700 Mann, 


Ali. 201 


verhindern, daß nicht jest ſchon die Stadt den Feinden Ali's 
überliefert wurde )Y. Am folgenden Tage erneuerte ſich ber 
Kampf mit Wort und Schwerdt zwifchen den beiden Parteien 
auf dem großen Date und nahm erft mit Einbrud der Nacht, 
nachdem von beiden Seiten manche Opfer gefallen, ein Ende, 
Am dritten Tage machte Aifcha Friedensvorfchläge, als aber 
Othman erklärte, er fünne, fo lange Talha und Zubeir fie 
umgeben, feinen Frieden fchliegen, weil dieſe ſchon einmal 
ihren Eid gebrochen, fagte Aiſcha, ihre Huldigung ſei nicht 
bindend für fie, weil fie von ihnen durch) Drohung erzwungen 
worden. Diefer Behauptung widerfprah Ali's Statthalter, 
Nun erflärten alle diejenigen, welche noch feine Partei ergrif- 
fen und die weder Alt geborchen wollten, wenn er gegen bie 
die Gefährten des Propheten Gewalt gebraucht, noch mit 
Talha und Zubeir gemeine Sache machen wollten, wenn fie 
freiwillig gebuldigt und dann ihr Wort gebrochen, man müffe 
nah Medina fchiefen, um den wahren Hergang der Sache zu 
erforihen; find Talha und Zubeir zur Huldigung gezwungen 
worden, fo müffe Ali's Statthalter fi) von Baßra entfernen, 
haben ſie aber freimillig gehuldigt, fo müffen jene die Stabt 
räumen, bis zur Nüdfehr der Gefandten follten aber beide 
Parteien in Frieden neben einander in Baßra leben. Aber 
aud in Medina waren die Stimmen getheilt. Ali's Freunde, 
an ihrer Spige der als deſſen Stellvertreter zurücgebliebene 
Sahl Fon Huneif erklärten Talha und Zubeir als Verräther, 


1) Aus Tab. a. a. D. fcheint hervorzugehen, daß Aiſcha wieder 
die Stadt verließ, jeine Worte lauten: „Hafim Ibn Djebele trat 
aus den Reihen Othmans hervor und griff Aiſcha's Truppen an. 
Man warf fih von beiden Seiten mit Steinen und es entitand ein 
biutiger Kampf der bis Abends dauerte und viele Menjchen fielen 
son beiden Seiten. Als die Naht anbrach, 303 fih Aifha mit ihren 
Truppen von Mizbad (dem oben erwähnten Plage) zurüd und la— 
gerte auf einem dortigen Begräbnißplage, welcher der Begräbnißplag 
der Benu Mazin hie. Othman Ibn Huneif kehrte wieder in feinen 
Palaft zurüd.“ 


202 Biertes Hauptftüd. 


während andere wie Ufama Ibn Zeid ), Muhammed Ibn 
Maslama, Abu Ejub und Suheib Ibn Sanan fie in Schuß 
nahmen. Talha und Zubeir nahmen daher abermals zu Lift 
und Verrath ihre Zuflucht, und überfielen des Nachts 2) den 
Palaft Othman's, ermordeten feine Wache und feine Diener 
und nur mit Mühe gelang es Aiſcha, ihm felbft das Leben 
zu retten. Am folgenden Tage beftiegen Talha und Zubeir 
die Kanzel und hielten dem Chalifen Othman eine Lobrede 
und forderten das Blut derjenigen, welche an feiner Ermor— 
dung Theil genommen. Site wollten fortfahren, und Alt, der 
den Aufruhr unterftügt und die Mörder verfchont, des Chali- 
fats unwürdig erflären, als ein Zumult in der Mofchee ent- 
ftand und einige aus dem Stamme Abd Keis Talha fagten: 
jollen wir dir den Brief zeigen, den du ung gefchrieben, um 
ung gegen Othman aufzuregen? Zubeir wurde gefragt: haft 
du nicht die Rufaner zur Empörung aufgefordert? Nicht für 
Othman, fondern nur gegen Alt, welcher zum Chalifen erwählt 
worden und e8 gewiß auch verdient, habt ihr das Schwerbt 
ergriffen. Talha und Zubeir, weiche nad der Vertreibung 
Othman's feinen Widerftand mehr erwarteten, mußten weichen 
und fih in den Palaft zurüdziehen, dann verfammelten fie 
aber ihre Truppen und trieben die Aliden, an deren Spike 
Hakim Jon Diebele fand, zu Paaren und liegen viele von ihnen 


1) Ufama Sbn Zeid erklärte zuerft, was wir feinen Augenblic 
bezweifeln, Talha und Zubeir haben nur aus Furcht vor Malik 
Alaſchtar gehuldigt. Darauf fagte Sahl Ibn Huneif: Sclaget die- 
fen Lügner! Es entftand ein Tumult, Ujama ward mit Füßen ge- 
treten, bis er dem Tode nahe war. Suheib, Abu Ejub und Mo: 
hammed Ibn Maslama hoben ihn aber auf und fagten: was mollt 
ihr von diefem Armen? Wir wilfen auch, daß Talha und Zubeir nur 
- aus Furcht gehuldiat.”“ Tab. ©. 8. 


2) Nach Tab. a. a. D. nad) der Rückkehr des Boten, welcher 
Aiſcha Bericht erftattete, von dem was er gehört und nah Othman's 
Erklärung, er werde nicht aus der Stadt weichen, bis es ihm Alt 


Alt, 203 


binrichten I). Kaum waren indeffen Talha und Zubeir im 
unbeitrittenen Befige der Stadt Baßra, als unter ihnen felbft 
wegen des Vorrangs beim Gebete, Zwieſpalt ausbrach, big 
endlich die Uebereinfunft getroffen ward, daß Abd Allah Fon 
Zubeir und Mohammed Ibn Talba abwechfelnd der Gemeinde 
vorbeten follten 2). Diefer unzeitige Zwift fowohl, welder 
ibre herrſchſüchtigen Abfichten durchfchauen ließ, als ihre Härte 
gegen die Stammgenoffen und Freunde ihrer Gegner, ward 
ihnen ſehr nachtheilig. Sie fuchten nit nur vergebens in 
den umliegenden Städten Truppen gegen Ali zu werben ?), 
fondern die Bewohner Baßra's felbft waren nicht gewillt, Alt 
in Dſu Kar aufzufuchen, jo fehr auch Talha und Zubeir ihn 


gebietet, der bald felbft heranrüden würde. Dies ift aber nicht 
wahrfcheinfich, da fonft Othman doch gewiß auf feiner Hut geweſen 
wäre. Daß aber Talha und Zubeir, nad) dem Friedensjchluffe mit 
Dthman, ihn nur durch Verrath befteat, berichtet auch Masudi f. 
201. Die Ueberrumplung des Palaſtes geſchah aljo entweder vor 
der Rückkehr des Boten, oder wenigftens ehe Othman davon Kennt: 
niß erhielt, denn er ward von Seiten Aiſcha's abgeſchickt. 


1) Nach Masudi a. a. DO. über hundert Mann, nah Tub. ©. 
8 fiebenzig Mann, bei Albufeda ©.292 vierzig Mann von den Freun— 
den Othman's Ibn Huneif, vielleicht aber noch mehr nah Othman's 
Vertreibung. Bei Abd Almabafın f. 173 fast Kafa den Rebellen, 
welhe Rache für Othman verlangen, ihr habt ja 599 Bewohner 
Baßra's getödtet? Bei Tab. ©. 11 jagt Kafa: Shr habt ja in 
Basra 300 Mann getödtet und (dadurch) 3000 Menſchen das Herz 
zerriſſen. 

2) Masudi a. a. D. 


3) Zeid Sbn Murdjan, ein angeiehener Mann aus Kufa, den Aifcha 
zu ſich bitten ließ, gab ihr fein Gehör, ſondern ſchickte fih an, ſich 
in Ali's Lager zu begeben. Sie lief ihn dann nochmals bitten, we- 
nigfteng neutral zu bleiben und fein Haus nicht zu verlaffen. Gr 
ließ ihr aber antworten: Gott hat mir befohlen, für eine gerechte 
Sache zu kämpfen, dir aber zu Haufe zu bleiben, nun verlangft du 
von mir, daß ich fhue, was dir obliegt, während du thuft, was nur 
mir ziemt, das ift fonderbar, Tab. ©. 9. 


204 Vieries Hauptftüd, 


zu befämpfen wünfchten, bevor fein Anhang größer ge— 
worden N). 

Ali, der wie ſchon erwähnt, nur mit fieben oder neun- 
hundert Mann in Dfu Kar angelangt war, fandte alsbald 
Mohammed den Sohn Abu Befr’s und Abd Allah den Sohn 
Djafar’s nad Kufa, mit einem Schreiben, in welchem er Kufa 
als feine fünftige Reſidenz erflärte 2) und die Hoffnung aus— 
ſprach, daß das Bertrauen, das er den Bewohnern von 
Kufa durch diefe Wahl bewiefen, dadurch belohnt würde, daß 
fie ihm viele Truppen ſchicken, um ihn in den Stand zu fegen, 
feine Feinde zu befämpfen. Gleichzeitig mit Ali's Gefandten 
trafen aber auch andere aus Baßra, von Talha und Zubeir, 
bei Abu Mufa ein. Yestere fanden mehr Anklang bei diefem 
jelbftfüchtigen Manne, welcher nicht vergeſſen hatte, dag Alt 





1) Tab. a. a. D.: „Als ihnen von Feiner Seite Verftärfung 
zufam, geriethen fie in große Beftürzung, dann hielten fie eine Pre: 
digt in der Mofchee, und forderten nur 1000 Mann, um Alt in 
Dſu Kar anzugreifen, aber Niemand antwortete. Zubeir jagte: ihr 
habt uns doc gehuldigt, warum feiftet ihr ung feinen Beiltand ? 
As noch immer niemand antwertete, rief er: es gibt Feinen Schuk 
und feine Macht außer bei Gott dem GErhabenen! Das ift die Em: 
pörung, welche der edle Prophet verkündet u. ſ. w. 

2) Tub. a. a. D. Zwar fagte Ali (S. 6) zu dem Führer, wel- 
her Talha und Zubeir nad) Bafra geleitet: Sch wünfchte Medina 
nie zu verlajfen, und wo ich auch wäre, jo bald ald möglich wieder 
dahin zurüdzufehren, doch jest, wo mir die Gläubigen gehuldigt ha= 
ben, kann ich nicht mehr unthätig in Medina verweilen. Sch blieb 
in Medina und huldigte Abu Ber, Omar und Othman, obgleich ich 
fhon nad) des Propheten Tod am meiften Recht auf das Chalifat 
hatte. Nah Othmans Tod widerftand ich eine ganze Woche den 
Wünſchen des Volfs, erit als alle Mufelmänner mich einftimmig, 
von freiem Antriebe (2) zum Chalifen wählten, nahm ich die Huldi- 
digung an. Nun aber kann ich ihnen meine Hand nicht mehr ent: 
ziehen und unthätig zu Haufe bleiben.” Ali gab jest Medina auf, 
theild weil er, mie es fcheint, in Medina nicht fehr beliebt war, 
theild weil diefe Stadt nicht zum Gentralpunft feiner Eriegerijchen 
Unternehmungen geeignet war, 


ati, 205 


ihn abfegen wollte, und befürchtete, daß er es thun würde, 
fobald er der Rebellen Meifter geworden. Abu Mufa fchlug 
vor, man follte Talba und Zubeir beiftehen, um Othman's 
Mörder zu befriegen. Warum follen wir jest Ali Truppen 
fenden? fagte er: wir hätten Othman aus der Gefahr befreien 
folfen, jo lange er noch lebte, jegt ift fein Grund zum Kriege 
mebr vorhanden, wenn nicht etwa gegen die Nebellen, an 
denen Othman's Blut haftet. Diefer Borfchlag fand zwar 
fein Gebör, doch war es ihm leicht die Kufaner abzuhalten, 
für Alt Partei zu ergreifen, indem er ihnen vorftellte, daß 
das Flügfte wäre, an diefen, in Folge der Empörung ent- 
ftandenen Streitigfeiten gar feinen Antheil zu nehmen und je= 
denfalls auch die Beftrafung der Mörder zu verlangen. Alt 
ward ſehr beftürzt als er von feinen Gefandten Abu Mufa’s 
offenen Verrath vernahm 7), und fandte ein zweites Schrei— 
ben nah Kufa durh Malik Alaſchtar und Abd Allah Ibn 
Abbas. Diefe laſen Ali's Schreiben in der Mofchee dem Volke 
vor, aber Abu Mufa beftieg wieder die Kanzel und fagte: O 
ibr Bewohner Kufa’s! Zwei Männer aus dem Stamme Ku— 
reiſch ſtreiten ſich um die Herrſchaft, der eine ift Alt, der ans 
dere Talha 2), wer weltliche Bortheile fucht, der fchließe fich 
ihnen an, wer aber jene Welt im Auge bat, der bleibe fern 


1) Als ihn Semand fragte: Haft du nicht Alt gehuldigt? ant: 
mwortete er: Habt ihr nicht auch Othman gehuldigt und ihn doch er: 
fhlagen? Und als man fragte, wer find denn die Mörder ? wendete er 
fid) gegen Mohammed den Sohn Abu Bekr's und fagte: Du bift 
der Grite feiner Mörder. Tab. Auch Abd Allah Son Abbas, welcher 
ihn fragte, ob er es nicht für eine Sünde halte, die Leute vom 
Kampfe abzuhalten, nahdem er Ali gehuldigt, antwortete er: habt 
ihr nicht den Eid, den Ihr Othman geſchworen, auc gebrochen? Shr 
könnt feinen Gehorfam verlangen, bis ihr für fein Blut Rache ge: 
genommen. 

2) Sch weiß nicht, warum Zubeir nit genannt wird; vielleicht 
weil Talha’s Anhang in Baßra größer war, fo daß er als Ober- 
haupt galt. 


206 Viertes Hauptſtück. 


von ihnen, denn nur ſo lange Othman noch lebte, war es 
Pflicht (für ihn) die Waffen zu ergreifen. Dieſe kurze und 
wahre Anrede verfehlte abermals ihren Eindruck nicht und 
auch dieſe Geſandten mußten ohne Erfolg nach Dſu Kar zu— 
rückkehren. Jetzt ſandte Ali ſeinen Sohn Haſan mit Ammar 
Ibn Jaſir nach Kufa, und bevollmächtigte zugleich Malik 
Alaſchtar, im Nothfalle gegen Abu Muſa Gewalt zu gebrau— 
chen. Haſan und Ammar wiederholten in der Moſchee, was 
ſchon die frühern Geſandten zu Gunſten Ali's vorgebracht und 
verdammten ſelbſt im Namen Ali's die Mörder Othman's, wäh— 
rend Abu Muſa darauf beſtand, daß es ſich hier nur um reine 
perſönliche Vortheile zwiſchen Ali und ſeinen Gegnern handle, 
welche fie unter einander ausfechten mögen, ohne daß wahre 
Gläubige fih in ihre Streitigfeitien einmifchen. Nach langem 
Wortwechfel zwifchen Hafan, Ammar und Abu Mufa, nahm 
aber Sahban, der beredtefte Araber feiner Zeit, das Wort 
und fagte: D ihr Mufelmänner! Wir bedürfen eines Imams, 
der unfere Glaubensangelegenheiten ordne und auch über un- 
fer irdifches Wohl wache und den Unterdrüdten fein Recht 
verſchaffe. Am würdigften zu berrfchen und den Glauben zu 
befhüsen, tft aber Ali, welcher dem Propheten am Nächten 
ftand, und die Lehren unferer Neligion am beften fennt und 
den Freuden der Welt am wenigften nachhängt; dieſer for- 
dert nun euren Beiftand, um Wahrheit von Lüge zu trennen 
und Zwieſpalt und Hader aus der Welt zu ſchaffen; es ift 
daher eure Pflicht, ihm Gehör zu fchenfen und ihn nad Kräf- 
ten zu unterftügen! Ein gewiſſer Zeid Ibn Umru feste noch 
binzu: Sebt ihr Mufelmänner! Alt fendet euch feinen eige- 
nen Sohn, den Tochterfohn des Propheten, welde Ehre für 
euch, einen Abfümmling des Gefandten Gottes, ein Glied von 
feinen edlen ©liedern in eurer Mitte zu haben, darum fchlie- 
Bet euch ihm an und gebet euer Veben für ihm hin! Diefe 
Worte machten den gewünfchten Eindrud, Abu Mufa’s Stimme 
ward von dem Volke übertönt, welches rief: Bei unferm 
Haupte! wir fämpfen für Ali, und fhon am folgenden Mor: 


alt. 207 


gen ftanden 7000 Mann unter den Waffen, welche mit Ha— 
fan nad Dſu Kar zogen, während Malik Alaſchtar noch an 
demfelben Tage Befis von Abu Mufa’s Palaft nahm und 
Abu Mufa aus der Stadt trieb N). 


Ali ging den Kufanern eine Strede weit entgegen und 
empfing fie mit den Worten: „O ihr Kufaner, die ihr ſchon 
zur Zeit Omars den wahren Glauben bis über den fernften 
Dften verbreitet, id werde euh nunmehr zum Meittelpunfte 
des Islams erheben. Ich babe euch biehergerufen, damit ihr 
mir belfet, meine Brüder, die mir Widerftand leiften, wieder 
auf den rechten Weg zurüdzubringen; folgen fie meiner Auffor— 
derung, jo nehme ich ihre Unterwerfung an, erwiedern fie fie 
aber mit Gewalt und Schmähungen, fo hoffen wir, daß Gott 
fie von uns abwenden wird.” 


Alt handelte diefer Anrede gemäß, obgleich er jet ftarf 
genug war, den Feind anzugreifen, denn aud aus Meffa und 
Medina, jo wie aus andern Theilen Arabien’g und Irak's, waren 
inzwifchen viele Truppen noch zu ihm geftoßen 2). Kaka Jon 
Amru ward nah Baßra geſchickt, um mit Talha und Zubeir 
zu unterbandeln, Als diefe, wie immer, von Othman's Blut— 
rache ſprachen, fagte er: ihr habt ſchon Blut genug in Baßra 
vergoffen, unter dem Vorwande Othman zu rächen. „Das 


1) Malik trieb Muſa's Leute heraus, als er noch in der Mofchee 
war, und warf, was ihm gehörte, auf die Straße, denn er erlaubte 
ihm nicht mehr, den Palaft zu betreten, welher dem Staate gehörte, 
deſſen Oberhaupt er verrathen. Mufa flehte vergebens, nur nod) 
einen Tag in Kufa bleiben zu dürfen, er mußte vor Abend die Stadt 
verliffen. Tab. ©. 11. 


2) So läst ſich die oben nadı Tabari und Masudi angegebene 
Zahl der Medinenjer, welche fih Alt anſchloſſen, mit der von Abul: 
feda ©. 292 vereinigen, welcher fie auf 4000 angibt. So viele 
mochte er nämlich gegen Baßra geführt haben, als er aber von Me: 
dina nah Dſu Kar 308, folgten ihm nur 700 oder 900 Mann. 


208 Biertes Hauptflüd, 


Wohl des Staates erfordert jest die Gemüther zu beruhigen 
und jede weitere Vergeltung niederzufchlagen, feid ihr mit ung 
einverftanden, fo wird bie frühere Ruhe bald wiederkehren, 
beharret ihr aber bei euren Nachegedanfen, fo fann fi das 
Uebel nur verfchlimmern und ihr ftürzet euch felbft, und viele 
Mufelmänner mit euch ing Berderben ).“ Aiſcha, welche 
ſchon längſt Ali's Nahe fürchtete, erklärte ſich bereit, Frie— 
den zu ſchließen, und verlangte nur, um ihre Ehre zu ret— 
ten, vielleicht auch, um in Ali's Heer den Samen der 
Zwietracht auszuſtreuen, daß Ali diejenigen aus ſeinem Heere 
abſondere, welche gegen Othman nach Medina gezogen. Als 
Kaka mit dieſer Erklärung Aiſcha's, der auch Talha und Zu— 
beir ihre Zuſtimmung gaben, nach Dſu Kar zurückkehrte, brach 
Ali gegen Baßra auf und befahl, in der Hoffnung, ohne 
Blutvergießen zu ſeinem Ziele zu gelangen, allen denen, welche 
an der Ermordung Othman's Theil genommen, ſich zurückzu— 
ziehen. Vor Baßra angelangt, forderte er ſelbſt Talha und 
Zubeir zu einer Unterredung auf 2). 

Letzterer ward dahin gebracht, daß er Aiſcha und Talha 
erflärte, er werde fernerhin an einem Kriege gegen Alt nicht 


—— - 





1) Abd Amahafın, auch in demfelben Sinne Tab. ©. 11. Bei 
fegterm fagt Kaka noch: der Schlüffel der Gnade ift in eurer Hand, 
wollt ihr das Thor der Gnade öffnen, fo feid ihr gerettet, öffnet ihr 
aber das Thor des Verderbeng, fo fürchte ich, ihr geht zuerft in die: 
fen Stürmen unter u. f. w. 

2) Nah Tab. ©. 12 fagte er ihnen: Was werdet ihr einft 
antworten, wenn euch Gott wegen eures Krieges gegen mich zur 
Rechenſchaft zieht? Wären wir auch nicht durch Verwandtſchaft eng 
verbunden, und hättet ihr mir auch nicht gehuldigt, fo find wir doc) 
alle Gefährten des Propheten und haben ihm gemeinfchaftlich nach: 
gebetet, was habe ich denn begangen, daß ihr es für erlaubt haltet, 
mein Blut zu vergießen ? Talha antwortete: Du haft Othman’s 
Ermordung angeordnet, Ali erwiederte: Laß und die Hand gen 
Himmel erheben und ausrufen: „Gott verdamme denjenigen, welchem 
Othman's Tod Freude gemacht.” Talha ſchwieg. 


Ali. 209 


mehr Theil nehmen . Doc dieſe Beiden, vereint mit deſſen 
Sohn Abd Allah, beftürmten ihn fo lange, fie jest im Anz 
gefichte des Feindes nicht zu verlaffen, bis er endlich wieder 
den Entſchluß faßte, bei ihnen auszuharren ?). Indeſſen 
dauerten die Unterhandlungen fort und es warb ein Tag zur 
nochmaligen Beſprechung zwifchen Alt und Aiſcha feſtgeſetzt. 
Den Rebellen aber, an ihrer Spitze Malik Alaſchtar, Abd 
Allah Fon Saba und Adif Jon Hatim, welche Alt ſchon aus 
feinem Heere ausgeftoßen hatte, Fonnte nichts unerwünfchter 
fein, als ein Friedensihlug zwifchen Alt und Aiſcha. Sie 
mußten fürchten, von erfterın geopfert zu werben, oder doch 


2) Wodurh Ali ihn für fih gewann, wilfen wir nicht; wir 
wiffen nur, daß er, wie Aifcha in Hauab, jest auch eine Warnung des 
Propheten zum Borwand feiner Verwandlung gebraudt. Gr be: 
hauptete, Ali habe ihn erinnert, wie einftt Mohammed ihm gejagt: 
„O Zubeir! es wird ein Tag kommen, wo du ungerechterweife ein 
Heer gegen Alt zufammenziehen wirft.“ Wahrfcheinlich verſprach 
ihm Ali irgend einen Antheil an der Regierung und flößte ihm 
Mißtrauen gegen Talha ein. 

2) Abd Allah nannte feinen Vater einen Feigling und fagte: 
da du bisher im Vereine mit Talha und Aifcha gehandelt, jo wird 
niemand glauben, daß die Kurt vor Gott did vom Kriege abhält, 
fondern man wird deine Furcht vor Ali ald den Grund deiner Um: 
wandlung anfehen. Als Zubeir hierauf fagte, er habe Ali gefchwo- 
ren, fich zurückzuziehen, fagte Abd Allah: du Fannft ja deinen Eid 
durch Befreiung eines Sklaven auslöfen. Er fhenfte hierauf feinem 
Sklaven Mafhul die Freiheit, ward aber von mehreren Dichtern 
verfpottet, welche fich wunderten, wie er glauben konnte, durch Be: 
freiung eines Sklaven von Neuem Krieg führen und Verrath üben 
zu dürfen. Wach Tab. foheint diefe Beiprehung einen Tag vor der 
Schlacht ftatt gefunden zu haben, nad Abulfeda ©. 294 unmittelbar 
vor dem Treffen, ebenfo nah Masudi f. 208. Letzterer berichtet 
auch, dag Ali beim Ausbruch des Krieges Muslim, aus dem Stamme 
Djuheina, mit einem Koran in der Hand zum Feinde gefhict, um 
den Kampf einzuftellen, dag aber Muslim erfchlagen ward. Bei 
Abd Almahafiır findet aber auch die Unterredung Ali's mit Talha und 
Zubeir am Tage vor der Schlacht ftatt, und dies ift wahrfcheinlicher, 
als während bes Treffens, 

14 


210 Biertee Hauptftüd. 


wenigſtens darauf verzichten, fernerhin an feiner Seite eine 
bedeutende Rolle zu fpielen. Sie griffen daher, noch ehe der 
Tag anbrach, eine Abtheilung der feindlichen Truppen an, 
welche in Chureiba oder Klein-Bafra ftanden ). Diefe ver- 
theidigten fi), es entitand eine große Verwirrung, von beiden 
Seiten fhrie man Verrath! und griff man nad) den Waffen 
und fo folgte bei Sonnenaufgang eine fürmlihe Schlacht, 
welche unter dem Namen „Kameelſchlacht“ befannt ift, weil 
Aiſcha auf ihrem Kameele daran Theil nahm, oder doc wer 
nigfteng den Mittelpunft ihres Heeres bildete. Die Schlacht 
ward durch einen Zweifampf zwiſchen Malik Mafchtar und 
Abd Allah Ibn Zubeir eröffnet ?), welcher zu Gunften des 
Erftern endete und bald darauf mußten die Baßraner vor den 
Kufanern weichen. Talha ward verwundet und nad einigen 
Berichten von Merwan, welcher unter feinen eignen Truppen 
war, verrätherifcherweife gemordet, oder wie er fih aus— 
drüdte, dem Blute Othmans geopfert ). Zubeir ergriff die 


1) Tab. a. a. O. und Abd Almahafın. Auch Dfahabt f. 173 
fchreibt den Ausbruch des Krieges dem Gefindel zu. Malik Alafch: 
tar fagte zu feinen Freunden: Talha und Zubeir kannten wir ſchon 
lange, aber Alt lernen wir erft heute fennen; er wird auf Koften 
unfres Blutes Frieden fchliefen. Auf! laſſet ung ihn ermorden! 
Abd Allah Son Suda ratbet davon ab, weil fie nur 600 Mann 
ftarf, Ali aber über fo viele Taufend gebietet. Ali Ibn Alheiſcham 
fehlägt vor, in ein anderes Sand zu ziehen. Abd Allah verwirft 
diejen Rath und befchließt den Krieg gegen Ali's Willen anzu— 
fahen. 

2) Tab. ©. 12, Abd Allah fiel, doch ſchenkte ihm Malik das 
Leben, 


3) Abulfeda S. 206. Masudi f. 203 und Abd Almahafın. Ber 
Tabart wird aber Merwan nicht genannt, es heißt blos: Talha ward 
von einem Pfeile am Fuße verwundet, er zog ihn heraus und kämpfte 
fort. Er verlor aber fo viel Blut, daß ihm fchmwindelte, er rief dann 
einen Diener und befahl ihm, fich hinter ihn aufs Pferd zu ſetzen 
und ihn mit den Armen feftzubalten und vom Sclacdtfelde zu ent: 
fernen. Der Diener vitt mit ihm gegen die Stadt, aber er blutete 


Alt. 211 


Flucht, ward aber von Amru Ibn Diormuz eingeholt und 
getödtet I). Indeſſen feuerte Aiſcha auf ihrem Kameele noch 
immer die Bafraner zum Kampfe an, und fand befonders an 


jo ſtark, daß er ihn am Thore in eine Ruine brachte, wo er bald 
darauf die Seele aushauchte. Auch Elmaäkin erwähnt Merwan nicht, 
eben jo wenig Nawawi im Leben Tulha’s. Vielleicht ward ihm 
fpäter erft diefe ruchlofe That von den Feinden der Omejjaden zu: 
geſchrieben. 


1) Ber Sujuti zum Mughni lieſt man über Zubeir's Tod: „Am 
Tage der Kameeliblaht, Donnerftaug, den 10ten Djumadi-l-Achir 
des Sahres 36, ritt Zubeir nach der Schlacht auf einem Pferde, das 
Dſu-l-Chimar bie, weg, um nach Medina zurüczufehren. Auf dem 
Wege traf ihn Naar Son Zamam aus dem Stamme Tamim und 
fagte ihm: komm zu mir, Gefährte des Gefandten Gottes, ich bes 
ſchütze dich gegen jedermann. Zubeir folgte ihm. Gin Mann aus 
dem Stumme Tamim, der dies hörte, ging zu Ahnaf Ibn Keis und 
fagte ihm: Zubeir ift in Wadi Aſſiba (Löwenthal, in der Nähe von 
Basra). Ahnaf erwiederte: was foll ich thun, wenn Zubeir in einen 
Kampf zwiichen zwei muſelmänniſchen Heeren verwidelt worden und 
dann wieder in feine Heimat zurückfehren will® Dies hörte Amru 
Son Djormuz, Faddhala Son Habis und Bafı? Son Kaab, und 
fie festen ihm nad. Son Djormuz griff ihn an und bracte ihm 
eine leichte Wunde bei. Zubeir drang mit dem Schwerdte auf 
ihn ein, als die beiden Andern hinzufamen und riefen: Allah! 
Allah! O Zubeir! Zubeir hielt ein, dann griff ihn aber Amru aufs 
Neue an und tödtete ihn und bracdte Ali feinen Kopf. Ali fagte 
aber: den Mörder des Sohnes Safia's (Tante Mohammeds) erwar: 
tet die Hölle. Er nahm im auch Zubeirs Schwerdt ab und fagte: 
„wie oft hat diejeg Schwerdt dem Gefichte des Gejandten Gottes 
heiteres Ausſehen verliehen!“ Bei dem zweiten Angriffe Amru’s ift 
in meiner Handjarift eine Lücke, in dem Gommentare des Scheich 
Mohammed Emir zum Muahni heißt es aber: „Zubeir fehlief unter 
einem Baume in Wadi Affiba, da Fam Amru und nahm Zubeirs | 
Schwerdt, das am Baume hing und fehnitt ihm den Kopf ab.” 
Dann heißt ed aber freilich, was gewiß falſch ıft, „und dies war vor 
der Kameelſchlacht.“ Daß Zubeir im Schlafe überfallen worden, geht 
deutlich aus folgendem Trauergedihte feiner Gattin Atikah, Tochter 
Zeid's, hervor: „Ibn Djormuz hattreulos gehandelt gegen den Tapfern, 
der nicht zu fliehen gewöhnt. O Amru! hätteft du ihn gemedt, 

14* 


212 Viertes Hauptſtück. 


den Benu Dhabba eifrige Verfechter. Ihre Sänfte war un 
durhdringlih und ſah von den vielen Pfeilen, welche darin 
ftefen blieben, wie ein Igel aus. Alt mußte, um dem Kriege 
ein Ende zu machen, das Kameel in feine Gewalt zu brin- 
gen ſuchen; aber die Benu Dhabba Tiefen es nicht los; fo 
wie einem die Hand abgehauen wurde, fand ſich wieder eine 
andere, um es an der Halfter feft zu halten. Erft als Ma- 
lik Alaſchtar herbeifam und dem Kameele die Sehnen durd- 
ſchnitt, ward auch Aiſcha von den Ihrigen verlaffen und ges 
nöthigt, Ali's Gnade anzuflehen, der fie von ihrem Bruder 
Mohammed D nah Baßra geleiten und fpäter nah Medina 


du würdet einen Mann gefunden haben erniten Sinnes, feften Her: 
zens und fiberer Hand. Möge deine Rechte verdorren! du haft 
wahrlih einen Muslim erjchlagen, du verdienft wie ein Mörder 
beftraft zu werden. Zubeir war ein Mann, im Kriege wohl erfah: 
ven, doch von feinen Sitten und edler Natur“ u. ſ. w. Ein Theil 
diefes Gedichtes findet fih auch bei Tebrizi zur Hamafa S. 498. 
Statt: „Möge deine Rechte verdorren“ (schallat Jaminuka), wie man 
bei Ibn Hiſcham und den beiden Sommentatoren lieft, heißt es dort: 
„möge deine Mutter dich als todt beweinen!“ (thakalatka ummuka), 
Diefe Atifah, eine Gefährtin des Propheten, hatte zuerft Abd Allah, 
einen Sohn Abu Bekrs, geheirathet, welcher bei der Belagerung 
von Taif fiel, dann Zeid Ibn Alchattab, welher im Kriege von 
Samama getodtet ward. Sie ward dann die Gattin des Chalifen 
Dmar und nah deſſen Ermordung die Zubeird. Als fie auch diefen 
verlor, heirathete fie Hufein, den Sphn Als, der befanntlih auch 
bei Kerbela getodtet ward, Man fügte dann: wer einen Märtyrer: 
tod sterben will, der heirathe nur Atikah. Atifah’3 Bruder Said 
war einer der zehn, denen Mohammed das Paradies verfündet und 
ihr Vater Zeid einer der Wenigen, die fchon vor Mohammeds Gens 
dung die Ginheit Gottes befannten, nah Scheih Emir aber ihr 
Großvater Amru Son Nufeil. 


1) Als diefer den Vorhang von ihrer Sänfte zurückſchob, fragte 
fie: wer wagt ed, nad dem Heiligthume des Propheten die Hand 
auszuftreden? Mohammed antwortete: dein nächfter Verwandter, 
welher dein Verfahren am meiften verabfcheut. Masudi f. 204. 
Derfelde erzählt auch auf der folgenden Seite, was Andere wieder: 


Ati. 213 


bringen ließ. Am folgenden Tage D) hielt Ali ſelbſt feinen 
Einzug in Baßra und empfing die Huldigung aller Bewohner 
diefer Stadt. Schon vor und während der Schlacht, in wel- 
cher jevoh 15,000 Manı geblieben fein follen ?), hatte er 
feinen Truppen verboten, unnöthiges Blut zu vergießen, und 
den, welcher den flüchtigen Zubeir getödtet, mit Verwünſchun— 
gen empfangen. est begnadigte er nicht nur alle dem 
Tode entgangenen Baßraner, fondern fogar mehrere Omejfa— 
den, felbft Merwan nicht ausgenommen, und Abd Allah Ibn 
Zubeir, den Anführer den feindlihen Truppen, auf die Ber: 
wendung Aiſcha's, des Lettern Tante 3). Die Stadt Bafra 


holen, dag Ali fie von Sklavinnen in Männerffeidung nad) Medina 
begleiten Tief. 


1) Ueber den Schladhttag lauten die Quellen nicht übereinftim- 
mend. Masudi f. 204 nennt blog den 5ten Djumadi des J. 836 und 
fegt hinzu: es war ein Donnerftag. Ber Abd Al Mahafın aus: 
drücklich: Donnerftag den 5ten Djumadi Achir. Abulfeda ©. 294: 
Mitte Djumadi Achir, ebenjo Bekri. Elmafin ©. 37: Donnerftag, 
den 10ten Djumadı Ula. Nawami im Leben Zubeirs: im Djumadi 
Ua, und im Leben Talha’s: den 10ten Djumadi Ma. Dfahabi: 
den 25ten Rabia Air. Der Ite Djumadi Ula des Sahres 36 war 
Mittwoch, den 26ten Oktober 656, und der erfte Djumadi Achir 
Freitag, den 24ten November. Mir ſtimmen daher am liebſten 
Abulfeda bei, welcher blos die Mitte nennt und fih nur um einen 
Tag irrt, wenn der Schladhttag wirklich ein Donnerftag war. Webri- 
gend berichtet Bekri, es jei Donnerftag und Freitag gefämpft 
worden. ; 

2) Ali's Heer foll 20,000 und Aiſcha's 30,000 Mann ftarf ge- 
mefen fein, Erfterer foll 5000 und Letztere 10,000 Mann verloren 
haben. So bei Abd Almahafin. Nah Elmafın ©. 37 fielen bei 
30,000 Mann, nad andern Traditionen von Aifcha’s Heer 8 oder 
17,000 und von Ali's nur 1000. Bei Abulfeda ©. 300 im Ganzen 
10,000, Bei Befri: Sm Ganzen 20,000, darunter 13,000 Bafraner, 
500 Gefährten Ali’s, 2000 vom Stamme Afd, 1300, nad) Einigen 
4000, son den Benu Dhabba. 


3) Masudi f. 204. Derfelbe berichtet auh, Abd Allah Ibn 
Zubeir habe zuerft ihr Kameel geführt, da fie aber die Gefahr diefes 


214 Viertes Hauptflüd, 


ward nicht wie eine mit dem Schmwerdt eroberte behandelt, 
nur den Öffentlichen Schat leerte Alt, um feine Truppen zu 
belohnen, aber das Privateigenthbum ward verfchont. Ali 
mußte fic) die Liebe und dag Vertrauen Iraks erwerben, um 
eine Fräftige Unterftügung gegen feinen noch zu befiegenden 
Nebenbuhler Muawia zu finden, er ernannte daher feinen 
Vetter Abd Allah Fon Abbas, welher an der Empörung 
gegen Othman gar feinen Antheil genommen, zur großen 
Unzufriedenheit Malik Alaſchtars ), der felbft diefe Stelle 
gewünfcht hatte, zum Statthalter von Baßra und fehrte den 
12ten Radjab ?) (Zten Januar 657) wieder nach Kufa 
zurüd. — 

Ali hoffte, da er jetzt von ganz Irak, Arabien und 
Egypten, mit Ausnahme eines kleinen Bezirks, als Chalife 
anerfannt war, Muawia würde ihm endlich auch die Huldi— 
gung nicht mehr Tänger verfagen. Che er daher fih zum 
Kriege gegen ihn rüftete, fandte er ihm einen zweiten Boten, 
um ihn zur Unterwerfung aufzufordern. Als Ali's Gefandter, 


Poſtens Fannte, jhicte fie ihn meg, indem fie ihm fügte: willſt du 
deine Mutter Asma Finderlos mahen? Asma war befanntlid Aijcha’s 
Schweſter. 


1) Als Alt die Statthalterfhaft von Baßra feinem Better Abd 
Allah Son Abbas gab, heißt es bei Tab. S. 14, fagte Malif Alaſch— 
tar zu feinen Freunden: Weber Baßra gebietet jest Abd Allah Ibn 
Abbas und über Kufa Ali felbft, wozu führen wir denn feit einem 
Sahre Krieg? Othman wäre alfo doch ungerechterweije ermordet 
worden, und wir hätten weder gegen Aiſcha noch gegen Talba und 
Zubeir, die Gefährten des Propheten, kämpfen follen. Als dies 
wieder Ali zu Ohren fam, ließ er Malik Alaychtar, aus Furcht, er 
möchte in Kufa eine Verſchwörung anzetteln, zu fich rufen und er: 
faubte ihm nicht voraus nach Kufa zu gehen. 

2) Masudi f. 205. Aiſcha ward Samitag, den Iten Radjab, 
(23ten Dec. 656) nah Medina zurücgefchictt und Ali's Söhne be: 
gleiteten fie eine Strede weik Nach Abd Almahafin begleitete fie 
Ali ſelbſt eine Tagereife weit. 


Alt 215 


Dierir Jon Abd Allah, nah Damask fam, berietb ſich Mua— 
wia mit Amru Yon Aaß über die zu ertheilende Antwort. 
Der fchlaue Amru batte fih, bald nah dem Cinzuge der 
Berfhwornen in Medina, mit feinen Söhnen aus der Stadt 
entfernt, denn er wollte weder an dem Aufruhr Theil nehmen, 
noch die Partei Othman's ergreifen, mit dem er ja felbft, 
wegen feiner Entſetzung von der Stattbalterihaft von Egypten, 
zerfallen war. Er lebte zurücgezogen ) auf dem Lande, bis 
er Dibman’s Tod, Ali's Ernennung zum Chalifen und Mua- 
wia's Widerftand vernahm. Jetzt fragte er feine beiden Söhne, 
welche Partei er ergreifen follte. Abd Allah rietd ihm, am 
Kampfe gar feinen Antheil zu nehmen, und erft nach deſſen 
Entfcheidung wieder aus der Zurückgezogenheit hervorzutreten. 


1) Abd Almahafin und Tab. ©. 16. Herr Flügel, bei welchem 
es ©. 52 heißt: „Unmiderruflih ſchien Muamia’s Untergang, als 
Amru Benzelaft, der unter Othman wieder zu feiner Statt: 
halterfhaft Egypten gelangt, beim Regierungsantritt Ali's 
aber wieder entjegt worden war und nun voll Rache an Muamia’s 
Seite foht, auf eine neue Liſt fiel,“ hat gewiß diefe Behauptung 
aus der Luft gegriffen, denn auch nah Abulfeda ©. 276 war Abd 
Allah Ibn Abi Sarh Statthalter von Egypten zur Zeit der Empö— 
rung gegen Dthman. Shn jellte Mohammed, der Sohn Abu Befr's, 
erfegen, worauf dann wegen des aufgefangenen Briefes Othman 
ermordet wurde. Eben jo heift es bei Elmafin S. 34, daß die 
Egyptier im 5.35 Abd Allah’s Ibn Abi Sarh Entfegung verlangten. 
Er begab fih nah Merina zu Othman und als er nah Egypten 
zurüdfehren wollte, miderjegte fih ihm Mohammed Son Hanifa u, 
j. mw. Auch bei Nawawi ©. 479 lieft man: Amru war Statthalter 
von Dman bis zu Mohammed's Tod. Dann fandte ihn Abu Ber 
als Befehldhaber nah) Syrien, an deſſen Eroberung er mitwirfte. 
Dmar erhob ihn zum Statthalter von Paliftina, dann fandte er ihn 
an der Spitze eines Heeres nach Egypten; er eroberte viejes Fand 
und vermwaltete ed bis zu Omar's Tod. Dthman lieg ihn vier Sahre 
lang in feinem Amte, dann entjegte er ihn, hierauf zog er fid nad) 
Paläftina zurück und bejuhte zuweilen Medina. Dann ernannte ihn 
Muawia wieder zum Statthalter über Gaypten u. f. w. Bon einer 
MWiederanftellung in der legten Zeit von Othman's Regierung ift 
nirgends eine Spur zu finden, 


216 Viertes Hauptftüd, 


Mohammed hingegen fagte ihm; bu bift einer der hervor— 
ragendften Männer im Islam, es ziemt dir nicht unthätig 
zu bfeiben, wo es fih um die Wahl eines Dberhauptes über 
alle Mufelmänner handelt. Amru antwortete hierauf: mein 
Sohn Abd Allah hat mir einen Rath ertheilt, deſſen Befol— 
gung mir in jenem Leben reichen Lohn bringen würde. Mo— 
bammed aber hat mir den Weg gezeigt, auf dem ich in diefer 
Welt zır großen Bortheilen gelange. Abd Allah fuchte ihn 
dann zu bewegen, fih Ali, dem Verwandten und älteften 
Gefährten des Propheten anzufchliegen. Er fühlte fich aber 
zu dem gejchmeidigen Muawia mehr hingezogen, der ihm 
alsbald die Statthalterfchaft von Egypten für feinen Beiftand 
verſprach, und um feinen Entihluß vor feinen Söhnen zu 
rechtfertigen, fagte er, wie Muawia felbft: An Alt haftet 
Othmans Blut, denn er hat den Rebellen in Medina ruhig 
zugefeben und fie nehmen jett den erften Rang in feinem 
Heere ein ). Diefe heuchleriſchen Worte richtete er übrigeng 
nur an feine Söhne und an die Bewohner Syrieng, die er 
gegen Ali einnehmen wollte. Muawia felbft, der ihn auch 
den Kampf gegen Alt als einen gerechten vorftellen wollte, 
fol er ganz offen gejagt haben: „geftehe mir, daß wir 
bei diefem Kriege mehr Bortheile diefer Welt als gottgefällige 
Thaten fuchen, denn wir fönnen weder Ali's Tugend nod) 
feine Rechte an das Chalifat als Verwandter und ältefter 
Gefährte des Propheten läugnen“ 2). Amru, der feit feiner 
Ankunft in Syrien alles aufgeboten hatte, um Haß und 
Beratung gegen Alt hervorzurufen, vieth natürlich auch jetzt 
noch Muawia, in feinem Widerftand zu verharren, troß den 
von Ali in Irak erfämpften Siegen. Ueber ſechs Monate 
waren feit der Ermordung Othmans verfloffen und Muawia 
hatte Zeit gehabt, das Volk in Syrien zu bearbeiten. Ob- 
gleich er ſelbſt am beften Othman hätte retten können, wußte 


1) Abd AUlmahafın und Tabari a. a. D. 
2) Diahabi f. 178, 


Ali, 217 


er doch alle Schuld auf Ali zu wälzen, weil biefer in Me- 
dina felbft anweſend war, und die Mörder unbeftraft gelaffen. 
Er fonnte auf die Syrer um fo eher ſich verlaffen, als die 
meiften ihrer Häupter von feinem Gefchlechte waren und nach 
alter arabifher Sitte wirklich für das Blut Othman's, der 
auh von Dmejja abftammte, Nahe verlangten. Darum 
folgte er auch dem Rathe Amru’s und erklärte dem Ge— 
fandten Ali’s, er werde ſich nicht unterwerfen, bis dem Blute 
Othman's Genugthuung geworden. Nah Dierir’d Rückkehr 
verlangte Ali Truppen von feinen verfchiedenen Statthaltern 
und erft im Monate Schawmwal I) (April 657) brach er 
mit feinem Heere von Kufa auf, nachdem er fehon bei der 
der Aufforderung, die er an die Kufaner ergehen ließ, das 
Lager zu beziehen, fo viel Widerfpruch erfuhr, daß er es 
bereut baben joll, feines DBetters Rath, Muawia in feiner 
Statthalterfchaft zu betätigen, nicht befolgt zu haben ?2). Bon 
Madain aus fchiete er 40,000 Mann unter dem Befehle des 
Zijad Ibn Naßr voraus, und er felbjt folgte mit andern 30,000 


1) Masudi f. 205. 


2) Alt hatte damals feinem Wetter geantwortet: ich will von 
deiner und Muamia’s Schlauheit nichts wifien; er ſoll mein Schwerdt 
fühlen, bis Wahrheit Trug überwunden. Darauf verfeste Abd Allah: 
„oder umgefehrt“ (au ghair hadsa). Wie fo? fragte Ali. Abd Allah 
erwiederte: Muamia fann auf unbedingten Gehorfam bei den Sei: 
nigen zählen, du aber ftoßeft überall auf Widerfprud. Als Ali ven 
Kufanern die Nothwendigkeit darlegte, gegen Muamia Krieg zu 
führen, flug jeder einen andern Plan vor, und es entftand ein 
jolher Tumult in der Mofchee, das Einer den Andern nicht mehr 
verftehen fonnte. Da fagte Ali: „Abd Allah Son Abbas fieht dag 
Berborgene durch einen zarten Schleier, wir find Gottes und Fehren 
einst zu ihm zurüd. Bei Gott! der Sohn der Leberfrefferin wird 
einft den Sieg davon fragen. Dfababi f. 178 u. 179. Muamis 
heißt „Sohn der Leberfrefjerin,“ weil feine Mutter Hind nad der 
Schlacht von Ohod, Hamza's, Mohammeds Dheims, Leber, aus 
Rache in den Mund geftedt, ©. Leben Moh. ©. 129, 


218 Viertes Hauptftüd, 


über Anbar I) nad Rakka, wo er den Euphrat überſchritt. 
Muawia hatte feinerfeits, fobald Ali's Gefandter fern von 
Damasf war, das Bolf in der Mofchee, wo das biutbefleckte 
Hemd Othman's ausgeftellt war, verfammelt, um eg mit Ali's 
Drohungen befannt zu machen und gleihfam um Rath zu 
fragen. Es berrichte eine ehrfurchtsvolle Stille in der Mofchee, 
niemand wagte zu fprechen, bis endlih Dſu-l-Kala fagte: 
dir, unferm Fürften, ziemt es zu rathen und zu befehlen, 
uns zu geboren und zu handeln. Da ließ er ausrufen: 
jeder ftreitbare Mann begebe ſich in das Lager! wer in drei 
Tagen fehlt, ift des Todes 2). Muawia brachte aus Syrien 
allein mehr Truppen zufammen ?), als Alt aus allen übrigen 
Theilen des Mohammedanifhen Reichs, und die Vorpoften 
feines Heeres unter Abu-l-Mwar ftanden ſchon am Euphrat, 
als Zijad's Truppen heranrüdten. Sobald Zijad den Feind 
erblidte, gab er Ali, welcher noch zurüf war, Nachricht 
davon und dieſer fandte ihm Malik Alafchtar mit einigen 
taufend Reitern nad und ertheilte dieſem den Dberbefehl, 
geftattete ihm jedoch nicht, zuerft anzugreifen. Malik Alaſch— 
tar und Abu-l-A'war lagen einander in der Nähe von Rakka, 
am Euphrat, den erften Tag ruhig gegenüber, am zweiten 
Tage, als noch mehr Syrer herbeifamen, griff Lesterer bie 


1) Bei Tab. ©. 17 lieſt man: Als Alı nah Madain kam, 
fandte er Zijad mit 40,000 Mann voraus. Auch bei Masudi f. 206 
heißt es: Alt zog von Kufa nah Madain, dann nah Anbar, von 
bier nad Rakka, wo er eine Brüde über den Euphrat fchlug u. f. w. 
Warum Alt, um von Kufa nad Anbar zu ziehen, den Umweg über 
Madain, das am dftlichen Tigrieufer lag, machte, wird nicht an- 
gegeben. 

2) Dfahabi a. a. O. 

3) Die Zahl der Syrifhen Truppen wird gewöhnlich auf 80,000 
Mann angegeben und die Ali's auf 70,000. Nah Elmafin ©. 39 


hatte Ali 90,000 und Muawia 120,000 Mann. Nah Masudi f. 206, 
Ali 70,000, Muamia 85,000, 


Ali, 219 


Truppen Ali's an), doch Fam es zu feinem eigentlichen 
Treffen. Am dritten Tage ftellte fih Alt mit feinem ganzen 
Heere auf der einen und Muawia mit feinen Truppen, Amru 
Fon Aaß an ihrer Spise, auf der andern Seite auf, Die 
Sprer bejesten die Ufer des Euphrats, fo dag All’s Truppen 
an Waffermangel Titten und genöth'gt waren, fi mit dem 
Schwerdte in der Hand einen Weg an den Euphrat zu bab- 
nen ?). Dann ruhte aber der Krieg wieder und Alt ver- 
fuhte es von Neuem, mit Muamia zu unterhandeln. Es 
war der dritte Tag des Monats Dful Hudjah, in welchem 
bisher die Mufelmänner, ja ſelbſt die beidnifchen Araber fchon 
jeden Kampf eingeftellt hatten, um gemeinschaftlich den Pflich- 
ten der beiligen Pilgerfahrt obzuliegen, als Ai, um wo 


1) Malik forderte ihn zum Zweifampfe heraus, er Tehnte ihn 
aber ab. Tab. ©. 17. 


2) Sp bei Masudi f. 106, welcher noch hinzufest, daß Ali, 
nachdem er fi der Zugänge am Guphrat bemeiftert, doch den Sy: 
rern auch geftattete Waſſer zu holen. Nah Abd Almahafin fandte 
Alt vorher einen Boten an Muamia, welcher den Zutritt zum Tränf- 
plas verlangte. Ginige Syrer riethen Muawia, die Mujelmänner 
nicht durften zu laffen, Andere jagten: haben fie nicht auch Othman 
das Waſſer abgefhnitten? Abd Allah Son Abi Sarh fagte: Mögen 
fie vor Durft umfommen! Gott läßt ja auch die Ungläubigen in der 
Hölle nah Waſſer ſchmachten. Dies war aber doch felbft füc die 
Syrer zu ftarf gegen ein Heer, an deſſen Spitze Ali und viele an: 
dere Veteranen des Islams ftanden. Abd Allah ward gefchmäht und 
mißhandelt, bis Muamia fich feiner annahm und den Befehl ertheilte, 
dem Feinde den Zutritt zum Waffer nicht zu geftatten. Ali's Truppen 
trieben aber die Syrer mit Gewalt zurüd. Nah Tab. a. a. O. 
rieth Welid Ibn Dfba, die Aliden durften zu laffen, Amru Ibn Aaß 
aber, ihnen den Zutritt zum Waſſer zu geftatten, worauf Muamia 
feinen Truppen (Die ſich wahrfcheinlicdy doc nicht mehr halten Ponnten) 
befahl, den Kampf wegen des Waffers einzuftellen. Diejes kleine 
Scharmügel, zwei Monate vor der. eigentliben Schlacht bei Siffin, 
nahm mwahrjcheinlich Theophanes (S. 530) für die Schlacht jelbft, 
welche er Ali verlieren läßt, weil feine Truppen aus Mangel an 
Waſſer ganz fraft- und muthlos waren. 


220 Viertes Hauptſtück. 


möglich den Krieg zwiſchen Muſelmännern zu verhindern, 
Beſchr Jon Muhßin, Keis Fon Saad und Scheib Ibn Rabia 
als Friedensboten in Muawia's Lager ſchickte N. 

Keis Ibn Saad war, wie wir ſchon oben erwähnt, Ali's 
Statthalter von Egypten. Es war aber Muawia, nachdem 
er ſich vergebens bemüht hatte ihn zu beſtechen, gelungen, ihn 
bei Ali zu verdächtigen, weil er ſich geweigert hatte, gegen 
die in Charbata verſammelten Egyptier, welche die Huldigung 
verweigert, Gewalt zu gebrauchen ?). Er ward daher abge— 
rufen und Mohammer, der Sohn Abu Befr’s, an feine Stelle 


1) Tab. a. a. D. Nah Masudi f. 207 begannen die Unter: 
handlungen am Iten Dful Hudjah (21ten Mai 657). 

2) Abulfeda ©. 502. Diababi ©. 179 berichtet, Muamia habe 
ihm die Statthalterihaft von Irak verfprohen. Keis antwortete 
zuerft ausmweichend: „ich werde mich dir nicht anfchliegen, doch auch 
nicht feindjelig gegen dich handeln.” Muamia war mit diefer Ant: 
wort nicht zufrieden und fagte: meinesgleihen hintergeht man nicht. 
Doch benugte er wahrfcheinlih Keis’ erften Brief, um den Syrern 
glauben zu mahen, Keis fei ihm ergeben und greife darum die 
Rebellen in Charbata nicht an. Dies Fam auch Ali zu Ohren und 
da Keis ſich hartnäcig weigerte, gegen Charbata Gewalt zu ge- 
brauchen, ward er entjegt. Bei Tab. ©. 15 fchreibt Muawia blog: 
„ich werde dir Gutes erweiſen.“ Darauf antwortete Reis: „laß fehen, 
womit du mich zu belohnen gedenfit.“ Muawia traute diefem Briefe 
nit und fchrieb ihm mochmals: „gebrauche nicht Lift gegen mid, 
erkläre dih offen als meinen Freund oder Feind, damit ich wiſſe, 
woran ich bin!“ Immerhin ſcheint Keis zuerft einen zmweideutigen 
Brief gejhrieben zu haben, den Muamwia dann gebrauchte, um ihn 
ald Verräther darzuftellen, fo dag wir nicht mit Abulfeda. anzuneh- 
men braucen, er habe falfche Briefe verbreitet. Zu gut war übri- 
gens Muamia nicht dazu, jedes Mittel war ihm redt. So leſen 
wir bei Abd Almahafin, er habe nicht nur Alt als Mörder Othmans 
bei den Syrern angeklagt, fondern auch das Gerücht verbreitet, Alt 
bete gar nicht. Auch ließ er die Syrer in der erften Zeit nach dem 
Tode Otbmans glauben, ganz Arabien ziehe Zubeir als Chalifen dem 
Alt vor, welcher nur von den Nebellen zum Herrfcher erhoben wor: 
den und bewaffnete feine Leute gegen Ali im Namen Zubeird, doc 
verließ er Lestern in Baßra, wie früher Othman in Medina, 


Ari. 221 


nah Egypten geſchickt. Ali überzeugte fi aber bald durch 
das Mißgeſchick, welches Mohammed in Egypten hatte, und 
von dem fpäter die Nede fein wird, daß es Flüger gewefen 
wäre, die Rebellen fich jelbft in Charbata zu überlaffen, als 
fie zur Huldigung zu zwingen. Keis, einer der Wenigen ihm 
und feiner Sade wirklich Ergebenen, verzieh ihm den unge— 
rechten Verdacht und zog mit ihm an der Spiße-einer Trup— 
penabtbeilung in den Krieg, und Ali zweifelte fo wenig an 
feiner Treue, daß er ihn jest fogar als Gefandten ins feind- 
liche Lager ſchickte. Aber auch diefe Gefandtfchaft hatte nicht 
mehr Erfolg als die beiden früheren. Als Beihr Fon Muh— 
Fin, welder zuerft das Wort nahm, Muaroia mit dem götts 
lihen Gerichte drohte, vor dem er ſich zu rechtfertigen haben 
würde, wenn er aus Herrſchſucht mufelmännifches Blut ver: 
gießen ließe, fragte ibn Muawia, warum er nicht Alt eine 
ſolche Strafpredigt halte? As Beſchr bierauf von Ali's 
Berbienften und Rechten ſprach, und ihn aufforderte, ſich nur 
zu unterwerfen, Alt würde ihm dann gerne die Herrfchaft 
über Syrien laffen, fagte er wie bisher: ich lege das Schwerdt 
nicht nieder, bis dem Blute Othmans eine Sühne geworden. 
Keis Jon Saad verfegte hierauf: O Muawia! die ganze Welt 
weiß, dag du nicht Othmans Blut rächen willft, fondern dies 
nur zum Bormwande ergreifft, um dir die geiltliche und welt 
liche Herrſchaft zu erringen ). Scheib Ibn Rabia feste nod) 
hinzu: Hätteſt du Othmans Ermordung verhindern wollen, ſo 
wäre es dir leicht geweſen, ihm beizuſtehen; aber du wünſch— 
teſt, daß es ſo komme, damit es dir um ſo leichter werde, 
Würdigere als du von dem Chalifate zu verdrängen ?). Als 
Muawia hierauf erwiederte; das Schwerdt mag zwifchen ung 
entiheiden! verfeste Scheib: Glaubft du, wir fürchten den 
Krieg? Diefes Schwerbt werde ich zuerft gegen did) 


1) Tab. ©. 17. 


2) Abd Al Mahafin. Statt Scheib Ibn Rabia Tieft man bei 
ihm: Schibt oder Schebt. 


222 Viertes Hauptftüd. 


zieben 1). Trotz diefer heftigen Unterredung, nad) welcher 
die Gefandten zu Ali zurücfehrten, Fam eg doch noch immer 
zu feiner Schlacht, weil beide Heere fih fcheuten Krieg zu 
führen, wo, wie bei den bisherigen Kriegen gegen Ungläubige, 
weder Ausfiht auf Beute 2), noch Hoffnung auf das Para= 
dies durch den Märtyrertod Liebe, Muth und Bertrauen zum 
Kampfe einflößten. Troß allen Reden Ali's und Muawia’s, 
welche den Kampf als einen heiligen, für eine gerechte Sache 
geführten darzuftellen fuchten, fühlten doc die Truppen, daf 
fie bier mehr für berrichfüchtige Menſchen, als für das Wohl 
des Volks, oder für den Glauben fämpfen follten. Beide 
Heere folgten ihren Häuptern auf das Schlachtfeld, in die 
Ebene von Siffin ?), unweit Raffa, aber mit dem Wunfche 
und der Hoffnung auf einen friedlichen Vergleich. Darum 


1) Tab. ©. 18. 


2) Nach Ali's Lobrednern, und das find alle mufelmänntfchen 
Hiftorifer, Sunniten ſowohl als Schiiten, foll er, bei Siffin fomohl, 
wie bei Baßra, feinen Truppen verboten haben: Die Feindjeligkeiten 
zu beginnen, Flüchtlinge oder Verwundete zu tödten oder zu verftüm- 
meln, ein Harem zu entweihen, zu plündern oder zu rauben. Abd 
Almahafin und Abulfeva ©. 306, x 


3) Siffin (nah dem Kamus wie Siffin ausgeſprochen) tft eigent: 
[ih der Name eines Ortes zwifchen Rakka und Balis, auf dem 
weftliben Guphratufer. Bei Abulfeda (ed. Schier ©. 152) heißt es: 
Balis ift der Name eines Eleinen, ehemals bewohnten Städtchend 
am weftliben Guphratufer. Sen Haukal faat: es ift die erfte ſyriſche 
Stadt am Guphrat und ein Hafen der Syrer; Raffa aber liegt am 
dftliben Ufer. Von hier bis zum Schloſſe Daujar, das jest Schloß 
Djabar heißt und am dftlihen Guphratufer liegt, ſind fünf Phara— 
fangen. Am weftlihen Guphratufer, gegenüber dem Schloſſe Djabar, 
ift die Landſchaft Siffin, in welcher die Schlacht vorfiel. Von 
dem Schlofje Djabar nab Rakka find fieben Pharafangen. Non 
Bali nah Raffa wären demnach 12 Pharafangen, nicht 18, wie bei 
Ritter X. ©. 1072. Auch geht aus dem Angeführten hervor, daß 
Siffin ohngefähr fieben Pharajangen oberhalb Rakka gegen Balis 
zu Sag und nicht füdlich von Rakka, wie bei Flügel ©. 50, 


Ali. 223 


verging auch noch der ganze Monat Dſu-l-Hudjah ohne Krieg, 
nur Feine Scharmüßel fielen zwifchen einzelnen, ſich vielleicht 
obnebin feindlichen Däuptern verfchiedener Truppenabtheilungen 
vor Y. Während des heiligen Monats Mubarram des J. 37 
ward, nad) gegenfeitiger Uebereinfunft, jede Feindfeligfeit ein— 
geftellt und erjt im folgenden Monate, als nochmalige Unter- 
bandlungen fcheiterten 2), brach der Krieg von Neuem aus, 
Am eriten Tage des Monats Safar (Mittwoch, den 18ten Juli 
657) fämpfte Malif Alafchtar gegen Mohammed Ibn Maslama, 
am folgenden Tage Haſchim Jbn Otba gegen Abu-l-A'war. 
Am dritten Tage fandte Muawia ein Schreiben an Alt, in 
welchem er den Frieden anbot unter der Bedingung, daß die 


1) Tab. a. a. D.: „Alt theilte fein Heer in fieben Abtheilungen 
und ernannte für jede einen Anführer, diefe waren außer den fchon 
erwähnten Malif, Sijad, Keis und Scheib: Chalid Son Mi’mar, 
Muamwia Ibn Rijah und Hudjr Ibn Adijj. Die fieben Hiupter von 
Muamia’s Heer hießen: Abd Allah Son Chalid, Abu A'war, Habib 
Son Maslama, Dſu-l-Kala', Abd Allah Son Amru, Schurahbil 
Son Simt, Hamza Ibn Malif, Don diefen 14 Helden trat jeden 
Tag einer aus Ali's und einer aus Muawia's Reihen in die Sıhran: 
fen; fie Fämpften gegen einander den ganzen Monat Dſu-l-Hudjah 
hindurh und das Schwerdt raffte viele Leute hinweg." Masudi 
©. 207 erwähnt diefe Kämpfe gar nicht, fondern fchreibt: „im Dfu- 
(=Hudjah fingen die Uinterhandlungen an und im Muharram fand 
formliher Waffenftillftand ftatt.” Auch bei Abd U Mahafın heißt 
ed: „Man jcheute gegenjeitig eine allgemeine Schlacht; es fielen im 
36ten Sahre nur Fleine Scharmügel vor.“ 


2) Adıjj, welcher unter den Gefandten war, fagte zu Muawia 
unter Anderm: Fürchte Gott und hüte did, dag es dir nicht ergehe, 
wie Talha und Zubeir am Schlachttage des Kameels! Darauf er. 
wiederte Muamia: du bift nicht gefommen, um Frieden zu ſchließen, 
fondern um den Krieg zu erneuern, glaubft du, ih fürdte den 
Krieg? bin ich nicht ein Sohn des Kriegs? (hier fpielte er auf feinen 
Großvater an, deſſen Name (Harb) Krieg bedeutet). Als Scheib 
Son Rabia hierauf erflärte, daß Ali mwirklih den Frieden wolle, 
verlangte Muamia die Auslieferung aller derer, welhe an der Em, 
pörung gegen Dthman Theil genommen. Tab, a. a. 9, 


224 Viertes Hauptftüd, 


Mörder Othmans beftraft würden und eine neue Chalifenwahl 
fatt fände I). Diefe Bedingung fonnte natürlich Alt nicht 
annehmen, denn mit der Auslieferung der Theilnehmer an 
der Verſchwörung gegen Othman hätte er fich feiner treueften 
Anhänger und tapferften Krieger beraubt; der Krieg ward 
daher fortgefegt und an diefem Tage focht das Corps, das 
unter Ammar Jon Jaſir ftand, gegen das von Amru Ibn 
Aaß angeführte. So fielen die ganze Woche hindurch immer 
nur noch einzelne Gefechte vor. Erft in der Nacht von Dienftag 
auf Mittwoch (25ten Juli) fagte Alt: wie lange fäumen wir 
noch, dem Feinde eine allgemeine Schlacht zu liefern? er 
ernannte dann Malik Aafchtar zum Anführer der Reiteret, 
feste Sahl Ibn Huneif über das gefammte Fußvolf und traf 
alle Anftalten zu einer entfcheidenden Schlacht. Es wurde 
den ganzen folgenden Tag von beiden Seiten mit größter 
Erbitterung gefochten, doc; führte diefer Tag noch feine Ent: 
fheidung herbei. Am 2Tten brach der Krieg mit Tages— 
anbrucd mit noch größerer Heftigfeit au, Gegen Mittag 
drängte Ali's rechter Flügel, von Abd Allah Ibn Budeil ge- 
führt, Muawia’s linfen Flügel zurüd, die Syrer wichen big 
zu Muamwia’s Zelt, das 4000 Mann unter Abd Errahman 
Fon Chalid bewachten, welhe ihm Treue bis in den Tod 
geihworen hatten ?). Fest trat aber Amru Ibn Aaß mit 
frifchen Truppen hervor und ſchlug die vorgerücdten Jrafaner 
wieder zurüd, die nad dem Falle ihres Anführers gänzlich 
aufgerteben worden wären, wenn ihnen nicht Malif Aafchtar 
mit feinen Reitern noch zeitlich genug zu Hülfe gefommen 
wäre, Zu gleicher Zeit griff Alt felbft die Mitte und Sijad 
Fon Naßr den rechten Flügel der Syrer an, welde nun von 


1) Ibid. 

2) Tab. ©. 18 u. 19, Ebenſo ber Abd Al Mahafin, mo es 
auch heißt: die Truppen, welche Muamia gejchworen hatten, ihm 
ihr eben zu opfern, waren mit ihren Kopfbinden an einander ge: 
ſchloſſen. 


Ali. 225 


allen Seiten gegen Muawia's Zelt hin ſich zurückzogen. Muawia 
dachte ſchon an Flucht, als Amru ihn und ſeine Leute von Neuem 
zum Stehen brachte. Doch vermochte er nicht ihn zu bewegen, 
Ali's Herausforderung zu einem Zweikampfe anzunehmen H. 
Einer der eifrigften Kämpfer in Ali's Heer war Ammar Ibn 
Jaſir, troß feinem Greifenalter, Diefer rief den Jrafanern zu: 
„Bei Gott! wüßte ich heute eine gottgefälligere That, als gegen 
dieſe Ruchlofen zu kämpfen, ich würde fie ausüben, und wäre 
ich aud gewiß, von einer Lanze durchbohrt zu werden, aber 
der Märtyrertod und das Paradies find nur im Kampfe für 
Alt zu erlangen. Mögen aud unſre Feinde noch fo tapfer 
fämpfen, jo iſt doch das Recht auf unfrer Seite. Diefe 
Menſchen wollen nicht Othmans Blut rächen, fondern Herrfch- 
fucht und Ehrgeiz treibt fie zur Empörung an. Folget mir, 
ihr Gefährten des Propheten! die Thore des Himmels find 
offen, die Hurt zu unferm Empfange gefhmüct, Taffet ung 
fiegen oder Mohammed und feinen Freunden im Paradieſe 
begegnen!“ Mit diefen Worten ftürzte er ſich ins Schlacht— 
gewühl und Fämpfte, bis er feinen Wunden erlag ?). Sein 


1) Er ſagte zu Amru: gelüfeft du etwa nach der Herrichaft, 
dag du mir zuredeft, Ali's Heransforderung anzunehmen? Sch habe 
noch feinen Menſchen geiehen, der lebendig einem Zweikampfe mit 
Ali entfommen wäre. Tab. ©. 19. Abulfeda ©. 312 u. 4. 


2) Tab. a. a. O. Abulfeda ©. 310 und am ausführlichften bei 
Abd Almahafin. Nah Nawawi ©. 486 war er damals 94 Zahre 
alt, auch nad Abulfeda einige Sahre über 90, fo dag „das Schwerdt 
in feiner Hand zitterte.“ Auffallend ift, dab Nawawi feinen 
Tod in den Monat Rabia Awwal oder Ahir fest, da doch nad 
allen Berichten die Schlacht bei Siffin im Safar vorftel und felbft 
der Vertrag zwifchen Ali und Muawia noch, nach Masudi f. 211, 
Abd Al Mahafin und Abulfeda ©. 320. Reiske bemerkt zwar zu 
diefer Stelle: »Procul dubio debet alius mensis esse. Nam post 
hanc pactionem pugnatum non fuit, sed ex acie discessum. Supra 
vero asseritur ıllos 110 dies in conspectu stetisse et nonagesies pug- 
nasse, Incidit ergo hoc pactum in mensem fere quintum aut sextum.« 


15 


226 Viertes Hauptftüd. 


Tod fpornte die Truppen Ali's zur Rache an und machte felbit 
auf die Eyrer einen ſchlimmen Eindrud, wegen des hohen 
Anfehens, in welchem diefer reis bei dem Propheten ge= 
ftanden . Selbft die hereinbrechende Nacht Fonnte diesmal 
dem Gemesel fein Ende machen ?). Ali ſelbſt führte fein 
Schwerdt noch mit derfelben Kraft und Sicherheit, wie einft 
bei Bedr, Dbod und Cheibar, an der Seite des Propheten. 
Malif Alaſchtar war überall, wo die Noth am größten war 


Aber diefe Bemerkung iſt ganz unrichtig, weil ja gleich beim Zuſam— 
mentreffen der beiden Heere am Euphrat gefämpft wurde, und dann 
fortwährend kleine Scharmügel und Zweikämpfe vorfielen; nirgends 
wird aber aefagt, daß die Heere nicht fhon im Dſu-l-Kaada in 
Siffin eintrafen und daß fie am Tage felbft, wo der Vertrag ge: 
fhrieben ward, fich trennten. Bei Masudi wird ſogar (f. 205) aus— 
drücdlib gejagt: „Ali brach den Sten Schammal von Kufa nad Siffin 
auf,” Die von Abulfeda angegebene Zahl der Gefallenen bezieht 
fih auf die Gefammtzahl, die Hautſchlacht mitgerechnet, wie dies 
aus Glmafin ©. 38 deutlich hervorgeht. Uebrigens mochten auch 
Ali's Vorpoſten ſchon früher bei Siffin eingetroffen und die 110 
Tage von diejer Zeit an gerechnet worden fein. 

i) Mohammed foll einft, ald Ammar bei dem Baue der Mo- 
fchee zu Kufa zwei Steine trug, während andere fih nur mit einem 
belafteten, gejagt haben: „dich wird einft eine empdreriihe Rotte 
umbringen,” und darum hielt man bei feinem Tode Ali's Sache für 
eine gerehte. Möglich wäre es, daß Mohammed irgend einen ähn: 
lichen Ausdruck gebrauchte, daß er etwa fagte: „nur ruchlofe Men- 
ſchen können dich anfeinden,“ und daß dies dann zu Gunften Als 
anders gedeutet ward. So foll er auch, als er Wafjer verlangte 
und ihm Milch gereicht wurde, feinen nahen Tod vorausgejehen 
haben, weil Mohammed ihm gejagt: „dein legter Trank in diefer 
Melt wird Milb fein.“ Was übrigens von dergleihen angeblichen 
Borausfaaungen Mohammeds zu halten ift, haben wir jchon bei dem 
Tode Dtbmand und an anderen Orten gejehen. 

2) Diefe Nacht heißt, wie die bei Kadefia, die Nacht des Ge- 
winfels, bei Tab. a. a. O. leilat alhadir, was wahrjcheinlih nur ein 
Drudfehler. Ali foll 400, nah Einigen 500 Feinde mit eigener 
Hand erfchlagen und dabei jedesmal „Allahu Akbar“ (Gott ift der 
Größte) gerufen haben. 


Ari. 227 


und Fämpfte fiegreich gegen Uberd Allah Jon Dmar und 
Dſu-l-Kala, denen Muawia befohlen hatte, ihren Angriff 
befonders gegen ihn, als die mächtigfte Stüße All’, zu richten. 
Auch Abd Allah Ibn Abbas und Zijad Jon Nafr zeigten 
vielen Muth und diefen vier Männern gelang es endlich, 
am Morgen des 10ten Safar (20ten Juli), die Syrer fo 
febr in die Enge zu treiben, daß Muawia am Siege ver- 
zwerfelte und nicht mehr, wie bisher, die Entfcheidung zwifchen 
ihm und Alt dem Schwerdte überlaffen wollte. Auf Amru’s 
Rath befahl er jest feinen Leuten, um den Kampf einzuftellen, 
Korane an ihre Lanzen zu beften und ftatt des ferneren Krie— 
ges fih auf den Ausſpruch der heiligen Schrift zu berufen. 
Muawia’s Befehl ward vollzogen und die Spyrer riefen, fi 
mit dem Koran fchirmend, den auf fie eindringenden Iraka— 
nern zu: „OD ihr Mufelmänner, wenn wir einander gegen 
feitig aufreiben, was bleibt dem Islam noch übrig? wer foll 
dann noch faften, beten und gegen Ungläubige ftreiten? wir 
fordern euch auf, den Kampf einzuftellen und euch dem Aus— 
fpruche der göttlichen Dffenbarung zu unterwerfen, an die ihr 
ja glaubet, jo gut wie wir!” Diefe Werte fanden bei einem 
Theile der Irakaner Anflang; denn die Einen fehnten fi) 
wirflih nad Frieden, Andere gehörten zur Partei des Abu 
Mufa, welhe nur ungern die Waffen zu Gunften Ali's trug. 
Wahrſcheinlich befanden fih auch Verräther unter Ali's Heer, 
mit denen Muawia im voraus verabredet, dag, wenn bie 
Schlacht für ihn eine ungünftige Wendung nehmen follte, er 
zu dieſem Rettungsmittel greifen würde 7). Sie drängten fi) 


1) Dies glaube ih um fo eher, da nah allen Quellen Aſchath 
Ibn Keis an der Spige derer ftand, melde Ali zwangen, Malif 
Alaſchtar zurüczurufen und fogar den treulofen Abu Mufa als 
Schiedsrichter anzunehmen. Afchath Sbn Keis fennen wir aber fhon 
fängft als einen gemeinen Berräther. Er hatte fih unter Moham— 
med zum Islam befehrt, dann war er unter Abu Befr wieder ab: 
trünnig geworden, und als die Sache der Rebellen jchlecht ftand, 
verrieth er fie und überlieferte dem Feinde die Zeitung Nudjeir, 

43” 


228 Biertes Hauptftüd, 


um Alt und verlangten ftürmifch von ihm, daß er Muawia's 
Vorſchlag annehme. Vergebens antwortete Ali; „Das ift 
nur eine Pift von unfern Feinden, welde eine Niederlage 
fürchten und darum uns durch Zwietracht ſchwächen wollen, 
Männer, wie Muawia, Amru, Abd Allah Fon Abi Sarh 
und ihre Genoffen, die ftets die göttlichen Gebote übertreten, 
glauben nicht an den Koran, ich Fenne fie von ihrer Kindheit 
ber und weiß, daß nicht Neligiofität, fondern nur Schwäche 
fie zu diefer Ausflucht greifen läßt.“ Ali's Worte fanden 
fein Gehör, man drohte ihm mit dem Tode, bis er Malıf 
Alaſchtar, der noch immer mit feinen Leuten den Kampf fieg- 
reich fortfegte, zurüdvief und als dieſer dem eriten Befehle 
nicht gehorchte, entftand ein neuer Tumult, fo daß Ali ans 
dere Boten abfenden mußte, um a ——— vom 
Schlachtfelde zu holen. 

Dieſer ſagte zu den Boten: 36 dachte wohl, daß der Sohn 
einer Dirne ) durch feinen Rath Zwiefpalt unter ung hervor— 
rufen würde; ſeht ihr nicht Gottes Hülfe? Seht ihr nicht daß 
der Sieg unfer? Soll ich den gefchlagenen Feind jest laſſen? 
Da antwortete einer der Srafaner, die ihn abzurufen gekom— 
men: was nügt dir dein Sieg, wenn Ali inzwifchen getödtet 
wird? Malik Mafchtar mußte nachgeben, und ftatt feinen 
Sieg zu verfolgen, fi ing Lager zu Alt begeben, der von 
Männern umgeben war, die jeden Augenblick bereit waren, 
ihn Othmans Schickſal theilen zu laſſen. Indeſſen verfuchte 
auch Alafchtar es noch die Nebellen zu überzeugen, daß man 
fie nur hintergehen wolle, und daß, wenn Muawia und feine 
Genoffen wirklich an den Koran glaubten, fie fich gleich beim 
Ausbruche des Kriegs hätten darauf berufen müffen, nicht erft 
in dem Augenblife, wo fie von einer gänzlichen Niederlage 
bedroht waren. Das hätten auch die Blödfinnigften einfehen 





1) Die war die Mutter des Amru Son Aaß in Meffa. ©. 
Led. Moh. ©. 20. Abulfeda ©. 880. 


Alt, 229 


müffen, und darum nannte jie auch Malik Alaſchtar „Heuchler“, 
als fie, angeblih aus Ehrfurcht vor dem Koran, darauf be— 
ftanden, die Schlacht müffe aufhören oder fie würden zum 
Feinde übergeben ). Alt ward nun genöthigt, Afchatb Ibn 
Keis zu Muawia zu fenden, um zu hören, auf welche Weife 
er eigentlich den Streit durh den Koran entichieden haben 
wollte, Muawia, der wahrfcheiniih im Boraus wußte, auf 
wen von Seiten der Jrafaner die Wahl fallen würde, fchlug 
vor, daß zwei Schiedsrichter, von denen der eine ein Sprer 
und der andere ein Srafaner, bevollmädhtigt werden follten, 
das Chalifat dem zu übertragen, der nad) den Borfchriften 
des Korans die gerechteften Anſprüche darauf hätte, er fei- 
nerfeittd, jegte er Hinzu, wähle Amru Fon Aaß als feinen 
Anwalt. Alt wollte, da er diefen Antrag nicht verwerfen 
fonnte, feinen Better Abd Allah Yon Abbas als feinen Ver— 
treter wählen. Dieß wurde aber nicht geftattet, weil von 
einem jo nahen Berwandten ſich feine Unpartbeilichfeit erwar— 
ten ließe. Er ſchlug hierauf Malif Mafchtar vor. Mean ver- 
warf auch dieſen, indem einer der Irakaner bemerfte: Hat 
denn ein anderer als Alafchtar die Erde in Brand geſteckt? 2) 
Nun trat wieder Afchath hervor und ſagte: Wir wollen fei- 
nen andern Schiedsrichter als Abu Muſa. „Wie foll ic) mich 
von einem Manne vertreten laffen,” fagte Alt, „der mir grollt, 
weil ich ihm die Statthalterihaft von Kufa genommen, der 
mich verrathen und die Frafaner abhielt mir in den Krieg zu 


1) Ad Al Mahafin und Tab, ©. 20, auh Abulf. ©. 316 nur 
nicht fo ausführlich. 

2) Bei Abd Almahafin: »hal saara al-Ardha ghairu-l-Aschtaru.« 
Das Wort saara hat nah dem Kamus ſowohl in der Iten als in 
der 2ten und Aten Form die Bedeutung „Feuer anzünden und Krieg 
anfachen.“ Reiske ließt bei Abulfeda ©. 318 fälſchlich: »hala safa- 
rahag und überſetzt daher unrichtig: »nemone alius hoc dissidium 
componere, quam Aschtar novit.«e Gr bemerft übrigens felbft, daß der 
Cod. Leid. hal asara hat, 


230 Biertes Hauptſtück. 


folgen, fo lange er auf feinem Poften war 2” Aber auch 
diefer gerechte Einwurf Alis fand fein Gehör bei der Partei 
des Aſchath, fie drohten von Neuem, bis er endlid) einwilfigte, 
Abu Mufa ward geholt I) und ein Vertrag aufgefeßt, dem 
zufolge Alt fowohl als Muawia ihr Heer entlaffen und jede 
Feindfeligfeit einftellen follten, bis zur Zuſammenkunft der bei- 
den Schiedsrichter, welche im Monat Ramadhan in Adfraa 
oder in Daumat Aldjandel, an der Gränze yon Syrien und 
Arabien, ftatt finden ſollte. Als man im DBertrage Alt den 
Namen „Fürften der Gläubigen” beilegte, widerſetzte fih Amru 
und fagte: als folhen erfennen wir ihn nidt an, Er ward 
auch hierin von Aſchath Ibn Keis unterftügt, und Ali mußte 
mit eigener Hand dieſe Worte wieder ftreichen; eben fo ward 
Malik Alaſchtar gezwungen, den Vertrag als Zeuge zu un- 
terfhreiben 2). Ali tröftete fih damit, daß auch einft Mo— 
hammed die Worte „Gefandter Gottes’ verwifchen mußte 3), 


1) Tab. ©, 20: „Die Srafaner fandten dem Abu Mufa einen 
Boten, denn er hatte an dieſem Kriege feinen Antheil genommen. 
Bei Masudi f. 112 lieſ't man: „Als Abu Mufa hörte, daß Friede 
gefchloffen worden, fagte er: Gelobt fei Gott! Als man ihm faate, 
er fei zum Schiedsrichter erfohren, rief er aus: wir find Gottes und 
fehren einjt zu ihm zurüd. Schon früher, ald von der Möglichfeit 
eines Vertrags vermittelt eines Schiedsgerichts die Rede war, fagte 
ihm Sumeid Ibn Sfba: Hüte dich, einft Schiedsrichter fein zu wollen! 
Er antwortete darauf: Gott möge mir auf Erden feinen NRuheplak 
gönnen und den Zutritt in den Himmel verfagen!” Dieß beftätigt 
meine Vermuthung, dag Muawia fehon vorher mit der Partei des 
Aſchath auf Abu Mufa fein Aug’ geworfen hatte und daß diefer 
Heuchler, um defto unparteiifcher zu fcheinen, fich ftellte, ald würde 
er um feinen Preis die Wahl annehmen, 

2) Tab. a. a. D. und Abd Almahafin. 

3) In Hudeibia nämlich, als er einen Vertrag mit den Kurei: 
fhiten ſchloß. Bei Abulfeda fowohl als bei Abd Almahafin heißt 
es: Mohammed lieg ſich die Worte „Gefandter Gottes“ zeigen und 
verwifchte fie. Dieß fpräche dafür, daß Mohammed nicht leſen Eonnte, 
mährend er nad) andern Traditionen felbft den Namen feines Va— 


Alt. 231 


und unterzeichnete in der Mitte des Monats Safar ) den 
Vertrag, in welchem er Oberhaupt der Kufaner und Muawia 
Oberhaupt der Syrer genannt wurde, 

Kaum war der Vertrag gejchloffen, als ein Theil feiner 
Leute ihn der Feigheit bejchuldigte und ihm ein Verbrechen 
daraus machte, daß er, ftatt auf Gott zu vertrauen, fein und 
des Islams Schickſal in die Hand zweier ruchlofer Menfchen 
gelegt. Es waren ihrer 12,000, die ihn aufforderten, fein 
Unrecht zu befennen und den eben unterzeichneten Vertrag 
wieder als ungültig zu erklären 2). Dieſe Unzufriedenen, 
weldhe wir auch in der Folge mit dem arabijhen Namen 
Chawaridj oder Charidjiten 3), (Die Ausgetretenen oder Em- 


ters, ffatt der Worte „Gefandter Gottes“ ſchrieb. ©. Leb. Moh— 
S. 178. Amru war über diefen Vergleich aufgebracht und fagte: 
er werde nie mehr an einem Orte mit Alt zufammenfommen, wor: 
auf diefer ermwiederte: Gott möge mit Menſchen deinesgleichen meine 
Geſellſchaft nicht mehr verunreinigen, 


1) Mittwoch den 19. Suli 637. Bei Abulfeda S. 320 falſch 
„Mittwoh als 13 Nächte von Safar vorüber waren‘ denn der erfte 
Muharram war Montag, aljo der Ite und 15te Sufar Mittmod. 
Bei Abd Almahafin lief’t man indeſſen auch: Mittwoch den 13. Sa— 
far. Bei Masudi S. 211 blos: „als nocd einige Tage von Safar 
übrig waren.” Das die Schlahten anfangs Safar begannen, lieſ't 
man auch im im Kamus bei dem Worte „Siffin.“ Die Hauptſchlacht 
war am 12., 13. und 14. Juli. 

2) Tab. ©. 21. Masudi f. 212 und Abd Al Mahafin. 


3) Chamaridj heißen, nach Schehreftani ©. 85 alle diejenigen, 
melde gegen den rehtmäßigen Imam ſich empören, welchen die Ge— 
meinde als folhen anerkennt, aleichviel ob zur Zeit der Gefährten 
Mohammeds oder jpäter, Die erften Chamaridj unter Alt, heißt es fer: 
ner, waren die, welche ihn zwangen, den Krieg bei Siffin aufhören 
zu laſſen, Alafchtar zurücdzurufen und Abu Muſa als Sctedsrichter 
anzunehmen. Die Schlimmiten waren: Aſchath Son Keis, Masud 
Son Fadafi aus dem Stamme Tamim und Zeid Ihn Hußein der 
Taüte. Die Chamwaridj zerfallen in fehs Hauptfekten, welche darin 
übereinftimmen, daß fie fih fomohl von Othman als von Ali losja- 


232 Viertes Hauptftüd, 


pörer) bezeichnen wollen, waren aus verfchiedenen Elementen 
zufammengefegt. Manche unter ihnen waren offenbar Ber- 
räther, welche nun auh Ali noh als Wortbrüchigen flürzen 
wollten, denn fie hatten ihm furz vorher mit dem Tode ge= 
droht, wenn er nicht dem Krieg ein Ende fege und Abu 
Mufa als Schiedsrichter anerfenne. Andere waren Koran 
fefer, das heißt, Gelehrte. Diefe hatten zwar aud die Bei- 
legung des Streits durch den Koran verlangt, damit aber fei- 
neswegs gemeint, daß die Enticheidung zwei Sntriganten wie 
Amru und Abu Mufa überlaffen werde, fondern daß eine Art 
öffentlicher Difputation zwifchen den Gelehrten beider Parteien 
ftatt finde D. Viele hatten auch alles Vertrauen zu Ali ver- 
Ioren, weil fie fagten, er hätte Tieber fein Leben opfern fol- 
len 2), als fi, gegen feine Ueberzeugung, zu einem foldhen 
Sriedensichluffe zwingen laſſen; war dod der ſchwache Oth— 
man eher dem Tode entgegen gegangen, ald daß er den Re— 
bellen nachgegeben hätte. Zu lettern mochte befonders Scheib 
Son Rabia gehören, den fie zu ihrem Dberhaupte erwähl- 
ten ?) und der bei Siffin mit vieler Tapferfeit ſich für Ali ge- 


gen, die Verdammung diefer beiden Chalifen als das mwichtigfte Dogma 
anfehen, und die Ehe nur mit Sleichgefinnten geftatten, daß fie große 
Verbrecher als Ungläubige achten und die Empörung gegen einen 
Smam, der von den heiligen Sagungen abweicht, als eine Pflicht 
betrachten. 

1) Nah Tab. a. a. D. war es Kureiz Ibn Omejja, der zuerft 
rief: wir erfennen feinen andern Richter ald Gott an. Nach 
Masudi: Urma Son Adiija von den Benu Temim, Ali fagte ihnen: 
Die Schiedsrichter haben ſich verpflichtet, nach dem Koran, dem Worte 
Gottes, zu enticeiden, der Koran ift doch eine lebloje Schrift, die 
nicht jelbft fpreben fann, fondern der Auslegung bedarf. 

2) Ali antwortete darauf, nah Abd Almahafin, er habe den 
Tod nicht aefcheut, nur die Liebe zu feinen Söhnen und die Furcht, 
das Geſchlecht des Propheten möchte erlöfhen, habe ihn veranlagt, 
nadzugeben. 

5. Shre Anführer waren nah Schehreftani ©. 86, Abd Allah 
Ibn Alkawwa, Attab Son Alamar, Abd Allah Sbn Wahb Arrafibi, Urwa 


Alt. 233 
fhlagen. Als Ali nah Kufa zurückkehrte, giengen - die Cha- 


waridj ihren eigenen Weg und ſchlugen ihr Lager in Harurga, 
ein Dorf in der Nähe von Kufa, auf. Indeſſen gelang es 
ibm doch fie wieder zu befänftigen und felbft die frommen 
Schwärmer und DVerrätber gaben für den Augenblid nad, 
obgleich in Kufa felbit auch große Unzufriedenheit ) und noch 
größere Trauer über die vielen bei Siffin. gebliebenen Iraka— 
ner berrfchte 2). Aber fie votteten fi von Neuem zufammen, 
als der entfcheidende Augenblick hevannabte, und Alt, der we- 
der fein Wort brechen wollte, noch auf großen Anhang rech— 
nen fonnte, wirklich im Monate Ramadhan Abu Mufa mit 
400 Mann nad) Daumat Aldjandal fandte, wo auch Amru 
mit einer gleichen Anzahl Syrer eintraf, denen ſich noch manche 
derjenigen anfchloffen, welche bisher fih für feine der beiden 
Parteien entjchieden hatten 3) und felbit die Hoffnung hegten 
als Chalifen gewählt zu werben. 

Amru verfuchte es zuerft, Abu Mufa zu überzeugen, daß 


Son Dieria, Jezid Ibn Aßim Almuharibi und Harfug Ibn Zus 
heir. Es waren 12,000 Mann, melde viel fafteten und beteten. 
Dann wird wieder eine Weiffagung des Propheten in Betreff diefer 
Chamwaridj angeführt, die feine Grmähnung verdient. 


1) Alt fragte einen Kranfen, heißt es bei Abd Almahafin, nad 
der Volfsftimmung in Kufa. Er antwortete: Manche freuen fich 
mit diefem Ausgang, es find die Schlehten und die Heuchler, andere 
find betrübt, es find die Frommen und Aufrichtigen. Sie fagen: 
Wir waren eine Gemeinde, die du getheilt, eine Feftung, die du 
niedergerijjen, warın wird wohl das Getrennte wieder ganz und das 
Eingeriffene wieder aufgebaut? Hätteft du mit deinen Getreuen 
fortgefämpft bis zum Tode, fo wäre es beffer gemejen. 


2) Als Ali in Kufa einzog, tönte ihm das Sammern und Kla— 
gen der Frauen entgegen, er befahl ihnen zu ſchweigen. Man 
ſagte ihm aber: wie millft du das verbieten? Es ift ja Fein Haus 
in Rufa, in welhem nicht mehrere Menfchen vermißt werden ? 

8) Masudi nennt befonders (f. 212) Abd Allah Ibn Omar und 
Abd Allah Son Zubeir, 


234 Biertes Hauptſtück. 


das Chalifat Muawia gebühre, da er als Othman's Ber- 
wandter und Bluträcher am meiften Rechte auf die jenem ge- 
waltfam entriffene Derrfchaft habe . Als Abu Mufa darauf 
entgegnete, daß wenn die Verwandtichaft entfcheiden würde, 
Dihman’s Söhne die gerechteften Anfprüce hätten ?), fuchte 
Amru ihn durch Berfprehungen yon Seiten Muawia’s zu ver- 
führen. Abu Mufa wieß aber jeden Antrag mit Entrüftung 
zurüf und fchlug Abd Allah den Sohn Dmar’s vor. Als 
Amru diejen für unfähig erflärte, die Zügel der Regierung 
zum Heil der Mufelmänner zu Ienfen 3), fagte Abu Mufa: 
da wir ung über feinen Chalifen vereinigen fünnen, fo iſt das 
Befte, wir entfegen, um weitere Kriege zu verhindern, Ali 
fowohl als Muawia, und Iaffen die Mufelmänner einen neuen 
Chalifen wählen. Amru erklärte ſich mit diefem Vorfchlag 
zufrieden, nachdem aber Abu Mufa diefe Entfcheidung befannt 
gemacht *), fagte jener: Ihr ſehet, daß felbft der von Ali 
gewählte Schiedsrichter ihn der Herrſchaft beraubt, ich ftimme 


mm sen 


1) Er ftüste fi befonders auf den Koransvers: „Wenn Se: 
mand ungerechter MWeife umgebracht wird, fo verleihen wir feinem 
nächſten Verwandten Herrfchaft“ Cüber den Mörder). Tab, ©. 21. 

2) Es waren derer damals nah Tab. a. a. D. noch zwei am 
geben. 


3) Abu Mufa rühmte deffen Verſtand, Kenntniffe und Abfunft, 
aber Amru entgegnete: Wir bedürfen eines impofanten (heibetlu) 
Mannes als Chalifen, Abd Allah Son Omar ift zu janft und zu 
mild. Tab. ©. 22, Diefem zufolge ſchlug dann Amru auch nod) 
feinen eigenen Sohn Abd Allah vor, den aber Abu Mufa ebenfalls 
als unpaffend verwarf. Nah Masudi f. 213 foll Amru aud) Saad 
Son Abi Wakkaß vorgefchlagen haben, derjelbe führt auch eine Tra- 
dition an, derzufolge Amru zulert ſich geftellt hätte, als ſtimme er 
mit der Wahl Abd Allah's Son Omar überein und daß Abu Mufa 
wirklich diefen ernannte. 

4) Er zog feinen Giegelring vom Finger und fagte: fo wie 
ich diefen Ring dem Finger entziehe, fo nehme ich von Alt das Cha- 
lifat weg. 


Ali. 235 


hierin ganz mit ihm überein, erkenne aber Muawia als den 
rechtmäßigen Herrſcher an. Abu Muſa erklärte Amru als 
einen treuloſen Menſchen, dev gegen die verabredete Entſchei— 
dung gehandelt und zog ſich nach Mekka zurück, während Amru 
triumphirend nach Damaskus reiſ'te und durch ſeine Liſt Mua— 
wia von Neuem die Huldigung der Syrer verſchaffte )Y. In 
Irak hingegen ſcheint ſich niemand durch dieſes Gaukelſpiel 
veranlaßt gefunden zu haben, Muawia als Chalifen anzuer— 
kennen. Ali hielt in Kufa, ſobald das Reſultat der Zuſam— 
menkunft Amru's und Abu Muſa's daſelbſt bekannt ward, eine 
Predigt, in welcher er unter Anderm ſich folgendermaßen ge— 
äußert haben ſoll: „O ihr Kufaner, ihr ſeht, daß Widerſpen— 
ſtigkeit Reue nach ſich zieht. Ich habe mich gegen dieſes 
Schiedsgericht ausgeſprochen, ihr ſeid aber darauf beſtanden; 
ich habe euch beſonders gegen dieſe beiden Männer gewarnt, 
ihr habt mir ſie aufgedrungen. Nun haben ſie, ſtatt wie ſie 


— — — 


1) Masudi a. a. O. erzählt: Amru begab ſich in ſeine Woh— 
nung und dachte: Ich habe jetzt das Chalifat zu vergeben, Muawia 
bedarf meiner, er mag daher mich beſuchen. Muamia war ſehr un— 
gehalten darüber, Doc traute er Amru nicht ganz, darum entſchloß 
er fib, ihn aufzujuchen. Vorher trug er aber vielen feiner zuverläffig- 
ften Freunde auf, ihm nach einiger Zeit in das Haus Amru’s nad): 
zufolgen. Muamia ließ fi) von Amru bemwirthen und forderte ihn 
auf, auch noch mehrere Freunde zu Tifche zu laden. Muawia fragte, 
ob er nicht auch einige feiner Freunde rufen laſſen wolle. Darauf 
ermwiederte Muamwia: laß nur zuerft die deinigen fih jättigen. Spä— 
ter verließen dann Amru’s Freunde die Tafel und die Muawias nah- 
men ihren Plag ein. Muamia lief dann die Thüre fchliegen, und 
forderte Amrıur auf ihm zu huldigen. Amru fah jest erft, daß er 
son Menichen umgeben, die, falld er nicht gehorchte, zu allem fähig 
wären und legte in Muamias Hand den Eid der Huldigung ab. 
Diefe ganze Geſchichte oder Anekdote beweißt, mit welchen Men- 
ſchen es Alt zu thun hatte, und liegt etwas unmahrjcheinliches darin, 
fo ift es nichts Anderes, als dap Muamia auf einen Eid Amrus gro- 
bes Gewicht legte, und fi durch denfelben feiner Unterftügung 
gewiß hielt, 


236 Viertes Hauptſtück. 


es nach dem Vertrage ſollten, den Koran zu beleben, ihn zum 
todten Buchſtaben gemacht. Ein jeder von ihnen folgte nur 
ſeiner Leidenſchaft, und entſchied weder nach der Leitung Got— 
tes, noch nach der mündlichen Ueberlieferung ſeines Propheten. 
Keiner von Beiden blieb auf dem Wege des Rechts, und da— 
zu trennten ſie ſich noch in Uneinigkeit. Wir ſind nun von 
dem Vertrage frei, darum ſtellet euch in drei Tagen im Lager 
zu Nucheilah ) zu einem neuen Feldzuge gegen Muawia 2) 
ein!” Ali ward auf der Kanzel zwar von vielen Chawaridj 
dur den Ruf „Gott allein ift Richter“ unterbrochen, Sie 
erflärten ihn fowohl als Muawia für Unglänbige, weil fie 
fih einem Schiedsgericht unterworfen, doch ein großer Theil ) 
der Bewohner Kufa’s folgte Ali's Aufruf und rüftete ſich 
zum Rampfe gegen Muawia. Ali Tieß daher auch die Cha— 
waridj unbeachtet und hoffte, fie würden, da doch wirklich 
viele Schwärmer unter ihnen waren, die er vielleicht im ſei— 
nem Innern nicht verdammen fonnte, eher durch Nachſicht alg 
durch Gewalt zu gewinnen fein. Ali hatte fi aber unglüd- 
licherweife geirrt. Nachdem er ihnen erklärt hatte, er würde 
fie nur dann befriegen, wenn fie ihn angreifen, wurden jie 
fühner und unternebmender. Sie fandten Miffionäre nad) 


1) Nuceilah heißt nah dem Kamus ein Ort in Sraf, Bei 
Abd Almahafin kömmt diefer Ort auch vor, da heißt es nach der 
Kameelſchlacht: Alt verließ dann Baßra wieder und zog nach Nuchei— 
fah und von hier nah Kufa. Nucheilah lag alſo ungefähr in der 
Mitte zwifhen Kufa und Baßra und nicht auf dem Wege nad Sy— 
rien. Ali Eonnte daher diefen Ort nur darum zum Lagerplag mäh- 
fen, weil er bier auch die Baßraner an fi ziehen mollte. Bei 
Tab. S©.23 aber wird Nucheilah als ein an der Grenze von Syrien 
gelegener Drr genannt. 


2) Abd Al Mahafın. 


3) Nah Tab. a. a. D, fanden fih 20,000 Mann in Nucheilah 
ein, nah Abd Almahafin, aus Kufa nebft den umliegenden Ortſchaf— 
ten 65,000, was aber faum glaublic, 


Ali. 237 


allen Orten aus, es ſchloß ſich ihnen allerlei Geſindel an, ſie 
mißhandelten alle Anhänger Ali's I) und nahmen eine feſte 
Stellung in Nahrawan 2), zwiſchen Waſit und Bagdad, ein, 
Alt war, nachdem noch einige Truppen aus Bafra zu ihm 
geftoßen waren 3), ſchon auf dem Wege nad Syrien, ale er 
von den Gewalttbätigfeiten der Chawaridj Nachricht erhielt, 
Seine Truppen befürchteten, daß während fie gegen Muawia 
Krieg führten, ihre Familien und ihr Gut den Mißhandlun— 
gen der Chawaridj ausgefegt fein würden. Alt ward daber 
genötbigt, ftatt fi nad Syrien zu wenden, die Chawaridi in 
Nahraman zu befämpfen 9%. Sobald er mit feinem Heere 
in Nabrawan erfchien, zerftreuten ſich alle diejenigen, welche 
entweder nur rauben und plündern, oder Alt in Verlegenheit 
bringen wollten; nur die wirflihen Fanatiker, unter Anführung 
Abd Allah’s Fon Wahb, etwa 1500—1800 an der Zahl, 
bfieben auf ihrem Poſten und verweigerten bartnädig jede 
Unterwerfung, bis Alt fein Unrecht eingeftanden haben würde, 
Alt umzingelte fie mit feinen Truppen, aber dennoch ergaben 


1) Sie erfhlugen nah Masudi L. 215 Alt’s Statthalter von 
Madain nebft feiner Frau, weil er den Chalifen fromm und gläubig 
genannt. Gr hie Abd Allah Son Schihab, nad) Masudi, und Abd 
Allah Son Chabbat nah Abd Almahafin. 

2) Nah dem Kamus gab es drei Drtfchaften diefes Namens 
zwischen Waſit und Bagdad, das von dem hier die Rede ift, lag 
wahrfcheinfih in der Nähe von Madain, 


3) Don den 6000 Mann, heißt es bei Tab. a. a. D., welche 
von dem Staatsſchatze ernährt wurden, ftellten fih nur 1500, die 
Hebrigen verbargen fih. Bei Abd Almahafın heißt es: Abd Allah 
Son Abbas, der Statthalter von Baßra, von welhen Ali Truppen 
verlangte, brachte mit Mühe 3200 Mann zufammen, obgleich ohne 
die Sklaven 60,000 ftreitbare Männer in Baßra waren. 

4) Er fandte ihnen vorher noch einen Boten und verlangte nur 


die Auslieferung der Mörder, aber fie bradıten auch diefen Bo— 
ten um. 


238 Biertes Hauptftüd. 


fie fih nicht, fondern zogen vor, für ihre Ueberzeugung zu 
fterben N). 


Sp raſch und fo glücklich aber auch der Krieg mit den 


1) Bei Abd Almahafin heißt es: Die Chawaridj mweigerten fi, 
Ali zu geboren, denn fie fagten: wenn wir auch heute mit ihm in 
den Krieg zieben, jo wird er am Ende doch Morgen wieder fich einem 
andern Schiedsgerichte unterwerfen. Als es indeffen zur Schlacht 
fam, da ergriff ein Theil der Chawaridj die Flucht, andere gingen 
zu Ali über, nur 1800 Mann Fämpften unter Abd Allah Son Wahb 
und blieben auf dem Schlachtfelde. Bei Masudi f 215 Fümpfen 
4000 Chawaridj, von denen nur zehn entfommen, während Alı nur 
neun Mann verlor. Bei Abulfeda ©. 326 waren es im Ganzen nur 
4000, von denen fih ein Theil vor dem Treffen zerftreute. Alt ver: 
for nur fieben Mann. Ber Tab. heißt ed: Die VBernünftigen unter 
den Chamaridj ergriffen die Flucht (nahdem Ali fie zuerft zurecht ge— 
wiejen und Anordnungen zum Angriffe getroffen) Naufal Ibn Asdja trat 
auch hervor und ging mit 1509 Mann zu Alt über, indem er fagte: 
Ali hat Recht, warum follen wir ihn befriegen ? Auch 1600 Kufa— 
ner entfernten fich und Fehrten nab Kufa zurüd. Nur 1600 Mann 
unter Abd Allah Son Wahb blieben ftehen u.f.w. Bei Schehreitani 
©. 87 lieft man: Es blieben von den Mufelmännern nicht 10 und 
es entfamen von den Chawaridj weniger als zehn. Zwei flüchteten 
fih nah Oman, zwei nach Kerman, zwei nach Sedjeftan, zwei nad) 
Mefopotamien und einer nad) Jemen, und ftifteten, jeder an feinem 
Zufluchtsorte, die Sekten der Chawaridj, die noch bis auf diefen Tag 
beftehen. Auch diefen Kampf joll Mohammed nah Tab. vorausge: 
fehen und fih natürlich zu Gunſten Ali's ausgefprocen haben. Es 
befand fich nämlich ein Mann mit einer Hand ohne Knochen, mit 
Kamen Dfusl-Nun, unter den Chawaridj. Als Alt ihn fah, rief er: 
Allah Akbar! der Gefandte Gottes hat wahr gejagt: „Ali, es wird 
fih einft eine Schaar Chamwaridj gegen dich erheben, die im Unrecht 
fein wird, du wirft einen reihen Lohn ärnten, wenn du fie ausrotteft, 
unter ihnen befindet fih ein Mann mit fleifchiger Hand.“ Alt, oder 
feine Anhänger erdichteten wahrfcheinlich eine folche Tradition, um 
diefe Graufamfeit gegen Männer zu entfchuldigen, melde doch im 
Grunde nichts verlangten, als daß Alt fein Unrecht eingeftehe und 
bereue, Daß er aber bei der Anerkennung des Schiedsgerichts gefehlt, 
zeigte er doch ſelbſt jegt durch die That. 


Ali. 239 


Chawaridi beendet war, fo war er doch für Ali's Schickſal 
enticheidend, denn als er von Nahraman geraden Weges nad) 
Syrien ziehen wollte, weigerten jich feine Truppen ihm zu folgen, 
indem fie vorgaben, fie müßten in Kufa vorher wieder einige 
Zeit ausruhen, und neuen Mund = und Kriegsvorrath fammeln, 
Einmal in ibre Heimatb zurücdgefehrt, waren fie nicht mehr 
unter die Waffen zu bringen, fo oft auch Alt die Kanzel be- 
fteigen mochte, um fie im Namen Gottes zum Kriege anzu— 
feuern. Sp mußte Alt untbätig in Kufa liegen bleiben, wäh— 
vend Muawia nah allen Seiten bin feine Herrfchaft aus— 
debnte. Egypten ging zuerft, ſchon im Anfang des Jahres 
38 d. 9, für Mt verloren. Mohammed, der Sohn Abu 
Bekr's ward, wie fchon erwähnt, an die Stelle des Keis Ibn 
Saad zum Statthalter von Egypten ernannt I. Noch vor 


1) Sch bin hier Tab. ©. 24 und Masudi f. 216 gefolgt, welche 
Mohammed an Keis’ Stelle treten und erft nach Amru’s Ginfall in 
Egypten Malit Alafhtar nah Kolzum reifen laffen. Damit ſtimmt 
auch Abulfeda ©. 326 und 328 überein. Nach Elmafin ©. 40 follte 
Keis durch Malik Alaſchtar erfest werden, und als diefer in Kolzum 
vergiftet ward, jandte Alt erſt Mohammed nach Egypten. Diefe 
Tradition rührt, nad Abd Almahaſin, von Wafidi her, verdient aber 
wenig Glauben, weil aus allen Berichten über die Schlacht bei Sif— 
fin hervorgeht, dag Malik Alafchtar ſowohl als Keis Son Saad fie 
mitfochten, während Mohammed Ibn Abu Ber nirgends erwähnt 
wird, folglih war er um jene Zeit (Anfangs 837 d. 9.) ſchon in 
Egypten. Wollte man annehmen, daß Keis durch Alaſchtar erfegt 
werden folite, jo müßte Keis erjt nad) der Schladht von Siffin zum 
Statthalter von Gaypten ernannt worden fein, und Ali, was dod 
höchſt unwahrfcheinlich ift, diefes Fand 14 Monate ohne Statthalter 
gelaffen haben. Elmakin felbft fest aber die Entſetzung des Keis 
von der Statthalterihaft von Egypten (5.38) in das Sahr 36. Auch 
darüber find die Traditionen nicht übereinftimmend, doc das iſt von 
geringerer Bedeutung, ob Malik erft nach Mahommeds Tod, oder 
noch bei feinem Leben nah Egypten gejandt wurde. Was endlich 
Elmafin ©. 40 von einem Zuge Muamwia’s, Ibn Abu Softan, nad) 
Egypten berichtet, ift ganz unmwahrfcheinlich, obgleich aud) Abd Alma— 
hafin folgende Tradition anführt: „Nah Othman's Tod beherrfchte 


240 Biertes Hauptflüd. 


feinem Abzuge warnte ihn Keis vor Gewaltthätigfeiten gegen 
die in Charbata verfammelten Egyptier, welche zwar Alt, bis 
zur Entfheidung des Kriegs mit Muawa, nicht buldigen 
wollten, übrigens aber die Ruhe auf feine Werfe ftörten und 
jogar wie bisher ihre Abgaben entrichteten. Mohammed, wel- 
cher jelbft Alt gerathen, Reis, wegen feines Mangels an ener- 
gischen Mafregeln gegen die Charbataner, zu entfegen und 
ihm deßhalb ſogar Zweifel gegen deffen Treue eingeflüftert 
hatte, durfte aber natürlich den Rathſchlägen feines Vorgän- 
gers fein Gehör jchenfen. Er fandte Truppen gegen Char- 
bata und befahl ihnen, die Bewohner dieſes Orts noch ein— 
mal zur Huldigung aufzufordern, und im Falle fie auf ihrer 
Widerfvenftigfeit beharren, Gewalt gegen fie zu gebrauchen. 
Mohammed's Truppen wurden aber zweimal mit Verluft zurück— 
gefchlagen, die bisher neutralen Charbataner, welche nur ihre 
Unabhängigkeit bewahren und fih nicht in die Lage ſetzen wollten, 
heute dieſem und morgen jenem Treue zu ſchwören, machten 
jeßt mit den Anhängern Muawia’s gemeine Sadhe, an deren 
Spitze in Foftat Muawia Ibn Hudeidj, ein Stammgenoſſe 


Mohammed Ibn Ali Hudfeifa (nicht Hanifa wie bei Elmakin) Egyp— 
ten. Sm Schawwal 36 nimmt ed Muamwia. Im Rabia Amwal 37 
kommt Keis Sbn Saad nad) Egypten; nach 4 Monaten und 5 Tagen, 
den 5. Radjab 37, wird er abgefekt. ſalik Alaſchtar follte ihm 
folgen, wird aber, in Kolzum vergiftet. Mitte Ramadhan fommt 
Mohammed Son Abu Beer nah Gaypten und wird den 14. Safar 
38 nach einem Aufenthalte von 5 Monaten erjchlagen. Dagegen 
foricht fhon der Umstand, daß Muamia in Schammwal 36 gegen Ali 
nad) Siffin aufbrac, alfo nicht um diefe Zeit Egypten erobern Fonnte, 
Sc vermuthe, daß bier eine Verwechslung zwifhen Muawia Zbn Abu 
Softan und Muamia Ibn Hudeidj ftatt gefunden; legterer mochte um 
diefe Zeit fih in Eaypten gegen Mohammed Ibn Abi Hudfeifa, der 
für Ali und gegen Othman war, empört, und wenn auch nicht ge- 
rade fih der Herrfchaft bemächtigr, doch einen großen Anhang gefun— 
den haben. Keis unterdrückte dann diefen Aufftand, und darum bot 
Muawia Ibn Abu Softan alles auf, ihm zu gewinnen oder bei Ali 
zu verdächtigen. 


Ari. 241 


des Verräthers Aſchath Ibn Keis ftand. est ſah Alt, bei 
welchem Mohammed um Verſtärkung anbielt, ein, daß er 
Keis Unrecht getban und dag Mohammed ihm zwar vollkom— 
men ergeben, aber feineswegs einem fo fehwierigen Poſten 
gewachſen jet. Da er kaum Über ein Paar taufend Mann 
zu verfügen hatte, fo mußte er um fo mehr fuchen an bie 
Spige der ihm nod treuen Egyptier einen Mann zu ftellen, 
der allein durch Umficht und Thatkraft ein Heer erſetzen fonnte, 
Malik Mafchtar, der Sieger von Siffin, follte dem Chalifen 
die Herrſchaft über Egypten erbalten. Muawia, welcher von 
allem was in Kufa vorging durch feine Spione unterrichtet 
ward, forderte Diabala Ibn Djami' den mit ihm befreunde- 
ten Statthalter von Kolzum auf, Malik Alaſchtar auf feiner 
Durdreife nah Egypten auf irgend eine Weife aus der Welt 
zu ſchaffen. Djabala fam Malik Mafchtar freundlich entge- 
gen, lud ihn ein bei ihm abzufteigen und mifchte Gift in bie 
ihm dargereichten Speifen. Als die Nachricht von Malik Aafch- 
tars Tod nad Damask kam, wurden große Feftlichfeiten veran— 
ftaltet und Muawia nahm über diefen gelungenen Meuchelmord 
Glückwünſche an, als hätte er den glänzendften Sieg auf dem 
Schlachtfelde erfochten. Sobald Malif aus dem Wege geräumt 
war, fehrten aud) die wenigen Truppen, die er mit ftch führte, 
nad) Rufa zurüc, jo daß Amru Jon Aaß jetzt ohne große Mühe den 
Lohn für feine Muawia geleifteten Dienfte ärnten konnte. Er brach 
mit 5000 Mann gegen Egypten auf und fand bei feiner Anz 
funft 6000 Mann unter Muawia Ibn Hudeidf, die Schon 
Mohammed aus FKoftat vertrieben hatten, und ihn fogleich als 
Statthalter Muawia's anerkannten. Amru forderte Mohammed 
auf, fi) zu ergeben, und bot ihm freien Abzug nah Kufa 
an. Mohammed wagte aber noch eine Schlacht, obgleich feine 
Mannihaft faum halb fo ftarf war als die feines Gegners N. 


1) Nah Tab. ©. 24 hatte er nur 5000 Mann, Amru, wie ſchon 
erwähnt, 5000 Syrer und 6000 Egyptier— 
16 


242 Viertes Hauptftüd. 


Da aber feine Truppen nicht lange Stand hielten, mußte 
auch er die Flucht ergreifen und in einer Nuine bei Char- 
bata Zuflucht fuchen ). Sein Bruder Abd Errahman, wel: 
her bei Amru's Heer war, erhielt zwar von Amru ?) deffen 
Begnadigung, aber Muawia Ibn Hudeidj, der davon nichts 
wußte oder nichts wiffen wollte, und ihn in feinem Verſtecke 
fand, erfchlug ihn 3) und ließ ihn in eine Cfelshaut nähen 
und verbrennen H. 

Alt verzweifelte an feinem Glück, als ihm die Kunde 
von dem Berlufte Egyptens und feiner beiden thätigften Ans 
bänger zufam. Er bedurfte des Troftes feines Vetters Abd 
Allah, Statthalter von Baßra, den er deßhalb zu jich berief, 
Während diefer aber in Kufa bei Ali verweilte, brachen das 
felbft Unruhen aus, von Abd Allah Fon Amru Alhadhrami 
zu Gunſten Duawia’s hervorgerufen. Der in Abd Allah’s 
Fon Abbas Abweſenheit commandirende Zijad Jon Abu Sp- 
fian fonnte die Empörung nicht bemeiftern, bis einige Truppen 


1) Nah Masudi f. 216 im Kaum Scarif. 

2) Tab. a. aD. Mit Unrecht ſchreibt daher Flügel ©. 54: 
„eine (Amru's) ſchonungsloſe Härte, die felbft einem Bruder der 
Aiſcha den fchimpflichiten Tod bereitete, balf ihm den Beſitz deſſelben 
(Egyptens) befeftigen.“ Auch Abulfeda ©. 328 läßt Mohammed durd) 
Muawia Jon Hudeidj und nicht durch Amru tödten, ebenjo Elma: 
fin ©. 41. 

3) Bei Abd AUlmahafin Tief’t man: Amru wollte Mohammed 
begnadigen, aber Muamwia Ibn Hudeidj fagte: Ihr habt den braven 
Kinana Ibn Befchr erichlagen, warum foll diefer verschont werden ? 
Ber Tab. wird Kinana Muawia's Sohn genannt und von feinem 
eigenen Vater als Morder Othman's erjchlagen, weshalb er auch 

kohammed nicht veridonen will. Kinanı war aber der Sohn 
Beſchr's und nicht Muawia's, wahrfhbeinlih muren fie Verwandte, 
gewiß ift wenigſtens, Daß fie Stammaenoffen waren und beide von 
dem Gejchlechte Tudjib oder Tadjib, ein Zweig von den Benu Kinda, 
abitammten. Siehe den Kam.ıs bei dem Worte Tudjid und Ma: 
wawi ©. 563. 
A) Ber Tab. ©. 25 wird er in einen Pferdsleib eingenäht, 


Ali. 243 


aus Kufa anlangten, an deren Spitze er dann die Rebellen 
zu Vaaren trieb und Abd Allah nebft TO feiner Anhänger in 
einem Schloffe verbrannte, in welches er fich geflüchtet hatte N). 
Bald darauf zerftreute derfelbe Zijad auch eine andere Schaar 
Rebellen, welche ſich an der perfiihen Grenze berumtrieb und 
verfolgte fie bis Ram Hormus, doch ward ihr Dberhaupt 
Harith Fon Raſchid nur durch Verrath gefangen ?). Zijad 
ward mit der Statthalterfchaft von Farfiftan belohnt, wo es 
ihm gelang, die Ruhe und Drdnung zu erhalten und Alt die 
Anerkennung als Chalifen zu verfchaffen. Während aber in 
Perfien Ali's Herrfchaft fih von Neuem befeftigte, ward ihm 
in den übrigen Theilen des Neiches eine Provinz nach der 
andern entriffen, weil es ihm nicht möglicd war, bie lauen 
und friegsmüden Irakaner zu bewegen, feinen, von Muawia’s 
Schaaren bedrängten Statthaltern zu Hülfe zu fommen. Nu’: 


an ?). Malik Ibn Kaab mußte fih mit hundert Mann, die 
bei ihm ausharrten, in die Citadelle werfen und eine Bela- 
gerung von einem ganzen Monate aushalten, ohne dag Alt 
im Stande war, Die Belagerer zu vertreiben. Diefe wichtige 


1) Abd Almahafin und Tab, ©. 25. Nach Legterm war er 
son Muawia mit 4000 Mann abgefandt und wird von Ajan Ibn 
Mudjaſcha mit 500 gefhlagen. Daß aber Muamia jest ſchon es 
gewagt haben follte, Truppen bis Baßra zu fchiefen, ift nicht glaub: 
lich, wahrſcheinlich hatten fih nur Unzufriedene aus Baßra und der 
Umgebung um Alhadhrami gejammelt. Won Zijad, dem Sobne 
Abu Sofian's, der für Ali foht, wird weiter unten die Rede fein. 

2) Er lieg ihn durch Mifal mit 500 Mann nab Ram Hormus 
verfolgen, Harith war aber ſchon meiter geflohen, ald Mi'kal dahin 
Fam. Mi'kal jandte ihm einen Boten nad und ließ ihm fagen: ich 
fomme, um mid mit dir zu verbinden, laß ung gemeinfchaftlic 
Othman's Blut rähen! Harith begab fib hierauf zu Mi'kal, der 
ihn ſogleich feitnehmen und tödten ließ, und feinen Kopf Ali fandte. 
Tab. a.a. D. 

8) Abulfeda ©. 328. 

16 * 


244 Biertes Hauptftüd, 


Grenzveſte zwiſchen Eyrien und Mefopotamien wäre verloren 
gegangen, wenn nit Muhnif Ibn Suleiman, ein waderer 
Beduinenhäuptling, die Truppen Muawia’s dermaßen in 
Schrecken geſetzt bätte, daß fie die Belagerung aufhoben und 
nad Syrien zurüdfehrten ). Softan Jon Auf unternahm 
auf Muawia’s Befehl einen Raubzug gegen Hit, wo gar 
feine Beſatzung lag, dann gegen Anbar, wo ohngefähr 500 
Mann waren, die größtenteils, fobald fie den Feind anſichtig 
wurden, die Flucht ergriffen, Jetzt erit ftellten jih endlich 
1000 Dann unter die Fahne des Keis Ibn Saad, welde 
die Irakaner gegen weitere Ausplünderung und Berheerung 


fhüsten 2). 


1) Abd Almahafin und Tab. ©. 26. Bei Lerterm irrig: Nu’ 
man Ibn Schiraf, auch berichtet er: Muhnif habe nur 50 Mann 
bei fih gehabt. Als fie Nu'man gegen Abend heranjprengen fah, 
glaubte er, es kämen Hülfstruppen aus Kufa und zog fich daher in 
der folgenden Nacht zurück. Auch läßt er vorher Malik mit feinen 
100 Mann einen Ausfall mahen und den ganzen Tag gegen Nu’ 
man fämpfen, 


2) Bon einer Plünderung Madain’s ift weder bei Tabart, noch 
bei Abd A Mahaſin die Rede, nur bei Abulfeda a. a. D. und aud) 
da heift es nur: Sofian ward gegen Hit, Anbar und Madain ges 
fandt, nicht aber duß er wirklich nach ſezterm Orte gelangte. Ali's 
Stutthalter von Anbar, Aſchras Ion Haſan, kämpfte mit nur 200 
Mann bis zu feinem Tode. Alt ging allein nah Nucheilah, ald er 
die Plünderung von Anbar vernabn, dies bewog endlich die Kufaner, 
ing Feld zu ziehen. Tab. a. a. DO. Sn der Rede, welbe Ali in 
Nucheilah gehalten haben foll, und die, wenn auch nicht dem Buch: 
Haben, doch dem Innalte nach, alle Merkmale der Aechtheit hat, 
heißt es unter Anderm: „Sch babe euch bei Tag und bei Nacht, ge: 
heim und öffentlih aufgefordert, dieſe Leute zu befimpfen, ehe fte 
euch mit Krieg überziehen. Ber dem, in deifen Hand meine Seele 
fiegt, nie ift ein Volk ohne Erniedrigung im Herzen feines Landes 
angeariffen worden, doch feid ihr ftets dem Kriege ausgewichen, habt 
mic verlaffen und meine euch läſtig gewordenen Moıte hinter eure 
Nücken geworfen, bis euch mehrmals der Feind überfallen... Wie 
wunderbar! jene Leute erfehten Siege trog ihrem Unrecht und ihr 


At, 245 


Auch in Teima 1), einem Orte in der arabifchen Wüſte, 
ohngefähr in der Mitte zwiichen Damasf und Meffa, fonnte 
jegt Alt die Syrer fchlagen, welche unter Abd Allah Ibn 
Masad dort für Muawia Steuern einfammelten. Aber Mufib 
Fon Nabba, der an der Spitze der Irakaner ftand, benukte 
feinen Sieg nit. Er verbot nicht nur feinen Truppen, ten 
flühtigen Feind zu verfolgen, fondern ließ auch Abd Allah 
Ibn Masad felbft entichlüpfen, der fich in ein Schloß geflüchtet 
hatte, das die Irakaner in Brand ftedten 2). Dhahhak Ibn 
Keis, welcher im Hedjas mordete und plünderte und den Pil— 
gern den Weg nad Mekka verfperrte, ward von Hudjr Ibn 
Adij geichlagen, den Ali mit 4000 Mann gegen ihn fhidte, 


fäumet, für Recht zu kämpfen! Rufe ih euh im Winter unter die 
Waffen, jo faget ihr, das ift eine Zeit der Kälte und des Froftes. 
Will ib euch im Sommer gegen den Feind führen, fo ſaget ihr: 
jegt ift die Hise am drücdendften, warte, bis es Fühler wird! Wenn 
ihr aber vor Hise und Kälte euch fürchtet, fo werdet ihr, bei Gott! 
das Schwert noch viel mehr fürdten. D ihr, die ihr wie Männer 
ausſehet, aber Feine Männer feid! ihr Menſchen von gemeiner Ge— 
finnung und mweiblibem Berftande! Shr habt Durch euern Ungehor— 
fam meinen Herrn gegen mich erzürnt und mich mit jolbem Grimm 
erfüllt, daß die Kureijchiten fagen: Der Sohn Abu Talib’s (Alt) 
ift ein tapferer Mann, aber er verfteht nicht, Krieg zu führen, (Gott 
fei für fie gepriefen!) wer ift friegsfundiger und erfahrener als ich, 
der ih por meinem zmwanzigiten Sahre ſchon ins Feld zog und jest 
ſechzig zurückgelegt? mer aber feinen Gehorjam findet, wenn er 
zum Kriege aufruft, der Fann aud Feine Siege erfechten.“ Vergl. 
Reiskiı Adnotat. ad Abulf. p. 67. 

1) Abulfeva ©. 328 und ausführlich bei Abd Almahafin und 
Tab. ©. 26. Lesterer nennt Hama, bemerkt aber dazu, „ein Drt 
an der Grenze von Syrien und der arabiihen MWüfte, auf dem Wege 
nah Mekka,“ fo dab man wohl fieht, daß ed „Teima“ heißen foll. 

2) Ber Abd Almahafin heißt es: Abd Grrahman Ibn Schabib 
klagte Muſib als Verräther an. Bei Tab. a. a. D.: Als das Schlof, 
in welches fih Mufib geworfen, zu brennen anfing, bat Abd Allah 
Son Masad um Gnade. Mufib beanadiate ihn und die Geinigen, 
meil fie, wie er ſelbſt, aus dem Stamme Fazara waren, 


246 Viertes Hauptftüd, 


Dod bald darauf ging Arabien für Alt aufs Neue verloren, 
Muawia fandte nämlich zuerft Jezid Ibn Schadjarah, zur 
Zeit der Pilgerfahrt, nah Mekka. Ali's Statthalter Kutham 
Yon Abbas forderte die Mekkaner auf, fih feinem Einzuge 
zu widerfegen, aber die Meffaner wollten ſich in feinen 
Krieg auf ihrem Gebiete einlaffen, doc weigerten fie fich, 
Jezid ald den Emir der Pilgerfahrt anzuerfennen, fondern 
ernannten als folchen Scheibahb Fon Dihman ). Im Jahre 
40 der Hidjrab aber fandte Muawia Beſchr Fon Urtah mit 
einem ftärfern Heere zuerft nad) Medina. Abu Ejub, Ali's 
Statthalter, Fonnte ihm feinen Widerftand Teiften und fuchte 
in der Flucht nad Kufa fein Heil). Beſchr beftieg dann 
die Kanzel und ſprach: „D ihr Aufiten und Chazradjiten! wo 
ift der ehrwürdige Greis, der einft an diefer Stelle ftand ? 
Bei Gert fürdtete ih nicht Muawia, meinen Gebieter, ic) 
würde feinen von euch beim Leben laffen ?), doch nur, wenn 
ihr ohne Widerfireben Muawia huldigt, follt ihr Gnade fins 
den.’ Diefe Drohung bewog alle Meedinenfer, Muawia als 
Chalifen anzuerfennen. Beſchr ernannte hierauf Abu Hureira, 
einen der älteften Gefährten Mohammed’s, zum Statthalter 
von Medina ®) und brad) nad) Meffa auf, wo er tenfelben 
Erfolg hatte, denn Kutham ergriff die Flucht, fobald die Syrer 


1) Abd Almahafin und Tab. ©. 27. Ueber Scheibah, welder 
Skhlüffelbewahrer der Kaaba war, f. Leb. Moy. ©. 219 u. 233. 

2) Abulfeda ©. 350. 

3) Abd Almahafin und Tab. a. a. O. Lesterer erzählt: Djabir 
Son Abd Allah, ein Hülfsgenoſſe, fragte Umm Salama um Rath. 
Obgleich dieſe Mutter der Gläubigen (Gattin des Propheten) aber 
feloft Ali gehuldigt hatte, rieth fie ihm und ihren Leuten doch ihn 
aufzugeben, indem fie faate: Die Sache wird doch zu Gunften Mua- 
wia's enden, ftürze dich und die Deinigen nicht in den Abgrund! 

4) Tab. a. a. D. Abu Hureira war einer der gelehrteften 
Sünger Mohammed’s, der jtetd in feiner Umgebung lebte (ſ. Leb. 
Moh. ©. 450 u. 451), und doch fehloß er ſich den Feinden Ali's an, 
weil er ihn für den Mörder Othman's hielt. 


Ati. 247 


das Gebiet von Mekka betraten, und felbft Abu Mufa bul- 
digte, fobald ihm Beſchr Muawia's Gnade zuficherte ). Bon 
Meffa zog Beihr nad) Yemen und vertrieb Abd Allah Fon 
Abbas ?) aus diefem Lande, welchem Ali die Statthalterfchaft 
von Baßra entriffen, weil er die Staatöfaffe nicht mit Ge— 
wiffenhaftigfeit verwalter 3). Alt war zulegt auf den Beſitz 
von Fraf und Perſien allein beſchränkt und felbft erfteres Lund 
war vor den Einfällen der Syrer nicht fiber. Muawia felbit 
foll fogar e8 gewagt haben, einen Streifzug bis an den Tigrig 
zu unternehmen und mehrere Tage in Moßul zu verweilen ?). 
Am fchmerzlichiten war aber für Alt der Verratb feines eig— 
nen Bruders Afil, der zu dem glücklichen Muawia überging °). 


D „Er wollte fliehen,” heißt es bei Tab. a. a. D., „denn er 
fürchtete fih vor Muawia. B:fchr lieg ihn anhalten und fragte ihn, 
warum er nicht bleiben gemollt? Er antwortete: ich fürct:te, du 
fiegeft mich umbringen. Darauf verjegte Beihr: Muamta hat mir 
verboten, einen der Gefährten des Propheten zu tödten. Komm und 
huldige! Abu Muſa huldigte.“ 

2) Er flüchtete ſich mit ſolcher Eile, daß er feine beiden jungen 
Söhne zurüdlieg, die in Berchr’s Hand fielen und nebft dem Ka: 
meeltreiber, der fie retten wollte, getödtet wurden. 

3) Abu Aswad Adduli klagte ihn bei Alt an, er habe zu wie: 
derholten Malen Geld aus dem Staatöfhage genommen. Alt gab 
ihm einen Verweis und verlangte Rechenſchaft von ihm. Gr fühlte 
ſich beleidigt und bat Alt, einen andern Statthalter zu ernennen. 
(Tab. © 23.) Darauf werden verjchiedene andere Gründe über Abd 
Allah's Ungnade angeführt, tocb ung genügt nur zu willen, dag Alt 
jeloft mit feinem Vetter und treueften Ruthgeber fih in der legten 
Zeit nicht mehr vertragen fonnte. Vergl. au Abulfeda ©. 34. 

4, Abd Almahafin und Tab ©. 27. 

9) Tab. ©. 28. Gr bemerkt jedoch, daß er dies bei Tab. felbft 
(in arab. Urterte) nicht gefunden, aber in andern Büchern, und führt 
einige Verſe an, welche Alt, als er davon Kunde erhielt, gedichtet 
haben foll. Nah Abulfeda S. 344 war Akil fhon in der Schlacht 
von Siffin bei Muamıa und als diejer ihn fraate: willft du wirklich 
mit uns fechten? antwortete er: Gewiß, ich hielt es ja am Schladht- 
fage von Bedr auch mit euch, 


248 Viertes Hauptftüd, 


Ali bat jest um Frieden und wollte gern auf Egypten und 
Syrien verzichten ), aber Muawia war feines Sieges zu 
gewiß, um nadzugeben, obgleich Medina wieder von Ali's 
Feldherren genommen ward ?), Djaria Ibn Kudama einen 


1) Tab. ©. 27, der zwar noch eine Tradition -hinzufügt, der: 
zufolge Muawia um Frieden gebeten haben yoll. Auch fol Muawia 
mit Ali's Anträgen zufrieden gemwejen fein, aber die fortgejegten 
Feindjeligfeiten bemeifen das Genentheil. Bei Masudi f. 224 wird 
auch ein gewiß unächter Brief Muawia's an Alt angeführt, in wel: 
chem es unter Anderm heißt: „Hätten wir gewußt, daß der Krieg 
zwijhen uns jo weit fommen würde, jo hätten wir ihn gewiß ver: 
mieden. Haben wir ung aber auch fo weit von unjerer thörichten 
Leidenſchaft hinreifen laſſen, fo iſt doch noch immer Zeit, ihr Einhalt 
zu thun und Frieden zu jehliegen. Sch habe Syrien von dir ge— 
fordert und noch heute wiederhole ich diefe Forderung. Deine Hoff: 
nung auf Senfeits iſt nicht größer als die meinige, meine Furcht 
vor Gottes Strafe nicht geringer als die deinige. Bei Gott! die 
beften Männer find dahin. Sind wir nicht Beide Söhne des Abd 
Menaf? Keiner von ung übertrifft den Andern an edler Abfunft 
u. f. w. 

Alt foll darauf geantwortet haben, daß auch er betauere, daß 
der Krieg fhon fo viele Menjchen gefoftet und daß ed gut wäre, 
ihm jest wenigſtens Einhalt zu thun. Dann führt er aber fort: 
„Syrien überlajfe ich dir heute eben fo wenig als früher. Was 
unjere gleihe Furcht und Hoffnung angeht, fo weiß ich nur, daß ich 
meiner innerften Heberzeugung gemäß handle, und daß den Srafanern 
das Senfeits theurer it, ald den Syrern ihr Heimatland. Allerdings 
ffammen wir Beide von Abd Menaf ab, aber Omejja tft nicht gleich 
Hafbim, Harb ſteht tief unter Abd Almuttalib, Abu Sofian ift aud) 
nicht mit Abu Talib zu vergleichen, eben fo wenig ein als Heide Ge— 
fangener, dem man die Freiheit gejchenft, mit einem Auswanderer 
und nicht einer, der den Propheten Lügner genannt, mit dem, der 
ihn als wahr erfannt.“ Ali ftammte nämlih von Abd Menaf dur 
Abu Talib, Abd Almuttalib und Haſchim, Muawia durh Ubu So— 
fian, Harb, Omejja und Abd Schems. Letzterer wird hier nicht ge: 
nannt, mwahrjcheinfich aus Ehrfurcht vor Haſchim, deſſen Bruder er 
war, Abu Sofian befehrte fich befanntlich erft Burg vor der Einnahme 
von Mekka, ald Dmar’d Schwert über feinem Haupte ſchwebte. 
Bergl. Led. Moh. ©. 11 u. 215. 

2) Abd Almahafin und Tab. a. a. DO. Harith Ihn Kudama 


Ali. 249 


Theil von Jemen wieder eroberte und Schabib Ibn Amir 
Streifzüge bis gegen Raffa und Balbek machte, zu denen fich 
die Irakaner eher als zum Kriege, der feine Beute verſprach, 
bergaben ). Diefer Zuftand des gegenfeitigen Mordens und 
Raubens Laftete fo fchwer auf den islamitiſchen Völkern, daß 
endlich drei entichloffene Männer fih zum Heil des Rei: 
des gegen feine drei größten Feinde, Ali, Muawia und 
Amru, die Urbeber aller über die Araber hereingebrochenen 
Drangfale, verfhworen. Der Eine war Abd Errahman Ibn 
Muldjam, aus dem Stamme Murad, ein Epyptier, der zur 
Zeit des Aufruhrs gegen Dibman nach Medina gezogen war 
und ſich fpäter in Kufa bei den Benu Kinda niedergelaffen 
batte, von denen viele als Chawaridj bei Nahrawan gefallen 
waren 2). Der Andere hieg Mubaraf 3) Jon Abd Allah aus 
dem Stamme Temim und der Dritte, aus demfelben Stamme: 
Amru Fon Bekr. Diefe drei Männer ſchwuren bei dem hei— 
ligen Tempel zu Mekka dem Bürgerfriege unter den Mufel- 
männern, welder nicht nur mit dem Schwerte auf dem 
Schlachtfelde, fondern auch durch gegenfeitige Berwünfchungen 
auf der Kanzel?) geführt wurde, durch den Tod ber drei 
Männer, deren Herrfchfucht fo viel Unheil geftiftet, ein Ende 
zu ſetzen. Abd Errahman Ibn Muldjam, der ein Piebesver- 
hältniß mit einem Mädchen hatte >), deren Bater und Bruder 


und Wahb Son Masud nahmen Medina mit 4000 Mann und Abu 
Hureira hielt ſich verſteckt, dann entfloh er. 

1) Abd Almahaſin. Alt fol indeffen feinen Leuten verboten 
haben, etwas anderes ald Waffen und fonftiges Kriegsmaterial zu 
rauben. 

2) Tab. S. 3l. 

5) So bei Tab. und Elmafin a. a. D., bei Andern heißt er 
Buraf. 

4) Muamia verfluhte Ali, feine beiden Eöhne, Abd Allah Son 
Abbas und Keis Son Saad, Ali verwünſchte Muawia, Amru Son 
Ya, Abul-Amar und Dhahhak Son Keis. 

5)» Sie hieß nah Tab. Katam Bint Kisma. Als Abd Erxrah— 


250 Viertes Hauptſtück. 


in Nahrawan gefallen, verpflichtete ſich Ali aus der Welt zu 
ſchaffen, Mubarak Jon Abd Allah übernahm es, Muawia zu 
tödten und Amru Ibn Aaß ſollte durch Amru Ibn Bekr er— 
mordet werden. Um deſto ſicherer ihre Opfer zu treffen und 
weil bei einer großen Volksmaſſe eher Hoffnung zu entſchlüpfen 
war, beftimmten fie einen Freitag im Ramadhan, wo voraus— 
zufehen war, daß alle drei Emire die Mofchee befuchen wür— 
den. Alle drei follten an einem Tage fallen ), damit nicht 


man um fie warb, forderte fie ald Morgengabe 3000 Dirham, einen 
Sklaven, eine Sflavin und Ali's Kopf. Er fagte: das follft du 
haben, denn ich bin gefommen, um Alt zu tödten. Sie machte ihn 
dann mit Wardan und Schabib Ibn Nahma befannt, von denen fie 
wußte, daß fie gleihfalld Alt nach dem Leben trachteten. Daffelbe 
lieft man im Chamis, wo noch ein Gedichtchen angeführt wird, in 
welchem es heißt, daß nie ein Tapferer eine Morgengabe entrichtet, 
wie Ibn Muldjam feiner Geliebten Katam. 


1) So bei Tab., Abulfeda, Elmakin und Andern, bei 3. Abd Al: 
bafam, welcher jedoh als die ältere Quelle eine befondere Berück— 
fihtigung verdient, ift bei dem Mordverfuche gegen Muamia und 
Amru von Ali gar Feine Nede, fondern Habıb Son Maslama, einer 
der bedeutendften Keldherren Muawia's, von dem ſchon bet der 
Schlacht von Siffin die Rede war, wird ald der dritte genannt, wel— 
cher ermordet werden follte. Die Ermordung Ali's wäre demnad) 
als eine vereinzelte Thatfuche zu betrachten, von eınem fhmärmertjchen, 
rachſüchtigen, oder von feiner Geliebten zur Rache aufyeftachelten 
Sharidjiten vollbradht. Die Mordverjuche gegen Muawia, Amru und 
Habib aber gingen von Anhängern Ali's aus, und zwar, wie J. Abd 
Alhakam ausdrücklich bemerft, „nachdem man Muawia ſchon als 
Shalifen gehuldigt Hatte,“ alfo nah Ali's Tod und Haſan's Abdan— 
fung, denn bis dahin hatte er fih nur „Emir von Syrien“ genannt, 
Nach diefer Tradition, welche von Zuhri herrührt, ward Charidja 
nicht in Gaypten, fondern in Syrien ermordet, wo er zufällig war 
und von einem der drei Verjchworenen für Amru gehalten ward, 
der demnad auch zu jener Zeit fih in Damask aufhalten mußte, 
Auch in den übrigen Quellen findet eine Meinungsverfchiedenheit 
darüber ftatt, ob Charidja an Amru's Stelle in Eaypten ermordet 
ward, denn manche nennen Suhl, f. Tab. ©. 29 und Chamis, wel- 
her fagt: einige behaupten, nicht Charidja von den Benu Sahm, 


Ali. 251 


durch die Nachricht der Ermordung des Einen der Andere 
Vorſichtsmaßregeln ergreife und die Plane der übrigen Ver— 
ſchworenen vereitle. Darum verabredeten ſie, daß am 15. 
Ramadhan des Jahres 40 der Hidjrah, welcher ein Freitag 
war, die That der Nahe und Befreiung zugleih in Kufa, 
Foſtat und Damasf vollbradht werden follte. Aber nur Alt 
fiel als Opfer der VBerfhwörung, weil Abd Errahman Ibn 
Muldjam nod zwei Männer fand, die ihn in feinem Unter— 
nehmen unterftügten, Mubaraf ward von den Syrern ergriffen, 
noch ehe er Muawia tödtlih verwundet hatte, und Amru Ibn 
Befr erfchlug ftatt Amru Jon Aaß, der an dieſem Tage 
wegen Unpäßlichfeit zu Haufe blieb, Charidja Ibn Hubfafa, 
den Dberften feiner Leibwadhe. Als man Abd Errahman 
fragte, was ihn zu feiner ruchlofen That veranlaßt, antwortete 
er: Alt hat ſchon längſt den Tod verdient wegen des vielen 
Dluts, das er vergoffen. Alt, welcher noch zwei Tage lebte, 
lieg den Mörder einfperren und befahl feinem Sohne Ha- 
fan, ihn nad feinem Tode hinrichten zu laffen, aber diefer 
lieg ihn, fobald Ali das Leben ausgehaucht hatte (17. Ra— 
madhan 40 — 21. Januar 661) H, aufs graufamfte ver- 


federn Sahl Alamiri ward an Amru’s Stelle erfchlagen. Gegen 
die Quellen, welche eine Verabredung der drei Verſchworenen gegen 
Muawia, Amru und Alt annehmen, fpricht eine Tradition, welde 
Tab. a. a. D. anführt, derzufolge Abd Grrahman zu Haſan jagte: 
tödte mich nicht, bis ich dir das Chalifat zugefihert, laß mich nad) 
Damnsf gehen und Muamia tödten, dann ftelle ich mid) wieder bei 
dir ein. Ber Abd Almahafin ſagt er ſogar: ich habe bei der heiligen 
Mauer geſchworen, Alı und Muamia zu tödten. Es iſt alfo nicht 
unwahrfheinlih, daß, da Ali wirklich ermordet worden und gegen 
Muamia und Amru Mordverjuche ftatt gefunden, man erft fpäter 
dieſe vereinzelten Thatfahen in Zufammenhang bradte. 

1) Es if auffallend, daß die meiften orientalischen Quellen 
zreitag den 17. Ramadhan als den Tag nennen, an welchem Ali 
vermundet ward, während der 17. Ramadhan des Sahres 40 ein 
Conntag war. Wahriheiniih ward ter Todestag, welcher am 17. 
war, fpäter mit dem Tage der Verwundung verwechſelt. Sch nehme 


252 Viertes Hauptſtück. 


ſtümmeln. Doch ſtarb Abd Errahman einen wahren Helden- 
tod. Während man ihm Hände und Füße abſchnitt und die 
Augen mit glühendem Eiſen ausſtach, betete er innbrünſtig, 
ohne einen Seufzer auszuſtoßen. Erſt als man ihm die 
Zunge ausſchneiden wollte, ſchrie er: laſſet mich doch beten, 
fo lange noch Leben in mir iſt I! 

Ueber Ali's Begräbnißplag fchmwebt ein Dunkel. Manche 
behaupten, er fei in Kufa felbft beerdigt worden, andere in 
Nadjaf, einem Begräbnißplage außerhalb der Stadt Kufa. 
Manche berichten, Hafan habe feine Leihe nah Medina brin- 
gen laſſen. Das Wahrfcheinlichite ift, daß er nach Medina 
gebracht werden follte, Muawia aber ihn entführen und an 
einem unbekannten Orte in der Wüſte beerdigen ließ, damit 
fein Grab nicht ein Gegenftand der Verehrung und ein Sams 
melplas der Unzufriedenen werde ?). Auch über Ali's Le- 


um fo weniger Anftand, den 15. anzugeben, als alle Quellen einen 
Kreitag nennen, mährend doch über den Tag des Monats Feine 
Stimmeneinheit herriht. So Tieft man bei Masudi f. 217: nad 
Ginigen ward Ali am 21. erfchlagen, eben jo im Chamis. Bei 
Befri lieft man: „Ali lebte noch Freitag und Samſtag und ftarb 
in der Naht von Samftag auf Sonntag, den 21. Ramadhan des 
Sabres 40. Nach Andern ward er am Freitag getödtet, nach Andern 
Freitag den 19., nach Wafidi den 10. Ramadhan in der Nacht von 
Donnerftag auf Freitag.“ Daß der 15. Ramadhon ein Freitag mar 
und dem 22. Sanuar 661 entipriht, Fann man aus dem »art de 
verifier les dates« erjehen und dennoch haben die zwei deutichen 
Drientaliften, welche zuletzt über Alt gejchrieben, faljhe Data, v. Ham— 
mer nennt (Gemäldefaal ©. 344) den 31. Auguft 661 und Flügel 
(a. a. D. ©. 55) Ausgangs Februar 661. 

1) Chamis. Ali's Tochter Umm Kolthum fagte ihm: jest iſt 
meinem DBater wohl, dir geht ed aber fchlecht. Darauf verfegte er: 
wenn du deifen jo gewiß bift, warum meinft du denn io? 

2) Zu diefer Vermutbung veranlaßt mich bejonders Abd Alma: 
hafın, bei dem es heißt: „Ali's Grab ift unbefannt, er follte nach 
Medina gebracht werden, aber die Beduinen, melde glaubten, die 
Kifte, in welcher er lag, enthalte Gold, zogen damit in die Wüſte.“ 


Ali. 253 


bensdauer weiß man nichts Gewiffes, obſchon die meiften 
Mufelmänner ihm ein Alter von 63 Jahren beilegen, weil 
fie offenbar, wie dies auch bei Dmar und Abu Bekr der Fall 
war, unter den verjchiedenen hierüber curfivenden Ueberliefe— 
rungen die wählten, welche diefen Chalifen daffelbe Alter gibt, 
das Mohammed feldft erreicht haben fol. Die Zahl der 
Frauen, weldhe Alt nah dem Tode feiner erften Gattin D), 
der Tochter Mohammeds, noch heirathete, wird auf neun an— 
gegeben und die feiner Sflavinnen oder Beifchläferinnen auf 
neunzehn 2), jo daß wir auch hier wieder fehen, dag Alt kei— 
neswegs fo unempfänglich für irdiſche Freuden war, wie feine 
Panegyrifer behaupten und man nad einzelnen Sprüchen, bie 
unter feinem Namen fich) bis auf unfere Zeit erhalten haben 3), 


Vielleicht blieb er aber in der That bei Kufa begraben und fuchte 
nur Muamwia falihe Gerüchte über jeinen Begräbnißplatz zu ver: 
breiten. ©. auch Abulfed. ©. 338. 


1) So lange Fatima lebte, ſchloß er Feine zweite Che. Er zeugte 
fünfzehn Söhne, von denen 14 ihn überlebten, und acszehn Töchter, 
von denen mehrere Sklavinnen zu Mütter hatten. Somohl durd 
diefe Töchter, als durch fünf feiner Söhne pflanzte fi fein Ge: 
fhlecht fort Shre für die fpätere Gefchichte wichtigen Namen was 
ren: Hafan, Hujein, Muhammed Son Hanifa, Amru und Abbas. 
Tab, © 31. Vergl. auch Abulfed. ©. 339 u. 310, Nawawi ©. 442, 


2) Sujuti ©. 197. Tabari gibt ihre Zahl nicht an, do erhellt 
aus obigem Citate, dag er mehrere Beifhläferinnen hatte. 


3) Die neuefte und befte Ausgabe diefer Sprüche führt den 
Titel: Ali's 100 Sprüche arabiſch und perfiih paraphrafirt von Re- 
ſchideddin Watwat, nebft einem doppelten Andange arabifcher Sprüche, 
herausgegeben, überfegt und mit Anmerkungen begleitet von M. 9. 
L. Fleiſcher. Leipz. 1837. 4. Ob diefe Sprüche wirklib von Ali her: 
rühren, it ſchwer zu ermitteln, wahrjceinlicher ift, daß irgend einer 
feiner Anhänger die fhönften ihm befannten Sprübe Ali zuichrieb, 
wie ja auch fo manche von Mohammed, Abu Beer und Omar nad: 
erzählt werden, deren Authenticität vielen Zweifeln unterliegt. Ge: 
wiß ift, daß einzelne Sprühe nicht von Ali herrühren. So z. B. 
der Sechſte: „mer fich felbft erkennt, der hat dadurch auch Gott ers 


254 Biertes Hauptftüd. 


glauben follte. Wir fünnen überhaupt bei der Beurtheilung 
der vier erften Chalifen, befonders aber bei der Ali's, in fei- 
nem Berhältniffe zu Muawia, nit genug auf unferer Hut 
fein, gegen die Maffe erdichteter Traditionen, welche von den 
Mufelmännern zu feiner Bertheidigung und Verherrlichung 
gebraucht wurden. Wir dürfen feinen Augenblick vergeifen, 
daß alle Ueberlieferungen über die Gefhihte Mohammeds 
und der erften Chalifen erft im zweiten Jahrhunderte der 
Hidjrab unter der Herrfchaft der Abbaffiden gefammelt oder 
gefchmiedet wurden, Für dieſe war eg aber eine Lebensfrage, 
die Dmejjaden und befonders Muawia, den Gründer diefer 
Dynaftie, als Ufurpator darzuftellen und wenn auch nicht Ali's 
Rechte, doc) die des Prophetengefchlehts gegen ihn in Schuß 
zu nehmen. Welchen Glauben verdienen alle angeblichen Aus- 
fagen Mohammeds zu Gunften Alt’s, wenn ihm unter Andern 
auch in den Mund gelegt wird, „daß das Chalifat nur drei- 
Big Jahre dauern, nachher aber nur noch ein irdiſches Reich 


kannt,“ welcher Mohammed ſelbſt angehört; ebenſo der 66te: „die 
Weisheit iſt das verlorene Kameel des Gläubigen,“ d. h. der Gläu— 
bige ſucht ſie auf, wie ein entlaufenes Kameel von ſeinem Beſitzer 
aufgeſucht wird. Bei Manchen iſt wenigſtens der Gedanke nicht neu. 
Sp im 78ten: „Wohlthaten ſchneiden die Zunge ab.” Dieſen Aus: 
druck gebraucte fehon Mohammed, als er den Dichter Abbas Ibn 
Mirdas beftach, inden er faate: Gebet ihm, bis er zufrieden iſt und 
fhneidet ihm damit die Zunge ab! (©. Leb. Moh. ©. 210) Ebenſo 
iſt der Tte einem Verſe Zuheir's entnommen, in welchem es heißt: 
„Der Menſch befteht aus feinen zwei Fleinjten Theilen: Zunge und 
Herz, denen dann der fromme Samäachſchari im Tdten Sprucde der 
goldnen Halsbänder Glauben und gute Werke entgegenftellt. Daß 
die unter Ali's Namen verbreiteten, ebenfalls in Europa ſchon be— 
Fannten Gedichte, nicht Ali zum DVerfaffer haben, ift fhon von Schul- 
tens und Reiske dargethan worden. Auch Sujuti zum Mughin jagt 
ausdrüdlih, Ali babe in feinem ganzen Leben nur zwei Verſe ge— 
dichtet. (S. Ali ben Taleb Carmina arab. et lat. ed. Gerardus Kuy- 
pers. Lugd. Bat. 1745. und dazu nova acta erudit, an. 1745. pag. 
535 —40.) 


Ali. 255 


beſtehen wird )2“ dag er Ali vorausgeſagt, daß er umge— 
bracht wird und ihm ſogar das Jahr, den Monat und die 
Nacht feines Todes angegeben ?)? Wäre Alles, was an 
Ali gelobt wird, wahr 3), fo bliebe es unbegreiflih, wie Abu 
Ber, Dmar und Othman ihn zu verdrängen im Stande 
waren und wie, felbft nachdem er zum Chalifen erwählt wor= 
den, ſich nicht nur der herrſchſüchtige Talha und Zubeir, ſon— 
dern andere Gefährten des Propheten, welche faft in dem— 
felben Maaße wie Alt gelobt werden, ihm die Huldigung 
verweigerten. Zu bdiefen gehörte, wie fchon erwähnt, Saad 
Ibn Abi Waffag, einer der zehn, denen Mohammed das 


1) Abulfeda ©. 350. 

2) Nawawi ©. 440. Dann wird nod hinzugefekt: ald er ging 
um das Morgengebet zu verrichten, ſchrieen ihm Gänſe entgegen 
und ald man fie fortjagte, fagte er: lafjet fie, denn fie beflagen 
meinen Tod (wörtlich: jie find Klagemeiber, das heißt Frauen, welche, 
[nad arabiſcher Sitte] über meinen Tod Schmerzenstöne ausftoßen). 
Auch im Chamis lieft man: Ein Mann aus dem Stamme Murad 
(dem Ali's Mörder angehörte) warnte Ali, aber er faate: jeder 
Menih bat zmei Engel, die ihn bewachen und vor Unglück befhügen, 
bis zu feiner Todesitunde, dann aber verlajfen fie ihn und alle Bor: 
ficht bleibt vergebens. Auch mußte er die Thüre feines Haujes mit 
Gewalt öffnen und als er ſchon auf der Straße war, konnte er nicht 
meiter gehen, weil fein Nermel zwifchen der Thüre hängen geblieben 
u. dergl. mehr. 

3) Mohammed foll ihn feinen Vezier genannt und erkfärt ha- 
ben, daß wer Gott liebt, auch ihn Iteben müffe, und dag nur Heuchler 
ihn haffen fönnten. Ferner ſoll Mohammed ihn feinen Bruder in 
diejer und jener Welt und die Pforte der Wiſſenſchaft genannt ha— 
ben. Als Beweis von Ali's Abſcheu vor weltlichen Genüffen wird 
fein Spruch angeführt: die Welt ift ein Aas, wer darnach gelüftet, 
der ſei darauf gefaßt, mit Hunden Gemeinjchaft zu haben. Als 
Bemeis feiner Freigebigfeit: ich binde mir vor Hunger einen Stein 
um den Leib, während ih täglich 4000 Dinare Almojen gebe. (Ma- 
wawi ©. 437 u. ff.) Indeſſen ift bekannt, daß Ali erft durch den 
in Baßra erbeuteten Schag in den Stand gejegt ward, feinen Trup— 
pen ihren Sold zu zahlen, 


256 Viertes Hauptſtück. 


Paradies prophezeiht, Muhammed Ibn Maslama, der ſowohl 
bei Bedr als bei Cheibar ſich rühmlich ausgezeichnet, Zeid 
Ibn Thabit, Mohammeds Secretär, der geſetzkundigſte aller 
Muſelmänner, Suheib, einer der frommſten Araber, welcher 
ſich gleichzeitig mit Ammar Yon Jaſir zum Islam bekehrt. 
Durch ſeine Theilnahme an der Verſchwörung gegen Othman, 
welche keinem Zweifel unterliegt, durch die Erhebung der 
Mörder des Chalifen und der Anführer der Rebellen zu den 
erften Würden des Reihe, trat er ſelbſt die Chalifenwürde 
mit Füßen und fein Wunder, daß er dann nicht mehr im 
Stande war, ihr wieder Das Anfehen zu verfchaffen, das fie 
unter Abu Bekr und Omar gehabt. Als er fi) vollends bei 
Siffin, troß feinem perfönlihen Muthe, doch zum Waffenftill- 
ftande nöthigen und einen Vertrag aufbringen ließ, wodurch 
er fchon gewiffermaßen die Macht und Herrichaft aus Händen 
gab, zeigte er deutlich, Daß er eigentlich doch mehr für fi, 
als für ein heiliges Necht kämpfte, denn fonft hätte er wie 
Othman lieber den Tod aus der Hand der Rebellen empfan- 
gen follen. Diefes war fein Hauptverbreden in den Augen 
der Sharidjiten, unter denen allerdings Berräther und allerlei 
Gefindel fi) befanden, die aber doch, wie ihre Aufopferung 
bei Nahrawan bemeift, auh Männer von Ueberzeugung in 
ihrer Mitte zählten, welche Alt für einen yon Gott einge- 
festen Jmam bielten, der nicht befugt war, auf diefe Würde 
zu verzichten, und wenigfteng fpäter diefe Sünde hätte befen- 
nen follen. Wenn wir aber audh Ali nicht fo body) ftellen, 
als dies bisher fowohl bei den Arabern als bei abendländt- 
fhen Gefhichtfchreibern der Kal war, und wenn wir aud) 
namentlich finden, daß feine Anfprüche auf das Chalifat einer 
fihern Grundlage entbehrten — denn gewiß waren Die unter 
dem Schwerdte der Rebellen zitternden Medinenfer nicht be= 
fugt, dem großen Reiche des Islams einen Herrfcher zu ge 
ben — fo überftrablt er doch befonders durch feine Entfchie- 
denheit und feinen Abfcheu vor aller Verftellung, fo wie durch 


Ati. 257 


feine unbeftechliche Gerechtigfeitstiebe I) alle feine Vorgänger, 
felbt Dmar nicht ausgenommen. Seine an Schroffbeit gren- 
zende Wahrheitsliebe mochte ibm viele Feinde verfchaffen, 
während Muawia gerade durch feine Gefchmeidigfeit immer 
mehr Anhänger gewann. Ali's Beredfamfeit war zwar fehr 
groß, doch vertraute er zu fehr auf fein Schwerdt, das er 
von frühejter Jugend an als Held gebraucht und auf feine 
moraliihe Kraft als Schwiegerfohn des Propheten 2), und 
verſchmähte es, durd füge Worte das Herz feiner Unterthanen 
für fi) einzunehmen, eine Kunft, weldye fein Gegner im höch— 
ften Grade beſaß. Mangel an Klugheit machte ihn unter fo 
ſchwierigen Umftänden zum NRegieren unfähig, und aller Wahr- 
jcheinlichfeit nad) wäre er bald der Schlauheit Muawia’g 
unterlegen, wenn ihm nicht der fanatifche Charidjite durch 
einen plöslihen Tod diefe Schmach erfpart hätte, obgleich 
mande Araber behaupten, es haben ihm furz vor feinem Tode 
40,000 Srafaner aufs Neue gefhworen, bis zum Tode für 
ihn zu kämpfen ?). In feinen Sitten wer Alt eben fo ein- 


1) Er foll mit einem Suden, nach Andern mit einem Chriften, 
fihb vor Gericht geftellt haben, wegen eines Panzers, der ihm in der 
Schlacht von Siffin entwendet worden. Sein Bruder Akil foll ihn 
deshalb verrathen haben, weil er ihm eine gewiſſe Summe aus dem 
Staatsihage verweigert und fein Better Abd Allah Ibn Abbas gab 
ihn auf, weil er Rechenſchaft über feine Verwaltung von ihm begehrt. 

2) Amru Eannte Ali's Charafter, darum ſagte er auch zu feinem 
Sohne, der ihm nah Othman's Tod rieth, fich zu Ali zu begeben: 
Wenn ich auch Alles für Alt thue, wird er immer nur fagen: du 
haft deine Pflicht als Gläubiger erfüllt. Gehe ih aber zu Muamia, 
fo fieht er mich als feinen Genojien an und gibt mir Theil am 
Siege. Amru foll auch Muawia, welcher feine Anſprüche ebenfalls 
auf den Koran fügen wollte, geradezu gejaat haben: Glaubft du 
etwa, ich fei um Gottes Willen von Ali abgefallen und zu dir über: 
gegangen? ich bin bloß weltliher Vortheile willen zu dir gefommen, 
drum gewähre mir auch jolhe! u. f. w. (Abd Almabafin.) 

8) Abulfeda ©. 346, jedoch nur als eine Anfiht einzelner Tra— 
ditionsgelehrten Ckila), welche waährſcheinlich Daher entftand, weil 

17 


258 Biertes Hauptſtück. 


fah als Omar D) und auch an Freigebigfeit foll er ihm nicht 
nac)geftanden fein, obgleich ihm nur ſehr geringe Mittel zu 
Gebote ftanden. Seine Korans- und Rechtskenntniß wird 
ganz befonders gerühmt 2) und nach einigen Traditionen, de— 
nen freilic) andere widerſprechen, foll ihm fogar feine Fürforge 
für die Erhaltung des Korans das Chalifat gefoftet haben H. 
Die an Anbetung grenzende Verehrung, die er fpäter befon- 
ders bei den Schiiten fand, verdbanfte er mehr einer ſyſtema— 
tiihen Dppojition gegen die herrjchende Regierung und ben 
aus Verfien herübergebrachten Ideen von einer Incarnation 
der Gottheit, welche vielleicht noch durch riftlihe Dogmen 
vom Paraklet, für den er von Manchen gehalten ward, un- 


40,000 Mann mit Hafan gegen Syrien auszogen. Abd Almahaftn 
führt diefe Tradition auch an, aber Tab. nicht, eben jo wenig El 
Malin. Ber Nawawi ©. 204 lieft man blog: Es huldigten dem 
Haſan mehr als 40,000 Mann, welche feinem Vater gehuldigt hat: 
ten, aber nicht daß Letzteres nochmals vor Ali's Tod mit dem Ge— 
fübde für ihn zu fterben geſchehen. Auch zeigte es ſich bald, daß 
die Mehrzahl diefer Leute nicht im Gntfernteften daran dachten, Alt 
und feinem Geſchlechte ihr Leben zu opfern. 


») Er trug einft in einer Dede Datteln vom Mearfte nad 
Haufe, da Pam jemand und wollte ihm feine Laft abnehmen, er fagte 
aber: es ziemt einem Familienvater am Beten, feinen Hausbedarf 
felbft nach Haufe zu bringen. Auch feine Wohnung und Kleidung 
foll höchſt ärmlich geweſen ſein. Nawawi ©. 438. Abulfeda S. 344. 

2) Nawawi ©. 437: Alt war der beſte Kadhi von Medina, Alt 
befag allein neun Zehntheile der Wilfenfchaft u. dergl. mehr. 

3) Er foll nämlich, während der Verhan‘lungen über die Cha: 
lifenwahl nach dem Tode Mohammed’s, die Fragmente des Korans 
gefammelt und gejchworen haben, fich nicht eher anzufleiden, big er 
feine Arbeit vollendet. Abd Almahafin und Andere (S. au Jour- 
nal asiat. de Paris nouv. serie. 1843. Dechr.) Dem widerjprechen 
freilich andere Traditionen, welche Abu Beer oder Othman als die 
erften Koransfammler nennen. Auch müßte man annehmen, daß 
feine Arbeit bald-wieder verloren gina; fonft hätte Zeid Son Tha- 
bit nicht fo viel Mühe gehabt, den Koran zu redigiren. S. meine 
Einleitung in den Koran ©. 50 u. ff, 


Alt. 259 


terftügt wurden, als feinen yerfönlichen Tugenden, Daß ſchon 
bei feinem Leben ihn einige Fanatifer „Herr“ genannt und 
deshalb mit dem Tode beftraft wurden 1), ericheint um fo 
fabelbafter, als zu feiner Zeit gerade die eifrigften Verthei— 
Diger feiner Rechte auf das Chalifat, als nächſter Verwandter 
Mobammeds, ihn felbft wegen des Waffenftillftandes bei Sif— 
fin einen Ungläubigen und Sünder nannten, Erſt fein und 
feiner Söhne tragifhes Ende, die Verfolgungen, denen fein 
ganzes Gefchlecht ausgefeßt ward, die Tyrannei, unter welcher 
die ehemaligen perfiichen Provinzen nad) der Alleinherrichaft 
der Omejjaden ſchmachteten, erwecten für die Sprößlinge des 
Propheten zuerft ein tiefes Mitleid und dann eine Art Ber- 
götterung, wie fie ehedem in dieſen Yändern den Königen als 
Abfömmlinge höherer Wefen gezollt ward ?). Wir werben 
im Berlaufe diefer Geſchichte häufig auf die Spaltung zwi— 
[hen Schiiten und Sunniten zurüdfommen müffen, aber in 
diefer Periode jehen wir nur in dem Kampfe zwifchen Alt 
und Muawia, einmal den der gefeßlichen Ordnung, welche 


1) Bei Abd Almahafin heißt es: es kamen Leute (Nas) zu Alt 
und nannten ihn unjer Herr (Rahbuna), er brachte fie aber um. 
Eben fo bei Makriſi nach de Sacy (Expose& de la religion des Druzes 
I. p. 13): »Ce fut aussi du temps des compagnons du prophete que 
prit naissance la secte des Schiis qui s’attachent exelusivement a Ali, 
et qu’on commenga à adopter sur son compte des opinions exagertes. 
Ali Yayant appris en temoigna son indignation et fit brüler plusieurs 
de ceux qui avaient de lui ces idees extravagantes etc» Jedenfalls 
iſt nur von einzelnen die Rede, während die Maffe feiner Anhänger 
ihn bloß ale Smam, das heißt als geiltlihes Oberhaupt und Nach: 
folger Mohammeds verehrte. Auch die Lehre von der einitigen 
Rückkehr Ali's, welhe Mafrift a. a. D. dem Abd Allah Ihn Saba 
zujchreibt, ift wahrſcheinlich erft fpätern Urjprungs und hängt mit 
der Meſſiasidee zuſammen. Tab. ©. 160 fpricht wenißgſtens bloß 
von der Wiedereribeinung Mohammed’s, nicht von der Ali's. ©. 
auh Schehreit. ©. 133, 


2) ©. de Sacy a. a. O. ©. 87 u, 39. 
17 


260 Viertes Hauptftüd. 


Muawia verfoht ) gegen den gewaltfamen Umfturz, welchen 
Alt herbeigeführt oder doc wenigftens unterftügt, ein Kampf, 
den Muawia nicht bloß aus Herrihfucht führte, fondern, nad) 
arabifchen Sitten, als naher Berwandter des Ermordeten aud) 
führen mußte. Muawia, wie einft fein Vater Abu Softan, 
repräfentirte alfo noch gewiffermaßen das heidnifhe Princip 
der Blutrahe und Selbfthülfe, während Alt, als ftrenger Mu- 
felmann, auf den Koran ſich berief und die Aufrührer gegen 
Othman in Schuß nahm, weil diefer von den Vorfchriften 
Mohammers abgewihen. Wir fehen ferner einen Kampf der 
alten mekkaniſchen Ariftofratie gegen die erblide Monarchie 
und darum fielen manche Araber von Ali ab, obgleich ihnen 
Muamwia noch verhaßter war, weil diefer, in der erften Zeit 
wenigftens, nicht als Chalife auftrat und felbft als Allein- 
berificher, wie wir in der Folge fehen werden, viele Jahre 
lang zauderte, big er es wagte, feinen Sohn als feinen Nach— 
folger zu erflären. Ali hingegen, welcher feine Anſprüche 
lediglich auf feine Verwandtſchaft mit Mohammed ftüste, wollte 
offenbar, und dies kam fpäter Muawia zu gut, ein gewiffes 
göttlihes angeborenes Necht zu berrfhen an die Stelle der 
freien Wahl ſetzen. 


1) Bei de Sacy a. a. O. ©. 38 lieft man freilich: »l’autre (parti 
des Musulmans) après avoir prefere a Ali trois des cempagnons du 
prophete, Abou Becr, Omar et Othman, ne sut pas m&me demeurer 
tranquillement sous la domination de l’epoux de Fatime (Ali) quand 
la nation l’eut mis sur le tröne, auquel il avait tant de droits, mais 
labandonna pour suivre le parti de Moawia, ä qui l’ambition seule 
et la revolte avait fray& la voie ä la couronne « Wir haben aber 
gezeigt, dag Ali nicht von der Nation, fonden nur von einem 
Theile der Medinenjer zum Chulifen erhoben ward und daß er, nicht 
Muamwia, der Empodrung gegen Othman und der Unterftüßung der 
Rebellen, an deren Spitze Klajchtar und Mohammed, der Sohn Abu 
Bekr's, ftanden, den Thron verdanfte, 


Fünftes Hauptftüc. 


Hafan und Muawia. 


Haſan's Widerwille gegen den Krieg. — Er unterhandelt mit 
Muamia. — Entjagt dem Chalifate. — Sein Tod. — Aufitand in 
Staf und Perfien. — Muamia adoptirt Ziad und ernennt ihn zum 
Statthalter von Irak, Perfien und Arabien. — Zijad widerjegt ſich 
der Ernennung Jezid's zum Thronerben. -— Widerſtand der Medi: 
nenfer. — Muamwia’s Reife nah Arab’en. — Amru’s Tod. — Aus: 
dehnung des Islams in Afrika. — Okba's Züge im Welten. — 
Aufftand der Berber und Okba's Tod — Kriege am Oxus. — Ein: 
fälle der Araber in Indien. — Kriege mit den byzantiniſchen Kai— 
fern. — Muawia’s Charakter, leste Verfügungen und Tod. 


Mur als Erben der Rechte feines Vaters, Fonnte Al’g 
älteftem Sohne Hafan in Kufa gehuldigt werden, denn von 
Ali's Tugenden, Muth, Beharrlichkeit und Seelenftärfe, be— 
ſaß er feine. Hafan war ein Wollüftling, der wegen der 
großen Anzahl feiner Frauen, die er, um den Buchſtaben 
des Geſetzes, das nur vier geftattet, nicht zur übertreten, fort- 
während wechſelte, den Beinamen Mitlaf (der Scheidebrief- 


262 Fünftes Hauptſtück. 


geber) erhielt ). Ein friedliches genußreiches Leben ging 
ihm über Herrſchaft und Kriegsruhm. Dies zeigte er gleich 
bei der Huldigung. Keis Ibn Saad, der ſchon oft erwähnte 
tapfere Feldherr feines Vaters, wollte ihm nämlich an ber 
Spige vieler Irakaner unter der Bedingung Treue ſchwören, 
daß er fi die Aufrechthaltung der göttlichen Geſetze und der 
Lehren feines Gefandten fo wie die Befämpfung feiner Feinde 
zur Verpflichtung made, Haſan madıte fih aber nur ver: 
bindlih, die Herrſchaft nad) dem göttlichen Gefege zu hand- 
haben und fagte: diefer Eid umfaffe ja auch die Verpflichtung, 
in den heiligen Krieg zu ziehen 2). Dbgleich aber Hafan 


1) Abulfeda ©. 850. Nah Abd Almahafin hat er 70 Ehen ge: 
ſchloſſen, nach Andern 90. Beide Zahlen beruhen wahrſcheinlich auf 
eine und diejelbe Tradition und die Werfchiedenheit rührt erit von 
einem Schreibfehler oder einer undeutlihen Schrift her; denn fie 
find in arabiiher Schrift ſehr leiht mit einander zu verwechfeln, 
wenn die diafritiihen Punkte fehlen, wie dies in den meiften Hand: 
fhriften der Fall ift. 

2) Tab. S. 31. Bei Abulfeda ©. 346 fagt Hafan: „Zur gött— 
fihen Schrift (ſchwöre ih) und zu den Lehren feines Gejandten, 
weil diefe beiden unmwandelbar find. Hierauf huldigten ihm die Leute 
und er machte ihnen zur Bedingung, daß fie ibm geboren und 
folgen würden (indem er ihnen jaate:) ihr müffet Frieden fchliegen, 
mit wem ich Frieden fchliefe und befriegen, die ich befriege. Die 
Leute wurden mißtrauijch darüber (über diefes auf Frieden hindeu— 
tende Benehmen Hajan's) und fie fagten: (einer zum Andern) diejer 
itt fein Herr für euch, der will den Krieg nicht.“ Reiske hat diefe 
Stelle unrichtig überfegt und Adler ohne Noth eine andere Lejeart 
vorgejchlagen, Auch bei Nawawi ©. 205 heißt ed: Hafan’s Gottes: 
furdt und Milde veranlafte ihn, das Chalifat aufzugeben. Ebenjo 
bei Bekri: Hafan hatte Feine Luft, gegen Muawia Krieg zu führen, 
Ganz falih, mehr nad Reiske's Ueberſetzung, als nah dem Terte 
Abulfeda's, fchreibt der Drientalift Flügel: (S. 58) „Als aber der 
neue Chalif (Hafan) feine Gläubigen zu unbedingtem Gehorjam 
aufforterte und die Bedingung ftellte, daß ihnen Freunde und Feinde 
gemeiniam fein müßten, verbargen jene ihre Unruhe nicht, wahr: 
fheinlih aus Furcht vor des Hafan Priegerifchen Unternehmungs: 
geift, der ihren Meigungen nicht zufagte.” 


Hafan und Muawia. 263 


durch diefe Neuerung zeigte, dag er wenig Luft babe, feine 
Rechte gegen Muawia mit dem Schwert in der Hand geltend 
zu machen, jammelten ſich do 40,000 Mann in der Nähe 
von Kufa, ein Heer, wie Ali feit der Schlacht von Siffin 
feines mehr zufammenzubringen vermochte, und forderten ihn 
auf, fie gegen Muawia ing Feld zu führen. Die Zurdt, 
von Muawia, welder fchon ein Heer gegen die Grenze von 
Irak gefendet, unterjoht zu werden und die Bereinigung 
derjenigen, die das Prinzip der Erblichfeit des Imamats 
vertbeidigten und nur Als Perſon verdammten mit deffen 
bisherigen Anhängern, hatten wahrscheinlich zufammengewirft, 
dag diesmal die Irakaner in größerer Anzahl die Waffen 
ergriffen, als fie es in den Testen Fahren gethban, Zum 
Unglüd für Ali's Geſchlecht war aber Hafan nicht der Mann, 
der dieſe plöslihe Kriegsluſt zu benügen verftand. Statt 
mit dieſer Armee, in ihrer erſten Entrüftung gegen Ali's 
Feinde, Muawia anzugreifen, blieb er Monate lang, wahr 
ſcheinlich fhon mit Muawia unterhandelnd, im füniglichen 
Palafte zu Madain liegen ) und fendete Keis Jon Saab 


D) Schon Adler bemerkt zu Abulfera ©. 346, wo es heißt: Ha: 
jan 309 von Kufa aus, um dem Muawia zu begegnen und Fam 
nah Madain: »Fateor me hanc geographiam non intelligere quomodo 
quis Cufa tendens in Syriam veniat Madainam: Conf. Elmacinus pag. 44 
qui plura quidem hac de re quam noster habet, sed adeo perturbata, 
ut equidem ea non capiam.« Bet Elmafin lieſt man nämlich auch, 
dag Haſan in Madain lagerte und Keis Ibn Saad mit 12,000 Mann 
vorausſchickte; dann Fam Muamwia mit den Syrern. (Hier ift fi 
ftatt min zu lefen, bei Erpenius unrichtig: Muavias vero contendit in 
Syriam). Während Hajan in Madain war, vief Jemand unter den 
Truppen aus: Keis Son Saad tt getddtet, fliebet! Da entftand 
eine allgemeine Flucht und man ftürmte in Hafan’s Zelt und nahm 
ihm alles weg, bis auf den Teppich unter feinen Füßen. (Auch bier 
ift der Tert mangelhaft.) Bei Abul Faradj heißt es: Haſan verlief 
Kufa um Diuamia entgegenzuziehen, welcher jhon in Masfan in 
der Landichaft Kufa gelagert war, Hafan gelangte nah Madain und 
feßte Keis Son Saad über feine 12,000 Dann ftarfe Vorpoſten. 


264 Fünftes Hauptftüd. 


mit 12,000 Mann an die Grenze von Jraf, welche fi), von 
der Hauptarmee getrennt, nicht mit den Syrern meffen fonn: 


Duamia fegte Beihr Ibn Urtah über feine WVorpoften und es fam 
zum Gefechte zwiſchen ihm und Keid, dann zogen fie ſich zurück und 
erwarteten Haſan u. f, m.’ Ber Abd AUlmahafin heißt es: „Hafan 
zog gegen Muawia, welcher fhon in Maskan, ein Drt in Sraf, 
ftand, als er (Hajan) nah Madain gelangte. Er fandte Keis Ibn 
Saad mit 12,000 Munn voraus. Auf einmal rief Semand in Mau: 
dain aus: Keis ıft getödtet, fliehet! es entitand ein Tumult, man 
fing an zu plündern und nahm Hajan den Teppich unter den Füßen 
weg, und ein Charıdjite ftieß nach ihm mit feiner Lanze. Murttar 
rieth feinem Oheim Saad Son Masud, dem Stuttbalter von Ma: 
dain, Haſan gefangen zu nehmen und dem Muawia auszuliefern, 
aber Saad wollte feine ſolche Schändlichfeit begehen. Haſan verlor 
indeffen das Vertrauen zu feinen Leuten und unterhandelte mit 
Muawia.“ Tab. ©. 31 berihtet: „Haſan zog (von jeinen Truppen 
dazu aufgefordert) von Kufa nah Madain und jandte Keid Ibn 
Suad mit 12,090 Mann voraus an die Grenze von Syrien, wo er 
ſechs volle Monate blieb. Haſan felbft blieb aber im Luitichloffe 
des weißen Palafted Kosru's. Es war im Alten Sahre der Hidjrah 
. . .. (folgen einige Traditionen über die Unterhandlung Mughira's 
und Abd Allah’s Ibn Abbas mit Muawia, dann führt er ©. 32 
fort:) Als das Heer in Kufa fah, daß Hafan nicht in den Krieg 
zieht und daß die Sache von Tag zu Tax fchlimmer ward, trat es 
den Rückzug an und empörte fih gegen Haſan. Manche drangen 
in fein Zelt ein, plünderten ed aus und verwundeten ihn. Muanta 
fam auch mit einem Heere an die Grenze von Syrien und Sraf 
und lauerte an einem Orte, welcher Maskar hieß (ſoll wahrjcheinlich 
Masfan heigen. Nun folat der ſchon erwähnte Rath Muchtar’s, 
dann fährt er fort:) Als Hafan die Treulofigfeit der Irakaner fah 
und bedahte, mie fie gegen ihn und feinen Vater verfahren, wen: 
dete fih fein Herz von ihnen ab und er ergriff die Flucht. Dann 
ſchickte er Muawia einen Gejandten und begehrte Frieden u. f. mw.“ 
Hier fieht man deutlih, daß Haſan auf feinem Zuge nah Madain 
nicht die Abficht hatte, dem Feinde zu begegnen, fondern vielmehr 
ihm auszuweichen, und daß er Keis Ibn Saad, welcher mit feiner 
Vorhut in Masfan, ein Ort, der auch nah dem Kamus auf dem 
Gebiete von Kufa, wahrfcheinlich an der Grenze der ſyriſchen Wüſte, 
lag, dem Feinde gegenüber gelagert war, im Stich gelaffen und dies 


Haſan und Muawia. 265 


ten. Haſan ward, als die Kunde von Keis' Niederlage, den 
manche ſogar todt ſagten, nach Madain gelangte, von den 
in Unordnung fliehenden Truppen mißhandelt, und dies be— 
wog ihn um ſo mehr, ſo bald als möglich und unter jeder 
Bedingung mit Muawia Frieden zu ſchließen. Haſan ent— 
ſagte allen Anſprüchen auf das Chalifat und forderte nur 
volle Begnadigung aller ſeiner Verwandten und Freunde, 
5,000,000 Drachmen aus dem Staatsſchatze von Irak und 
den Ertrag der Abgaben der perſiſchen Stadt Darabgerd als 
lebenslängliche Penſion. Muawia nahm dieſe Bedingungen 





veranlaßte den Aufruhr gegen ihn. Daß aber die Araber gern ein 
gewiſſes Dunkel über dieſe Geſchichte verbreiten, welche dem gelieb— 
ten Enkel ihres Propheten nicht zur Ehre gereicht, iſt leicht begreiflich. 
So lieft man aanz furz bei Nawawi: Hafan blieb gegen fieben Mo: 
nate Chalife über Hedjas, Jemen, Irak und Choraſan und andre 
(Provinzen), dann brach Muamia von Syrien gegen ihn auf. Hafan 
zog ihm entgegen, als fie aber einander nahe waren, erfannte er, 
daß Feine der beiden Armeen fiegen würde, bevor der aröfte Theil 
der andern zu Grunde aegangen, deshalb fandte er zu Muamia und 
trug ihm die Herrihaft an u. ſ. w.“ Veral. auch Abul Faradj 
©. 192. Um Hajan vollfommen zu rechtfertigen, ward auch wieder 
eine Tradition geichmiedet, derzufolge Mohammed einft gejagt haben 
foll: „Diefer mein Sohn (Hafan) ift ein Herr, durch den Gott einft 
zwei arofe muſelmänniſche Parteien wieder vereinigen wird.“ Na— 
wani a. a. D. und Abulfeda ©. 352. Abd Almahafin laßt Hafan 
vor Unterzeichnung des Vertrags fagen: „Wir haben in Betreff un- 
jerd Kriegs gegen Muamia weder Zweifel noh Neue. Wir haben 
in Einiafeit und mit Ausdauer (?) gekämpft, aber Einiafeit hat der 
Zmwietraht Plas gemacht und Ausdauer Pleinliber Verzagtheit. Auf 
dem Zuge nad Siffin ftand der Glaube höher als weltliche Inte: 
reifen, jest find Lestere in den Vordergrund getreten. Shr befindet 
euch jetzt zwifchen zmeierfei Gefallenen, zmifchen denen auf dem 
Schlachtfelde von Siffin, die ihr beweinet, und denen von Wahraman, 
die ihr rächen möchtet. Muamia bat uns Vorſchläge gemadt, die 
nicht ebrenvoll, wollt ihr fterben, fo möge Gott und das Echwerdt 
entiheiden, ztebt ihr aber das Leben vor, fo müſſen wir fie anneh— 
men. Da riefen viele: ſchone unjer Leben!” Diefe Rede jollte au 
wieder auf Koften feiner Truppen die Feigheit von ihm abmälzen. 


266 Fünftes Hauptſtück. 


um fo eher an, als er vor der Ankunft dieſes Gefandten 
ſchon Abd Allah Ibn Amir nah Madain gefchict hatte, um 
Hafan aufzufordern, auf die Herrfchaft zu verzichten, mit der 
Berfiherung, dag ihm Alles gewährt werden follte, was er 
als ilnterthan verlangen würde. Als der Vertrag, troß der 
Einfprache Hufein’s, Hafan’s jüngeren Bruders, welcher die 
Fortfegung des Krieges verlangte, unterzeichnet war, ward 
Keis mit feinen Truppen zurüdgerufen und Muawia zog an 
der Spige feines Heeres in Kufa ein, wo ihm niemand mehr 
die Huldigung zu verfagen wagte. Auf den Rath Amru’s, 
welcher Muawia nad Rufa begleitet haben foll, mußte Hafan 
Öffentlich abdanfen, doch Tieß ihn Muawia nicht ausreden, 
weil er feinen Rücktritt nicht als Folge der Ueberzeugung von 
feines Gegners Recht darftellte, fondern bloß erklärte, daß er 
wegen der von den Frafanern erfahrenen Mißhandlungen der 
Herrfhaft überdrüffig fer und ohnehin fi) auch gerne Mua— 
wia unterwerfe, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. 
„Uebrigens,“ fol er noch hinzugeſetzt haben, „ift jeder Herr: 
fhaft nur eine beftimmte Dauer angewiefen, und die Welt 
dem Wechfel unterworfen, auch hat Gott zu feinem Propheten 
gefagt: ih weiß nicht, ob fie (die Welt) euch nicht zur Ver— 
fuhung gegeben und zur Benützung bis zu einer gewiffen 
Zeit Y.“ Ueber die Dauer von Haſan's Widerftand weichen 
die Traditionen yon einander ab. Manche fegen Muawia’s 
Einzug in Kufa gegen das Ende des Monats Rabia Awwal 
des 3. 41°), Andere erft einen oder zwei Monate fpäter. 


1) Elmafin ©. 45. Abulfaradj a. a. O. Bei Tab. ©. 3% ift 
von Letzterm Feine Rede, fondern bloß von der Treulofigfeit der 
Srafaner. 


2) Ende Suli 661. Wahrfcheinlich aber erft gegen Mitte Sep: 
tember. Der Monat Rabia Ammal ward viellerht nur deshalb an- 
genommen, um die angeblihe Weiffagung Mohammed’s von einem 
30 jährigen Shalifate, das mit Hafan’s Abdanfung enden follte, voll: 
ftändiger zu erfüllen, weil auh Mohammed im Rabin Awwal ge: 


Hafan und Muawia, 267 


Nach der Abdanfung z0g fi Hafan nad Medina zurüd, 
wo er fih durch Frömmigkeit und befonders durch eine in 
Verſchwendung übergegangene Wohlthätigkeit auszeichnete, 

Obgleich aber Muawia von diefer Seite her nicht den 
mindeften Widerftand mehr fand, weshalb es auch unwahr- 
ſcheinlich iſt, daß er ihn vergiften ließ U), Hatte er Doch noch 


ftorben. Lag Hafan wirklich fehs Monate in Madain, wie Tab. 
berichtet, fo ift erfteres Datum offenbar falih, da ja dann feine 
ganze Regierung nur ſechs Monate gedauert hätte. Sch weiß nicht, 
warum Abulfeda ©. 348, und nah ihm Flügel ©. 59 annehmen, 
das Haſan's Herrichaft im eritern Falle nur 5% Monate gedauert, 
da doc, jelbft wenn man Ali's Tod auf den Ziten Ramadhan ſetzt, 
noch immer bis zum 25ten Rabia Awwal des folgenden Jahres ſechs 
Monate bleiben. Nawawi ©. 206. Elmakin S. 45. Abd Alma: 
hafin, Chamis und Masudt f. 217 nennen alle den 25ten Rabia 
Awwal. Abulfeda nennt freilich den Tag nicht, wahrſcheinlich weil 
er die 30 Sahre des Chalıfats bis auf den Tag heraus bringen will 
und darum der 12te Rabia Umwal angenommen werden muß. Abul 
Faradj ©. 195 gibt Haſan's Chalifat nur eine Dauer von 5 Mo: 
naten. Ein Seitenſtück zu den ſchon angeführten Traditionen von 
der Weiſſagung Mohammed’s in Betreff der Dauer des Chalifats 
und der Vereinigung der Mujelmänner durch Hafan, bildet eine 
dritte, welbe Tab. ©. 33 anführt: „Der Grund, warum Muamia 
gegen Ali wegen des Chalifuts Krieg führte, war, daß der Gejandte 
Gottes ihm einst gejagt hatte: „Muawia, du mirft noch König wer: 
den.“ Gr mußte aber nicht, daß dies erſt nah Ali's Tod und Ha: 
fan’s Abdanfung eintreffen folltee Darum weinte er auch und be- 
reute, was er gethan, als er von Ali's Tod Kunde erhielt.“ 

1) Rah Tab. ©. 33 lief Jezid Haſan's Gattin Asma, Tochter 
des Aſchath Ibn Keis, fagen, er würde fie zur Frau nehmen, wenn 
fie Hafan auf irgend eine Weile aus der Welt jchaffen wollte. Sie 
‚erwiederte: mie kann ich das? Zezid fandte ihr ein vergiftetes 
Handtuh und ließ ihr jagen: wenn fih Hajan dir nähert, io gib 
hm dieſes Tuch, daß er fich damit abtrocdne, fo werden wir zum 
Ziele gelangen. Asma bewahrte das Tuh auf und gab ed Haſan, 
ald er eines Tages fie umarmt hatte, und ſobald er fi damit ab- 
trodnete, drang das Gift in feinen Körper und födtete ihn, Nach 
einer andern Tradition reichte fie ihm ein giftiges Getränfe, an 


268 Fünftes Hauptftüd. 


viele Kämpfe gegen diejenigen Männer zu beitehen, welche 
die Heiligkeit und Erblichfeit des Imamats oder der geiftlichen 


dem er ftarb. Auch wird erzählt: Jezid verſprach Hafan’s Gattin 
10,000 Silberftüde und zehn Dörfer in Sraf zu fchenfen und jie 
zu heirathen... Als fie aber nah Hafan’d Tod zu Zezid nad Da- 
mast fam, jagte Muamia: wenn du ed vermochteit, einen Tochter: 
ſohn des Propheten zu verrathen, welhe Treue kann mein Cohn 
von dir erwarten? es wäre noch zu viel für dich, wenn man dich 
nur am Leben liege. Er gab hierauf den Befehl, fie binzurichten. 
Died war im Monat Schaban des 42ten Sahres.“ (Lestere Jahres— 
zahl kann nur von einem Schreibfehler herrühren, denn Tab. felbft 
bemerft, daß Haan in einem Alter von 46 Jahren ftarb und feine 
Geburt fällt in das Ste 3: 2.9) Nah Masudi F 216 hie Ha- 
fan’8 Gattin Djada. Muamia gibt ihr die verjprochene Summe 
und faat: das Leben Jezid's ift mir theuer, fonft würde ich auch 
das andere Verfpreben halten. Bei Befri lieft man: „Hafan ftarb 
im NRabia Awwal d. J. 50, nah Wafıdvi im J. 49, nach Andern 
ftarb er im $. 46 an Gift, das ihm feine Gattin reihte. Nawawi 
©. 205 führt auh noch eine Tradition an, derzufolge er erjt im 
3. 51 ftarb. Auch Abulfeda S. 350 berichtet, daß einige behaupten, 
Hafan fer auf Muawia's Anftiften vergiftet worden, Andere auf Se: 
zid’8 Anftiften. Ber Elmakin heißt es: (S. 47) „man faat, Hafan 
ward auf Befehl Muamia’s von feiner Gattin vergiftet, Andere 
fagen: Muamwia beftad; einen von Haſan's Dienern, der ihm Gift 
zu trinfen gab.“ Sch alaube, daß ſchon die Verſchiedenheit dieſer 
Traditionen auf ihre Grundfofigfeit hinmeift und fie zu einer der 
vielen Verläumdungen ftempelt, welche die Feinde der Omejjaden 
Muamia aufbürden. Diefe Suge mochte audh noch darum erdichtet 
worden fein, damit auch Hajan, wie feinem Großvater Mohammed 
und dem Chulifen Abu Bekr (?2) die Ehre eines Mürtyrertodeg zu 
Theil werde. Was fonnte Muamia von einem Manne wie Haan, 
der nah allen Berichten ruhig in Medina lebte und feine Zeit zwi— 
fhen Gott und feinem überfüllten Harem theilte, fürchten? Hufein, 
auf den die Rechte feines Bruders, wenn er deren noc hatte, über: 
gingen, war doc jedenfalls, wie wir in der Folge fehen werden, 
viel gefährlicher als Haſan, der feit feiner Abdanfung felbft von den 
eifriaften Schiiten verfpottet und verabicheut ward. Nawawi 
©. 206 fagt freilih: Hafan babe, als er mit Muawia Frieden jchloß, 
unter Andern auch die Bedingung gefegt, er follte einft fein Nach— 


Muawia. 269 


Würde vertheidigten, und auch jest noch, troß ihrer Verach— 
tung gegen den weichlihen Haſan, doch immer noch fich weis 
gerten, Muawia als Chalifen anzuerfennen. Noch ehe er 
nad Syrien zurüdfehrte, vernahm er, daß fi) 5000 Eharid- 
jiten in Ahwas zufammengerottet. In Baßra brach aud eine 
Empörung aus, an deren Spitze Hamran Jon Aban und bie 
drei Söhne Zijad's, Ali's Stattbalters von Perſien, ftanden, 
Zijad felbft verweigerte den Gehorfam und nahm eine fefte 
Stellung in Iſtachr ein. Befhr Jon Urtah, den Muamwia 
zum Statthalter von Baßra ernannte, trieb die Nebellen zu 
Paaren und nahm Zijad's Söhne gefangen; fie wurden jedoch 
durch ‚die Fürbitte ihres Oheims Abu Befrah, eines Freige- 
laffenen des Propheten, begnadigt I. Zijad felbit, einer der 
liſtigſten und gefährlichften Menfchen feiner Zeit, derfelbe, der 
unter Dmar fein Zeugniß gegen Mughira Ibn Schu’ba zus» 
rüfgenommen, oder wenigftens auf eine Weife abgelegt, daß 
er nicht verurtbeilt werden fonnte, flößte aber Muawia die 
größten Beforgniffe ein 2). Er berieth fih daher mit dem 


folger werden. Aber von diejfer Bedingung fohmeigen die meiften 
andern ältern Quellen und felbft Tabari, welcher (cod Berol. T. XD. 
f. 197) den Chalifen Manßur fagen läßt, Muawia habe Hafan die 
Nachfolge verſprochen, jagt doch ausdrücklich, dag diejer einen natüre 
liben Tod geftorben. Webrigens iſt es unmahricheinlih, daß Hafan 
eine folbe Bedinaung ftellte und noch unglaublicher, daß Muawia 
fie gewährte. Und warum bätte Muamwia gerade fieben oder act 
Sabre nah Hajan’s Abdanfung und, wie wir in der Folge fehen 
werden, eben jo lang vor Jezid's Ernennung zum Nucfolger, ihn 
vergiften laffen jollen, wenn er allein ihm im Wege ftand? Sft 
aber Haſan's Vergiftung erdichtet, fo dürfte wohl aub Muawia's 
Schadenfreude und die darauf bezüglichen Verfe bei Abulfeda und 
Elmafin in’s Reich der Phantafie zu verjegen fein. 

1) Tab. ©. 33. Auch Abd Almadafin fpriht von mehreren Ber: 
ſuchen der Charidjiten, Muamia zu ftürzen, auch erzählt er von Ge— 
fangenen, die fih lieber zum Tode verurtheilen liegen, als Muamia 
als rechtmäßigen Chalifen anzuerfennen. 

2) Abd Amahafin erzäylt: „Muawia fragte einft Amru: wer 


270 Fünftes Hauptftüd. 


nicht minder ſchlauen Mughira Ibn Schubah, den er zum 
Statthalter von Kufa ernannt D. Diefer erbot fih, auf die 
zwijchen ihm und Zijad beftebende Freundfchaft vertrauend, 
ſich felbjt zu ihm zu begeben, um ihn zur Unterwerfung zu 
bewegen, verlangte hingegen vom Chalifen nicht nur volle 
Begnadigung für ihn, fondern auch die Zuficherung, Daß er 
über feine Verwaltung in Perſien feine Rechenschaft abzulegen 
und die im Staatsſchatze fehlenden Summen nidt zurüd zu 
erftatten braude. Da Muawia gerne Alles zugeftand, um 
den einzigen Mann, der ihn noch beunrubigte, zu gewinnen, 
reifte Mughira nad Perfien und bradte Zifad als Unterthan 
Muawia’s nad) Damasf ) Muawia überzeugte fich bald, 
daß er die Ergebenbeit Zijad's nicht zu theuer erfauft, denn 
er fand in ihm einen zuverläfligen Rathgeber in den fchwie- 
rigften Berhältniffen. Muawia ging daher aud mit dem 
Gedanfen um, ihm den ſchwierigſten Poſten im ganzen Reiche 
anzuvertrauen, Dies war unftreitig die Statthalterihaft von 
Baßra, wegen der Umtriebe der Charidjiten in der Stadt 
ſelbſt und den angrenzenden Perfifhen Provinzen, und wegen 


ift die Menſchheit? Amru antwortete: ich, du, Mughira und Zijad. 
Sch durch meine glüklihen Ginfälle und Geiftesgegenmwart, du durch 
deine Bejonnenheit und dein reifes Urtheil, Mughira ift ein Mann, 
der es veriteht, große Noth abzuwenden, und Zijad iſt für Klein 
und für Groß zu gebrauchen.“ An einer andern Stelle heißt es: 
Dmar war der bejte Koranlefer und Gefegfundige, Talha der Frei- 
gebiafte, Muamia der Mildelte, Amru der Beredtefte, Mugbira der 
Liftigfte, der wußte durch feine Lift acht There zumal zu öffnen. 

1) Er hatte vorher Abd Allah, den Sohn Amru’s, als Statt: 
halter nah Kufa gejchieft, aber Mughira ſagte ihm: es fei gefährlich, 
dem Vater Egypten und dem Sohne Kufa anzuvertrauen. Abd Al: 
mahafin. 

2) Abulfeda S. 360 und ausführlicher bei Tab. ©. 83 u. 84, 
wo ausdrüclich erwähnt wird, daß Zijad eigentli nur darum ſich 
gegen Muamia empört hatte, weil er gewiſſe Summen, die er in 
Perſien eingezogen, nah Damask ſchicken ſollte. 


Muawia. 271 


der Nähe der nicht minder ftets zum Aufruhr geneigten Stadt 
Kufa, welche Mughira allein nicht mehr recht im Zaume zu 
balten vermochte ). Um indeffen Zijads Anfehen noch zu 
vermebren, welcyer der Sohn einer Sklavin war, vielleicht 
auch um ihn zu feinem Nachfolger zu ftempeln, abpoptirte 
er ihn, zum Aerger aller frommen Mufelmänner, als feinen 
päterlihen Bruder, fo dag er von nun an Zijad Ibn Abu 
Sofian genannt ward 7). 


1) Mughira, beißt es bei Tab. ©. 34, war fehr mild und 
fümmerte ſich nicht fehr um den Zuftand des Volkes, er gab es zu, 
dag viele von Nahraman entflohene Charidjiten fih in Kufa nieder: 
liegen. Zijad empfahl ihm Strenge gegen dieje Leute, da jener 
fih aber nicht daran Ffehrte, ging er zu Muawia und fagte ihm, 
das Mughira’s Nachſicht gegen die Charidjiten in Kufa zu Unruhen 
führen müßte, Dies traf auch in der That ein. Gegen 5000 Mann 
fammelten fih unter Maftur Son Akil und durchzogen, Aufruhr 
- predigend, das Gebiet von Moßul und Ahwas, fo dag Mikal Son 
Keis ein ganzes Sahr brauchte, um ihrer Meifter zu werden, 

2) Ob Zijad mwirflih ein natürliher Sohn Abu Softans war, 
oder ob ihn Muamia nur aus Politik dazu machen wollte, ift ſchwer 
zu ermitteln. Nah Abulfeda ©. 360 bezeugte ein Weinhändler aus 
Taif, dag Abu Sofian die Sklavin Sumejja, Zijads Mutter, be: 
fhlafen. Nach Tab. ©. 35 mar Sumejja (oder, wie er fie nennt, 
Humejja) eine Sklavin Hinds, der Gattin Abu Sofiand.. Abu So: 
fian verkaufte fie, als fie ſchwanger ward, aus Furt vor Hind. 
Sumejja behauptete indeifen, als fie einen Sohn gebar, welcher Abu 
Sofian fehr ähnlich war, er jei von Abu Sofian. Diefer läugnete aber die 
Vaterſchaft aus Furcht vor Hind. Zijud wuchs aljo ald Sohn einer 
Sklavin heran und Muawia nahm fich feiner, aus Schonung für 
feine Mutter, nicht an und als er ihn endlich als Bruder adoptirte, 
war fein Sohn Sezid fehr böfe darüber.” Da, wie wir in der Kolge 
zeigen werden, Zijad von Muamwia als fein Nachfolger auserjehen 
war, was ihm vielleiht aub von Muawia durch Mughira, noch 
vor feiner Unterwerfung, verheißen ward, jo glauben wir, daß wirk— 
ih Zijad Muawia's natürlicher Bruder war. Gegen das Gefek 
war Muamwia’d Handlung, weil dem Koran zufolge das von einer 
Sflavin geborene Kind, felbft wenn ed von einem Andern gezeugt 
worden, doc ftet3 ihrem Herrn gehört, das heißt dem, welcher die 
Sklavin bejist zur Zeit der Geburt des Kindes, 


27 Fünftes Hauptſtück. 


As Zifad im Jahre 45 der Hidjrah nah Baßra 
fam, herrſchte dafelbft die größte Gefeßlofigfeit. Es wur— 
den nicht nur die refigiöfen Borfohriften der Mohammeda— 
ner öffentlich übertreten, fondern auh Raub und Dieb- 
ftahl und Gewaltthaten jeder Art waren unter Abd Allah 
Fon Amir und Harith Ibn Abd Allah, feinen beiden Vor— 
sängern, ungeahndet geblieben. Zifad, welchen fpäter der 
graufame Haddjadj zum Mufter nahm, führte zuerft, dem 
Koran zum Hohne, die deſpotiſche Willkühr und dietatorifche 
Gerichtsbarfeit ein, welche bis auf die neuefte Zeit auf den 
mohammebanifchen Bölfern bald mit mehr bald mit weniger 
Härte laftete. Sobald die Sonne unterging, durfte niemand 
mehr fein Haus verlaffen T), der geringfte Verdacht genügte, 
um einen Menfchen zum Tode zu verurtherlen. Die Strafe 
traf nicht den Verbrecher allein, fondern auch feine Freunde 
und Verwandten mußten mit ihm, oder wenn er fih der 
Strafe entzog, für ihn büßen. Wer bei irgend einem Borz 
falle feine Stammgenoffen zu Hülfe rief, dem ward augen- 
blieklich die Zunge ausgefchnitten ?). Auf diefelbe Weiſe ver- 
fuhr er nad Deughiras Tod (3. 50 d. 9.) in Kufa, wo 
er nunmehr abwehfelnd fehs Monate im Jahr vefidirte, und 
in feiner Abwefenbeit führte Sumra Ibn Djundub die Zucht— 
ruthe mit gleicher Härte, Er hatte ftets 4000 Mann bei 


1) Abd Almahafin und Tab. ©. 36. Einft ward ein Beduine 
in der Nacht auf dem Bazar gefunden, welcher faate: ich bin fremd 
und Eenne eure Verordnungen nicht, ich bin eben erſt mit einer 
Heerde Schaafe gefommen, um fie morgen früh zu verkaufen. Zijad 
erwiederte darauf: ich glaube, dag du wahr iprichit, Doch kann ich 
um deinetmwillen nicht meine polizeilihen Maßregeln übertreten laſſen, 
und gab den Befehl, ihm zu tödten, 


2) Abd Almahafin. Diefer Nothruf, eine Art „Burſch heraus“ 
der heicnifben Araber, ward fchon von Mohammed verboten und 
konnte auch neben der Herrichaft der Gefege nicht geduldet werden; 
aber erft Zijud wußte dieſem Verbote Achtung zu verjchaffen- 


Muawia. 273 


fih, von denen ein Theil feine Perfon bewachte und ein an- 
derer die öffentliche und geheime Polizei handhabte 1). Als 
er einft in Kufa, während er die Kanzelvede hielt, verhöhnt 
und mit Steinen geworfen ward, rief er feine ZTrabanten 
berbei und ließ die Thore der Moſchee fchliegen. Er felbft 
fegte fich vor das Hauptthor, umgeben von feiner Yeibwache, 
mit gezüdtem Schwerte. Wer in der Mofchee war, mußte 
jest an ihm vorüberziehen und bei Gott ſchwören, daß er 
ihn weder verhöhnt, noch mit Steinen geworfen und wer 
nur einen Augenblick zögerte, dem ward fogleih der Kopf 
abgefchlagen ?). Ein andersmal hörte er, wie einige Ira— 
faner Ali lobten, welchen er und andere Statthalter Mua— 
wia’s noch im Grabe verfluchten. Sie wurden ergriffen und 
in Ketten nach Damasf geſchickt, wo Muawia alle diejenigen 
binrichten ließ, für die feiner ihrer Stammgenoffen Fürbitte 
einlegte 3). So brachte es freilich Zijad, welcher nad und 
nad aud) die Dberherrfchaft über ganz Perfien erhielt, dahin, 
alle ihm untergebenen Provinzen ſowohl von politifhen als 


1) Tab. ©. 36. 

2) Abd Almahafın und Tab. a. a. D.: Er hörte in Baßra, daß 
es in Kufa unruhig zuging, da brach er mit 2000 Mann gegen Kufa 
auf, lieg das Volk verfammeln und beftieg die Kanzel. Sm Luufe 
der Rede fagte er: ich wollte mit vielen Truppen bierherziehen, ich 
vernahm aber, daß die Empörung fchon gedämpft, und ihr wieder 
zur Ruhe zurücdgefehrt, darum nahm ich nur mein Gefolge und 
die Leute aus meinem Haufe mit. Bei diefen Worten riefen manche 
aus dem Bolfe: Diefer Sohn Humejja’s Ceiner Sklavin) hatte 
geitern Faum über fünf oder ſechs Perjonen zu gebieten, wie kömmt 
er Dazu, jest 2000 Mann als feine Angehörigen zu nennen? So 
verjpotteten ihn Manche, während andere Steine nah ihm warfen 
u. f. w. Gegen achtzig Menſchen mußten ihren Frevel mit dem 
Tode büßen, oder (nah Abd Almahafin) wurde die rechte Hand ab- 
gehauen. 

3) Abulfeda ©. 361 und Abd Almahafin. Lesterer fest die Hin- 
rihtung Hudjr's Ibn Adij, des Angefehenften unter diefen Wer: 
ehrern Ali's, in das Sahr 51 d. 9, 

18 


274 Fünftes Hauptſtück. 


von andern DVerbrechern zu fäubern. Er wachte dermaßen 
durch feine unerbittlihe Strenge für die Sicherheit feiner 
Unterthanen, daß niemand mehr des Nachts feine Thüre zu 
fchliegen für nöthig erachtet. Er fol fogar die Verantworts 
Yichfeit für jedes verlorene Gut übernommen haben ), von 
den Grenzen Indiens bis an den Euphrat und fpäter fogar 
bis an das rothe Meer, denn furz vor feinem Tode (J. 53 
der 9.) ward auch noch ganz Arabien, mit den heiligen 
Städten Meffa und Medina, unter feinen Oberbefehl ger 
ftellt 2), woraus fi ebenfalls vermuthen läßt, daß ihn 


1) Tab. ©. 36 u. 37. Auch bei Elmafin ©. 47 heißt es: wenn 
jemand etwas fallen ließ, fo hob es nur der auf, dem es gehörte, 
wofür freilich die lateinifche Weberfegung lautet: »malum certe pro= 
sterneret eum qui id ferebat, nec vituperaret eum nisi amicus ejus. « 

2) Sm Sahr 53 d. 9. fandte Zijad einen Boten an Muamwia 
und ließ ihm fagen: Die Herrihaft, die du mir anvertraut, be: 
fchäftigt meine rechte Hand, noch iſt aber meine linfe frei, wenn 
der Fürft der Gläubigen mir auch noch Mekka und Medina übers 
geben will, fo wird dadurch einer meiner Wünfche erfüllt. Mua: 
mia gewährte ihm dies, ader nad ſechs Monaten, im Ramadhan 
dv. J. 53, (Auguft 673) ftarb Zijad an einem Prebsartigen Uebel, das 
an den Fingern begann und nad mufelmänniicher Sage ihn zur 
Zeit traf, als er die Hereichaft von Hedjas verlangte und Abd Allah 
Son Omar in Mekka ausrief: „Gott bewahre und vor der andern 
Hand Zijad's!“ Die Aerzte rietben ihm zur Amputation, aber der 
Mann, welber Taufende, auf den gerinaften Verdacht hin, ohne 
Gewiſſensbiſſe hinrichten ließ, ſchickte zu dem Kadhi Schureih, um 
zu wiſſen, ob eine ſolche Operation geſetzlich erlaubt. Schureich 
antwortete: „Gottes Güte gegen dich hat ein beſtimmtes Maaß und 
dein Leben ein feftaefentes Ziel. Sollft du noch länger leben, fo 
möchte ich dich nicht ohne Arm fehen, ift deine Todesftunde gekom— 
men, jo möchte ich nicht, daß wenn du nach deinem Arme gefragt 
wirft, du antworten müßteft: ich habe ihn verloren, weil ich dir 
noch nıcht begegnen und deiner Beftimmung ausweichen wollte.‘ 
Als Zıjad ftarb, machten feine Feinde dem Kadhi Vorwürfe, daß 
er ihn nicht habe ohne Hand vor das Gericht geſchickt. Er ant: 
mwortete aber: Zijad hat mich um Rath gefragt, meine Pflicht war, 


Muawia. 275 


Munwia zu feinem Nachfolger, oder wenigftens zum Mit- 
vegenten Jezids beftimmt hatte, Erſt nach Zijads Tod 7) 





ihm aufrichtig zu rathen, fonft hätte ich allerdings gewünſcht, daß 
man ihm heute eine Hand abfchneide, morgen einen Fuß, und fo 
jeden Tag ein anderes Glied. Son Challifan I. 621. 

1) Nach Abulfeda S. 372 im Sahre 56 d. 9. Nah Masudi 
f. 226 erft im Sahr 59. Nah Tab. ©. 38 aud im Sahr 56, drei 
Sahre nah Zijad’8 Tod. Derfelbe bemerkt auch ausdrücklich, und 
dies beitärft mich in meiner Vermuthung, dag Zijad fih Hoffnung 
machte, eint Muawia’s Nachfolger zu werden, daf Zijad ftetg gegen 
die Ernennung Jezid's zum Thronfolger fih ausſprach, und als 
Sezid ihn darüber zur Rede ftellte, ihm fagte: es iſt bejfer, dein 
Vater wartet noch, bis deine Leidenfchaften gedämpft find und du einen 
ernftern und bejjern Rebenswandel führft. Auch ©. 35 Ichreibt Tab. 
Als Abd Allah Ibn Amir nac feiner Entfegung von der Statthal— 
terihaft von Baßra nah Damasf kam, fchloß er ein Freundfchafte- 
bündnig mit Sezid und diefer war ein Feind Zijad's. Abd 
Allah Ihn Amir nannte Zijad (welcher an feiner Entjegung fchuld 
war) Zijad Sohn Humejja’s, und ald Jezid ıhm fragte, warum er 
ihn nicht auch Sohn Abu Softans nenne, fagte er: ich will hundert 
‚Zeugen beibringen, welche bemweijen, daß er nicht Abu Goftan’d 
Sohn. Sezid ging hierauf zu feinem Water und beflagte ſich bei 
ihm (über die Adoption Zijad’s) worauf Muawia Abd Allah Ibn 
Amir nicht mehr vor fih ließ, bis Zezid Fürbitte für ihn einlepte 
und er fi bei Zijad entjchuldigte. Auch Abd Al Mahaftn fest die 
Ernennung Jezid's zum Thronfolger in das Jahr 56; bemerkt jedoch, 
dag Mughira zuerft auf diefen Gedanken gefommen und für die 
Beiftimmung der Kufaner bürgte, auch beitah er einige KRufaner, 
welche nadı Damasf reiften, um Muamia zu bitten, aus Liebe und 
Fürforge für feine Unterthanen, ihnen Se,id zum Machfolger zu 
beffimmen. Muawia merfte aber wohl, daß diefe Leute von Mug— 
hira bezahlt waren, welcher fürchtete, feine Statthalterfchaft zu ver: 
lieren. Er befahl ihnen die Sache geheim zu halten und beſprach 
ſich darüber mit Zijad. Diefer rieth aber, lieber noch zu warten, 
bis Sezid populärer geworden und durch feine Jagden und Sauf— 
gelage fein Aergernig mehr gäbe. Nur Ibn Athir, welhem auch 
Elmafın ©. 48 folgt, fest die Erhebung Jezid's zum Nachfolger 
in das Sahr 50, aus dem einzigen Grunde, weil au Abd Errah— 
man, der Sohn Abu Beer’, unter den Opponenten in Medina 

18* 


276 Fünftes Hauptftüd, 


mußte Muawia, fowohl um die Herrfchaft feiner Famile zu 
erhalten, als um neuem Bürgerfriege vorzubeugen, fi ernſt— 
lich mit der Erbfolgeangelegenheit befchäftigen und Alles auf- 
bieten, um noch bei feinem Leben das Chalifat feinem Sohne 
zu fihern, dem er früher, wegen feiner Sittenlofigfeit viel 
leicht gerne feinen natürlichen Bruder vorzog, oder wenig- 
ſtens als Neichsverwefer an die Seite ftellte. Die Ausfüh- 
rung diefes Planes war aber auch jetzt, wo man längft an 
blinden Gehorſam gegen den Chalifen gewöhnt war, noch 
ſehr Schwierig. War doc felbft Alt von der Mehrzahl der 
Araber verlaffen worden, weil fie von einer erblichen Mops 
narchie nichts willen wollten, wie konnte Muawia erwarten, 
bag man feinem Sohne Jezid unbedingt huldigen würde, der 
durch fein Teichtfinniges, erlaubten und verbotenen Vergnügun— 
gen und Zerftreuungen hingegebenes Leben als ein Ungläubiger 
verfhrien war? Darum brauchte Muawia, felbft nad) Zijads 
Zod, noch mehrere Jahre, um das Volk durch die einfluß- 
reichiten Männer, die auf jede Weile beftochen wurden, zu 
bearbeiten. Erft im Jahre 56, nach Einigen fogar erft im 
Sabre 59 trat Muawia mit feinem Plane öffentlich auf, oder 
vielmehr ließ er Dhahhak Ibn Keis öffentlich in der Mofchee 
den Wunfh aussprechen, daß, um nad des Chalifen Tod 
neuen Bürgerfriegen vorzubeugen, wie fie nad) der Ermor— 
bung Othmans ftatt gefunden, Jezid noch beim Leben feines 
Baters zu feinem Nachfolger ernannt und ihm gehuldigt wer— 
den möchte, In Syrien war allerdings der Widerftand nicht 
ſehr groß, theils weil ſchon längſt ale Freiheit und Unab- 
hängigfeit aus diefem Lande verbannt war, theils weil bier 


genannt wird, und diefer fchon im Jahr 58 geftorben iſt. Sndefjen 
find die Traditionen über das Todesiahr Abd Errahman's von 
einander abweichend, da munce Das Suhr 55 oder 56 annehmen, 
und andere fogar erft das Jahr 58, in welchem auch feine Schmefter 
Aiſcha, die Gattin Mohammed's, ftard. ©. Nawawi ©. 378, Abul- 
feda ©. 374 und Glmafin ©. 48. 


Muawia. 277 


der Fanatisınus und die Anbänglichfeit an alten Gebräuchen 
und Vorſchriften des Propheten und der erſten Chalifen 
ſchwächer war, befonders aber auch weil bier die Verwandten 
und Greaturen Muawias am zablreichften waren. In Aras 
bien bingegen war Die Stimmung dermaßen gegen Jezid, daß 
felbft Merwan Ibn Hafam, der ehemalige Minifter Othmans, 
jest Statthalter von Medina, nah Damasf reifte, um Mua— 
wia von diefem gefährlichen Schritte abzurathen, und Diefer 
fpäter genötbigt war, an Merwans Stelle den fügfameren 
Welid Jon Diba zu ernennen D. Auch die Irakaner Sprachen 
fih gegen Jezid aus, obgleih ihr dermaliger Statthalter 
Ubeid Alleh, ein Sohn Zijads, unter ihnen nicht weniger 
gefürchtet war, “als früher fein Vater. Ahnaf Fon Keig, 
‚einer der angefebenften Männer Baßras 2), der fih, wie 


— 


ID) Masudi f. 226. Ber Abd U Mahaſin heißt es: Merwan 
fhried an Muawia, daß die Medinenfer dies als eine Faijerliche 
Sitte verdammten. Derjelbe berichtet aub, Daß Merwan durch 
Koransverfe die Erblichkeit des Thalifats beweifen wollte, daß aber 
Aiſcha ihm fagte: „Du lügft, du Abfommling eines vom Propheten 
Berfluhten, im Koran ftent nichts davon.” Ber Tab. ©. 38: ant: 
mwortet Muamia dem Merwan: er möge nur warten, bis er felbft 
nah Medina fomme und ©. 39 wird dann berichtet, dab Muamia, 
als er Medina verließ, Merwan mit nahm und die Statthalterfchaft 
von Medina dem Welid Sbn Abu Sofian gab, mit der Weijung, 
die Rebellen zu züctigen. Statt Welid Son Abu Softan ift offen- 
bar Son Diba Son Abu Sofian zu lefen. H. Quatremere erwähnt 
in feiner vortrefflihen Biographie des Abd Allah Ibn Zubeir (nouv. 
journal asiatique T. IX.) nichts von der Entjekung Merwan’s unter 
Muamia, jondern jchreibt noch ausdrüdlih (S. 319) »ä peine Moa- 
wiah avait il ferme les yeux que Jezid ,.. nomma au gouvernement 
de Medine. son cousin Welid ben Atabah, ä la place de Merwan ben 
Hakam, qui avait jusqu’ alors exerce les fonctions.« 


2) Ahnaf ift nur eın Beiname, welcher „der Krummfüßige“ 
bedeutet, jein Name war Dhahbaf, darf aber nicht mit dem andern 
Dhabhak Son Keis verwechfelt werden, welcher einer der eraebenften 
Feldherrn Muawia's mar. Jener war Oberhaupt der Tenu Tamım, 
die er zum Islam beredete und hielt es in der Schlacht von Siffin 


278 Fünftes Hauptſtück. 


oben erwähnt, rühmlich in dem Feldzuge gegen die Perſer 
ausgezeichnet, wagte es, als Muawia ihn um Rath fragte, 
ihm zu antworten: „Wir fürchten deine Strafe, wenn wir 
wahr ſprechen, und die Gottes, wenn wir lügen. Du kennſt 
deinen Sohn Jezid beſſer als wir, weißt, wie er öffentlich 
und im Geheimen lebte und ſein ganzer Wandel liegt offen 
vor dir. Hältſt du es für recht und deinem Volke heilſam, 
ihn zu deinem Nachfolger zu beſtimmen, ſo bedarfſt du unſeres 
Rathes nicht, wo nicht, ſo mache ihn nicht zum Herrn dieſer 
Welt, während du in eine andere übergehft Y.“ Muawia 
gab aber allen Gegenvorftellungen fein Gehör. Die wandel- 
baren und feigen Jrafaner wurden theils durch Beftechung, 
theils durch Gewalt zur Huldigung genöthigt. Dann zog er 
felbft an der Spite eines Fleinen, aber zuverläffigen Heeres, 
gegen Arabien, wo bejonders vier Männer an der Spitze 
der Oppofition ftanden 2). Diefe waren: Hufein, der Sohn 


mit Ali. Als er fpäter einmal vor Muamia erfchien, fagte ihm 
diefer: Bei Gott! ich werde bis zum Tage des Gerichts nie an die 
Schlacht von Siffin denken, ohne daß mein Herz vor Schmerz ent: 
brenne. Darauf antwortete Al Ahnaf: Ber Gott, wir haben nod) 
in unferm Innern das Herz, das dich verabfcheut, noch tragen wir 
in unferer Scheide das Schwerdt, mit dem wir gegen dic gefämpft, 
fehreiteft du einen Daumenbreit vorwärts gegen den Krieg, fo machen 
wir einen ganzen Schritt, und ziehft du gemejfenen Ganges in die 
Schlacht, fo werden wir dir rafhen Scrittes begegnen. Muamia 
ward dann von feiner Schweſter, welche diefe Unterredung hinter 
einem Borhang mit angehört, gefragt, welcher Mann es gewagt, 
folhe Drohungen auszuſtoßen? Muamia antwortete, es ift ein Mann, 
deffen Zorn von hunderttaufend Kriegern aus dem Stamme Tamim 
getheilt wird, ohne daß fie ihn fragen, was ihn aufgebradt. ©. 
Ibn Khallican’s biographical dietionary by Mac Guckin de Slane Vol. I. 
p- 636. 

1) Ibn Khallican a. a. D. und ausführlicher bei Abd Almahafin. 

2) Auch Saad, der Sohn des Chalifen Othman, wollte, als er 
son dem Widerftande diefer Männer hörte, jeine Huldigung zurüd: 
nehmen, aber Muamia befhmwichtigte ihm dadurch, daß er ihm die 


Muawia. 279 


Als, Abd Allah, der Sohn Zubeir's, Abd Errahman, der 
Sohn Abu Bekr's und Abd Allah, der Sohn Omar's ). Ag 
Piuawian nad Medina gelangte, zogen fie fih, Gewalt fürch— 
tend, nach der heiligen, Sicherheit gewährenden Stadt Meffa 
zurüf 2). In Meffa fuchte Muawiag zuerft durch Ueberredung 





Statthalterfchaft von Chorafan verlieh, die er ihm jedoch nur fo 
fange ließ, bis die übrigen Gegner beiiegt waren und er von ihm 
allein nichts mehr zu fürdten hatte. Tab. ©. 38. 


1) Tab a. a. D. nennt nod einen fünften, nämlich Abd Allah 
Ibn Abbas. Diefer war aber blind und lebte zurücgezogen in Taif, 
fo daß an feiner Huldigung nichts gelegen war, mweßhalb Muawia 
ihn in Ruhe lieg. 

2) Nah Abd Almadafin erwarteten fie Muawia in Medina und 
gingen ihm fogar entaggen, wurden aber nicht von ihm empfangen. 
Das Gleiche führt H. Quatremere nach dem Kitabi-futuh a. a. O. 
©. 309 an. Doc das verträgt fich nicht mit Muawia's Freundlich— 
feit gegen fie in Meffa. Nah Tab. ©. 39 lie Muamia in Medina 
einen nach dem andern vor ſich kommen und forderte ihn zur Hul— 
digung auf; ein jeder fragte, ob auch die drei Andern hufdigten und 
auf Muawia's bejabende Antwort jagte er dann: in dieſem Falle 
verweigere auch ich die Huldieung nicht, worauf Muamia fich bes 
ruhigte. Bei H. Quatremere a. a. D. lieſt man aber: »Suivant le 
recit de Tabari, Moawiah les ayant invites a reconaitre leur futur 
souverain et n’ayant obtenu qu’ un refus formel, ne repondit rien et 
continua sa route. Apres avoir accompli son pelerinage, il repassa 
par Medine, mais il ne crut pas que la prudence lui permit de re- 
courir ä des mesures violentes « Wahrſcheinlich weicht hier der türs 
kiſche Bearbeiter des Tabari von der Perſiſchen Weberfegung, die 
9. Quatremere benüst hat, ab. Mir ift es übrigens wahrjcheinlicher, 
wie auch die erwähnte Tradition von Abd Almahafın und Kitabi 
Futuh beweiſt, daß fie nicht - lange den Muth hatten, Muawia zu 
widerftehen, jondern ihm, wenn auch nicht mit freiem Willen und 
nod weniger mit freudigem Herzen, doch ohne daß Muamia zu einer 
befondern Lift jeine Zuflucht nehmen mußte, huldigten. Später 
wurde dann wahrjcheinlih manches erfunden, um Hufein’s und Abd 
Allan’s Son Zubeir Wortbruh und Empörung zu rechtfertigen. Ob 
Dmar’s und Abu Bekr's Sohn aus reiner Frömmigkeit die Hul: 
digung vermweigerten, oder ob fie auch noch einige Hoffnung hatten, 


280 Fünftes Hauptftüc, 


und glänzende Berfprechungen fie zur Huldigung zu bewegen, 
Sie verharrten aber in ihrem Ungehorfam und Abd Allap, 
der Sohn Zubeir’s, welcher das Wort führte, fagte: KHandle 
wie Mohammed, der ins Grab ftieg, ohne irgend eine Ver— 
fügung über die Nachfolge zu treffen, oder wie Abu Bekr, 
der zwar einen Nachfolger beftimmte, doch feinen feiner Ver— 
wandten, fondern einen der älteften und beften Gefährten des 
Propheten, oder endlih wie Omar, der dem Volke die Wahl 
zwifchen ſechs Candidaten lieg, von denen fein Einziger fein 
Sohn war. Dein Begehren, fette er hinzu, tft nicht dag 
eines Gläubigen, fondern eines ungläubigen Byzantiners.“ 
As Muawia nicht mehr hoffen fonnte, fie durch Güte zu 
gewinnen, nahm er zu Drohungen feine Zuflucht. Er foll 
fogar den Oberſten feiner Leibwache berbeigerufen und ihm 
in ihrer Anmwefenheit befohlen haben, dieſe vier Männer in 
die Mofchee zu begleiten, einem jeden zweit Golvaten mit 
gezüdtem Schwerte an dieSeite zu ftellen, mit der Werfung, 
fie zu durchbohren, fobald fie den Mund öffnen. Hierauf 
begab er fich feldft in die Mofchee und ſprach auf der Kanzel 
von der Nothivendigfeit, feinem Sohne noch vor feinem Tode 
huldigen zu laffen. Indeſſen, fo ſchloß er feine Rede, wollte 
ich nichts beſchließen, bis ich die Anfiht der vier edelften 
Männer unter euh: Hufein, Abd Allah Ibn Omar, Abd 
Errahman Ibn Abu Bekr und Abd Allah Ibn Zubeir ver: 
nommen; da fie aber ganz mit mir einverftanden find, und 
bereits Jezid gehuldigt haben, fo fordere ich euch alle auf, 


ee 


nab Muawia's Tod an die Negierung zu gelangen, wiſſen wir 
nicht, gewiß ift aber, daß Hufein und beſonders Abd Allah Ibn 
Zubeir, wie wir in der Folge fehen werden, aus Ehrgeiz und 
Herrſchſucht fo handelten und nicht weil es „Freiheit liebende Män— 
ner“ waren, wie fie Flügel ©. 65 nennt. Dem Abd Grrahman foll 
Muawia 100,000 Drachmen geſchickt haben, er nahm fie aber nicht 
an und fagte: ich verfaufe meinen Glauben nicht für weltliche Dinge. 
Nawawi ©. 378, 


Muawia. 281 


das Gfeiche zu thun. Da alle vier, aus Furcht, niederge— 
ftoßen zu werden, fehwiegen, buldigte die ganze Gemeinde, 
worauf Muawia fogleic feine Rückreiſe nad Syrien antrat!) 
und obgleich die genannten vier Männer nachher behaupteten, 
zum Schweigen gezwungen worden zu fein, fanden fie doch, 
fo lange Muawia Iebte, feinen Anhang, weil man entweder 
ihnen feinen Glauben ſchenkte, oder fie für Feiglinge hielt. 
Da wir bisher unfer befonderes Augenmerf auf Mua— 
wia’s Kämpfe im Innern des Reichs gerichtet, müffen wir, 
ebe wir ung zu feinem Tode und zur Schilderung feines 
Charafters wenden, das erwähnen, was unter feiner Regie 
rung für die Vergrößerung des Reichs im Welten, Norden 


1) Abd Almahafın und Chamis. H. Quatremere, welcher diefe 
beiden Quellen nicht bemüst zu haben jcheint, erwähnt aud von all 
diefem nichts, beweift vielmehr aus andern Quellen, dag Muawia 
fortwährend alle möglibe Schonung für Abd Allah batte und ihn 
auf jede Weife zu gewinnen juchte. Gr mollte feinen Sohn Jezid 
mit Abd Allah’s Tochter Umm Hakim verheurathen, fobald aber 
diefer davon etwas hörte, gab er fie, noch ehe Muawia's Bote an- 
langte, feinem Meffen Abd Allah Son Urwa. Doch wird die Zeit 
diefer Begebenheit nicht angegeben, fo daß fie wohl vor Muawia's 
Reife nah Meffa vorgefallen fein mochte. Dag Muawia in Meffa 
fein Blut vergiegen wollte, ift natürlich, doch wieß er Abd Xllah, 
welcher fih beleidigende Anfpielungen gegen ihn erlaubte, durch 
folgende Verſe zurecht: 

„Wie viele Menſchen ſtoßen unüberlegte Worte aus, die einer 
furchtſamen Heerde gleichen, welche beim Anbrucd der Morgenröthe 
vor dem Anblif der grünen Weide zurüdbebt. Mander Treulofe 
ift gleih zum Schmähen bereit, während der Edle der Liſt und 
Schlauheit unterliegt.“ 

Webrigens it befannt, daß Muamia gegen jedermann mild war 
und nur im äußerften Falle Gewalt gebrauchte, darum it ed auch 
glaublih, daß er einit, als Abd Allah ſich bet ihm beklagte, das 
feine Sklaven jein Gut betreten, er ihm eine Urkunde überjchidte, 
in welcher ihm des Chalifen Güter, die an die Seinigen grenzten, 
fammt allen darauf befindlihen Sklaven gefhbenft wurden. Es fragt 
ſich nur eben auch, zu welcher Zeit dies vorfiel. 


282 Fünftes Hauptftäd, 


und Dften gefchehen. In Afrika ruhten die Waffen, fo Tange 
Amru Fon Aaß Statthalter in Egypten war, der in feinem 
Alter mehr nah ruhiger Herrfhaft, als nach neuen Waffen- 
thaten gelüftete. Amru, eben jo ausgezeichnet als Feldherr 
wie als Staatsmann, der Eroberer von Meffa, von einem 
großen Theile Paläſtina's und von Egypten, nebft den an- 
grenzenden Provinzen bis nah Zripoli hin, farb im J. 43 
der Hidjrah (Anfang 664) als ein ſchwacher Sünder, der an 
der Pforte des Grabes es bereute, fein ganzes thatenreiches 
Leben hindurch nur nad perfönlichen Bortheilen gerungen zu 
haben. Er meinte wie ein Kind, als er dem Tode nahe war 
und als fein Sohn ihn fragte: ob er fih vor dem Tode 
fürchte, antwortete er: nein, aber vor dem, was auf den 
Zod folgt. Als jener dann, um ihn zu ermuthigen, ihn an 
die Schlachten erinnerte, die er für den Islam fiegreich ge— 
fochten, fagte er: Mein Leben zerfällt in drei Perioden, wäre 
ih in den beiden erften geftorben, fo wüßte ich, was die Welt 
son mir fagen würde, Als Mohammed mit feiner Sendung 
auftrat, war ich fein bitterfter Gegner und wünfchte nichts 
fehnlicher als feinen Tod. Wäre ih damals geftorben, fo 
hätten die Leute gefagt: Amru hat als Ungläubiger, als Feind 
Gottes und feines Gefandten diefe Welt verlaffen, er gehört 
zu den Bewohnern der Hölle. Dann erfüllte Gott mein Herz 
mit Glauben, ich begab mid zu Mohammed, ftredte ihm 
meine Hand hin und fagte: idy huldige dir, wenn du mir 
Gnade für alfe begangenen Sünden verbürgft, denn ich glaubte 
damals, ich würde als Muslim nicht wieder fündigen. Der 
Sefandte Gottes erwiederte: „Amru! der Islam und die 
Auswanderung bringen Bergebung für alle früheren Vergehen.” 
Wäre ich damals geftorben, fo hätten die Yeute gefagt: Amru 
ift gläubig geworden und hat mit dem Gefanbten des Herrn 
gekämpft, wir hoffen, ev wird bei Gott Glückſeligkeit finden. 
Dann ward mir aber Herrſchaft verliehen — das war eine 
Zeit der Verführung, vor der ih mid fürdte... Gott! ic 
fann mid) nicht vor dir rechtfertigen, fondern nur deine Gnade 


Muawia. 283 


anflehen, denn ich habe unterlaſſen, was du geboten und ge— 
than, was du verboten. Es gibt keinen Gott außer dir.“ 
Dieſe letzten Worte ſoll er dann wiederholt haben, bis er die 
Seele ausgehaucht ). 

Nach Amru's Tode folgten in kurzen Zwiſchenräumen 
als Statthalter von Egypten auf einander: Abd Allah, ein 
Sohn Amru's 2), Otba, ein Bruder des Chalifen Muawia 2), 
Okba, der Sohn Amir's und Muawia Ibn Hudeidj %). Letz— 
terer unternahm, außer dem ſchon oben erwähnten Feldzuge 
gegen das Gebiet von Kairawan, noch zwei andere im Jahre 
40 und 50 der Hidjrah >). Weit erfolgreicher war aber der 
Feldzug Dfba’s Ibn Naft, des Fehriten, Diefer unterwarf 
zuerft 6) die ohngefähr in der Mitte zwifchen Murzuf und 


1) Son Abd Alhakam ©. 9. 

2) Aa. O. S. M u 9. 

5) Abulfeda S. 356. 

4) Ber Abd Almahaſin: Im J. 47 d. H. ernannte Muawia 
an Abd Allah Son Amru's Stelle Muawia Ibn Hudeidj zum Statt- 
halter von Egypten. 

5) Son Abd Albafam ©. 105. Bei dem erften ſchon oben 
erwähnten Feldzuge befand fich auch der fpätere Chalife Abd Almalik 
Son Merwan. Ob übrigens jener Feldzug wirflih noch unter Oth— 
man ftatt gefunden, möchte ich bezweifeln. Son Abd Alhafam felbft 
jagt: „von dieſem Feldzuge wijfen nur wenig Xeute, doch bemerkt 
er, daß von diefer Beute Othman den fünften Theil an Merwan 
verjhenfte. Dagegen ipricht aber, daß, als ein Streit wegen Ver: 
theilung der Beute fih erhob, an Muamwia Ibn Abu Gofian 
geihrieben ward, woraus erhellt, daß er damals ſchon Beherr: 
fher ver Gläubigen war. 

6) Nah Son Abd Alhakam a. a. D. im J. 46. Alles Fol: 
gende habe ich auch nad) diefer Quelle angegeben, geftehe aber, daß 
es mir nicht möglich war, fie mit andern in Ginflang zu bringen 
und die Widerjprüche mit denjelben zu löſen. Abd Almahafin fest 
den Zug Okba's in das Jahr 58 unter der Gtatthalterfhaft des 
Mohammed Ibn Maslama und nennt ihn Dfba Sbn Amir. Abul- 
feda ©. 568 jest die Gründung Kairawan’s in das Sahr 50 und 


284 Fünftes Hauptſtück. 


dem Borgebirge Mefurata gelegene Stadt Waddan, melde 
fhon früher Beſchr Ibn Urtah erobert hatte, die aber inzwi- 


die Vollendung der Stadt in das J. 55 durch Dfba Son Nafi. Bei 
Elmafin ©. 47 lieft man (oder follte man weniaftens lejfen): Sm 
5. 46 zogen Muawia (2? Dfba) Ibn Amir und Behr Ibn DOrtah 
gegen den Weiten und eroberten viele Städte, darunter Fezzan (nicht 
Karana), Kafßa und Kaftilia, bis fie nah Katraman kamen, welches 
ſchon Muamia Ibn Chodeidj erobert und mo derfelbe fchon eine 
Studt gebaut batte, die ihnen aber nicht gefiel; da murden Mauern 
um die Stadt gezogen, die noch jest Katraman heißt. Nach Numeirt 
(hist. de l’acad. des inscript. T. XXI. p. 116 u. ff.) fand der Feldzug 
des Muamia Ibn Hudeidj im S. 45 d. 9. ftatt, Okba's Zug und 
die Gründung Kairaman’s im J. 50, Okba's Entjegung im 3. 55 
und feine Wiedereinfesung im 5. 62. Nuh Nawawi ©. 466 ward 
Okba Ibn Amir Statthalter von Egypten im 3. 44 und ftarb da— 
ſelbſt im 3. 58 d. 9. Son Challikan (I. 35) nennt Okba Sbn Amir 
den Gründer der Stadt Kairawan. Dagegen führt Slane folgende 
Stelle aus dem Hullatas-Siyara an: »Okba Jbn Nafı al Fihri was 
sent on an expedition by Moawia Jbn Abi Sofyian A. H. 43 (A. D. 
663) and entered J{rikiya at the head of 10,000 Moslims. He founded 
the city of Kairawan, and left after him an honorable reputation; he 
was an excellent governor, aud God granted all for which he prayed. 
He was deprived of his place and reinstaled A. H. 62 (A. D. 681—2). 
In the year 95 (A. D. 711— 2) he and some troops which accom- 
panied him, were slain by the Berbers at Tahuda, where his tomb is 
revered to this day.e Letztere Sahreszahl ift gewiß faljch und muß 
ftatt 93 d. 9. 63 heißen Die Verwechslung des Namens Okba 
Son Amir mit Okba Son Naft rührt daher, dag Erfterer vielleicht 
Statthalter von Eaypten war, zur Zeit, als Lesterer ins weftliche 
Afrifa zog und da häufig die afrikanifchen Feldherren unter der 
Dberherrihaft des Statthalters von Egypten ftanden, ſo modten 
auh ihre Thaten diefen zugejchrieben worden fein. Auch de Sacy 
berichtet nad Pariſer Handjchriften (mem. de Facad. V. 24): Okba 
fils d’Amir fut gouverneur et intendant des finances en Egypte sous 
le regne de Moawia. Auch ift vielleicht die erite Gründung Raira: 
wan's durh Muawia Son Hudeidj unter Okba Ibn Amir, mit der 
zweiten durch Dfba Son Nuft, verwechjelt worden. Gegen alle 
Quellen lieft man bei Aſchbach (Geſchichte der Omejjaden in Spa- 
nien I, 18): „Seit Amru's Tod war Okba, Nafi's Sohn, als Statt- 
halter nad; Egypten gejchieft worden. 


Muawia. 285 


fhen wieder abgefallen war. Bon bier 309 er acht Tage 
lang immer ſüdlich bis nad Dierma, damals Hauptſtadt des 
Landes Fezzan. Nach der Einnahme diefer Stadt unterwarf 
er die übrigen feſten Plätze des Landes Fezzan und wendete 
fih dann gegen Südweft nah Diawan, Hauptftadt der Pros 
vinz Kawar Y. Im vierzehn Tagen ftand er vor den Thoren 
Diawan’s, er belagerte aber dieſe Stadt vergebeng einen 
Monat lang und als er die Unmöglichkeit einfah, fie einzu= 
nehmen, brach er gegen andere minder fefte Pläge diefer Pro- 
vinz auf. Auf dem Rüdwege z0g er an Djawan vorüber 
und bielt drei Tage weit davon, an einem Orte, welcher 
Ma Faras (Vferdewaffer) genannt wurde, weil man durch 
das Scharren eines Pferdes in diefer Wüfte eine Duelle ent- 
deckte ). Während aber die Bewohner von Djawan alle 
Gefahr vorüber glaubten und wieder ihre Thore öffneten, 
brach Dfba in nächtlichen Eilmärfhen und auf Umwegen von 
Neuem gegen fie auf und überfiel fie ganz unerwartet. Alle 
ftreitbaren Männer wurden getödtet, Frauen und Kinder zu 


1) Nach Abulfeda ©. 99 (ed. Schier) lag Kawar acht Tagereifen 
weit von Fezzan. Auch die Richtung ift dort genau angegeben. Es 
heißt nämlich dort: Santarija liegt zehn Tage weit füdmweftlih von 
Alerandrien, von Santarija nad) Audjala hat man wieder at Tage 
in der Richtung von Südweſt zu reifen und wieder acht Tage von 
Audjala nah Sala. Sn gleiher Richtung und in derfelben Entfer— 
nung liegt die Stadt Fezzan, und jo wieder acht Tage weit hinter 
Fezzan das Land Kawar. Diejes Lund lag aljo mwahrjcheinlih an 
der ſüdweſtlichen Spige von Fezzan. Vergl. auch Edriſti Afrika cur. 
Hartmann ©. 139 Anmerf. f. Bei Son Abd Alhak. lieft man „Ha: 
war” für Djaman. 

2) Sie lagerten an einem Drte, heißt es bei Sbn Abd Alhakam 
©. 106, wo fein Waſſer war, fo daß Okba mit den Seinigen nahe 
daran war, vor Durft umzufommen. Okba betete zwei Rikahs und 
flehte Gott um Regen an. Da fing fein Pferd an mit den Vorder: 
füßen die Erde aufzufcharren, es fprang Waffer heraus, welches das 
Pferd auflefte. Als Dfba dies bemerfte, ließ er weiter graben und 
man fand Wafler genug, um die ganze Armee damit zu verjehen., 


2836 Fünftes Hauptftüd. 


Sflaven gemacht und alles beweglihe Gut geplündert. Von 
Djawan ging er wieder zurüd nah Zawilah in das Land 
Fezzan und nah fünf Monaten traf er wieder in feinem 
Hauptquartiere in der Landihaft Barfa ein. Nachdem bier 
Menſchen und Pferde ſich wieder erholt hatten, unternahm 
Dfba einen zweiten Zug gegen Welten. Die feften Schlöffer 
der Landfchaft Mezatah (Mezdah I) und Saff (2) fielen in 
feine Gewalt, während eine Abtheilung feiner Reiterei die 
Stadt Ghadamis nahm. Er wendete fih dann gegen Nord» 
weit, unterwarf Kaftilia ?) und Kafßa und begab fih von 
bier nad) der Stadt Kairawan, welde Muawia Ibn Hudeidj 
gegründet hatte. Da ibm aber die Lage dieſes Ortes nicht 
gefiel, zog er weiter bis in die waldige Ebene, wo jest noch 
die Stadt diefes Namens Liegt 3). Dfba fcheint nun mehr 





— 


1) Mezdah liegt füdlih von Tripoli, etwa acht Tagereiſen öſt— 
lich von Ghadamis, welche Stadt durch ihre Gerbereien berühmt 
war und an die Wüſte Sahra grenzt. Abulfeda. 

2) Kaftilia ıft der Name einer Provinz, deren Hauptftadt nad 
Abulfeda (S. 108) Tufar bie. Kafka Sag weiter nordweftlih dem 
Meerbufen von Kabis gegenüber. Kaftilia fommt übrigens auch 
ald Ortsname vor. Vergl. Edrifi ©. 251 u. 252. 

3) Nah Mannert (Geogr. d. Grieben u. Römer X. 2) ©. 36? 
fiegt Kairawan an der Stelle des alten vieus Augusti, 85 Mill. 
nordöftlih von Aquae regiae und 25 von Hadrumetum. Abulfeda 
bemerkt, daß fie in einer Ebene lag, wo die Araber ihre Kameele 
gut gebrauchen fonnten, am füdlichen Abhange eines Gebirges, wel 
ches, wie derfelbe ©. 98 bemerkt, in der Gegend von Kabis „Das 
mar“, in der Gegend von Kaffa „Autas“ und gegen Kairaman hin 
„Baslat“ heißt. Die Stadt lag alſo ohngefähr zwanzig Etunden 
füdlihb von dem jegigen Tunis und nicht wie bei Flügel ©. 64, 
„zwölf engliſche Meilen weſtwärts von dem heutigen Tunis.“ Da— 
mals, wo Karthago noch in den Hinden der Griechen war, wäre es 
kaum möglih und gewiß nicht rathſam gemejen, hier eine neue 
Stadt zu aründen. Mit meiner Angabe ſtimmt auch Edrift überein, 
wo es (©. 255) beißt: Kairawan liegt vier Tagereifen nordöftlich 
von Kafka, zwei von Tunis. Bei dem Gevaraphen aus dem vierten 
Sahrhundert der Hivjrah, von welhem Quatremere in dem 12. Bande 


Muawia 287 


an Befeftigung der mufelmännijchen Herrfchaft in Afrifa, ala 
an weitere Ausdehnung gedacht zu haben und in Kairawan 
geblieben zu fein, bis zu feiner Entfeßung im Jahre 61 der 
Hidjrab (680— 81). Maslama Ibn Muchallad, welcher feit 
dem Jahre 47 Statthalter von Egypten und als folder auch 
Dberbefehlshaber über das ganze mufelmännijche Gebiet in 
Afrika war), fandte an Ofba’s Stelle feinen Liebling Abu 
Muhadjir Dinar, den Freigelaffenen eines Medinenfers, wel- 
cher, nicht damit zufrieden, Dfba zu entfegen, ihn auch noch 
in Ketten legen und einfperren ließ und die von ihm gegrüns 


der not. et extr. des msc. de la biblioth. du roi viele Auszüge mittheilt, 
liet man (©. 471): La ville de Kairowan est situ&e au milieu d’une 
plaine etendue. Au nord est la mer de Tunis; ä l’orient la mer de 
Sousah et de Mahdiiah; au midi la mer de Safakes et de Kabes: la 
plus voisine est la mer orientale, qui en est a une distance d’un jour 
de marche. De cette ville ä la montagne on compte egalement une 
journee. A l’orient se trouve un marais sale. Les terres de tous ces 
cantons sont d’une fertilite admirable etc. Bei Ibn Abd Alhakam 
wird ausdrücdlich gefaat, daß ehedem der Drt, wo Kairaman ge: 
gründet ward, viele Bäume hatte, welche wilden Thieren zum Zus 
fluchtsort dienten. Dann wird das befannte Wunder hinzugefügt, 
dag nämlich Okba dreimal rief: Shr Bewohner diefer Ebene entfernt 
euch! Gott erbarme ſich eurer! wir wollen uns bier niederlaffen. 
Darauf entfernten fih alle reißenden und andere fohädlichen Thiere, 
jo daß man in jener Gegend 40 Sahre lang um 1000 Dinare weder 
eine Schlange noch einen Skorpion hätte auftreiben Eünnen. Okba 
ftedte dann jeine Lanze in den Boden und fagte, bier fei euer La— 
gerplag! er wies dann jeder Kamilie ihren Antheil an und befahl 
den Bewohnern des von Muamia Ibn Hudeidf gegründeten Ortes 
fih hier niederzulaffen. 

1) Diefer war der Erſte, heißt es bei Sbn Abd Alhafam ©. 107, 
welcher zugleich den Dberbefehl über Eaypten und den Waghrab 
hatte und jeine Herrjbaft begann im 3. 47. Demnah wäre, wie 
ih oben angegeben, Okba Ibn Amir's Statthalterichaft in Egypten, 
wie alle übrigen zwifchen ihm und Amru auch nur von furzer Dauer 
gewejen, oder Marlama müßte auch eine Zeit lang entfernt und 
dann wieder eingejegt worden fein. Nah Elmakin ©. 47 ward 
Maslama fhon im 5. 45 an Okba's Stelle geſetzt. 


288 Fünftes Hauptftüd, 


dete Stadt zu verlaffen trachtete. Dfba’s Freunde bewirften 
indefjen bald beim Chalifen Jezid deffen Freilaffung und ihm 
felbft gelang e8, als er in Damasf vor dem Chalifen I) er- 
fehten, die Wievereinfegung in fein früheres Amt zu erwirfen. 
Bon Rache und Ehrgeiz angeipornt, eilte er jegt nad) Afrika 
zurüd und vergalt Abu Muhadjir Gleiches mit Gleichem. 
Er führte ihn gefeffelt mit fih in die Landſchaft Sus ?), 


1. 68 heißt zuerft bei Sbn Abd Alhakam: Okba beklagte ſich 
bei Muamia über feine Entiegung, diefer entichuldigte fich und vers 
lieh ihm wieder die Herrfchaft über Afrika, dann fest er aber hinzu: 
manche behaupten, Dfba habe fid) bei Sezid, dem Sohne Muawia’s, 
beklagt und diejer habe ihn wieder eingefest. Letztere Meinung tft 
die richtigere, da ja Muawia im J. 60 d. 9. ftarb. Wir eilen hier 
einigen Sahren von Sezid’d Regierung NED um nicht nochmals 
auf Okba zurüdfommen zu müjfen. 


2) So heißt ed wörtlich bei Zbn Abd Alhafam, den ich hier, 
wo es darauf anfommt, Okba's Zug genau zu beftimmen, fait wört- 
lich überfest habe. Dies ift alſo die Grundlage, auf der Numeiri 
und andere Araber Okba's Züge ausgedehnt haben und diefen zufolge 
ſchreibt Afhbah Ca. aD ©. 18): „Darauf drang er (Okba) weiter 
gegen Weiten bis nad) Tanger an die Meerenge, Spanien gegenüber, 
und beabfichtigte nach dieſem Lande überzufegen. Allein bei der un 
verläfftgen Treue der erft unterworfenen Völker ſchien ed allzu ge— 
wagt, diefelben im Rüden zu laffen, er zog daher vor, feinen Marſch 
gegen die mächtigen Nationen, die hordenweiſe in der Wüſte von 
Sus herummanderten, zu richten und nachdem er fie in der Wüſte 
von Lemtung gejchlagen, drang er bis an die Fluthen des atlantifchen 
Weltmeeres den Canarifhen Inſeln aegenüber.“ Auch Flügel, der 
die Drientalen beffer Fennt, fehreibt (©. 64): „Siegreih drang der 
fühne Araber (Okba) bis an die Meerenge von Gibraltar und an 
den Rand des atlantiihen Dceans vor.“ Was zuerft den Zug nach 
Tanger betrifft, fo iſt dieſer gewiß fälſchlich Okba zugefchrieben wor: 
den, denn Ibn Abd Albafam erwähnt nicht nur nichts davon, fondern 
fchreibt (S. 118): „Muſa Ibn Nußeir 309 von Sfrikijah gegen 
Zantjah (Tanger) und’er war der erfte Statthalter, der bis Tandjah 
gelangte, wo verjchiedene Zweige der Berber wohnten (Tibr und 
Niras 2), welche noch nit unterworfen waren.“ Auch bei Makkari 


Muawia. 289 


deſſen Bewohner, ein Zweig der Berber, ihm feine Schlacht 
zu liefern wagten. Als er aber wieder an die Örenze der 


(hist, of the Mohamm. dynast. in Spain ete. by Pascual de Gayangos 
I. 252) na der Groberung Tanger’s durch Mufa lieft man: »They 
say that Tangiers had never been taken by an enemy before the days 
of Musa and once in the hands of the Moslems it became one of their 
strongest eitadels.« Für eine Verwechslung der Züge Okba's mit 
denen Muſa's jpricht befonders noch der Umjtand, dag auch hier er- 
zählt wird, wie Slian oder Sulian dem Okba nadı Tanger entgegen: 
fam und fih ihm unterwarf, während nad andern Autoren feldft 
Muſa diefen Slian nicht befiegen Fonnte, bis er mit NRoderic zerfiel 
und gemeine Sache mit den Mujelmännern machte. Auch erjbeint 
bei den mufelmännifchen Autoren fpäter diefer Ilian keineswegs ale 
eine jebon befannte, mit den Arabern fchon jeit 28 Zahren befreun— 
dete Perfon, denn ein ſolcher Zeitraum liegt zwiſchen dem Zuge 
Okba's und dem Muſa's. Was aber den Zug nach Sus betrifft, 
fo muß wohl unterjhieden werden zwifchen der am atlantijchen 
Meere gelegenen Stadt und der Landihaft Sus. Die Stadt heißt 
gewöhnlih Sus Alakßa (die äußerfte). Das Land Sus begreift aber, 
nach Abulfevda ©. 103, alles, was füdlih vom Berge Daran gegen 
die Wüfte Sahra zu liegt und aub nah Kinigen noch das Fand 
Darah, das Andere zu Sidjilmeß rechnen. Wenn mir alſo Okba bis 
über Sidjilmeß hinaus gelangen laffen, fo glauben wir ſchon weit 
genug in unjerm Vertrauen auf arabiihe Berichte gegangen zu fein, 
da wir doc einmal in Betreff Tanger's eine offenbare Erdichtung 
fehen und überhaupt mwiffen und ung ſogleich bei dem indijchen Feld: 
zuge aufs Meue überzeugen werden, daß die Araber gerne Grobe: 
rungen fpäterer Seldherren weiter hinauf rüden. Wir haben übrigens 
gejehen, wie Zbn Abd Alhakam dte eriten Züge Okba's gegen Kaira— 
warn, Fezzan und Ghadamis jo genau und ausführlich angibt, follte 
er wirklih einen fo außerordentlihen Feldzug bis ans atlantifche 
Meer mit ein Baur Worten abfertigen? Wir haben freilih Okba's 
Ritt in das Meer, bıs das Wuffer dem Pferde an den Hals reichte 
und feinen Ausruf: „Gott, du bit mein Zeuge, daß ich nicht weiter 
kann, fonft würde ich weiter vorwärts fihreiten!“ gegen und, was 
auch Son Abd Alhakam, jedoh nah einer andern Tradition, anführt. 
Sit es aber nicht wahricheinfih, dag aus der erſten Weberlieferung, 
wo vom Sande Sus die Rede ift, dann die zweite durch Verwechs— 
lung des Landes mit der Stadt Sus fih entipann? Die erfte Tra— 
19 


290 Fünftes Hauptſtück. 


ſchon unterworfenen Provinz Afrifa gelangte und, feinen An- 
griff erwartend, einen Theil feiner Leute entlaffen hatte, ward 
er an einem Drte, Tehuda genannt, von einer aus Griechen 
und Berbern zufammengejetten Armee, an deren Spite der 
früher mit den Arabern verbündete Berber Kufeil Ibn Lem- 
lem ftand, überfallen und mit feiner ganzen Mannfchaft ge- 
tödtet. Kufeil bemächtigte fi hierauf auch der Stadt Kaira- 
wan und nöthigte die Mufelmänner, fih in das Gebiet yon 
Barfa zurüdzuziehen. 

Noch glänzender und erfolgreicher waren unter Muawia 
die Waffenthaten der Mufelmänner im Dften des Reiche. 
Ziad, Muawia's Bruder, der als Statthalter von Irak auch 
über alle mufelmännifchen Befisungen in Perfien den Ober- 
befehl führte, fandte Rabia Ibn Alharith mit einem Heere 
von Chorafan aus nad) Bald) und als diejfe Stadt fi) frei- 
willig unterwarf, überfhritt er den Gihon oder Drus und 


dition ift wahr, dann folgen aber allerlei lügenhafte und wunderbare, 
die doch gewiß nicht ins Reich der Gefbichte gehören. So foll Abd 
Allah Son Amru, als Dfba auf feiner Rückkehr nah Afrika ihn in 
Egypten beſuchte, ihm aefagt haben: „bıft du etwa der Anführer 
des Heeres, das ind Paradies (durch den Märtyrertod) geht? oder, 
wie ein Augenzeuge gehört haben will: „Hüte dich, den Fluch der 
eanptiihen Wittwen auf dich zu laden, denn ich habe ftetd gehört, 
e3 wird ein Mann aus dem Stamme Kureifh nad diejer Seite 
jiehen und umfommen.“ Aber au in diefer Tradition heißt ed 
bloß: „Dfba ging nah Sfrifija und fuchte Abu Muhadjir auf und 
fperrte ıhn ein und legte ihn ın Feſſeln, dann zog er mit 5000 
Eayptiern und dem gefejielten Abu Muhadjir in den Kampf gegen 
die Berber und er und feine Gefährten wurden erjchlagen.“ Die 
einzige Tradition, in welcher vom Meere die Rede ift, verdient um 
fo weniger Glauben, als ihr zufolae der Sohn der Kabina (Kujeil) 
mit jeinen Truppen den ganzen Feldzug mitgemacht haben foll. Er 
war immer hinter Dfba, beift es, ohne daß diefer etwas davon 
mußte, und jo wie er von einem Tränfplag aufbrah, kam Kufeil 
und verftopfte ihn. Als daher Dfba von Sus zurüdkehrte, fand er 
fein Waſſer mehr u, f. w, 


Muawia. 291 


kehrte, nach mehrern ſiegreichen Gefechten gegen die Türken, 
mit reicher Beute beladen nad Choraſan zurück Y. Einen 
zweiten Feldzug nad dem Gebiete des Drus unternahm Ubeid 
Allah Ibn Zijad, welcher einen Theil von Buchara eroberte 
und auf der Rückkehr die abermals empörten Völfer Chorafan’s 
aufs Neue unterfochte und Tabariftan zum Frieden zwang 2). 

Saad, der Sohn des Chalifen Dibman, dem Muawia, 
um ihn für feine Erbfolgepläne zu gewinnen, im Jahre 56 
der Hidjrah Die Stattbalterichaft von Chorafan verlieh, 309 
mit einem Heere, in welchem der tapfere Muhallab Ibn Abt 
Sofra diente ?), bis gegen Samarfand *). Auch gegen Süd— 
oft, nad) Sind und Indien hin, verbreitete fih der Islam 
unter dem Chalifate Muawia’s. Der ſchon genannte Mu- 
ballab drang bis an den Indus vor und durdftreifte das 
Gebiet zwifhen Multan und Kabul, während Abd Allah Ibn 
Suwar Aabdi die zu Sind gehörende Provinz Kikan zum 
zweitenmale, jedoch aud nur furze Zeit, befegte. Sana Ibn 
Salha, oder nad) Andern Hakim Jon Djabala, eroberte die 
ans arabiihe Meer grenzende Provinz Mefran, nad) welcher, 
wie oben erwähnt, felbft Omar fich fiheute, ein Heer zu ſen— 


2) Tab. ©, 37. 

2) Chamis und Abd Almahafin. Nach Lesterm verlor die Kö— 
nigin der Türfen auf der Flucht ein Kleid, das 100,000 Silberſtücke 
werth war. ©. aud Wiener Jahrb. d. Lit. Bd. 106 ©. 6 des Anz.Bl. 

3) Tab. ©. 38. 


4) Abd Almahafin und Abulfeda ©. 370. Andere fchreiben ins 
deffen die Eroberung von Samurfand Kuteiba zu, welcher erjt unter 
dem Shalifen Walid 30 Sahre fpäter einen Feldzug in den Dften 
machte. Möglih wäre es, daß die Stadt wie manche andere wieder 
verloren ging und zum zmeitenmale eingenommen werden mußte, 
Bergl. Ibn Challifan I. 642, Nah Tab. ©. 47 ward Chuwaresm 
und Samarfand unter der Regierung des Chalifen Sezid von Aslam 
Son Zijad, Bruder des Ubeid Allah, erobert, nach dem Chamis, der 
ihn Muslim nennt, eroberte er Chumwaresm und Buchara. Vergl. 
auh Elmakin ©, 58, 

19* 


292 Fünftes Hauptflüd. 


den und griff auch von diejer Seite her Sind an, während 
Abad, der Sohn Ziad’s, von Sedjeftan her bis nad Kandahar 
yordrang und dieſe Stadt einnahm. Endlich unterwarfen noch 
Almundar Ibn Aldjarud und nah feinem Tode Almundar 
Fon Hawa, die Stadt Kosdar und das ganze Gebiet von 
Nukat N). 

Auch gegen das byzantinifche Reich, gegen welches Mua— 
wia, fo lange er mit Alt befchäftigt war, die größte Nach- 
giebigfeit zeigte und fogar einen Warfenftilfftand theuer er- 
faufte, z0g er von Neuem dag Schwerdt, fobald er Allein- 
bervfcher unter den Mufelmännern geworden. Die Kriege 
des Kaifers gegen den Rebellen Sapor, welder in Armenien 
ſich furdtbar machte, begünftigten des Chalifen Plane nicht 
weniger, als deſſen jpätere Reifen nad Stalten, während 
derer das morgenländiiche Reich des nöthigen Schußes ent— 
behrte, Die Araber konnten nunmehr ungeftraft in Kleinaſien 


1) Alle diefe Züge nach Indien habe ich nach dem Fragmente 
des Belndori angegeben, das H. Reinaud zuerft im Journal asiatique 
18144 — 45 und dann noch bejonders, mit andern wichtigen Motizen 
über Indien, unter folzendem Titel herausgegeben: Fragments arabes 
et persans inedits relatifs a U’Inde anterieurement au ilme siecle de 
l’Ere Chretienne etc. Paris 1845. 8. Nach derfelben Quelle hätten 
fhon unter Omar's Chalifat muſelmänniſche Schiffe, doch mahrjcein: 
fib nur Korjaren, an der Küfte von Indien in der Gegend des 
jegigen Bombay und Cambay und weſtlich von den Mündungen des 
Indus gelandet. Unter Othman ward Jemand an die Grenze von 
Indien geihiet, um Nuchricht über dieſes Land zu geben. Der 
Kundjchafter Fam zurück mit der Schilderung, welche, wie oben er— 
wähnt, nad Tabari, dem Ehalifen Omar von der Provinz Mefran 
entworfen worden und in der That auch eher auf Mekran ald auf 
Indien paßt: „Das Waſſer fließt tropfenweife, die Früchte find 
ſchlecht, die Rinder find wackere Krieger. Wenig Truppen werden 
aufgerieben und viele fommen vor Hunger um.“ Othman Tandte 
daber fein Heer gegell Sndien, auch Ali nicht, doch follen im 5. 89 
ſchon mehrere Freifhaaren Streifzüge bis in das Land Kifan ges 
macht haben, 


Muawia. 293 


einfallen, Städte und Dörfer verwüften und mit Beute be- 
laden fi wieder zurüdziehen, Diefe Streifzüge zu Land 
wurden ſowohl unter Gonitans, als nad) deffen Tod unter 
der Regierung feines Nachfolgers Conftantin Pogonatus noch 
von arabijchen Flotten unterftügt, welche mehrere Jahre nad 
einander in der Nähe von Konftantinopel Truppen ang Land 
festen und die Hauptitadt des Neichs vielleicht damals ſchon 
dem Jslam unterworfen hätten, wenn nicht das um jene Zeit 
erfundene ſogenannte griechische Feuer fie befhüst hätte N). 
Anführer der Araber waren zuerft Abd Errahman, Sohn des 
tapfern Chalid, und nach feinem Tode, welchen Araber ?) 
dem Neide Muawia’s zufchreiben, Softan Ibn Auf. Jezid 
felbft mußte gegen feinen Willen, auf Befehl feines Vaters, 
der ihn mit Ruhm zu bededen hoffte, an diefen Feldzügen 


1) Die arabifhen Quellen find hier fehr arm, was, wie Schloffer 
(Weltgeſchichte I, 1. ©. 272) richtig bemerft, ihre Niederlage am 
beften beweift. Abulfeva erwähnt nur eined Zuges gegen Konftanti- 
nopel im 3. 48 d. 9. (663) unter Sofian Sbn Auf Elmafin jegt 
diefen Feldzug in das J. 52. Beide jpreben von dem Tode des 
Abu Ajub vor den Mouern Konftantinopels, deſſen Grab noch jetzt 


— 


verehrt Wird. Bei letzterem ſchwört Jezid: „bei Gott, es wird im 
Meften Feine Glofe mehr läuten, fo lange mir ihn beherriden;“ 
dies iſt nach Abd Almahafin dahin zu ergänzen: „wenn die Griechen 
fein Grab entmeihen.“ Bei Abulfaradj findet fih unter dem J. 46 
d. 9. die Geihihte von Andreas und Sergius fat mit denielben 
Morten wie bei Theophanes (ed. Claſſen) S. 534 u. ff. Nach Masudt 
erlitten die Araber im 3 45 eine Niederlage bei Tarajı. Zezid will 
umfebren, aber er muß bei der Armee bleiben. Abd Almabafın 
fpriht von einer Belagerung Konftuntinopel® im J. 49, nah An: 
dern im 3. 50, in welbem auch Abu Ajub ſtarb. Im Coamis lieſt 
man: Sm 5.50, nah Wafidi aber im 3. 52, fand der Feldzug 
Jezids gegen Konfrantinopel ftatt. ; 

2) Abulfeda ©. 368 und Abd Almahafin. Letzterer nennt ihn 
Anführer des Heeres gegen die Grieben und bemeift: „er war fo 
geachtet, das Muawia ihn beneidete und einem Chriften den Tribut 
von Himf veriprab, damit er ihm vergifte. Er kömmt aud) bei 
Theoph. ©. 532 vor, 


294 Fünftes Hauptflüd, 


Theil nehmen D, weshalb fie auch troß der Unzufriedenheit 
der Armee und den mehrfachen Niederlagen ?), doch immer 
wieder erneuert wurden. Erft im Jahre 58 der Hidjrah 
(677 n. Chr.), als bereits Jezid als Nachfolger anerkannt 
war und Muawia aud) in Syrien die Mardaiten, denen ſich 
allerlei Gefindel anſchloß, zu befämpfen hatte, unterhandelte 
er mit Gonftantin und flog abermals einen Ddreißigjähri- 
gen Frieden, deſſen Bedingungen aber nicht näher befannt 
find 9). 

Hatte aber auch Jezid in diefen Kriegen nicht viel Lor— 
beern gejammelt, fo war er dod dadurch von feinem frühern 
Yeichtfinnigen und genußfüdhtigen Leben abgezogen und zum 


1) Masudi und Abd Almahafin. 


2) Dies geht fhon daraus hervor, daß Zezid, als er den Thron 
beftieg, nad Abd Almahufin, dem Wolfe unter Anderm verfprict: 
„Ste feinen Winter mehr in griehiibem Lande zubringen zu laſſen 
und feine Seefahrten mehr anzuordnen. 


3) Theophanes ©. 542 u. ff., auf den ich überhaupt hier die 
Leſer verweifen muß, welche diefe Angaben zu dürftig finden, da 
ih aus mujelmännifchen Quellen nur das oben Angeführte mitzu- 
theilen vermag. Eben ſo muß ich auf St. Wiartin (Mem. sur l'ar- 
menie I, 836 et seqq.) verweifen, in Betreff der Züge der Araber 
nah Armenien. Hier nur die wichtigften Thatfahen: Sm J. 637, 
aljo im dritten Negierungsjahre Omars, machten die Araber die 
erften Einfälle in Armenien und drangen im 3.639 bis nach Tovin 
vor. Doc wie fo manche andere unter Dmar eroberte Stadt und 
Provinz, ging auch dieje wieder für den Islam verloren, und erft 
gegen das 3. 650 Fam Armenien wieder unter mufelmänniiche Bot— 
mäßigfeit, weil auch hier, wie in Eaypten, die Byzantiner religiöfen 
Zwang übten, fo daß die Araber ale Befreier begrüßt wurden, Im 
3.656, als der Krieg zwifchen Ali und Muamia ausbrach, empörten 
fih die Armenier, unterwarfen ſich aber im folgenden Sahre ſchon 
wieder. Sie wurden num von armenifchen, dem Chalifen tribut- 
pflichtigen Fürften regiert, bis zum 3. 686, wo die Byzantiner aufs 
Neue die Araber zu vertreiben fuchten, wovon unter der Regierung 
Abd Almaliks die Rede fein wird, 


Muawia. 295 


ernften thatkräftigen Manne berangebildet worden. Muawia 
fonnte mit dem tröftenden Bewußtfein dem Tode entgegengeben, 
daß fein Sohn nunmehr im Stande fein würde, ſich im Befige 
der Herrichaft zu erhalten, welche er mit fo großer Mühe und 
fo ſchweren Opfern errungen, obſchon ihm Hufein und Abb 
Allah Fon Zubeir, deren Huldigung gewiffermaßen erzwun- 
gen werden mußte, noch immer einige Beforgniffe einflößten, 
Erfterer als Enfel des Propheten und Sohn Alt’s, dem alle 
Hafchimiten zugethan waren, und Lesterer wegen feiner gren= 
zenlofen, mit Tapferkeit, Schlaubeit und Beharrlichfeit ge— 
paarten Herrfchfucht noch mehr als wegen feiner hoben Ab- 
funft ). Gegen Erftern, welcher leicht alle fanatifchen Mus 
felmänner aufwiegeln fonnte, empfahl Muawia, als er im 
Monate Nadjab ?) des 60ten Jahres d. H. (April 680) an 
dem Rande des Grabes ftand, die größte Milde und Scho— 
nung, gegen Lestern aber, „der, obgleich Fräftig, wie ein 


1) Sein Water Zubeir ift ung längft als einer der älteiten Ge— 


führten Mohammeds und als Mitbewerber um das Chalifat nad 
Othmans Tod befannt. Seine Mutter war eine Tochter des Chali- 
fen Abu Befr, feine Großmutter war Safta, die Tante Moham— 
meds. Aifba war feine Tante von mütterliber Seite und Chadid— 
jah, die erfte Gattin des Propheten, feine Großtunte von väterlicher 
Geite. 


2) Bei Nawawi ©.565 werden zwei Data angegeben, die nicht 
richtiq find. Das Eine ift: Donnerftag, als noh 8 Tage vom Mo: 
nate Radjab d. 3. 60 übrig waren und das Andere Mitte Radjab. 
Aber der erfte Radjab d. 3. 60 war ein Sonnabend, folalic war 
auch der 15te und 22te fein Donnerftag. Nah dem Chamis ftarb 
er den 10ten oder den 22ten. Bei Elmafin Anfangs Radjab, nad) 
Andern Mitte. Sit der Tag der Woche richtig, fo wäre auch der 
erſte Radjab nicht anzunehmen. Diejer entipricht dem ten April 680, 
welcher ein Samftag war. Theophanes ©. 544 nennt den 6ten April, 
diefer war ein Donnerftag, aber fällt noch in den Monat Djumadi 
Achir, auch ift bei demfelben fälfchlich die Ite fratt der Sten Indiction 
angegeben. 


4 


296 Fünftes Hauptſtück. 


Löwe, doch die Lift der Füchſe nicht verſchmähte“ Y), die äu— 
ßerſte Vorfiht und Strenge zu gebrauchen. Abd Allah Ibn 
Dmar war zu fromm und zu wenig mit den Dingen dieſer 
Welt vertraut, als dag auch von ihm ein gefährlicher Wider- 
ftand zu fürchten gewefen wäre und Abd Errahman, der Sohn 
Abu Bekrs, war damals fhon todt ?), Muawia ftarb in 
einem Alter von wenigftens 78 Jahren und nah einer Re— 
gterung von ohngefähr 20 Jahren als Statthalter von Sy- 
rien und eben fo lang als Alleinherrfcher über das gefammte 
mufelmännifhe Reich. Auch foll er in feiner legten Predigt 
fih dem reifen Korn verglichen haben, dag fid) nad) der Hand 
des Schnitters fehne, und ohne Wehmuth aus diefer Welt ge- 
fchieden fein, die er, nachdem fie ihm alles gewährt, was er 
von ihr verlangte, nur noch verachten fonnte. Seinem Sohne 
foll er, außer den fhon erwähnten Rathſchlägen, in Betreff 


1) Abd Almahafın. Auch foll er von Huſein geſagt haben: 
diefer Mann ift zu heftig und zu unüberlegt, um dir gefährlich zu 
werden. 

2) Bei Abulfeda S. 372 ſagt Muawia zu Jezid: Abd Errahman 
iſt ein großer Mann, der dir früh oder ſpät Ehrfurcht einflößen 
wird, aber Abulfeda läßt Muawia dieſen Rath feinem Sohne ſchon 
im J. 56 ertheilen. Nimmt man aber dieſe Worte Muawia's, mit 
andern Autoren, wie Abd Almahafin, als feine legten Ermahnungen 
an, fo muß Abd Errahman, der im 3.60 jedenfalls ſchon todt war, 
wegbleiben. Auch ijt bei Abulfeda ©. 382 unter den Widerfpenfti- 
gen nah Muawia’d Tod von Abd Grrahman feine Rede mehr, eben 
fo wenig bei Abd Almahafin und Glmafin. Auffallend ift daher, 
daß H. Quatremere a. a. D. ©. 319 nah unfritifhen mufelmän: 
niiben Quellen fchreibt, daß Sezid nach feines Waterd Tod dem 
Statthalter von Medina ſchrieb: »de mander aupres de lui Hosain 
Ahd Alrahman, Abd Allah Ben Zobair, Abd Allah Ben Omar et d’ob- 
tenir leur adhesion de gr&e ou de force,« tarunter aber auch Abulfeda 
und Glmafin anführt, die doch Abd Errahman nidt nennen. Bei 
Tab. ©. 39 fagt Muawia in Betreff Abd Errahmans: „der ift ein 
Mann, der gern gut ift und trinft und Gefellfhaft liebt, dem gib 
nur, was er verlangt.“ 


Muawia. 297 


der drei Männer, welche nicht gern gehuldigt, noch anempfohlen 
haben: gegen Hedjas mit Rückſicht zu verfahren, dieſes Land, als 
den Boden, aus dem er entſproſſen, zu betrachten und deſſen Be— 
wohner durch freundliches Entgegenkommen zu gewinnen, die 
Srafaner aber durch Beſtechung und fcheinbare Nachgiebigfeit; 
es iſt beffer, fagte er, ihnen jeden Tag einen andern Statthalter 
zu geben, als 100,000 Schwerdter aus der Scheide zu loden. 
Die Syrer, fügte er ferner, pflege wie deinen Augapfel, 
denn auf ihren beruht deine Macht. Gebrauche fie gegen 
deine Feinde, Laffe fie aber bald wieder in ihre Heimath zu- 
rüdfehren, damit fie ihren Charakter nicht ändern ). Mua— 
wia war mild, Flug, gejchmeidig, großmüthig, Tiebenswürdig 
und was ihn bei feinem Volke befonders beliebt machte, be- 
redt und freigebig. Er beſaß eine große Menfchenfenntni 
und wußte die zu wählen und zu feffeln, die ihm am meiften 
nügen fonnten, fo Amru Fon Aaß, der ihm Egypten gewann, 
Dhahhak Ibn Keis, welder in Syrien allmächtig war, und 
Zijad und fpäter deifen Sohn Ubeid Allah, welde Jraf und 
Perfien im Zaume bielten. Dmar foll, ald ev auf feiner 
Reife nah Syrien Muawia fab, gefagt haben: dieſer ift der 
Kosru der Araber, und Mohammed, deffen Secretär er in 
den lebten Jahren war: „wenn dir einft Herrichaft verliehen 
wird, jo thue Gutes!” ?) An perfönlicher Tapferfeit und 
Gewandtheit auf dem Schlachtfelde ftand er ſchon vermöge 
feiner ungebeuern Gorpulenz Ali nad, eben fp an Entfchie- 
benbeit des Charakters; die Kunft zu berrfchen verftand er 
aber beſſer. Mag immerhin fein Recht an das Chalifat 
beftritten werden, jo bat doch gewiß auch Ali dag Seinige 
dur Unterftüßung des Aufruhrs gegen Othman verwirkt, 
und es war feine geringe Aufgabe für Muawia, die freien 
Söhne der arabifhen Wüfte, welche durch dieſe Empörung 


1) Abd Almahafin. 
2) Nawawi. 


298 Fünftes Hauptftüd. 


feit der zweiten Hälfte von Othmans Regierung wieder eine 
gewilfe Unabhängigfeit und Selbftftändigfeit erlangt hatten, 
aufs Neue, ohne, wie Mohammed und feine beiden erften 
Nachfolger, fie auf Entfchädigung im Himmel verweifen zu 
fönnen, an Gehorfam und Unterthänigfeit zu gewöhnen. Ohne 
einen gefchiekten Lenfer, wie Muawia war, wäre wahrfchein- 
fih das aufblühende Reich wieder in fich felbft zerfallen, 
während es fo nicht nur auf feiner Höhe fich erhielt, fondern 
noch an Macht und Ausdehnung gewann; denn ald Muawia 
die Augen fchloß, herrſchte der Islam von der ſüdlichen Spige 
von Jemen bis in das Herz yon Armenien und Kleinafien, 
und von den Oxus- und Indusſtrömen bis nah Kairawan. 
Daß er feinen Sohn Jezid zum Nachfolger beftimmt, mögen 
ihm die Mufelmänner zum Verbrechen anrechnen, weil er 
nicht dem Gefege gemäß gelebt, weil eine ſolche Beftimmung 
gegen alles Herfommen war und weil unter Jezids Regie— 
rung, freilich ohne feine Schuld, Hufein, der Enfel des 
Propheten fiel. Für das Wohl des Staats war aber gewiß 
eine folche Maßregel dringend nothwendig. 


Sechſtes Hauptftüc. 


3.31». 


Jezids Rundfchreiben bei feinem Regierungsantritte. — Hufein 
und Abd Allah Ibn Zubeir huldigen nicht. — Sie fliehen nach Mefka. 
— Hufein fendet Muslim nah Kufa. — Sezid ernennt Ubeid Allah 
Son Zijad zum Statthalter von Kufa, — Aufruhr in Kufa und Hin: 
rihtung Muslims. — Hufeins Zug gegen Kufa. — Sein Tod in 
der Ebene von Kerbela. — Abd Allah Ibn Zubeir laßt fih in Mekka 
huldinen. — Sezids Gefandtjchaft an denfelben. — Der Statthalter 
von Medina jendet Truppen gegen ihn und wird zurückgejchlagen. 
— Aufruhr in Medina und Vertreibung aller Dmejjaden. — Jezids 
Gefandtibaft nah Medina. — Muslimd Zug gegen Medina. — 
Treffen bei Harra — Einnahme und Plünderung der Stadt Me: 
dina — Hafind Zug gegen Mekka. — Belagerung von Mekka. — 
Nachricht von dem Tode des Chalifen, — Unterhandlung zwifchen 
Hain und Abd Aallah Son Zubeir. — Des Legtern Unthätigfeit 
und Beihäftigung mit dem Wiederaufbau des Tempeld. — Zezids 
Charafter. 


Trotz allen trefflihen Vorkehrungen Muawia's, um fei- 
nem Sohne den Thron zu fichern, fonnte diefer jedoch nicht 
ohne Kampf feiner Derrihaft allenthalben Geltung verfchaffen. 


300 Schftes Hauptſtück. 


Muamwia batte wahrfcheinlih in feinem Alter, wo er felbft 
wieder fich mit dem Himmel zu verfühnen fuchte, vergeffen, 
dag Wortbruh und Meineid unter den Arabern fchon längſt 
durch allerlei Sophismen gerechtfertigt wurden und minder 
fündhaft ſchienen, als Wein trinfen oder ein Gebet zu ver- 
nachläſſigen. Jezid, welcher während Muawia’s Krankheit 
in Hawarin in der Nähe von Himß war, fandte, fobald er 
in Damasf anlangte und feinen Vater todt fand, folgendes 
Rundfchreiben an alle Statthalter des Reichs: 

„Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen, Allmilven. 
Bon Fezid, dem Diener Gottes und Fürften der Gläubigen 
an N. NR Muawia, einer der Diener Gottes, den Gott 
durd Macht und Herrihaft geehrt, hat nad) göttliher Vor— 
herbeftimmung gelebt und der Herr hat ſich zu der von ihm 
feftgefegten Frift feiner erbarmt. Sein Leben war lobens— 
werth und gottgefällig, und er ift in Tugend und Gottesfurcht 
geftorben, drum laß ung von den Bewohnern deiner Statt: 
balterfihaft, von den Bornehmen wie von den Geringen, yon 
den Guten wie yon den Schlechten, aufs Neue huldigen und 
Gehorſam und Unterwerfung ſchwören. Fordere dies mit 
aller Kraft und geftatte feinen Verſchub!“ ) 

As diefes Rundſchreiben an Welid Ibn Otba, den 
Statthalter von Medina gelangte, berieth er fi) mit feinem 
Vorgänger Merwan Ibn Hafam über die befonders gegen 
Hufein und Abd Allah Ibn Zubeir zu ergreifenden Maßregeln. 
Merwan riethb ihm, Muawia’s Tod zu verheimlichen und diefe 
beiden fowohl als Abd Allah Fon Omar ?) rufen zu laffen, 


1) Tabarı ©. 39, der ed foaar in arabifher Sprache anführt 
und nachher erft ind Türkiſche überfegt. 

2) Von Ibn Dmar, der nicht Fehr gefährlih fchien, ift weiter 
feine Rede mehr, nur bei Abd Almahafin lieft man, daß nac der 
Flucht Huſeins und Abd Allah’s Ibn Zubeir, er fowohl als Abd 
Allah Shn Abbas und Amru Son Zubeir, der nie mit feinem Bru— 
der in freundlihem Verhältniſſe gelebt, Jezid huldigten. Ber Tab. 


Jezid. 301 


ſie ſogleich zur Huldigung aufzufordern und falls ſie ſich 
weigern, ſie auf der Stelle hinrichten zu laſſen. Huſein, 
welcher entweder ſchon von Muawia's Tod unterrichtet war, 
oder durch die Einladung des Statthalter zu einer unges 
wöhnlichen Zeit etwas Aebnliches ahnte 1), begab fi zwar 


©. 40 wird aub Abd Errahman, der Sohn Abu Bekrs, genannt, 
aber, wie ſchon erwähnt, war er um dieje Zeit ſchon todt und ift 
wahrſcheinlich wegen feiner früheren Oppofition von einem unfundi- 
gen Traditioniften auch hier eingejchoben worden. 

1) Nah einer Tradition fagt Abd Allah Son Zubeir zu Hufein, 
daß ihn die Einladung zum Statthalter, zu einer Zeit, wo er fonft 
feine Audienz zu ertheilen pflegt, beunruhige, darauf antwortet 
Hufein:-ih glaube, Muawia iſt todt, denn ich habe im Traume 
feine Kanzel umgeftürjt und feinen Palaft in Flammen gefehen. 
Sn diefem Falle, verjeste Abd Allah, werden wir gerufen, um Sezid 
zu huldigen. Hufein erklärte dann, daß er dies nie thun würde, 
theils wegen deſſen Laſter, theils weil Muawia feinem Bruder Hafan 
geihmworen, daß nad feinem Tode das Chalifat auf ihn (Hufein) 
übergehen würde. Daß Legteres eine reine Erdichtung Huſeins oder 
eines ſchiitiſchen Autors iſt, verfteht fih von felbft. Wenn wirklich 
Muawia dem befiegten und verlaffenen Hafan noch Zugeſtändniſſe 
gemacht, jo waren fie doch eher zu feinen und feiner Wahfommen Guns 
ften, als zu Gunften Huſeins, und warum machte diefer jenes Vers 
fpreben nicht fehon bei Lebzeiten Muawia's geltend? Nach einer 
andern Tradition begegnete Abd Allah Son Zubeir dem Abd Allah 
Son Saad, der gerade von Damasf fam und den er trog feinem 
verhüllten Gefihte doch erkannte, weil er in Afrifa unter ihm ge- 
dient. Diefen fragte er nah dem Befinden des Chalifen und als 
er feine Antwort erbielt, fragte er: ift er etwa todt? Als Abd Allah 
Son Saad noch immer ſchwieg, zmweifelte Abd Allah Son Omar nicht 
mehr an Muamia’s Tod, er lief Daher zu Hufein, um fib mit ihm 
zu beſprechen und traf dann die nöthigen Anftalten zur Flucht. Gegen 
diefe Tradition, welche Quatremere (a. a. D. ©. 3233) aus Makriſi 
und Tafı Eddin anführt, ift zu bemeifen, dag Abd Allah Sbn Saad, 
nab Nawawi ©. 347, im $. 86 oder 37 ſchon ftarb, nur eine Tra: 
dition, die er aber für falſch erklärt, jest feinen Tod in das J. 59 
(oll vielleiht 39 heißen ?). Als Milchbruder des Chalifen Othman, 
der im 5. 36 in einem Alfter von etwa 80 Sahren ftarb, und als 
Mohammeds Sefretär vor der Eroberung von Mekka, mußte er 


302 Sechſtes Hauptſtück. 


in Welids Palaſt, ließ aber fünfzig Mann aus ſeinem Ge— 
ſchlechte, mit Waffen unter ihrem Gewande, um den Palaſt 
umherſtreifen, damit ſie, auf ein gegebenes Zeichen, herbei— 
eilen, um ihn gegen Gewalt zu ſchützen. Als Huſein vor 
Welid erihien, las ihm diefer Jezids Nundfchreiben vor, fo 
wie noch einen befondern Brief, in welchem ihm befohlen 
ward, unverzüglich Hufein, Abd Allah Ibn Zubeir und Abd 
Allah Fon Omar zur Huldigung anzuhalten Y. Hufein gab 
eine ausweichende Antwort, nach einigen Berichten verſprach 
er am folgenden Morgen öffentlich in der Mofchee den Eid 
der Treue zu ſchwören, nad andern gemeinfchaftlicdy mit feinen 
beiden Freunden Abd Allah Fon Zuberr und Abd Allah Ibn 
Dmar?). Vergebens rieth Merwan dem Statthalter Welid, 
Hufein nicht von der Stelle zu laffen, bis er gehuldigt, Welid 
traute Hufeins Berfprechen, oder fcheute fi, den Enfel des 
Propheten umbringen zu laſſen, und fo fehrte er, nach einem 
heftigen Wortwechfel mit Merwan, in feine Wohnung zurüd, 
Abd Allah Fon Zubeir ftimmte entweder Hufein, in feinem Ver— 
langen am folgenden Tage zu huldigen, bei, oder, was wahr: 
ſcheinlicher ift, erfchien gar nicht vor Welid, fondern fandte 
feinen Bruder Amru, der als Anhänger der Dmejjaden bes 
fannt war, und als folcher fi) auch fpäter bewährte, zu ihm, 
um die Erlaubnig zu erhalten, erft am folgenden Morgen 
ihm feinen Beſuch abzuftatten 3). Dieſe Friſt benützte er 


a 


übrigens im J. 60 d. 9. jedenfalls viel zu alt fein, um als Jezids 
Schnellbote von Damasf nah Medina gebraucht werden zu können, 
denn hier Fam es doch darauf an, den Statthalter von Muawia's 
Tod zu unterrichten, bevor er auf anderem Wege bekannt werden 
fonnte. 

1) Tab. ©. 40 und Abd Almahafin. 

2) Grfteres findet fih bei Abd Almahafin, Letzteres bei Tab., 
der auch hier wieder Abd Errahman hinzufekt. 

3) Tab. berichtet gar nichts Näheres über Abd Allah Ibn Zu- 
beir, fondern fagt nur, daß er in der Nacht nad Hujeins Unter— 
redung mit Welid mit ihm entfloh. Bei Abd Almahafin lieſt man: 


Jezid. 303 


ſowohl als Huſein zur nächtlichen Flucht nach Mekka, wo ſie 
unter dem Schutze des heiligen Tempels und in größerer 
Entfernung von Syrien, Sicherheit und einen paſſenden Ort 
zu weitern Unternehmungen zu finden hofften. Welid ſah am 
folgenden Morgen zu ſpät ein, daß er Merwan's Rath hätte 
befolgen ſollen, denn da ſie auf Umwegen die Reiſe nach 
Mekka machten, konnten die ihnen auf der gewöhnlichen Straße 
nachgeſandten Reiter ſie nicht auffinden, und Amru Ibn Said 
Alaſchdak, der damalige Statthalter von Mekka, ließ ſie ganz 
ungeſtört in dieſer Stadt leben. Kaum hatten aber die un— 
ruhigen und wankelmüthigen Kufaner, unter denen Ali's Ge— 
ſchlecht viele Anhänger zählte, die, wenn auch nicht Gut und 
Leben, doch Zunge und Feder für daſſelbe einſetzten, von Hu— 
ſeins Widerſtand und glücklichem Entkommen gehört, als ſie 
ihn einluden, ſich in ihre Mitte zu begeben und ihm ver— 
ſprachen, ihn als Chalifen zu proclamiren. Er erhielt vier 





„zu Abd Allah Ibn Zubeir ward mehrmals geſchickt, um ihm zum 
Statthalter zu rufen, aber er erjchien doch nicht, endfich erhielt er 
von Welid die Erlaubniß, erft am folgenden Tage zu kommen, aber 
in der Nacht entfloh er mit feinem Bruder Djafır nad) Mekka. 
Da man dann den ganzen folgenden Tag beichäftigt war, ihn auf: 
zuſuchen, vergaß man an Hufein und fo gelang es auch) diefem, in der 
zweiten Nacht zu entweichen.“ Obſchon ich gern glaube, daß Abd 
Allah nur an fih dahte und Hufein feinem Schickſal überlief, ift 
mir doch nicht wahrſcheinlich, daß diefer erft in der zweiten Nacht 
entfloh, denn nadı Abd Allah’s Flucht mußte man ihn doh nur um 
jo ftrenger bewahen. Die Tradition, der zufolge Abd Allah auch 
vor Welid erfbien, ift wieder aus Makriſi Ca. a. O. ©. 329), Abd 
Allah foll vor Welid gejagt haben: Wenn ich jest huldige, fo wird 
Sezid glauben, ich fet gezwungen worden, und meine Unterwerfung 
wird ihn nicht fehr freuen. Warte lieber bis morgen, wenn das 
Volk verfammelt ift, daß meine Huldigung mit gebührender Feier: 
lichkeit ftatt finde Merwan glaubte natürlib dieſe heuchleriiche 
Rede nicht und es foll fogar zu Thätlichfeiten zwifhen ihm und 
Abd Allah gefommen fein. Mir ift aber wahrfceinlicher, daß Abd 


Alah es gar nicht wagte, vor Welid zu erfcheinen, und nur Hujein 
vorſchob. 


304 Sechſtes Hauptftüd 


Boten nad einander und der legte war Leberbringer eines 
Schreibens, welches fo viele Unterfchriften enthielt, daß fie 
einen Raum von 150 Blättern einnahmen . Huſein theilte 
die empfangenen Briefe feinem Better Abd Allah Jon Abbas 
mit, welder ihn an die ZTreulofigfeit der Jrafaner gegen 
feinen DBater und feinen Bruder erinnerte, und vor einem 
fo gefährlichen Schritte warnte. 

Der fchlaue und ehrfüchtige Abd Allah Fon Zubeir aber, 
der wohl einfab, daß, fo lange Hufein in Mekka fih aufhalte, 
er nur eine untergeordnete Rolle fpielen könnte 2), beftärfte 


1) Abd Almahafin. 

2) Es heißt bei Masudi f. 254: Abd Allah Ibn Zubeir freute 
fih, als Hufein die Abfiht zeigte, fih nach Kufa zu begeben und 
fagte ihm: wenn ih in Kufa jo viele Freunde hätte wie du, fo 
würde ih auch bingeben, um jedod feinen Verdacht zu erregen, feste 
er hinzu: „ziehſt du indeffen vor, hier zu bleiben, jo huldigen wir 
dir hier.” Dann f. 238: Abd Allah Son Zubeir heuchelte eine voll 
kommene Gleihgültigfeit gegen alles Weltliche trog feiner unerſätt— 
lihen Habgier und Herrſchſucht. Ber Abd Almahafin heißt es: Hu— 
fein’s wahre Freunde riethen ihm, Meffa nicht zu verlajfen, aber 
Abd Allah Son Zubeir wünſchte, dag er Meffa verlafe, weil er 
dann felbft eher hoffen Eonnte, zur Herrichaft zu gelangen. Nach. 
andern Quellen bei Quatremere (a. a. D. ©. 329) jagt Hufein felbft 
von Abd Allah: »Voila un homme qui ne desire rien tant au monde 
que de me voir quitter le Hedjaz; car il sait fort bien qu’il ne pour- 
rait lutter contre moi dans l’opinion publique, et il espere que mon 
depart lui laissera le champ libre.« Ferner faat Abd Allah Ibn Abbas 
zu Hufein: »Si tu quittes le Hedjaz tu vas combler de joie le fils de 
Zobair, car tandisque tu es iei personne ne le regarde,« und zu Abd 
Allah Ibn Zubeir ſelbſt, als Hufein abreifte: »Sois tranquille et sa- 
tisfait, o fils de Zobeir.«e Dann recitirte er den Vers: »O Alouette 
de Moammer, l’air est libre pour toi; ponds, gazouille et bequette tant 
que tu voudras. Voila Hosein qui part pour l’Jrak et qui Vabandonne 
le Hedjaz.« Abd Allah Son Zubeir verdient demnach die Lobſprüche 
nit, welde ihm andere muſelmänniſche Autoren und nad ihnen 
auch fonft fehr vorfihtige europäiſche Hiftorifer jvenden. Was aber 
dann Quatremere, ich weiß nicht nach welcher Quelle, ald Grund für 
Hufein’s Abreije anführt, iſt gewiß nur eine fpätere, nach der Ber 


Jezid. 305 


Huſein in ſeinem Vorhaben, ſich an die Spitze der Kufaner 
zu ſtellen, und offen gegen Jezid um die ſeinem Vater durch 
Liſt entriſſene Gewalt zu kämpfen. Die Vorſtellungen Abd 
Allah's Ibn Abbas, welcher die Abſicht Abd Allah's Ibn 
Zubeir wohl durchſchaͤute, bewogen jedoch feinen Vetter Huſein, 
noch einige Zeit in Mekka zu bleiben und vorher einen an— 
dern Vetter, Muslim Ibn Akil, nach Kufa zu ſenden, um 
die Stimmung des Volks zu ergründen. Muslim fand in 
der That viele, mitunter ſehr angeſehene Männer, welche ſich 
bereit erklärten, Huſein als Chalifen anzuerfennen. Seine 
Anweſenheit in Kufa, fo wie der Zweck derfelben, blieb aber 
nicht Tange ein Geheimniß. Zwar verhielt fih Nu'man Jon 
Beihir, damals Statthalter von Kufa, entweder aus Furcht 
vor einer offenen Empörung, oder aus Gleichgültigfeit gegen 
die Dynaftie der Omejjaden ganz paſſiv D, fobald aber Jezid 


lfagerung von Meffa erdichtete Cage. Gr foll nämlich, ald man in 
ihn drang, in Mekka zu bleiben, gejagt haben: »J’ai entendu dire A 
mon pere qu'il doit paraitre ieci un belier qui causera la violation des 
privileges dont jouit cette ville sainte; or je ne voudrais pas éêtre ce 
belier.a Dann wieder: »Par Dieu! si je dois &tre egorge, j’aime 
mieux que ce soit ä un palme de cet edıfice que dans son interieur, 
et Jaime mieux que ce soit ä la distance de deux palmes que d’un 
u. f. mw.“ 


1) Ber Abd Almahafin heißt es: Nu'man Son Beihir erklärte 
auf der Kanzel: Sch bin von allem unterrichtet, was unter euch 
vorgeht. Sch werde jedoch die Feindjeligkeiten nicht eröffnen, ich 
werde Miemanden, fo verdächtig er auch fein mag, im Schlafe ftö, 
ren, aber bei Gott! brechet ihr euern Eid, dann foll euch mein 
Schmwerdt zühtigen u. f. mw. Bei Tab. ©. 40 fümmt ein gemiifer 
Abd Allah Son Muslim zu Nu’man, am dritten Tage nah Mus: 
lim's Anfunft und rathet ihm, diejen gefangen zu nehmen und Sezid 
zu ſchicken. Nu'man aber, heißt es dann, weldher einer der Ge: 
fährten des Propheten war, fagte: fo lange fie ım Stillen 
confpiriren, fteht es mir nicht zu, die Sache zu veröffentlichen, treten 
fie einmal offen heraus und erflären mir den Krieg, dann werde ich 
ihon wiſſen, was ih zu thun habe. Abd Allah Son Muslim er 

—* 20 


306 Sechſtes Hauptftüd. 


von dieſen Umtrieben Kunde erhielt, ward Nu’man entjett 
und der uns fchon befannte Uberd Allah Ibn Zijad erhielt 
den Befehl, die Statthalterihaft von Baßra, wo ebenfalls 
fhon im Stillen für Hufein geworben ward, feinem Bruder 
Dihman zu überlaffen und ſich ſelbſt, zur Unterdrückung der 
Verſchwörung, nah Kufa zu begeben. Nachdem Ubeid Allah 
für die Erhaltung der Ruhe in Baßra durch Gefangennahme 
der Emiffäre Hufein’s und feiner Anhänger gejorgt hatte, 
brach er mit Truppen gegen Kufa auf, ging aber dann, nur 
von zehn Mann begleitet, voraus. Als er mit verhülltem 
Gefichte I) in der Abenddämmerung in die Stadt Fam, ward 
er — zuerft wahrfcheinlih von Leuten, welche er, um bie 
Öffentliche Meinung zu prüfen, dazu aufgeftellt 2) — als Hu— 
fein bewillfommt und son Manchen eingeladen, bei ihnen 
einzufehren. Ubeid Allah erwiederte, doch ohne fih aufzu- 
halten, die Begrüßungen der Freunde Hufein’s, welche dieſen 
damals fchon erwarteten, und ging geradezu nad) dem be— 
feftigten Schloffe oder der Burg des Statthalters ?). Nu’man 


ftattete dann Sezid davon Bericht und Elagte Nu'man des Einver: 
ftändniffes mit den Freunden Hufein’s an. 


1) Masudi f, 283. Tab. ©. 41. 


2) DBielleiht hatte Hufein auch mit den Verſchworenen verab- 
redet, daß er mit verhülltem Gefichte und von zehn Mann begleitet 
einziehen würde und UÜbeid Allah dies durch feine Spione wieder 
erfahren, ſonſt läßt fi diefe Täuſchung nicht gut erklären. 


3) Abd Almahafin und Tab. a. a. D. Bei Erfterm heißt es; 
„Wbeid Allah brach mit einem Heere von Bafra auf, bei welchem 
auch Scarif Ibn Amar an der Spike von 500 Mann war. Diefer 
verließ ihn unterwegs und hoffte verfolgt zu werden, damit Hufein 
inzwiihen Zeit gewinne, fich der Stadt Kufa zu bemächtigen, aber 
Ubeid Allah hielt fi feinetwillen nicht auf, fondern ging geraden 
Meges nad Kufa, wo er für Hufein gehalten ward, bis er fih vor 
Nu'man's Burg zu erfennen gab.“ Bei Tab. heißt es: „Ubeid Allah 
309 mit Truppen gegen Kufa, als er aber nach Kadefia fam, ging 
er mit zehn Mann voraus nad Kufa, verhüllte ſich das Gefiht mit 


Jezid. 307 


Ibn Beſchir ließ, in der Meinung, Huſein käme, von einem 
großen Volkshaufen begleitet, um ſich des Sitzes der Regie— 
rung zu bemächtigen, ſchnell die Thore ſchließen. UÜbeid Allah 
rief: Öffne, daß der Enkel des Propheten einziehe! Nu'man 
antwortete aber: „Kehre um und fteige nicht bier ab, ich fehe 
deinen Untergang voraus und möchte nicht, Daß es hieße, 
Hufein, der Sohn Ali’s, ift in Nu'man's Schloß umgebragt 
worden 2). est nahm Ubeid Allah das Tuch vom Gefichte 
und fobald er ſich zeigte, zerftäubte jih das Volk, während 
Nu'man ibm ehrerbietig entgegen fam und die Thore des 
Schloffes öffnete. Am folgenden Tage prebigte er vor einer 
großen Volksmenge in der Moschee und fagte unter Anderm 2): 
„Der Fürft der Gläubigen hat mich zu euerm Statthalter 
ernannt und mir befohlen, dem Unterdrüdten Recht zu ver: 
fhaffen, dem Schwachen gegen den Starfen beizuftehen, die 
Getreuen zu belohnen, die Widerfpenftigen aber zu züchtigen. 
Ich werde diefer Werfung nachfommen, die Gehorfamen wie 
ein Vater lieben und fhüsen, die Rebellen aber mit Stod 
und Schwert zurechtweilen. Zum Schluffe forderte er dann 
noch, mit Todesftrafe und Gütereinziehung drohend, Die Ges 
treuen auf, alle ihnen befannten Rebellen, welche Hufein ge- 
Huldigt, anzugeben. Als Muslim von der Ankunft und den 
energifhen Maßregeln Ubeid Allah's in Kenntnig gefegt ward, 
begab er fi heimlich in das Haus Hani's Ibn Urwa, wel- 
cher einer der eifrigften Freunde Hufein’s war und troß der 
bevorftehenden Gefahr ihn doch bei fih aufnahm ?). Ubeid 


einer Kopfbinde und hielt in der Dämmerung feinen Einzug, fo daß 
die Kufaner, welche Hufein erwarteten, Ubeid Allah für Hufein 
hielten.“ 

DD) Tab. ebendaf. 

2) Abd Almahafın. 

8) Tab. ebendaj, und Abd Almahafin. Diefem zufolge war er 
zuerft in dem Haufe Muchtar’s verborgen, welcher ein Sohn des 
berühmten Zeldherrn Abu Ubeid war, der im Kriege gegen Die 

207, 


308 Sechſtes Hauptſtück. 


Allah brachte indeſſen durch einen ſeiner Spione, welcher ſich 
ſelbſt für einen Schiiten ausgab, und fo nach und nad) in 
ihre Geheimniſſe eingeweiht ward, bald heraus, daß Muslim 
in Hani's Haus verborgen und daß er dort mit ſeinen An— 
hängern heimliche Zuſammenkünfte halte. Hani ward geru— 
fen ) und als er, nach mehrern vergeblichen Ausflüchten, end— 
lich erſcheinen mußte, überhäufte ihn Ubeid Allah mit Vor— 
würfen und Schmähungen. Hani geſtand zuletzt ein, daß 
Muslim in feinem Hauſe ſich aufhalte, betheuerte aber, daß 
er ihn nicht als Verſchworenen aufgefucht, fondern nur, den 
Pflichten der Gaftfreundfchaft gemäß, als Schusbedürftigen 
aufgenommen, Ubeid Allah verlangte Muslim’s Auslieferung 





Perſer von einem Glephanten zertreten ward. Nicht wie bei H. ©. 
Hammer (Gemäldefaal I. ©. 73) „der Sohn Obeide's, des unter 
der Regierung Omar's auf dem Feldzuge in Syrien von einem 
Glephanten zertretenen Erobererd Syriens.“ Sch würde hier eben 
fo wenig als an vielen andern Drten, wo meine Angaben von denen 
des H. v. Hammer abweichen, denfelben anführen, wenn er nicht 
felbft in einer Mote bemerkte: „nicht dans un des combats, livres 
aux Persans, wie es in der Biographie Abd Allah Ben Sobeir's im 
Journ. Asiat. heißt; IX. ©. 424.” 9. v. Hammer felbit ſchreibt ja 
(Gemäldefaal I. ©. 272), daß Ebu Obeide, der Groberer Syriens 
an der Veit von Amwas ftarb, und ©. 280, daß der perfijche Feld- 
herr Ebu Obeide unter den Füßen eines Glephanten zertreten wor: 
den. Letzterer hieß indejfen nicht Obeide, fondern Ubeid oder Obeid, 
und war auch nicht „einer der großen Jünger des Propheten“, wie 
H. 9. Hammer a. a. DO. ©. 279 glaubt. Vergl. Tab. ed. Kofegar: 
ten II. ©. 180. So ſchreibt auch 9. v. 9. (a. a. D. ©. 238) Ebu 
Beer, der Sohn Ebi Kahafas und jest in einer Note hinzu: „nicht 
Kohafa’s, wie bei den europäifchen Gefcichtichreibern bisher irrig,“ 
während es im Kamuß ausdrüdlich heißt: „Kohafa“ lautet wie „Tho— 
mama“ und bei legterem Worte angegeben ift, daß der erfte Buch: 
ftabe mit „Dhamma“ (o oder u) zu leſen ift. 

1) Nah Abd Almahafin bejuhte ihn Ubeid Allah zuerft in 
feiner Wohnung. Hani's Freunde lijpelten ihm zu, diefe Gelegenheit 
zu ergreifen, um Ubeid Allah aus der Welt zu jchaffen, aber vie 
arabiihe Gaftfreundfchaft fiegte über den politifchen Parteigeift. 


Jezid. 309 


und da Hani ſich ſtandhaft weigerte, die Schmach auf ſich zu 
laden, ſeinen Gaſt in die Hand ſeines Verfolgers zu liefern, 
ward er thätlich mißhandelt und in einen Kerker geworfen. 
Sobald ſich aber die Nachricht von Hani's Einkerkerung in 
der Stadt verbreitete, verſammelten ſich ſeine Stammgenoſſen, 
etwa 2000 an Zahl, vor dem Schloſſe des Statthalters und 
zu dieſen geſellte ſich bald Muslim ſelbſt mit vielen ) von 
denen, welche Huſein als Chalifen anerkannt hatten, fo daß 
Uberd Allab, der nur eine geringe Mannfchaft bei ſich hatte 2), 
genöthigt war, binter den Mauern feiner Burg Schuß zu 
fuchen. Statt dieſe zu erftürmen oder in Brand zu fteden, 
erging fich aber die verfammelte Volfsmaffe in leere Schmä— 
bungen gegen den Statthalter und den Chalifen. So ging 
der erfte Augenblid der Aufregung, in welchem die -Herrichaft 
Jezid's in Irak hätte geftürzt werden fünnen, unbenüßt vor— 
über und es gelang Uberd Allah dur die Vermittlung ein- 
flugreiher Männer, die bei ibm eingefchloffen waren, bald 
ivieder, die Mifvergnügten theils durch Ueberredung und Be- 
ftehung, theils durch Drohungen zu befänftigen, fo dag von 
den Tauſenden, welche fi um Muslim zufammengerottet hat- 
ten, nur noch 30 bei ihm aushbarrten und er abermals ein 
Obdach fuhen mußte, das ihm nad) langem Flehen endlich 
eine arme Wittwe aus dem Stamme Kinda gewährte. Aber 


1) So bei Abd Almahafin. Wie viele fih Muslim anfchloffen, 
wird nicht gejagt, jondern nur, daß ihm bereits 12000 oder nad 
Andern 18000 Mann geichiworen hatten, Huſein als Chalifen anzu— 
erfennen. Sie waren aus den Stämmen Kinda, Aſad, Hamadan 
und Tamim. Hani gehörte dem Stamme Muddjih an. Abulfeda 
S. 884 gibt die Zahl derer, die Muslim gehuldigt, auf 28 oder 
30,000 an. ‘ 

2) Nah Abd Almahafin außer feinem Hausgefinde und feinen 
Sklaven, zwanzig der vornehmften Bemohner Kufa's und 30 Mann 
Wache. Bei Abulfeda a. a. D. ift eine Lücke, denn daß Ubeid Allah 
allein im Schloſſe geblieben und die einziaen 80 Mann, die er bei 
fih hatte, unter den Haufen jchiekte, ift doch nicht anzunehmen, 


310 Sehftes Hauptſtück. 


ihr eigener Sohn, verführt durch den Preis, welcher auf 
Muslim's Kopf geſetzt ward, verrieth ihn und Ubeid Allah, 
welcher inzwifchen alle Getreuen bewaffnet hatte, fandte ſo— 
gleich 70 Mann, um ihn gefangen auf das Schloß zu brin- 
gen, wo er fowohl als Dani (September 680) hingerichtet 
wurden 3). 

Bon diefen traurigen Vorfällen erhielt Hufein, welcher 
gleich) nad) dem erften günftigen Berichte Muslims mit feiner 
ganzen Familie und vielen Freunden gegen Rufa aufgebrochen 
war, erft Kunde, als er fhon in Kadefia I) anlangte, Er 


1) Ich bin hier dem ausführlihen Berichte Abd Almahaſin's 
gefolat, welcher noch hinzufegt, dag Muslim eine hartnäcdige Gegen: 
wehr leiftete, und man gendthigt war, das dürre Zuderrohr, Das 
auf der Terraſſe lag, in Brand zu ſtecken, um ihn aus dem Haufe 
zu vertreiben, in welchem er Zuflucht gefunden und auch dann foll 
er fich erft ergeben haben, ald Mohammed Ibn Alaſchath, der Haupt: 
mann der gegen ihn gefchieften Soldaten, ihm fein Reben verbürgte, 
worauf jedoch Ubeid Allah Feine Rücficht nahm. Als er vor 1beid 
Allah meinte, fagte ihm dieſer: das ift eine Schande für einen 
Mann, der ſich in ſolch gefährliches Unternebmen einläßt. Darauf 
antwortete er: ich weine nicht meinetwillen, fondern Hujein’s willen, 
der mein Schieffal theilen wird. Wach Tabari ſcheint Ubeid Allah's 
Lage nicht jo gefährlich geweſen zu fein, er berichtet ganz Furz: 
„Ubeid Allah fagte zu Hani Son Urwa: ich habe vernommen, daß 
Muslim Son Akil in deinem Haufe verborgen tft, bringe ihn her! 
As Hanı dies läugnete, ließ ihn Ubeid Allah feftnehmen und fandte 
Leute in fein Haus, welche Muslim auffuchten und in die Burg 
brachten. Ubeid Allah ließ Beide einfperren. Als dies in Kufa be: 
fannt ward, fammelten fi 2090 Mann vor dem Thore der Burg, 
um die Gingeferkerten-zu befreien. Ubeid Allah ließ fie hinrichten 
und warf ihre Köpfe zur Burg hinab unter das Wolf, worauf die 
Maſſe beftürzt aus einander ging.“ 

2) Masudi f. 234. Nah Tab. ©. 42 drei Milien vor Kadeſia, 
nach Abb Almahafin fhon in Thalabija. Eine Karawane, der er 
auf dem Wege begegnete, welche die Steuern von Jemen nad) 
Damask bringen follte, hielt er fich als künftiger Chalife für be— 
rechtigt, auszuplündern. Der Dichter Farasdaf, der kurz vor Mus: 


Jezid. 311 


wollte ſogleich wieder umkehren, aber Muslims Verwandte 
forderten Rache und hofften, daß bei ſeinem Erſcheinen ſich 
die ganze Stadt gegen Ubeid Allah erheben würde. Huſein 
mochte, wie manche andere Thronprätendenten, ſich derartigen 
Hoffnungen hingegeben haben, denn er ſetzte ſeinen Weg gegen 
Kufa fort, aber alle Araber, die ſich ihm unterwegs ange— 
ſchloſſen hatten, in der Meinung, Kufa habe ſchon Jezids 
Herrſchaft abgeſchüttelt und Huſein zum Chalifen proclamirt, 
verließen ihn und bald nachher fand er ſich, im Angeſichte 
des Feindes, nur noch von ſeiner Familie und den wenigen 
Mekkanern I) umgeben, die ihn auf feinem Zuge begleitet 
hatten. Uberd Allah war nämlich, wie oben fchon berichtet 
worden, den von Bafra mitgenommenen Truppen, von Ka— 
defia aus vorangeeilt und hatte fie auf dem Wege von Meffa 
nah Kufa vertheilt, um alle Bewegungen Hufeins zu beob: 
achten und feine Verbindung mit den Kufanern abzufchneiden, 
Einer Abtheilung diefer Truppen war e8 gelungen, den Bo— 
ten aufzufangen, welcher den Rufanern von der Ankunft Hu— 
feins Nachricht geben follte 2). Durch diefen warb Ubeid 


lim's Tod Kufa verlaffen hatte und den er nad) der Stimmung der 
Rufaner fragte, antwortete ihm, nad Abd Almahafin: „Shr Herz 
ift mit dir, ihr Schwerdt aber mit den Omejjaden,“ nad Tab, hin: 
gegen: „Das Volk erwartet did, doch wiſſen wir nicht, was Gott 
beſchloſſen.“ 

1) Es waren nach Tab. 40 Reiter und 100 Mann zu Fuß, nad) 
Abulfeda ©. 3590 blieben nur 32 Reiter und 40 Mann zu Fuß bei 
ihm, eben fo bei Abd Almahafın. Nach Elmafin 50 Reiter und 
100 Mann zu Fuß. Finden aber über folhe Eleine Zahlen fo ver: 
fhiedene Angaben ftatt, was ift von den größern runden Zahlen 
zu halten, die wir bei den Truppen UÜbeid Allah’s finden? Nach 
Elmafin 5. B. wären Hufein nad und nad nicht weniger ale 
10,000 Mann von Kufa aus entgegengejhidt worden, wo waren 
aber diefe Truppen, als Ubeid Allah mit 30 Mann in feiner Burg 
belagert ward ?? 

2) Abd Almahafin. Sein Name war Keid Son Muzhir und 
der Dffizier, der ihn anhielt, hieß Hafin Son Tamim. Der Bote 
ward hingerichtet, weil er fich weigerte, Hufein zu verfluchen. 


312 Sechſtes Hauptſtück. 


Allah von Allem genau unterrichtet und ſtatt der Freunde der 
Haſchimiten, welche Huſein entgegenziehen ſollten, ſandte er 
4000 den Omejjaden ergebenene Soldaten gegen Kadeſia mit 
dem Befehle, Hufein ald Gefangenen oder als Leiche nad) 
Kufa zu bringen. Den Oberbefehl über vdiefe Truppen gab 
Uberd Allah, deſſen Anwefenbeit in der Stadt wahrfcheinlich 
dringend nothwendig war, dem Sohne des Eroberers von 
Madain Amru Fon Saad, dem er zum Lohne für diefen 
Dienft die Statthalterfchaft von Rei verfprah I). Ein ge 
wiffer Hurr Ibn Fezid, welcher die Vorhuth dieſes Fleinen 
Heeres befehligte, bemitleidete entweder den unglüdlichen ver- 
blendeten Hufein, und rieth ihm fchnell umzufehren und von 
der Straße abzulenfen, um nicht in das Schwert des nach— 
folgenden Amru Ibn Saad zu fallen), oder war zu fhwad, 


1) Abd Almahafin und Tab. 


2) So bei Tab. ©. 42, welcher dann aub ©. 44 wie Elmakin 
©. 51 Hurr für Hufein kämpfen laßt, bis ihn Amru Ibn Saad 
tödtet. Nah Abd Almahafin aber läßt Hurr aleih Hufein um: 
zingeln und vom Waſſer abfchneiden und berichtet ed an UÜbeid Allah. 
Am folgenden Tage fam dann Amru mit 4000 Mann u. j. w. Es 
ift fchwer zu ermitteln, welhe von beiden Quellen die Wahrheit 
angibt, doch hat der Beriht Abd Almahafin’s das gegen fih, dag man 
nicht begreift, wenn ſchon Hurr den Hufein gewiſſermaßen einſchließt 
und bei Ubeid Allab anfragt, ob er darauf beſtehen foll, Hufein 
nab Kufa zu bringen, warum dann Amru noch einmal anzufragen 
braudbt, da doch gewiß Ubeid Allah gleih den beftimmten Befehl 
ertheilte, Huſein lebendig eder tod nah Kufa zu bringen. Ganz 
dunfel und unmahricheintich it Abulfeda's Bericht, demzufolge Hurr 
dem Hufein faat: er habe Befehl, ihn nah Kufa zu bringen, dann 
aber ein Schreiben von Ubeid Allah erhält, nach welbem er ihn an 
einen wajferlofen Platz führen fol. Noch unbegreifliber ift, dag 
Hufein ſchon am 2. Muharram eingefchloffen und am 10. erft an: 
gegriffen wird, mährend doch ein Bote recht gut in einem Tage 
von Kerbela nab Kufa und zurüc reiten fann. Und wie fonnte 
Hufein mit feinen Leuten acht Tage ohne Waffer leben? Ohnehin 
ift noch zu bemerken, daß der 2. Muharram nicht ein Donnerftag, 
und der 10, nicht ein Freitag war, wie die meiften arabifchen Quellen 


Jezid. 313 


um ihn anzugreifen. Huſein, welcher mit ſeiner zahlreichen 
Familie, die er ebenfalls gegen den Rath ſeines Vetters Abd 
Allah Ibn Abbas gleich mitgeſchleppt, nicht leicht eine Rück— 
kehr durch die Wüſte bewerkſtelligen konnte, zog ſich in die 
Ebene von Kerbela nach dem Euphrat hin. Am folgenden 
Morgen, nach andern Berichten noch an demſelben Tage, 
ward er jedoch von den Truppen Amru Ibn Saads, den 
vielleicht einer von Hurrs Leuten ſchnell von allem unterrichtet 
hatte, eingeholt. Amru ging dann auf ihn zu und forderte 
ibn auf, ſich zu ergeben. Huſein erbot ſich, Jezid anzuer- 
kennen und auf immer allen Anſprüchen auf das Chalifat zu 
entſagen, verlangte aber, daß ihm geſtattet werde nach Mekka 
zurückzukehren, um daſelbſt in der Nähe des Tempels ſein 
Leben zu beſchließen, oder ſich zu Jezid nach Damask zu 
begeben, wo er begnadigt zu werden hoffte, oder endlich nach 
irgend einem Grenzpunkte des Reichs, um an dem Kriege 
gegen Ungläubige Theil zu nehmen. Amru berichtete dies 
an Ubeid Allah und erbat ſich neue Inſtruktionen. Ubeid 
Allah, der entweder von Jezid den Befehl erbalten, Huſein 
zu tödten oder ſelbſt einſah, daß, ſo lange Huſein am Leben, 


annehmen, (noch eher ein Sonntag wie bei Chamis), denn der J. Muhar— 
ram d. 5. 61 entſpricht dem 1, Oktober 680, der ein Montag war. 
Wir fonnen daher mit Gewißheit jagen, daß fämmtliche Berichte 
ungenau find, der wahre Hergang mag folgender gewejen fein: Hu— 
fein wollte, als er bei Kadefia Hurr's Reiter anfichtig ward, fich 
zurüdziehen, da aber fein Vorrath erſchöpft war, mußte er gegen 
den Euphrat hin. Hure feste ihm nad, bald darauf kam aud 
Amru Son Saad, welcher Hufein umging, fo daß er von beiden 
Seiten in der Ebene von Kerbela eingejchloffen war, Nun began- 
nen die lnterhandlungen, die aber nur ein Paar Tage dauerten, 
Zu einem jo verzweifelten Kampfe waren vielleiht auch Amru’s 
Truppen nody nicht zahlreih genug, weshalb Schumar noch Wer: 
ftärfung aus Kufa bringen mußte, worauf Hufein enger umzingelt 
ward und die Berbindung mit dem Euphrat verlor. Daß Huſein 
erft nah Schumar's Ankunft vom Waſſer abgefihnitten worden, be: 
rihtet auch Tab. ©, 48, 


314 Schftes Hauptſtück. 


Jezid's Thron ſchwankend bleiben würde, denn von der Un— 
zuverläffigfeit von Hufein’s Schwüren und Berfpredhungen 
hatte er bereits einen doppelten Beweis, wiederholte den 
frühern Befehl, Hufein zu tödten oder nach Kufa zu bringen. 
Da aber Amru’s Zaudern und nochmalige Anfrage ihm ſchon 
mißftel, fandte er noch einige Truppen nad), unter der An— 
führung Schumar’s Jon Aldjaufhan und trug diefem auf, an 
Amru’s Stelle den Dberbefehl zu übernehmen, falls jener 
den Angriff länger verfchieben ſollte. Schumar traf am 
9. Muharram d. J. 61 (9. Dftober 680) im Lager ein. 
Hufein ward vom Cuphrat abgefchnitten und abermals aufs 
gefordert, dem Heere nah Kufa zu Ubeid Allah zu folgen. 
Hufein fannte aber den Statthalter von Kufa als den grau- 
famften Feind und Berfolger feines Geſchlechts und wußte 
wohl, dag er ihn darum nicht geradewegd nad Damask 
bringen laffen wollte, weil er entweder befürchtete, Jezid 
möchte ihn begnadigen, oder durch feine Hinrichtung den Haß 
der frommen Mufelmänner gegen fi) noch vermehren. Er 
zog vor, auf dem Schlachtfelde zu fterben, als durch Ubeid 
Allah’s Henker. Er erbat fih jedoch nod eine Nacht Be- 
denfzeit, nach arabifchen Berichten nur in der Abfiht, feine 
Begleiter zu bewegen, ihn allein feinem Schidfale zu über: 
laffen und dur Unterwerfung ihr Leben zu retten. Cine 
folde Schmach wollten jedoch die Meffaner, grüößtentheils 
nabe Verwandte Hufein’s, nicht auf fih laden, Eben fo 
wenig wollte diefer, als ein Araber ihm vorſchlug, er möchte 
es verfuchen, fih auf feinem vortrefflihen Dromedare in der 
Nacht durchzufchlagen, feine Freunde und feine Familie, die 
er in eine folche Lage verſetzt, ſchmählich verlaffen 1). Uebri— 
gens hoffte er auch noch immer, die Truppen würden fid 


1) Tab, ©. 33. Sein Name war Dirmaf. Derfelbe berichtet 
dann auch, daß Hufein im Traume Mohammed fah, weldher ihn 
tröftete und ihm die Vereinigung mit ihm auf den folgenden Abend 
vorherfagte. Als Hufein des Morgens feinen Traum erzählte und 
Alle zu meinen anfingen, fagte er: weinet nicht, damit der Feind 


Jezid. 315 


ſcheuen, den Enkel ihres Propheten zu verletzen. Ehe er ſich 
am folgenden Morgen zum Kampfe rüſtete, ſoll er ihnen von 
ſeinem Kameele herab zugerufen haben: Wiſſet ihr denn nicht, 
daß ich der Sohn Fatima's, der Tochter Mohammed's, bin 
und Ali's, des erſten Gläubigen, dem der Prophet geſagt: 
dein Fleiſch iſt mein Fleiſch und dein Blut mein Blut, und 
den er die Pforte der Stadt der Wiſſenſchaft genannt? war 
nicht Djafar , der Beflügelte, mein Oheim und Hamza 2), 
der Herr der Märtyrer, meines Vaters Oheim? bin ich nicht 
Haſans Bruder, von dem der Prophet geſagt: dieſer Jüng— 
ling iſt der Herr aller Bewohner des Paradieſes? wenn ihr 
Muſelmänner ſeid und zur Nation meines Großvaters gehört, 
wie wollt ihr eure Feindſeligkeit gegen mich am Tage der 
Auferſtehung rechtfertigen? was habe ich gegen euch begangen, 
daß ihr euch für berechtigt haltet, mein Blut zu vergießen? 
bin ich denn ein Mörder oder ein Räuber? O ihr Kufaner, 
ich lebte zurückgezogen in Mekka, bis ihr mich ſchriftlich ein— 
geladen, als euer Herrſcher in eure Mitte zu kommen, wollt 
ihr euch Gottes Gnade und meines Großvaters Fürbitte er— 
halten, ſo laſſet mich nach Mekka zurückkehren, denn ich ge— 
lüſte nicht nach weltlicher Herrſchaft 2).“ 


nicht lache! Diefer Traum hielt ihn jedoch nicht ab, alles Mögliche 
noch zur Rettung feines Lebens zu verfuchen. 

1) Djafar fiel in dem Treffen bei Muta im 8. Sabre d. 9. 
Mohammed, um deſſen Verwandte zu tröften, fagte ihnen: er habe 
im Traume gejehen, wie Djafar im Varadiefe mit zwei Flügeln 
aus Edelfteinen umbherfliege, welche ihm Gott ftatt der beiden Arme 
geihenft, die er im Kampfe verloren. ©. Leb. Moh. ©. 206. 

2) Hamza, ein Oheim Mohammed’s, fiel im Treffen von Ohod, 
in der Nähe von Medina, im dritten Jahre d. H. und ward aufs 
Grauſamſte verftümmelt. ©. ebdf. ©. 129. 

3) Abd Almahafin und Tab. Bei Lesterm fagt er noch: „ver: 
ehren doch die Chriften felbft den Staub unter den Füßen von 
Chriſtus Ejel, und die Suden jede Spur, die ſich von Mofes erhal: 
ten, wie wollt ihr, da ich doch bei unferm Propheten fo hoch ftand, 
mein Blut vergiegen?“ 


316 Schftes Hauptſtück. 


Die für Hufein fhwärmenden arabifchen Autoren führen 
natürlich feine Widerlegung diefer Rede an, fondern blog die 
Thatfache, daß fie ohne Erfolg blieb. Hufen war in den 
Augen-der Truppen, welche für Jezid Fämpften, ein Dochver- 
räther, der in Kufa und Baßra eine Verſchwörung angezettelt, 
die bereits viel mufelmännifches Blut gefoftet, der aus Ehr— 
geiz aufs Neue über fein Vaterland alles Unheil eines Bür- 
gerfriegs bringen wollte, und der durch doppelten Wortbruch 
fih der Begnadigung unmwürdig gezeigt. Darum fand auch 
Amru's Befehl zum Angriff feinen Wiverftand, obgleih Hu— 
fein fich zuleßt no, wie einft Muawia, durch an Stangen 
geheftete Korane zu ſchirmen verfuhte 1). Indeſſen dauerte 
doch der Kampf länger, als fich bei fo ungleicher Truppen- 
zahl erwarten ließ, was wohl dadurch zu erklären ift, daß 
wie gewöhnlich viele Zweifämpfe 2) dem allgemeinen Hand— 


1) Abd Almahafin und Elmakin ©. 51. 


2) Abulfeda erwähnt zwar nichts von Zmeifämpfen und Abd Almahafın 
fagt ausdrücklich: „Huſeins Leute forderten mehrere zum Zweikampf 
heraus, ihre Herausforderung ward aber nicht angenommen, fondern 
der Feind griff fein Maffe an, lähmte ihre Pferde und trieb fie mit Pfeilen 
zurück.“ Tabaris Bericht über diefes Treffen füllt mehrere Seiten 
aus, ich will das Mefentliche hier mittheilen, obgleich der Anfang 

“fchon zeigt, wie wenig Glauben er verdient.“ Ein gemilfer Abd Allah 
trat zuerft aus den Reihen von Amru’s Truppen hervor und mollte 
auf Hujein losftürmen, Diejer rief: o Herr! vernichte diefen Auch: 
ofen! Sm Augenblick ftürjte der Reiter und blieb mit einem Fuße 
am Steigbügel hängen, das Pferd aber lief fort und fehleppte ihn 
nach bis er ganz zerfegt ward. Hierauf kömmt, wie fhon oben be: 
richtet, Hurr zu Hufein und ftirbt an feiner Seite fechtend. Dann 
folgen vier Zweitämpfe, die alle zu Gunften Hufeing enden. Amru 
befiehlt dann einen allgemeinen Angriff, die Schügen treten vor, 
tödten 20 Mann von Hufein’s Leuten und verwunden viele. Hufein 
will felbft fein Pferd befteigen und auf den Feind losftürmen, aber 
feine Freunde geben es nicht zu. Als die 140 Mann gefallen wa— 
ren, fagte er: nun ift die Reihe an mir, Nocd waren aber feine 


Jezid. 317 


gemenge vorangiengen; denn obgleich das Gefecht ſchon am 
Morgen des 10. Muharram (10. Oktober 680) eröffnet 
ward, fiel doch Huſein ſelbſt erſt Nachmittags, und erſt auf 


Brüder, ſeine Söhne und ſeine Vetter übrig, als er daher in die 
Schranken treten wollte, kam ihm fein Sohn Alt der ältere zuvor. 
Diefer drang zehnmal auf den Feind ein und ſtreckte jedesmal drei 
oder vier Ruchlofe zu Boden. Als er ſich dann über Durft beklagte, 
ſtreckte Huſein ihm feine Zunge hin. Ali ſog daran und ward neu be— 
lebt; als er fih aber zum eilften Male in’d Schlachtgetümmel ftürzte, 
erhielt er von hinten einen Schwerdtftreih, der ihn tödtete. Hier— 
auf kämpfte ein Sohn und ein Enfel Akils, welche beide von Pfeilen 
todtlich getroffen wurden. Nun ergriff ſogar Kaſim, ein zehnjühriger 
Bruder Hufeins, das Schwerdt, und ward in Stüden gehauen. Seine 
fünf Brüder dringen dann zumal auf den Feind ein und kämpfen 
bis zum Tode. Jetzt ward auch Hufein’d Pferd von einem Pfeile 
getroffen und zu Boden geftredt. Hufein blieb nun zu Kuß, der 
brennenden Mittagshise ausgefest, ohne einen Trunk Waſſer, und 
hatte dabei noch den Schmerz, daß ihm ein Kind, das noch in der 
Wiege lag, auch getödtet ward. Als er nahe daran war, vor Durft 
zu fterben, lief er an das Waſſer und wollte trinken. Amru rief 
aber feinen Soldaten zu ihn nicht trinken zu laſſen, ed ward nad 
ihm geſchoſſen und es blieb ein Pfeil in feinem Halfe ſtecken, den 
er jedoch wieder herauszog. Amru wollte ihn tödten, aber er ver: 
mochte es nicht, als Hufein ıhm in’s Geſicht ſah, doch befahl er fei: 
nen Leuten, nicht länger zu faumen. Sie drangen auf ihn ein, aber 
er tödtete mehrere von ihnen, fo dag Amru und Schomar, welde in 
einiger Entfernung zufahen, über feine Tapferkeit und Kraft nach fo 
vielem Blutverluft und bei Mangel an Waffer, erftaunten. Doch 
zulest feste er fich ermattet hin, denn er hatte nicht weniger ald 34 
Schmwerdt- und Lanzen: und 33 Pfeilmunden. Schomar fiel mit 6 
Mann über ihn her, ein gewiſſer Dfurah drang mit dem Schwerdte 
auf ihn ein und Hufein hatte nicht mehr die Kraft den Schlag ab: 
jumehren, ein anderer ftah mit der Lanze nach ihm und Schomar 
ſelbſt fchnitt ihm dann den Kopf ab. Hufein’s Zelt ward ausaeplün: 
dert, Schomar wollte fogar Alt den Süngern, einen Sohn Hufeins, 
der frank lag, tödten, aber Amru rettete ihn, obgleich jener behaup- 
tete, Ubeid Allah habe befohlen, alle männlihe Nachkommen Ali's 
zu tödten. Nun werden die Todten begraben, deren Schomar 88 


318 Sechſtes Hauptflüd, 


Schomars ausdrücklichen Befehl ward er mit Schwerbt und 
Lanze angegriffen und getödtet, während bisher nur mit Pfei- 
len gegen ihn gefhoffen ward. Die Meffaner opferten fich 
alle für Hufein und follen dem Feinde, ehe fie fielen, 38, 
nah andern fogar 85 Mann getödtet haben. Außer den 
Freunden aus Meffa fielen auf Hufeins Seite vier feiner 
Söhne, vier Brüder und mehrere Better, Söhne Akils und 
Abd Allah's Fon Djafar. Die übrigen Frauen und Kinder 
Hufein’s fandte Amru mit feinem Haupte an Uberd Allah, 
der fie nach Damask bringen ließ. Was aus Hufeins Haupt 
geworden, ift unbefannt, denn nur fein Rumpf ift in Mefchhed 
Hufein (Drt von Hufeins Märtyrertod) begraben, wo noch 
alljährlich am 10. Muharram ZTrauerfeierlichfeiten Statt fin- 
den. Hufeins Familie ward aber von Jezid mit Schonung 
behandelt und unflugermweije nad Medina geſchickt, wo ber 
Anblick ihres Jammers und ihre Schilderung ber legten Bor- 
fälfe, die ohnehin ſchon gegen Jezid aufgebrachten Gemüther 
noch mehr empören mußte, Hatte doc) Zeid Ibn Arkam zu 
Ubeid Allah felbft gejagt, als .diefer mit einem Rohre nad 
Huſeins Mund flug: „Laffe dieg! denn bei Gott, ich babe 
gefehen, wie die Lippen des Gefandten Gottes an biefem 
Mund ruhten N). 


zählt (bei Elmafin nur 38). Hufein’d Rumpf ward von den Be, 
wohnern von Amirija, ein Dorf am Euphrat nad) drei Tagen beer- 
diat. Ginige Verfe welche von einer unfichtbaren Stimme famen, 
übergehe ih. Umm Kolthum, eine Tochter Hufeing, welche fab, wie 
die Kufaner bei ihrem Einzuge meinten, fagte ihnen: Warum mweinet 
ihr? etwa unjertwillen? ihr habt ung doc durd Briefe und Boten 
hierher geloct, dann dem Feinde überliefert und getödtet, wie wollt 
ihr ung jegt wieder beweinen ?* Die nun folgenden Zwiegeſpräche 
zwifchen Ubeid Allah und den Gefangenen verdienen Feine Er— 
mwähnung. 

1) Abulfeda S. 390 und Abd Almahafin. Bei Tab. ©. 47 fchlägt 
Jezid, nicht Ubeid Allah, nah Hufein und Abu Burirah Aslami weißt 
ihm zurecht. Doch von Jezid ift dies um fo unglaublicher, da Tab. 


Jezid. 319 


Auch in Mekka, wo Hufein fih längere Zeit aufgehalten, 
und durch Frömmigfeit ausgezeichnet hatte, wo viele Vetera— 
nen des Islams noch Tebten, welche ihn oft an ver Geite 
Mohammeds gefehen, denn er war ſchon etwa fieben Jahre 
alt als Mohammed ftarb, mußten die Vorfälle von Kerbela 
die größte Entrüftung gegen Jezid hervorrufen, obgleich die— 
fer Hufeins Tod ganz auf das eigenmäcdhtige Verfahren fei- 
nes Statthalters zu wälzen fuchtee Der gleißnerifche Abd 
Allah Ibn Zubeir, welcher, wie oben berichtet, aus Selbft- 
fuht und Ehrgeiz, Hufein in feinem gewagten Unternehmen 
beftärkt, beuchelte jegt die tieffte Trauer und benützte Die all- 
gemeine Entrüſtung zu feinen ehrgeizigen und habfüchtigen 7) 





felöft ihn, als Hufein’s Haupt ihm vorgefegt ward, fagen läßt: „Gott 
fei dir gnädig, Ubeid Allah! wir häften ung mit der Unterwerfung 
der Srafaner begnügt und verlangten nicht, daß Du diefen tödteft, aber 
dur haft die Bande der VBerwandtfchaft zerriffen und was vereint war 
getrennt.“ Zu bemerken ıft übrigens, daß nah einigen Berichten 
Zeid Ibn Arkam ſchon im Sahre 56 d. H., geftorben (S, Nawawi 
©. 257). 

1) Daß wir Abd Allah Ibn Zubeir nicht zu hart beurtheilen, 
bemweißt, außer den ſchon oben angeführten Quellen über fein Ber: 
hältniß zu Hufein, nocd folgende Stelle aus dem Kitab Alaahani, 
(ed, Kofegarten, ©. 18), „Abd Allah Ibn Zubeir ging zu Saftah, 
Tochter des Abu Ubeid, Gattin des Abd Allah Son Omar und fagte 
ihr, feine Empörung entipringe aus Eifer für die Sache Gottes, 
feines Gefandten, der Ausgewanderten und Hilfsgenoffen, indem Mua: 
wia, fein Sohn und feine ganze Familie Cauf ihre Koften) ſich alle Beute 
jueignen, und bat fie, Abd Allah Sbn Omar zu bewegen, daß er ihm 
huldige. Safiah trug ihrem Gatten beim Abendeffen Abd Allah Son 
Zubeir’d Anliegen vor; fie lobte feinen heiligen Eifer und andere 
gute Eigenjhaften und fagte unter Anderm: er fordert nur zum Ge: 
horfam gegen Gott den Erhabenen auf. Darauf erwiederte Dmar’s 
Sohn: Hajt du die weiſen Maulefelinnen geiehen, welhe Muawia 
bei feiner Pilgerfahrt bei fih hatte? Wahrlih Ibn Zubeir will 
nichts Anderes.“ Abd Allah Son Dmar, vielleicht der einzige wahr: 
haft fromme und uneigennügige Mann jener verdorbenen Zeit durd): 
fhaute aljo Abd Allah Son Zubeir und wußte, daß Habgier und 
Herrſchſucht die Triebfedern feiner Handlungen waren, 


320 Sechſtes Hauptſtück. 


Zwecken. Schon früher hatte er fortwährend gegen die 
Dmejjaden Aufruhr gepredigt. Er und feine Freunde bete— 
ten, als Zeichen der Nichtanerfennung Jezids, feinem Statt- 
halter Amru Ibn Saad Alaſchdak niht nad), und bildeten 
auch fpäter noch eine abgefchloffene Gemeinde, als Amru we— 
gen feiner Nachſicht entfegt ward und Welid Ibn Otba, un: 
ter deifen Oberbefehl auch Meffa geftellt ward, einen andern 
Präfeften nad Medina fandte 1). So Tange indeffen Hufen 
lebte, wagte es Abd Allah nicht, felbft als Prätendent gegen 
Jezid aufzutreten. Bei der Kunde von Hufeins tragiſchem 
Ende ließ er fih aber, nach einer heftigen Rede gegen die 
treulofen Rufaner fowohl, als gegen Jezid felbft, von feinen 
Freunden als den Würdigſten erflären, die Gläubigen zu be: 
bereichen 2). Bon diefem Augenblide an nahm er unter ſei— 
nen Dertrauten den Chalifentitel an, obſchon er öffentlich, aus 
gebeuchelter Anfpruchlofigfeit, fih no immer „Schügling des 


1) Tab. ©. 48 auch Quatremere a. a. D. ©. 330. Diefer ſetzt 
aber hinzu: „enfin Abd Allah reussit ä contraindre cet oflicier (We: 
lid's Stellvertreter) de quitter la ville« wihrend es bei Tab. im Ge— 
gentheile heißt: „Abd Allah Ibn Zubeir fonnte Welid's Gtellver: 
treter nicht aus Mekka vertreiben.“ (Abd Allah Ibn Zubeir anun 
naibini Mekkahden Tschekarehmedi). 

2) Tab. ebendaf. Die Rede felbit führt er aber nicht an, fie 
findet fih bei Quatremere nah Makrizi. Sch übergehe, was er über 
die treulofen Kufaner fagt, und theile bier nur den Schluß mit: 
»Apres une catastrophe si tragique devons nous accorder ä ces hom- 
mes fourbes une confiance aveugle, ajouter foi a leurs paroles, et 
recevoir leurs sermons? Non certes non, ils ne sont pas dignes d’un 
pareil temoignage d’estime. Celui qu'ilsont lächement egorge prolon- 
geait ses veilles pendant la nuit et consacrait frequemment les jours 
au jeüne. Cet homme, ä coup sür, par son zele pour la religion et 
ses @minentes qualites, meritait bien mieux qu’eux le rang qu’ils ont 
usurpe. Pardieu! on ne le vit jamais preferer la musique ä la lec- 
ture du Coran, des chants effemines ä la componction produite par la 
erainte de Dieu, la debauche du vin au jeüne, les plaisirs de la chasse 
aux conferences destinees ä de pieux entretiens. Bientot ces hommes 
recueilleront le fruit de leur conduite perverse.« 


Jezid. 321 


beiligen Hauſes“ nannte. Dieſer Zuſtand dauerte das ganze 
61. Jahr hindurch und ſelbſt als Welid Ibn Diba in eige— 
ner Perſon, gegen Ende des Jahres, an der Spitze der Pil— 
ger nach Medina zog, verharrte Abd Allah Ibn Zubeir in 
ſeiner Weigerung, Jezid als Chalifen anzuerkennen und ver— 
richtete die Ceremonien der Pilgerfahrt nicht gemeinſchaftlich 
mit Otbah ). Jetzt ſchwur Jezid, welcher wahrſcheinlich 
nicht allzubald nach Huſeins Tod durch einen Gewaltſtreich 
in dem Bezirke des heiligen Tempels auf's Neue alle gläu— 
bigen Muſelmänner gegen ſich aufbringen gewollt, Abd Allah 
müſſe mit gefeſſelten Händen und einer Kette am Halſe vor 
ihm erjcheinen. Um diefen Schwur bucftäblih zu erfüllen, 
den er vielleicht Doch bald wieder bereute, ließ er eine filberne 
Kette machen und ſchickte ſie durch Numan Ibn Beſchir mit 
noch neun andern Geſandten nach Mekka 2), um fie Abd 


1) Tab. ebendaſ. 

2) Bei Tab. lieſ't man: er ſchickte fie nah Medina an Welid 
Ibn Dtba und und diejer beförderte fie weiter nach Meffa. Quatre- 
mere berichtet nad Mafrizi, dag Merwan feinen Sohn Abd Alaziz 
auch mit den Gefandten nach Meffa ziehen lieg, und ihn beauftragte 
Abd Allah folgende Verſe zu recitiren, von denen der erfte und der 
dritte auh in der Hamafa (ed. Freytag p. 215) vorfommen, und 
dem Dichter Abbas Ibn Mirdas zugefchrieben werden: »Prends cela! 
Sans doute il n’y a rien la qui soit digne d’un homme eleve et l’homme 
accoutume ä l’humiliation y trouverait m&me un sujet de plainte. 

O Amer! on a exige de toi une chose penible, que tu t’avilisses 
au milieu de tes voisins en filant au fuseau. 

Il me semble voir en toi un chameau destine a l’irrigation des 
terres, et auquel on dit, avance ou recule avec le sceau que tu 
conduis.« 

Abd Allah antwortete auf dieje Verſe: 

»Je suis fait d’un bois dont les souches restent inebranlables au 
milieu du choc des vents et da la tempete. 

Jamais je ne ploierai le doigt sous l’effort des orages de l’atmos- 
phere, jusqu’ ä ce qu’on voie la pierre broy&e sous la dent.« 

Auch bei Tab. antwortet Abd Allah durch ähnliche Verfe, von dem 
Einfperren der Gefandten erwähnt er aber nichts. 

21 


322 Sedhftes Hauptftüd, 


Allah Fon Zubeir zu umhängen und ihn fo nad) Damasf zu 
bringen. Abd Allah Fon Zubeir war aber auf feine Weife 
zur Huldigung zu bewegen, er ließ fogar ſämmtliche Gefandtes 
einen ganzen Monat im Kerfer ſchmachten, dann fchidte er 
fie, ohne in irgend einem Punfte nachzugeben, nad) Damasf 
zurück, obgleih ihm damals fchon gedroht ward, daß eine 
Armee gegen Mekka ziehen und ohne Nüdficht auf das heilige 
unverlegliche Gebiet, gegen ihn und feine Anhänger wie gegen 
fonftige Feinde verfahren würde. Dieß fehen wir aus folgen- 
dem Borfalle, der feiner Eigenthümlichkeit willen vollftändig 
berichtet zu werden verdient ): 

Numan Ibn Beſchir war oft allein mit Abd Allah Ibn 
Zubeir, in dem Theile des Tempels, welcher Hodjr ?) beißt, 
Eines Tages fagte Abd Allah Fon Idhah, einer der Beglei- 
ter Numans, zu Abd Allah Jon Zubeir: Bei Gott, diefer 
Hilfsgenoffe (d. h. Numan, der ein Medinenfer war) hat 
feinen Auftrag, den wir nicht gleich ihm hätten, nur ift er 
als Häuptling über ung geſetzt. Aber bei Gott, ich fenne 
feinen Unterfchied zwifchen Auswanderer und Hilfggenoffen ?). 
Der Sohn Zubeir’s erwiebderte: D Ibn Idhah! was haben 
wir mit einander gemein? Ich nehme doc gleichen Nang 
mit einer Taube von den Tauben Meffa’s ein. Möchteft du 
eine der Tauben Mekka's tödten )? Sa wohl, verſetzte der 


— — 





1) Kitab Alaghani ed. Kofegarten p. 17 und 18. 

2) Hodjr bedeutet Heiligthum und Schoof, und bezeichnet hier 
den nördlihen Theil des Tempels, welcher von der heiligen Mauer 
Hatim umgeben if. Kamus. 

3) Damit mollte er wahrfcheinfich überhaupt fagen, daß er der: 
artige Eigenjchaften, auf welche vielleicht Numan Ibn Beſchir ftolz 
fei, und auf die auch Ibn Zubeir, ald Sohn eines Ausgemanderten, 
feine Anſprüche gegen Jezid ariindete, für nichts achte. 

4) Das Gebiet von Mekka war bekanntlich ſchon vor dem Js— 
fam ein geheiligtes, in welchem fein Blut vergojfen werden follte. 
Nicht nur Menihen follten in der Nähe des Tempels eine fichere 


Jezid. 323 


Sohn Idhab's, warum follten die Tauben Meffa’s mir bei- 
lig ſein? Junger! rief er dann feinem Diener zu, bringe 
mir Bogen und Pfeil! Als ihm der Junge Bogen und Pfeil 
brachte, fpannte er den Bogen, zielte gegen eine der Tauben 
der Mofchee und fagte: D Taube! trinft Jezid, der Sohn 
Muawia's Wein? fage ja, dann bei Gott, fchleudere ich die 
fen Pfeil nah dir. D Taube! willt du Jezid den Sohn 
Muawia’s enttbronen, did von Mohammers Volk trennen 
und auf heiligem Gebiete bleiben bis es dur dich entmweiht 
wird? N) Bei Gott, tbuft du dieß, fo durchbohrt dich mein 
Pfeil. Da fagte Abd Allah Fon Zubeir: Wehe dir! fann 
denn ein Vogel ſprechen? Dein, antwortete der Sohn Id— 
bah’s, aber du, Sohn Zubeirs, Fannft ſprechen, und ich ſchwöre 
bei Gott, du huldigſt, gleichyiel ob freiwillig oder gegen dei— 
nen Willen, wo nit, fo wirft du die Fahnen der Afchart- 
den 2) in diefem Thale erfennen, deſſen Rechte mir dann 


Zuflucht finden, ſondern fogar wilde Thiere und Vögel follten vor 
den VDfeilen des Jägers fiber fein. Mohammed behielt alle den 
Tempel betreffenden frühern Gefege und Gebräuce bei, obaleic er 
felbft mit bemwaffneter Macht gegen Mekka zog und die heilige Stadt 
mit Blut befledte. ©. Leb. Moh. ©. 225 und 226. 


1) So überjege ich die Worte »halla justahalla bika.« De Sacy 
überfegt a. a. O.: »en forte qu’on doive t'y laisser en paix et im- 
punie.« OQuatremere, welcher auch diefe Stelle anführt: »jusqu’äa 
ce que tu y sois livree ä l'insulte et a l’outrage.« Kojegarten: »Ta- 
menque apud sacrarium commorari vis, quoad cujusvis arbitrio per- 
mittaris?« istahalla bedeutet nach dem Kamus: etwas als hilal be: 
traten, zum hilal machen, aljo im passivum, als nicht heilig anges 
fehen, entweiht werden, d. h. willſt du fo lange als Rebelle auf hei: 
ligem Gebiete verweilen, bi8 man genöthigt wird, es um deinetwillen 
feiner Unverleglichfeit zu berauben ? 


2) Die Afbariden ftammen aus Semen von Nabt Ibn Odad, 
welher den Beinamen Aſchar (der Haarige) führte. Kamus, Diefer 
Stamm hatte ih wahriheinlih in Syrien niedergelajien, weil be- 
fonders mit demjelben gedroht wird, 

ZLr 


324 Sechſtes Hauptſtück. 


nicht fo heilig fein werden wie dir. Wie! fagte Ibn Zubeir, 
follte Das heilige Gebiet entweiht werden ? Derjenige ent 
weiht es, verfegte Jon Idhah, der feinen Aufenthalt darin 
zu ruchlofen Zweden benügt ).“ 

Im folgenden Jahre traf indeffen Welid Ibn Otba An: 
ftalten, um fi der Perfon des Abd Allah Fon Zubeir zu 
bemächtigen. Amru Ibn Zubeir, wie oben. berichtet, wegen 
einer Liebesintrigue der größte Feind feines Bruders Abd 
Allah, ward an der Spite eines Fleinen Heeres nad) Meffa 
gefhict, um ihn zur Huldigung zu zwingen und nad Da— 
masf zu bringen. Diefe Truppen wurden aber von den 
Meffanern, unter der Führung Abd Allah Ibn Safwan’g, ge- 
ſchlagen. Amru felbft ward als Gefangener nad) Meffa ges 
bracht und auf Befehl feines Bruders öffentlih ausgeftellt, 
damit ein jeder, der fich gegen ihn zu beflagen gehabt, an 
ihm Nahe nehme. Amru_erlag unter den Mißhandlungen 
feiner Feinde und feine Yeiche ward, abermals auf Befehl fei- 
nes Bruders, yon dem Begräbnißplaße der ——— aus⸗ 
geſchloſſen. 

Dieſer mißlungene Feldzug, verbunden mit andern Kla— 
gen, welche gegen Welid laut wurden, veranlaßte wahrſchein— 
lich den Chalifen, ihn ſeines Amtes zu entſetzen und einen 
andern Vetter, Othman Ibn Mohammed, Jon Abu Sofian, 
zum Statthalter von Hedjas zu ernennen 2). Dieſe Wahl 


1) Weber die Bedeutung des Wortes ilhäd ©. den Kamus. 

2) Bei Tab. ebdf. heißt es bloß: Sm 62. Sahre d. H. gieng 
Welid damit um, Abd Allah Ibn Zubeir feit nehmen zu laffen und 
in Ketten dem Chalifen zu ſchicken. Abd Allah Son Zubeir ward 
aber davon unterrichtet, und fchrieb an Jezid: „Diefer Welid ift ein 
blödfinniger Menſch, der zwifchen ung Unfrieden und ernfte Unruhen 
ftiften will. Sende einen Andern an feine Stelle der alles in Güte 
ordne!“ u. f. w. Ob Tab. unter diefen Verſuchen MWelids den Zug 
Amru's meint, weiß ich nicht, doch wird an feinem andern Orte 
mehr etwas davon erwähnt. Amru follte wahrfheinlich feinen Bru- 


Jezid. 325 


war eine unglüdliche, denn Othman, ein junger Mann, der 
wie fein Herr, die alte, ftrenge und einfache Lebensweife der 
Araber mit der genußfüchtigen und luxuriöſen der Byzantiner 
vertaufeht batte, paßte nicht zu den Bewohnern Medina’s, 
die bei aller innern Schlechtigfeit doch immer nod) den äußern 
Anftand berüdjichtigt haben wollten. Abd Allah Fon Zubeir, 
ber, als er bei Jezid gegen Welid klagte, hoffen ließ, er 
werde ſich unterwerfen, fobald er es mit einem andern Statt: 
halter zu thun baben würde, fuhr fort, fid in Meffa huldigen 
zu laffen, und in Medina, wo er weniger Freunde hatte, doch 
wenigftens den Aufruhr zu predigen. MWahrfcheinlich hatte er 
nur darum auf Welid's Entfegung gedrungen, weil er hoffte, 
dag unter einem andern Statthalter er noch ſchneller zum 
Ziele gelangen könnte. Othman beging gleih anfangs bie 
Thorbeit, einige der angejeherften Männer Medina’s nad) 
Damasf zu ſchicken ), in der Hoffnung, Jezid's freundliche 


der überfallen, da diefer aber Kunde davon erhielt, traf er feine An: 
ftalten zur VBertheidigung. Quatremere läßt den Zug Amru's nad 
Mekka auf Befehl Amru Ibn Said Alafhdaf’s ftatt finden, der fhon 
früher Statthalter von Meffa gewefen und jegt wieder nad) Medina 
gerufen ward, an die Stelle des Dthman Son Muhammed, der wer 
gen feines leichtfinnigen Lebens nur kurze Zeit in feinem Amte blieb. 
Sch habe in den mir zugänglihen Quellen Feine Spur von einer 
MWiederernennung Amru’s Son Said gefunden und glaube um fo 
eher, daß Quatremere’s Behauptung auf einem Verſehen beruht, als 
fomwohl bei Abd Almahafin, wie bei Abulfeda (S. 399) bei Tab. a. 
a. D. und im Kitab Alaghani ©. 19 bei der im folgenden Sabre 
ftatt findenden Empörung der Medinenfer, Othman 36% Muhammed 
noch als ihr Statthalter genannt und von den Rebellen fortgejagt 
wird. Bei Abd Almahafin wird als Grund von Welid's Zurückbes 
rufung angegeben, weil er fih 300 Sflaven zugeeignet, welche ſei— 
nem Vorgänger Amru Ibn Said Alafhdaf gehörten. Das Mähere 
über Amru’s Feldzug ©. bei Quatremere a. a. O. ©. 338, 8389, 
885 und 386. 

1) Abd Almahafın und Tab. ©. 48: „Sn diefem Sahre fandte 
Dthman der Sohn Mohammeds eine Anzahl von den Edlen Medi: 


326 Sechſtes Hauptſtück. 


Aufnahme und koſtbare Geſchenke würden ſie für ihn einneh— 
men. Trotz aller Zuvorkommenheit und Freigebigkeit Jezid's 
konnten ſie ſich aber dennoch mit ſeinem, gegen arabiſche Sit— 
ten ſowohl, wie gegen muhammedaniſche Geſetze und Ge— 
bräuche verſtoßenden Leben, nicht befreunden. Sie verſchrieen 
ihn bei ihrer Rückkehr als einen irreligiöſen Menſchen, der 
Jagd, der Muſik, der Liebe und dem Weine ergeben, und er— 
klärten ihn des Imamats, d. h. der mit der Oberherrſchaft 
verbundenen geiſtlichen Rechte unwürdig. Führer der Empö— 
rer waren Abd Allah Ibn Hanzala, welcher an der Spitze 
der Medinenſer ſtand, und Abd Allah Ibn Muti, von dem 
ſich die in Medina angeſiedelten Ausgewanderten leiten lie— 
fen D. Ein gewiſſer Abd Allah Ibn Amru Jon Hafß nahm 


na’s zu Sezid, damit fie ihn fehen, von ihm Gefchenfe empfangen, 
ihm huldigen und fich mit ihm befreunden follten. Es waren ihrer 
zehn von den Söhnen der Hilfsgenoſſen und Ausgemwanderten, bei 
ihnen war auh Mundfir Son Zubeir, der Bruder Abd Allah’8 und 
Abd Allah Ibn Hanzala. Jezid ermwieg ihnen viele Ehre und Wohl: 
thaten. Er jibentte ſowohl Mundfir Ibn Zubeir alg Abd Allah Fon 
Hanzala 100,000 Silberftüce, und den übrigen, je nad ihrem 
Range, 29,000 oder 10,000 Silberftüde u. f. w. 

1) Bei Tab. a. a. DO. heißt es bloß: fie wählten Abd Allah 
Son Hanzala zu ihrem Dberften. (Bey) Ber Abd Almah. aber: 
Die Hülfsgenoſſen (Ankar) huldigten dem Abd Allah Son Hanzala, 
defien Vater bei Ohod gefallen, unter der Bedingung, daß fpäter 
eine allgemeine Chalifenwahl ftatıfinde, welche die Shrige beftätige, 
Abd Allah Ibn Muti ftand an der Spige der Kureijchiten, und diefe 
beiden vereint vertrieben die. DOmejjaden aus Medina. Auch im 
Kitab Alaghani ©. 18 werden dieſe beiden als Häupter der Me: 
dinenfer genannt. In diefer Stelle (legte Zeile) alaube ich, iſt das: 
Mort valaihie zu ftreihen, oder wenn es fich wirklich auf das vor 
hergehende „Ibn Zubeir” bezieht, fo iſt darunter nicht Abd Allahı 
fondern fein Bruder Mundfir zu verftehen, denn die folgende Scene 
ereignete fich Doch in der Moſchee zu Medina, während Abd Allah 
in Mekka lebte. Quatremére, der diefe Stelle anführt, fcheint das 


Jezid. 327 


feine Binde vom Haupte und rief: ich entfleive Jezid des 
Chalifats wie mein Haupt diefer Binde. Dieß erfläre ich, 
obgleih er mich freundlich behandelt und reichlich beſchenkt, 
weil er ein Feind Gottes, ein Trunfenbold. Ein Anderer zog 
feine Sandalen aus und rief: ich fage mich los von Jezid 
wie von diefen Sandalen. Ein Dritter fein Kleid und ein 
Bierter feine Schuhe, fo daß bald in der Mofchee ein gan- 
zer Haufe Sandalen, Kopfbinden und andere Klerdungsftüce 
beifammen Jagen I). Nur drei Männer, obgleich nichts weniger 
als Anhänger der Dmmejjaden, weigerten fih, mit den Rebellen 
gemeine Sache zu machen. Abd Allah der Sohn des Chali- 
fen Omar 2), Mohammed der Sohn All’s und Ali der Sohn 
Hufein’s, obſchon manche Letzterm als Chalifen huldigen woll- 
ten 3). Mohammed Fon Ali #) 309 fih fogar, als die Auf- 


salaihie gar nicht gehabt zu haben, denn man Tieft bei ihm bloß: 
»Un jour Abd Allah ben Moti et Abd Allah ben Handalah, accom- 
pagnes des habitans de Medine, se rendirent à la mosquée de cette 
ville, monterent dans la tribune et declarerent la decheance de Jezid 
etc.« Kofegarten aber überjegt, ohne Mundfir’s vorher zu erwäh— 
nen: »Itaque ad Ebn Essobeirum, qnum in templo esset, Abd allah ben 
Muti atque Abd Allah ben Handala, hominesque Medinenses perrexerunt etc.« 
Was die vorhergehende Erzählung von Heitham angeht, fo mag dief 
fpäter vorgefallen fein, als Abd Allah Son Omar ſchon in Meffa 
war, oder früher, als er, vielleicht sur Zeit der Pilgerfahrt, ſich einige 
Zeit dafelbft aufhielt. 

1) Kitab Alaghanı ©. 19. 

2) Ebdſ. Bei Kojegart:n liegt man zwar ſowohl im Terte 
als in der Ueberjegung, Abdalla ben Amr, bei Quadremere aber aus— 
drücklich »Abd-Allah fils du Khalife Omar.« Sch ftimme Letzterm bei, 
da gleich weiter unten berichtet wird, daß Merwan fib an Abd 
Allah Son Dmar wendete, (bier hat auch Kojegarten Omar) und 
diefer ſagte: „ich will weder mit Euch noch mit Senen (den Rebellen) 
etwas zu thun haben.“ 

8) Tab. Ebdf. er nahm ihre Ynträge nicht an, weil ihm der 
Tod feines Vaters in Kerbela noch vorjchwebte, er der Leute Un 
zuverläßigfeit Funnte und überhaupt ſich mehr zur Andacht als zü 
weltliben Dingen hingezogen fühlte, 

4) Kitab Alaghani ebdſ. 


328 Sechſtes Hauptſtück. 


rührer ihn nöthigen wollten, gemeine Sache mit ihnen zu 
machen, nach Mekka und Ali Ibn Huſein ſpäter nach Janbu 
zurück. Die Rebellen rotteten ſich indeſſen gegen Jezid's Statt— 
halter Dibman Ibn Muhammed zufammen und verlangten 
von ihm fowohl, als von Merwan, Welid und den übrigen 
Dmejiaden, die fi in Medina aufpielten, daß fie die Stadt 
verlaifen und fih verbindlich machen, nie mehr in feindfeliger 
Abſicht zurüczufehren, und ſelbſt, 10 weit fie es vermögen, 
die Truppen des Chalifen von einem Zuge gegen Medina ab- 
zuhalten. Bergebens beſchwor fie Othman, in ihrem eignen 
Intereſſe, nicht durch feine Vertreibung den Zorn des Chalifen 
zu reizen, der ein Heer gegen fie fchiefen würde, welchem fie 
nicht zu widerfteben mächtig genug wären. Sie antworteten 
nur mit Schmähungen gegen ihn und den Chalifen. Mer- 
wan wendete fich vergebens an Abd Allah Fon Omar mit 
der Bitte, fich feiner Familie und feiner Habe anzunehmen. 
Abd Allah wollte fih auf feine Weiſe in diefe Händel ein- 
miſchen 1). Alt Jon Hufen aber nahm Merwan unter feinen 
Schutz und lieg deffen Frauen und Kinder, fo wie alles ihm 
Angehörige nah Taif bringen ?). Merwan felbft mit den 
übrigen Dmejjaden wurden aber von dem Pöbel mit Steinen 
aus der Stadt getrieben und bis Dfu Choſchb 3) verfolgt, 


1) Später, als die Dmejjaden vertrieben waren und er das ge: 
meine Benehmen der Medinenfer gegen fie fah, bereute er es doch, 
Merwan abgemwiefen zu haben, und fagte zu feinem Sohne: wüßte 
ih ein Mittel, diefen Leuten beizuftehen, jo würde ich ed anwenden, 
denn es iſt ihnen Unrecht und Gewalt gefchehen. Als hierauf fein 
Sohn ihn aufforderte, die Rebellen jurechtzumweifen, fagte er: dieſe 
Leute find von ihrem Beſchluſſe nicht mehr abzubringen, doch ftehen 
fie unter Gottes Auge, will er fie ändern, fo kann er ee. A.a.O. 
©. 20. 

2) Auch ein anderer edler Araber bot dem flüchtigen Merwan 
feinen Schuß an, aber Merwan wollte ihn nicht in ſein Schickſal 
verwickeln. 

3) Dſu Choſchb iſt nah dem Kamus der Name eines Thales 
in der Nähe von Medina. 


Jezid. 329 


von wo aus ſie einen Boten nach Damask ſchickten, um von 
Jezid ſchleunige Hülfe zu verlangen. Als aber die Medinen— 
ſer dies erfuhren, zogen ſie nach Dſu Choſchb und mißhan— 
delten die Vertriebenen und nöthigten ſie bis Hakil ), oder 
nad Andern bis Wadi'l Kura zu fliehen. 

Als Jezid die Nachricht von dem Aufruhr in Medina 
und dem fchmählichen Auszug der Dmejjaden hörte, war er 
gegen letztere nicht weniger aufgebracht, als gegen die Nebel: 
len, weil fie, obgleich einige Taufend Mann ſtark, auch nicht 
einmal eine Stunde ſich vertbeidigt 2). Indeſſen handelte es 
fih für ihn nicht blos darum, den DVertriebenen beizuftehen, 
fondern feine Herrfchaft wieder in Medina geltend zu machen. 
Die beiten Truppen Syriens wurden zufammengezogen und 
Sadr Jon Abi-I-Djahm an ihre Spige geftellt 3). Zu— 
gleich erging an Ubeid Allah nad Kufa der Befehl, ein Heer 
gegen Meffa zu führen, um Abd Allah Ibn Zubeir zu züch— 
tigen, oder wenigftens in Schach zu halten %). Ubeid Alla, 


D) Hafil heißt nah dem Kamus eine fleine Anhöhe, ein von 
Hügeln durchſchnittener Sandftrih und endlich ift ed der Name einer 
Pilanze. Hier bezeichnet diefes Wort einen befondern Hügel zwiſchen 
Diu Chofhb und Wadi-l-Kura. Kofegarten fchreibt (S. 257): 
»Vocabulum »hakil« clivum significare, atque etiam nomen loci cujus- 
dam esse perhibet Kamus.« Aber in meinem in Bulaf gedrudten 
Kamus kömmt diefes Wort nicht als Ortsname vor. 


2) Er fragte den Boten: „zählen die Söhne Omejja’s mit ihren 
Freigelaifenen in Medina nicht 1000 Mann?" Gewiß, fogar 3000 
Mann. „Und doch vermochten fie nicht weniaftens eine Stunde zu 
kämpfen?“ Das Bolt ift in Mafle gegen fie aufgeftanden, fie ver: 
mochten nichts gegen dajlelbe. A a. O. ©. 21. 

3) Ebendaf. 


4) Tab. ©. 49. Als Grund der Weigerung Ubeid Allah’s be- 
rihtet Tab.: „Er dachte bei ſich felbft, eine doppelte Sünde will ich 
nicht auf mich laden, zuerft habe ich Hufein, den Enkel des Pro: 
pheten erjchlagen, und man dankte mir es nicht, jest foll ich auch 
noch mit einem Heere gegen das Haus Gottes in den Krieg ziehen ? 


330 Sechſtes Hauptſtück. 


der aber für ſeinen Kampf gegen Huſein nicht den erwarteten 
Lohn gefunden, leiſtete, Krankheit vorſchiebend, dieſem Befehle 
keine Folge, während der zum Feldherrn ernannte Sachr ſtarb, 
noch ehe die Armee von Damask aufgebrochen !). Dies be— 
wog wahrſcheinlich Jezid, welcher auch vergebens Amru Ibn 
Said Alaſchdak an Sachr's Stelle ben Oberbefehl antrug 2), 
noch einmal den Weg der Unterhandlung mit den Mevdinen- 
fern einzufchlagen. Er fandte daher Numan Ibn Beſchir 3), 
einen gebornen Medinenfer, in feine ehemalige Vaterftadt, 
um fie zur Unterwerfung aufzufordern, ehe er fich genöthigt 
fähe, ein Heer gegen fie zu ſchicken, das ihre Frauen zu 
Wittwen und ihre Kinder zu Waifen mache. Numan’s War: 
nungen und Drohungen fanden aber bei feinen Landsleuten 
fein Gehör, er mußte die Nachricht nad) Damasf bringen, 
daß fie nur mit Gewalt der Waffen wieder zum Gehorfam 
zurüczuführen feien. Jetzt wendete fich Jezid an einen alten 
erfahrenen Krieger, Muslim Ibn Dfba, der zwar Damals 
fhon franf war, doc um fo Lieber den Oberbefehl üser ein 
gegen Medina ziehendes Heer übernahm, als er noch vor 
feinem Tode an den Medinenfern die Ermordung des Chali- 
fen Othman, feines Verwandten, rächen wollte t). Muslim 


Niemals! Er fchrieb daher an Sezid, er fer Franf u. f. w. Golde 
Reflerionen mochte wohl Tabarı an Ubeid Allah's Stelle machen, 
der wahre Grund ift aber gemiß nur feine Unzufriedenheit mit Jezid, 
der ihm, wie Tab. jelbft ©. 47 berichtet, zur Statthalterfchaft von 
JIrak auch noch die von Chorafan verfprochen, welche ihm fchon unter 
Muamia verliehen worden ıdar, fie aber dann UÜbeid Allah’s Bruder 
Aslam oder Salim gab. Ubeid Allah war darüber jo aufgebracht, 
daß er jogar im Stillen die Truppen, welche fein Bruder zum Zuge 
nad Choraſan warb, zu überreden fuchte, ihm nicht zu folgen. 

1) Kitab Alaahani ebendaf. 

2) Abd Almahafin. Ein Beweis mehr, daß Amru damals nicht 
wieder Statthalter von Medina war, wie Quatremöre glaubt. 

8) Tab. ©. 48. 

4) Tab. ©. 49 und Kitab Alaghani S. 21. Bei Erfterem fagt 
Jezid zu Muslim: wenn deine Krankheit eine ſchlimme Wendung 


Jezid. 331 


brach, ſeines Sieges gewiß, an der Spitze von 12,000 Mann 
auf und verſprach ſeinen Truppen, um ihrer Anſtrengungen 
deſto ſicherer zu ſein, außer einem ungewöhnlich hohen Solde N), 
auch noch eine dreitägige Plünderung der zu erobernden Stadt. 
Die Medinenſer ſuchten inzwiſchen ihre Stadt durch Schanzen 
und Graben zu befeſtigen und rüſteten ſich zum Kriege, als 
Muslim vor ihren Mauern erſchien und fie wiederholt zur 
Unterwerfung aufforderte 2). Am 26ten 3) Dſu⸗-l-Hudjah des 
Sahres 63 (26. Auguft 683) machten die Belagerten einen 


nimmt, fo übertrage den Dberbefehl dem Haßin Ibn Numeir, Bei 
Letzterem ſagt Muslim zu Zezid: Wen du auh nah Medina 
fhiden würdet, der müßte unterliegen, ich allein werde über fie 
Meiiter. Sch habe im Traume eine Stimme aus dem Baume Ghar— 
Fad vernommen, welche rief: „Durch Muslims Hand.” Als ich mid) 
der Stimme näherte, vernahm ich die Worte: „Bewohner Mevdina’s! 
Mörder Othmans! die Zeit der Blutrache ift für euh gefommen !” 
Auch Abd Almahafin berichtet: Muslim war Frank, mußte Arznei 
nehmen und durfte nur wenig ejfen. Gr befolgte die ärztliben Vor: 
fhriften bis zur Ginnahme von Medına. Dann aß er aber nad) 
Herzensluft und ſagte: Jetzt find die Rebellen gezüchtigt, ich will 
jest gern fterben. Für den Lohn, daß ich Othmans Mörder getödtet, 
wird mir Gott meine Sünden vergeben. 


1) Nah Abd Almabafin einem jeden Soldaten 100 Dinare. 
Diefer fowohl als Tabarı ©. 49 und Elmafin ©. 58 geben die 
Zahl der ſyriſchen Truppen auf 12,000 an, Abulfeda ©. 394 nur 
auf 10,009, 

2) Drei Tage lang nah Tab. ©. 49. 

3) Nicht wie bei Quatremere a. a. D. ©. 399: Mittwoch, den 
28ten, denn der Ite Muharram d. $. 64 war Sonntag, den Sften 
Auguft, das J. 65 war fein Scaltjahr, der Monat Dſul Hudjah 
hatte alſo nur 29 Tage. Wenn daher der Schlahttag wirflih ein 
Mittwoch war, was auch Abd AUlmahafin berichtet, fo Fonnte er nur 
am 26ten ftattgefunden haben; fo lieft man auch bei Abulfeda und 
Andern: ald noch drei Tage vom Diul Hudjah übrig waren, was 
bei einem Monate von 29 Tagen gewöhnlich den 26ten bezeichnet. 
Quatremere’s Datum wäre jedenfalls, auch abaefehen von der Nicht: 
übereinftimmung mit dem Wochentage, um einen Tag zu fpät. 


332 Sechſtes Hauptftüd, 


Ausfall und trieben die Syrer, welche die Stadt von ber 
Seite von Harra M angriffen, daher auch diefe Schlacht die 
von Harra heißt, zurüd. Fadhl, ein Sohn des Abbas, wel- 
her die medinenfifche Neiterei anführte, drang bis vor Mus— 
lims Zelt, welcher felbft, wegen feiner Krankheit, feinen An— 
theil am Treffen genommen hatte, und erfchlug deffen Sklaven, 
welcher eine Fahne trug und darum für Muslim felbft gehal- 
ten wurde. Sitegestrunfen fehrte jet Fadhl zu den Seinigen 
zurück und rief: ich habe Muslim getödtet. Diefer raffte ſich 
aber jest zufammen, und ermuthigte durch feine Gegenwart 
und fein Beifpiel die beftürzten und ſchon auf Flucht bedach— 
ten Syrer. Er felbft drang auf Fadhl ein und erſchlug ihn, 
die Syrer folgten ihm aufs Neue in die Schladht und brach— 
ten der medinenfiichen Reiterei eine gänzliche Niederlage bei. 
Als hierauf das medinenfifche Fußvolf, unter Anführung Abd 
Allah's Fon Hanzala, auf das Schlachtfeld zog, befahl Mus— 
lim aud feinen Leuten abzufteigen und lieg Haßin Jon Nu— 
meir, welcher die Schügen aus Himß befehligte, in die vor— 
derſte Reihe treten. Trotz der Tapferfeit Abd Allah’s und 
feiner Söhne ward doch der Kampf zu Gunften Jezids ent- 
ſchieden 2). Mehrere Taufend Medinenfer, worunter Abd 
Allah und feine Söhne und viele alte Gefährten des Prophe- 
ten blieben auf dem Schladhtfelde 3), andere flüchteten fich ing 


1) Harra ift nad dem Kamus ein Ort außerhalb Medina, am 
Fuße einer Burg, welche Wakim hieß. Nah Abd Almahafin fol 
Abd Almalif, der Sohn Merwans, Muslim gerathen haben, die 
Stadt von diefer Seite anzugreifen, auch berichtet derjelbe, daß 
Muslim den Vertriebenen in Wadi-l-Kura begegnete, daß fie aber, 
dem mit den Medinenfern gefchloffenen Vertrage zufolge, ihm über 
nichts Auskunft gaben. 

2) Tab. ebendaf. 


8) Nach Abulfeda, der eine Tradition von Zuhri anführt, fielen 
700 vornehme Männer, theild Ausgemanderte, theild Hülfsgenoſſen, 
oder fonftige angefehene Bewohner Medina’s und 10,000 Freigelaffene 
und fremde Krieger, daffelbe berichtet auch Abd Almahafın, Bei 


Jezid. 333 


Gebirge oder gegen Mekka hin. Die Stadt Medina fiel in 
Muslims Hand und ward drei Tage lang der Wuth, Raub— 
ſucht und Lüſternheit der ſiegenden Truppen Preis gegeben. 
Erſt am vierten Tage ließ Muslim dem Morden, Rauben 
und Schänden Einhalt thun und verſprach den Zurückkehren— 
den volle Begnadigung, begnügte ſich aber nicht mehr mit 
der bisher üblichen Huldigungsformel, ſondern forderte aus— 
drücklich die Anerkennung Jezids „zum abſoluten Herrn über 
ihr Gut und ihr Leben“ N). 

Muslim, welcher wegen der Härte, mit der er gegen 
die Beftegten verfubr, den Beinamen Musrif 2) (ver alle 
Grenzen überfchreitende) erhielt, feierte nicht lange in Me— 
Dina. Trotz feiner fi) immer verfchlimmernden Krankheit, 
brach er doch, auf Befehl Jezid's, bald wieder auf, um ber 


Quatremere (a. a. O. ©, 397) heißt es aber, ich weiß nicht, nad 
welcher Quelle: »On porta à 4000 le nombre des Arabes qui perirent 
dans cette horrible catastrophe, sans compter ceux dont la mort ne 
fut point remarquee. Plus de 90 Koraischs et autant d’Ansaris (au- 
xiliaires de Mahomet) perdirent egalement la vie.a Webrigeng glaube ich 
auch, daß jedenfalld die Zahl 10,000 übertrieben ift. Ali Sbn Hufein, 
berichtet Tab, ward gut aufgenommen von Muslim. Sezid felbft hatte 
ihm befoblen, ihn freundlich zu behandeln, weil er am Aufruhr feinen 
Antheil genommen, Derfelbe berichtet auch, daß an dem Tage des 
Treffens bei Harra Ali Sbn Abd Allah Son Abbas, der Stanım: 
vater der Abbafiden, geboren wurde, während Nawawi feine Geburt 
in das J. 40 fest und auch Quatremere berichtet, er fei bei der Ein: 
nahme von Medina durch die Verwendung einiger Männer aus den 
Stämmen Kinda und Rabia gerettet worden. 

1) Abulfeda u. A. Abd Almahaſin ſetzt hinzu: einige huldigten 
wie bisher nah den Gebräuchen der erften Shalifen, wurden aber 
fogleih hingerichtet. Iene frühere Eidesformel war mitunter Ver; 
anlafung zu den häufigen Empörungen; denn jobald einer glaubte, 
der Chalife weiche von dem Wandel feiner Vorgänger ab, hielt er 
fih von feinem Eide entbunden. 

2) So erflärt der Kamuß dieſes Wort: (hadden tadjawaz eile- 
mekileh telkib olundi) gewöhnlich bedeutet ed: im Webermaße, befon- 
ders für unheilige Zwede, Geld ausgeben, hier aljo Blut vergießen. 


334 Sechſtes Hauptſtück. 


Schweſterſtadt Mekka, welche längſt dem Abd Allah Ibn Zu— 
beir gehuldigt und ein Sammelplatz aller Flüchtlinge und mit 
der Regierung Unzufriedenen geworden war, gleiches Loos zu 
bereiten. Muslim ftarb aber in Kudeid I), drei Tagereifen 
von Meffa, und an feine Stelle ald Oberfeldherr trat Hain 
Ion Numeir, welchen ſchon Fezid bei Eröffnung des Feld- 
zugs, für diefen leicht vorauszufehenden Kal, dazu ernannt 
hatte 7). 

Als Haßin am ATten Muharram des J. 64 (25. Sept. 
683) vor den Thoren Mekka's anlangte, forderte Abd Allah 
Ibn Zubeir alfe in Meffa verfammelten freitfähigen Männer 
auf, die Rechte der heiligen Stadt zu verteidigen. Aber 
gleich bei dem erften Ausfalle der Meffaner fiel Abd Allah’s 
Bruder Mundfir 3). Abd Allah felbft verdanfte die Rettung 
feines Lebens nur einer Fleinen Abtheilung feiner Truppen 
unter Anführung Mufawar’s und Mußab's %), welche mit 
ber größten Hingebung den Feind fo lange aufhielten, big 
ber fogenannte „Schützling des Tempels“ in Sicyerheit war. 
Konnten aber auch die Jubeiriden fi) auf offnem Felde nicht 
mit den Syrern meſſen, fo waren fie doc ftarf genug, um 
die, theils durd) die Natur, theils durch Kunft befeftigte Stadt, 
zu vertheidigen. Haßin mußte eine fürmliche Belagerung ans 
ordnen. Er richtete gegen die Stadt, befonders aber gegen 
den Tempel, in welchem Abd Allah ſelbſt ſich aufbielt, von 


1) Masudi f. 237 und zwar nach Abd Almahafin am 24ten Mu- 
harram 64. (22. Septbr. 683.) 

2) Glmafin ©. 54 u. Tab. S. 49. Ich weiß nicht, warum Flü— 
gel S. 70 fchreibt: „Das Heer... verlor aber unterwegs feinen 
Anführer, den es nad eianer Wahl durch Hafin erfegte.“ Auch 
bei Quatremere beißt es: »Avant d’expirer, il (Muslim) designa pour 
conduire l’expedition Hasin ben Nomair ete.« So iſt audy dieje Stelle 
bei Abulfeda ©. 396 zu überjegen. 

8) Tab. ©. 50. 

4) Quatremere a. a. D. ©. 401. - 


Je zid. 335 


den ſie umgebenden Anhöhen aus, allerlei Wurfgeſchütz und 
Brennmaterialien, welche viele Menſchen tödteten und den 
Tempel vielfach beſchädigten M. 


D) Tab. ebendaſ. „Ein ſchwarzer Ungläubiger (Neger oder 
Abyſſinier) leitete das Geſchütz und hatte große Freude an der Zer— 
ſtörung der heiligen Stadt und des heiligen Tempels, deſſen Pfeiler 
von den jchweren Steinen zertrümmert wurden; auch füllte er Ges 
fäße mit Pech, zündete fie an und fchleuderte fie gegen die Caaba, 
fo daß alle Stoffe um diefelbe verbrannten.” Nun fommt nod ein 
Wunder: Eines Tages, als diefer Schwarze ſolche Pechgefäße nach 
dem Tempel ſchleudern wollte, erhob ſich plöglich ein Sturmmwind, 
die Flamme ergriff die Wurfmaſchinen und verzehrte den Schwarzen 
mit zehn andern Männern — ed war der Tag, an welhem Zezid, 
der Sohn Muamia’s, in Damask ftarb — auch verfolgte das Feuer 
alle diejenigen, welche mitgeholfen, die Stadt zu beſchießen und ver: 
zehrte fie inggefammt. Als die Syrer diefen Zorn (Gottes) fahen, 
fürchteten fie fid und Fehrten an diefem Tage um ıd. h. verließen 
die Anhöhe des Abu Kubeis, von welcher fie die Stadt bejchoifen), 
indem fie jagten: mit Gotted Tempel wollen wir nichts zu thun 
haben. Hafin, der von Jezid's Tod noch nichts wußte, fehrieb nad 
Damask und fchilderte die Lage Abd Allah’. Am folgenden Tage 
fandte diefer einen Boten an Haßin und lies ihn fragen: da Zezid 
todt ift, für wen kämpft ihr denn? Hafin hielt aber diefe Nach— 
richt für eine Lüge umd wartete ab, bis Thabit Ibn Keis von Me: 
dina Fam und die Nachricht von Jezid's Tod beftätigte.” Daß Abd 
Allah vor Hakin Jezid's Tod Fannte, ift nicht unmwahrfcheinlich, aber 
natürlich, da wir nichts von Telegraphen zwiihen Himß und Meffa 
wiſſen, nıht „am folaenden Tage.” Weber den Brand der Caaba 
führt Quatremere 1. I. nod andere Traditionen an, denen zufolge er 
niht von den Belagerern verurfacht ward. Noch ift zu bemerken, 
dag wenn, wie Abulfeda ©. 396 und Andere berichten, die Belage: 
rung 40 Tage dauerte und am 2Tten Muharram begann, fie vor 
Mitte Rabia Ammwal, alfo vor dem Tode Tezid’3 aufgehört haben 
mußte. Nimmt man aber mit Madudi f. 237 an, daß der Brand 
der Caaba am Sten Rabia ftatt fand und in Folge defielben die 
Eprer fie aufhoben, fo fehlen einige Tage zu den 40. 9. Flügel, 
welher (S. 40) die Belagerung fortdauern läßt, bis die Nachricht 
von Jezid's Tod in Mekka eintraf, alfo, wenn wir nicht an Wunder 
alauben, ohngefähr bis zum 2dten Rabia Awwal (23. Nov.) hätte 


336 Sechſtes Hauptflüd, 


Die Meffaner ertrugen ftandhaft alle Noth und Drang- 
jal einer Belagerung, bis die Nachricht von Jezid's Tod nad) 
Mekka gelangte, welcher den 1dten des Monats Rabia-I-Arw- 
wal (11. November 683), noch nicht vierzig Jahre alt N), 
auf feinem Pieblingsfchloffe in Hawarin dag Zeitliche verlaffen. 
Abd Allah Ibn Zubeir, welcher zuerft von diefem für ihn fo 
günftigen Borfalle unterrichtet ward, theilte ihn Haßin mit 
und forderte ihn auf, die Belagerung aufzuheben, Haßin 
wartete aber die Beftätigung diefer Trauerbotfchaft ab, und 
erft als er fie von dem aus Medina angelangten Thabit Jon 
Keis erhielt, welcher noch binzufegte, daß die Syrer Jezid’s 
Sohne Muawia als Chalifen gehuldigt, fnüpfte er, in der 
Ueberzeugung, diefer junge Mann würde fih nicht auf dem 
Throne behaupten fünnen, mit Abd Allah Ibn Zubeir Unter- 
bandlungen an. Sie führten aber zu feinem andern Refuls 
tate, als daß die Feindfeligfeiten aufhörten, Haßin und den 
Seinigen der Befuh des Tempels geftattet wurde, worauf 
fie wieder nad Syrien zurüdfehrten 2). Nach einigen Be— 
richten erbot ſich Haßin, Abd Allah Ibn Zubeir als Chalifen 
anzuerfennen 3) und ihm die Unterwerfung feines Heeres zu 
fihern, wenn er ſich in deffen Mitte begeben, eine volle Be— 
gnadigung für alles Gefchehene gewähren und mit ihnen nad) 
Syrien aufbrechen wollte, um die Anhänger der Dmejjaden 
zu befämpfen, deren Hauptmacht übrigens in Haßins Hand 
war. Abd Allah, es fei nun, daß er dem von Jezid und 
Muslim erwählten Feldherrn nicht traute, oder, felbft feiner 
Unterftügung gewiß, doch noch einen Zug nad Syrien, unter 
Truppen, die ihm bisher als Feind gegenüber geftanden, für 





— 


nicht von einer 40tägigen Belagerung ſprechen ſollen, da ſie doch 
mehr als 50 Tage gedauert. 

1) Nach einigen ſtarb er im 38ten, nach Andern im 89ten Le— 
bensjahre. 

2) Abd Almahafin. 

8) Ibid. Tab. ©. 50. Abulfeda ©. 396. 


Jezib 8387 


zu gewagt hielt ), ſchlug dieſes Anerbieten aus. Obſchon 
er fpäter diefen Mangel an Bertrauen bereut haben fol, fo . 
jcheint er doch nicht ungegründet gewefen zu fein, denn wäre 
Haßin, wie arabifhe Quellen 2) behaupten, wirklich von der 
Rechtmäßigkeit der Ansprüche Abd Allah's überzeugt gewefen, 
jo hätte er ihn, auch ohne daß er mit ihm nad Syrien ziehe, 
als Chalifen anerfennen müffen. Abd Allah entwicelte aber 
überhaupt auch in der Folge nicht mehr jene Kühnheit und 
jene Thatkraft, durch die er fih früher in Afrifa und im 


1) Daß Abd Allah bloß darum fich nicht mit Hain verftändigen 
fonnte, weil er für das bei Harra und während der Belagerung von 
Mekka vergofiene Blut Rache nehmen wollte, ift nicht wahrfcheinfich, 
obgleich er nach einer bei Abd Almahaſin und Chamis, fo wie auch von 
Quatremere angeführten Tradition Haßin geantwortet haben foll, daß 
er ſelbſt den Tod von zehn feindlichen Soldaten für jeden feiner Gefähr— 
ten noch nicht als Genugthuung anjehen würde. Derfelbe berichtet auch, 
dab Hafın während diefer Unterredung leife jprah, während Abd 
Allah, wahrfheinfih um ihn bei den Truppen zu compromittiren 
und dadurch zum Abfall zu nöthigen, ganz laut redete, Haßin brach 
daher die Unterredung bald ab und jaate: Verflucht fei derjenige, 
der dich für einen klugen verftändigen Mann hält! ich ſpreche leife 
zu dir und du antmworteft mit lauter Stimme; ich biete dir das 
Chalifat an und du drohft mit dem Tode. Abd Allah foll ihm dann 
einen Boten nachgefandt und in Betreff der Amneftie nachgegeben 
haben, Haßin aber darauf beftanden fein, daß er felbft mitziehe 
nah Syrien. 

2) Abd Almahafin. Auch bei Quatremere fagt Hafin zu Abd 
Allah: »Cest toi qui es reellement digne du Chalifat.« Eine ſolche 
Tradition iſt aber fhon darum verdächtig, weil fie jedenfalls nur 
von Abd Allah oder einem feiner Freunde herrührt, denn Haßin 
klagte ſich doch gewiß nicht felbit als WVerräther an. Auch nehmen 
die Mufelmänner in dem Streite zwifchen Abd Allah und den Dmejs 
jaden allzufehr für Jenen Partei, als daß derartige Berichte vielen 
Glauben verdienten. So läßt ja auch Tabari ©. 42 in dem Kampfe 
zwifchen Sezid und Hufein den Feldherrn der Dmejjaden Amru Ibn 
Saad zu Hufein fagen: „D Sohn (Enfel) unfres Propheten! wir 
wiſſen, daß du die gerechteiten Anfprüche auf das Chalifat haft, aber 
Gott der Erhabene hat es euch nicht bejchieden.“ 

22 


338 Sechſtes Hauptftüd, 


Kampfe gegen Ali ausgezeichnet, Wäre er während der fol- 
genden Zerrüttung und Uneinigfeit in Damasf, auf die wir 
fogleich übergeben werden, an der Spite feiner Anhänger 
nad) Syrien gezogen, wo er viele verborgene und fpäter ſo— 
gar offene Freunde zählte, fo hätte wahrſcheinlich damals ſchon 
die Dynaftie der Omejjaden untergehen müffen. Abd Allah 
überließ aber felbft in Arabien und Irak die Leitung aller 
Kriegsoperationen feinen Feldherrn und blieb unthätig in 
Meffa unter dem Schuße des heiligen Tempels, den er, meil 
er während der Belagerung vielfach, befhädigt worden, ganz 
ungreißen und neu aufbauen ließ N). 

Jezid's Negierungsdauer war zu furz, als daß fih ein 
vollftändiges Gemälde von feinem Charakter entwerfen ließe. 
Den Mufelmännern ift fein Andenfen ein Gräuel, weil er 
manche Vorſchriften des Korans verleste, und weil unter 
feiner Herrſchaft der Enfel des Propheten erfchlagen, Medina 
geplündert und Meffa belagert worden. Vom politifchen 
Standpunkte aus beurtheilt, trifft ihn Fein Tadel, denn erft 
nachdem alle Verſuche, die Nebellen durch Güte zu befänf- 
tigen, gefcheitert waren, gebrauchte ex die Waffen gegen fie 


1) Abulfeda ©. 406 u. A. im J. 64 d, 9. Quatremere a, a. O. 
©. 411— 414 theilt aus Faſi's Gefhichte der Stadt Meffa Näheres 
über den Bau der Caaba mit. Viele fromme Mufelmänner wünſch— 
ten nur eine Ausbefferung des Tempels und fürchteten fich, das noch 
Beftehende umzureißen. Abd Allah beftand darauf und begann mit 
eigner Hand die Zerftörung, obgleich viele Leute, aus Furcht vor 
einer Strafe Gottes, die Stadt verließen. Erft nad drei Tagen, ald 
ſich Feine Spur von einem zürnenden Himmel zeigte, Fehrten fie in 
die Stadt zurück und halfen felbft. Die meiften Baumaterialien 
wurden aus Sanaa herbeigefchafft, die Arbeiter waren Perfer und 
Griehen. Grftere follen zu jener Zeit auch die Liebe zur Muſik in 
Mekka angeregt haben. Nah Masudi (f. 236) foll indeſſen ſchon 
zu Jezid's Zeit in Mekka Gefang und Muſik einheimifch geworden 
fein. Die Vollendung des Baues wird nad) Einigen erft in das 
5. 69 d. H. geſetzt. 


Jezid. 339 


und die Beſiegten fanden Gnade bei ihm, wenn auch ſeine 
Feldherrn ſich mancher Härte gegen dieſelben ſchuldig machten. 
Als Sohn der Wüſte ) liebte Jezid ein freies heiteres Leben, 
Dichter und Jäger, Sängerinnen und Tänzerinnen fanden an 
feinem Hofe eine freundlichere Aufnahme als Koranslefer, 
Gejeßgelehrte und Leberkieferungsfundige, Weil aber nur 
Lestere die Gefchichtsquelle des Islams bilden, ward er yon 
feinen Glaubensgenoſſen als „Lafterhafter” gebrandmarft. 


I) Seine Mutter war eine Beduinin, welche Muawia wegen 
eines Gedichts, in welchem fie ihre Sehnſucht nach dem Beduinen— 
leben ausſprach, wieder entließ und erft nah ihrem Tode Fehrte 
Jezid wieder zu feinem Vater zurüd. Das auch von Abulfeda, (S. 398) 
jedoh mit manchen Verfehen, fowohl im Terte als in der Weber: 
fegung, angeführte Gedicht, lautet nah Sujuti zum Mughni: „Ein 
Zelt, dem Winde ausgefest, ift mir lieber als ein hohes Schloß. 
Ein Hund, der zudringlidde Wandrer von mir fern hält, lieber als 
eine zahme Katze, lieber ift mir ein wollnes Tuch, das mein Aug’ 
ergdst, als das feinfte Gewand. Mehr freut mich ein junges kräf— 
tiges Kameel, dag meiner Sänfte folgt, als ein bräutlih geſchmück— 
tes Maulthier. Lieber fehe ich einen edlen Mann aus meinem 
Stamme, als einen Dieleibigen mit duftigem Barte. Das Saufen 
des Windes in freier Wüſte Elingt meinem Ohre füßer ald Trom- 
petenſchall. Ein Stückchen Brod in einer Ecke meines Zeltes ſchmeckt 
mir beffer als die feinften Leckerbiſſen. Nach meiner Heimath fehne 
ih mich, Fein Fürftenhaus kann fie mir erjegen.‘ 


228 


Sicbentes Hauptftüc. 


Aunawia I. 


Haßin hatte mit Recht vorausgefehen, daß der einund- 
zwanzigjährige Sohn Jezid's ſowohl förperlich als geiftig zu 
ſchwach fein würde, um in einer fo bewegten Zeit das Staate- 
ruder zu Ienfen. Er ftarb bald nad) feiner Thronbefteigung 
und foll fogar vor feinem Tode fchon, im Gefühle feiner Un- 
fähigfeit zum Herrfchen, und aus Gleichgültigkeit gegen irdiſche 
Größe, abgedanft haben ). Doch umfchwebt fein Leben und 


1) Man lieſt bei Abulfeda ©. 402: „Muawia war ein durch 
Frömmigkeit ausgezeichneter Süngling. Sein Chalifat dauerte nur 
3 Monate, nad) Andern nur 40 Tage. Er ftarb in einem Alter 
von 21 Sahren. In feinen legten Tagen verfammelte er das Volk 
und fprach: „ich bin zu ſchwach, um über euch zu regieren. Sch Fenne 
Miemanden wie Omar, Cohn Chattab’8, den ich zu meinem Mad: 
folger ernennen konnte, auch nicht würdige Wähler wie die von 
Dmar beftimmten, darum ziemt es fich, daß ich euch felbft zum Herr; 
fher wählen laffe wen ihr wollt.“ Hierauf begab er fih in feine 
Wohnung und blieb darin verborgen, bis zu feinem Tode, Doc 


Muawia II. 341 


ſeinen Tod ein Dunkel, aus dem ſich nur ſo viel mit Gewiß— 
heit beſtimmen läßt, daß er jedenfalls nicht länger als fünf 
Monate ſeinen Vater überlebte. Nicht unwahrſcheinlich iſt, 
daß ſein Lehrer und Erzieher ein heimlicher Anhänger des 
Hauſes Ali war, welcher dem ſchwachköpfigen Jüngling ſchii— 
tiſche Lehren einimpfte, ſo daß er ſeinen Großvater Muawia 
für einen Uſurpator und darum auch ſich ſelbſt nicht des 
Thrones würdig hielt. Der Chalife ſoll von ſeinen eignen 
Verwandten vergiftet und ſein Lehrer lebendig begraben wor— 
den fein N), 


wird behauptet, er habe Dhahhaf Ibn Keis als Vorbeter beftimmt 
bis zur Chalifenwahl.“ Bei Elmakin ©: 55 heißt es: „Man huldigte 
ihm am Todestage feines Vaters und er lebte noch 45 Tage, nad 
Andern 20 Tage, nah Andern 4 Monate. Manche behaupten, er 
habe abgedanft und fei 40 Tage oder drei Monate nachher in einem 
Alter von 23 Suhren geftorben.”“ Seine Rede bei Abulfeda ift noch 
ald wahr anzunehmen. Bei Tab. ©. 50 fagt er aber am dritten 
Tage nach feiner Thronbefteigung: „Sch vermag es nicht, den Ver: 
wandten und Gefährten des Gejandten Gottes irgend etwas zu leid 
zu thun.“ Er zog ſich dann ın die Einfamfeit zurück und ftarb nach 
40 Tagen. Bei Masudi f. 238 heißt es: „Muamia ftarb in einem 
Alter von 22 Sahren, nad) Einigen an Gift, nach Andern ward er 
erdolht, manche behaupten, er jtarb einen natürlichen Tod." Vergl. 
auh Abulfaradj S. 197. 


1) Chamis. 


Achtes Hauptſtück. 


Merwan ll. 


Aufitand in Arabien, Sraf und Egypten. — Zmiefpalt über die 
Thronfolge in Damasf. — Merwan wird Reichsverwefer. — Schlacht 
bei Merdj Rahit. — Merwan’s Zug nah Egypten. — Mukab’s 
Einfälle in Syrien. — Niederlage der Syrer vor Medina. — Ber: 
hältnig Abd Allah’s zu den Charidjiten. — Muchtar und Suleiman. 
— Die Azrafiten und Keifaniden. — Schlacht bei Ein Alwardah. — 
Suleiman fällt. — Merwan wird ermordet, nachdem er Abd Alma- 
lik zum Nachfolger beftimmt. 


Waͤhrend unter Jezid's Regierung, fo ſehr auch die 
Mufelmänner über fein frivoles Leben fpotten mögen, ber 
Aufftand allentbalben unterdrüdt worden, und Abd Allah nur 
noch in Meffa Zuflucht fand, ward unter dem frommen aber 
ſchwachen Muawia und nad) feinem Tode die Herrfchaft des 
Gefchlehts Omejja's aufs Neue von allen Seiten erfchüttert. 

Medina fchüttelte bald wieder das Joch der verhaßten 
DOmejjaden ab und Merwan mußte abermals nah Syrien 


Merwanl. 343 


fliehen I. Kufa und Baßra folgten dem Beiſpiele der Pro— 
phetenſtadt, ſo daß der bisher gefürchtete Ubeid Allah Ibn 
Zijad ſich nicht länger halten konnte 2). Auch das ſüdliche 
Arabien ging zu Abd Allah's Partei über 3) und ſelbſt ein 
Theil Egyptens erklärte fih zu Gunften des Prätendenten 
aus dem Gefchledhte des Propheten %). Gefährlicher als alle 
diefe Empörungen war aber noch die Spaltung, welche in 
Syrien felbft herrfchte, das nur durch feine Cinigfeit bisher 
ftarf genug war, um den übrigen Ländern des islamitifchen 
Reichs Gefege vorzufchreiben. 

Muawia II war ohne Nahfommen aus der Welt ge- 
fhieden; fein jüngerer Bruder Chalid Fon Jezid war erft 
fechzehn Jahre alt 5). Welid Fon Diba, der frühere Statt: 
halter von Medina, der als Enfel Abu Softan’s Anfprüde 
auf den Thron hatte, ftarb, oder ward ermordet, als er für 
Muamwia das Todtengebet verrichtete 9), Othman, ein ande: 


1) Tab. ©. 50. Abulfeda ©. 404. Erſterer berichtet: Abd Al— 
lah fandte feinen Bruder Ubeida als Statthalter von Medina. 

2) Ebendaf.: Baßra huldigte zuerft jemanden aus dem Geſchlechte 
Abd Almuttalibs und Kufa dem Amru Son Saad bis zur allgemei- 
nen Chalifenwahl, jpäter aber, als Abd Allah in Arabien und an: 
dern Provinzen als Chalife anerkannt ward, erklärte fih ganz Irak 
für ihn. 

3) Ibid.: Er ernannte Sbada Son Raſchid (als feinen Statthal- 
ter) für Semen. 

4) Ibid.: Er fandte Abd Errahman Ibn Hudjr nach Egypten. 
Bei Abd Almahafin heißt er Abd Errahman Son Djabdam. Bei 
Elmafin S. 50 Abd Errahman Zbn Okba Ibn Djahram. Quatre- 
mere ©. 420 nennt ihn auch Abd Errahman Ibn Djahdam. 

5) Tub, ©. 51. 


6) Masudi f. 238, „Welid Ibn Dtba Son Abu Softan betete 
für Muamia und hoffte ihm als Chalife zu folgen, aber bei dem 
zweiten Tafbir (Uusruf „Allah Akbar“ Gott ift der Größte) ward 
er erdolht.” Don wem wird nicht gefagt, wahrfheinlih von einem 
Anhänger Abd Allah’s Ibn Zubeir, oder einem andern omejjadijshen 


344 Achtes Hauptſtück. 


rer Enkel Abu Sofian's I), dem die Dmejjaden den Thron 
anboten, fühlte fi zu fhwah, um ihn mit dem Schwerbte 
in der Hand gegen die Freunde. Abd Allah’s zu vertheidigen, 
zu denen fogar einige Statthalter von Syrien gebörten. Selbit 
Merwan fol ſchon den Entſchluß gefaßt haben, mit Abd AL 
lab Ibn Zubeir zu unterhandeln, als Haßin Ibn Numeir 
ihn gegen denfelben einnahm, und der aus Bafra entflohene 
Uberd Allah ihn ermuthigte, wegen der Minderjährigfeit Cha- 
lid's, ſich felbft an die Spige der Omejjaden zu ftellen und 
als Chalifen Hufdigen zu laſſen 2). Dhahhak Fon Keis, 
Emir (gouverneur) von Damasf, ehedem einer der eifrigften 
Kämpfer für Muawia und Oberft jeiner Leibwache, nunmehr 


Prätendenten. Bei Elmafin ©. 55 ſcheint ein Wort (er ftarb, oder 
ward getödtet) zu fehlen, denn es heißt: „manche behaupten, Welid 
Son Dtba habe für ihn gebetet und ald er zwei Tafbir verrichtet 
hatte ... da betete Merwan Ibn Albakfam für ihn.“ Ber Tabari 
©. 51 kömmt indeſſen Welid noch bei den Unruhen vor, welche fpäs 
ter in Damasf vorfielen. Quatremere läßt ihn ©. 415, ohne feine 
Quelle zu nennen, während des Gebets an der Veit jterben. 

1) Nach Masudi 1. 1. und Abd Almahafin, wollte er das Cha— 
fifat nur unter der Bedingung annehmen, daß er feinen Krieg gegen 
Abd Allah führe, d. h. er wollte mit ihm unterhandeln und vielleicht 
mit ihm die Herrihaft theilen. In beiden Quellen heißt er Othman 
Son Uneifa (oder Anija) Ibn Abu Sofian, bei Quatremere ©. 415: 
»Othman fils d’Atabah«; vielleicht war Uneifa der Name feiner Mut: 
ter. Gr ging dann nah Mekka zu Abd Allah Son Zubeir. 

2) Abulfeda ©. 402 berichtet bloß, dag Merwan gefonhen war 
Abd Allah zu huldigen, dann aber mit den Webrigen fih nad Sy— 
rien begab. Bei Tab. ©. 5V u. 51 fagt Haßin zu den ſchwankenden 
Syrern: Huldiget Chalid! Abd Allah Ibn Zubeir will eure Huldi- 
gung nicht, ic habe mir Mühe gegeben, ihn nah Syrien zu brin: 
gen, alle meine Bemühungen waren aber vergebens. Derjelbe er- 
zählt dann, daß Ubeid Allah-dem Chalid nicht gewogen war, weil 
er ſchon mit Zezid zulegt wegen feiner Weigerung gegen Abd Allah 
Son Zubeir nah Mekka zu ziehen, in fchlehtem Ginverftändniffe 
gelebt und fogar kurz vor deſſen Tod mit Abfegung bedroht worden 
war, darum ſchloß er ih Merman an, 


Merwanl. 345 


aber, entweder ſelbſt nach dem Chalifate gelüftend, oder eben: 
falls im Einverftändnijfe mit Abd Allah, wagte es indeffen 
öffentlich, in der Mofchee von Damasf, die Regierung Je— 
zid's und fein Verfahren gegen Hufein und Abd Allah Ibn 
Zubeir zu tadeln Y. Diefe Nede, aus dem Munde eines 
Mannes, welhen Muawia und Yezid mit Wohlthaten und 
Ehrenbezeigungen überhäuft, empörte die Anhänger der Omej— 
jaden, welche Dhabbaf einen Undanfbaren nannten. Als die 
jer hierauf die ihm Widerfprechenden verbaften laſſen wollte, 
erhob fi das Volk zu ihrer BVertheidigung. Die Partei 
Dhahhak's unterlag und mit Mühe gelang es ihm, fih in 
jein Schloß zu retten und in der Nacht das Freie zu ge- 
winnen ?). 

Diefer Borfall überzeugte Merwan und Ubeid Allah, 
dag die Damascener noch eine große Anhänglichfeit zu den 
Dmejjaden ?) hatten und daß fie wohl einfahen, daß wenn 
Abd Allah den Sieg davon trage, nit nur Damask aufhö- 
ven würde, Sit der Regierung zu fein, fondern fie auch noch 


1) Tab. ©. 51. Diefer nimmt für entjchieden an, dag Dhahhaf 
damals ſchon öffentlih für Abd Allah Son Zubeir warb, was aber 
nicht wahrjceinlich tft, da, wie wir in der Folge fehen werden, die: 
jer zweideutige Mann auch noch an fich ſelbſt dachte und dann mie: 
der mit den Anhängern Chalid's in Unterhandlung ftand. Gewiß 
ift nur, dag er Merman abgeneigt war und Abd Almahafin bemerft 
ausdrüdlih, daß er fib in Damask huldigen ließ, aber fein Ber: 
hältnig zu Ibn Zubeir noch geheim hielt. 


2) Ebendaf. Gegen Dhahhaf erhob fich zuerft Chalid Ibn Je— 
zid, dann Welid Son Dtba, Sofian Sbn Dhahhaf und Sezid Son 
Anan. Anıru Ibn Seid Elhakami, ein Anführer der Truppen, nahm 
fih Dhahhak's an, der dann den Muth hatte, die drei genannten 
Gegner feftnehmen zu laffen, aber das Volk ftand auf, verfolgte 
Dhahhaf mit Steinen u. f. m. 


3) Merwan feldft gehört auch noch zu den Omejjaden, das heißt 
ftammt von Omejja ab, mie Muawia felbft. Diefer durh Abu So: 
fian und Harb, jener durh Hafam und Abu'l-Aaß, welcher Lestere 


346 Achtes Hauptftüd. 


früb oder ſpät die frühern Sünden gegen das Geſchlecht des 
Propheten bügen müßten. Am folgenden Morgen verfam- 
melten fie daher die Häupter der Stadt, Ubeid Allah ftellte 
ihnen vor, wie thöricht und felbit gefährlich es wäre, nad 
fo vielen Kämpfen feit dem Tode Othman's, jetzt die Dmej- 
jaden aufzugeben, und forderte fie auf, Merwan, als dem 
älteften und erfahrenften unter ihnen, zu huldigen. Er geftand 
zwar ein, daß das Chalifat dem Sohne Jezid's gebühre, da 
diefer aber zu jung, um gegen die immer mächtiger werdende 
Partei Abd Allah's zu kämpfen, follte Merwan bis zu defjen 
Großjährigkeit den Szepter führen N). 

As Merwan yon der Stadt und dem Gebiete yon Da- 
masf zum Chalifen, oder wenigftens zum Neichsverwefer er— 
nannt war, erflärte fi) Dhahhak, der jest für fich felbft feine 
Hoffnung mehr Hatte, öffentlich als Verfechter der Rechte Abd 
Allah's Fon Zubeir, ftellte fi an die Spige der Araber aus 
dem Stamme ?) Keis und einiger Andern, welche ſchon längſt 


auch des Chalifen Othman Großvater war. Die ganze Abjftammung 
der erften Dmejjaden überfieht man aus Folgenden: 


Dmejja 
Abul Aaß Harb 
Hafam Affan Abu Sofian 
Merwan Othman ler 
a Almalik 9 


Chalid 
1) Tabari ©. 52. 


2) Hamafa ed. Freytag ©. 319: „Als Muamia, der Sohn Abu 
Softan’s, feinen Sohn Sezid zum Machfolger ernannte, huldigten 
ihm alle Leute, mit Ausnahme des Stammes Keis, welcher jagte: 
bei Gott! wir huldigen nicht dem Sohne einer Frau aus dem Stamme 
Kelb, denn Meifun, Jezid's Mutter, war die Tochter Malik's Ibn 
Bahdal des Kelbiten, Dies Fränfte Zezid und ward der Anfang 


Merwan l. 347 


mit den Omejjaden zerfallen waren und erbat ſich auch Trup- 
pen von den Statthaltern von Himß, Kinesrin und Paläftina, 
die früher ſchon die Partei- Abd Allah's ergriffen hatten 7) 
und 309, nad einigen Berichten, mit einem 60,000 Mann 


des Haders zwifhen den DOmejjaden und dem Stamme Keis. Als 
nach Jezid's Tod fein Sohn Muamia Chalife ward, dejien Mutter 
ebenfalld dem Stamme Kelb angehörte, war Meiſun's Bruder Ha: 
fan Sbn Malik Son Bahdal (als Oheim des ſchwachen Muamia I.) 
gemwiffermagen das Haupt der Regierung. Das Chalifat Muamia’d 
war aber nur von furzer Dauer und die Empörung des Ibn Zubeir 
nahm überhand, darum wußte Hafan Son Malik ſich gar nicht zu 
rathen. Bald forderte er die Leute auf, ihm feldft zu huldigen, bald 
einem Abkömmling Dmejja’s.” Aus DObigem geht hervor, dag auch 
hier wieder nähere Stammverwandtfchaft mit den einen oder andern 
Prätendenten, Beweggrund zur Enticheidung für oder gegen denſel— 
ben war. Der alte Haß zwifchen den Kahtaniden, auch Jemeniden 
genannt, weil fie urfprünglich in Semen ihren Sis hatten, und den 
Ssmaeliten ift befannt. Zu den lestern, welche auch Muftariba hei: 
gen, gehörte der Stamm Keis, zu den Gritern aber der Stamm 
Kelb. Weil Muamwia eine Frau aus dem Gefchlehte Kahtan’d ge: 
heirathet, die ihm Sezid gebar, mwendeten fih die Keiltten von ihm 
ab, während die Jemeniden ihn unterftügen. Won väterliher Seite 
ftammen ſowohl Abd Allah Son Zubeir, als die Omejjaden von den 
Sömaeliten her und zwar gehören beide dem Geſchlechte Kureiich 
an. Dmejja war ein Urenfel Kußei's, eben fo Zubeir’s Großvater 
Chumeilad (S. Nawawi ©. 250). 9. v. H., welcher (Gemäldefaal 
II, 65) ſchreibt: „Abd Allah, der Sohn Sobeir’s, gehörte von väter- 
liher Seite niht dem Stamme Koreifch an” und in einer Note 9. 
Quatremere tadelt, diefen Umftand nicht hervorgehoben zu haben, ift 
daher vollfommen im Irrthume. Vergl. auch Elmakin ©. 55. 

1) Abulfeda S. 404 und ausführliher bei Tab. ©. 50, wo e8 
heißt: Als Jezid ftarb, ftanden fünf Männer an der Spike der Re: 
gierung in Syrien: Nu'man Son Beihr, Bey von Himß, Dhahhak 
Son Keid, Bey von Damasf, Zufr Son Harith, Emir von Kinesrin, 
Mail Son Keis, Emir von Paläftina, und Hafan Son Malik, Bey 
des Sordangebiets. Alle dieſe Emire waren für Abd Allah Son Zu: 
beir, nur Hafan Ibn Malik hielt es mit Chalid Ibn Jezid.“ So 
heißt es auch bei Abul Faradj ©. 197: „Ganz Syrien huldigte dem 
Abd Alan Ibn Zubeir, nur das Sordangebiet nicht,“ 


348 Achtes Hauptſtück. 


ſtarken Heere, gegen Damask. Merwan verlor einen Augen- 
blick den Muth, und ſtand abermals im Begriffe mit Abd 
Allah zu unterhandeln; ſchon wollte er ſogar Dhahhak mit 
ſeinen Anträgen nach Mekka ſchicken, doch ſein Sohn, der 
nachherige Chalife Abd Almalik und Amru Ibn Said hielten 
ihn von dieſem Schritte ab, indem ſie von Neuem ſeinen 
Ehrgeiz anſtachelten )Y. est knüpfte Dhahhak Ibn Keis 
Unterhandlungen mit Haſan Ibn Malik an, dem angeblichen 
Verfechter der Rechte Chalid's, der aber in der That auch 
ſelbſt nach der Herrſchaft gelüſtete. Dieſer Haſan, Statthalter 
des Jordangebietes, war ein Oheim Muawia's des Zweiten 
und von demſelben bis zur Chalifenwahl als Reichsverweſer 
beſtimmt worden. Er gehörte aber dem Stamme Kelb an, 
welcher dem Stamme Keis, der die Hauptmacht Dhahhak's 
bildete, verhaßt war. Als daher die Keiſaner merkten, daß 
Dhahhak ſich mit Haſan zu verbinden beabſichtige, warfen ſie 
ihm ſeinen Verrath gegen Abd Allah vor, und drohten ihm 
ihn zu verlaſſen, während Andere ihn aufforderten, ſich ſelbſt 
huldigen zu laſſen 2), und fo zog er, die Zubeiriden im Na— 
men Abd Allah’ und die Andern in feinem eignen Namen 
zum Gehorfam auffordernd, nad Merdj Rahit 3), einige Mei- 
len öftlih von Damasf. Merwan, welchem jest auch Haſan, 
nachdem er fi von Dhahhak verlaffen ſah, die Huldigung 
nicht länger verweigerte, bot Chalid's Stammgenoffen, die 
Kelbiten, und alle Ffriegsfähigen Bewohner Damasfs zum 
Kampfe auf und, nad zwanzigtägigen Scharmügeln zwifchen 
den beiden Heeren, fam es endlich zur entfcheidenden Schlacht, 
melde Merwan, nach einigen Berichten nur durch Lift und 


1) Hamafa ©. 818. 

2) Ebendaj. 

3) Abulfeda ed. Schier ©. 131 u. Kamuf. Das Wort Merdj 
bedeutet Wiefe und Rahit ift nach Tebrizi zur Hamafa ©. 317 der 
Name eines Mannes aus dem Stamme Kudhaa, der ſich wahrſchein— 
fih auf diefem Gebiete niederließ. 


Merwan I. 349 


Verrath, gewann ). Als Dhahhak geichlagen war, huldigte 
ganz Syrien dem Merwan und die Freunde Abd Allah’s 
fonnten nur durch ſchnelle Flucht ihr Leben 2) retten. Mer— 
wan brach jetst gegen Egypten auf, vertrieb Abd Allah Ibn 
Diabdam, der im Namen Abd Allah Ibn Zubeir's das Re— 
giment führte, nad) einem mörderifchen Treffen bei Heltopolig, 
züchtigte die Anftifter des Aufrubrs gegen Othman ſowohl, 
als gegen die andern Omejjaden, und ließ feinen Sohn Abd 
Alaziz als Statthalter zurück 9). 

Merwans rafhe Nüdfehr nah Syrien, im Anfang des 
6öten Jahres d. H. (Auguft 684), war dringend nothwendig, 
denn während feiner Abwefenheit hatte Mußab, ein Bruder 
Abd Allah's Ibn Zubeir, einen Einfall in dieſes Land ges 
macht . Es gelang Merwan, mit Hülfe feines Feldberrn 


- 2) Bei Abd Almahafın heißt es, übereinftimmend mit einer aud) 
von Quatremere ©. 419 angeführten Tradition, dag Merwan, als 
er die Unmöglichkeit einfah, Dhahhak mit Gewalt der Waffen zu 
befiegen, feine Zufluht zur Lift nahm. Er zeigte fih nämlih, auf 
den Rath Ubeid Allah's, geneigt nachzugeben und Abd Allah Son 
Zubeir als Chalifen anzuerfennen, fiel aber dann, ald Dhahhak den 
Krieg beendigt glaubte, treuloferweife über ihn her. Dies fomwohl, 
ald was Quatremere a. a. O. von einem »carnage aflreux des troupes 
de Dahaka jchreibt, jcheint aber eine bösmwillige Erfindung der Feinde 
der Dmejjaden zu fein, denn bei Tebrizt ©. 318 heißt es: „Bon 
dem Stamme Keis wurden 1000 und von den Semeniden 1300 Mann 
getodtet,“ und ©. 657 fagt ein Dichter aus dem Stamme Kelb: 
„Wenn die Keifiten groß fprechen, fo erinnere fie an ihre Niederlage 
auf den Gefilden Dhahhak’s, vftlih von Djaubar,“ wobei Tebrizi 
bemerft: „Die Keiiiten waren Hülfsgenoffen der Söhne Merwan's, 
fie hielten es (ehedem) mit Dbahhaf und lieferten ihn aus bis er 
getödtet ward; daraus jomohl, wie aus der geringen Zahl der Ge 
todteten, geht hervor, daß fte fich nicht tapfer fchlugen. 

2) Tab. ©. 52. Nu'man ward von den Bewohnern von Himß 
erſchlagen. Abulf. S. 406. 

3) Elmafin ©. 57 u. Tab. Das Nähere bei Quatremere ©. 
420 u. 421. 

4) Tab. ©. 57 u. Abd Almahafin. 


350 Achtes Hauptſtück. 


Amru Ibn Said die Zubeiriden zurückzuſchlagen, doch erlitten 
auch bald nachher die ſyriſchen Truppen, die unter Anführung 
Habaſch's Ibn Daldja ) ſich der Stadt Medina bemächtigen 
ſollten, eine blutige Niederlage. Djabir Jon Alaswad, Abd 
Allah's Statthalter von Medina, hatte zwar ſchon ſeinen 
Poſten verlaſſen, aber es trafen noch zeitlich genug zwei Ab— 
theilungen Zubeiritiſcher Truppen aus Baßra ein, nicht nur 
um die Stadt Medina zu retten, ſondern auch um die Syrer 
auf offnem Felde zu ſchlagen. Habaſch blieb im Gefechte 2) 
und Abbas Fon Sahl, Anführer der Zubeiriten, ward von 
Abd Allan zum Statthalter von Medina ernannt, 
Gllücklicher als diefe fyrifche Truppenabtheilung war eine 
andere, welche Merwan unter Anführung Ubeid Allah’s Fon 
Zijad und Hafin’s Fon Numeir gegen Kirkifia fchickte, wohin 
fih Zufr Jon Harith, einer der Kampfgenoffen Dhahhaks, 
nach der Niederlage bei Merdj Nahit, geworfen hatte. Wir 
müffen aber vorher das Treiben der Schtiten oder Charidjiten, 
mit denen Zufr in Bündniß trat und die Abd Allah nicht 
weniger als die Dmejjaden fürchtete, und darum auch nicht 
unterftügte, näher erörtern. Sn der erften Zeit, fo lange 
Abd Allah nur noch die Nolle eines „Schüßlings des heili- 
gen Hauſes“ fpielte und mehr Aufruhr gegen die Omejjaden 
predigte, als von feiner eignen Perfon ſprach, fchmeichelte 





1) Abd Amahafin. Bei Quatremere ©. 421 heißt er Habifch 
ben Waldjeh. Derfelbe gibt aud die Zahl der fyrifchen Truppen 
auf 4000 an, dies fcheint mir aber zu wenig für ein Corpse, dad 
gegen Arabien ziehen follte, wo allenthalben Abd Allah als Chalif 
anerfannt war. Unter den Syrern war auch der junge Haddjadj 
mit feinem Vater Sufuf, mweldher in der Folge eine fo furchtbare 
Berühmtheit erlangte. 

2) Er ward nah Abd Almahafin von Zezid Ibn Siah erſchla— 
gen. Diefer ward als ein Heiliger verehrt. Er trug ein meißes 
mwollenes Gewand, das aber ganz ſchwarz geworden, weil alle from— 
men Mufelmänner ſich zu ihm drängten, um es zu füllen oder auch 
nur zu berühren, 


Merwan ll. 351 


er auch den Charidfiten und gebrauchte fie zu feinen Zweden. 
Sobald er aber den Chalifentitel annahm, war ein Bruch 
unvermeidlich. est erinnerten fi) die Charidjiten, daß Abd 
Allah Ibn Zubeir einer der Erjten gegen Alt aufgetveten und 
für Othmans Blut Rache begehrt, während fie befanntlicd) den 
Tod Dibmans als gefeßmäßig erklärten und die größte Anz 
bänglichfeit, wenn auch nicht zur Perſon, doch zum Geſchlechte 
Ali's hatten. Sie begaben ſich daher zu Abd Allah und for- 
derten von ihm eine Erflärung in Betreff Othmans, um zu 
feben, ob er von feinen frühern Grundfäsen abgewichen, Da 
Add Allah allein war, fürchtete er fich, diefen Schwärmern 
eine ihnen mißfällige Antwort zu geben, er fehüste daher ein 
dringendes Gefhäft vor und lud fie auf den Abend zur Er- 
örterung ber an ihn gerichteten Fragen ein. Als fie des 
Abends wiederfehrten, fanden fie Abd Allah von vielen Freun- 
den umgeben, von denen mehrere wohl bewaffnet ihm zu 
Häupten fanden, woraus fie erfannten, daß er keineswegs 
freundliche Gefinnungen geger fte hegte. Indeſſen bielt einer 
von ihnen eine Rede, in welcher er fi über Mohammed und 
feine beiden erften Nachfolger in großen Yobeserhebungen ers 
ging, dann aber auf Othman übergehend, ſagte: „diefer 
Chalife hat öffentliche Güter zu feinem Privateigenthum ges 
macht, hat feine Verwandten bevorzugt, hat die Ruthe und 
den Stab gefhwungen, die heilige Schrift zerriffen, den vom 
Sefandten Gottes Berbannten zurüdgerufen, die Beute Un— 
würdigen vertheilt und die älteften tugendhaften Mufelmän- 
ner gejchlagen und verbannt. Männer, von heiligem Eifer 
befeelt, Haben fi darum gegen ihn aufgelehnt und ihn ge- 
tödtet, Wir rühmen ung Freunde dieſer Männer zu fein, 
fagen ung von Othman und feinen Bertheidigern los und 
fordern dich auf, deine Anficht über ihn offen auszufprechen.” 
Abd Allah, der nicht in Widerſpruch mit fich felbft gerathen, 
auch gern Othmans unvervienten Tod und Ali's Mitfchuld 
als Waffe gegen deſſen Gefchleht gebrauchen wollte, dag 
er, wie wir bald feben werben, in der Perfon Moham— 


352 Achtes Hauptſtück. 


meds Ibn Hanafije fürchtete, nahm Othman in Schutz 
und ergoß ſich in Schmähungen gegen diejenigen, die ihn 
eines Briefes willen, den er nicht geſchrieben, ermordet. 
Hierauf trennte man ſich unter gegenſeitigen Verwünſchungen. 

Wie nach der Schlacht bei Siffin die Charidjiten es be— 
reuten, Ali zur friedlichen Unterhandlung mit Muawia ge— 
nöthigt zu haben, und ſogar gegen ihn ſelbſt ſich empörten, 
weil er ſein Unrecht nicht bekennen wollte, ſo klagten ſie ſich 
auch wieder, nachdem fie Muslim und Huſein jchmählich 
verlaſſen, als böſe Sünder an, die ihre Schuld nur im 
Blute der Mörder Hufeins abwafchen könnten ). So lange 
indeffen Jezid lebte, arbeiteten fie nur im Stillen an ver 
Verbreitung ihrer Sefte; erft nach deffen Tod, als voraus: 
zufehen war, daß Die Omefjaden nit im Stande fein wür- 
den, Truppen nad) Irak zu fenden, liegen fie es zum Aus— 
bruche fommen. Die Kufaner, welche Suleiman Ibn Surad 
zu ihrem Oberhaupte gewählt, empörten ſich gegen Ubeid 
Allah und nöthigten ihn, wie oben berichtet, fih nad) Syrien 
zurüczuziehen, während die Baßrenfer, unter Leitung Nafi's 
Ibn Azraf, ebenfalls Amru Ibn Hureith, den Statthalter der 
Dmejjaden, aus der Stadt trieben. Zwiſchen den Charidjiten 
von Rufa und denen von Baßra warb aber bald nach ihrer 
Befreiung von ihren fyrifhen Tyrannen das gute Einverneh- 
men geftört, Nafi Ibn Azraf wollte gleich gegen alle Feinde 
Ali's und feines Gefchlehts ins Feld ziehen ?), während 


N 





1) Tab. ©. 53 und Abd Almahafın. Nach Letzterem gingen 
diefe Charidjiten fo weit, daß fie die übrigen Mufelmänner wie Un: 
gläubige behandelten, Feine Ehe mit ihnen ſchloſſen, ihre Speifen 
nit genoſſen, ihr Zeugniß für ungültig erklärten, ihre nächſten 
Verwandten enterbten und, was man auch bei Schehreftani (ed. 
Cureton I, p. 90) von den Azrafiten lieft, es fogar für erlaubt hiel- 
ten, der Andersyläubigen Frauen und Kinder zu tödten. Weber das 
Berhältnig Abd Allah's zu den Charidjiten vergl. auch Quatremere 1.1. 

2) Es heißt bei Tab. ©. 58: Als Suleiman fih in Kufa als 
Anführer der Bluträcher Hufeins huldigen lieg und auch von andern 


Merwan I. 353 


Suleiman den Augenblick noch nicht günftig fand, weil er 
wahrfcheinlih während des Krieges zwifchen Abd Allah und 
den Omejjaden auf Koften Beider feine Macht zu verftärfen 
boffte. Suleiman ließ es darum auch zu feinem fürmlichen 
Brud mit Abd Allah Ibn Zubeir fommen und Tebte mit 
deſſen Statthalter Abd Allah Ibn Jezid in gutem Vernehmen, 
während Naft, Abd Allah’s Statthalter von Baßra, Abd 
Allah Ibn Mimar, nicht anerfannte, fo daß diefer gendthigt 
war, mit Hülfe eines Theiles der Bewohner Baßra's, ſich 
mit Gewalt der Stadt zu bemächtigen und die Charidjiten 
daraus zu vertreiben I). Wir werden auf die Fehden zwifchen 
Abd Allah’s Statthalter und den Azrafiten ), — fo hießen 


Städten dur feine Abgefandten Huldigungen empfing, fchloffen ſich 
ihm auch die Bafrenfer an. Nach Sezids Tod forterten fie ihn auf, 
öffentlich aufzutreten, und ale er immer fäumte, fagten fie fi von 
ihm los, denn fie wollten den Augenblick benügen, wo Baßra von 
Truppen entblößt war, fie ernannten daher Nafi Son Azrak zu ihrem 
Oberhaupte und bemächtigten ſich der Stadt u. f. w. 

1) Tab. ebendaf. 


2) Ueber die Azrafiten als Sekte lieft man bei Schehreftani 
a.a. D.: Sie haben acht fügenhafte Lehren; 1) nennen fie Alt einen 
Ungläubigen und beziehen auf ihn den Koransvers: „Es gibt Leute, 
deren Reden in Betreff diefer Welt dir gefallen, die Gott über ihre 
Abfihten zum Zeugen rufen, diefe find aber die bitterften Wider: 
ſacher,“ während fie Abd Allah Son Muldjim (Ali's Mörder) loben 
und auf ihn den Koransvers anwenden: „Es gibt Leute, die ihr 
geben hingeben, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen.” Amran 
Son Hattan, der Mufti und Dichter der Charidjiten hat zum Lobe 
Abd Allah Son Muldjims gedichtet: „Der Edle dachte, als er (All) 
zu Boden fhlug, nur an den Beifall des Herrn des Thrones, id) 
werde eines Tages fein gedenken und ihn unter denen zählen, deren 
Waage vor Gott am vollften (mit Verdienften) ift.“ Diefer Trug: 
fehre ſtimmen au die Azrafiten bei und halten auch Othman, Talha 
Zubeir, Alba, Abd Allah Zon Abbas und andere Mufelmänner 
für Ungläubige, welche zu ewiger Holle verdammt werden. 2) Wen: 
nen fie alle diejenigen Ungläubige, die nicht mit Naſi auszogen, 
oder fpäter zu ihm wanderten, 8) Erlaubten fie Andersgläubiger 

23 


354 Achtes Hauptſtück. 


die unter Nafi Ibn Azrak ftehenden Charidjiten, — fpäter 
zurüdfommen und ung zunächſt mit Suleiman und feinen An- 
hängern befhäftigen. Diefer widerftand mit Beharrlichfeit den 
Anforderungen mancher Charidjiten, welche ftatt leerer Phra- 
fen gegen Ali und für Hufen Handlungen zu Gunften ihrer 
Nahfommen und gegen ihre Feinde verlangten. „Die Zeit 
zum Handeln ijt noch nicht gefommen,” fagte er immer, bis 
die Ankunft Muchtars in Kufa, der feine Stelle als Anführer 
der Schiiten einzunehmen wünfchte und ihn wegen feiner Un- 
thätigfeit bei den Schwärmern bdiefer Sefte zu verbächtigen 
fuhte, ihn zum Handeln nöthigte. Muchtar, nah Einigen 
Stifter der Sekte der Keifaniden ), war, wie alle hervor: 


Kinder und Frauen zu todten. 4) Gteinigen fie die Ehebrecher nicht, 
mweil im Koran nichts davon erwähnt wird, auch ftrafen fie nur die— 
jenigen, die Frauen ohne Beweiſe des Ehebruchs anflagen, nicht 
aber die, welhe Männer fälſchlich befhuldigen. 5) Behaupten fie, 
Kinder der Götzendiener jeien auch mit ihren Vätern zur Hölle ver- 
dammt. 6) Furt ift fündhaft, fowohl in Wort als in That. 
7) Gott kann jemanden als Propheten fenden, wenn er auch weiß, 
dag er fpäter ungläubig fein wird, oder daß er es vorher war, 
während nah den Orthodoxen ein jeder als Ungläubiger gilt, welcher 
glaubt, dag Propheten je große oder Fleine Sünden begangen haben. 
8) Glauben die Azrafiten, daß, wer einmal eine fchwere Sünde be— 
geht, dadurch die Eiaenfchaft des Muslim verliert und wie ein Um, 
gläubiger zu ewiger Höllenftrafe verdammt wird. Sie beweifen dies 
durd Iblis, der nur eine einzige ſchwere Sünde beging, indem er 
fih weigerte, auf Gottes Befehl fih vor Adam zu verbeugen, übri— 
gend aber doch die Einheit Gottes nicht läugnete, 


1) So bei Masudi f. 239, welcher hinzufest, dag Muchtar 
auch Keifan hieß, eben fp im Kamuß: „Keiſan ift der Beiname 
Muchtar’s Ibn Abu Ubeid, von dem die Fegerifche Sekte der Keifas 
niden herrührt. Bei Schehreftani p. 109 heißt es aber: „die Keifas 
niden find die Anhänger Keiſans (nah dem Kamuß wie Salman, 
alſo nicht Kifan, wie bei Quatremere), welcher ein Freigelaffener des 
Chalifen Ali war, oder nach Andern ein Schüler Mohammed’s Ibn 
Hanaftje, an den fie einen unbegrenzten Glauben hatten, weil er 
alle Wiſſenſchaften umfaßte und von den beiden Meiftern (Ali und 


Merwanl. 355 


ragenden Männer feiner Zeit, im höchſten Grade ehrgeizig 
und felbftfühtig. Er war einer derjenigen, die Haſan miß— 
bandelten, als er gegen Muawia Krieg führen wollte und 
dem Statthalter von Madain rieth, ihn gefangen zu nehmen 
und Muawia auszuliefern. Später fam er aber nad Kufa 
und gefellte fi den „Reuigen“ an, reifte nah Meffa, um 
Hufein einzuladen, fih an die Spike der Kufaner zu ftellen 
und feine Rechte gegen die Dmejjaden geltend zu machen, 
Muslim Jon Akil reiſte m Muchtars Gefellfehaft nah Kufa 
und wohnte fogar einige Zeit in feinem Haufe, weshalb er 
auch fpäter, als Ubeid Allah Ibn Zijad der Empörung Meifter 
geworden, gefangen genommen, mißhandelt und eingefperrt 
wurde 9. Abd Allah Ibn Omar, Muchtars Schwager, er- 
langte indeſſen vom Ghalifen Jezid wieder deffen Befreiung ?), 
worauf er fih nah Mekka zu Abd Allah begab, der aber 


Mohammed) alle Geheimniffe der natürlichen wie der allegorifchen 
Snterpretation, fo wie der pſychologiſchen und uranologiihen Wif: 
ſenſchaften erlernt hatte.“ Ihr Hauptdogma ift, daß die Unterwer— 
fung unter einen beftimmten Imam Glaubensſache ift und dahin 
deuten fie fogar mande pofitive Vorfchriften, wie die Faften, Pil— 
gerfahrt, Almofen ıc., deren wörtlihe Befolgung fie für Nebenfache 
halten. Mandye glauben aud an GSeelenwanderung und an die 
Wiederkehr nach dem Tode. Bon den Muchtariden heißt es dann, 
es find die Anhänger Muchtar’s Son Abu Ubeid. Diefer war zuerſt“ 
Charidjite, dann Zubeiride, dann Schütte und Keifanite, und lehrte, 
dag Mohammed Ibn Hanafije der wahre Smam nad Alt, oder, wie 
einige glauben, nad) Hajan und Hufein. Das Weitere über Much: 
tar weiter unten. 

1) Abd Almahafin und Tab. ©. 54. Lesterer erzählt, daß die 
Rufaner, als fie fahen, wie viel er für die Sache Hufeins gethan, 
fih bei ihm entfchuldigten, ihn in Verdacht gehabt zu haben, daß 
er Hafan verwundet, Der Tumult war wahrfcheinlih damals fo 
groß, dag man nicht genau willen Fonnte, von wen Hafan verwun— 
det worden. 


2) Ebendaf., dod; bemerkt Tab., dag er ſchon, ehe Zezidd Frei- 
laflungsbefehl anlangte, aus dem Gefängniſſe entflohen war. 
23" 


356 Achtes Hauptſtück. 


damals noch ſehr zurückhaltend gegen ihn war D, Erſt im 
folgenden Jahre (62 d. H.) kam, durch die Vermittlung des 
oben genannten Abbas Ibn Sahl, eine Annäherung zwiſchen 
den beiden gleich herrſchſüchtigen und verſchlagenen Menſchen 
zu Stande. Muchtar wollte gern Abd Allah's Intereſſen ver— 
fechten und ihm den Herrſchernamen gönnen, ihm aber ſollte 
in der That eine unbeſchränkte Gewalt anvertraut werden. 
Dann ſtellte er ihm noch beſonders folgende drei Bedingungen ?): 
du mußt mic in alle Staatsgeheimniffe einweihen und darfſt 
mir nie etwas verborgen halten; ich muß der Erfte fein, der 
dir jeden Tag den Morgengruß bringt, und wenn du allges 
mein als Imam anerfannt bift, darf ich mir die befte Statt- 
balterfchaft wählen. Da Ibn Zubeir zu jener Zeit in großer 
Noth war, geftattete er Muchtar, was er begehrte, und diefer 
huldigte. Während der Belagerung von Meffa durch Haßin 
Ibn Numeir bewährte fih Muchtar durch feine häufigen Aug- 
fälle mit feinen fechzig, von feinem Water Abu Ubeid geerbten 
Sflaven als ein waderer unerfchrocfener Krieger 3), weshalb ihn 
Abd Allah durch allerlei Ehrenbezeugungen auszeichnete. Add 
Allah vernachläffigte aber Muchtar, fobald er als Herr von 


1) Davon fagt Tab. nichts, aber Abd Almahaſin fagt, daß er 
fih ein Sahr lang nah Taif zurüdzog, weil ihm Abd Allah nicht 
mit dem gemwünjcten Vertrauen entgegenfam. Mach Quatremere 
©. 425 hätte Muctar damals fchon eine unbeichränfte Vollmacht 
von Abd Allah begehrt, was diefem zu bedenklich fchien. 


2) Tab. ebendaf. u. ©. 55. Ber Abd Almahafin verlangt er nur 
in einem Worte erfter Rathgeber zu fein, bei Quatremere ©. 426: 
»je serai le premier qui aie droit d’entrer aupres de toi, et j’en sor- 
tirai le dernier, si tu obtiens sur Jezid une victoire complete, tu ne 
decideras aucune affaire sans prendre mes conseils..« Es ift aber 
nicht mahrfcheinfih, daß er erft nah dem Siege über Sezid erfter 
Rathgeber fein wollte. 

3) Tab. ©. 55. Auch beim Wiederaufbau der Kaaba, ſetzt er 
hinzu, leiftete Muchtar große Dienfte. Alles Folgende ift auch faft 
wörtlid nad) Tab., der hier noch weit ausführlicher ald Abd Alma: 
haſin ift. 


Merwanl. 357 


Arabien, Egypten und Irak ihn entbehren zu fünnen glaubte, 
und übertrug, nad) Ubeid Allah's Entfernung aus Kufa, die 
Statthalterfchaft von Irak, um die Muchtar anbielt, dem Abd 
Allah Fon Jezid. Dies bewog Muchtar, das Bündnig mit 
Abd Allah Fon Zubeir zu brechen und das Ziel feiner Wünfche, 
Reichthümer und Macht, auf anderm Wege zu verfolgen. Er 
reifte noch vor dem neuen Statthalter ) nad) Kufa, ſetzte ſich 
mit den Charidjiten in Verbindung und behauptete, von Mo— 
bammed Jon Haniftfe, einem in Meffa Lebenden Sohne Ali's, 
abgefandt zu jein, um fie gegen Huſein's Mörder zu führen, 
da es doch Suleiman an dem nöthigen Eifer zu einem folchen 
Unternehmen, feinem langen Zögern nad, zu gebrechen fcheine, 
Manche Ehwärmer und friegsluftige Leute verließen nun Eu: 
leiman und ſchloſſen fih Muchtar an. Noch größer ward fein 
Anhang, als Abd Allah's Statthalter anlangte und von Kufa 
Befig nahm, indem er Suleiman anflagte, dur feine Un— 
thätigfeit den Berluft diefer bedeutenden Stadt, derer fie ſich 
leicht hätten bemächtigen fünnen, berbeigezogen zu haben, 
Bald blieb Suleiman, wollte er nicht das Vertrauen aller 
Charidjiten verlieren, nichts übrig, als ihnen den Befehl zu 
ertheilen, fich zu einem Auszuge gegen die Mörder Hufeing 
zu bewaffnen. Abd Allah Ibn Fezid, überzeugt, daß es ihm 
leicht fein werde, Suleiman wieder mit Abd Allah Ibn Zu: 
beir zu verföhnen und beffen friegerifche Unternehmungen 
gegen die Dmejjaden, ihren gemeinfchaftlihen Feind, zu len— 
fen, fobald Muchtar aufhören würde, das Volk aufzumwiegeln, 
ließ diefen verhaften ?), und Euleiman, froh, feinen Neben- 


1) Nach Abd Almahafın im Ramadhan 64. 

2) Nah Tab. a. a. D. gefhah dies auf den Rath Amru's Ibn 
Saad, welher bei einem Aufftande der Eharidjiten zunächſt für fein 
Leben bejorgt war, weil er Anführer der Truppen gegen Hufein 
geweſen. Er war fo ängitlih, daß er nicht wagte, in feinem Haufe 
zu übernadten, fondern alle Nächte auf der Burg bei dem Statt: 
halter zubrachte. 


358 Achtes Hauptſtück. 


buhler mehr zu haben, that nichts zu deſſen Befreiung. So— 
bald Muchtar aus dem Wege geräumt war, verſammelte Abd 
Allah Ibn Jezid die Charidjiten in der Moſchee und redete 
fie folgenderweiſe an ): „Sch habe vernommen, daß manche 
unter euch feindlic gegen mich gefinnt find, mich befämpfen 
und Hufeins Blut rächen wollen. Bei Gott! Hufeins Blut 
haftet nicht an meinem Halſe, fondern an dem Ubeid Allah 
Ibn Zifads, der an der Spige eines fyrifchen Heeres gegen 
ung aufgebrochen ift. Ziehet ihm entgegen und befämpfet ihn, 
ich will euch auch unterftügen.” Diefe Worte des Statthal- 
ters machten einen günftigen Eindruf auf die Charidjiten, 
welche nunmehr befchloffen, gegen Ubeid Allah auszurücen, 
Zu einem gemeinfchaftlichen Kriegszuge fam es indeffen nicht, 
weil man fich entweder gegenfeitig nicht traute, oder weil 
Abd Allah überhaupt wenig Truppen bei fi hatte. Aber 
auch diesmal wiederholten die Charidjiten ihre frühere Weife, 
Nachdem fie feit langer Zeit Suleiman wegen feiner Saum: 
feligfeit Vorwürfe gemacht, blieben fie jest, wo er fie zum 
Auszuge aufforderte, zurück, wahrfcheinlic weil fie eher zu 
Mord» und Raubzügen, als zu einem fürmlichen Kriege gegen 
den ihnen wohlbefannten UÜbeid Allah bereit waren. Bon 20,000 
Mann, welde Suleiman im Lager von Nuceila erwartete 2), 


1) Sbid. ©. 54. Bei Abd Almahafin aber fordert er fie auf, 
ihren Auszug noch zu verjchieben, bi8 auch er eine Armee ausge: 
rüftet, damit fie vereint den gemeinfamen Feind befämpfen. Auch 
fpäter, als fie fhon in Anbar waren, foll ihnen Abd Allah Ibn 
Sezid noch einen Boten nachgefchict haben, um fie aufzufordern, 
noch einige Zeit zu warten, aber Suleiman, vielleicht doch der Be: 
mwegung nicht mehr Herr, ließ ſich nicht länger zurüchalten. Nach 
obiger Stelle bei Tab. wäre Muctar damals noch in Freiheit ge— 
mefen und hätte mit feinen Anhängern einen bejondern Auszug 
beabfihtigt, den er aber doc nicht allein auszuführen gewagt. 

2) Suleimand Auszug aus Baßra fand nad Tab, ©. 55 An- 
fangs Rabia Awwal 65 ftatt, nach Abd Almahafin den 5ten Rabi 
Achir. Ich vermuthe aber einen Schreibfehler, denn es heißt: „Don: 
nerftag Abend, als fünf Tage von Rabia Achir vorüber waren, was 


v 


Merwan l. 359 


ftellten fich in den erften drei Tagen nur 4000 Dann. Su: 
leiman fagte daher zu den Häuptern der Schiiten: dieſe treu- 
loſen Menfchen, die ſich Echiiten nennen und mir als ihrem 
Dberbaupte huldigen, machen mir e8, wie Muslim dem Sohne 
Akils. Es wurden nun Emiffäre zu allen in Suleimans 
Buch eingetragenen Schiiten geſchickt und nad und nad trafen 
noch einige taufend Mann ein . Piele verlangten aber, 
dag man zuerft gegen Amru Ibn Saad ziehe, welcher bei 
Kerbela die Truppen gegen Huſein befehligt, und als auf 
Suleimans Antrag befchloffen ward, Ubeid Allah, nad) deſſen 
Befehl Amru gehandelt, zuerft anzugreifen, riffen wieder viele 
aus. An den Euphrat angelangt, fagte Suleiman zu den 
ihm Folgenden: da wir doch fo nahe an Huſeins Grab ung 
befinden, fo laffet ung dahin wallfahren, um unfre Schuld 
zu befennen und feine Gnade zu erflehben, dann wollen wir 
uns mit erneuter Wuth über den Feind ftürzen. Diefer Vor— 
fhlag fand großen Beifall, Sobald fie Hufeins Grabmahl 
anfichtig wurden, fliegen fie von ihren Pferden ab, zerriffen 
ihre Kleider, ftreuten Erde auf ihr Haupt und erhoben ein 
lautes Wehegefchrei. Bor dem Grabe ſprach Suleiman: 
„Friede fei mit dir, Sohn der Tochter unferes Propheten! 
Märtyrer, Sohn eines Märtyrers! Wahrhaftiger, Sohn 
eines Wahrhaftigen! Imam, Sohn eines Jmams! Welchen 
ungerechten und gewaltfamen Tod mußteft du fterben! Welche 
Familie der Hand des Feindes als Gefangene überlaffen! 
Welcher edle Körver wurde unter Pferdeshufen zertreten! 
Welches Haupt auf feindliche Lanzen gefpießt! Wir haben 


nur auf den Monat Rabia Awwal paßt, der Sonntags anfing, 
während der Ite Rabia Achir ein Dienftag, der Ste alfo ein 
Samftag war. 

1) Nach Tab. fanden ſich zulegt 10,000 Mann ein, nach Abd 
Almahafin nur 5000, von denen ſich fpäter manche wieder entfern- 
ten, mwahrfcheinlih nachdem befchloifen ward, gegen Ubeid Allah zu 
ziehen. 


360 Achtes Hauptſtück. 


unſer Geſicht geſchwärzt und mit ſchwarzem Geſichte erſcheinen 
wir vor dir, um dich um Vergebung zu bitten, denn wir 
waren die Sünder, die den Bund gebrochen und dich der 
Gewalt des Feindes überließen, ſo daß er dich und deine 
Angehörigen morden konnte. Dein Blut haftet an unſerm 
Halſe. Doch haben wir vor Gett Buße gethan und erröthen 
vor deinem Großvater Mohammed, Wir haben gelobt, mit 
Aufopferung unfres Lebens dich zu rächen, damit ung Gott 
vergebe und Mohammed der Augerfohrene ung feine Fürbitte 
nicht entziehe 1). 

Am folgenden Tage verließen die Echiiten wieder Ker- 
bela und fchlugen den Weg nad der feften Stadt Kirkiſia 
ein, welche Zufe Fon Alharith im Namen Abd Allah Ibn 
Zubeirs befegt bielt. Zufr, welcher das Gefindel, das ſich 
unter den Charidjiten befand, fürchtete, aucd wußte, daß fie 
Abd Allah Fon Zubeir nicht fehr gewogen waren, ließ die 
Thore der Stadt ſchließen. Als er jedoch vernahm, daß fie 
entichloffen feien, gegen die Dmejjaden zu fämpfen, während 
er auf der andern Eeite von dem Heranrüden einer fyrifchen 
Armee Nachricht erhielt, fandte er ihnen allerlei Proviant 
und ſchlug Euleiman vor, in der Nähe zu bleiben, um im 
Falle einer Niederlage fih in die Feſtung werfen und fie 
gemeinfchaftlih mit ihm gegen den Feind vertheidigen zu 
fönnen. Guleiman gab ihm aber fein Gehör, fondern fekte, 
auf Gott vertrauend, feinen Zug fort, bis er bei Ein Al— 
wardah, zwifchen Kirfifta und Rakka auf den Feind ftieß. 
Die Borpoften der Syrer unter Schurabbil, welche von der 
Nähe eines Feindes Feine Ahnung hatten, wurden zu Stüden 
gehauen. Als aber das Hauptheer, von Haßin Ibn Numeir 
befehligt, heranrüdte, begann eine mörderiſche Schlacht, welche 
drei Tage lang dauerte und ſich zu Gunften Haßins entſchied, 
den Uberd Allah jeden Tag dur frifche Truppen verftärkte, 
während die Charidjiten von Feiner Seite Hülfe erhielten. 





1) Tabarı ©. 55 u. 56. 


Merwanl. 361 


Suleiman felbft fiel am dritten Tage und nach ihm drei ans 
dere Feldherrn, welche er zum Voraus als Anführer nad 
feinem Tode beftimmt hatte, Rifaa Ibn Keis, der vierte 
son Suleiman ernannte Nachfolger, ſah die Unmöglichfeit 
ein, das Schladhtfeld Tänger zu behaupten, und ſuchte daher 
in der folgenden Nacht in der Flucht fein Heil, Dieſes 
Treffen fand furz vor dem Tode Merwans ftatt ), welcher im 


1) Den ganzen Krieg zwifhen Suleiman und Hafin befchreiben 
mit einander übereinftimmend, Abd Almahafin und Tab. ©. 56 u. 
57. Weber die Zeit des Treffens, weldhe bei Erſterm gar nicht näher 
angegeben ıft, it Lerterer mit fich jelbft mehrmals in Widerſpruch. 
©. 56 läßt er Zufr Son Harith den Charidjiten fagen: „Mermwan 
ift todt, fein Sohn Abd Almalif ift fein Machfolger geworden, 
und da diefer von euerm Auszuge Kunde erhalten, hat er die tapfer: 
ften Araber, wie Hafin und Shurahbil, mit einem Heere euch ent: 
gegengeſchickt, damit fie euch angreifen, wo fie euch treffen u. |. w. 
Auf derielben Seite heißt es dann weiter unten: „Ald Ubeid Allah 
vernahm, daß die Borpoften feiner Armee gejchlagen worden, fandte 
er Hain Son Numeir mit 12,000 Mann gegen Suleiman, es war 
der Tte Diumadſi-l-Awwal des 3. 65, ald Haßin mit ihm zu: 
fanmentraf. Haßin fagte denn zu Suleiman: „da doch jegt die 
Mufelmänner fi in zwei Parteien, in Zubeiriden und Mermwant- 
den theilen, was wollt ihr hier, da ihr doc feinen Smam habt, 
für wen wollt ihr euer Blut vergießen?“ Darauf antwortet Sulei— 
man: behalte deinen Rath für dvih!.... unfer Smam tft aus der 
Familie des Propheten und der Eurige it Merwan,.... wollt 
ihr, daß wir euch in Frieden laffen, fo liefert uns Ubeid Allah Ibn 
Zijad aus und entjeget Abd Almalif Ibn Merwan des Chalifats, 
dann wollen wir Freunde fein. Endlich heißt ed noh ©. 57: „Als 
Merwan von dem Auszuge Suleimans Nachricht erhielt, fandte er 
ihm Ubeid Allah Ibn Zijad entgegen und zur Zeit, als diefer Su: 
feimans Truppen ſchlug und zurücfehrte, war Abd Almalif ſchon 
Chalife,* und am Schluffe der Seite: „Als Abd Almalıf das Cha: 
lifat übernahm, ſchrieb er an Ubeid Allah: Wenn du mit den An— 
gelegenheiten der Charidjiten im Keinen bift, fo fomme hierher zu 
mir! Ubeid Allah Fehrte, nahdem er Suleiman getödtet und die 
Schiiten gefhlagen hatte, zu Abd Almalit zurüd, Merwans Tod 
war im Monat Ramadhan des 3. 65 d. H.“ 


362 Achtes Hauptſtück. 


Ramadhan des Jahres 65 (April 685) wegen feines Wort- 
bruches von feiner Gattin ermordet ward, Er hatte nämlic) 
bald nach feiner NRüdfehr aus Egypten, um die Partei Cha- 
lids Jon Fezid zu befriedigen, deffen Mutter Meifun gehei- 
rathet und ihr verfprochen, ihren Sohn zum Nachfolger zu 
beftimmen, fpäter aber, als er von den Beſchützern ) Chalids 
nichts mehr zu fürdten, fie zum Theil auch durch Beftechung 
gewonnen hatte, ihm feinen eignen Sohn Abd Almalif vor- 
gezogen ?), wofür er mit dem Leben büßen 3) mußte. 


1) Tab. ©. 57. Cr nennt auch hier wieder Hafan Ibn Malik, 
den Bey des Sordangebiets, als den Verfechter der Rechte Chalids, 
der fich jedoch fpäter beftechen ließ. Abd Almahafin nennt auch Malik 
Son Hubeira, ebenfalld ein alter fyrifcher Feldherr, der ſchon unter 
Muawia I. gedient. 

2) Merwan, heißt es bei Abd Almahafin, ließ darum feinem 
Sohne fhon vor feinem Tode huldigen, weil Amru Ibn Said Son 
Alaaß, welher Mußab Son Zubeir, als er in Syrien einfiel, zurüd: 
gefchlagen, damit umging, ſich zum Thronfolger emporzufchmwingen. 
Die Anſprüche Chalids auf den Thron erklären übrigens ſchon zur 
Genüge diefe Magregel. 

3) Nah Tab. a. a. D. ward er unter Kiffen erftictt, bei Masudi 
f. 245 heißt es: „Nah Einigen ward Merwan erſtickt, nach Andern 
vergiftet; manche behaupten, er fei erdolcht worden.“ Letzteres tft 
um fo unmahrjcheinliher, als Meifun behauptete, er fei einen na— 
türlihen Tod geitorben. Er ftarb nach den meiften Berichten in 
einem Alter von 65 Sahren, nur bei Tab. erreicht er ein Alter von 
80 Sahren. Bei Nawawi ©. 545 heißt es: Merwan ward zur Zeit 
des Gefandten Gottes in Meffa oder nach Andern in Taif im 2ten 
Sahre der H. geboren. Malik berichtet: am Schlahttag von Ohod 
(im Schammal des J. 3), nah Andern am Schladhttag des Grabens 
(während der Belagerung von Medina im Schammal des J. 5). 
Er wäre alfo nach lesterer Tradition nur 60 Jahre alt geworden. 


Reuntes Hauptftück. 


Abd Almalik. 


Kampf in Baßra zwifchen den Azrafiten und dem Statthalter 
Abd Allah’s. — Muhallabs Krieg gegen die Azrakiten. — Muchtar 
fol! in Rufa eingeferfert werden. — Sein Verhältniß zu Moham— 
med Ibn Hanafijeh. — Muchtar vertreibt Abd Allah’s Statthalter 
aus Kufa. — Sendet Sbrahim Son Malik Alafchtar gegen Ubeid 
Allah. — Aufruhr in Kufa. — Ibrahim züchtigt die Rebellen. — 
Schlacht am Zab. — Ubeid Allah’s Tod. — Muchtar unterhandelt 
mit Abd Allah. — Seine Truppen werden in Arabien niedergemegelt. 
— Mohammed wird in Mekka eingefperrt. — Muchtar befreit ihn. 
— Rampf zwifhen Mufab und Muchtar. — Sbrahims Verrath und 
Muchtars Tod. — Mußabs Graufamkeit gegen die Beſiegten. — 
Meue Züge der Azrafiten. — Der Ehalife fchließt Frieden mit den 
Geiechen. — Zieht gegen Sraf. — Aufftand in Damask. — Rüdkehr 
des Chalifen in die Hauptftadt. — Züchtigung der Rebellen. — 
Zweiter Zug gegen Irak. — Aufruhr in Baßra. — Schladt bei 
Masfan. — Mufab wird verrathen. — Gr und Ibrahim fallen. — 
Abd Almalifs Einzug in Kufa. — Haddjadj wird gegen Abd Allah 
Son Zubeir gejandt. — Belagerung von Meffa. — Ginnahme der 
Stadt und Tod Abd Allah's Son Zubeir. — Muhallabs Zug gegen 
die Charidjiten. — Aufftand in Kufa und Baßra. — Haddjadj’s 
Statthalterfchaft in Sraf. — Kriege mit den Charidjiten Salih und 


364 Neuntes Hauptſtück. 


Schebib. — Letzterer überfällt Kufa. — Sein Tod. — Empörung 
Mutarrifd und Katarij’d Son Fudjaa. — Muhallabs Statthalter: 
fhaft von Chorafan. — Sein Zug gegen Buchara. — Ubeid Allah’s 
verunglücter Zug gegen die Turfomanen. — Abd Errahman wird 
Statthalter von Sedjeftan. — Empört fih gegen Haddjadj. — 
Nimmt Baßra und Kufa ein. — Abd Almalik unterhandelt mit ihm. 
— Wird von Haddjadj gefchlanen und flüchtet zu den Turfomanen. 
— Scha'bi und Haddjadj. — Abd Errahman’d Tod. — Gründung 
der Stadt Waſit. — Jezids Son Muhallab Kriege und Entfegung. 
— Kuteiba's Statthalterfhaft von Chorafan. — Kriege zmwifchen 
dem Chalifen und den Byzantinern in Kleinafien und Armenien. — 
Hafans und Mufa’s Kriegszüge in Afrika. — Raubzüge nach Sici— 
lien und Sardinien. — Streitigkeiten wegen der Erbfolge mit dem 
Statthalter von Egypten. — Abd Almalif läßt feinen beiden Söh— 
nen huldigen. — Widerftand Saids Ihn Muſajjab. — Abd Almaliks 
Charakter. — Die Dichter feiner Zeit. — Seine Liberalität gegen 
diejelben, — Sein Tod. 


Obgleich Abd Almalik eigentlid den Thron ufurpirt hatte, 
indem er, dem von Muawia eingeführten Erbrechte zufolge, 
dem Chalid Ibn Fezid gebührte und Merwan felbft nur mit 
Hülfe der Anhänger Chalids fih auf den Thron ſchwingen 
fonnte, fo fand doch feine Thronbefteigung in Syrien nicht 
den mindeften Widerftand, Mochten auch einige mütterliche 
Stammgenoffen Chalids dem neuen Chalifen grollen, fo 
ſchloſſen ſich ihm die Keiſiten, weil er ein veinerer Sprößling 
Omejja's war, denn feine Mutter ftammte auch von Abu— 
l-Aaß her, um fo enger an ihn an). Er trat feine Re— 
gierung unter glücklichen Aufpizien an, denn faum hatte er 


— 


1) Eine ſeiner Urgroßmütter war jedoch auch von Jemenidiſcher 
Abſtammung, fie hie Zurka und gehörte zu den Benu Kinda. 
Darum nannte ihn auch einft der Dichter Abu Katifa, ald er feine 
Abftammung über, die des Chalifen erheben wollte, „Sohn der 
Zurfa.” ©. Kitab U Aghani ed. Kofegarten ©. 27, 


Abd Almalik. 365 


den Thron beftiegen, als die Nachricht von der Niederlage 
Suleimans bei Ein Alwardah in Damasf eintraf. Mehr als 
feine eignen Feldherrn arbeiteten aber an der Befeftigung 
feines Thrones die Feinde Ber Dmejjaden, welche, unter ſich 
felbft uneinig, ftatt mit vereinten Kräften gegen Syrien zu 
ziehen, ſich gegenfeitig befehdeten. 

Ohngefähr gleichzeitig mit dem Siege Haßins Ibn Nu- 
meir gegen die Charidjiten von Kufa, fand auch der Krieg 
des Abd Allah Fon Zubeir, oder vielmehr feines wadern 
Feldherrn Muhallab Fon Abt Sofra gegen ‚die Charidjiten 
yon Baßra oder die Azrafiteh ftatt. Diefe hatten fih, wie 
fhon oben erwähnt, unter Leitung Nafi's Ibn Azraf, der 
Stadt Baßra bemächtigt und geweigert, den von Abd Allah 
Fon Zubeir abgefandten Statthalter Abd Allah Jon Mi’mar 
aufzunehmen. Da indeffen ein großer Theil der Bewohner 
Baßras mit den Azrafiten unzufrieden war, fam eg zu einem 
Straßenfriege, in welchem die Azrafiten unterlagen, worauf 
Abd Allah Ibn Mi'mar feinen Einzug in die Stadt hielt, 
Nafi, welcher aus der Stadt vertrieben ward, fammelte aber 
bald ein bedeutendes Heer aus der Umgegend, und nad) vie 
len Kämpfen vor den Thoren Baßra’s gelang es ihm, Abd 
Allah zu ſchlagen und zur Flucht nah Meffa zu nöthigen M. 
Die Charidjiten beberrfchten wieder die Stadt, big ein neuer 
Statthalter, Abd Allah ?) Ibn Alhartd mit einigen Truppen 
von Meffa fam, an deren Spike Muslim Ibn Übers 3) ftand, 
welher mit Hülfe der Bewohner Baßra’s die Charidjiten 
abermals vertrieb. Später verfolgte er fie fogar bis Ahwas 


— — 


1) Tab. ©. 58. 

2) So bei Tab. a. a. O, bei Schehreftani ©. 89 heißt er Ubeid 
Allah Ibn Alharth Son Naufal, bei Quatremere ©. 429 „Harith 
Ibn Abd Allah,“ der nah Tab. erft fpäter dahin Fam. 

3) Co bei Abd Almahafin, bei Tab. heißt er Muslim Ibn Ane 
das, bei Schehreftani Muslim Ibn Anbas, Ibn Kureiz, Ibn Habib, 
bei Quatremere Abd Allah Ben Moslem. 


366 Neuntes Hauptſtück. 


und tödtete (Djumadi Adir 65 — Yan. 685) ) Nafi Ibn 
Azraf, doch bezahlte auch er feinen Sieg mit dem Leben. 
Die Azrafiten fammelten fih bald wieder unter Abd Allah 
Fon Madjur ?) und da die Bahrenfer, des Krieges müde, 
fih in ihre Heimath zurüdzogen, drangen jene nach und nad 
wieder bis zu den Thoren Baßra’s vor, behandelten das 
ganze Land von Baßra bie Ahwas wie eine eroberte Pro- 
vinz und ermordeten jeden, der fich nicht zu ihrer Sefte be- 
kannte. Als Abd Allah Fon Zubeir von der wieder überhand 
nehmenden Macht der Charidjiten Nachricht erhielt, ernannte 
er an Abd Allah Ibn Alharth’s Stelle, den er der Feigheit 
und Unthätigfeit befchuldigte, Harth Ibn Abd Allah Ibn Ra— 
bia. Aber auch diefer Statthalter vermochte nichts gegen die 
Charidjiten, weil die Baßrenfer zu wenig Vertrauen zu ihm 
hatten, um fih unter feiner Leitung ins offne Feld gegen den 
Feind zu wagen. Zum Glüd für den bedrängten Statthalter 
fam Muhallab Fon Abi Sofra, der ſchon unter Jezid's Ne- 
gierung fih in Chorafan ausgezeichnet hatte und jeßt aber: 
mals als Statthalter Abd Allah Ibn Zubeir's ſich dahin be: 
geben follte I), nach Baßra, wo fi feine Familie aufhielt. 


— — — 


1) Das Datum bei Abd Almahafın, ebenſo Muslim's Tod, den 
auch Schehreftani berichtet, das Uebrige auch bei Tab., welcher die 
Schlacht in die Nähe des Ortes Dulab fest, das wahrfcheinfich bei 
Ahwas lag, da Abd Almahafin legteren Drt ale Kampfplag nennt. 


2) So heißt er bei Tab, u. Quatremere 1. 1., bei Abd Almahafin 
aber Abd Allah Son Machur, und bei Schehreftani Abd Allah Ibn 
Mahun. 

3) So bei Tab. „Muhallab erhielt von Abd Allah die Statt 
halterfchaft von Chorafan und er Fam nad Baßra, um dafelbft feine 
Vorkehrungen zur Reife zu treffen, weil fein Haus in Baßra war.“ 
Auch Abd Almahafın fchreibt: „Die Basrenfer wählten Muhallab 
zu ihrem Anführer, er nahm es aber nicht an, weil ihn Abd Allah 
Ibn Zubeir zum Statthalter von Chorafan ernannt.” Sch weiß nicht, 
warum Quatremere, der auch Tab. citirt, S. 429 fchreibt; »Mohalleb 
ben Abi Sofrah &tait alors de retour du Khorasan, ou il avait rem- 


Abd Almalik. 367 


Die Häupter der Stadt erfannten fogleih in Muhallab den 
Mann, der fie von den Charidjiten zu befreien im Stande 
wäre. Sie ſchrieben daber, in Uebereinftuinmung mit ihrem 
Statthalter, einen Brief im Namen Abd Allah Fon Zubeir’g 
an ihn, welcher den Befehl enthielt, vor feiner Reife nach 
Chorafan das Land von den Charidjiten zu fäubern. Diefen 
falfhen Brief fandten fie ihm des Nachts dur einen Be— 
duinen, fo daß er feinen Verdacht gegen bie Hechtheit deffelben 
ſchöpfte. Muhallab ftellte indeffen mehrere Forderungen und 
erft nad) deren Gewährung von Seiten Abd Allah’s, den die 
Baßrenfer gleichzeitig fowohl von ihrer großen Noth, als von 
dem Mittel, nad) dem fie gegriffen, unterrichteten, traf er die 
nöthigen Anftalten zu einem Feldzuge, Den von ihm geftell- 
ten Bedingungen gemäß war er ermächtigt, 20,000 Mann 
auszubeben 1), von denen die Hälfte fi gleich feinen nad) 
Chorafan beftimmten Truppen anjchließen und die andere 
Hälfte in der Nähe der Stadt die Reſerve bilden follte. Das 


porte sur les Kharedjis des avantages signales et venait d’etre nomme 
gouverneur de Koufah.«e Nadı Tab. ©. 52 war Muhallab fhon früs 
ber, doch nur ganz kurze Zeit, Statthalter von Chorafan. Er ward 
von Aslam (Salim oder Muslim) Ibn Zijad dazu ernannt, als dies 
fer nad Jezid's Tod nah Syrien zurückehrte. Sn Nifabur ſtieß 
aber Aslam auf eine Abtheilung Truppen, an deren Spike Abd Als 
lab Ibn Hazim aus Baßra ftand, mwelher ihn nöthigte, ihm die 
Stutthalterfhaft von Chorafan zu verleihen, worauf Muhallab auch 
nad Syrien reifte, dann aber fih der Partei Abd Allah's Ibn Zus 
beir anſchloß. Der genannte Abd Allah Son Hazim bemädtigte fih 
nach und nach der ganzen Provinz Chorafan, denn er vertrieb auch 
Suleiman Ibn Muzid, welhem Aslam die Statthalterihaft von 
Merurud verliehen und nahm Herat nach einer Belagerung von 
einem Sahre, trog der tapfern Gegenmwehr der Benu Dhabba, welche 
länaft fbon mit den Basrenfern in Feindfchaft lebten. Warum Mu: 
hallab von den Dmejjaden abfiel und fich dem Abd Allah Son Zu: 
beir anfchloß, wird nicht angegeben. 

1) So bei Tab., bei Quatremere ift nur von 10,000 Mann die 
Rede und bei Abd Almahafin von 12,000. 


368 Neuntes Hauptflüd. 


ganze Heer mußte, was damals noch Feineswegs regelmäßig 
geihah, von dem Staate unterhalten, und außer den nöthigen 
Kriegsfoften ibm noch eine große Summe "Geld zugeftellt 
werden, damit er „die Charidjiten zumal durch Schwerdt und 
Beftehung” befämpfen fünnte I). Sobald Muhallab mit fei- 
nen auserlefenen Truppen ausrüdte, zogen ſich die Azrafiten 
zurüd, weil fie das Schlachtfeld fo weit ald möglich von der 
Stadt Baßra wegrüden wollten, die den Feind ſtets mit neuer 
Mannfchaft und allerlei Proviant verfehen konnte. Erſt in 
der Nähe von Ahwas ?) machten fie Halt, und zogen ihre 
Verbündeten aus Kerman und Ispahan an fi), fo daß ihre 
Truppenzahl der Muballab’S bei weitem überlegen war 3). 
Der unerſchrockene Muhallab Tieferte ihnen aber dennoch eine 
Schlacht und behauptete noch feinen Poften, als ſchon der 
größte Theil feiner Truppen die Flucht ergriffen hatte. Wäh- 
rend dann die Azrafiten, ſchon ihres Steges gewiß, theils in 
Unordnung die Flüchtlinge verfolgten, theils im Lager umber 
serftveut waren, fiel er aufs Neue mit 3000 Mann, die fid 
nad und nad wieder um ihn fammelten, über fie her und 
tödtete ihnen viele Leute, unter Andern auch ihren Anführer 
Abd Allah Ibn Madjur. Bald nahmen alle Flüchtlinge aus 
dem Heere Muhallab's wieder an dem Angriffe Theil und 
ſchlugen die Azrafiten gänzlich aufs Haupt, fo daß fie gend» 
thigt waren, fi gegen Ispahan und Kerman bin zu zer 
ftreuen. 

Kaum war Abd Allah Ibn Zubeir dur die Tapferfeit 


—— — — 


1) Eine fernere Bedingung war nach Tab, daß jede Stadt, die 
er den Charidjiten wegnehmen würde, unter ſeiner Botmäßigkeit 
bleibe; nach Abd Almahafin ſollte auch alle eroberte Beute ihm 
gehören. 

2) Bei Tab. ©. 59 in der Nähe von zwei Dörfern, weldye Sil 
und Silir hiegen, nach Abd Almahafin bei Sulak. 

3) Die Zahl der Charidjiten wird auf 30,000 angegeben, die 
der Truppen Muhallab’s betrug nur 12,000. 


Abd Almalik. 369 


Muballab’s, der nunmehr von Ahwas aus alle weitern Ver— 
ſuche der Azrafiten, wieder gegen Jrak zu zieben, vereitelte, 
von dieſer gefährlichen Sefte befreit, als die Keifaniden ſich 
wieder mächtiger als je unter Muchtar erhoben. Durd die 
Berivendung feines Schwagers Abd Allah Ibn Omar ward 
diefer nämlich abermals, bald nad) der Niederlage Suleiman’g 
bei Ein Alwardah ), von Abd Allah Fon Jezid, dem das 
maligen Statthalter von Kufa, aus dem Gefängniffe befreit. 
Alle ehemaligen Anhänger Suleiman’s erfannten ihn jest als 
Oberhaupt an, und bofften unter feiner Leitung glücklicher 
gegen die Mörder Hufein’s zu fein als unter der Suleiman’s, 
Sp lange indeffen Abd Allah Fon Jezid Statthalter in Kufa 
war, verbielt fih Muchtar ruhig, denn er hatte feine Freiheit 
nur durd den Schwur erlangt, ſich nie gegen ihn aufzulehnen. 
Als aber Abd Allah Ibn Muti Statthalter von Kufa warb 7), 


1) Es heißt bei Tab. ©. 59: Als Rifaa Son Schaddad mit den 
flüchtigen Charidjiten nah Kufa zurücfehrte, war Muchtar im Ge: 
fänaniffe, er tröftete fie aber in einem Schreiben, das er ihnen 
fandte, und verfprach ihnen unter Andern, fo viel Blut um Huſein's 
willen zu vergiegen, ald Baht Naßr (Nebukadneßar) jüdiiches Blut 
um Jahja (Sohannes) Sohn Safaria’s willen vergoffen.“ Seine 
Freunde wollten ihn in der Naht aus dem Gefängniffe befreien, er 
309 aber vor, die Fürbitte feines Schwagers in Anſpruch zu 
nehmen, um es dffentlich verlaffen zu können. Die Schlacht bei Ein 
Alwardah war, wie fhon oben erörtert worden, ohmgefähr gleich: 
zeitig mit Mermwan’s Tod. (Ramadhan 65). Nun vergingen nod 
einige Monate bis Muchtar befreit wurde und die Empörung unter 
dem folgenden Statthalter zum Ausbruh Fam. Wenn daher Tab. 
©. 61 Muchtar's Auflehnung in den Monat Rabia Awwal 65 fest, 
fo irrt er um ein ganzes Sahr, und ich würde es für einen bloßen 
Schreibfehler halten, wenn er niht ©. 63 auch wiederholte, daß 
Muchtar's Befisnahme von Kufa im Rabia Awwal 65 ftatt fand. 


2) Nah Abd Almahafin Ende Ramadhan 65. Dies fcheint mir 
aber um einige Monate zu früh, wenn, wie oben bemerft, Muchtar 
bei der Rückkehr Rifaa's noh im Gefängniffe war, und erſt nad) 
Medina ſchicken mußte, um Abd Allah's Fürſprache zu erflehen. Als 

24 


370 Neuntes Hauptſtück. 


nahmen Muchtar’s Umtriebe dermaßen überband, daß der 
neue Statthalter es für rathſam hielt, ſich feiner Perfon zu 
bemächtigen. Um aber fein Auffehen zu erregen, und um fo 
weniger Widerftand zu finden, lieg er ihn nur von zwei Leu— 
ten ganz böflih zu fih laden. Muchtar war fchon auf dem 
Punkte, in die Falle zu gehen, ald einer diefer Boten, wahr- 
Iheinfih ein verborgener Schiite, ihm von der ihm bevor- 
ftehenden Gefahr einen Winf gab). Sogleich ftellte ſich Muchtar 
fieberfranf und ließ dem Statthalter fagen, er fünne wegen 
Unpäßlichfeit erft morgen die Ehre haben, vor ihm zu erfchei- 
nen. In der Nacht ließ Muchtar feine Freunde zu fich rufen 
und forderte fie auf, am folgenden Morgen alle Schitten zu 
bewaffnen, um Abd Allah Jon Muti zu überfallen und von 
der Stadt Befts zu nehmen, Saab Ibn Abi Saab, einer 
der einflußreichften Sciiten, begehrte aber eine Friſt von 
zehn Tagen, angeblich, weil man fo viel Zeit brauchte, um 
bie zerftreuten Verſchworenen einzuberufen und den Aufſtand 
zu organifiren, in der That aber um fich zuerft zu überzeugen, 


Urfahe der Entfegung Abd Allah Ibn Jezid's führt Quatremere an, 
daß er fich durch eine Kanzelrede lächerlich gemacht und den Schimpf: 
namen „Rameeljchäger” zugezogen. Er fagte nämlich einft in feiner 
Predigt: „Wißt ihr, warum Gott das Volk Salih’8 ausgerottet? 
weil neun ruchloſe Menſchen das Wunderfameel verwundet, ohne 
daß ſich ihnen jemand widerjekte. Gottes Zorn traf darum das 
ganze Volk und zwar um eines Kameeles willen, das nur 500 Sil— 
berjtücte werth war.“ Das Gleiche findet man bei Abd Almahafın, 
doc nicht als Grund der Entfesung Abd Allah Ibn Jezid's, fondern 
als der Ubeida's Son Zubeir von der Statthalterfchaft von Medina, 
Ueber den Propheten Salıh, von dem ald Zeichen feiner Sendung 
verlangt ward, daß er ein Kameel aus einem Felfen hervorbringe, 
vergl meine „Biblische Legenden der Mufelmänner u. f. w.“ Frank: 
furt a. M. 1845. ©. 56 u. ff. 

1) Er las den Koransvers: „Gedenke der Zeit, als die Ungläu: 
bigen eine Liſt erfannen um dich feit zu nehmen, oder dich zu tödten 
oder zu verbannen u. f. w.“ ein Vers, der fi auf Mohammed’s 
Flucht aus Mekka bezieht. Tab, S. 60, 


Abd Almalik. 311 


ob Muchtar wirfliih von Muhammed, dem Sohne Ali's, 
abgefandt, und wie jener vorgab, zum Anfübrer der Schiiten 
ernannt, oder nicht. Diefer Saad Jon Abi Saad war näm— 
lich ein Hanafite I), das heißt, gehörte dem Stamme Pants 
fah an, aus welchem auch des genannten Mohammed's Mutter 
war 2), weshalb er aud gewöhnlich nicht Sohn Ars, fon- 
dern Sohn der Hanafitin genannt wird. Saad war es alfo 
wirffih darum zu thun, feinen Verwandten auf den Thron 
zu heben und nicht Muchtar's Ehrgeiz Vorſchub zu Leiften; 
Doch verfprah er diefem jeden Augenbli feinen Beiftand, 
falls Abd Allah Ibn Muti fih eine Gewalttbat gegen ihn 
erlauben würde. Abd Allah, entweder wirklich an Muchtar’s 
Krankheit glaubend, oder zu ſchwach, um ſich mit Gewalt 
der Perſon Muchtars, der nunmehr ſtets von feinen Freunden 
umgeben war, zu bemächtigen, Lieg ihn in Ruhe ?), traf 
jedoch im Stillen Anftalten, um einem etwaigen Aufftande 
fräftig zu begegnen. Saad fandte inzwiſchen vier Männer 
nad) Medina, um Mohammed Fon Hanafije zu fragen, ob 
er damit einverftanden, dag Muchtar an der Spige ber 
Schiiten gegen Hufein’s Mörder ausziehe. Mohammed, der 
einen ſolchen Aufftand gern ſah, jedoch nicht geradezu erflä- 
ven wollte, daß Muchtar in feinem Auftrage handle, gab 


1) Ebendaj. 

2) Sie hie Chaula, Tochter Djafars, und gebar Mohammed 
im Sahr 21 oder 22 d. 9. Nawawi ©. 114, 

3) Tab. foricht ſich gar nicht darüber aus, warum der Gtatt- 
halter nicht fpäter Muchtar einfperren ließ; er erzählt nur, daß die 
beiden Boten ihm fagten, er fei Frank und daß, als fie Muchtar’d 
Haus verließen, fih auf die Nachricht von deſſen Verhaftung ein 
großer Volkshaufe verfammelte, bereit, ihn zu befreien. Bei Abd 
Almahafın aber heißt ed: „Muctar verließ noch im derfelben 
Naht die Stadt.” Indeſſen berichtet auch diefer Autor fpäter, daß 
Muchtar ſelbſt fih zu Shrahim begab, um ihn für feine Sache ein- 
zunehmen, er mußte aljo jedenfalls in der Nähe, vielleicht ver: 
borgen, gelebt haben, 

24* 


372 Neuntes Hauptftüd. 


eine ausmweichende Antwort. „Hufein’s Blut rächen,” fagte 
er, „it gewiß für jeden Mufelmann eine verdienftlihe Hand— 
lung ).” Saad’s Boten, welde vielleiht von Muchtar 
beftodhen waren, oder felbft den Ausbruch der Empörung 
wünfchten, deuteten dieſe Antivort als eine Beltätigung ber 


1) Tab. ebendaf. u. Abd Almahafin. Mohammed’s Charakter 
ift durch feine Thaten nicht klar ausgeſprochen und den Schilderun— 
gen der Mujelmänner ijt wenig zu trauen, weil er ſchon ald Sohn 
Ali's in ehrwürdigem Andenken fteht. Schehreftani ©. 111 bemerft: 
Muchtar habe fih darum auf Mohammed geftügt, weil diefer den 
Leuten das größte Vertrauen einflößte und jedes Herz von Fiebe 
für ihn erfüllt war; er war auch fehr gelehrt und mit vielem Geifte 
begabt, er zog die Zurücgezogenheit dem Ruhme vor. Mande 
Sihiiten behaupten, er allein habe die wahre Lehre vom Imamat 
gekannt und vor feinem Tode fortgepflanzt, amdere alauben, er fei 
nicht geitorben, fondern halte jich auf dem Berge Radhwa (in der Nähe 
von Mekka) auf, wo ihn ein Lowe und ein Tiger bemwahen. Aus 
feinen beiden leuchtenden Augen fließt Waſſer und Honig. Er wird 
einft mwiederfehren und die Welt mit Gerechtigkeit erfüllen, wie fie 
vor ihm mit Gewalt erfüllt war. Hier, fo jest Schehreſtani hinzu, 
bradten die Schiiten zuerjt die Lehre von einem Verborgenfein und 
wieder zum Vorſchein fommen an den Tag, und fie ward bei man- 
chen Gemeinden zum Doama und Grundpfeiler des Schiismus. Nach 
der oben ©. 173 angeführten Stelle aus Tabari, wäre übrigend 
fhon unter Othman die Rückkehr Mohammed's (des Propheten) 
gelehrt worden, doc dort mehr eine Art Auferftehung, hier ein 
Verihminden. Mohammed fheint in der That nit herrſchſüchtig 
geweſen zu fein, Abd Allah Ibn Zubeir aber des Chalifats eben fo 
unwürdig gehalten haben, als Abd Almalit.e Muctar mollte er 
nicht ftürzen, weil er erftend Krieg gegen die Feinde feines Hauses 
führte und zweitens ihm jelbft, wie wir in der Folge fehen werden, 
als Stüsge gegen Abd Allah diente. Mohammed ift aud der Erſte, 
welcher den Beinamen Mahdi (der Geleitete) erhielt, und als Grund 
der Zweifel an Muchtar’d Sendung wird unter Andern auch ange- 
führt, weil er Mohammed zuerit diefen Namen dab, den vor ihm 
Niemand Fannte, nad ihm aber viele Imame annahmen, und der 
von den Sciiten befonders dem zwölften Smam aus dem Gefchlechte 
Ali's, Mohammed Abul Kafim, beigelegt wird. Vergl. Not. et extr, 
des msc. de la bibl. du roi t. IV. ©. 146 u. ff. 


Abd Almalik. 373 


Behauptungen Muchtar's und befchwichtigten, bei ihrer Rück— 
kehr nah Kuſa, alle Zweifel und Bedenflichfeiten Saad's 
und feiner Freunde. Sollte indeffen dag Ilnternebmen der 
Schiiten gegen den vorfichtigen und auf einen Angriff vore 
bereiteten Statthalter gelingen, fo war die Mitwirfung Ibra— 
bim’s, Sohn des berühmten Malik Afchtar, theils wegen 
feines mächtigen Anbangs, theils wegen feiner perfünlichen 
Zapferfeit und großer Neichtbümer unentbehrlich. Ihn für die 
Sade der Sciiten zu gewinnen, war nicht fchwer, da be- 
fanntlich fein Vater einer der treueften Freunde und fiherften 
Stügen Ali's bis zu feinem Tode war. Hufein’s Blut zu 
rächen, mußte auch ihm als eine gegen das Andenfen feines 
Baters zu erfüllende Pflicht erfcheinen, nicht weniger die Er- 
bebung Mohammed's auf den Thron des Chalifats, Ibrahim 
war aber nicht minder ehrgeizig als Muchtar felbft, darum 
erklärte er den Schiiten, welche ihn im Namen Muchtar’s 
aufforderten, gemeine Sache mit ihnen zu machen, er würde 
dies nur unter der Bedingung thun, daß fie ihn als ihr 
Dberhaupt anerfennen. Auf ihre Erwiederung, dag Muchtar 
von Mohammed Fon Hanaftje felbjt als deffen Stellvertreter 
ernannt fei, forderte er Bedenkzeit. Muchtar, von Jbrahim’s 
Antwort unterrichtet, mochte wohl vermutben, daß auch dieſer, 
wie früher Saad, daran zweifle, ob Mohammed ihn wirklich 
zu feinem Stellvertreter ernannt. Er fchrieb daher einen 
Brief im Namen Mohammed’s, feste ein falſches Siegel 
darunter und begab fih am folgenden Tage mit einigen 
Männern, welche nöthigenfalls die Aechtheit des Briefes be- 
zeugen follten, zu Ibrahim und überreichte ihm dag Schrei- 
ben, welches lautete: „Sch babe Muchtar nah Kufa gefandt, 
um das Bolf aufzufordern, mir zu huldigen und Huſein's 
Dlut zu rächen. Nun, o Ibrahim! dein Bater war ein treuer 
Freund unferes Hauſes, darum ziemt es, daß auch du zum 
Gelingen diefes Unternehmens mitwirfeft und Muchtar Ge- 
horſam Teifteft. Zum Lohne ernenne ich Did als meinen 
Statthalter über das ganze Land, das zwifchen Kufa und 


374 Neuntes Hauptſtück. 


Syrien Tiegt, ih nehme Gott zum Zeugen dieſes Bünd- 
nijfes ).“ 

Als Ibrahim diefen Brief gelefen hatte, und Muchtar’s 
Freunde deſſen Aechtheit hezeugten, erhob er fih von dem 
Ehrenplabe des Teppich, den er bisher eingenommen ımd 
trat ihn, als Zeichen der Unterwerfung, an Muchtar ab und 
ſchwur ihm, als dem Stellvertreter Mohammed’s, Treue und 
Gehorfam. Sie verabredeten dann mit einander, ſich in der 
Naht vom 13. auf den 14. Rabia Amwal 2) des Jahres 66 
zu verfammeln, um den Statthalter Abd Allah Ibn Muti 
aus Kufa zu vertreiben. Diefer ward durch feine Spione 
son dem Borbaben der Charidjiten zeitlich) genug unterrichtet, 
um fräftige Maßregeln zur augenbliclihen Unterdrüdung des 
Aufftandes zu ergreifen 3); fie wurden aber durch Ibrahim's 


1) Tab. ©, 61. 


2) Diejes Datum hat Abd Almahafin, der noch ausdrücklich 
fagt »leilat Alghamis,« das heißt Mittwoh Nacht, nah arabifcher 
Zeitrehnung, die zum fünften Wocyentage gehörende Naht. So 
ftimmt auch der Wochentag mit dem des Monats überein, denn 
der erite Rabia Awwal des Sahres 66 war ein Freitag, der 14. alſo 
ein Donnerjtag, nicht wie bei Quatremere ©. 454 »jeudi le 15. jour 
du mois de rebi premier de l’an 66.« 


3) Tab. bat dem Kampfe zwifhen Muchtar und Abd Allah Ibn 
Mutti andertbalb Seiten gewidmet, ohne jedoch viel Licht über dieſe 
Vorgänge zu verbreiten, weshalb ih mich auf das Wefentlichite, 
nadı Abd Almahafin, beſchränkte. Ajas Sbn Mudharib, der Stadt: 
fommandant oder eigentlih Volizeipräfeft (Emir Asas), ließ jedes 
Stadtviertel — e3 gab deren fieben in Kufa — mit 500 Mann 
bewachen und er felbft machte die Runde mit 500 Mann. Die 
fieben Häupter der Truppen, die Tab. alle beim Namen nennt und 
unter denen auch Schomar Ibn Djaufhan war, der fih im Kampfe 
gegen Hufein ausgezeichnet, erhielten Befehl, jeden zu tödten, der 
des Nachts auf der Straße gefunden wird, und in das Stadtviertel 
zu eilen, wo ein Aufitand ftatt findet. Demungeachtet begibt fich 
Sbrahim mit den Feuten, die bei ihm verfammelt waren, zu Muctar 
und todtet unterwegs Ajas, deffen Soldaten dann zum Statthalter 


Abd Almalık, 375 


Theilnabme an der Verſchwörung, von welcher der Statt— 
balter wahrfcheinlih nichts wußte, vereitelt, denn Ibrahim 


faufen, Ibrahim durchzieht dann alle fieben Stadtviertel, um feine 
Anhänger zu verfammeln, todtet die fieben Anführer einen nach dem 
Andern (2) und jchlägt ihre Truppen. Inzwiſchen fandte der Statt: 
halter Scheib Sbn Rabia mit 2000 Mann gegen Muctar, welche 
Ibrahim auch aufs Haupt jchlägt. Es fammeln fi dann 20,000 
Mann vor Abd Allah’s Palaft, um die Charidjiten zu befümpfen, 
die fih vor Muchtar’8 Wohnung zufammenrotten. Da indeffen von 
Lestern, zu Ibrahim's Verdruß, ſich nur 1600 Mann einftellen, fo 
verläßt Muchtar, an ihrer Spise, die Stadt und lagert vor dem 
Thore. Hierauf fendet Abd Allah 6000 Mann gegen ihn, fie wer: 
den aber geſchlagen, obaleich ihnen noch einige tauſend Mann nach: 
folgen. Muctar dringt wieder in die Stadt und verfolgt Abd 
Allah’8 Truppen bis in das Schloß u. ſ. w.“ Man ſieht wohl, dag 
hier auf der einen Geite die Zahl der Truppen übertrieben und auf 
der andern zu gering angegeben ift, und daß nad den getroffenen 
Anstalten die Empörung nur durch Berrath, oder dadurch, daß man 
von Ibrahim's Uebergang zu den Charidjiten nichts wußte, gelingen 
fonnte. Bei Quatremere ©, 434 lieft man über diefe Vorfälle: 
»La nuit fixee pour la revolte, plusieurs hommes bien armes s’etaient 
reunis à la porte de la maison d’Ibrahim; ce general jortant de chez 
lui vit Aias qui lui barrait le passage a la tete de 500 hommes; il 
lui decocha une fleche qui lui traversa le ventre et lui sortit par le 
dos. Les soldats d’Aias prırent aussitot la fuite (500 vor plusieurs 
hommes?) et regagnerent le palais d’Abd Allah ben Moti, qui avait 
deja pris ses armes. Üependant les Schiites s’etaient reunis aupres 
de Mokhtar: Ibrahim etant arrive declara que des rassemblemens par- 
tiels seraient le comble de l’imprudence, puisque les ofliciers places 
dans chacun des quartiers de la ville avaient ordre de tuer tous les 
hommes isoles (und mehrere zufammengerottete nicht?) qu'ils recon- 
treraient. Il s’offrit de parcourir les differens quartiers (wie konnte 
er died, nachdem er Ajas getodtet?) afin de rassembler succesive- 
ment les Schiites qui devaient prendre part a l’entreprise (Sie waren 
ja jhon bei Muchtar?) Apres quelques engagemens peu decisifs, 
Ahd Allah qui avait rassemble sous ses drapeaux un corps de 20,000 
honmes, se preparait a accabler les rebelles: Mokhtar qui n’avait 
autour de lui que 1600 hommes se decida à sortir de la ville. Trois 
corps d’armee envoyes contre lui furent completement battus et leurs 


376 Neuntes Hauptftüd. 


tödtete gleich den Stadtfon.mandanten, fo daß es den Truppen, 
welche die verfchiedenen Stadtviertel befegt hielten, an einem 
Anführer fehlte. Indeſſen fchlugen fie fi) doc) gegen bie 
Rebellen die ganze Nacht durch, und erft gegen Morgen über- 
liegen fte ihnen die Stadt und befchränften fih auf die Ver— 
theidigung des Schloffes, welches der Statthalter bewohnte, 
Das Schloß ward jest von Muchtar belagert, und da es 
der Beſatzung an Lebensmitteln fehlte, mußte fie ſich ſchon 
am vierten Tage ergeben, nachdem der Statthalter eg vor 
Zagesanbruc heimlich verlaffen und fid) in das Haus Abu 
Muſa Alaſchari's geflfichtet hatte Da Muchtar in dieſem 
Schloſſe eine gefüllte Schatfammer fand, die er unter den 
Truppen vertheilte, jo ward es ibm um fo Teichter, alles 
weitern Widerftandes Herr zu werben und fämmtliche Ein- 
wohner der Stadt zur Huldigung zu nöthigen. Gegen den 
gefchlagenen Statthalter, deſſen Verſteck er bald ausjpürte, 
war er, theils weil fie früher mit einander befreundet ge- 
weſen, theils aus Nüdficht für Abd Allah Fon Zubeir, mit 
dem er noch nicht förmlich brechen wollte, äußerft großmüthig. 
Er Tieg ihm näwmlich fagen, er möchte in der Nacht die Stadt 
verlaffen, um nicht in die Hand der gegen ihn erbitterten 
Sharidjiten zu fallen, und als jener ſich eine Frift von eint- 
gen Tagen erbat, um das nöthige Neifegeld aufzubringen, 
fandte ihm Muchtar 100,000 Silberftüde. Abd Allah Ibn 


commandans resterent sur Je champ de bataille. Un corps de 2000 
hommes detaches par Abd Allah fut mis egalement en deroute. Mokhtar 
rentra dans la ville et Abd Allah se retira dans le palais ete.« Sit 
es glaublih, daß Muchtar, der fih in der Stadt nicht mehr halten 
fonnte, außerhalb derfelben, wo ein großes Heer nur um fo beifer 
pperiren kann, eine Schlacht wagte? Wir find weit entfernt, 9. 
Quatremere einen Vorwurf zu machen, der nur feine Quellen trifft, 
nur glauben wir, daß man in folhen Fallen fich entweder ganz von 
denfelben emancipiren muß, oder wenn man das nicht will, fich 
damit begnügen, fie einfach zu überfegen, und das Urtheil darüber 
dem Gritifer anheimftellen. 


Abd Almalık, 377 


Muti 303 fh nah Baßra zurück, wo zwar bald nachher bie 
Charidjiten au eine Umwälzung zu Gunften Muchtar’s ver: 
fuchten, von dem Statthalter Abd Allah Ibn Alharth aber 
aus der Stadt getrieben wurden D. Bon größerm Erfolge 
waren die Bemühungen Muchtar’s in Madain, Hulwan und 
gegen Moßul bin. In letzterer Provinz ftanden fchon die 
Borpoften eines ſyriſchen Heeres, welches unter dem Ober- 
befehle Ubeid Allah Ibn Zijad's gegen Irak beftimmt war. 
Jezid Ibn Anas, welder an der Spike von 3000 Charid- 
jiten ftand, ſchlug zuerft eine 3000 Mann ftarfe Abtheilung 
Syrer unter Rabia Jon Mucharrif, dann eine zweite von 
gleiher Zahl unter Abd Allah Fon Hamlah. Als indeffen 
Uberd Allah felbft mit dem Hauptheere heranrücdte, mußten 
die Charidiiten fid) zurüdziehen, bis Muchtar 7000 Mann, unter 
Anführung des tapfern Ibrahim Ibn Aſchtar zu ihnen rücken 
lieg 9). Aber Ibrahim hatte nicht lange die Stadt Kufa 


1) Tab, ©. 65, ihr Häuptling, Muchtar's Emiſſär, hieg Mus 
thanna Sbn Mahrama, aus dem Stamme Abd Alfeis. 


2) Sp ganz wörtlih und auch mahricheinlich bei Abd Almahafin. 
Nah Tab. ©. 65 hatte Rabia 50,000 Mann bei fih und doc 
ward er gejchlagen. Als die Klüchtlinge zu Ubeid Allah kamen, 
brach er jelbjt mit einem Heere von 80,000 Mann auf. Dies erfuhr 
Waraka Son Harith, der nach Jezid's Tod den Dberbefehl über die 
Charidjiten übernommen, er zog fich daher an die Grenze von Sraf 
zurück und verlangte Berftärfung. Hier geht H. Quatremere nod) 
meiter ald Tabari, denn er berichtet (Bd. X. S 45) Obaid Allah 
ben Ziad, general des armees d’Abd Almelik ben Merwan, ayant sous 
ses ordres une armee de 80,000 hommes, s’avanga vers l’Irak, dans 
lVintention d’accabler Mokhtar et de marcher en suite contre Mosab 
et Abd Allah ben Zobair. Ses troupes etaient deja arrivees pres de 
Mausel, lorsque Jezid ben Anas, envoy& par Mokhtar, remporta sur 
elles un avantage marque. Mais ce general etant mort immediatement 
apres sa victoire, Mokhtar fit partir pour le remplacer Ibrahim ben 
Malek Aschtar.« Jezid, bemerft Tab., war ſchon frank, als er Kufa 
verließ, er ernannte daher Warafa Ibn Harth zum Stellvertreter 
und diefer trug den Sieg davon über die Syrer, von denen viele 


378 Neuntes Hanptftüd. 


verlaffen, als die zurüdgebliebenen Zubeiriden fih gegen 
Muchtar auflehnten und alle ehemaligen Truppen Abd Allah 
Ion Muti’s um fi verfammelten, welche zwar Muchtar ge- 
buldigt, doch weder ihre Niederlage vergeffen, noch ihm ver- 
ziehen hatten, dag er fie in jeder Beziehung hinter feine 
alten Anhänger zurückgeſetzt. Selbft mande Charidjiten 
ihloffen jich ihnen an, weil die Zweifel an Muchtar's Er- 
nennung zum Stellvertreter Mohammed’s Ibn Hanafıje wieder 
von Neuem auftauchten. Dazu verbreitete man noch das Ge- 
rücht, Jezid Ibn Anas, der nad) feinem Siege über bie 
Syrer in Folge einer Krankheit ftarb, jet befiegt und vom 
Feinde getödtet worden. Muchtar Tieß fih mit den Rebellen 
in Unterbandlungen ein, und verfprach ihnen, um Zeit zu 
gewinnen, die Abhülfe aller ihrer Befchwerden, fandte aber 
zugleich einen Eilboten an Ibrahim mit dem Befehle, fchleu- 
nigft nad) Kufa zurüczufehren. Während nun die Rebellen ”), 


getodtet und 300 gefangen wurden. Sezid war fterbend, ald man 
ihm die Gefangenen in Feffeln vorführte, und hatte fhon die Sprache 
verloren, jo daß es ihm nicht möglich war, den Befehl zu ertheilen, 
fie hinzurichten, doc hatte er noch Kraft genug, mit der Hand gegen 
den Hals ein Zeichen des Schlachtens zu geben. Sie wurden vor 
feinem Zelte hingerichtet und denjelben Abend hauchte auch er das 
Leben aus. 


1) Um nicht mißverftanden zu werden, muß ich erklären, daß 
ih mit diefem Worte immer die Partei bezeichne, die fich gegen die 
beftehende Regierung auflehnt, felbft wenn dieje eine revolutionäre 
ift, wie Dies 3. B. bier der Fall ift. Tab. berichtet ©. 64 ganz aut, 
als Einleitung zu diefem Aufftande: „Als Muchtar Kufa nahm und 
darin herrfchte, beftand fein Heer aus zwei Theilen. Der eine 
Theil hatte ihm ſchon früber gehuldigt und ihn in feinem Aufftande 
unterjtüßgt, der andere aber beitand aus Truppen des Sultans (Abd 
Allah Son Zubeir’s), die dem Muctar erft nah der Miederlage 
Abd Allah's Son Muti huldigten. Erſtere waren Menfhen von 
niederem Stande, meiſtens freigelaffene Sklaven und fonftiges Ge— 
findel, Letztere waren eigentliche Soldaten und andere tapfere und 
angejehene Männer, Muchtar organifirte nad) feinem Giege feine 


Abd Almalik. 379 


ftatt ih gleich der Perſon Muchtar's zu bemächtigen, viele 
Zeit verloren, bis fie über die gegen ihn zu nehmenden Maß- 
regeln fih unter einander verftändigen Fonnten, bielt Ibrahim 
an der Spige zuverläffiger Truppen feinen Einzug und fiel 
unter dem Rufe: „Auf, ihr Bluträcher Hufein’s!” über die 
Empörer ber. Diefe ſchlugen fid eine Weile mit dem Lo— 
fungsworte: „Herbei, ihr Bluträcher Othman's!“ in den 
Straßen Kufa's; doch gelang es Ibrahim bald, fie zu Paaren 
zu treiben und die Anftifter des Aufruhrs zu tödten. Jetzt 
ließ Muchtar auch, angeblih auf den Befehl Mohammed’s 
Ibn Hanafije, gewiß aber nur, weil fie die Anftifter und 
Häupter des Aufruhrs geweſen I) und zur Befriedigung der 
hwärmeriihen Schtiten, alle, welche bei Kerbela am Kampfe 
gegen Hufein Theil genommen, auffuchen und binrichten, zum 
Theil auch verftümmeln und verbrennen. Die Köpfe der Ans 
führer Schomar Ibn Diaufchan und Amru Jon Saad, fandte 
er an Mohammed Ibn Hanafije mit folgendem Schreiben: 


alten Anhänger aufs Neue. Er gab dem Fußvolk Pferde und 
machte die Reiter zu Generälen und überbäufte fie mit Gnadenbe— 
jeugungen, was den zu ihm übergegangenen Truppen im höchſten 
Grade mißfiel u. f. w.” 

1) Bei Abd Almahafin wird Schebt Ibn Rabia als Häuptling 
der Empörer genannt, bei Tab. ©. 64: Scheib Ibn Rabia, Scho— 
mar Son Djaufban und Mohammed Ibn Aſchath. Erfterer, wel: 
hen Quatremere ©. 46 Scheith nennt, jo wie auch Legterer, entka— 
men nah Baßra. Sm Kampfe fielen nah Tab. 700 Mann und 
außer diefen wurden von den Gefangenen 250 als Mitfämpfer bei 
Kerbefa getddtet. Nah drei Tagen läßt fihb dann Muchtar von 
einem aus Medina angefommenen Kufaner jagen, Mohammed Sbn 
Hanafije nenne ihn einen Lügner und beffage fih über ihn, daß er 
fo fange die Männer am Leben laffe, die gegen Hufein gekämpft 
und dies diente ihm als Weranlafjung zu ihrer Verfolgung. Omar 
Son Saad, fo wie fein Sohn Hafß wiunden hingerichtet, obgleich 
fie am legten Aufftande gar feinen Antheil genommen und Pehterer 
fogar nicht einmal bei Kerbela mitgefochten. Nach Quatremere 
a. a. D. war jogar Dmar Ibn Saad Muchtar's Schwager, oder 
nach Andern jein Schmiegerfohn. 


380 Neuntes Hauptftüd. 


„Dem Mahdi Mohammed Ibn Hanafiie von Muchtar, 
dem Sohne Abu Ubeid's. 

Nah dem Salam wife, dag ich mid) erhoben habe, um 
Hufein’s Blut zu rächen, und für den Mahdi den Hul- 
Digungseid abzunehmen. Meine Nahfiht und Schonung ift 
jest zu Ende, darum habe ich aud) die Köpfe derjenigen, welche 
Hufein getödtet haben, abgefchnitten und überfende fie dir 
hiermit. Auch werde ich weder Brod effen noch Waffer trin- 
fen, bis ich alle, welche an jenem Kriege, mit welcher Waffe 
es auch fei, Theil genommen, mit Gottes Hülfe aufgefunden 
und getödtet. Friede fei mit dir!” 

Diefen Schwur erfüllte Muchtar vollfommen, denn nach— 
dem alle an dem Morde Hufein’s Betheiligten, welche Kufa 
noch nicht verlaffen hatten, aus dem Wege gefchafft waren, 
fandte er Ibrahim aufs Neue gegen Ubeid Allah, welcher 
eigentlih der Schuldigfte aller Dmejjaden an dem tragifchen 
Ende Hufein’s war. Am Fluffe Zab, in der Nähe von 
Moßul, ftiegen die beiden Heere auf einander. (Muharram 
67. Auguft 686 ID. Das der Syrer war dem Srafanifchen 
an Zahl überlegen ?), aber Ibrahim's perfönliche Tapferkeit, 
der Fanatismus feiner Truppen, welchen Muchtar, der bei 
Manchen felbft als ein halber Prophet galt, verfchiedene Ne- 
liquien mitgegeben 3) und der Berrath des fyrifchen Generals 


1) Abulfeda ©. 410 und Abd AUlmahafin, weldher auch die lekte 
Empdrung in Kufa in den legten Monat des Jahres 66 fest. Nach 
Tab. ©. 69 fcheint diefer Krieg noh im Sahr 66 ftatt gefunden 
zu haben. 

2) Nah Tab. a. a. D. zählte Ubeid Allah’8 Heer 70,000 (2) 
Mann, das Sbrahim’s nur 7000. 

5) Abulfeda a. a. D. und Tab. Diefer fagt: Ibrahim hatte in 
diefem Kriege den Thron oder Seſſel bei fih, auf welchem Ali einft 
gejeffen. Auch wurden Feken von Hufein’d und anderer Märtyrer 
Kopfbinden und Kaftanen in eine Kifte aelegt und vor den Truppen 
hergetragen. Abd Almahafin erzählt: „Ibn Djada habe diefen Stuhl 
von einem Delhändler gefauft und Muchtar gefaat, es haften Spu— 


Abd Almalik. 381 


Dmeir Ibn Alhubab, der zu Ibrahim überging, entjchieden, 
nach einer langen und blutigen Schlacht, zu Gunſten Much— 
tar's. Ubeid Allah's Heer beftand nämlidh zum Theil aus 
folhen Truppen, welche früher unter Dhabhaf Ibn Keis 
gegen die Merwaniden bei Merdj Rahit gefämpft hatten, 
An ihrer Spitze ftand Dmeir Ibn Alhubab, welcher früher 
felbft ein Anhänger Abd Allah’s Ibn Zubeir gewefen. Diefe 
fanden jest eine gute Gelegenheit, das von den Ihrigen ver— 
goffene Blut, an den jemenidifchen Stämmen, die ihnen bie 
Niederlage von Merdj Rahit bereitet, zu rächen, indem fie 
mitten im Treffen ihre Waffen gegen fie fehrten, und für 
Ibrahim fochten ). Ubeid Allah jelbft blieb in diefer Schladht, 


ren von Wilfenfchaft (oder Kenntnig geheimer Dinge »fihi athrun 
min alilmi«) daran. Sbrahim wollte aber von dergleihen Gaufeleien 
nichts mwiffen. Als formliche Prozeſſionen mit diefem Stuhle gemacht 
wurden, betete er: „Gott! firafe uns nicht wie die Kinder Israel, 
als fie mit dem goldenen Kalbe Abgötterer trieben.“ Scehreftani 
©. 110 berichtet: Muchtar gab vor in die Zukunft zu fchauen, theils 
durh Dffenbarung, theild durch Mittheilung des Imams. Da 
indejjen feine Vrophezeihungen nicht immer eintrafen, behauptete 
er, Gott habe feinen Willen wieder geändert. Weber diefen Stuhl 
fagt er auch: er habe ihn mit Seide bedeckt und vor den Truppen 
hertragen laſſen und ihnen gefagt: diefer ift euch, ıva8 den Kindern 
Söraels die Bundeslade war, die Sefina ruht darin. Auch be: 
hauptete er, es fteigen Engel in Geftalt weifer Tauben herab, die 
ihnen beiftehen. Auch berichtet Almahaſin, daß Surafa Ibn Mirdag, 
einer der Rebellen in Kufa, von Muchtar begnadigt wurde, weil 
er erzählte, er habe im Traume gejehen, wie Engel für ihn Fämpften. 

1) Masudi f. 246 und 247. Er jest noch hinzu, daß Omar 
ſchon früher deshalb mit Ibrahim mehrere Briefe gewechſelt. Auch 
Tab. ©. 69 erzählt, daß Amru (Dmeir) Ibn Hubab, welcher Ubeid 
Allah's Iinfen Flügel vefehligte, in der Nacht vor der Schlacht 
heimlich zu Ibrahim Fam, und ihm verſprach, am Schlachttage mit 
allen feinen Truppen zu ihm überzugehen. Bei der Schilderung 
der Schlacht erzählt er aber, daß, nachdem zuerft Shrahim’s linker 
Flügel zu weichen anfing, er mit dem rechten den linken Ubeid 
Allah's angriff, in der Hoffnung, Omeir würde zu ihm übergehen 


382 Neuntes Hauptſtück. 


eben fo Haßin Ibhn Numeir, welcher Mekka beichoffen, und 
mit ihnen famen viele Taufende um, theils durch das Schwerdt 
des Feindes, theild in den Fluten des Zabfluſſes, hinter 
welchem die Flüchtlinge einen Zufluchtsort fuchten. 

As Muchtar die Nachricht von Ibrahim's Sieg und 
bald nachher auch Uberd Allah's Kopf in demfelben Schloffe 
erhielt, in das ohngefähr fehs Jahre früher Hufein’s Haupt 
diefem gebracht ward, boffte er, Abd Allah Ibn Zubeir würde 
endlich, in Anerfennung der von ifm vollbrachten oder wentg- 
ftens angeordneten Waffenthaten gegen die Dmejjaden, nach— 
giebiger gegen ihn werden und ihm gern die Statthalterichaft 
son Kufa überlaffen. SIn/diefem Falle hätte wahrſcheinlich 
Muchtar den Sohn der Hanafija aufgegeben, mit dem er 
ohnebin nicht ganz zufrieden war, weil er immer nod eine 
höchſt zweideutige Rolle fpielte, allen Anſprüchen auf die 
Herrſchaft entfagen zu wollen fchien, ibn zwar wegen ber 
Kriege gegen Hufein’s Mörder lobte, ohne ihn jedoch aug- 
drüdlih als feinen Agenten anzuerfennen ). Muchtar fchrieb 
Daher an Ubeid Allah: „Du weißt, dag ich einer der Erſten 








oder gefchlagen werden. Dmeir hatte aber (früher) die Truppen 
zum Kampfe angefeuert und blieb daher bei feinen Reden (den 
Syrern gegenüber), jo dag Ibrahim feine Hoffnung auf ihn auf 
gab und mit feinem ganzen Heere über das der Syrer herfiel. Ber: 
gleibe auch Tebrizi zur Hamafa ©. 260 u. 317. Masudi's Bericht 
ift mie wahrfcheinficher, übrigens mochte auch Omeir ſelbſt nicht, 
doch ein Theil feiner Truppen zum Feinde übergegangen jein. 

1) Tab. ©. 66. Er jest noch als bejondern Grund hinzu, daß 
Mohammed ihm nicht einmal für die überjandten Köpfe dankte, 
fondern blos fchrieb: „Gott gebe, daß du und wir ftets nach feinem 
Willen handeln.” Daraus ſchließe ih, dag Muchtar diefen Brief 
nad dem Aufitande in Kufa, auf den unmittelbar der Krieg gegen 
Ubeid Allah folgte, ſchrieb, und nicht gleih nad der Vertreibung 
Abd Allah’3 Jon Muti, wie H. Quatremere (l. IX. p. 436) berichtet, 
obgleich der Inhalt des Briefes ſelbſt allerdings dafür ſpricht, daß 
er nicht allzulange nad) der Vertreibung Abd Allah’s Son Muti 
gefhrieben worden, 


Abd Almalik. 383 


war, die dir gebuldigt, deinen Namen in Mekka befannt ge- 
macht, und für deine Erhaltung gegen die Syrer gefämpft. 
Du aber baft dein Verſprechen nicht gehalten, haft mich un- 
tbätig in Meffa gelaffen, ftatt mir irgend eine Statthalter: 
fchaft zu verleihen, darım begab ich mich nad) Kufa. Hier 
lebte ich ruhig in meinem Haufe, bis das Volk, mit Abd 
Allah Ibn Muti unzufrieden, ihn aus der Stadt jagte und 
mich aufforderte, die Öffentlichen Angelegenheiten fo lange zu 
leiten, bis der Fürft der Gläubigen einen andern Statthalter 
fenden würde. Ich nahm diefen Antrag an, blos um dir 
die Stadt zu erhalten und erwarte jest deinen Befehl I.” 
Der diesmal mit Recht mißtrauifche Abd Allah Ibn Zus 
beir jab in dieſer gebeuchelten Unterwerfung nichts als den 
verftedten Wunfch, Öffentlich von ihm als Statthalter von Kufa 
anerfannt zu werden, um nicht nur den Anhängern der Ali 
den gegenüber, fondern auch vor den Augen der Partei Ibn 
Zubeir’s als rechtmäßiger Statthalter zu erfcheinen. Diefem 
Wunſche fonnte aber Abd Allah, ohne fich felbft die größte 
Blöße zu geben, nicht willfahren. Er ernannte daher einen 
andern zum Statthalter von Rufa, berief Muchtar nad) Meffa 
und jchrieb ihm, dag fo rein auch feine Abfichten fein mögen, 
er doch einmal vor Jedermann als fein Feind daftehe, er 
ihn daber unmöglich zum Statthalter ernennen könne, ehe er ein 


— — — 


1) Ebendaſ. Nah Masudi f. 238 wäre Muchtar von Abd Allah 
Son Zubeir Cwahrfcheinfih vor Vertreibung der Omejjaden) nad 
Kufa geſchickt worden, um die Schtiten zu aewinnen. Muchtar war 
aber ein großer Verfchmender und Abd Allah Ibn Zubeir Fonnte 
nicht Geld genug für ihn auftreiben, weshalb Muchtar ihn aufgab 
und ſich zuerft an Alt, den Sohn Huſein's, mendete und ihn als 
Imam anerfennen wollte. Da ihm Ali aber fein Gehör ſchenkte, 
fhrieb er an Mohammed Ibn Hanafije. Diefer, fo fährt Masudi 
fort, wollte ihn auch geradezu von fich weifen und fogar, wie Ali, 
öffentlich ſchmähen, aber Sbn Abbas rieth ihm ab, weil man doc 
noch nicht wilfen könnte, wie es mit Abd Allah Son Zubeir enden 
würde, 


384 Neuntes Hauptſtück. 


Zeichen des Gehorfams gegeben. Später wolle er ihn gern 
für diefe Stattbalterfchaft auf irgend eine andere Weije entſchädi— 
gen I. Muchtar war natürlich keineswegs gefonnen, die 
jauer erworbene Herrfchaft, die er nach Ibrahims Sieg über 
den größten Theil von Mefopotamien 2) ausdehnte, an Abd 
Allah abzutreten. Er fandte daher Saida Ibn Kudama dem 
von Abd Allah ernannten Statthalter mit 500 Mann und 
60,000 Silberſtücken entgegen, und beauftragte ihn, denfelben 
entweder durch Beftechung oder durd Gewalt von Kufa fern 
zu halten. Saida entledigte fich feines Auftrags und Amru 
Fon Abd. Errahman, fo hieß der von Abd Allah ernannte 
Statthalter, nabm das Geld und begab fih nach Baßra 3). 
Muchtar fuhr indeffen in feiner Deuchelei gegen Abd Allah 
Son Zubeir fort und ftellte fi ganz verwundert darüber, 
dog Amru Ibn Abd Errahman ftatt feinen Poſten in 
Kufa einzunehmen, fih nah Baßra zurüdgezogen habe. Zu- 
gleich bot er dem Abd Allah Truppen M zur BVertheidigung 
der Stadt Medina an, welde von einem fprifchen Deere be— 
brobt war, das ſchon bis Wadi-l-Kura vorgedrungen. Much- 
tar hoffte nämlich, ſich bei diefer Gelegenheit der Propheten— 
ftadt zu bemächtigen, um dann fpäter defto leichter Abd Allah 
Fon Zubeir in Meffa felbft von zwei Seiten ber angreifen 
zu fönnen, Aber auch diesmal durchſchaute ihn Abd Allah 


1) Tab. ©. 66. 

2) Abd Almahafın nennt Nigibin, Sindjar, Kirkifia und Harran. 

3) Tab. ©. 67. 

4) So bei Tab. und Abd Almahafin, ohne daß fie die Zeit die: 
fes Feldzugs näher angeben. DBermuthlicd fand er unmittelbar nad 
Ibrahims Sieg über Ubeid Allah ftatt, obſchon Weide ihn in das 
Zahr 66 fegen, denn der Krieg gegen Ubeid Allah war doc jeden: 
falls für Muctar wichtiger ald der gegen Abd Allah Ibn Zubeir. 
Auch haben wir oben bemerkt, dag Muchtar's Korrefponden; mit Abd 
Allah wahrſcheinlich nach der Unterdrüdung des Aufftandes in Kufa 
ftatt fand, dieje aber gewiß vor dem Untergange von Muchtar’s Heer 
in Wapdi-l:Kura. 


Abd Almalik. 385 


Ibn Zubeir. Er lehnte zwar das Anerbieten nicht ab, befahl 
aber feinem Feldherrn Abbas Ibn Sabl mit einigen taufend 
Mann nah Medina aufzubrechen und die Abdfichten des von 
Muchtar abgefandten Generals Schurahbil Jon Warafıh Ham— 
dani forgfältig zu eripäben und ibn als einen Feind zu bes 
bandeln, fobald er eine andere Abjicht, als die gegen die Sy- 
rer in Wadi-l-Kura zu kämpfen, verrietbe. Abbas traf die 
Srafaner in Rafim in der Nähe von Medina und über- 
zeugte ſich bald von den verrätherifchen Gefinnungen Schu: 
rahbils, indem er, auf feine Aufforderung, mit ihm gegen den 
Feind nah Wadil-I-Rura zu ziehen, Muchtars Anweifung ger 
mäß behauptete, er müſſe in Medina noch weitere Befehle 
abwarten I). Abbas zeigte fih nicht im Mindeften befremdet 
über diefe Antwort, fondern fuhr fort, Schurahbil als einen 
Berbündeten zu behandeln und Lich fo viele Kameele ſchlach— 
ten und andere Lebensmittel aus Medina herbeifchaffen, als 
nöthig waren, um die 3000 Mann, weldhe Schurahbil bei 
fih hatte, zu bewirthen. Während der Mahlzeit aber, als fie 
ihre Waffen abgelegt hatten, fiel er mit feinen Truppen über 
fie her, mordete einen Theil von ihnen und begnadigte nur 
die, welche Abd Allah Ibn Zubeir huldigten. Schurahbil 


1) Ebdf. ©. 67. Dort antwortet jedoh Schurahbil, er wolle 
gegen die Syrer kämpfen, hernach aber in Medina weitere Befehle 
abwarten. Ber Abd Almahafın hingegen, und dieg ift wahrrcheinfi- 
cher, will er gar niht nad Wadi⸗l-Kurg ziehen, jondern in Medina 
warten. Weiter oben berichtet übrigens Tab. felbft, dab Muctar 
zu Schurahbil fagte: „Sch muß mir den Anjchein geben, als jende 
ih dich um die Syrer in Wadi-l-Kura zu befümpfen, aber meine 
Abficht ift, das du nah Medina gehejt und diefe Stadt bejekft, da— 
mit unjere Truppen zwifhen Kufa und Medina feinen Widerftand 
mehr zu befürdten haben; ich werde dann noch andere Truppen 
nachſenden, mit denen du Abd Allah in Mekka angreifen Fannft. Mache 
dich jest auf, und fragt dich jemand, wohin du ziehft, jo antworte, 
nah Wadi-l-Rura gegen die Syrer, wenn du aber nach Medina 
kommſt, jo bleibe dort und fchreibe mir u. f. mw.“ 

25 


386 Neuntes Hauptftüd. 


felbft ward getödtet, und faum gelangten einige Flüchtlinge 
durch die Wüfte bis Kufa, um Muchtar die traurige Nach— 
riht von dem Untergange feiner Truppen zu melden I). 
Muchtar beffagte fi) vergebens bei Mohammed Ibn Hanas 
fife und forderte ihn ohne Erfolg auf, ſich öffentlih gegen 
Abd Allah Fon Zubeir aufzulehnen und an die Spige der 
Truppen zu ftellen, welche er ihm zuführen wollte. Eben ſo 
bartnädig weigerte fih Mohammed aber auch fortwährend 
Abd Allah Ibn Zubeir als Chalifen anzuerkennen, indem er 
vorgab, nicht eher zu huldigen, bis der Krieg mit Syrien zu 
Ende und er allgemein als Chalife anerkannt fein würde, 
Abd Allah hatte fi) bisher um Mohammeds Neutralität we— 
nig befümmert, obgleich er als Sohn Ali's feinen unbeden- 
tenden Anhang hatte. Jetzt aber, wo er mit Muchtar fürm- 
lich gebrochen, glaubte er ihm feinen härtern Schlag verfegen 
zu fünnen, als wenn er Mohammed nöthigte, ihm zu buldi- 
gen, weil jener dann fi nicht mehr länger für deſſen Ber 
vollmädtigten ausgeben und dadurd alle Schiiten gewinnen 
fönnte, Als daher Mohammed nad) Meffa fam 2) und aber- 


1) Ebdſ. ©. 68, übereinftimmend mit Abd Almahafin. Sch 
weiß nicht marum Quatremere ©. 40 ſchreibt: »il se Jivra plusieurs 
Combats qui se terminerent par Ja mort de Scharhabil et de la plus 
grande partie de ses soldats « Bei Tab. kämpfen nur 60 Mann an 
Skhurahbil’8 Seite, welben Abbas tödtet, dann huldigen alle, bie 
auf 300 Mann, dem Abd Allah, diefe 300 fchlägt dann Abbas aud. 
Bei Abd Almahafın heißt es auch: „die meiften Truppen gingen zu 
Abbas Über, nur wenige griffen zu den Waffen und zogen den Tod 
vor.” 

2) Nah Tab. S©.78 im Jahre 66, was ich aber fehr bezweifle, 
um fo mehr, da er noch hinzufegt „um mit feiner Familie die Pil— 
gerfahrt zu vollziehen“ aljo im Monat Djusl:-Hudja. Nah Tabari’s 
eianer Erzählung foll er dann nach feiner Meinerung zwei Monate 
eingefperrt, dann von Muchtar befreit worden fein. Wir haben aber 
oben gefehen, (©. auch Abulf. ©. 410) daß der Aufftand in Kufa 
gegen Muchtar im Monat Dusl:Hudja 66 ftatt fand und daß nad 


Abd Almalik. 387 


mals nicht huldigen wollte, erflärte ihm Abd Allah geradezu, 
dag er dieſes zweideutigen Benehmens endlich überdrüfftg, 
und forberte ihn auf, doch nicht länger auf der einen Seite 
die größte Sleichgültigfeit gegen die Herrfchaft zu beucheln, 
während er auf der andern Muctar auf Eroberungen aus— 
jende und zum Kriege gegen ihn anfporne. Als Mohanımed 
nicht nachgab, ließ ihn Abd Allah drei Tage lang einfperren 
und am vierten drohte er ihm mit dem Tode, wenn er ihm 
nicht augenblicklich huldige. Doch lieg er fih von feinen 
Freunden bereden , ihm eine Bedenfzeit von einigen Mo— 
naten zu gönnen, die er, wohl bewacht im Gefängniffe zu: 
bringen follte. Mohammed fah wohl ein, daß er nur durch 
Muchtar's Hülfe gerettet werden fonnte, Er entichloß ſich 


Unterdrüfung deſſelben Muctar die Köpfe Schomar’s Ibn Djau: 
fban und Dmar’s Sbn Saad nah Medina an Mohammed Ibn 
Hanafije fchicte, welcher den Brief nur mit dem Wunjce, „er möge 
ftets nach Gottes Willen handeln“ beantwortete. Wie war das 
möglih, wenn er um dieje Zeit ın Mekka im Gefängniſſe war und 
Muchtar jelbit, ebenfalls nach Tabari’s eianen Worten (©. 69), es 
fo fpät erfuhr, daß die Truppen, die er zu feiner Befreiung jchidte, 
nur zwei Tage vor Ablauf der beftimmten Friit von zwei Monaten 
in Meffa eintrafen Abgejehen von dieſem Widerſpruche fcheint es 
mir überhaupt natürlicher, dieſen Vorfall, welcher doch nothwen— 
dig einen Brud zwiſchen Muchtar und Abd Allah herbeiführen 
mußte, nah ihrer oben angeführten Korreipondenz zu fegen, jo wie 
auch den Berrath bei Rafım, Nah Abd Almahafın bleibt übrigeng 
gar fein Zweifel übrig, dag Mohammed erſt im Jahre 67 einge: 
fperrt ward, denn diejer läßt ihn nad feiner Befreiung nicht wie 
Tab. a.a.D. wieder nad Medina zurüdfehren, fondern bis zu Mud): 
tard Tod in der „Schlucht Ali's“ bleiben. 

1) Auch faate ihm Mohammed felbit: „Safman, der Sohn 
Dmejja’d mar ein Ungläubiger; der Prophet, über den Gottes Friede, 
forderte ihn auf, fih zum wahren Glauben zu befehren, er aber be- 
gehrte eine Bedenfzeit. Da gewährte ihm der Prophet eine Frift 
von zwei Monaten und du mwillft mir nicht einmal eine Stunde gön— 
nen?" Tab, ©. 68. 


29." 


388 Neuntes Hauptſtück. 


daher endlich, ihn als feinen Chalifen (Stellvertreter) zu er- 
ſuchen, auf irgend eine Weiſe feine Befreiung zu bewerfftelli- 
gen. Muchtar freute fih, durch diefen Brief einen neuen 
Beweis von feiner vielfach bezweifelten Sendung geben zu 
können. Er las ihn dem Volke auf der Kanzel vor und ſo— 
gleich erhoben ſich zahlreihe Stimmen, mit der Erflärung, 
gerne für die Nettung ihres Imams fterben zu wollen, Much— 
tar ließ fie, um Abd Allah's Wachſamkeit zu täuſchen, in flei- 
nen Abtheilungen nah Meffa ziehen, und zur verabrebeten 
Stunde ftanden ylöglih 1000 Mann I) vor Mohammed’s 
Gefängnig, melde, ohne daß Abd Allah eine Ahnung davon 
hatte, ihn befreiten, unter dem Nufe: „Herbei ihr Bluträcher 
Hufein’s! herbei ihr Freunde Mohammed's!“ Abd Allah Ibn 
Zubeir flüchtete fih in die Kaaba und rief Gottes Schuß an, 
Dod Mohammed felbft begnügte fi mit der wieder erlang- 
ten Freiheit und beſchwor feine Befreier, fih auf dem heiligen 
Gebiete feine Gewaltthat zu Schulden fommen zu laffen. Er 
ließ fih dann nach einem befeftigten Orte „Ali's Schlucht“ 
genannt, geleiten, wo ſich bald fo viele Freunde um ihn ſam— 
melten, daß er von Abd Allah nichts mehr zu befürchten 
hatte 2). Dbgleih aber Muchtar's Anfehen durch dieſes 


1) So bei Tab. a. a. O. bei Masudi L. 239 nur 800. Diefe 
Leute erhielten, nah Abd Almahafıin, den Beinamen Hajdabija 
(Holzmänner), entweder weil fie Mohammed vom Feuertode errettet, 
denn Abd Allah hatte ſchon um fein Gefängniß viel Holz gelegt, um 
es in Flammen aufgeben zu laffen, oder weil fie, aus Ehrfurcht 
vor dem heiligen Tempel, Feine Waffen, fondern nur Prügel ge: 
brauchten. 

2) Hier blieb er, nah Abd Almahafın, wie fchon berichtet, bie 
zu Muchtars Tod. Als er an Muctar feine Stüge verlor, drängte 
ihn Abd Allah Son Zubeir aufs Neue. Mohammer, um diefem 
Heuchler zu entgehen, war auf dem Punkte, Abd Almalik anzuer: 
fennen, und begab ſich ſchon nach Madjan, doch kehrte er wieder 
um, weil er Abd Almalif nicht traute, Sn der Schluht Ali's ließ 


Abd Almalik. 389 


Schreiben Mohammed's, fo wie durch die dem Abd Allah 
zugefügte Demüthigung ſich wieder in Kufa gehoben hatte, 
berubte doch feine Macht Tediglih auf die ihm ergebenen 
furchtbaren Charidjiten, Unter der großen Maffe des Volks, 
das ohnehin ven Wechſel liebte, herrſchte eine große Abnei- 
gung gegen ihn und ein Theil der Bewohner fand mit den 
Flüchtlingen in Verbindung, die nad) dem verunglücten Auf- 
flande in Kufa, ihre Heimath zu verlaffen genötbigt waren, 
Biele diefer Ausgewwanderten oder Vertriebenen hatten ſich in 
Baßra niedergelaffen und Mußab Fon Zubeir, den Bruder 
Abd Allah's, ver gegen den Anfang des Jahres 67 daſelbſt 
Statthalter geworden I), aufgefordert, ein Heer gegen Kufa 


ihm aber Abd Allah feine Ruhe, er zog fih daher nach Taif zurück, 
wohin ſich auch Abd Allah Son Abbas begab, der zwar dem Ibn Zus 
beir gehuldigt hatte, doch fortwährend in Hader mit-ihm lebte und 
befonders fein gewaltfames Verfahren gegen Mohammed offen ta- 
delte. Als Haddjadj nach Hedjas Fam, kehrte Mohammed wieder in 
die Schlucht Ali's zurück, und nah Ibn Zubeir’d Tod huldigte er 
dem Abd Almalit Son Merwan. Ueber Abd Allah Son Abbas, wel: 
her im Sahre 68 in Taif ftarb, (S. Abulfeda ©. 416) und fein 
Berhältnig zu Abd Allah Ibn Zubeir vergl. Quatremere ©. 64 u. f. 
Der Sohn des Abbas hatte matürlih eine große Vorliebe zu dem 
mit ihm fo nahe verwandten Geſchlechte Ali's, und fah in feinem 
Snnern den Sohn Zubeir’s als einen Uſurpator an. Als diefer einft 
auf jeine Verwandtfhaft mit Aiicha, Chadidja, Safta und Asma 
(S. oben ©. 295) ſich berief, faate ihm Ibn Abbas: Sind nicht alle 
diefe edlen Frauen erft dur den Gejandten Gottes geadelt worden ? 
wie willſt du diefe Vorzüge gegen mich geltend machen, der ich felbft 
zur Familie des Propheten gehöre? Ibn Abbas war ındejien, mie 
wir oben gefehen, auch Fein reiner Charafter und mit Recht warf 
ihm Son Zubeir vor, dag er Alt verlaffen und mit der Kaffe von 
Baßra fih davon gemacht habe. 


1) Tab. S. 69. Ebenſo bei Abd Almahafin, der jedoch hinzu: 
fest: nad) — Ende 66. Ueber Mußab findet man auch manche 
Anekdoten bei Quatremere ©, 47 u. f. Hier nur eine, die zur Cha— 
rakteriftif jener Zeit gehört. Gr hatte (Abulfeda S. 218) zwei 


390 Neuntes Hauptftüd, 


zu führen, indem fie ihn verfiherten, ein Theil der Bevoͤlke— 
rung von Kufa würde beim Anblick eines fremden Heeres ſich 
gegen Muchtar bewaffnen. Der eben fo vorfichtige alg tapfere 
Mußab hielt jedoch jedes Unternehmen, deffen Gelingen von 
der Unterftügung der treulofen und wanfelmüthigen Kufaner 
abhängen follte, für tollkühn. Er wartete daher, mit einem 
Feldzuge gegen Muchtar, bis ihn Muhallab Ibn Abi Sofra, 
der wie oben berichtet, mehrere Provinzen Perfiens für Abd 
Allah verwaltete, feiner weit Fräftigeren und zuverläfftgen Mit- 
wirkung verſicheree. Im Monat Ramadhan des Jahres 67 
brach er von Baßra auf, nachdem Muhallab von Ahwas ber 
zu ihm geftogen war, und fchlug die Kufaner zuerft bei Ma- 
dar, wo Ahmed Fon Sumeit ihm den Weg verfperren wollte, 
Diefer ward glei bei Eröffnung der Schlacht getödtet, und 
ein Mann aus dem Stamme Chothum, der nad) ihm die Fahne 
ergriff, fonnte die Truppen nicht mehr zum Stehen bringen, 
denen Muhallab zurief: „Für wen fechtet ihr denn, da ihr 


Frauen, von denen die eine Huſein's und die andere Talha’d Tod: 
ter war. Letztere mar von ausgezeichneter Schönheit, weshalb ſie 
auch nie einen Schleier trug, denn nah Tebrizt zur Hamafa ©. 555 
bedeckten früher nur die bäfliben Araberinnen ihr Geſicht. Mußab 
machte ihr deßhalb Vorwürfe, denn der Islam Eannte natürlich Fei- 
nen ſolchen Unterſchied, obgleih das Werjchleiern des Geſichts aller: 
dinas nur beim Ausgehen im Koran geboten if. (S. Feb. Moh. 
©. 154 n.) Sie antwortete: Da mich Gott mit fo vollfommener 
Stönheit ausgeftattet, fo mögen alle Menſchen meine Vorzüge be- 
wundern. Sch darf wohl mein Gefiht offen tragen, denn es bietet 
einen Stoff zum Scherze dar, Cie war aber gegen Mußab felbft 
fo fpröde, daß er ihr mit dem Tode drohen mußte, um ihre Hinge- 
bung zu erlangen, obaleih Mußab einer der fchönften Männer feiner 
Zeit war. Sch weiß nicht, warum Quatremere nichts über Mußabs 
Beinamen ſagt, den er fich felbft in der erften Kanzelrede in Baßra 
gab, und zwar nah Tab. ©. 70. Djarar, (Bettler) und nad Abd 
Almahafin Djazzar (Schlädhter), Lestern Namen mochte er wegen 
feiner Gaftfreundjchaft, die bei den Arabern bejonders im Schlach— 


Abd Almalik. 391 


weder einen Jmam noch cinen Emir habt?’ I) Sekt ftellte 
ſich Muchtar felbft an die Spige feiner Truppen und erwartete 
den Feind in Harura ?) unweit Kufa. Hier fchlug man ſich 
den ganzen Tag, und Muchtar focht noch bei dunkler Nacht, 
als man ibm fagte, fein gefchlagenes Heer habe fih ſchon 
in die Stadt geworfen. Am folgenden Morgen wollte Much— 
tar, troß der Ueberlegenheit des Feindes, den Kampf erneuern, 


ten von Kameelen fih Fund gibt, erhalten haben, was aber GEriterer 
bedeuten foll, weiß ich nicht; für einen Trucdfehler kann ich ed auch 
nicht halten, denn neben dem arabiihen Morte findet fich auch die 
türkiſche Weberfegung (Dilendji). Arm war Mufab Feineswegs, feine 
Gattin Aiſcha erhielt von iym eineMorgengabe von 100,000 Soldftücen. 
Als fie einst fchlief, ließ Mußab aht Perlen auf ihren Bujen fallen, 
die 20,000 Goldſtücke werth waren. Auch ſoll Mußab, wegen feines 
fururiöien Lebens (S. Quatremere ©. 56) auf kurze Zeit die Statt: 
halterfhaft von Kufa verloren haben und Hamza, ein Sohn Abd 
Allah's an feine Stelle gefommen fein. Wahrſcheinlicher ift jedoch, 
daß er wegen der Hinrichtung der Gefangenen beftraft ward, denn 
Abd Almahafin fest feine lingnade gerade in jene Zeit. Den Namen 
Schlächter hatte er vielleiht jpäter erit nach diefer graujamen Hin: 
richtung erhalten und diefe Bedeutung wide ich für die allein rich— 
tige halten, wenn nicht Tab. jaate, daß er gleich in der erften Kan: 
zelrede fich felbft diefen Namen gegeben. Sollte ed etwa eine 
Drohung fein, oder fib nur auf feine Strenge gegen die Anhänger 
Muchtars beziehen? Wielleiht bie er auch darum Bettler, weil er 
wegen feines verſchwenderiſchen Lebens, trog feiner Reichthümer 
doch immer genöthigt war, von feinem Bruder neue Summen zu 
verlangen. 


1) Tab. ©. 70 und Abd Almahafin. 


2) So bei Abd Almahafin une im Kamus unter dem Worte 
Harurija „Name einer Sefte Charidjiten, welcher von dem Orte 
Harura hergeleitet wird.” Bei Tab. unrichtig Tharwar ein Ort zwi: 
fhen Kufa und Sumad. Ber Ad Almahafin: am Zufammenfluffe 
des Kanals von Kadefia, von Geilhun und von Djuweiſa, wo ein 
Theil der Truppen von Bafra landete. Die Baßrenſer waren nad) 
Tab, 40,000 Mann ftarf, die Kufaner zählten nur 20,000, 


392 Neuntes Hauptftüd. 


aber feine Freunde riethen ihm davon ab, weil fonft die 
feindlih gegen ihn gefinnten Bewohner der Stadt ſich hinter 
feinem Rüden gegen ihn erheben würden; auch zeigten feine 
Truppen wenig Luft mehr, ein zweites Treffen zu wagen. 
Es blieb ihm nichts übrig, als fih in das befeftigte Schloß 
einzufchliegen, in der Erwartung, die auswärtigen Charidjiten 
oder fein Statthalter Ibrahim, würden zum Entſatze berbei- 
eilen. Als aber mehrere Tage vergingen, ohne daß fich je- 
mand für ihn bewaffnete, und Mußab das Schloß dermaßen 
belagerte, daß es ihm nicht mehr möglich ward, Lebensmittel 
aus der Stadt zu erhalten, forderte er die mit ihm einge- 
fhloffenen Truppen — ihre Zahl belief fih auf 6 bis 7000 
— auf, mit ihm die Delagerer zu überfallen und Tieber alg 
Männer zu fterben, denn vor Hunger umzufommen, oder fich 
bei der Uebergabe der Burg von dem Sieger wie Schafe 
ſchlachten zu laffen. Aber die feigen Soldaten, welde hoff— 
ten, fpäter begnadigt zu werden, fchenften ihm fein Gehör. 
Nur neunzehn Mann fchlogen fih ihm an und fochten und 
ftarben an feiner Seite als Helden D. Wie Mucdtar vor: 
ausgefagt, entgingen aber auch die Truppen, die um ihr Le- 
ben zu reiten ihn verließen, und fih ohne Kampf ergaben, 
dem Tode nicht. Zwar ward Mußab von den Bitten und 
Borftellungen ihres Spreders Babir Ibn Abd Allah ge- 
rührt. Diefer fprad auf dem großen Ay in Kufa, wo fie 
alle in Feſſeln bingefchleppt wurden: „O Emir! du befindeft 


1) Muctar ftarb, nah Abd Almahafin, in einem Alter von 67 
Sahren. Seine Frauen mußten, um ihr Leben zu erhalten, ihn ver: 
fäugnen, eine einzige, (Masudi f. 246), ihr Name war Umra, lieg 
fich lieber hinrichten, als daß fie ihren Gatten im Grabe verdammte. 
Abd Allah Ibn Abbas joll ſich auch des Unglüdlihen angenommen, 
und Avd Allah Ibn Zubeir öffentlich widerſprochen haben, als er 
ihn einen Lugner nannte. Muchtars Hand lieg Mußab an die große 
Moſchee nageln, wo fie angenagelt blieb, bis Haddjadj nah Kufa 
fam. 


Abd Almalik. 393 


dich heute zwifchen zwei Lagern (d. h. Entichlüffen) entweder 
du begnadigft uns, um auch Gottes Barmherzigfeit und Wohl— 
gefallen zu erlangen, oder du läßt ung binrichten und ziehft 
dir dadurch Gottes Zorn zu. Wir wiffen aber, daß du Got— 
tes Gnade und Barmberzigfeit vorziehen wirft. O Emir! 
wir bilden eine Gemeinde unter den Befennern des Islams; 
wir befennen wie du, dag Gott einzig und dag Mohammed 
fein Gefandter in Wahrheit. (Du baft etwas gethan, wag 
feiner vor dir getban bat.) Die Bewohner Kufa’s find in 
verfhiedene Secten getheilt und es kam wegen Glaubens— 
verfchiedenheit zu einem Kriege unter uns. Unſere Gegner 
haben von den Unfrigen getödtet und wir von den Ihrigen. 
Heute kift du Sieger, wir hoffen daß du von deiner Macht 
den Gebraudy machen wirft, der mit deiner Großmuth im 
Einklang fteht I.” Aber Abd Errahman, Sohn des bei Ha- 


.._— [m 


1) Zub. ©. 71, Die eingeflammerten Worte, die ich wörtlich 
überfegt, (sen bir isch kildun ki kimseh kilmamisch dör) bedeuten ent: 
weder: du haft einen alänzenden Sieg über und davon getragen, 
oder: dein über uns gefälltes Tovdesurtheil iſt etwas unerhöre 
tes. Bei Quatremere, der ©, 57 auch Ddiefe Bitte Bahirs ziems 
lich übereinftimmend mit Tab. anführt, fagt er, ftatt der hier einge: 
Elammerten Worte: »nous m’avons rien fait que d’autres avant nous 
n’aient fait egalement.e Bei Abd Almahafin, der auch diefe Rede 
hat, fehlen dieſe Worte ganz. Bahir jagt nur noch, „wir find meder 
Türfen noch Deilamiten, wir haben unter ung Krieg geführt, wie 
ed auch ſchon unter den Gayptiern und Syrern vorgefommen. Wir 
waren anderer Anfiht als unfere Brüder, vielleicht waren wir im 
Serthum, doc verdienen wir darum nicht wie Ungläubige behandelt 
zu werden._ ende ung lieber gegen Abd Almalif, wir wollen in 
den vorderften Reihen kämpfen, fallen wir, fo haftet unfer Blut 
nicht an deinem Halfe, fliegen wir, fo kannſt du es nicht bereuen 
uns dad Leben geſchenkt zu haben.“ Letztere Worte hat auch Tab. 
ale Ermiederung Bahir’s auf die Klage Abd Errahman's. Abd Allah 
Son Dmar fagte zu Mußab, der ihn fpäter fragte, ob er ihn nicht 
fenne: „Biſt du nicht derjenige, der 6000 Mufelmänner im Monat 
Ramadhan auf einem Flecken hinrichten ließ? und als Mußab ſich 


394 Neuntes Hauptftüd. 


rura gebliebenen Mohammed Ibhn Aſchath dürftete nad) Blut— 
rache und die Bewohner Kufa’s, welche von Muchtar tyran- 
nifirt worden, fchilderten feine Anhänger auch als gemeine 
Mörder und Räuber, fo daß Mußab das Gefühl der Menſchlich— 
feit unterdrücte und den Befehl gab, fie alle hinzurichten. 
Diefe Graufamfeit Mußab’s brachte eine folhe Entrüftung 
unter den Gläubigen hervor, dag Abd Allah Ibn Omar, dem 
er bald darauf während der Pilgerfahrt begegnete, ihm nicht 
einmal feinen Gruß erwieberte, und er, jedoch auf furze Zeit 
nur, feine Stelle dem halbverrüdten Hamza, einem Sohne 
Abd Allah Fon Zubeir’s überlaffen mußte. Ibrahim, Sohn 
des Malik Afchtar Hingegen, der Kampfgenoffe Muchtar's, 
ging, in der Hoffnung, die Statthalterichaft von Moßul be- 
halten zu dürfen, zu Mußab über, und ftand wahrſcheinlich 
fhon vor deffen Zug nah Kufa in Unterhandlung mit ihm 
fowohl, als mit Abd Almalif, der ihn auch zum Berrätber 
gegen Muchtar machen wollte. Ibrahim foll fogar, weil Abd 
Almalif ihm die Statthalterfchaft von Irak in Ausficht ges 
ftellt, erflärt haben, daß er diefen Antrag gern angenommen 
hätte, wenn nicht feine Stellung unter den Omejjaden, wegen 
des Krieges gegen UÜbeid Allah, den er nach einigen Berichten 
fogar mit eigener Hand erfchlagen, ftets eine ſchwierige und 
gefährliche geblieben wäre ’). Mußab fchien ihm doc an— 
fangs nicht zu trauen, denn er ernannte ftatt feiner Muhallab 
Fon Abi Sofra zum Statthalter von Moßul ”), obgleich dies 


damit entfchuldigte, daß ed Wehelthäter waren, faate er: „bei Gott, 
wären e8 Schafe gemefen, die dir dein Vater als Erbe hinterlaffen, 
würde Gott dich auch fragen, warum du fie gefchlachtet, um fo we— 
niger ftand es dir zu, fo viele Menjchen zu tödten.“ 

1) Abd Almahafin. Daß er gegen Muctar treulos gehandelt, 
kann kaum bezweifelt werden, fonft hätte er doch von Moful her 
ihm mit Truppen zu Hülfe fommen müſſen. 

2) Nach Tab. hatterfogar Mußab, als er Sbrahim einlud, ihm 
oder vielmehr feinem Bruder zu huldigen, förmlich verſprochen, ihm 
die Statthalterihaft von Moßul zu laſſen. Nachdem er aber gehuls 


Abd Almalik. 395 


fer in Werften größere Dienfte hätte leiften fünnen, wo bie 
Azrafiten, feit feiner Entfernung, unter der Leitung Zubeir’s 
Ion Madjur auf's Neue wieder ihr Haupt erhoben, und ſo— 
gar bald wieder das ganze Euphratgebiet beunrudigten. Zus 
beir fiel zwar vor den Mauern von Iſpahan, aber fein Nach— 
folger Katarij Yon Alfudjaa war noch furdtbarer und fam, 
nahdem er fich mehrere Monate in den Gebirgen Kermang 
berumgetrieben, plöglich wieder in Ahwas zum Vorfchein und 
bereitete einen Einfall in das Gebiet von Bafra vor. et 
fab fih Mußab (Ende des Jahres 68) endlich genöthigt, die 
Statthalterfchaft von Moful wieder Ibrahim zu verleihen, 
und Muballab, der es allein veritand, mit Diefen fanatifchen 
Freibeutern Krieg zu führen, wieder nad) Abwas zu fenden; 
doch kämpfte felbjt diefer Feldherr acht Monate gegen fie, ohne 
diefe Provinz gänzlich von ihnen fäubern zu können N). 


diat hatte, faate er ihm: marte bis Syrien erobert ift, dann follft 
du deine Statthalterfhaft wieder erhalten, (senün welajeteni jeneh 
senä wirehlüm.) Bei Quatremere faat er ihm: »Quand nous aurons 
fait la conquete de la Syrie c’est toi qui auras le gouvernement de 
cette province importante. 


1) Folgendes ift das resume von Tab. Beriht über diefen 
Krieg. (S. 71 und 72). Als Muhallab Fars verließ, ernannten fie 
Zubeir Sbn Madjur zum Gmir und zogen gesen Mußab. Diefer 
ihlug jie und frieb fie nach Kerman, aber nad vier Monaten hatten 
fie ſich wieder erholt, famen aufs Meue nach Fars, dann nah Ma: 
dain, endlich dehnten fie ihre Raub - und Mordzüge bis an den 
Guphrat aus. Die Kufaner braben gegen fie auf, fie zerftören die 
Brüden und ziehen ſich gegen Sipahan hin und belagern 4 Monate 
fang Attab Sbn Uſeid, den Emir von Sfpahan. Doch macht diefer 
einen nächtlichen Ausfall und tödtet Zuveir Zbn Madjur. Sie wäh” 
fen jegt Katarij Son Alfudjaa, der fie einige Zeit in den Gebirgen Ker— 
man’s lüßt, dann wieder nach Ahwas führt und von bier gegen 
Bafra. Nun fasten die Baßrenſer: Muhallab allein kann diefem 
Kriege eın Ende mahen u. f. w. Abd Almahafins Bericht ſtimmt 
im Werentlichen mit Tab. überein. Den Statthalter von Iſpahan 
nennt er Attab Fon Warafı, Am Schluffe heißt es auch: „Muhallab 


396 Neuntes Hauptftüd. 


Sp lange die Feinde der Omejjaden unter fich felbft 
uneinig waren und ſich gegenfeitig fchwächten, fonnte Abo 
Almalif feine eignen Truppen fehonen, und zur Vertbeitigung 
des Landes gegen die Griehen und Mardaiten verwenden, 
welche um dieje Zeit in Syrien einfielen. Gegen Ende des 
Jahres 69 aber N), als ganz Arabien, Irak und Perſien dem 
Abd Allah Fon Zubeir unterworfen und die Schiiten allenthal- 
ben, wenn auch nicht gänzlich ausgerottet, doch für den An- 
genblick ſehr geſchwächt waren, mußte er der wachfenden Macht 
Abd Allap's und Mußab’s Schranken fegen, wenn er nicht 
zuletzt auch noch Syrien verlieren wollte. Er erfaufte daher 
von den Griechen den Frieden gegen einen Tribut von 1000 
Dinaren wöcentlih und brad mit einem Heere gegen Mes 
fopotamien und Fraf auf. Mufab’s Teste Stunde hatte aber 
noch nicht geichlagen. Amru Ibn Said Alaſchdak, der ſchon 
oft erwähnte Better Abd Almalif’s 2), der ald Gouverneur 


Fämpfte acht Monate in der Gegend von Sulaf gegen fie.” Statt 
Sulak ift mahrfcheinlih Sulaf, ein Ort in Chuftftan, zu lefen. Auch 
Tab. fpriht von 8 Monaten, ich vermuthe daher, daß es bei Quatre- 
mere (5.72) nur ein Schreibfehler ift, wenn er fast: Muhallab habe 
acht Sahre ohne entjcheidenden Sieg geaen die Ajrafiten gekämpft. 


1) Bei Abd Almahafin heißt es: „Im 3. 69 (Anfang 6. Zuli 
688) fielen die Griechen über Syrien ber und Abd Almalik erfaufte 
einen Frieden gegen 1000 Dinare jede Woche. Bei Tab. T. X. f.4 
verso (Berl. mse.) im 5. 70. Sch nehme lieber das 3. 69 an, weil 
nad Theophanes S. 555 diefer Friedensſchluß ſchon im erften Re— 
gierungsjahre Suftinians II. (686) vorfiel. Gleich bei feinem Regie: 
rungsantritte hatte der Chalife nach Theoph. S. 552, auch einen Frie- 
den erfauft. Für den zweiten foll er nad) demf. 1000 Goldftücde 
täglich niht wöchentlich bezahlt haben. 

2) Umm Albenin, Amru’s Mutter, war eine Tochter Hafam’s 
Son Abi⸗l-Aaß, aljo eine Tante Abd Almalik's. Won väterlicher Seite 
waren fie ohnehin verwandt, denn beide ftammen von Omejja ab. 
(Zab. f. 3. v.) Amru’s Vater Said war Sohn des Abu—-l-Aaß, Sohn 
Saids, Sohn des Abu-l-Naf, Sohn Omejja's. Abd Almaliks Ger 


Abd Almalik. 397 


in der Hauptitadt zurücgeblieben war, benügte des Chalifen 
Abwefenbeit, um fich jelbft auf den Thron zu fchwingen, den 
ibm fhon Merwan, zum Lohne für feine Dienfte gegen die 
Zubeiriden verbeißen hatte 1). Diefe Empörung Amru’s, der 
die in Dumasf zurücgeblieben Truppen gewann und die Be- 
wohner der Stadt zur Huldigung zwang, nöthigte Abd Alma- 
if wieder zum Rückzuge ?), um feine eigene Hauptſtadt zu 
unterwerfen. Der Kampf dauerte indeſſen nicht lange, denn 
Amru fonnte dem nad) Irak beſtimmt' gewefenen Heere feine 
Schlacht liefern, feine Truppen wollten fi) nicht gegen Abd 
Almalif fhlagen, und die Bewohner von Damasf fürd- 
teten eine Belagerung, jo daß ihm nichts übrig blieb, als die 
von Abd Almalif ibm angebotene Amneftie anzunehmen und 
die Stadt zu übergeben. Bald nachher aber, als die Ord— 
nung wieder bergeftellt war, beſchloß Abd Almalif, vor einem 
zweiten Feldzuge nach Irak, Amru aus dem Wege zu räu- 


fhlechtslinie ift fhon oben angegeben worden. Amru’s Water war 
nad Nawawi ©. 281 jomohl durd Beredfamkeit ald durch Freige: 
bigfeit ausgezeichnet, und hatte unter Othman's Chalifat fi ſowohl 
im Kriege als in der Verwaltung hervorgethan. Unter Muamia 
war er mehrmals Statthalter von Medina abwechjelnd mit Merwan, 
fo daß alfo fhon unter ihren Vätern eine gewiſſe Rivalität ftatt fand, 
die nah Tab, a. a. D. Merwan’s Mutter auch zwifchen Amru und 
Abd Almalif, als fie nody Knaben waren, hervorrief. 

1) Tab. (türk.) ©. 72: Als Iezid der Sohn Muawia's ftarb, 
hoffte Said, er würde das Ihalifat erhalten, denn Merwan ftrebte 
gar nicht darnach, bis Fon Zijad feinen Ehrgeiz mwedte, Merman hin: 
terging dann Amru und fagte ihm: ich bin alt und ernenne dic) zu 
meinem Nachfolger. Amru, der ein tapferer Krieger war, trug viel 
zum Siege bei Merdj Rahit bei u. f. w. 

2) Er war nach dem türf, Tab. a. a. O. fhon in Ein Alkura, 
wo er den Winter zuzjubringen gedadhte. Nach den arab. Tab. f.4 
verso, wo Wafidi angeführt wird, befand er fih, ald er Nachricht 
von der Empörung Amru’s erhielt, in Butnan Habib. Derjelbe 
berichtet audı, daß der Aufftand im 3. 69 ftatt fand, Amru's Tod 
aber erſt im 3. 70. 


398 Neuntes Hauptflüd, 


men. Eines Tages lieg er ihn rufen, nachdem er vorher 
viele Vertrauten zu fich beftellt hatte, um im Falle eines Wir 
derftandes feiner Herr zu werden. Amru, der nichts Gutes 
ahnte, nahm ein zahlreiches Gefolge mit, fobald er aber in 
das Schloß eintrat, ward das Thor hinter ihm gefchloijen D). 
Bor Abd Almalif geführt, fagte ihm dieſer: ich habe zur Zeit 


D) Nach dem türf. Tab. a. a. D. nahm er auf feines Bruders 
Sahja Rath, der ihn eigentlich gar nicht gehen laſſen wollte, 100 
freigelajfene Sflaven mit. Nah Macudi f. 247 folgten ihm 500 
Mann. Diefer bemerft au, daß das Gefolge nicht in das Schloß 
gelaſſen wurde, Leider beginnt die arab. Handſchrift Tabaris erft 
mit Abd Almalif’s Mordthat, fo daß ich bis zu dieſem Momente 
noch der türk. Heberfegung folgen muß. Aus dem Verſe, den Abd 
Amalif, im Augenblicde, wo er Amru todtete, dichtete, geht jedoch 
fhon hervor, daß Amru die ihm gewordene Begnadigung migbraudht. 
Diefer Vers lautet: „O Amru! du hörft nicht auf mich zu ſchmähen, 
und herabzufegen, drum fchlage ich dich bis der Hama ruft: tränket 
mich!“ Hama ift der Name eines Vogels, der nah arabiſchem 
Volksglauben aus dem Gehirne eines Getödteten entipringt, und auf 
deſſen Grab ruft: gebet mir das Blut meined Mörders zu trinfen! 
His Blutrahe genommen worden. Auch fagt Abd Almalif bei Zab. 
f. 4. r. zu Amrus Söhnen, deren Anblie ihn auf's tieffte rührte: 
„Euer Vater bat mic in eine Lage verjegt, wo mir feine andere 
Wahl blieb, als entweder ihn aus der Welt zu fchafen oder mich 
von ihm verderben zu laffen. Sch habe Griteres vorgezogen.“ 

Obigen Vers fand ich bei Sujuti zum Mughni in einem grö— 
fern Gedichte des Dful Ißba, von dem weiter unten die Rede fein 
wird, Statt „o Amru“ heißt ed dort „wahrlich du” (innaka). Auch 
heißt es dort ftatt „biß“ Chatta) „wo“ (heithu) das heißt auf den 
Kopf, weil der Vogel Hama im Gehirn entjpringt und fih da aufs 
hält, bis Rache genommen worden. Auch dieſer Dichier beklagt fich 
über einen Vetter und fährt nah obigem Merje fort: „Sedermann 
fäßt zulegt fein Inneres durchblicken, wenn er auch noch jo lange 
fremde Zugend heuchelt. Bei Gott! meine Thüre ift nie dem Freunde 
verjchloffen und offen liegt mein Gut vor ihm. Meine Zunge redet 
Freunden nichts Schlimmes nad, drum wehe dem, der meinen Ruf 
antaftet u. j. w. 


Abd Almalik. 399 


des Aufruhrs in Damasf gefhworen, dih an Händen und 
Füßen zu feffeln, laß’ mich jest meinen Eid erfüllen! ich 
ſchwöre dir, daß ich felbft dir die Feſſeln wieder abnehme. 
Amru glaubte diefen Schwur, obgleich Abd Almalif Feine Zeit 
beftimmt, noch ſich darüber ausgefprochen hatte, ob er fie ihm 
lebend oder todt wieder abnehmen würde; übrigens ſah er 
auch wohl ein, daß hier jeder Widerftand vergebens fein würde, 
er wollte daber den Chalifen nicht umfonft reizen und Tieß 
fih willig in Ketten legen. Als er eine Weile fo da geftan- 
den, fagte er zu Abd Almalif; „nun erfülle dein Verſprechen!“ 
„Ich werde, was ich dir zugefagt, halten,” ermiederte ber 
Chalife, ‚aber du haft deinen Schwur gebrochen und dich ger 
gen mich aufgelebnt.“ Bei diefen Worten faßte er ihn am 
Kragen und ftieg ihm das Gefiht auf den Thron, daß ihm 
feine Zähne zerbraden. In dieſem Augenblide rief der 
Muaddfin zum Gebete. Der wortbrüdhige und meuchelmör— 
derifche Chalife verließ den Saal, um fein Gebet zu verrich- 
ten, und beauftragte feinen Bruder Abd Maziz, inzwifchen 
Amru zu tödten. Als Amru’s Begleiter den Chalifen allein 
aus dem Schloffe fommen fahen, liefen jte zu feinem Bruder 
Jahja und benadhrichtigten ihn davon. Diefer fammelte ſo— 
gleich feine Sklaven und Tief in die Mofchee. Der Tumult 
ward fo groß, dag Abd Almalif das Gebet unterbrach und 
fragte: was bedeutet diefer Lärmen? „Wo ift mein Bruder 
Amru?” vief ihm Jahja zu. „Er it im Schloffe bei meinem 
Bruder Abd Alaziz‘ antwortete Abd Almalik, ih will dir ihn 
fogleidy herausſchicken. Jahja mit feinen Sflaven und Freun— 
den folgten nun dem Chalifen nad dem Schloffe, fobald 
diefer aber darin war, lieg er alle Thore fchliegen )Y. In 


— — — 


1) Da, wie oben berichtet, Amru gleich von ſeinem Gefolge 
getrennt worden, iſt ſchwer zu begreifen, wie jetzt Jahja mit ſeinen 
Leuten ſich nochmals täuſchen und Abd Almalik allein ins Schloß 
zurückgehen ließ, um ſo weniger, da er nach Tab. 1000 Mann bei 


400 Neuntes Hauptſtück. 


den Saal zurückgekehrt, in welchem er Amru gelaffen, verwünfchte 
er feinen Bruder, als er fab, daß er feinen Befehl nicht voll- 
zogen. Er nahm dann den Dolch eines feiner Sflaven und 
flieg nah Amru, vermochte aber nicht ihn zu verwunden, 
weil er ein Panzerbemd auf dem Leibe trug. Er foll aber dann, 
fo wird ven Manchen erzählt, nady einem Schwerdte gegrif- 
fen, Amru auf den Boden geſtreckt und ihn im eigentlichen 
Sinne des Wortes gefchlachtet haben D. Den noch bluten- 
den Kopf warf er dann zu den Füßen Jahja's, der vor dem 
Schloſſe mit feinen Sflaven ein aufrührerifches Geſchrei er- 
bob, während er unter dem Bolfe, das diefer Tumult herbei- 
gerufen hatte, viel Geld austheilen Tieg, fo daß dann die 
Berhaftung Jabjas und der übrigen Berwandten Amru’s ohne 
große Schwierigfeit vorgenommen werden fonnte, Abd Mlaziz 
nahm ſich jedoch der unglüdlihen Verwandten Amru’s an 
und bewog Abd Almalif, ver fie hinrichten laffen wollte, fie 
lieber aus Syrien zu verbannen ?). Um die Beweife feines 


fih hatte. Wahrſcheinlich zog fih Abd Almalik gleih beim erften 
Tumulte in dag Schloß zurüf und lieg alle Thore jchliegen, oder 
Jahja hatte nur wenig Leute bei ſich, welche Abd Almalik's Wache 
leicht von ihm fern halten fonnten und erft fpäter ward der Volks— 
haufe größer. Uebrigens ergibt fih auh aus dem Wenigen, was 
noch der arab. Tab. darüber erzählt, dag die Thüre der Loge Abd 
Almalik's in der Mofchee zerbrohen und fein Sohn Welid im Tu: 
multe verwundet ward. 

1) Arab. Tab. f. 2 verso, den ich von num an, wenn ich nicht 
ausdrücklich den türfifchen nenne, immer citiven werde, big zum 
Schluſſe diefed Bandes. Doc führt er f. 3 rect, eine andere Tra— 
dition an, derzufolge Abd Almalif, als er zum Gebete ging, feinem 
Sklaven Ibn Affueirija befahl, Amru zu todten und daß diefer auch 
wirklich den Befehl feines Herrn vollzog. 

2) Ein Rathgeber Abd Almalik's fagte: eine Schlange kann 
doch nur wieder eine Schlange zur Welt bringen, drum, o Fürft 
der Gläubigen, lag ihn (GJahja) tödten, denn er ift ein Heuchler, 
ein Feind. Darauf verfegte ein Anderer: O Fürft der Gläubigen! 


Abd Almalik. 401 


Wortbruchs nicht zu verewigen, ließ Abd Almalif von Amru’s 
Wittwe die Capitulationsurfunde zurüdfordern, fie antwortete 
aber: „sch babe dieſe Urfunde in meines Gatten Tudtenges 
wand geftedt, damit er einſt Rechenfchaft von dir fordere ). 

Als die Drdnung in Damasf wieder bergeftellt war, 
brah Abd Almalif mit feinem Heere wieder (I. 71 d. H. 
690-691) gegen Irak auf. Er felbft lagerte in der Nähe 
von Kirkifia und unterwarf diefe Stadt fowohl, welche bisher 
noch immer unter Zufr Ibn Harith’s Bothmäßigfeit geftan- 
den, als einige andere in Mejopotamien, die theils von Schiiten, 
theils von Mußab’s Statthalter befegt waren 2). Während 
er felbft am obern Euphrat und jenfeits defjelben feine Herr- 
haft geltend machte, verfuchte es einer feiner Generäle, 
Chalid Ibn Abd Allah, in Baßra eine Bewegung gegen 
Mußab hervorzubringen, wo das Haus Omejja viele heim 
liche Freunde zählte und wo viele Araber wohnten, die mit 
den in Syrien angefiedelten Stämmen verwandt waren, Die 
Anhänglichfeit an Stammgenoffen war, jo fehr auh Moham- 
med dahin geftrebt hatte, alle Araber zu einer großen Nation 
zu verjchmelzen, doch noch immer, wie wir faft in jeder Epoche 
ber Geſchichte des Islams gefehen, ftärfer als jedes andere 


du weißt, daß Zahja dein Vetter ift, diefe Leute haben gegen dich 
gehandelt, wie du wohl weißt und du fie auch dafür beftraft, mie 
dir wohl bekannt; du Fannft ihnen allerdings nicht mehr trauen, 
doch rathe ich dir nicht, fie zu tödten, laß fie zu deinem Feinde über: 
gehen, werden fie getödtet, jo haben dir doch Andere vor ihnen 
Ruhe geihafft, werden fie verfchont und kehren mieder, fo Fannft 
du immer nad deinem Gutachten gegen fie verfahren. Abd Almalik 
lieg fie dann nach Sraf bringen. Tab. f, 3 v. Dies gefhah, nad: 
dem fie über einen Monat eingefperrt waren, aber im erften Augen: 
blife rettete fie Abd Alaziz. 


1) Ibid. f. 3 verso. 
2) Masudi f, 248. Kirkiſia ward belagert, bis Zufr die Stadt 


übergab, eben jo die Stadt Nißibin, welche in den Händen der 
Schiiten war, 
26 


402 Neuntes Hauptſtück. 


politiſche und feldft religisfe Band, Chalid fand in dem 
Haufe Amru's Ibn Ama eine freundliche Aufnahme und 
diefer hoffte fogar, Abad Jon Hußein, den Polizeipräfeften 
von Bafra, für Abd Almalif zu gewinnen, Da aber Abad 
einen folhen Verrath mit Entrüftung und Drohungen von fi) 
wies I), rieth Amru feinem Gaſte, fein Haus zu verlaffen 
und in dem Malik's Ibn Masma Schus zu fuhen. Diefer 
trogte Abad fowohl als Mußab's Statthalter Ubeid Allah 
Ibn Ubeid Allah Fon Mamar, denn er ward von den Benu 
Ber, von den Benu Tamim und andern Stämmen unter: 
flüst, auch waren inzwifchen ſyriſche Reiter, welchen Chalid 
sprausgeeilt war, in die Stadt gekommen. Chalid behauptete 
fih vier und zwanzig Tage in Bafra ?) gegen Abd Allah 
Ibn Mamarz als diefer aber Berftärfungen ?) von Kufa er- 
hielt und Malik verwundet ward, fonnte Chalid fih nicht 
mehr länger halten. Bald nachher kam Mugab felbft nach 


1) Tab. f. 5 v. führt zwei Traditionen an, nad der einen 
fandte Amru felbft einen Boten an Abad und lieg ihm fagen, er 
habe Chalid bei fih aufgenommen und hoffe auf feine (Abad’s) Un— 
terftügung. Abad Fam gerade nah Haufe, ald er diefe Nachricht 
erhielt, er fagte zum Boten: fage deinem Herrn, ich werde die Dede 
meines Pferdes nicht abnehmen laffen, bis ich an der Spise meiner 
Keiter fein Haus überfallen. Nah einer andern Tradition ward 
Abad nicht durch Amru felbft von der Ankunft Malik's in Kenntnig 
geſetzt. 

2) Gr lagerte auf einem Platze, der nach Tab. a. a. O. Djufrah 
Naft Son Harith hieß und fpäter Djufrah Chalid genannt ward. 
Auch im Kamuß lieft man: „Djufrah ift der Name eines Platzes 
in Bafra, wo im 3. 70 unter der Herrfchaft der DOmejjaden ein 
großes Gefecht vorfiel; der größte Koranslefer von Baßra, Djafar 
Son Atarid, heißt darum auch der Djufrite, weil er in dem Jahre, 
wo das Gefecht auf diefem Plake vorfiel, geboren worden.‘ 

3) Mußab fandte ihm Zadjr Son Keis mit 1000 Mann, zwar 
fandte Abd Almalit auch einige Truppen nah, aber UÜbeid Allah, 
ihr Anführer, fürchtete fih in die Stadt einzuziehen, er fandte Matar 
Son Alnawam, ald aber diefer Fam, war es jchon zu fpät. 


Abd Almalik. 403 


Baßra und verfuhr mit der größten Strenge gegen alle, bie 
an der Verſchwörung Theil genommen. Malif Hatte jedoch, 
weil er troß dem mit Abd Allah Fon Mamar gefchloffenen 
Bertrage ) Mußab nicht traute, vor deffen Anfunft die Stadt 
verlaffen und büßte feinen Verrath nur mit dem Berlufte 
aller feiner Güter. Die übrigen Näpdelsführer, welche in 
Mußab’s Hand fielen, der fogleich feinen Statthalter abfekte, 
erhielten jeder bundert Stodftreiche, ihre Häufer wurden, wie 
das Malif’s, eingeriffen, man fehnitt ihnen den Bart und die 
Haupthaare ab und führte fie in allen Theilen der Stadt 
umber, dann ftellte man fie drei Tage der Sonne aus, nö— 
tbigte fie, fih von ihren Frauen zu fcheiden und zu ſchwören, 
daß fie nie mehr eine Freie heirathen würden. 

War aber auch Chalid's Verſuch, fih der Stadt Baßra 
zu bemächtigen, mißlungen, fo hatte er doc für Abd Almalik 
den Bortbeil, dag Mußab, ftatt Truppen aus Baßra zu zie- 
ben, noch gendthigt war, yon dem zum Kriege gegen bie 
Syrer beftimmten Heere einen Theil als Beſatzung, und 
Abad, einen feiner beiten und zuverläffigften Generäle, ale 
Gouverneur dafelbft zurüdzulaffen. Ueberhaupt verſetzte die— 
fer, dur Chalid bewirkte Auffitand in Baßra, fowohl Mu— 
ßab ſelbſt, als auch) fein Heer in die ungünftigfte Stimmung. 
Alles Vertrauen verfhwand, denn auch in Kufa hatten die 
Dmejjaden einen bedeutenden Anhang und ale Mußab nad) 
feiner Rüdfehr von Baßra die Kufaner aufforderte, gegen 
den immer näher rüdenden Abd Almalif, welcher die Treu— 
Ipfigfeit der Irakaner wohl kannte ?), auszurüden, fand er 





1) Der Statthalter oder vielmehr Abad gewährte ihm für fi 
ſelbſt ſowohl als für Chalid volle Gnade, unter der Bedingung, dag 
diefer die Stadt verlaffe. 1.1.1.6 v. Der türk. Tab. ©. 74 läßt 
Malik zu Chalid fagen: Gehe zurück zu Abd Almalif und fage ihm: 
die Mehrzahl der Bewohner Bapra’s feien mit ihm, doh würden 
fie nicht eher für ihm kämpfen, bis er felbit erfcheine. 

2) Als Abd Almalik gegen Mußab ziehen wollte, widerfprachen 

206 


404 Neuntes Hauptflüd. 


wenig Gehör. Sogar unter den Generälen I), welche mit 
ihm in den Krieg zogen, waren Verräther, Die mit Abd Al- 
malif in Briefwechfel ftanden. Ibrahim erhielt auch einen 
Brief von Abd Almalif, er brachte ihn aber verfiegelt vor 
Mugab und als diefer ihn erbrach, fand er darin eine Auf— 
forderung an Ibrahim, zu ihm überzugehen und das Ber: 
fprehen, ihm die Statthalterfchaft yon Irak zu verleihen, 
Ibrahim, welcher wußte, daß derfelbe Bote ähnliche Briefe 
andern Generälen überbracht, ohne daß fie Davon eine Anzeige 
gemacht, verlangte von Mußab ihre Hinrichtung als Verräther. 
Mußab erwiederte: dann machen wir ung ihre Stammgenoffen 
zu Feinden. Ibrahim fchlug dann vor, fie gefefjelt in dag 
weiße Schloß nad Madain bringen zu laffen und den fie 
bewachenden, zuverläfftgen Männern den Befehl zu ertheilen, 
fie im Falle einer Niederlage hinzurichten, im Falle des Sie— 
ges aber fie, aus Nüdjicht für ihre Stammgenoffen, zu be— 
gnadigen. Mußab wollte aber aud) davon nichts wiffen und 
fagte nur: Gott erbarme ſich des Abu Bahr, der hat mid) 
vor der Treulofigfeit der Irakaner gewarnt, als hätte er bie 
Lage vorausgeſehen, in der wir uns jett befinden 2), Wenig 


ihm alle Häupter Syrieng und verlangten, daß er bleibe und fein 
Heer unter einem andern Anführer vorausſchicke. Giegt es, fagten 
fie ihm, fo ift es gut, wo nicht, fo Fannft du es mit einem zweiten 
Heere unterftügen. Abd Almalif ermwiederte: Um diefen Krieg zu 
führen bedarf es eines Elugen Kureifchiten, der Kenntniß des Krier 
ges mit Tapferkeit paart. Sch Fann mich rühmen, im Kriegsmefen 
erfahren zu fein und wenn es Noth thut, auch muthig das Schwert 
zu führen. Mußab ift freilih auch aus einem wadern Gefchlechte; 
fein Vater war der tapferfte Kureifchite und er felbft ift tapfer; er 
hat aber wenig Kriegsfenntniß, denn er zieht das Wohlleben dem 
Kriege vor, auch ift er von Leuten umgeben, die ihm entgegen find, 
während ich mich unter treuen Freunden befinde. ibid. f. 7 verso. 


1) Tab. a. a. D. nennt derer fieben, worunter auch der oben 
genannte Zadjr Ibn Keis und Attab Son Waraka. 


2) Tab. L. 8 recto. Abu Bahr ift fein anderer als Dhahhaf 


Abd Almalik. 405 


fehlte, ſo wären die Irakaner ohne Schwertſtreich zu Abd 
Almalik übergegangen, doch bewogen ſie die Worte des Keis 
Ibn Heitham, dem Mußab auf das Schlachtfeld zu folgen, 
Sener ſprach: „Wehe euch! haltet doc) die Bewohner Syrieng 
fern von euch! fie werden bald euer Leben beneiden und euch 
in euren eigenen Wohnungen beengen. Bei Gott! ich habe 
gefeben, wie der Erſte unter den Syrern vor der Pforte des 
Chalifen harrt und fi freut, wenn er ihn mit irgend einem 


Son Keis, der unter dem Namen Ahnaf befannter ift und von 
dem ſchon oben die Rede war. Wir feken hier noch eine Anef- 
dote aus Abulfeda (S, 412) her, weil daraus hervorgeht, daß felbft 
Männer wie Muamia wahre Tugend und Männlichkeit ſchätzten und 
nur weil fie, auch zu jener Zeit, unter den Arabern jelten waren, 
immer mehr ihrer Leidenfchaft folgten. Ahnaf Fam einft zu Mua: 
wia, da trat ein Syrer herein, welcher eine Rede hielt, die mit einer 
Verwünſchung Ali's endete. Die ganze Verfammlung fhwieg dazu, 
aber Ahnaf erhob fih und ſprach: „DO Fürft der Gläubigen! wenn die: 
fer Sprecher wüßte, dag er dein MWohlgefallen dadurd erlangt, fo 
würde er eben fo gut die Gefandten Gottes verfluhen. Fürchte 
Gott und laſſe Alt, der allein ins Grab geftiegen und nun bei fei- 
nem Herrn ift, der, bei Gott! edler Natur war und ein bartes 
Shidjal hatte. Darauf ſprach Muawia: O Ahnaf! du drückſt das 
Aug’ auf einen Spreifen (du thuft mir wehe), bei Gott! du befteiaft 
jest die Kanzel und fluchft Ali auch, freiwillig oder gezwungen. Ah: 
naf ermiederte: Erläffeft du mir dies, jo wird es dir Segen bringen. 
Als Muamia mweiter in ihn drang, fagte er: bei Gott, ich werde dir 
Gerechtigkeit miderfahren laſſen und nah dem Lobe Gottes und 
dem Gebete für feinen Gefandten jagen: „D ihr Leute! Muamia, 
der Fürft der Gläubigen, hat mir befohlen, Alt zu fluchen. Aber 
Ali und Muamia waren in Streit und Krieg. Jeder von ihnen be: 
hauptete, ihm fei Unrecht gefhehen, wenn ih nun fluhe, fo faget 
Amen!” dann werde ih fortfahren: „Gott! fluche du und deine 
Engel und deine Gefandten und dein ganzes Heer denjenigen von 
ihnen, der Unrecht hatte und die ganze Schaar, die ihm beiftand! 
Gott, fende fchweren Fluch über fie! faget Amen! Gott erbarme 
fih eurer!“ fo werde ich mich ausdrücken, o Muamia, und wenn es 
mein Leben Foftete. Muamia erlieg ihm dann gerne feinen Fluch. 
Er ftarb im 3. 67, 


406 Nenntes Hauptflüd, 


Auftrage beehrt. Mir ift, als ſähe ich uns fchon zu Felb- 
zügen gegen die Griechen angehalten, und während mancher 
von ung über taufend Kameele gebietet, ziehen die vornehmften 
Syrer auf einem Pferde in den Krieg, das auch ihren gan- 
zen Proviant trägt I.” Die Schladt fiel in der Nähe von 
Maskan an einem Tigrisfanale bei dem Klofter Djatblif vor, 
So lange Jbrahim, der Sohn des Malik Alchtar, an der 
Spise der Jrafaner focht 2), blieb fie unentfchieden, als er 
aber fiel, war fie für Mußab verloren, denn Attab Ibn 
Warafa, der den Oberbefehl über einen Theil der Reiterei 
hatte, ergriff die Flucht ?), andere Generäle, welchen er gegen 
den Feind vorzurüden befahl, Teifteten ihm feinen Gehorfam. 
Als er ſich von vielen verlaffen und außer Stande ſah, über 
Abd Almalif zu fiegen, bat er feinen Sohn Iſa, fein Leben 
zu retten und fih nah Meffa zu feinem Obeim zu begeben. 
Iſa wollte aber feinen Bater nicht verlaffen und ſchlug ihm 
vor, mit ihm entweder nad) Baßra oder nah Mekka zu flie- 
ben. Eine folhe Schande wollte aber Mußab nicht auf fi 
laden, Eben fo wenig wollte er fih dem Abd Almalif er- 
geben, obgleich er ihn durch feinen Bruder Mohammed feiner 
Begnadigung verfihern ließ. Ein Mann wie ich, fagte er, 


1) Tab. ibid. Die Feldzüge gegen die Griechen heißen „Sa— 
mwaif”, (mit fad) Mehrzahl von „Saifah”, ein Wort, das eigentlich 
„ſommerlich“ bedeutet und das, dem Kamuß zufolge, darum zur 
Bezeichnung Ddiefer Feldzüge gebraucht wird, weil das Land der 
Griechen (Kleinaftien und Armenien) für die Araber zu Falt war, 
um im Winter darin Krieg zu führen. 

2) Er griff zuerft Mohammed Ibn Merwan an, und trieb ihn 
zurüd, aber Abd Allah Son Zezid Son Muamwia Fam diefem mit 
feinen Leuten zu Hülfe. Ibid. 

3) So bei Tab. nach Masudi f. 248 follte Attab Ibrahim bei- 
ftehen, statt deffen bradte er ihm im Namen Mußab's den Befehl 
zum Rückzug. Als aber Ibrahim demungeachtet, wie fein Vater in 
der Schlacht von Siffin, den Kampf fortjegte, ließ Attab den rechten 
Flügel zurüctreten, jo dag Ibrahim bald vom Feinde umzingelt war. 


Abd Almalik. 407 


darf das Schlachtfeld nur als Sieger oder als Beſiegter ver— 
laſſen. Mohammed beſchwor dann Iſa, ihm zu Abd Almalik 
zu folgen, und Mußab ſelbſt rieth ihm dazu, aber Iſa er— 
wiederte: die Frauen Kureiſch's ſollen mir nicht nachreden, 
dag ich meinen Vater verlaſſen ). Er kämpfte dann, bis er 
unter den Streichen der Syrer erlag und fein Vater folgte 
ihm bald nah in den Tod (13. Djumadi Adir 71 = 22. 
Nov. 690) 2). Den Todesſtoß erhielt Mußab von Ubeid 


1) Zu den Wenigen, welhe bei Mußab ausharrten, gehörte 
auch Ismail Ibn Talha, der jedoch auf eine fonderbare Weife ge, 
rettet ward. „Zijad Sbn Amru, ein Srafaner, der unter dem fyri- 
fhen Heere diente, Fam zu Abd Almalif und fagte ihm: Ismail 
Ibn Talha war mir ein treuer Nachbar und bewahrte mich vor 
manchem Webel, das mir Mußab zufügen wollte, möchteſt du ihn 
nicht begnadigen? Sobald der Chalife feine Begnadigung ausfpradh, 
forang Zijad zwifhen die Reihen der Krieger und ſchrie: wo ift 
Semail Fon Talha? Als Ismail hervortrat, fagte ihm Zijad: ich 
habe dir etwas mitzutheilen und näherte fih ihm, fo daß ihre Roffe 
fih berührten. Dann faßte Zijad, der ein großer ſtarker Mann 
war, den fhmäctigen Ismail an dem Gürtel und hob ihn aus dem 
Sattel zu fih berüber und fprengte mit ihm davon. Jsmail rief 
fortwährend: das ift Verrath gegen Mußab. Ztjad erwiederte aber: 
das ift mir lieber, als daß ich dich morgen unter den Todten finde. 
Tab. L. 8 vers. u.9 r. 

2) Nah Masudi f. 249, welhem auch Quatremere ©. 84 folgt, 
ftarb Mußab Dienftag den 13. Djumadi Ammal des 3. 72. Abd 
Almahafin fest Mußab's Tod in das 3. 7L, bemerkt jedoch, daß 
Andere, worunter auch Dfahabi, ihn in das J. 72 fegen. Tab. be 
rihtet diefe Schlaht und Mußab's Tod unter den Begebenheiten 
des 5. 71, jest aber dann f. 10 rect, hinzu: „Manche behaupten, 
Mußab's Krieg mit Abd Almalif und fein Tod fei im $. 72 vor: 
gefallen, Chalid's Zug nah Baßra aber im 3. 71. Mußab ftarb 
im Monate Djumadi Achir. Sm diefem Sahre (71) aing auch nad 
Wakidi Abd Almalif nah Kufa und ernannte Statthalter über Kufa 
und Baßra und die dazu gehörenden Provinzen, während Hafan 
erzählt, dies fei erit im 3. 72 gefchehen. Dmar berichtet nach einer 
Yeberlieferung von Ali Son Mohammed: Mußab wurde Dienftag 
den 13, Djumadi Awwal oder Achir des 3. 72 getödtet.“ Halten 


408 Neuntes Hauptſtück. 


Allah Ibn Zijad Ibn Tiban, welcher ihm aud den Kopf 
abfhnitt und dem Abd Almalif brachte. Diefer wollte ihm 
1000 Dinare fchenfen, er nahm fie aber nicht an und fagte: 
ich babe ihn nicht aus Liebe zu dir getüdtet, fondern um den 
Tod meines Bruders zu rächen, der auf Mußab’s Befehl 
(als Straßenräuber) hingerichtet worden. Nach andern Bes 
richten fol jedoch Abd Almalif, der früher mit Mußab be- 
freundet gewefen, feinen Tod betrauert und ausgerufen ha— 
ben: wann wird Sureifch wieder ein folhes Haupt befiten, 
bei Gott! er war mir früher heilig, wo es aber Herrichaft 
gilt, gibt es Feine heiligen Bande mehr. Kurz und wahr 
wird Mußab's Schickſal in folgenden Verſen des Dichters 
Rukejjah I) gefhildert, der ein Freund Mußab's war: 





wir nun diefe verfhiedenen Angaben zufammen und bedenfen, daf 
über den Tag der Woche und des Monats Hebereinftimmung herrfcht, 
fo bleibt an dem im Terte angegebenen Datum Fein Zweifel, denn 
nur im Monat Djumadi Achir des 5. 71 war der 13. ein Dienftag, 
der 13. Djumadi Ammwal (23. Oft.) aber war ein Sonntag. Im 
J. 72 war der 13. Djum. Am. (12. Oft. 691) ein Donnerftag und 
der 13. Djum. Ad. (11. Nov.) ein Samftag. Auch Abulfeda ©. 418 
fegt Mußab's Tod, ohne jedoch den Tag zu beftimmen, in den Mo: 
nat Djumadi Achir des 3. TL. 

1) Der Name diefes Dichters war Ubeid Allah Ibn Keid aus 
dem Stamme Amir. Er erhielt den Beinamen Rufejjah, entweder 
weil er mehrere Geliebten hatte, welche Rukejjah biegen, oder weil 
zwei feiner Großmütter diefen Namen führten. Said Ibn Mufejjab 
fragte einft Semanden, welcher Dichter größer fei, Rukejjah oder 
Dmar Ibn Abi Rabia und man antwortete ihm: Letzterer hat die 
fhönften Gazellen gedichtet, Erfrerer ift aber in allen Gattungen 
der Poefte groß. Er fcheint mehr Talent als Charakter gehabt zu 
haben, denn fpäter trat er ald Panegyriker am Hofe Abd Almalif’s 
auf. Sujuti zum Mughni erzählt: Als Mußab von Feinden um: 
zingelt war, fagte er zu Rukejjah: nimm aus meinem Scake ſo 
viel du willſt und rette dein Leben! Rukejjah ermwiederte: ich werde 
dich nie verlaffen. Er Fämpfte dann mit Mußab, bis er getödtet 
ward, dann entfloh er nah Kufa. Als er, fich furdtfam umfehend, 
vor einer Thüre ftand, trat eine Frau zu ihm heraus und hieß ihn 


Abd Almalik. 409 


„Meber den Gefallenen bei dem Klofter Djathlik find die 
beiden Städte (Kufa und Bafra) in Trauer und Zerfnirfchung. 
Ber Ibn Wail war nicht treu und Tamim harrte nicht aug 
im Rampfe. Wäre er ein Bekrite gewefen, fo hätten viele 
Mächtige ihn bemitleidet, er aber blieb ſchutzlos, die Söhne 
Mudhar’s blieben ferne an diefem Schladhttage. Gott befchäme 
die Kufaner und Bafraner! den Niedern gebührt nur Schmad), 
Die Söhne Illat I) haben unfere Rüden bloßgeftellt, fo daß 


—— —— —— — 


einkehren. Sie führte ihn dann in ein oberes Gemach und verpflegte 
ihn 4 Monate, ohne ſich nach ſeinem Namen zu erkundigen. Jeden 
Morgen und jeden Abend ward er aber von einem öffentlichen Aus— 
rufer für vogelfrei erklärt und es ward noch ein Preis auf feinen 
Kopf geſetzt. Eines Tages fagte er ihr: ich fehne mich nach meiner 
Familie. Gut, erwiederte fie, übereile dich nur nicht! Des Abends 
hieß fie ihn dann herabfommen und fiehe da, vor der Thüre ftanden 
zwei Kameele, eines für ihn und eines für zwei Sklaven, welde fie 
ihm zugleih als feine Führer vorftellte. Er fragte fie: wer bift dur, 
edelite aller Frauen? Da recitirte fie einige Verſe, die er früher 
gedichtet und ſagte ihm: mir haft du einft diefe DVerfe geweiht. Er 
reifte num, ohne fih aufzuhalten, nah Medina und traf des Nachts 
bei feinen Leuten ein. Dieje empfingen ihn mit Thränen und ſag— 
ten: rette dein Leben! denn erft geftern Abend bift du hier geſucht 
worden. Er begab fih zu Abd Allah Son Djafar und flehte ihn 
um Schuss an. Diefer ritt zu Abd Almalif und erbat fich eine 
Gnade aus. Sch gewähre dir Alles zum voraus, ſagte der Chalife, 
nur nicht die Begnadigung des Dichters Ubeid Allah. Abd Allah 
verfegte: du haft mir bisher alles ohne Vorbehalt gewährt. „Nun, 
fo will ih aud) diesmal feine Ausnahme machen, was ift dein Be— 
gehren ?“ „DBerzeihung für die Vergehen Ubeid Allah’s.” „Sch ver: 
gebe ihm.” Ubeid Allah reifte dann zum Chalifen und trug ihm ein 
Lobgediht vor, in welchem er unter Anderm fagte: „Feſt liegt die 
Krone auf feinem Haupte und ſchmückt eine Stirne, die wie Gold 
ftrahlt.“ Da fagte der Ehalife: du lobft mid, wie man Heiden zu 
loben pflegte, von Mußab fagteft du aber: „Er ift ein Lichtftrahl, 
von Allah ausgegangen, Finfterniß ift aus feinem Antlig verbannt“ 
2. f. w. 


1) Die Söhne Illat's bilden einen Zweig vom Stamme Ku: 
dhaa. Kamuß. 


410 Neuntes Hauptſtück. 


die Edelften unter ung von Feindes Hand fielen. Nach dei- 
nem Tode haben diefe Verräther aufgehört, den Mufelmännern 
heilig zu fein 1).“ 

Nah Mußab's Tod hielt Abd Almalik feinen Einzug in 
Kufa und empfing die Huldigung aller Bewohner Irak's, 
denn auch in Baßra erhielten die Omejjaden die Oberhand, 
fobald die Nachricht von Mußab's Tod dahin gelangte. Unter 
den verfchiedenen Stämmen, die ihm der Reihe nad ſich un- 
terwarfen, waren auch die Benu Adwan, denen der berühmte 
Dichter Hurthan Ibn Alharith, mit dem Beinamen Dfuzl- 
Ißba ?), angehörte. Die Benu Djufa, zu denen Jahja, Amru’s 
Bruder, fich geflüchtet hatte, baten bei ihrer Huldigung um 
Gnade für ihn ?), denn er war von mütterlicher Seite her 
mit ihnen verwandt und der Chalife gewährte fie ihm. Abd 
Almalif brachte vierzig Tage in der Burg von Kufa ) zu 


1) Tab. f. 10 recto. 

2) 1.1. f. 10 verso. Er führte den Beinamen Dſu—lIßba (der 
mit dem Finger oder der Zehe), weil er einft von einer Schlange 
gebiffen worden. Der Dichter Djamil, welcher in der Mühe Abd 
Almalik's war, wollte von Dſu-l-Ißba nichts wiffen, Mabad Ibn 
Chalid, der ihm Auskunft über ihn gab, erhielt deshalb einen Theil 
von Djamil’d Gehalt. Im Kamuß unter dem Woıte Ißba wird 
Hurthan’s Vater, Muhrith, genannt. Bei Sujuti zum Mughni heißt 
es: Hirthan Ibhn Alharth, Son Amru, Ibn Sbad, Ibn Jaſchkar, 
Son Adwan, einer der beiten Dichter des Heidenthums. Vergl. auch 
Zeitfehr. für Kunde des Morgenl. II. 229. Weber Djamil und den 
oben erwähnten Omar Sbn Abi Rabia fiehe am Schluſſe dieſes 
Hauptftüdes. 

8) Tab. l.l. 

4) Masudi f. 249 und Chamis erzählen folgende, ſchon durd 
Herbelot befannt gewordene Anekdote: Ald Mußab's Kopf an dem 
Thore der Burg aufgeſteckt ward, ergriff den Abd Almalif (bei Cha: 
mis Abd Allah) Ibn Dmeir, welcher fi) in der Nähe des Chalıfen 
befand, ein unwillkührliches Schaudern, Auf des Chalifen Frage, 
was ihn fo fehr bewege? antwortete er: ich habe an diefer Stelle 
Hufein’s Haupt gejehen, ald man es Ubeid Allah brachte, dann UÜbeid 


Abd Almalik. 411 


und beftellte zum Theil neue Statthalter ) für die verfchie- 
denen Provinzen Irak's und Perfiens, beftätigte zum Theil 
die alten, welche bald nah Mußab's Tod auch für Abd Allah 
Fon Zubeir nicht mehr länger Partei nahmen, Zu Lesteren 
gehörte der fchon oft erwähnte Muhallab Ibn Abt Sofrab, 
der unglüdlicherweife für Mußab, auch fern vom Kriege- 
fhauplage, noch immer mit den Charidjiten in Ahwas ?) be- 
Ihäftigt war. Aus folgender Geſchichte jehen wir übrigeng, 
daß er auch- feineswegs zu denen gehörte, die fih für ihn 
geopfert hätten: 

Die Charidjiten, fo erzählt eine arabiſche Duelle, erhielten 
vor Muhallab Nahriht von Mußab’s Tod. Um feine und 
feiner Freunde Charafterlofigfeit recht ans Tageslicht zu zie— 
ben, verlangten fie, den Schein annehmend, als wollten fie 


Allah's Haupt, das Muchtar zugefhidt ward; des Letztern Haupt 
lieg hier Mußab aufpflanzen, der nun felbit auf euern Befehl hier 
zur Schau ausgeitellt ift. Abd Almalik ließ, gleihfam um ein ähns 
liches Schickſal von ſich felbit abzuwenden, die Pforte, an welcher 
fih die Nemeſis fo furhtbar bewährt, abreißen. Aus Tabari's Still 
ſchweigen möchte ich faft jchliegen, daß dies nicht mehr als eine 
Sage ift. 

1) Er ernannte feinen Bruder Befhr Son Merman zum Statt: 
halter von Kufa und Chalid Son Abd Allah zum Statthalter von 
Bafra, wo nad der Vertreibung der Zubeiriden fi) Ubeid Allah 
Son Abi Befra und Hamran Ibn Aban um die Herrichaft ftritten. 
Tab. f. 11 verso. 

2) So bei Tab. f. 13 recto u. verso, f. 8 verso heißt e8 aber: 
Als Abd Allah Son Chazim, Statthalter von Chorafan, hörte, daß 
Abd Almalif nad; Jrak ziehe, fragte er: ift Amru Ibn Abd Allah 
Son Mamar bei Mußab? man antwortete: nein, der ift Statthalter 
von Fars. „Iſt Muhallab Son Abi Sofra bei ihm?” nein, der ift 
Statthalter von Moßul. „Sit Abad Son Hufein bei ihm?” nein, 
der iſt Statthalter von Bafra, und ich bin in Chorafan, rief er, 
wehe ihm!’ Uebrigens mochte Muhallab, obgleich er in Ahwas 
Krieg führte, nod immer den Namen eines Statthalters von Moßul 
führen, was er früher war, 


412 Neuntes Hauptftüd, 


zu ihnen übergeben, gleichfam eine Darlegung ihres politifchen 
Glaubensbefenntniffes. Sie fragten zuerft: was haltet ihr 
von Mußab? Jene antworteten: er ift unfer Jmam in Wahr: 
heit, „Iſt er euer Herr in diefer und jener Welt?” „Fa,“ 
„Seid ibr feine Freunde im Leben und im Tode?“ „Das 
find wir.” „Und was fagt ihr von Abd Almalit Ibn Mer- 
wan?“ „Er ift der Sohn eines Berfluchten, wir jagen ung 
vor Gott von ihm los und halten eg nicht weniger als ihr 
für erlaubt, fein Blut zu vergießen.“ „Saget ihr euch los 
von ihm in diefer und jener Welt?” „ja, jo gut wie von 
euch,” „ſeid ihr feine Feinde im Leben und im Tode?” „ja, 
fo gut wie die Eurigen,’ Nun, euer Imam !) Mußab ift 
son Abd Almalik erfchlagen worden; ich fehe euch aber jchon, 
wie ihr Diefen bald als euern Imam anerfennet, obgleich ihr 
euch heute von ihm Tosgefagt und feinen Vater einen Vers 
fluchten genannt habt. „Ihr Tüget, ihr Feinde Gottes!” Als 
ihnen aber am folgenden Morgen volle Gewißheit über den 
Ausgang der Schladht bei Masfan ward, nahm Muhallab, 
der DVorausfagung der Azrafiten gemäß, den Truppen den 
Eid der Treue für Abd Almalif ab. Natürlich warfen ihm 
jet die Azrafiten vor, wie er einem Manne huldigen fünnte, 
der feinen Imam erfchlagen und von dem er fih noch geitern 
für Leben und Tod Iosgefagt. Muhallab wußte nihts darauf 
zu antworten als: wir waren Mußab treu, fo Tange er unfer 
Herr war, jest wählen wir Abd Almalik. Mit Necht ver: 
festen aber die Azrafiten, die doch wenigftens für einen Grund» 
fat fämpften: „Wer von uns ift auf dem Wege der Yeitung 
und wer im Srrtbum! feid ihr nicht Brüder Satans, Ges 
fährten der Gemwalthaber und Sklaven biefer Welt ?) 2 


1) Da Mußab hier fortwährend Imam genannt wird, ließe 
fih vielleiht daraus fchliegen, daß er in feinem eigenen, nicht in 
Abd Allah’8 Namen in Jrak herrfchte. Dies erklärt vielleicht, warum 
Abd Allah während des ganzen Krieges zwiſchen Mußab und Abd 
Almalik von Arabien aus gar nichts für feinen Bruder gethan. 

2) Ibid. f. 13. 


Abd Almalik. 413 


Die Charidiiten festen nun natürlich ihre Feindfeligfei- 
ten gegen Abd Almalifs Statthalter in Perfien mit noch 
mehr Bitterfeit als früher gegen die Stellvertreter Mußab’s 
oder feines Bruders fort und brachten ihnen mehrere Nies 
derlagen in Perfien und Bahrein bei ), Muhallab der in 
ber erften Zeit mit der Verwaltung der Finanzen in Ahmas 
beſchäftigt gewefen, rückte auf den ausdrücklichen Befehl Abd 
Almalifs 2) wieder gegen fie und ſchlug fie, in der Nähe der 
Stadt Ahwas. Die Charidjiten in Bahrein aber 9) Fonnten 


1) Chalid Sbn Abd Allah, der ald Emir von Baßra auch über 
die Statthalter von Perfien den Oberbefehl führte, vertraute die Lei— 
tung des Krieges gegen die Azrafiten feinem Bruder Abd Alaziz 
und Mukfatil Son Masma. Sie wurden aber des Nachts bei Da: 
rabgerd von Katarij Ibn Alfudjaa überfallen. Mukatil kämpfte jedoch 
bis er unter feinen Wunden erlag, Abd Alaziz ergriff aber die Flucht 
und überließ fogar dem Feinde feine Gattin, welde fo ſchön war, 
daß fie für 100,000 Silberftüce verkauft, doc bald nachher von einem 
ihrer Stammgenoffen, der ihre Ehre retten wollte, ermordet ward, 
Abd Aaziz floh nah Ram Hormus, wo Muhallab ihn zu tröften 
fuchte. ibid. verso. 


2) Abd Almalik fchrieb an den Statthalter von Baßra: „Dein 
Bote ift zu mir gelangt und ich erfehe aus deinem Schreiben, daß 
du deinem Bruder den Krieg gegen die Charidjiten übertragen und 
daß die Einen getödtet die Andern in die Flucht gefchlagen worden. 
Sch habe dann deinen Boten nah Muhallab Ibn Abi Sofra gefragt, 
und gehört, daß du ihn zum Verwalter über Ahwas gefest. Hat 
Gott deinen Berftand fo getrübt, daß du deinem Bruder, einem 
Mekkaner, die Leitung des Kriegs anvertrauft und Muhallab anftellft 
um Steuern einzutreiben? Muhallab, den edlen Mann, der eben fo 
gut die Kunft zu regieren verfteht, ald er im Kriegsmwefen erfahren 
ift, in das ihn ſchon fein Vater und Großvater eingeweiht? u. f. w. 
f. 14. v. 


3) An der Spige diefer Charidiiten ftand Abu Fudeik. Chalid 
Ibn Abd Allah fandte auch gegen diefe einen feiner Brüder (Dmejja) 
der aber eben fo unglüdlic war, als Abd Ulaziz gegen Katarij und 
auch eine Sklavin verlor, die jo jhon war, daß fie Abu Fudeik für 


414 Neuntes Hauptſtück. 


erft im folgenden Jahre befiegt werden, weil nad) der Unter 
johung Srafs, Abd Almalif zunächft auf Abo Allah Ibn Zu: 
beir fein Augenmerk richtete, der wegen feines Aufenthaltes 
in Meffa, in der Geburtsftabt des Propheten, in dem eigent- 
lihen geiftlihen Mittelpunfte des Islams, durch den mora= 
liſchen Einfluß, den er auf die, ſich dort alljährlich verfammeln- 
den Pilger ausübte ), noch immer fehr gefährlich blieb, 
obgleich er Längft in eine unbegreifliche Unthätigfeit verfunfen 
war, Er hatte ruhig dem Kampfe feines Bruders gegen 
Abd Almalif zugefehen, obne irgend etwas für feine Rettung 
zu unternehmen. Als aber die Nachricht von feinem Tode in 
Mekka eintraf, beftieg er die Kanzel und predigte ?): „Gepriefen 
fei Allah, der einzige Schöpfer und Herrfcher, der die Herrfchaft 
verleiht nach feinem Willen, und fie entzieht nach feinem Willen, 
ber erhebt wen er will und erniedrigt wen er will. Doch erniedrigt 
Gott niemals denjenigen, auf deffen Seite dag Recht ift, und 
ftände er auch ganz vereinzelt da, eben fo wenig erhebt er den- 
jenigen, der mit Satan und feinen Schaaren im Bunde fteht, 
und ftünden ihm auch noch fo viele Menfchen zur Seite, Wir 


ſich felbft behielt. Ibid. f. 16. Die Interwerfung von Bahrein 
meldet Tab. f. 24 vers. unter den Begebenheiten des $.73. Amru 
Son Uberd Allah führte 10,000 Mann gegen Abu Fudeik doch blieb 
die Schlaht unentjchieden, bis diefer fiel. Omejjas Sklavin ward 
wieder erbeutet, doch war Abu Fudeik's Liebe nicht fpurlos an ihr 
vorübergegangen. 


1) Abd Almalif hatte zwar längſt ſchon, aus Furcht vor Abd 
Allah's Einfluß auf die Pilger, feinen Anhängern verboten, nad) 
Mekka zu mwallfahren. Auch hatte er in Serufalem die Mojchee 
Alakßa erbauen laffen und den Syrern befohlen, nah Serufalem zu 
pilgern und eine Kapelle, die er auf dem heiligen Felſen errichten 
lieg, fratt der Kaaba in Meffa zu umkreiſen, aber die wahren Gläu— 
bigen mochten doch mit diefer Wallfahrt fih nicht vollfommen be- 
ruhigen. 


2) Tab, f. 12 recto, Madudi f. 250. 


Abd Almalik. 415 


baben aus Jraf eine Kunde erhalten, die ung zugleich erfreut 
und betrübt. Wir haben den Tod Mußab’s vernommen, 
deffen fih Gott erbarmen möge! was uns dabei freut, ift 
die Gewißheit, daß er als Märtyrer geftorben, uns betrübt 
aber die Trennung von Berwandten, welche im erften Augen- 
blide einen brennenden Schmerz verurfacht, doch wendet fich 
bald der Verftändige zu demjenigen, der die Leiden mit Ger 
duld und Ergebung erträgt. (Bin D) ih doch fchon früher 
mit dem Tode Zubeirg heimgefucht worden und ift auch Oth— 
man’s Tod noch frifch in meiner Erinnerung. Auch Mußab 
war nur ein Diener von den Dienern Gottes und einer mei- 
ner Gehülfen) den die treulofen und heuchlerifhen Srafaner 
ausgeliefert und für einen geringen Preis verfauft. Werben 
wir erfchlagen, num gut! bei Gott! wir fterben nicht auf un— 
fern Betten wie die Söhne des Abul Aaß, von denen noch 
fein einziger, weder zur Zeit bes Heidenthums noch des Js 
lams, im Schlahtgetümmel umgefommen; wir find gewöhnt 
yon Lanzen durhbohrt oder vom Schwerdte getroffen zu flers 
ben. Dieje Welt ift doch nur ein entliehenes Gut, von dem 
höchſten König, deffen Macht nie vergeht und deſſen Reich 
ewig dauert, Kömmt fie mir entgegen, fo bafche ich nicht 
mit übermäßiger Freude darnach ?), wendet fie ſich von mir 


1) Bei Quatremere (S. 140), weldyer auch diefe Rede, nad) 
Masudi und Makrift, anführt, fehlen die hier eingeflammerten Worte. 
Da Masudi nicht mehr vor mir liegt, und ich diefe Rede nur ihrem 
Hauptinhalte nach ercerpirt habe, fo weiß ich nicht, ob fie im Terte 
fehlen. Bei Tab. lauten fie: »walain ussibu bimussabin lakad ussibtu 
bizzubeiri kablahu wama ana min Othmana bichalaki mussibatin etc,« 
Ich führe deshalb den Urtert an, weil die beiden legten Worte viel: 
leicht auch anders gedeutet werden fünnen. Sch glaube, es heißt 
wörtlih; ich bin nicht wegen Othman's abgenügt Cabgeftumpft) an 
Unglüd. 

2) Ich glaube dag hier im Terte ein Fehler ift, er lautet: »la 
achudsuha illa achdsa-l aschiri-l- batiri,« illa ift wahrfcheinfich zu ftrei: 
Shen, denn auch Quatremere hat dafür; »je ne le saisis point avec 


416 Neuntes Hauptſtück. 


ab, fo weine ich nicht nach ihr wie ein verachtungsmürbiger 
Schwächling ). Dies find meine Worte, Gott verzeihe mir 
und euch!“ 


Diefe und ähnliche Predigten mochten ihm als Imam 
vielen Beifall zuzieben, fie waren aber um fo weniger geeig- 
net, die nach weltlichen Genüffen, nad Herrſchaft, Ehre und 
Reichthümern ringenden Araber zu begeiftern, als fein ganzes 
Wefen nichts Einnehmendes hatte und er durd) feinen ſchmutzi— 
gen Geiz bei unermeßlichem Beſitze fich felbft Lügen ftrafte, 
Sp fam es denn, daß Haddjadj 2) Ibn Jufuf, der im 


l’empressement d’un homme &tourdi et temeraire.e Mit dem Worte 
batiri allein ließe fih das »illa« noch beibehalten, denn es bezeichnet 
auch eine gewiffe Verlegenheit und Rathlofigkeit, in der fih der be 
findet, welcher zu viel Glück nicht ertragen Fann. Won dem Worte 
»aschara« weiß ich aber Feine andere Bedeutung als „fih übermäßig 
freuen.“ 

1) Sm Terte: »Bukaa aldharii (mit ain) almuhini.e Dafür hat 
Quatremere: »je ne pleurerai point comme un animal insense.« Dha- 
run bedeutet aber nicht ein wildes Thier, fondern das Guter eines 
wilden oder auch zahmen Thieres und muhin auch nicht insense. 
Dharaun oder Dhariun, wie in unferm Terte fteht, ift nah dem 
Kamus, ein vom Zeitworte Dharaa abgeleitetes Eigenſchaftswort, das 
einen niedrigen, ſchwachen Menfchen (dhaif und zabun adam) be- 
zeichnet. 

2) Tab. f. 16 recto berichtet: „Als Grund, warum Abd Alma 
lik gerade Haddjadj die Leitung des Kriegs gegen Abd Allah Ibn 
Zubeir übertrug, wird erzählt: Als Abd Almalif nad Syrien zurück— 
ehren wollte, trat Haddjadj Son Zufuf vor ihn und fagte ihm: 
„Fürft der Gläubigen! mir hat geträumt, ich habe Abd Allah Ibn 
Zubeir die Haut abgefehunden, drum ſchicke mich gegen ihn in den 
Krieg!” Der türf, Tab. ©. 76 weiß ſchon mehr, der berichtet, 
Haddjadj habe nad) feiner Rückkehr nach Damask fein Heer verſam— 
melt und dreimal alle feine Generäle und Heerführer aufgefordert, 
die Truppen gegen Abd Allah Ibn Zubeir zu führen, aber Feiner 
wollte den DOberbefehl übernehmen. Als Grund diefes falfhen Be: 
richts wird dann von fpätern Quellen angegeben, weil fie ſich ſcheu— 
ten, das heilige Gebiet zu entweihen. Die Zahl der Truppen Had— 


Abd Almalik. 417 


Monate Diumadi Awwal des Jahres 72 D) mit 2000 Mann 
Syrien verließ, von Irak ber 2) bis nah Taif ohne Widers 
ftand gelangen fonnte, Er wagte es fogar, feine Weiter big 
nah Arafa zu ficken, welche auch die Neiterei, die Abd Allah 
aus Meffa ihnen entgegen rücken lieg, zurüdjchlugen. Jetzt 
fhrieb Haddjadi an Abd Almalif, dag Abd Allah fo geſchwächt 
fei, daß er es wohl wagen fünnte, ihn in Meffa ſelbſt zu 
befriegen, wenn er ihm nur die nöthigen Truppen zur Bela- 
gerung der Stadt nachfenden wollte, Abd Almalif ließ 5000 
Mann, unter der Anführung Tarifs Jon Amru, der fih ſchon 
der Stadt Medina bemächtigt hatte ?), zu den ſchon in Taif 
liegenden Truppen ftogen und Anfangs Dju-l-Raada, damit Abd 


djadj’8 vermehrt der türk. Weberfeger auch um 1000 Mann. Nach 
Masudi f. 248 hatte Haddjadj fhon im Kriege gegen Mußab nad) 
Einigen die Vor» nach Andern die Nachhut angeführt, 

1) Abulf. S. 418. Dieſer Monat entfpriht dem Dftbr, des 
J. 691, nibt dem Novbr. wie bei Flügel ©. 76. 

2) Sp ausdrüdlic bei Tab.: „er umging Medina und fchlug die 
Straße über Sraf ein.” 


3) Ueber den Vebergang Medina’s zu Abd Almalif habe ich 
in Feiner mir zugänglihen Quelle etwas Näheres gefunden. Es 
heißt blos bei Tab. f. 12 r.: „Sn diefem Sahre (71 d. H.) entfegte 
Son Zubeir den Djabir Ibn Alaswad Son Auf und ernannte Zalha 
Ibn Abd Allan Son Auf zum Statthalter von Medina. Diefer war 
der legte Statthalter von Medina für Son Zubeir (er blieb) bis 
Tarıf Ibn Amru, ein freigelaffener Othman's nah Medina Fam, 
dann entfloh Talha, und Tarif blieb in Medina, bis ihm Abd Al— 
malik fchrieb, (ih zu Haddjadj nach Zaif zu begeben). ©. auch El— 
mafin ©. 61. Sch weiß nicht warum Quatremere ©. 143 von Tarif 
fhreibt: »Ce general avait regu ordre de camper entre Ailah et Wa- 
dialkora, afın d'empécher les excursions des lieutenants d’Abd Allah 
et d’etre pret à se porter partout oü un renfort serait necessaire.« 
Da Tarif doh nah Tab. und Elmafin in Medina lag und von Abd 
Allah, der fih nicht in Arafa gegen 2000 Mann fchlagen Eonnte, 
gewiß feine Excurſionen zwifhen Allah und Wadi⸗l-Kura zu befürd): 
ten waren. 

27 


418 Neuntes Hauptſtück. 


Allah die gegen Ende dieſes Monats eintreffenden Pilger nicht 
zu feinen Zweden gebrauche, fchritt Haddjadij zur fürmlichen 
Belagerung von Meffa I), nachdem er ſchon feit zwei Dos 
naten allen mit Lebensmitteln beladenen Karawanen den Ein- 
gang in die Stadt verfperrt hatte 2). Die Meffaner verſuch— 
ten einige Ausfälle gegen die Belagerer, wurden aber ftets 
mit Verluſt zurüdgefchlagen. Trotz der Hungersnoth, welde 
in Meffa herrſchte und der furchtbaren Zerftörung, welche 
Haddjadj's Wurfmafchinen ?) in der Stadt anrichteten, bielt 


1) Die Ceremonten der Pilgerfahrt, bemerft Tab. f. 16 v. Fonn: 
ten von feiner Seite vollitindig ausgeübt merden, denn die Belas 
gerer fonnten den Tempel nicht umfreifen und die Belagerten nicht 
nac) Arafa ziehen. ©. über die dem Pilger obliegenden Verrichtun— 
gen Leb. Moh. ©. 298 und 299, 

2) Türf. Tab. ©. 76. Dies erklärt die Meinungsverfchieden- 
heit in den mufelmännifchen Quellen über die Dauer der Belage: 
rung, die entweder von Haddjadj’s Ankunft in Taif oder von feinem 
Vorrücken bis zu Meimuns Brunnen gerechnet wird. Erſtere fand 
nah Tab. im Monat Schaban ftatt und Lesteres Anfangs Diul 
Kaada. 

3) Tab. f. 21 v. erzählt: Eines Tages als Haddjadj die Stadt 
beſchießen lieg, donnerte und bliste es und der Donner war fo ftarf, 
dag man von dem Getöſe der Steine gar nichts vernahm. Die 
Syrer fürdteten fih und hielten ein. Als Haddjadj dieg fah, fhürste 
er fein Kleid zurück, hob felbit einen Stein auf und legte ihn auf die 
Wurfmaſchine, dann fagte er: fchleudert nur fort, und er ſelbſt warf 
einige Steine in die Stadt. Dann mwurden aber zwölf feiner Ge— 
fährten vom Donner erjhlagen und die Syrer waren auf's Neue 
ängftlih. Haddjadj fagte ihnen: Mißdeutet dieg nicht! ich bin ein 
Sohn Tehama's, dieß ift ein Gewitter aus (der Provinz) Zehama! 
Unſer Sieg ift nahe, freuet euch! Das Gleiche kann auch dem Feinde 
widerfahren. Am folgenden Tage zog wieder ein Gemitter heran 
und ein Donnerfchlag tödtete eine Anzahl von den Gefährten Abd 
Allah’ Son Zubeir. Haddjadj ſagte dann: feht ihr nicht, daß auch 
fie erfchlagen werden? feid ihr doch treue Unterthanen und fie Re: 
bellen!” Diefen Vorfall erwähnt auch der türf, Tab. 9.76, er fand 
ihn aber wahrfcheinlich nit munderbar genug und ſchmückte ihn 
no weiter aus, Bei ihm ummölfte fi der Himmel plöslich im 


Abd Almalik. 419 


fie fih do bis zum Monate Djumadi Alawwal des Jahres 
73 (Sept.—Dft. 692). Dann wanderte aber die Bevölferung 
von Meffa fchaarenweife aus und nahm die ihr von Haddjadj 
dargebotene Begnadigung an, Selbft zwei Söhne Abd Allah’s 
Hamza und Hubeib gingen zum Feinde über, Jetzt überzeugte 
fih Abd Allah, der bisher immer hoffen mochte, feder gläu- 
bige Mufelmann würde, wenn auch nicht zu feiner, doch zur 
Bertheidigung der heiligen Stadt und des heiligen Tempels 
fih erheben, und gern fein Leben opfern, dag ihm nichts übrig 
bleibe, als fi auch dem Sieger zu unterwerfen, oder als ein 
Märtyrer mit dem Schwerbte in der Hand an der Pforte des 
Zempels zu fterben. Er felbft hätte wahrfcheinlich erfteres 
vorgezogen, aber feine heldenmüthige Mutter, Asma, die Toch- 
ter Abu Bekr's, beredete ihn, fein höchft zweideutiges Leben 
wenigftens mit einem ruhmvollen Tod zu befchliegen. Diefer 
ftellte er nämlich vor, wie er von allen Seiten, fogar von 
feinen eigenen Söhnen verlaffen worden, wie er nur noch 
wenige Leute bei fich habe, die dem Feinde feine Stunde mehr 
Widerftand leiſten könnten und fagte ihr, daß ihm Haddjadj 
Alles zugeitehen würde, was er von ihm begehre, wenn er 
nur Abd Almalif als Chalifen anerfenne. Darauf antwortete 
feine Hundertjährige Mutter 7): „Mein Sohn! du allein fannft 
in dein Inneres fchauen 2). Warft du son deinem Rechte 


Augenblid, wo ein Stein auf die Kaaba fällt, der Donner zerftört 
die Wurfmafchine und tödtet die Schügen. Der Schluß der Erzäh: 
lung, das zweite Gewitter nämlich, in dem auch Zubeiriden umkom— 
men, Fam ihm fo proſaiſch vor, daß er ihn ganz wegließ. Das er- 
laubt fich ein Weberfeger, wie mochten erft fpätere mwunderliebende 
Autoren frühere Quellen verunftalten? ex uno omnia. 

1) Sid f. 22 r. und v. Masudi f. 251. 

2) Es heißt im Terte vanta aala (alif, ain, lam, ja) binafsika« 
foll aber wahrſcheinlich aadlamu heigen, wörtlih: „Du Eennft dich 
ſelbſt beſſer,“ fo überjegt e8 auch der türf. Zab. ©. 77: »sen gendü 
halini jekrek bilürsen« und Quatremere, der (S. 148 u. ff.) auch die 
fer Unterredung Abd Allap’s mit feiner Mutter nah Makrizi anführt: 
»Tu connais mieux que personne ce qui te concerne.« 


27% 


420 Neuntes Hauptſtück. 


überzeugt und forberteft du das Volk nur auf, Recht und 
Wahrheit zu vertheidigen, fo verharre auch jest darin! Haben 
doch deine Gefährten den Tod nicht gefcheut, fo gib auch du 
deinen Naden nicbt dem Scherze der Jungen von den Söh— 
nen DOmejja’s bin. Haft du hingegen nur nad) diefer Welt ger 
ftrebt, fo bift du ein fchlechter Diener (Gottes) und haft dich 
und die mit dir gefämpft in den Abgrund geftürzt. Sagſt 
du aber, das Recht war allerdings auf meiner Seite, als aber 
meine Gefährten ſchwach wurden, fühlte auch ich feine Kraft 
mehr in mir, jo antworte ich; fo handeln nicht freie Männer, 
denen ihr Glaube das Höchfte ift. Wie Iange haft. du denn 
noch in diefer Welt zu bleiben? Beffer, du läßt dich vom 
Feinde erfchlagen ). Ibn Zubeir fügte feine Mutter und 
fagte: Bei Gott! das ift auch meine Anficht, und in biefem 
Sinne habe ich bis zu dieſem Tage gelebt und zu wirken ge- 
fucht, ich habe mich nie auf diefe Welt geftüßt und nie dag 
Leben geliebt. Ich babe mih nur aus Eifer für Gottes 
Sache und aus Entrüftung über das entweihte Heiligthum 
gegen die Herrfcher erhoben, doch wollte ich auch deine An— 
fiht fennen und deine Gefinnung hat nun die Meinige noch 
beftärkt. Doch fieh’, meine Mutter, ich werde noch an dieſem 
Tage getödtet, trauere nicht zu fehr um mich, ergieb Dich in 


1) Hier hat num noch Quatremere: Abd Allah repondit: »O ma 
mere, je crains, si je succombe sous les coups des soldats de Syrie, 
qu’ils n’assouvissent leur vengeance sur mon corps et qu'ils ne lat- 
tachent ä un gibet. Mon fils, dit Asma, la brebis lorsqu’ elle a ete 
egorgee, n’eprouve point de douleur si on l’ecorche, Persevere dans 
tes nobles projets, car la justice est pour toi et implore le secours de 
Dieu.«a Obſchon man dieg aud bei Masudi findet, halte ich ed doch 
für den fpätern Zufas eines Autors, der nicht glauben laffen wollte, 
dag Abd Allah ſich fchlehtweg vor dem Tode gefürdtet. Weiter 
unten f. 22 v. fagt er ja felbft: „mach meinem Tode bin ich doch 
nur ein Stück Fleifch, dem nichts mehr wehe thut.“ Bei Quatre- 
mere fehlen aber freilich diefe Worte. Bei Elmakin ©, 62 fürdtet 
er, verftümmelt zu werden. 


Abd Almalik. 421 


den Willen Gottes! ) Dein Sohn hat nie das Schlechte 
vorgezogen, noch eine Schändlichfeit begangen, Ich habe ftets 
nad Gottes Urtheil Necht gefprochen, habe nie Verrath geübt 
gegen den, der auf Sicherheit zählte, habe nie, weder einem 
Mufelmanne noch einem (ungläubigen) Schußgenoffen Unrecht 
gethan, noch geduldet, daß meine Statthalter ihre Untergebe- 
nen mißhandeln, und habe nady nichts mehr als nad) dem 
Beifalle meines Herrn geftvebt. Gott! ich fage dieß nicht 
um meine Reinheit zu loben, du fennft mic ja am beften, 
fondern um meine Mutter zu ermuthigen, damit fie nach mei— 
nem Tode Troft finde. Asma verfeste hierauf: [ich hoffe 
von Gott, daß ich, wenn du mir vorangehft, mit würbiger 
Seelenfraft deinen Tod ertragen werde, follte ich jedoch vor 
dir ing Grab fteigen, fo wird mein Geift wieder hervortreten, 
um zu jehen wie es mit dir endet] ?). Gott Iohne dir eg, 


D Diefe Ermahnung fcheint nach dem Dbigen überflüfftg, doc) 
mochte Asma, als fie ihrem Sohne Muth einflößte, fein Ende noch 
nicht fo nahe geglaubt haben. Das ganze Geſpräch trägt aber ſchon 
darum das Gepräge der Aechtheit, weil es feinem Muſelmanne bei: 
gefommen wäre, ed jo zu erdichten, daß doch eigentlich Abd Allah 
noch zwifhen Unterwerfung und Kampf bis zum Tode fchmanfend, 
erfheint. Wenn er nachher feiner Mutter fagt, er habe ftets den 
Tod vorgezogen, jo ift dies die Fortjegung oder der Beſchluß eines 
Lebens voller Heuchelei und Sceinheiligfeit. Gin Mann, der fort: 
während fid; an den Mauern des Tempels anflammerte, während 
feine Anbänger auf dem Scladtfelde fid für ihn tödten ließen, 
mochte wohl, als diefer Tempel über ihn zufammenzuftürzen drohte, 
an die Rettung feines Lebens gedaht haben und nur die Beredfam: 
feit feiner Mutter, vielleicht auch noch die Furt vor Abd Almalif, 
der feinen eignen Better nad der Begnatigung aus der Welt ge: 
ſchafft, bewahrte ihn vor einem ſchmachvollen Ende. 

2) Statt diefes eingeflammerten Satzes liest man bei Quatre- 
mere ©, 50: »J’espere, o mon fils, n’avoir à ton egard que des mo- 
tifs de consolation. Si tu me precedes au tombeau, ta mort sera 
pour moi un sacrifice meritoire; si tu reviens vainqueur, je me re- 
jouirai de tes succes. Pars et va voir toi même quelle marche vont 


422 Neuntes Hanptſtück. 


meine Mutter! ſprach Abd Allah, höre nicht auf vor und nad 
meinem Tode für mich zu beten! Ich werde es nie unter- 
Yaffen, felbft für die, welche eines Wahnes willen fterben, um 
fo weniger für dich, der du für eine gerechte Sache dem Tode 
entgegen geheſt. Dann fuhr fie fort: mein Gott! erbarme 
Dich wegen der langen Nächte, die er inbrünftig betend durch— 
wacht, wegen des Durftes den er (faftend) in der Mittags- 
fonne von Mekka und Medina ertragen und wegen feiner 
Zärtlichfeit gegen feinen Vater und gegen mid. Mein Gott! 
ich überliefere ihn dir mit aufrichtigem Herzen I) und ergebe 
mid in deinen Beihluß, ſchenke mir um feinetwillen den Lohn 
der Zufriedenen und Geduldigen! 

Bald darauf fehrte er dann wieder mit Helm und Pan- 
zer beffeidet, drücte ihr die Hand und küßte fi. Da fagte 
fie: das ift ein Abfchied, aber du entfernft dich doch nicht? ?) 
„Ich fage dir lebewohl, denn ich fehe, daß diefer Tag mein 
legter auf diefer Welt iſt. Wiffe, o Mutter, daß wenn id) 


prendre tes aflaires.a Mein Tert bei Tab. lautet: »inni laardju min 
Allahi an jakuna azai fika hasanan in takaddamtani wain takaddamtuka 
fafı nafsi achrudju hatta anzura ma jassiru amruka,« wörtlih: „Sch 
hoffe von Gott, daß fein wird meine Ergebung in Betreff deiner 
ihon, wenn du mir vorangehit, und wenn ich dir vorangehe, fo in 
meiner Seele (meinem Geifte) werde ich herausfommen, bis ich fehe 
was fein wird deine Sache.“ Sc geftehe, daß die legten Worte in 
dem Munde einer Araberin etwas befremdendes haben, doch glaube 
ic nicht, daß ihnen ein anderer Sinn zu geben iſt. Mach dem türf, 
Zab. jagt Adma: ich bedarf deines Zroftes nicht. So Gott will, 
werde ich dir bald nachfolgen, und wenn ich noch (länger) zurücfbleibe, - 
fo werde ih den Schmerz; mit Geduld ertragen. 


1) Es heißt im Zerte »la makra fihi« wörtlich: „Feine Hinter: 
lift darin“ d. h. entweder: es ift ohne Hinterlift, oder meine Reſig— 
nation ift ganz aufrichtig, letzteres jcheint mir beſſer. Bei Quatremere 
fehlen diefe Worte. 

2) So deute ich die Worte »wala tabudu,« Quatremere über: 
feßt: C'est la um adieu mais ne t’&loigne pas!« 


Abd Almalik, 423 


einmal das Leben ausgehaucht, fo bin ich nur noch ein Stück 
Fleiſch, was mit mir auch noch gefchieht, das ſchadet mir nichts 
mebr., Du haft recht, mein Sohn, beharre in diefer Gefinnung! 
Komm näher, dag wir Abfchied nehmen!” Als fie ihn um— 
armte und den Panzer fühlte, fagte fie: das braudt der nicht 
der den Tod will. Er erwiederte: ich habe diefen Panzer 
nur angezogen, um dich zu ftärfen, (Div noch einige Hoffnung 
zu laffen). Sie verfeiste hierauf: „Diefer Panzer wird mir 
feine Kraft geben. Er zog ihn dann aus, ſchob die Aermel 
zurüd, beftete fein Kleid an den Gürtel herauf und begab 
fi zu feinen Gefährten. Diefen befahl er zuerft, ihre Helme 
abzunehmen, damit er noch einmal ihr treues Antlitz fchaue. 
Dann fagte er: bewahret eure Schwerdter wie euer Ange- 
fiht! Wer fein Schwerdt zerbricht um fein Leben zu erhal- 
ten, ift fein Mann, denn ein Mann ohne Schwerdt ift ſchwä— 
her als ein Weib, darum beſchützet euer Schwerbt mehr ale 
eure Augen! Befchäftiget euch nur mit euren Feinden und 
fümmert euh nicht um mih! Wenn ihr nad) mir fraget, fo 
findet ihr mich in der erften Reihe I)! Nad) diefer kurzen 


8) Bei Zab. kommen noc einige Verfe vor, die er während 
des Kampfes dichtete oder recitirte. Ein oft wiederfehrender lautet: 
„wenn ich meiß, daß mein legter Tag gefommen, fo bleibe ich ftand- 
haft, während andere ihn von ſich abzumenden ſuchen,“ ein Anderer 
lautet: „ich erfaufe nicht das Leben mit Schande und fteige nicht auf 
Leitern, aus Furcht vor dem Tode.“ Als er verwundet ward, rief 
er: „Unfere Wunden bluten nicht auf unfere Ferfen herab, fondern 
das Blut tropft auf unfere Zehen,“ d. h. wir Fehren dem Feinde nie 
den Rüden zu, darum werden wir ftets auf der Worderfeite unfres 
Körpers verwundet. H. Quatremere hat dafür: »Ce n’est pas sur les 
cous de nos ennemis que nous appliquons nos blessures; mais des 
flots de sang coulent sur nos pas.« Doch weiß ich nicht, ob fein 
Tert mit dem Tabari's gleich lautet: »Falasna ala-l-Aakabi tadma 
kulumuna walakin ala Akdamina takturu-d-dama.« Tab. gibt die Zahl 
derjenigen, die bei Abd Allah ausharrten, nicht näher an, es waren 
gewiß nur menige und nur eine gemiffe Scheu vor der Entweihung 


424 Neuntes Hauptſtück. 


Anrede kämpfte er mit den wenigen Getreuen, bie fein Schick— 
fal tbeilen wollten, gegen die von allen Seiten gegen ben 
Zempel beranftürmenden Syrer und trieb fie fogar nod) ein— 
mal zurüd, als er von einem Steine auf die Stirne getroffen 
ward, der ihn zu Boden ſtreckte. Nach Ibn Zubeir’s Tod 
(14. Djumadi-L-Ammwal ) des Jahres 73, [1. Dft. 6927) 
beugte fih ganz Arabien unter das Joch des Chalifen von 
Damask. Nur ein einziger Statthalter weigerte fi felbft 
jest noch Abd Almalif als Chalifen anzuerkennen, dieß war 
Abd Allah Ibn Chazim, der Statthalter von Choraſan. Als 
Abd Almalik ihn zur Unterwerfung auffordern ließ und ihn auf 
fieben oder zehn Jahre als Statthalter beftätigen wollte, fagte 


des Tempels 309 den Kampf in die Länge, nicht Abd Allah’: Muth. 
Doch mußte er in der erften Zeit fich tapfer gejchlagen haben, wie 
man aus folgenden Worten Tabaris ſchließen Fann: Als Abd Allah 
gefallen, fagte Zarik zu Haddjadj: nie hat ein Weib einen ftürferen 
(adskara) Mann als diefen geboren. Haddjadj verſetzte darauf: lobſt 
du einen Mann, der fih gegen den Fürften der Gläubigen aufge: 
lehnt? Sa wohl, erwiederte Tarif, denn dies allein rechtfertigt, daß 
wir ihn fieben Monate belagern mußten, obgleih er weder eine Ar— 
mee bei fich hatte, noch in einer -Fejtung eingefchloffen war; auch 
fämpfte er ftets mit gleichem Erfolge gegen uns, ja zumeilen bejtegte 
er und fogar noch. Als diefe Unterredung dem Chalifen zu Ohren 
Fam, gab er Tarik Recht.“ 

1) So bei Masudi f. 251 welcher noch ganz richtig hinzufegt: 
„e3 war ein Dienſtag.“ Bei Tab. f. 23 verso falih „Dienftag den 
17. Djumadi-l-Ammal, eben fo falſch im türf. Tab. den 13. Djumadi- 
I-Anwal, Dienftags. Das es ein Dienftag war, wird auch in einer 
andern Tradition f. 22 r. wiederholt. Abulfeda ©. 420 fest Abd 
Allah Ibn Zubeir's Tod in den Monat Djumadi Ahir, da er indeſſen 
feinen Tag des Monats beftimmt, hätte Flügel, felbft wenn er die- 
fem folgte, ihn nit (S. 76) unbedingt in den Monat Novbr. 692 
fegen follen, da ja der 1. Djumadı Achir fhon am 18. Oktober be- 
ginnt. Bei Nawawi ©. 342: nah Son Saad und Andern ward 
Son Zubeir Dienftag den 7. Djumadi--Awwal getödtet, manche be- 
haupten Mitte Djumadi Achir. Buchari erzählt nah Dhamra noch 
im 3. 72. Aber die erfte Meinung ift die meift Verbreitete. 


Abd Almalik. 425 


er dem Boten: wäreft du nicht ein Geſandter, fo würde ich Dich 
umbringen; doch nöthigte er ihn, dag Schreiben des Chalifen 
zu verichlingen, Als ihm dann Abd Almalif Abd Allab Ibn 
Zubeir’s Haupt fhidte, wufh er es, balfamirte es ein und 
fandte es Abd Allah Ibn Zubeiv’s Familie. Abd Almalif 
gewann dann Bufeir Fon Abd Allah, Abd Allah Ibn Cha: 
zims Unterpräfeft von Meru. Diefer zog gegen ihn mit den 
Bewohnern Meru’s und andern ihm übelmwollenden Perfern 
und Arabern, und Wafı Fon Amru tödtete ihn, um das Blut 
feines im Treffen gefallenen Bruders zu rächen ), fo daß 
gegen das Ende des Jahres 73 in allen Mofcheen des weis 
ten islamitifchen Neihs für Abd Almalif gebetet ward 2). 


1) Bon diefem Kriege gegen Abd Allah Ibn Chazim, den manche 
in das J. 72 fegen, deſſen Einzelnheiten aber von feinem hiftoriihen 
Snterejfe find, handelt Tab. f. 16 v. bis 18 1, Bet Quatremere 
S. 166 heißt diefer Unterpräfeft Welid. 


2) Bei Abd Almahafin wird folgende Anefdote erzählt, welche 
an Hind’s Reife zur Priefterin und an Amru’s erfte Reife nad 
Egypten erinnert: Einft waren Abd Allah Ibn Zubeir, Abd Allah 
Son Dmar, Mußab und Abd Almalif beifammen im QTempel zu 
Mekka, da fagten fie unter einander: es Eüffe jeder von ung einen 
Pfeiler ded Tempels und wünſche fi etwas, vielleiht wird uns 
Gott unfere Wünſche gewähren. Abd Allah Ibn Zubeir machte, als 
erftes in Medina gebornes mufelmännifches Kind, den Anfang, und 
betete um die Herrichaft über Hedjas, fein Bruder Mußab mwünfchte 
Sufeina zur Gattin und die Statthalterfhaft von Srak als Mitgift, 
Abd Almalik betete: Herr der fieben Himmel und der Erde, welches 
du in ein grünes Gewand gehüllt, ich beſchwöre did) bei deinem hei- 
ligen Antlis, bei deiner Allmacht, bei den Verdienften aller derer, 
welche diefen Tempel umkreiſen, laß mich nicht fterben, bevor du mir 
die Herrichaft über den Oſten und den Weiten verliehen, laſſe alle 
meine Mebenbuhler untergehen und ihre Köpfe vor mir gebracht 
werden! Abd Allah Ibn Omar aber betete zu Gott, er möchte ihn 
fo lange eryalten, bis er des Paradieſes würdig geworden. Schabi, 
von dem diefe Anekdote herrührt, und der bei diefer Zufammenfunft 
anmefend war, erzählt: „ich habe lang genug gelebt, um zu fehen, 


426 Neuntes Hauptſtück. 


Für die Ruhe in Arabien forgte Haddjadj, der zuerft in Meffa 
als Statthalter blieb, wo er den Tempel wieder herftellen 
Tieg, wie er vor Abd Allah Ibn Zubeir's Zeit geweſen. Nach 
einigen Monaten erhielt er auch noch die Statthalterfchaft von 
Medina, wo er alle Gegner der Omejjaden mit der größten 
Strenge behandelte, und die, welche an der Empörung gegen 
Dihman Theil genommen, brandmarfte . In Irak führte 
Beihr, ein Bruder des Chalifen, das Regiment, und in Egyp- 
ten Abd Alaziz, ein anderer Bruder Abd Almalik's. 

Hatte aber auch Abd Almalik feinen eigentlichen Neben- 
buhler zu befämpfen, fo war doch das Neich zu lange vom 
Bürgerfriege zerriffen worden, als daß plöglich eine gänzliche 
Ruhe und Unterwerfung zu erwarten geweſen wäre. Noch 
immer regten fih die Charidjiten, welche fih unter gar fein 
Joch beugen wollten, zuerft wieder in den öftlichen Provinzen 
des Reiche, dann aber mit unerhörter Kühnheit in der Ge- 
gend von Moßul. Gegen die Charidjiten in Chufiftan ward 
abermals Muhallab in's Feld gefchict, und zwar diegmal, 
um fie gänzlich auszurotten, mit einem ftarfen, aus Kufanern 
und Baßranern zufammengefesten Heere 2), Als er aber 


wie alle diefe MWünfhe erfüllt wurden und felbft Abd Allah Son 
Dmar hat in einem Gefihte die Verficherung erhalten, daß er in’s 
Paradies fommen wird.“ 


1) Es heißt wörtlich bei Tab. f. 25 r. „er drüdte ihnen, am 
Halfe ein Siegel auf.“ 

2) Sid. f. 25 v. Bon der Miederträchtigfeit jener Menfchen, 
die wir uns fo gerne als reine Schwäarmer für Allah denken, gibt 
auch hier unfer Autor einen ftarfen Beweis. Beſchr hätte nämlich 
als Statthalter von Sraf, gern ſelbſt einen Feldherrn ernannt, und 
mar fehr ungehalten darüber, daß Abd Almalif ihm Muballab dazu 
beftimmt. Er drüdte daher gegen Abd Errahman Sbn Muhnif, den 
Anführer der Srafaner, fein Bedauern darüber aus, daß er ihn, me: 
gen des ausdrüdlihen Befehls des Chalifen, nicht an die Spike ded 
ganzen Heeres ftellen könne. Statt ihn aber, aus Rüdficht für das 


Abd Almalik. 427 


vor Ram Hormus Tagerte, traf die Nachricht von dem Tode 
Beſchr's Jon Merwan ein. Die ohnehin auf Muhallab's 
Anfeben eiferfüchtigen Häupter der Kufaner und Baßraner, 
benüßten diefen Umftand, um fih von ihm Toszufagen, und 
febrten mit ihren Truppen, trogß der Ermahnungen des neuen 
Statthalters von Irak 1), Abd Allah Ibn Chalid, Ibn Uſeid, 
in ihre Heimath zurück. Dieß nöthigte Abd Almalik ?) einen 


allgemeine Wohl, zur Unterwerfung und Einigkeit zu ermahnen, fagte 
er ihm: „Indeſſen kannſt du doch eigenmächtig handeln und brauchft 
bei Muhallab feinen Rath zu holen, behandle ihn nur mit Gerings 
ſchätzung!“ 

1) Sein Schreiben an die Rebellen lautet, nach den gewöhn— 
lihen Eingangsformeln: „Gott hat feinen Dienern den heiligen Krieg 
zur Pflicht gemad;t, und den Gehorfam gegen die Obrigkeit. Wer 
für Gott fämpft, dem kömmt es zu gut, wer ed unterläßt, deſſen 
bedarf Gott nicht; wer jeinen Obern widerfpenftig ift, dem zürnet 
Gott und der verdient eine Züchtigung. Sein Leben und fein Gut 
wird dadurch blosgeitellt, oder er zieht fih eine Verbannung in ein 
weites jchlechtes Land zu. O ihr Mufelmänner! wiſſet ihr gegen 
wen ihr euch des Ungehorjams fchuldig gemacht? gegen Abd Alma: 
lit Sbn Merwan, den Fürften der Gläubigen, bei dem Rebellen Feine 
Nachſicht zu erwarten haben. Sein Stab fchmebt über jedem Unge— 
horfamen und fein Schwerdt über jedem Aufrührer, drum rathe ich 
euch, wenn euch euer Leben theuer, dem Chalifen zu gehorchen und 
wieder auf euere Poften zurückkehren. Sch ſchwöre bei Gott, daß 
ich jeden Rebellen, der auf diefes Schreiben nicht achtet, mit dem 
Tode beftrafe. Friede über euch und Gottes Erbarmen!“ 

Der freigelafiene Abd Allah Ibn Chalid, der den Ausreißern 
diefes Schreiben vorlas, ward verjpottet und verhöhnt. a. a. D- 
f. 26 verso. 


2) Siernach ift de Sacy, oder vielleicht Schihab Eddin, den er 
überjegt, (mot. et extr. des msc. de la bibl. du roi t. IV. p. 142) und 
der auch Schloſſer (Weltgefhichte IL, 1, 286) irre geleitet, zu be- 
richtigen. Dort heißt ed namlich: »Sous le khalifat d’Abd Almelic 
ben Merwan, Almahleb ben Sofra, gui etait gouverneur de Irak, ne 
pouvant resister aux entreprises des rebelles qui troublaient cette pro- 
vince, Ecrivit au khalife pour lui demandes du secours, protestant que 


428 Neuntes Hanptflüd, 


Mann nah Kufa zu ſchicken, der fchon gezeigt hatte, wie er 
es verftebe, Rebellen zum Gehorfam zurüdzuführen. Diefer 
Mann war Habdjadi der Sohn Jufufs, der Eroberer von 
Mekka. 

Haddjadi war in Medina ), als er vom Chalifen ben 
Befehl erhielt, die Statthalterfchaft von Irak zu übernehmen, 
Er brach mit zwölf Neitern (im Schaban oder Ramadhan 
75 = Dez. 694 oder Jan. 695) auf, und traf bei Tages- 
anbruch ganz unerwartet in Kufa ein. Er ging fogleih in 
die Mofchee, wo fi) das Volk zum Morgengebete verfammelte 
und beftieg die Kanzel. Niemand fannte ihn, denn bie rothe 
Binde, die er um den Kopf trug, verhülfte auch fein Geficht. 
Manche hielten ihn und feine Gefährten für Rebellen und 


s'il ne lui en envoyait pas, il se verrait obligé d’abandonner son gou= 
vernement.« Muhallab war keineswegs Statthalter von Sraf, fons 
dern Beihr Son Merwan und nach feinem Tode Abd Allah Ibn 
Chalid, welcher nad einigen Traditionen auch vorher fhon Statt; 
halter von Baßra mar. Vergl. auh Elmafin ©. 62, wo zuerft Cha: 
lid Ibn Abd Allah und dann Beſchr Ibn Merwan, hierauf Haddjadj 
als Statthalter von Sraf genannt werden. 

1) So ausdrücklich bei Tab. f. 28 v.: Charadja Alhaddjadju min 
Almadinati hina atahu kitabu Abd Almaliki biwalajati-l-Jraki ... fi 
ithna aschara rakiban u. f. w. Alles Folgende bei de Sacy a. a. D. 
ift demnad als eine reine Erfindung fpäterer Autoren anzufehen, die 
mit einander gemetteifert haben, Haddjadj, das Werfjeug der Omej— 
jaden, den Zerftörer des Tempels, ald das größte Scheufal darzu— 
ftellen. Dort jagt Abd Almalif, ald er Muhallab’8 Brief erhielt: 
»C’en est fait de l’Jrak, il est perdu pour nous.« Tous gardaient le 
silence. Hedjadj se leva et dit: »prince des fideles je defendrai cette 
province.a Le Khalife lui ordonna de s’asseoir et repeta les m&mes 
paroles une seconde et une troisieme fois. Hedjadj lui fit toujours 
la m&eme reponse. Enfin le Khalife lui dit: »tu seras le frelon de 
cette province et le fit partir pour l’Jrak avec les patentes de gou- 
verneur et une armee de 24,000 hommes. Lorsque Hedjadj fut pres 
de Kadessia, il prit les devants, monté sur son chameau et sans autre 
bagage que la selle sur laquelle il etait assis et ordonna à son armee 
ä le suivre lentement.« 


Abd Almalik. 429 


wollten fich ihnen anfchliegen. Als aber die Mofchee mit 
Menſchen angefüllt war, enthüllte er fein Geficht und recitirte 
ben Bers des Dichters Subeim: „Ich bin der Sohn deg 
Morgens, der ſich über den höchſten Berg erhebt, wenn ich 
meinen Schleier Tüfte, fo fennt ihr mich Y.“ Ber Gott! fuhr 
er dann fort, ich werde der Schlechtigfeit mit gleichen Waffen 
begegnen, ich febe reife Häupter, deren Erntezeit gefommen, 


1) Diefen Vers findet man im Kamuß unter dem Worte »Djala«., 
(T. II. ©. 785 der Ausg. v. Bulak.) Der Sinn ift: ih bin ein 
wohlbefannter Mann, der den fchwierigiten Unternehmungen ges 
wahfen ift, fobald ich das Tuch vom Gefichte nehme, wird jeder 
wiſſen, wer ich bin. Bei de Sacy’s Autor aus dem 16. Sahrhunderte 
wird nun diefed Drama folgendermweife fortgefponnen: »Il entra se- 
cretement dans la ville et fit appeler le peuple à la mosquee à l’'heure 
de la priere. Les habitans ne l’eurent pas plutöt vu qu’ils se dirent 
les uns aux autres: »que Dieu maudisse les enfans d’Ommia, s’ils 
eussent trouve un homme plus meprisable que cet arabe ils nous 
Vauraient certainement envoye.« Hedjadj cependant monta dans la 
chaire et le peuple commenca à lui jeter des pierres... Hedjadj 
demeurait assis tranquillement et paraissait insensible a leur insolence, 
Ses troupes cependant se repandaient autour de la mosquee, pretes ä 
faire main basse sur le peuple lorsqu’il leur en donnerait le signal en 
decouyrant la tete. Quand il vit que ses troupes avaient ex&cute ses 
ordres et que tout le peuple etait rassembl& et continuait à lui jeter 
des pierres, comme pour le chasser, il commenga tout d’un coup ä 
parler et sans prononcer aucune des formules ordinaires en l’honneur 
de Dieu et du prophete, il s’ecria: »Je suis un homme genereux et 
mon esprit ne concoit que de nobles projets, lorsque je decouvrirai 
ma tete vous comnaitrez qui je suis.« Was den Steinregen betrifft, 
mit dem Haddjadj auch in der Folge noch überfchüttet wird, fo lieft 
man bei Tab. f. 29 r. nur: ed wird von Ginigen berichtet, daß, als 
Haddjadj lange ſchweigend auf der Kanzel blieb, Mohammed, der 
Sohn Dmeir’s, (ein Rebelle) einen Stein aufhob und ihn gegen 
Haddjadj (den Unbekannten) ſchleudern wollte, indem er fagte: Gott 
tödte ihn! wie ſchwach! wie erbärmlich! ich glaube, von diefem ift 
nichts Gutes zu erwarten. Haddjadj ward nämlich, wie oben ere 
mwähnt, für einen Aufrührer gehalten, als er aber fo lange fchwieg, 
verlor Mohammed fein Vertrauen zu ihm. 


430 Neuntes Hauptſtück. 


ich fehe Blut zwifchen der Stirnbinde und dem Barte, Nach> 
dem er dann noch) einige Verſe reeitirte, in welchen der Krieg 
mit allen feinen Schreeniffen gefchildert wird, ſprach er: Bei 
Gott! ihr Jrafaner! ich Laffe mich nicht zufammendrücen wie 
getrocknete Feigen, ich Yaffe mich nicht durch das Geraffel 
aufgeblafener Schläuche einfhüchtern; ich haffe Das Gemwöhn- 
liche und ſtrebe nad) dem Höchſten. Der Fürft der Gläubigen 
Abd Almalik Hat feinen Köcher ausgeleert und die Pfeile un- 
terfucht, er hat mich als den Bitterften und Stärfften gefuns 
den und darum zu euch gefandt. Bei Gott! wenn ihr nicht 
zum Gehorfam zurüdfehret und in eurer Schlechtigfeit ver- 
barret, fo mähe ich euch ab wie das Salamgefträuh und 
fhäle euch wie ein Rohr und fchlage euch durch wie den 
Nüden eines Kameels. Bei Gott! ich führe ſtets mein Vor— 
haben aus und drohe niemals umfonft. Fern von mir biefeg 
Zufammenrotten und diefes Hin- und Hergerede Y! entweder 
ihr bleibet auf dem rechten Wege, ober es wird fchon ein 
jeder von euch mit fich felbft genug zu thun befommen. Er 
lieg ihnen dann das Schreiben Abd Almalik's vorlefen, das 
mit dem gewöhnlichen Salam begann, und worauf die Ges 
meinde mit den Worten: „Friede über den Fürften der Gläu— 
digen!” zu antworten pflegte, Als aber diesmal Niemand 
den Gruß des Chalifen erwiederte, ſprach er: o ihr Sklaven 
des Aufruhrs! habt ihr fo wenig gute Manieren, daß ihr 
den Salam eures Fürften unerwiedert laſſet? Bei Gott! dag 
it das Lestemal, daß ich euch durch ein Schreiben zurechtzu— 
weifen ſuche. Diefe Worte brachten die gewünfchte Wirfung 
hervor, denn als ſich üblicherweife am Schluffe des Schreibens 
der Salam wiederholte, ſchrien alle Anmwefenden: Friede und 


* 


1) Im Texte heißt ed: »waijjaja wahadsihi-l-djamaatu wakilan 
wakalan.« Sch vermuthe, daß dieſe Worte, die vielleicht bei Schehab— 
eddin anders lauten, durch de Sacy überfegt wurden: »les troupes 
nombreuses, les voix confuses que j’entends vous menacent, denn 
das Vorhergehende ftimmt ganz mit Tabarı überein, 


Abb Almalik. 431 


Barmherzigkeit Gottes über den Fürften der Gläubigen Y. 
Haddjadj fuhr dann fort: Liege man bie Widerfpenftigen ohne 


1) Tab, £ Str. Bei de Sacy kömmt nun hier die furdhtbare 
Entwicklung des Dramas, da heißt es, nachdem Abd Almalif fie 
über ihr Schweigen zurechtgewiefen: »En parlant ainsi il öta son 
bonnet (?) et le mit sur ses genoux. Ses soldats qui observaient at- 
tentivement tous ses mouvemens, n’eurent pas plutöt appergu ce 
signal qu'ils entrerent dans la mosquee, l’epee à la main et firent 
main basse sur tous les assistans; le carnage fut si grand que les 
rues de la ville furent inondees de sang et que les hommes en ayaient 
jusqu’a la moitie de la jambe. Il y perit, dit on, en ce jour, 70,000 
personnes. Ceci arriva la 75me annee de l’Hegire. (694—5.) Es 
bedarf wohl Feiner Erwähnung, daß Tab., einer der älteften Univerfals 
hiftorifer der Araber, der alle Traditionen über die Gefhhichte des 
Islams forafältig gefammelt und deſſen Geburt nur anderthalb 
Sahrhundert von diefen Begebenheiten liegt, mehr Vertrauen ver: 
dient, als ein Autor aus dem 16. Sahrhunderte. Es mochte freilich 
Tabart manches entgangen fein, was nah ihm noch, theild aus 
mündlichen Weberlieferungen, theils aus fhriftlihen, befannt und 
von fpätern Hiftorikern aufgenommen ward. Hier handelt ed fi 
aber offenbar von Webertreibung und Gntftellung. Wenn Tab. ſagt, 
dag Haddjadj, von dem wir ja wiffen, daß er um jene Zeit Statt: 
halter in Arabien war, in Medina das Schreiben des Chalifen er: 
hielt und mit zwölf Mann aufbrab, fo kann er nicht mit 24,000 
Mann von Damasf abgezogen und fhon vor Ankunft des Briefes 
dort geweien fein. Wenn feine Rede auf der Kanzel in Kufa ädt 
it, jo wäre fie im Widerfpruche mit feiner Handlung, denn fie ent: 
hält zwar furchtbare Drohungen, aber doch immer nur gegen die 
Rebellen. Wie jollte er, nachdem er auch bei de Sacy jagt: »Si 
votre conduite est droite, vous serez heureux et tranquilles,« auf eins 
mal alle in der Mofchee verfammelten Leute niedermegeln laſſen? 
An der Aechtheit diefer Rede ift aber um fo weniger zu zweifeln, 
da fie ſchon durch ihre eigene Sprache, die eben jo herb als Had— 
djadj’s Charakter it, fi auszeichnet. Tab. felbft muß immer die 
Ausdrüde Haddjadj’s interpretiren, fo verfhieden find fie von der 
gewöhnlichen Sprade, Wenn Tab. ferner eg der Mühe werth hält, 
zu erzählen, daß ein Widerfpenftiger nach drei Tagen, weil er nicht 
in den Krieg gezogen und einer der Mörder Othman’d war, hinge- 
richtet wurde, jo läßt fih nicht denken, daß einige Tage vorher 


432 Neuntes Hauptftüd. 


Strafe, fo würde ung feine Beute mehr zufliegen, fein Feind 
würde mehr befriegt werden, und bie Grenzen des Reiche 
blieben ohne Vertheidigung, darum müſſen diejenigen, die nicht 
freiwillig in den Krieg ziehen, dazu gezwungen werden. Ich 
babe gehört, wie ihr Muhallab verlaffen und als Rebellen in 


m 


70,000 Menſchen umkamen. Iſt es übrigens alaublich, dag Haddjadj 
mit 24,000 Mann bis Kadeſia gekommen, ohne daß man in Kufa 
etwas davon wußte? oder daß, wenn man ed wußte, man ed ge: 
wagt hätte, ihn zu fhmähen und mit Steinen zu werfen? Man 
braucht übrigens nur zu willen, was die Araber über Haddjadj’s 
Geburt fabeln, um das, was fie von feinem Leben erzählen, gehörig 
zu würdigen. „Als ihm feine Mutter,“ fo wird in allem Ernfte er: 
zählt, „ihre Bruft hinftredte, ftieß er fie zurüd und dasgleiche that 
er einigen anderen Frauen, die ihm zu trinken geben wollten. Die 
Leute mußten nicht, was fie mit dem Kinde beginnen follten, als 
Satan, in der Geftalt des erften Gatten feiner Mutter, erfchien und 
ihnen fagte: tödtet einen ſchwarzen Bock und gebet dem Kinde zwei 
Tage lang deſſen Blut zu trinfen, am dritten Tage fchlahtet eine 
ſchwarze Katze und gebet dem Kinde wieder ihr Blut zu trinken, 
dann tödtet eine Schlange und laffet das Kind ihr Blut ausfaugen, 
und fehmieret ihm auch das Gefiht mit diefem Blute ein. Am 
vierten Tage wird dann dag Kind an jeder weiblihen Bruft trinfen. 
Satans Rath ward befolgt, aber die Folge diefer erften Nahrung 
war, daß es ihm zum Bedürfniffe ward, Blut zu vergießen.” Man 
wird freilich fagen, dieſes Mährchen beweift, daß er ein blutdürftiger 
Mann war; ich erwiedere aber darauf, dag man ihm befonders darum 
fpäter viel Gehäfiiges nachfagte, weil er eigentlih die Dynaftie der 
Dmejjaden befeftigt und fich nicht gefcheut, die heilige Stadt und 
den Tempel zu befchießen. Uebrigens war er allerdings ein höchft 
energiicher und ftrenger Mann, der, wenn auch nicht aus Blutdurft, 
doh um Ruhe und Ordnung herzuftellen, manchem Menjchenleben 
ein Ende machte. Wendet man mir ferner ein, wie fonnte er eine 
fo drohende Rede halten, wenn er nur zwölf Mann bei fi hatte, 
fo antworte ih, daß erftens wohl nod” einige Truppen bald nach— 
folgen mochten, zweitens aber, daß gewiß in Kufa fchon eine ftarfe 
Befagung lag, auf die er zählen Fonnte und übrigens auch der Auf: 
ftand feineswegs allgemein war, fondern es fich lediglih um eine 
Truppenaushebung für Muhallab’3 Armee handelte, 


Abd Almalik. 433 


eure Heimat zurückgekehrt ſeid. Ber Gott! Ihr feid unter 
der Stadt gemeint, von welcher es im göttlichen Buche heißt: 
„fe war fiher und forgenlos, ihr Lebensbedarf ftrömte ihr 
in Ueberfluß von allen Seiten zu; aber fie ward undanfbar 
für Gottes Gnade, da fuchte fie Gott, zur Strafe, mit Hun— 
ger und Todesangft heim,” Bet Gott! ich werbe euch de— 
mütbigen, bis ihr euern aufrührerifchen Geift abgelegt, ich 
werde euch mit dem Schwerte niederhauen, daß eure Frauen 
Wittwen und eure Söhne Waifen werden. Am Schluffe fei- 
ner Rede ſchwur er bei Gott, daß, wer von den aus dem 
Lager Muhallab's zurücgefehrten Truppen nad drei Tagen 
noch in der Stadt gefunden wird, fein Leben verwirft habe. 
Diefe Drohung füllte die Straße nah Nam Hormus mit 
Soldaten und Muhallab fagte bei ihrem Empfang: endlich iſt 
ein ganzer Mann nad Irak gefommen, Ein einziger nur 
blieb in Kufa zurüd, und obgleid er behauptete, er habe fei- 
nen Sohn an feiner Stelle zur Armee geſchickt, ward er doch 
hingerichtet, weil Haddjadi vernahm, daß er bei der Ermor- 
dung Othman's betheiligt gewefen ). Nachdem in Kufa die 
Herrichaft des Chalifen hergeftellt war, begab ſich Haddjadj 
nach Baßra und hielt eine ähnliche Rede, welche eben fo er- 
folgreich war, da auch dort ein Widerfpenftiger ſogleich zu- 
fammengehauen ward. Indeſſen fam es doch in Ruſtukbads, 
ein Drt zwiſchen Baßra und Ram Hormus, bis wohin Had— 
djadj die Truppen begleitet hatte, zwifchen ihm und Abd Allah 
Fon Djarud, einem Häuptlinge der Baßrenfer, wegen Feft- 
fegung des Solds, zu einem Wortwecfel, der zu Thätlich— 
feiten führte, Aber Haddjadj blieb Sieger. Abd Allah’s Kopf 


1) Auch diefer Befehl Haddjadj’s wird bei de Sacy nod fol: 
gendermweife entitellt: »Hedjad) fit ensuite publier un ordre à tous les 
habitans de sortir de la ville dans trois jours sous peine de mort; le 
quatrieme jour il fit couper la tete ä un des premiers citoyens de 
Koufa que ses gens avaient trouve dans la ville; aussitot tous les 
habitans s’enfuirent et se retirerent dans le canton nommé alsawad.« 


28 


434 Neuntes Hauptftüd. 


und die son zehn oder achtzehn andern Aufrührern, die ihm 
beigeftanden, wurden zur Warnung ins Lager gefandt N), 
Ram Hormus ward bald darauf yon Muhallab erobert ?). 
Abd Arrahman Ibn Muhnif aber, der mit einem Theile der 
Truppen fern von Muhallab war, ward yon den Charidjiten 
überfallen und mit vielen der Seinigen getödtet, fo daß Abd 
Almalik's Vorſatz, fie gänzlich zu vertilgen, um fo weniger 
ausgeführt werden fonnte, als auch fein Nachfolger Attab 
Ibn Warafa nicht im Einklang mit Muhallab handelte und 
Haddjadj ihn wieder zurüdzurufen genöthigt war 3). 
Haddjadj felbft ward indeffen fehr bald von andern Re— 
bellen beunruhigt, fo daß er zu feiner eigenen Vertheidigung 
noch frifhe Truppen aus Syrien herbeirufen mußte. Häupt— 
linge diefer Aufrührer, welche zuerft in Mefopotamien alle 
Anhänger ber Negierung als Feinde behandelten, waren Salıh 
Fon Misrah 9 und Schebib Jon Jezid ). Ihr Glaubens- 


— — — 


1) Tab. f. 32 r. 

2) Ibid. f. 32 v. Nach einigen Berichten räumten die Charid- 
jiten Ram Hormus ohne Kampf. Auch über die Art, wie Abd 
Errahman überfallen worden, werden f. 83 verfchiedene Berichte an- 
geführt, die wir übergehen. 

3) Ibid. f. 33 v. 

4) Ibid. f. 35 r. 

5) Sezid, Schebib's Water, war bei den Truppen, melde unter 
Welid Ibn Okba im J. 25 d. H. gegen die Griechen einen Feldzug 
machten. Unter den Gefangenen war auch Schebib's Mutter, melde 
Sezid Paufte. Sie beharrte, trog allen Mißhandlungen Jezid's, bei 
ihrem alten Glauben, bis fie fehwanger ward, dann nahm fie aus 
Liebe zu Jezid noch vor Schebib's Geburt den Salam an. Sie gebar 
ihn am 10. Dſu'l Hudja des S. 25 und foll im Traume gefehen 
haben, wie ein Feuerftrahl von ihr ausging, gen Himmel flog und 
dann ins Waffer ftürzte. Sie habe dann gleich ihren Traum mit 
dem Geburtstage ihres Kindes in Verbindung gebracht, an welchem 
in Meffa geopfert wird, und gefagt:; mein Traum bedeutet die ein: 
ftige Größe meines Sohnes, der aber auch viel Blut vergießen wird, 


Abd Almalik. 435 


befenntniß iſt in folgendem Schreiben enthalten, das Salıh, 
der eigentlich ein Lehrer des Korans und der Nechte war, 
feinen Schülern zufandte. „Lob dem Herrn, der Himmel und 
Erde geſchaffen, Finfternig und Licht eingefegt. Die ihren 
Herrn verläugnen, find hoffnungslos. Herr! wir wenden ung 
nicht von dir ab, wir beugen ung nur vor dir und beten nur 
dich an, dein ift die Schöpfung und die Herrichaft, von dir 
kömmt das Gute und das Unangenehme und zu dir Fehrt alles 
zurüd, Wir befennen, daß Mohammed dein Diener, den du 
auserfohren und dein Gejandter, den du gewählt, deine Die- 
ner durch die Offenbarung zu leiten, Wir befennen, daß er 
feine Sendung vollbradıt, daß er feinem Volke aufrichtigen 
Rath ertbeilt und es zu dem Schöpfer aufgerufen, daß er big 
zu feinem Tode Gerechtigkeit übte, die Gößendiener befämpfte 
und den Glauben fiegen machte. Ich ermahne euch zur Got— 
tesfurdht, zur Enthaltfamfeit yon weltlichen Genüffen und zum 
Berlangen nach den Freuden des zufünftigen Lebens. Denfet 
oft an den Tod, liebet die Gläubigen und faget euch los von 
den Sündern! Wer enthaltfam ift, der fehnt fich um fo mehr 
nad) den Freuden jener Welt und ift um fo eifriger in der 
Erfüllung feiner Prlichten gegen Gott. Wer oft an den Tod 
denft, fürchtet um fo mehr feinen Herrn und ftrebt demuths— 
sol nah deffen Gnade, Trennung von den Sündern ift 
jedes Gläubigen Pflicht, wie es ja auch in der göttlichen 
Schrift heißt: „bete niemals für ihre Todten und beſuche ihr 
Grabmal nicht, denn fie haben Gott und feinen Gefandten 


Als man ihr meldete, ihr Sohn fer getödtet worden, foll fie den 
Todesboten Lügen geftraft haben, Als man ihr aber fagte, er fei 
ertrunfen, glaubte fi2 es, weil fie aus ihrem Traume mußte, daß er 
nur durh Waſſer umfommen könnte. Tab. f. 72 v. Es iſt zu be- 
dauern, daß der Erfinder dieſes Mährchens in der Chronologie nicht 
beſſer bewandert war und Schebib's Geburt auf einen Samftag fekt, 
während der 10. Dſul Hudja des 3. 25 ein Mittwoch war. Bergl. 
auch über Schebib und feine Mutter Son Challitan I. ©, 616, 
28* 


436 Neuntes Hauptſtück. 


verläugnet und find als Ruchloſe geftorben DI’ Wer aber 
die Gläubigen Tiebt, der erlangt dadurch Gottes Huld und 
Gnade und Paradies. Möge Gott ung und euch zu den 
Aufrichtigen und Beharrlihen zählen! Ihr wiffet, dag Gott 
den Gläubigen, als Beweis feiner Gnade, einen Geſandten 
aus ihrer Mitte gefchiekt, der fie die Schrift und die Weisheit 
lehrte, der fie reinigte und läuterte und in ihrer Religion 
unterrichtete. Er war. gütig und mild gegen die Gläubigen, 
bis ihn Gott zu fi) nahm. Gottes Gnade über ihn! Nach 
feinem Tode übernabm Abu Befr der Wahrhaftige, mit Leber- 
einftimmung der Mufelmänner, die Derrichaftz er wandelte 
nad) des Propheten Leitung und folgte feinem Beifpiele, bis 
auch er ſich mit feinem Herrn vereinte. Gottes Barmbers 
zigfeit über ihn! Omar, welchen Abu Bekr zu feinem Nach— 
folger beftimmte, berrfchte über feine Untertbanen nach der 
Schrift Gottes, und belebte die Lehren des Propheten wieder. 
Er wid nie vom Rechte ab zu Gunften feiner Freunde und 
handelte nad Gottes Willen, ohne jih um den Tadel der 
Menſchen zu fümmern, bis auch er zu feinem Herrn überging. 
Gottes Barmherzigkeit über ihn! Nach feinem Tode erwähl- 
ten die Mufelmänner Othman zu ihrem Herridher, er theilte 
aber die Beute unter die Seinigen aus, ließ die Grenzen 
des Reichs ohne Schuß, war gewalttbätig in feinem Urtheil, 
erniedrigte die Gläubigen und erhob die Uebelthäter, darum 
ftanden die Mufelmänner gegen ihn auf und tödteten ihn, 
Gott und fein Gefandter und alle wahren Frommen hatten 
fih von ihm abgemwendet. Nach feinem Tode übertrug das 
Volk die Herrfchaft Ali, dem Sohne Abu Talib's. Diefer 
übertrug aber Menfchen das Urtheil über Gottes Sache, ſchloß 
fih Sündern an und fpielte den Scheinheiligen, darum fagen 
wir ung von Ali und feinen Anhängern los 2). Bereitet 


.. 


1) Sura N. DB. 86, 
2) Hier fowohl als bei Othman heißt es am Rande f. 35 v. 


Abd Almalik. 437 


euch vor, die gewaltthätigen Befehlshaber und ihre ruchloſen 
Schaaren zu bekämpfen und dieſe vergängliche Wohnung ge— 
gen die ewige zu vertauſchen! Laſſet uns gerne unſern gläu— 
bigen Brüdern nachfolgen, die dieſe Welt für die zukünftige hin— 
gegeben und ihr Gut geopfert haben, um Gottes Wohlgefallen 
zu erlangen. Scheuet euch nicht, für Gottes Sache im Kriege zu 
fallen, der Tod ereilt euch ja doch, ehe ihr es vermuthet und 
trennt euch von euern Kindern, von euern Frauen und von 
eurer Welt, ſo ungern ihr auch von ihnen ſcheidet, darum 
verkaufet lieber Gott euer Gut und euer Leben, vollziehet ſei— 
nen Willen, dann ſeid ihr des Paradieſes gewiß, wo ihr die 
ſchwarzäugigen Huri umarmet. Möge Gott uns und euch zu 
den Andächtigen und Dankbaren geſellen, die nur Wahrheit 
zur Richtſchnur nehmen!“ 

Salih darf nicht nur dieſem Rundſchreiben zufolge nicht 
mit den zahlreichen andern Rebellen verwechſelt werden, welche 
die Religion nur als Hebel zur Befriedigung ihrer Herrſch— 
ſucht, ihres Ehrgeizes, manchmal nur ihrer Habgier gebrauch— 
ten, ſondern auch ſein erſter Tagesbefehl beweiſt, daß es ihm 
wirklich rein um die Befreiung ſeines Volks zu thun war, 
von dem Joche der Omejjaden ſowohl, als von dem aller 
Laſter und Schandthaten, welche daſſelbe immer mehr zu ver— 
derben drohten. „Bedenket,“ ſagte er ſeinen Leuten, als ſie 
in der erſten Nacht des Monats Safar des J. 76 (20. Mai 
695) Dara verließen, „daß ihr nur aus Eifer für Gottes 
Sache euch erhoben, weil das Heilige entweiht wird, weil 
ſeine Gebote nicht befolgt werden, weil Blut vergoſſen und 
Gut geraubt wird ohne Recht, drum hütet euch, ſelbſt Hand— 
lungen zu begehen, die ihr jetzt an Andern tadelt! Nur wenn 
ihr angegriffen werdet, dürfet ihr von euren Waffen Gebrauch 


doch von neuerer Schrift und ſchwärzerer Dinte, ſo daß es gewiß 
ſpäterer Zuſatz iſt: „Gott! ich habe nichts gemein mit dieſem Salih 
und ſeinen Worten und ſeinen Anhängern und allen denen, die ſich 
zu ähnlichen Irrlehren bekennen.“ 


438 Neuntes Hauptftüd, 


machen, aber felbft dem beftegten Feinde nichts rauben 9).“ 
Darum war aber auch fein Anhang, in jener Zeit, wo nur 
Befriedigung der gemeinften Leidenschaften erftrebt ward, nicht 
zahlreih, Doc die Wenigen, die jih um ihn fchaarten, wa- 
ren von einem wahren Eifer für den Sieg des Rechts und 
von einem beifpiellofen Muthe befeelt. Adij Ibn Adij, wel— 
chen Mohammed Ibn Merwan, der Statthalter von Meſopo— 
tamien, gegen dieſe Rebellen mit tauſend Mann ſchickte, 
weil ſie ihm ſeine Kameele entführt hatten, ward von ihnen 
überfallen und gefchlagen ?). Mohammed ſandte auf's Neue 
3000 Mann gegen fie. Salih und Schebib behaupteten ſich 
den ganzen Tag gegen biefe Truppen, doch in der Nacht 
fanden fte es rathſam, das Feld zu räumen und fid) gegen 
Irak zu flüchten, Haddjadj ließ ihnen aber, fobald er Kunde 
von ihrem Kriege gegen Mohammed erhielt, von 5000 Mann 
nachfegen und nöthigte fie, die Richtung son Chanifin und 
Dialula zu nehmen. Aber au bier erreichte fie Harth Ibn 
Dmeirah, der die irafanifhen Truppen anführte, und töbtete 
Salih. Schebib zog fi mit den übrigen Charidjiten ) in 


1) Ibid. f. 36 v. Unter Schebib wurden jedoch diefe Lehren nicht 
immer ftreng beobachtet, obgleich auch er fo viel Vertrauen einflößte, 
daß jo oft Geißeln gegeben wurden, er fie immer zuerft erhielt, weil. 
man wußte, daß er feines Verraths fühig wäre. 

2) Salth hatte nah Tab. f. 37 r. nur 110 oder 120 Mann bei 
fih. Adij war ein Feigling, Mohammed gab ihm zuerft nur 500 
Mann, mit diefen wollte er gar nicht ind Feld ziehen und felbit als 
er 1000 Mann erhielt, ließ er noch Salih, ehe er ihn angriff, auf: 
fordern, das Land zu räumen und lud ihn gemiffermaßen ein, eine 
andere Provinz des islamitifhen Reichs zum Schauplas feiner Thä- 
tigkeit zu wählen. Salih ließ ihn feinerjeits auffordern, fich zu fei: 
nen Lehren zu befennen und als Adij's Bote mit neuen Friedens— 
anträgen, jedoch mit einer Verneinung in Betreff des politiſchen 
Slaubensbefenntniffes zurückkehrte, griff Salih an, ohne vorher den 
Boten wieder entlaffen zu haben, 

8) Es waren nad Tab. f. 38 v. nur noch fiebzig Mann, aber 
hier fomwohl, wie bei allen folgenden Kriegen zwifchen Schebib und 


Abd Almalik, 439 


eine Burg zurüf und Harth verfhob die Erftürmung dieſer 
Burg auf den folgenden Tag. Damit jedoch die Eingefchlof- 
fenen in der Nacht nicht entrinnen, ließ er vor dem Thore 
ein großes Feuer anzünden. Schebib, welcher nad Salih's 
Tod I) Dberhaupt der Charidjiten geworden, vermochte jedoch 
in der Nacht, wahrfcheinlih durch die Nachläffigfeit der Wa— 
hen, das Feuer zu löfhen und die in ihrem Lager ruhig 
fchlafenden Irakaner zu überfallen. Viele von ihnen wurden 
getödtet und die Uebrigen zogen fih nah Madain zurüd, 
Nun folgen eine Reihe von Gefechten, mworunter aud) 
Eines in Nabrawan, wo die erften von Ali getöbteten Cha- 
ridjiten betrauert wnrden, in denen Schebib fortwährend Sie— 
ger blieb 2). Er wußte ſtets den größern Heeren geſchickt 


Haddjadj, wird die Zahl der Charidjiten zu gering und die der Trup— 
pen Haddjadj’s zu hoch angegeben, darum können auch die aller 
Wahrſcheinlichkeit entbehrenden Ginzelnheiten diefer Feldzüge, welche 
bei Tab. etwa 30 Blätter ausfüllen, im Terte eines europäiſchen Ge— 
ſchichtswerks feinen Platz finden. 

1) Ibid. f. 39 r. den Uten Diumadi:l-Amwwal d. $. 76. Tabari 
feßt hinzu: ed war ein Dienftag, das ift nach dem art de verifier 
les dates unrihtig, denn der erfte Djumadi-l:Awmwal war ein Dien- 
ftag, der 17te alſo ein Donnerftag. 

2) Bei Chanifin wird Softan Son Abi-l-Aliah (im türf. Tab. 
Ibn Ghalib), der 1000 Mann von Tabariitan zurüdführte, geichla- 
gen. Schebib fommt dann nah Madain und von hier nah Nahra— 
wan, wo er Sauredj Ibn Abdjar eine Niederlage beibringt, dann 
ftreifte er wieder in der Gegend von Tefrit umber und die Bewoh— 
ner von Madain fürchteten jeden Augenblick einen Weberfall. Had- 
djadj läßt aufs Neue 4000 Mann ausheben und fendet Dthman 
Ibn Said gegen ihn. Diefem weicht Schebib lange aus, bis er ihn 
endlich eines Nachts in der Nähe von Hulman ganz unerwartet von 
verſchiedenen Seiten zugleih angreift. Scebib foll zwar nur 160 
Mann bei fi gehabt und diefe in vier Abtheilungen aufgeftellt ha: 
ben. Haddjadj ernennt jest Said Sbn Mudjallad zum Auführer 
der Truppen gegen Schebib, aber auch er wird getödtet. Ihm folgt 
Sumeid Ibn Abd Errahman, welher Schebib bei Karch findet. Die: 
fer überfchreitei den Euphrat, treibt fih im Gebiete von Hira, dann 


440 Neuntes Hauptſtück. 


auszumweichen, Dann ganz unerwartet über kleinere Truppen- 
abtheilungen berzufallen. Durd die firenge Mannszucht, die 


am untern Guphrat und in der Gegend von Chaffan umher, dann 
ging er wieder bei Anbar über den Euphrat und zog fih nach Ad: 
ferbidjan hin. Haddjadj ließ ihn nicht weiter verfolgen, ging felbft 
nah Baßra und ließ Urma Son Mugbira als feinen Stellvertreter 
in Kufa. Balb erfuhr aber Urwa, daß Schebib wieder gegen Kufa 
im Anmarjche fei, Haddjadj ward von Baßra zurüdgerufen und traf 
nur ein Paar Stunden vor Schebib in Kufa ein, war aber fo von 
Truppen entblößt, dag er fich in der Burg einſchließen mußte. Grft 
am folgenden Tage, ald wahrfcheinlich Truppen von Baßra ankamen, 
verließ Schebib die Stadt wieder und zog ſich gegen Kadefia hin. 
Sahr Ibn Keis fest ibm mit 1800 Reitern nad, wird aber ver: 
wundet und feine Mannfchaft in die Flucht getrieben, Saida Ibn 
Kudama, der jetzt den Dberbefehl führt, wird am untern Euphrat 
getodtet, ebenfo Mohammed Ibn Mufa, weicher mit Truppen nad) 
Sedjeſtan ziehen mollte und fih von Haddjadj bereden ließ, vorher 
Shebib zu befämpfen. Schon bedrohte er wieder Madain, als 
Haddjadj aufs Neue 6000 Mann, unter Anführung des Abd Errah: 
man Son Mohammed Ibn Aſchath, gegen ihn ins Feld jchicte. 
Diefer verfolgte ihn bı8 über die Grenze von Moful, dann wollte 
er umfehren, indem er fagte: mögen nun die Statthalter von Me- 
fopotamien den Krieg fortfegen! Aber Haddjadj fchrieb ihm: „Der 
Fürft der Gläubigen ift unfer Aller Herr und die Armee ift feine 
Armee, drum verfolge Schebib bis du ihn befteaft oder aus dem 
Neiche vertreibft.“ Da er ihm aber vergebens von einer Provinz 
in die andere nachjeste, ward Othman Ibn Katan, der bisherige 
Statthalter von Madain, an feine Stelle gejest und die Statthal- 
terfchaft von Madain dem Mutrif Ibn Mughira übertragen. Sce: 
bib mit 180 Mann (?) liefert Othman ein Treffen am Bache Hau: 
laja, an der Grenze von Mefopotamien und Sraf. Othman wird 
erfchlagen, Abd Errahman verwundet und 600— 1000 Kufaner (9 
bleiben in dem Treffen. Nach einigen Monaten erjheint Schebib 
mit 800 Mann wieder in der Gegend von Madain. Sekt begehrte 
Haddjadj fyrifhe Truppen vom Chalifen. Die Srafaner wollten in: 
deffen es nod) einmal verfuchen, ohne fremde Hülfe Schebib zu be: 
kämpfen; es ziehen 50,000 (?) Streiter von Kufa aus, ihr Anführer 
ift Attab Son Warafa, melden, wie oben erwähnt, Haddjadj aus 
Perfien zurüdgerufen. Schebib, welcher nur 600 Mann (?) hatte, 


Abd Almalik. A441 


unter feinen Leuten berrfchte, welche überall das friedliche 
Volk unbeläftigt ließen und nur gegen die Werkzeuge der Re— 
gierung ſchonungslos verfuhren, warb er immer zur vechten 
Zeit von den Zügen feiner Feinde unterrichtet, jo daß er, je 
nach Umſtänden, fie in einer günftigen Stellung erwarten, 
oder fih vor ihnen zurüdziehen konnte. Bald ftreifte er in 
der Gegend von Madain umber, bald an der ſüdlichen Grenze 
son Adferbidjan, bald im Gebiete von Moßul. Bald zog 
er fih nach Kerman zurück, auf einmal erfchien er wieder 
jenfeits des Euphrats an der Grenze der fyrifchen Wüſte. 
Es gelang ihm fogar zweimal, die Stadt Kufa felbit zu über- 
fallen. Das zweite Mal ſchlug man fih drei Tage lang in 
den Straßen Kufa’s und Haddjadj verdanfte feine Rettung 
nur der Tapferfeit der fprifchen Truppen, welche er berbei- 
rufen mußte, weil die Jrafaner, nach den vielen Niederlagen, 


griff die Kufaner doch an, ein Theil derfelben ergreift alsbald die 
Flucht, andere, worunter Attab felbft, werden niedergehauen und 
Schebib rüdt ohne weitern Widerftand bis Kufa vor, Haddjadj 
treibt die feigen Kufaner aus der Stadt und fagt ihnen: „geht nad) 
Hira zu den Juden und Chriften, ich will nur die Syrer und dieje— 
nigen bei mir haben, die nicyt unter Attab fo viele Feigheit gezeigt!” 
Nun folgen mehrere Fleine Treffen vor den Thoren Kufa’s, in wel: 
hen Schebib den Sieg davon trägt. Dann jchlägt man fi in den 
Straßen Kufa’s, bis Chalid Ibn Attab Schebib's Bruder tödtet, der 
ein Drittheil von Schebib’s Leuten anführte; Schebib zog fih nun 
zurück und zerftörte die Brücke hinter fih. Habib Ibn Abd Errah— 
man fest ihm mit 3000 Mann nach und Haddjadj läßt allen, welche 
Schebib verlaffen, volle Gnade und noch reihe Geſchenke verfprechen. 
Nah einem unentjchiedenen Gefechte bei Anbar, zieht ſich Schebib 
wieder nah Kerman zurüd. Haddjadj fendet neue Truppen gegen 
ihn unter Anführung Sofian's Ibn Abrad. Diefer begegnete ihm an 
der Brücke des Fleinen Tigris von Ahwas, wo man fich den ganzen 
Tag flug. Gegen Abend mwollte Schebib fich wieder hinter dem 
Fluſſe zurückziehen, als fein Pferd über die Brücke fprang. Dies 
find die Hauptzüge aus diefem Kriege, die ich doch um fo mehr, 
meniaftens in einer Note, mittheilen mußte, als fie bei den befann- 
ten Autoren ganz übergangen werden, 


442 Neuntes Hauptftüd, 


die fie erlitten, allen Muth verloren. Erft gegen Ende des 
77ten Jahres der Hidirah ( März 697), nachdem Haddjadj 
duch Beftehung einen Theil der Charidjiten gewonnen, und 
Schebib, um fi zu retten, über die Brüde des Karun fegen 
mußte, ward fein Pferd fcheu und fprang ins Waffer, Noch 
einmal tauchte Schebib auf und rief „Gottes Rathſchluß werde 
vollzogen,’ dann verfanf er wieder und man fand ihn als 
eine Leiche. 


Gleichzeitig mit Schebib wurden zwei andere Rebellen 
noch beftegt, von denen der Eine ihm fein Verderben ver- 
dankte. Diefer war Mutarrif, Sohn des Mughira Ibn 
Schuba, Haddjadf’s Statthalter von Madain, welcher durch 
Handhabung des Rechts und durch feine Fürforge für das 
Wohl feiner Untergebenen, fehr beliebt ward, 


Als Schebib von allen Seiten die Tugend und Fröm— 
migfeit Mutarrif’s rühmen hörte, hoffte er, es würde ihm 
leicht fein, ihn für feine Sache zu gewinnen, Er wechielte 
daher mehrere Briefe mit ihm und zur Zeit als er in Nahr 
Schir Tagerte, fandte er ihm einige gelehrte Männer nad 
Madain, um mündlich mit ihm zu verfehren. Mutarrif ftimmte 
mit Schebib darin vollfommen überein, dag Abd Almalif und 
fein Gefchlecht nicht auf dem Wege des Rechts auf den Thron 
gelangt und daß er ſowohl als Haddjadj nicht nach dem gött- 
lichen Gefege und den Lehren Mohammeds und der eriten 
Nachfolger berrfchten. Als es ſich aber dann darum handelte, 
zu entiheiden, wer an Abd Almalif’s Stelle auf den Thron 
erhoben werben follte, waren ihre Meinungen getheilt. Mu— 
tarrif behauptete, es müffe ein neuer Chalife aus dem Ger 
fhlechte Kureifch gewählt werden, theils weil ihm Mohammed 
angehörte, theils weil fih nur dann auf einen großen An- 
bang von Seiten der Araber rechnn lieg. Die Gefandten 
Schebib’s aber, der fchon Tängft felbft den Titel „Emir der 
Gläubigen” angenommen batte, wollten den Kureifchiten fei- 


Abd Almalik. 443 


nen Vorzug einräumen ). Mutarrif war indeffen” fchon zu 
weit gegangen, um nicht jeden Augenblick zu fürchten, bei 
Haddjadj verrathben zu werden. Er verließ daher Mabdain 
mit einigen hundert Mann, die ihm Treue gejchworen, und 
zog gegen Hulwan. Der Stafthalter von Hulwan ?), der 
ibn nicht gern befriegen wollte, doch auch nicht in feiner Nähe 
dulden fonnte, ließ ihn auffordern, feine Provinz zu verlaffen. 
Mutarrif zog gegen Hamadan, wo fein Bruder Hamza Statt- 
balter war, doch hielt er fi fern von der Stadt, um ihn, 
falls er ſich ihm nicht anfchliegen würde, nicht in den Augen 
Haddjadj's zu verdächtigen. Hamza fah wohl ein, daß feines 


1) Al Mutarrif nah Schebib's Glaubensbekenntniß fragte, 
fagte Sumweid, einer der Gefandten: „Wir fordern zur Befolgung 
der göttlihen Schrift und der Lehren feines Gefandten auf und 
ftreiten gegen die mwillführlihe Vertheilung der Beute, gegen die 
Bernadhläjiigung der Grenzen und gegen die Tyrannei der Gewalt: 
haber.” Auf Mutarrif’s Vorfchlag, eine neue Wahl anzuordnen, die 
jedoh nur auf einen Kureijchiten fallen dürfe, fagte Sumeid: Nach 
Mohammed’s Tod war auch die Wahl ganz frei und nur dem Bor: 
züglichften unter uns gebührt die Herrichaft, diefer ift Schebib, den 
wir bereits gewählt. Was deine volitifhen Gründe für die Wahl 
eines Kureifchiten angeht, jo können fie bei wahren Gläubigen nicht 
in Betracht fommen, denn vor Gott ift eine geringe Zahl Gerechter 
mehr als eine große Zahl Gemwaltthäter, und ohne vom Rechte ab- 
zuweichen könnten wir feinem Kureiſchiten einen Vorzug einräumen. 
Sollten ſie wegen ihrer Berwandtihaft mit Mohammed über den 
andern Mufelmännern ftehen, jo müßten zulegt die Söhne Abu La: 
habs auch noch über uns herrichen, und die älteften Auswanderer, 
die nicht zu Kureifch gehören, fih vor ihnen beugen. Derjenige aber 
fteht Mohammed am Nächten, der auf feinem Pfade wandelt, wir 
waren die GErften, die fi gegen unfre gottlofen Tyrannen erhoben, 
darum gebührt auch ung der Vorzug. Tab. ©. 77. Weber Abu La- 
hab, vergl. Leb. Mob. ©. 52 und 114. 


2) Sein Name war Sumeid Ibn Abd Errahman, er war Prä- 
feft von Hulman und Mah Sindan. Mutarrif mußte fi jedoch 


gegen Kurden jihlagen, welche die Päſſe des Zagrrßgebirges beſetzt 
hatten. Ibid. f. 78, 


444 Neuntes Hauptſtüͤck. 


Bruders” Aufftand ein fchlechtes Ende nehmen würde D), er 
fagte fih daher von ihm los, doch fandte er ihm heimlich 
Geld und Waffen nad Mah Deinar. Mutarrif ſchickte dann 
nad) allen Seiten Emiffäre mit einem Nundfchreiben, ähnlich 
dem Salih's, jedoch mit: der ausdrüdlihen Erklärung, 
daß nad) dem Sturze der Tyrannen eine neue Chalifenwahl 
ftatt finden follte, umher und die Zahl feiner Anhänger nahm 
täglich zu 2). Aber auch Haddjadj, dem nichts verborgen 
blieb, war nicht unthätig. Er bot den Statthalter von Net 
und den von Ispahan zum Kriege gegen Mutarrif auf und 
fandte ihnen noch von Kufa aus Berftärfung. Auch ließ er 
Hamza durch den Oberften der Leibwache verhaften und ver- 
lieh diefem die Statthalterfchaft von Hamadan. Als Mutar- 
rif fi von einem etwa 6000 Mann ftarfen Heere 3) bedroht 
fab, ermahnte er feine kleine Schaar zur Standhaftigfeit im 
Kampfe für das Recht und hoffte die gegen ihn ziehenden 


1) Er fagte zu Sezid Ibn Abi Zijad, einem der eifriaften An- 
hänger Mutarrif's, der ihm einen Brief überbradte: „Möge deine 
Mutter Einderlos werden! du haft Mutarrif in's Verberben geftürzt. 
Sezid erwiederte: Gewiß nicht, möge mich Gott als Sühne für did) 
nehmen! er hat ſich jelbit und mic in's Verderben geſtürzt, wenn 
er nur nicht auch dich noch nachzieht! Wehe dir! fprah dann Hamza, 
mer hat ihn denn fo verblendet? Er hat fich felbft getäufcht, er- 
miederte Sezid. Ibid. f. 79, 


2) Bara Son Kubeifa, Statthalter von Sepahan, fchrieb an 

Haddjadj: „Wenn dem Gmir, den Gott fegne, an der Erhaltung 
von Sepahan und andern Provinzen gelegen ift, fo fende er ein ftar- 
fes Heer, um Mutarrif und die Seinigen ausjurotten, denn es 
fchliegt fih ein Haufen nach dem andern ihm an, und fchon find 
feine Anhänger fehr zahlreich.“ Ibid, 
78) Adij Son Wattad, Statthalter von Rei, hatte 3000 Mann 
bei ſich Bara Ibn Kubeifa 1000 Kufaner, welche ihm Haddjadj ge: 
fchieft, 700 Syrer und 1000 Kurden und Bewohner Ispahans. Adij 
hatte den Dberbefehl und menig fehlte, fo wäre es zum Gtreite 
zwifhen ihm und Bara gekommen, welcher mit dem Commando des 
linken Flügels nicht zufrieden war, Ibid, f, 81. 


Abd Almalik. 45 


Truppen zum Abfalle zu bewegen. „O ihr Männer unſrer 
Kibla,“ ließ er ihnen durch Bukeir Ibn Harun, der ſich ihnen 
als Geſandter mit einer rothen Schleife um den Arm gebun— 
den näherte, zurufen; „ihr Männer unfres Glaubens! Wir 
fordern euch, bei Gott dem Einzigen, Allwiffenden, auf, faget 
uns in Wahrbeit, ob nicht Abd Almalif und Haddjadj Tyran— 
nen find, die alles nad) Gunft und nicht nad) Verdienſt ver— 
tbeilen, die bloß ihren Leidenschaften folgen, die auf bloßen 
Verdacht bin ftrafen und im Zorne Menfchenblut vergiegen?” 
Man rief ihm aber von vielen Seiten zu: „du lügſt, bu 
Feind Gottes, davon wiffen wir nichts.” Da er aber den- 
noch fortfahren wollte, fie zum Aufruhr anzuftacheln, fprang 
Sarim, der Freigelaffene und Fahnenträger des Statthalters 
von Rei, mit dem Schwerdte in der Hand gegen ihn und 
kämpfte mit ihm. Sarim fiel, aber fein Zod warb bald 
durch ein allgemeines Treffen gerächt, in welchem Mutarrif 
und alle, die nicht zu Haddjadj's Truppen übergingen und 
um Gnade baten, getödtet wurden 1). 

Der andere, ebenfalls no im J. 77 befiegte Aufrührer 
war Katarij Ibn Fudjaa 2), der Häuptling der Azrafiten, 


1) Ibid. f. 82 u. 88. 


2) Fudjaa war ein ausgezeichneter Dichter aus dem Stamme 
Tamim und führte den Beinamen Abu Nuama. Sujuti zum Mu: 
ghni. Derjelbe jest Katarij's Tod in das J. 79. Katarij felbft war 
auch als Dichter berühmt, fomohl nah dem Kamus als nach Sujuti. 
Auch in der Hamafa (S. 44) fommt folgendes Gedicht von ihm vor: 

„Sch fage ihr (meiner Seele), wenn der Anblick der Helden fie 
außer Fafung bringt, mwehe dir! verzage nicht! Korderft du nur 
einen Tag mehr, ald dir zu leben beitimmt, fo bleibft du unerhört. 
Drum muthig auf dem Kampfplage! muthig! Ewigkeit erlangt ja 
doch Fein Menih. Das Gewand der Erhaltung ift nicht das der 
Ehre. Nur der Niedrige und Feige ſchlägt es zurück (um es zu 
fhonen). Der Weg zum Tode ift das Ende aller Lebenden. Sein 
Ruf erfchallt allen Bewohnern der Erde. Wer nicht früh dem Tode 
verfällt, wird ſchwach und gebrechlich und zulekt übergibt ihn das 


446 Neuntes Hauptflüd. 


welcher fich fortwährend gegen Muhallab in der Provinz 
Kerman behauptete und faft ein ganzes Jahr ihn fogar in 
Fars beunruhigte. Als Farfiitan ganz von Rebellen gefäubert 
war, wollte Haddjadj einen eignen Statthalter zur Erhebung 
der Steuern dahin fenden, aber der Chalife ließ Muballab 
die Einnahme eines Theiles der Provinz zum Unterhalte der 
Truppen, welche jest in Djireft auf dem Gebiete von Kerman 
gelagert waren !). Muhallab, der eben fo behutfam zu Werfe 
ging, als er im entfcheidenden Momente fi tapfer zeigte, 
ward nun von Haddjadj der Saumfeligfeit angeflagt und 
Bara Ibn Kubeißa ins Lager gefchiet, um ihn zum Kampfe 
gegen die Azrafiten anzuftaheln 2). Muhallab Tieferte ihnen 
eine Schlacht yon Morgens bis Mittag, dann wieder von 


— 


Schickſal doch der Vergänglichkeit. Das Leben iſt kein Glück mehr 
für einen Mann, wenn er als eine alte Waare betrachtet wird.“ 

Nach Tebrizi dauerte fein Aufftand 13 Sahre und fein Geburts: 
ort war Aadan und nicht Katar, Name eines Ortes in Oman. 

1) Ibid. f. 84 r. Er lieg ihm die Bezirke von Fafa, Darabgerd 
und Iſtachr. 

2) Haddjadj fehried an Muhallab: „Bei Gott, ich glaube, das, 
wenn du wollteft, du fehon längft die Charidjiten vertilgt hättelt; 
aber ihr Fortbeftehen ift dir lieb, damit du um fo länger das Land 
um dich ber ausfaugen Pannft, drum fende ich dir Bara Son Ku— 
beißa, daß er dich gegen fie führe... Kämpfe mit aller Kraft 
gegen fie und hüte dich durch Ausflüchte und fonftige leere Worte, 
die bei mir feinen Cingang finden, meinen Befehl unvollzogen zu 
laſſen!“ Ibid. £. 84 v. Muballab’s Antwort nad der Schlacht lau: 
tet: Das Schreiben des Emir’s, den Gott erhalte, ift mir zugefoms 
men, ed hat mir gezeigt, wie er mich in Betreff meines Verhaltens 
gegen die Charidjiten verdächtigt, und mir befohlen, fie in Gegen: 
wart des Gefandten zu befriegen. Diefem Befehle bin ich nachge- 
fommen, der Gefandte mag berichten, was er mit angefehen. Bei 
Gott! wäre ih im Stande, die Charidjiten auszurotten, oder zu 
vertreiben und thäte es nicht, fo würde ich gegen alle Mufelmänner 
fhleht handeln, den Fürften der Gläubigen hintergehen und den 
Emir verrathen, den Gott erhalte. Bewahre mich Gott davor, einft 
mit folher Schuld vor feinem Gerichte zu erſcheinen!“ Ibid. 1.85 r. 


Abd Almalik. 447 


Nachmittag bis Nacht. Bara überzeugte ſich von der Tapfer- 
feit der unter Muhallab dienenden Truppen, ſah aber auch 
zugleich, daß der Feind nicht minder tapfer war und daß zur 
Zeit von einem neuen Angriffe fein günftiger Erfolg zu er— 
warten wäre. Dies berichtete Bara an Haddjadj, der nun, 
mehr Muballab mehr Freiheit ließ und größeres Vertrauen 
fchenfte. Diefer fchonte jest feine Truppen, big ein Theil 
der Charidjiten wegen einer von Katarij verweigerten Ger 
nugthuung für einen Erfchlagenen, von ihm abgefallen und 
einem gewiffen Abd Errab gehuldigt hatte, und aud nad) 
diefer Spaltung verhielt er fih noch ruhig, bis fie felbft ein- 
ander durch fortwährende Fehden fo fehr geſchwächt hatten, 
daß er feines Sieges fiher war 1). Abd Errab mit ber 
Mehrzahl der Rebellen ward von ihm felbft angegriffen und 
aufs Haupt geſchlagen. Katarij, der fih nad Zabariftan 
geflüchtet hatte, ward von Sofian Ibn Alabrad verfolgt und 
ebenfalls getödtet ?). Muhallab wurde, ald er im Anfang 
des 5.78 d.9., nad) glücklich vollendetem Kriege, vor Habs 
djadj in Baßra erihien, höchſt ehrenvoll empfangen und ers 
bielt von ihm — denn Haddjadj war gewiffermaßen Vice— 
fönig von allen öftlihen Provinzen des Reichs — die Statt: 
balterfchaft von Chorafan, welches in den letzten Jahren Omejja 


1) Haddjadj wollte auch wieder, daß er fie angreife, fobald fie 
getrennt waren, aus Furcht, fie möchten fich wieder vereinigen, Mus 
hallab fchrieb ihm aber: „Das Schreiben des Emirs ift mir zuge: 
fommen und ich habe deſſen Inhalt verftanden, aber ich werde die 
Charidjiten nicht befämpfen, jo lange fie felbft unter einander Krieg 
führen und fi gegenjeitig ſchwächen. Bleiben fie getrennt, um fo 
befjer, vereinigen fie fih, fo find fie dann doch dur ihre längern 
Kriege fo zufammengefhmolzen, daß ich fie um fo leichter befämpfen 
kann.“ Ibid. f. 85 v. Der Dichter Kaab Alasfari hat diefen Krieg 
gegen die Tharidjiten in einem größern Gedichte verewigt, welches 
bei Tab. über vier Seiten ausfüllt, dann folgt auch noch ein Klei- 
neres von Tufeil Ibn Amir, 

2) Ibid. £. 8 v. u. 89 r, 


A48 Neuntes Hauptftüd. 


Ibn Abd Allah, ein Abfümmling des Stammvaters der Omej- 
jaden, verwaltet hatte. Dmejja hatte in Chorafan einen fol- 
hen Aufwand gemacht, daß er felbft fagte: Chorafan fammt 
Sedjeftan genügen nicht einmal zur Beftreitung meiner Kühe H. 
Auch hatte er Bukeir Ihn Waffadf, den frühern Statthalter 
von Tochariſtan, hinrichten laſſen, obfehon er ihm bei der 
Uebergabe der Stadt Meru, welche Bukeir befest hielt, Gnade 
verfprochen 2). 

Muhallab machte einen Einfall in dag Gebiet von Bu— 
hara, das vor ihm ſchon Omejja zu unterwerfen verfucht hatte, 
wegen Bufeirs Aufftand in Meru aber wieder aufzugeben 
genöthigt war. Zu gleicher Zeit ?) führte Ubeid Allah Ibn 
Abi Bekrah, der neue von Haddjadj ernannte Statthalter von 


— 


1) Ibid. f. 92 v. 

2) Bukeir follte zuerft felbft ein Heer über den Drus führen, 
er ward aber bei Omejja verdächtigt und diefer entſchloß ſich, feldft 
den Feldzug mitzumahen. Dann ließ er Bufeir als feinen Stell: 
vertreter in Meru, wo auch fein Sohn war. Als Omejja jenfeits 
des Drus war, ließ fih Bukeir dazu verleiten, die Schiffe in Brand 
zu ſtecken, um ihm die Rückkehr zu erfchweren, dann erklärte er fich 
in Meru unabhängig und verhaftete Omejja’s Sohn. Omejja ſchloß 
mit den Bewohnern Buchara's Frieden, fobald er von Bukeir's Auf: 
ftand Kunde erhielt und z0g gegen Meru, wo Bufeir, nah einem 
verlorenen Treffen, fich einfchliegen mußte. Da bei Omejja’d Trup: 
pen viele Krieger waren, deren Familie fih in Meru befand, welche 
die Befakung niederzumegeln drohte, Fonnte er es nicht aufs 
Aeußerfte kommen laffen und war gendthigt, Bufeir eine ehrenvolle 
Sapitulation zu bemilligen, welche Abd Almalif beftätigte. ALS 
Grund der fpätern Hinrichtung Bukeir's wurde angegeben, mehrere 
Männer haben gehört, wie er in der Mofchee Omejja’d Härte gegen 
das Volk getadelt. Ein Zug gegen Bald, den Omejja, nah Wie: 
derherftellung der Ordnung in Meru, auch noch in diefem Sahre 
unternahm, mißlang ebenfalld. Tab. f. 90 — 9. 

3) Sm 3. 79 d. 9. (20ten März 698 — Iten März 699) Zenbil, 
heißt ed bei Tab. f. 96, hatte bisher den Mufelmännern Tribut be 
zahlt, ihn dann aber verweigert, Muhallabse Zug nah Buchara 
wird jedoch von Manchen erft in das 3. 80 d. H. geſetzt. 


Abd Almalık, 449 


Sedjeftan, ein Heer gegen Zenbil, ein allgemeiner Name für 
den König der Turfomanen, bier aber befonders dev Fürft 
von Kabul und dem zwilchen Herat und Kabul gelegenen 
Lande. Zenbil lockte ihn immer weiter in fein Land, bis er 
ihn son feinen Truppen umzingelt hatte, die ihm den Nüd- 
zug abjchnitten. Ein kleiner Theil des Heeres unter Schureih 
Jon Hani ) ward aufgerieben und ein anderer capitulirte 
mit Aufopferung von 300,000 Dirham. Diefer verunglückte 
Feldzug bewog Haddjadj, den unvorfichtigen Ubeid Allah zu 
entfegen und die Statthalterfchaft von Sebdjeftan, fo wie ben 
Dberbefehl über ein neues gegen Zenbil beftimmtes Heer dem 
Abd Errahman Ibn Mohammed Jon Mafchath zu verleihen 2), 


1) Diefer jagte zu Ubeid Allah: dir ift Cjtatt des Kriegsruhms) 
genug, wenn man fagt: dies ift der Garten Ibn Abi Bekrah’s, dies 
ift das Bad Ibn Abi Bekrah’e. O ihr Mufelmänner! wer von euch) 
den Märtyrertod liebt, der folge mir! aber nur wenige folgten ihm 
in den Kampf, Ibid. 


2) Als Abd Errapman ernannt ward, Fam fein Oheim Ismail Ibn 
Alaſchath zu Haddjadj und fagte ihm: fende Abd Errahman nicht jo 
weit weg, ich fürchte, er möchte fich empören, denn er ift noch nie 
über den Euphrat gegangen, ohne gegen die Statthalter, denen er 
Gehorfam fchuldig war, mwiderfpenftig zu werden, Haddjadj hörte 
ihn aber nicht an, obgleich ihm, nach einer andern Tradition, Abd 
Errahman damals ſchon fo verhaßt war, oder eigentlich ihm eine folche 
Antipathie einflößte, daß er einft ſagte: „bei Gott! ich fehe diefen 
Menihen nie, ohne dag mich die Luft anfalle, ihn zu tödten.“ Abd 
Errahman, dem man diefe Worte hinterbracht, foll feinerfeits ge- 
fagt haben, er werde nicht ruhen, bis er Haddjadj geftürzt. Tab, 
f. 98 v. u. 99 r. Uebrigens Fommt ein derartiges Ahnen oder Vor: 
herwiſſen zu oft bei den Arabern vor, als daß man es nicht für 
fpätere Erfindung halten ſollte. Nach einer andern Tradition ward 
Abd Errahman zuerft an die Spike eines Heeres geftellt, das Ham: 
jan Ibn Adij, den rebelliiben Statthalter von Kerman befriegen 
follte. Nach dejien Unterwerfung blieb Abd Errahman dann Statt: 
halter von Kerman, bis zu Ubeid Allah Ibn Abi Bekrah’s Tod, 
dann ward ihm erjt die GStatthalterfchaft von Sedjeftan verliehen. 
Ibid, £. 100, ; 

29 


450 Neuntes Hauptſtück. 


welcher bald Haddjadj und dem Chalifen noch weit gefährlicher 
als alle bisherigen Rebellen ward. 

Abd Errahman vereinigte mit den Truppen aus Kufa 
und Baßra alle ftreitbaren Männer der Provinz Sedjeftan 
und machte einen Einfall in das Gebiet Zenbils, welcher ver- 
gebens um Frieden bat und für ben unter Ubeid Allah den 
Mufelmänneen zugefügten Schaden Genugtbuung anbot. Als 
er endlih Abd Errahmans Entfchloffenbeit Krieg zu führen 
ſah, gebrauchte er wieder diefelbe Taftif gegen ihn, welche 
deſſen Vorgänger zu Grunde gerichtet. Er 309 ſich nämlich 
mit feinen Truppen immer zurüd und hoffte wieder eine 
günftige Stellung zu finden, wo er den Feind umgehen und 
überfallen fünnte, Aber Abd Errahman fchritt nur mit der 
größten Behutfamfeit vorwärts, ließ überall kleine Beſatzun— 
gen in feften Plägen zurüd, um ſtets in Verbindung mit der 
Heimath zu bleiben. Er wagte fi in feinen Engpaß, ohne 
vorher ſich verfichert zu haben, daß Fein Leberfall zu befürd)- 
ten. Nachdem er eine weite Strede Landes durchzogen und 
unermeßliche Beute gefammelt hatte, hielt er es für rathfam, 
wieder umzufehren und weitere Eroberungen für das nächſte 
Jahr aufzufchieben. Als er aber diefen Entihlug Haddjadj 
mittheilte, klagte ihn diefer der Schwähe und Feigheit an, 
befahl ihm entweder weiter vorzudringen, oder den Oberbefehl 
feinem Bruder Ishak zu übergeben. Abd Errahman verfam- 
melte die Häupter feiner Truppen und fagte ihnen: „Ihr 
wiffet, daß ich euch ein treuer Natbgeber, daß mir euer 
Wohl am Herzen liegt, und daß ich ſtets auf euern Bortheil 
bedadht war. Der Entfhluß, den ich in Betreff meines Ver— 
baltens gegen den Feind gefaßt, gründet fi auf den Rath 
der flügften und erfahrenſten Männer unter euch, welche in 
deffen Ausführung euer Heil in diefer und jener Welt er- 
blifen. As ich ihn aber euerm Emir Haddjadj mitgetheilt, 
nannte er mich einen verzagten Feigling und befahl mir, euch 
fogleid) weiter vorwärts gegen den Feind zu führen, in das 
Land, wo erft vor furzem eure Brüder umgefommen. Ich 


Abd Almalik. 451 


bin ein Mann aus eurer Mitte, ich ziehe mit euch, wenn 
ibr es wollt, und widerſetze mich diefem Befehle, wenn ihr 
euch widerfeget“ . Da erbob fih der Dichter Amir Ibn 
Wathila und fügte: Was liegt Haddjadj daran, wenn wir 
uns dem Berderben ausjegen? fiegen wir, fo fammelt er die 
Früchte unfres Sieges, unterliegen wir, fo freut er fich mit 
unferm Untergange, weil er uns doc auch als feine Feinde 
anfiebt. Drum laffet ung Haddjadj, den Feind Gottes ab— 
fegen und Abd Errahman als unferm Emir huldigen! ich will 
euh mit meinem Beifpiele vorangeben, Von allen Seiten 
börte man jest den Ruf: „wir fanen uns los von Haddjadj, 
dem Feinde Gottes.” Abd Errahman ließ fih dann von den 
Truppen ſchwören, daß fie ihm beiftehen würden, big Haddjadj 
aus Jraf vertrieben. Bon Abd Almalif war aber gar feine 
Rede bei Diefer Huldigung. Abd Errahman fchloß hierauf - 
Frieden mit Zenbil unter der Bedingung, daß er im Falle 
eines Sieges über Haddjadj ihm jeden weitern Tribut erlaffe, 
wogegen er ſich aber verpflichten follte, ihm im Falle einer 
Niederlage fein Land als Zufluchtsort zu öffnen 2). Er ſchrieb 
auch an Muhallab und forderte ihn auf, fih mit ihm zu 
verbinden. Muhallab ftellte ihm aber vor, wie gefährlich) 
fein Unternehmen und ermahnte ihn, aus Gottesfurcht fein 
Leben und das fo vieler Mujelmänner nicht aufs Spiel zu 
jegen ?), und als diefe Crmahnung fruchtlos blieb, fehrieb er 
an Haddjadj: „die Irakaner (die Truppen Abd Errahmans) 
ziehen gegen dich beran, fie gleichen einem reißenden Strome, 
den nichts in feinem Laufe aufhalten kann, denn die Bewohner 
Srafs find in ihrem erften Anlaufe unaufhaltfam, auch treibt 
fie das Heimweh zu ihren Frauen und Kindern, bis fie dieſe 
wiedergeſehen, find fie unüberwindlich, drum warte, bis fie Diefe 
Sehnſucht geftillt, Dann wird dir Gott beiſtehen“ . Haddjadj 


1) Ibid. f. 108 r. 
2) Ibid. v. 

3) Ibid. f. 104 v. 
4) Ibid. f£, 105 r. 


29* 


452 Neuntes Hauptſtück. 


hielt Muballab für einen Verräther und faßte den Ent- 
Ihluß, dem Feinde entgegen zu ziehen und fehrieb fogleih an 
Abd Almalif, um Truppen aus Syrien zu erhalten ). Er 
jelbft begab ſich nach Baßra, wo er ein Heer ausrüftete, Das 
täglich von Syrern verftärft ward 2). Abd Errahman brach 
indeffen gegen Irak auf und vereinigte mit feiner Armee noch 
4000 Mann, welche in Kerman lagen. Setst fühlte er fich 
fhon ftarf genug, um fich felbft gegen den Chalifen aufzu- 
lehnen, und er ließ fih, an der Grenze von Fars angelangt, 
förmlich als Fürften der Gläubigen huldigen 3). In der Nähe 
von Schufter, am Karunfluffe, kam es zum erften Gefechte 
zwifchen Abd Errahman’s und Haddjadj's Vorpoſten. Die 
Syrer wurden (Ende 81 — Februar 701) zurüdgefchlagen und 
nad mehrern andern Treffen gendtbigt, fi auf die Verthei— 
Digung Baßra’s zu beichränfen, nad) einigen Berichten fogar, 


1) Abd Almalıf erfchraf ſehr über diefe Nachricht, aber Chalid 
Son Sezid Sbn Muamwia, dem er den Brief mittheilte, fagte gleich: 
„O Fürft der Gläubigen! wenn das Ungemach von Sedjeftan her: 
kömmt, fo ift es nicht zu fürdten, bricht es aber von Chorafan 
(son Seiten Muhallabs) her, dann iſt Grund zur Furcht vorhanden.“ 
Ibid, 

2) Es heißt im arabifhen Terte: e8 Famen täglih Truppen aus 
Syrien zu 100, zu 50, zu 10 und noch weniger. Der türf. Weber- 
feger nimmt (S. 86) die runde Zahl 1000 an, aud Chalids oben 
angeführte Worte lauten bei ihm ganz verkehrt: „wenn ſich etwas 
in Sedjeſtan ereignet, da iſt Vorſicht nöthig.“ 

3) An der Grenze von Fars, heißt es bei Tab. f. 104 v., ſagten 
feine Leute Einer zum Andern: Wir haben Haddjadj den Statthalter 
Abd Almalifs abgejegt, folglich haben wir auch Abd Almalik ſelbſt 
abgefegt. Ein gewiſſer Tidjan erhob fih dann und ſprach: O ihr 
Leute, ich verwerfe den Water der Fliegen, wie ich dieſes Oberhemd 
ablege, fie fprangen dann auf Abd Errahman zu und wollten ihm 
huldigen, Gr fagte: ſchwöret, daß ihr dem Buche Gottes und dem 
Beifviele feines Gefandten gemäß leben und daß ihr die Männer 
des Irrthums und die das Heilige Entweihenden befimpfen und 
abjegen mwollet! Als fie dies fehmuren, nahm er ihre Huldigung an. 
Ueber den Schimpfnamen Vater der liegen f. Abulfeda ©, 426, 


Abd Almalik. 453 


wabrfcheintih in Folge eines Aufftandes in der Stadt feldft, 
fie zu verlaffen und ſich in einem Flecken, welcher eine ber 
Borftädte Baßra's bildet, zu verfchanzen 1). Abd Errahman, 
welher von der Bevölferung von Baßra mit Jubel aufges 
nommen ward, lieferte Haddjadj eine Schlacht, welche ſchon 
fo weit gewonnen war, daß diefer den Entfchluß faßte, dem 
Beifpiele Mußabs zu folgen und lieber mit dem Schwerdte in 
der Hand zu fterben, ala zu entfliehen. Aber Softan Ibn Alabrad, 
einer der Generäle Haddjadj's, drang mit folhem Ungeftüm auf 
den rechten Flügel der Irakaner ein, daß er ihn zum Weichen 
brachte, worauf auch die übrigen jprifchen Truppen mit neuem 
Mutbe fämpften und endlich einen glänzenden Sieg davon 
trugen, in deffen Folge Abd Errahman fi gegen Kufa zu— 
rüdzuziehen genöthigt war und Haddjadj ſich wieder der Stadt 
Baßra bemächtigte 2), Abd Errahman fand in Kufa eine 
eben fo freundliche Aufnahme, als in Baßra, und erftürmte 


—— 


1) Es heißt bei Tab. f. 105 v.: Haddjadj zog fih (nah dem 
Treffen) zurück bis nach Zawiah und überließ Baßra den Srafanern 
und bereute ed, Muhallabs Rath nicht befolgt zu haben. Zamiah 
ift nad dem Kamuß ein Flecken oder Städtchen in Bafra, alfo eine 
Art Borftadt. Nach einer andern Tradition f. 106 wollte Abd Allah 
Son Amir, der Oberfte der Wade in Baßra, die Brücde zerftören 
und den flüchtigen Haddjadj nicht aufnehmen, aber Hakam Ibn Ajjub, 
Haddjadjs Steuereinnehmer und geiftlihbes Oberhaupt, beftah ihn 
mit 100,000 (Silber- oder Goldſtücken), fo daß Haddjadj in Bafra 
einziehen fonnte. Später verließ er, wahrfcheinlich aus Miftrauen 
gegen die Einwohner, die Stadt doch und lagerte in Zamwiah, daher 
auch die folgende Schlacht die von Zawiah heißt. 


2) Abd Erxrahman ward wahrfheinlih von Bafra abaefchnitten, 
denn nah feinem Rückzug mit den Kufanern behauptete fih ein 
anderer Abd Errahman, welchen die Bafrenfer zu ihrem Oberhaupte 
wählten, noch fünf Tage gegen Haddjadj. Diefer Abd Grrahman 
hieß Son Abbas, Ibn Rabia, Ibn Alharth Son Abd Almuttalib, 
Legterer mar befanntlihd Mohammeds Großvater, Tab. f. 107 v. 
Nah Tab. f. 129 v. follen während und nah der Schlaht von 
Zamiah 11,000 Srafaner gefallen fein, 


454 Neuntes Hauptſtück. 


mit Hülfe der KRufaner die Burg, in welder Matar Ibn 
Nadjie 1) mit einigen taufend Mann Yag. Als Kufa verlo- 
ven war, fonnte Daddjadj nicht mehr länger in Baßra bleiben, 
wo ihm die Verbindung mit Syrien nur noch auf großen 
Ummegen offen blieb. Er zog daher durch die Wüfte an 
Kadefia und Udſeib vorüber, und lagerte an einem Orte, 
welcher nicht weit von der Feſtung Ein Tamı lag und Deir 
Kurrab (Klofter der Freude) hie). Abd Errahman zog 
mit feinem Deere von Kufa aus ihm entgegen und verfchanzte 
fih in der Nähe von Deir Aldjamadjim (Klofter der Hirn- 
Ihädel). Abd Errahmans Heer erhielt täglich neuen Zuwachs 
aus Baßra ſowohl, als aus andern Städten, jo daß es über 
100,000 Mann ohne die Sklaven und Freigelaffenen zählte, 
und dem Chalifen dermaßen furdtbar fchien, daß er bereit 
war mit ihm zu unterbandeln und ihm irgend eine Statt- 
balterfchaft anzubieten, zur Befriedigung der Irakaner aber 
Haddjadj entfegen wollte, Sobald aber Haddjadi davon Kunde 


1) Matsr, ein Häuptling der Benu Sarbu, hatte jchon früher, 
als fi die erfte Nachricht von der Empörung des Ibn Ajchath ver: 
breitete, in Verbindung mit der Bevölkerung von Kufa, Haddjadjs 
Statthalter Abd Errahman Ibn Abd Errahman Alhadhrami in der 
Burg belagert und zu einer Kapitulation gendthigt. Dieſer Matar 
beftah aber dann die Kufaner, welche fih nur für Ibn Afchath 
erhoben hatten, und wollte felbft Herr der Stadt bleiben. Sobald 
indeffen Sbn Aſchath nah Kufa kam, blied Matar verlafien. Sbn 
Aſchath begnadigte ihn und fand an ihm einen feiner beiten Krieger 
(£. 109). (Wegen der vielen Abd Grrahman nenne ich, dem Bei: 
fpiele Tabari’8 folaend, den Hauptrebellen Ibn Aſchath, obſchon er 
nur ein Enkel Ajchaths war). 


2) Zuerft wollte er in der Gegend von Hit und gegen Mefopo- 
tamien hin fich) ausdehnen, um den aus Syrien fommenden Hülfs- 
truppen näher zu fein und fich aus Mejopotamien leichter Lebens: 
mittel zu verfchaffen. Als er aber an Deir Kurrah vorüberfam, fagte 
er: diejer Lagerplag ift doch auch nicht fern vom Fürften der Gläu— 
bigen und die Falalıdj (die Dörfer von Samad Irak) und Ein Tamr 
find an unfrer Seite. Ibid. v. 


Abd Almalik, 455 


erhielt, fehrieb er dem Chalifen: „O Fürft der Gläubigen! 
gibft du den Jrafanern nach und entfegeft mich, fo wird es 
nicht lange dauern, bis fie fich aufs Neue empören und gegen 
dich felbft ausziehen, denn deine Nachgiebigfeit wird nur ihre 
Kühnheit vermehren. Haft du nicht gefehen oder gehört, wie 
die Irakaner, Aſchtar an ihrer Spise, gegen Othman, den 
Sohn Affans, auszogen und die Entſetzung ihres Statthalterg 
Said Ibn Aaß verlangten, und doc zogen fie, obgleich ihnen 
Dies gewährt ward, noc ehe ein Jahr verftrichen war, wie- 
der nad Medina und tödteten den Fürſten der Gläubigen. 
Eifen kann nur mit Eifen gefchmiedet werden. Möge Gott 
deinen Entfchluß leiten!“ I) Abd Almalif, fei eg nun aug 
Furcht, oder um Blutvergiegen zu verhüten, bebarrte in 
feinem Borhaben und fandte feinen Bruder Mohammed und 
feinen Sohn Abd Allah ins feindlihe Lager mit dem Aner- 
bieten, daß den Srafanern nicht nur volle Gnade, fondern 
auch noch die gleichen Rechte auf Sold und fonftige Gaben 
eingeräumt werden follte, wie fie die Syrer hatten; Abd Errab- 
man follte fich felbft irgend ein Land ausfuchen, das er lebens— 
länglich verwalten wollte, und an Haddjadj's Stelle follte deg 
Chalifen Bruder Statthalter von Irak werden. Die Häupter 
der Irakaner forderten Bedenkzeit und verfammelten ſich bet 
Abd Errahman. Diefer war fehr geneigt mit dem Chalifen 
Frieden zu fchliegen und fagte unter Anderm: „Wenn ihr 
jegt die euch angetragenen Bedingungen annehmet, fo bleibt 
ihr für alle Zufunft angefehen und geehrt, das, was ihr in 
dem Treffen von Zawiah erlitten, fünnt ihr vergeffen, wenn 
ihr. bevenfet, daß ihr die Syrer bei Schufter nicht weniger 
mißbhandelt, drum ergreift, was euch geboten wird, fonft 
möchtet ihr es morgen bereuen!” 2) Abd Errahmans Worte 
fanden aber fein Gehör, Warum follen wir Frieden fließen ? 
hieß es von allen Seiten, da wir doch dem Feinde an Zahl 


1) Ibid. f. 110 v. 
2) Ibid. verso, 


456 Neuntes Hauptflüf. 


überlegen, auch mit alfem wohl verfeben find, während bie 
Syrer Hunger leiden? und fo ward denn Abd Almalik aufg 
Neue von den Frafanern als entthront erffärt und gendthigt, 
abermals feiner Herrſchaft durch Haddjadis Schwerdt Aner- 
fennung zu verfhaffen. Die beiden Heere lagen einander 
hundert Tage lang gegenüber und jeden Tag fielen kleine 
Gefechte und Zweifämpfe vor, in welchen fich befonders die 
Koranfefer ) aus Baßra und Kufa augzeichneten. Zur ent- 
heidenden Schlacht Fam es aber erft gegen die Mitte des 
Monats Djumadi Achir des Jahres 83 2) (Juli 702). Sie 
ward abermals von Softan Ibn Mabrad, der Haddjadjs Rei— 
terei befebligte, gewonnen. Doc foll ihm nad) einigen Be— 
richten der Verrath Abrads Ibn Kurrah, Anführer des Yinfen 
Flügels der Irakaner, der ihm gegenüber ftand, den Sieg er- 
leichtert haben 3). Wenig fehlte, fo wäre Abd Errahman, 
der die Flüchtigen zurücdhalten und den Kampf erneuern wollte, 
son den Syrern gefangen worden. Haddjadj verfolgte bie 
Srafaner mit feinem ganzen Heere, ließ jedoch befannt machen, 


1) Zu diefen gehörte auch Abu -I-Buchtari, welcher durch feine 
Predigten die Srafaner zum Kampfe anfeuerte. 


2) Hier ift ein Widerfpruch bei Tab. f. 118 v. „Abul Mucharif 
erzählt: wir befänpften fie gerade 100 Tage, die ich wohl gezählt. 
Mir liegen uns bei Deir Aldjamadjim mit Abd Errahman Ibn 
Mohammed Ibn Aſchath nieder, Dienftag früh, als eine Nacht vom 
Monate Rabia-l-Awwal d. 3. 8% vorüber war und wurden Mitt: 
woch Vormittag, den L4ten Djumadi Achir in die Flucht gefchlagen.“ 
Erſtens kämen auf diefe MWeife mehr als hundert Tage heraus, was 
jedoch noch Fein MWiderfpruch wäre, denn der Krieg Fonnte erft nad) 
einigen Tagen begonnen haben, aber der 14te Djumadi Achir war 
fein Mittwoch, fondern ein Samjtag, darum läßt fih der Tag der 
Schlacht niht mit Gewißheit angeben. Waren es wirklich gerade 
100 Tage und rechnet man den Tag der Ankunft in Deir Aldjamadjim 
dazu, jo wäre der Schlachttag auf den Ilten Djumadi Achir zu 
ſetzen (12ten Juli 702). 

3) Ibid. 


Abd Almalik. 457 


daß, wer fih zu ibm begebe oder zu Kuteiba, welcher Statt 
balter von Rei war, Gnade finden würde, Viele gingen zu 
ibm über, Andere zogen die Fremde vor, und unter Legtern 
war auch Amir, der unter dem Beinamen Schabt berühmte 
Schrift» und Trabitionsgelehrte I). Später gedachte Haddjadi 
feiner und ließ ibn zu fich fommen, als er hörte, daß er fich 
in Rei bei Ruteiba aufhalte. Schabi fragte Ibn Abt Muslim, 
mit dem er befreundet war, um Rath, wie er fich gegen 
Haddjadj benehmen follte. Jon Abi Muslim antwortete: er 
wife ibm nichts Anderes zu rathen, als dag er alle'möglichen 
Entichuldigungen erfinne, um feine Theilnahme am Aufruhr 
zu befchönigen. Denfelben Rath ertbeilte er auc den Freun— 
den und Gefährten Schabi’s, welche mit ihm gefommen wa— 
ven. „Als ich aber vor Haddjadj ſtand,“ fo erzählt Schabi 
feibft, „befolgte ich diefen Rath nicht, fondern fagte ihm, 
nachdem ich ihn als Emir gegrüßt: O Emir! man hat mir 
gerathen, mich vor dir auf eine Weife zu rechtfertigen, welche 
Gott als unwahr erkennt, aber, bei Gott! ich werde an diefer 
Stelle nur die Wahrheit fagen. Bei Gott! wir haben ung 
gegen dich empört und Aufruhr gepredigt, und did, fo Tange 
wir es vermochten, befämpft. Wir gehörten weder zu den 
großen Verbrechern, noch zu den Keinften und Tugendhaf- 
teſten. Nun ift Gott dir beigeftanden und hat Dir den Sieg 
über ung verlieben, bift du ftreng, jo haben wir eg ung 
durch unfre eigne Schuld zugezogen, bift du gnädig, fo ver- 
danfen wir es deiner Milde, denn es fehlt dir nicht an Be— 
weiſen unfrer Schuld.” Haddjadj ermwiederte hierauf: „Bei 
Gott! deine Worte, o Schabi! gefallen mir beffer, als die 
mandjer Andern, die mit einem noch blutigen Schwerbte por 
mir erfcheinen und behaupten, fie haben an dem Aufruhr 
feinen Antheil genommen. Du bift begnadigt, Schabi!“ Als 
id) weggehen wollte, rief er mich noch einmal zurüd, Mein 


1) Ibid. f, 125 v. 


458 Neuntes Hauptflüc, 


Herz zitterte mir, doch erinnerte ich mich feiner Worte: 
„du bift begnadigt, Schabi,“ und berubigte mich wieder. 
Er fragte mid dann: wie haft du die Leute nad) der Tren- 
nung von mir gefunden? Ich antwortete: — denn er hatte 
mich ftets mit Ehrerbietung behandelt — Gott erhalte den 
Emir! ich habe viel Schlimmes erfahren, mein Herz war 
ftets voller Furcht und Fein treuer Freund ftand mir zur Seite, 
der mir den Emir erfegt hätte.’ Wenn dies der fromme und 
von den Mufelmännern bochgepriefene Schabt yon Haddjadj 
fagte, fo glauben wir um fo mehr mit vollem Rechte ihn 
gegen manche Berläumbung fpäterer Hiftorifer in Schuß neh- 
men zu dürfen. 

Abd Errahman, der fih nach Kufa geflüchtet hatte, konnte 
diefe Stadt nicht mehr vertheidigen, fie ward von den Sy— 
rern geplündert, und wer fein Leben retten wollte, mußte nicht 
nur aufs Neue Huldigen, fondern auch por dem Schwure ſich 
jelbft als undankfbaren und ungläubigen Verräther anklagen "). 

Abd Errahman Tieß fih nun abermals in der Stadt 
Baßra nieder, aus welcher noch vor feiner Anfunft der Ku— 
reifchite Ubeid Allah Ibn Abd Errahman, unmittelbar nad) 
dem Treffen bei Deir Kurrah, Hadjaddj's Statthalter Ajas 
Fon Alhafam vertrieben hatte. Nach und nad) fammelten 
fih wieder viele Flüchtlinge um ihn, worunter auch Moham- 
med, ein Eohn des Saad Ibn Abi Wakkaß, welcher fich der 
Stadt Madain bemächtigt, doch bei Haddjadj's Heranrücden 
fie wieder verlaffen hatte, und Boftam Fon Maßfalah, welder 
siertaufend Koranslefer anführte, die ihm geſchworen bis zum 
Tode zu fämpfen. Haddjadj lagerte (im Monat Schaban) 


1) Ein Araber som Stamme Hothum erklärte, er habe während 
des Krieges ganz zurückgezogen gelebt und am Aufruhr feinen An- 
theil genommen, aber auch dies ward ihm zum Verbrechen angerech: 
net, denn er hätte für den Chalifen Partei nehmen follen, und da 
er fich weigerte, fich einen „Kafir“ zu nennen, ward er hingerichtet. 
Ibid. ſ. 119 v. 


Abd Almalik. 459 


vierzehn Tage lang in der Nähe von Masfan, ohne daß er 
den wohlverfchanzten Irakanern beifommen fonnte, In ber 
Nacht vom vierzebnten auf den fünfzehnten, nachdem einer 
feiner tbeuerften Generäle bei einem Ausfalle der Belagerten 
gefallen war, machte er felbft die Runde im Heere und feuerte 
die Truppen durch folgende Worte an: „Ihr feid die Männer 
des Gehorfams, jene die Männer des Aufruhrs. Ihr ſtrebet 
nad Gottes Wohlgefallen, jene laden fi) Gottes Zorn auf. 
Auch feid ihr ihnen niemals mit Muth und Ausdauer be= 
gegnet, ohne daß euch Gott den Sieg über fie verliehen hätte, 
drum greifet jie morgen früh mit eurer gewohnten Tapferfeit 
an, und ich zweifle nicht, Daß ihr ihnen abermals eine Nie- 
derlage beibringen werdet 1). Am folgenden Morgen rüdten 
die Syrer, welche noch duch Abd Almalif Jon Muhallab 
verftärft worden, gegen Maskan vor und es dauerte nicht 
lange, fo fingen die Frafaner an zu weichen). Nur Boftam 


D Sbid f. 121 v. 
2) Bei Tab. f. 129 wird die Schlaht bei Maskan anders be: 


ichrieben. Dort heißt ed: „Das Heer des Ibn Afchath lagerte am Fluſſe 


(oder Kanal) Chadaſch und hatte den Fluß Tira im Rücken. Haddjadj 
lagerte am Fluffe Sfrind. Beide Heere befanden fich zwifchen dem 
Tigris, Eib und Karch, und befriegten fi) einen Monat oder etwas 
weniger. Haddjadj wußte auf feinem andern Wege zu dem Feinde 
zu gelangen, als von der einen Geite her, wo er ihm gegenüber 
fag. Da bradte man ihm einen alten Hirten, welcher Zurfa hieß 
und einen Weg angab, hinter Karch her, welcher acht Pharaſangen 
weit durh Sümpfe und Moräfte führte. Haddjadj wählte 4000 
Mann von den beften fyriihen Truppen aus und ſagte ihrem An: 
führer: Folge diefem Alten und wenn er dich zu dem Heere der 
Irakaner führt, fo gib ihm 4000 Dirham, wo nicht, fo fihlage ihm 
den Kopf ab! Gelangit du zum Feinde, fo greife ihn an und euer 
Lojungsmwort fei: „o Haddjadj, o Haddjadj!“ Der Anführer ging zur 
Zeit des Nacmittaggebets ab und alsbald begann ein Treffen zwi— 
fhen Haddjadj und Ibn Aſchath, welches bis zur Nacht dauerte. 
Eriterer mußte fih über den Sib zurüdziehen und Lesterem fein 
ganzes Lager überlaffen. Man rieth dann Ibn Afchath, den Feind 


460 Neuntes Hauptftüd, 


blieb unerjchlitterlich und vief feiner tapfern Schaar zu: „Eünnten 
wir durch die Flucht dem Tode entrinnen, fo würden wir 
fliehen, aber wird er ung nicht doch in furzer Zeit erreichen? 
D ihr Leute! ihr befennet euch zur Wahrheit, drum Fämpfet 
auch für Recht und Wahrheit! Bei Gott, wäret ihr feldft 
nicht auf dem Wege des Nechts, fo müßte ihr doc einen 
ehrenvollen Tod einem fchmählichen Leben vorziehen.“ Diefe 
feine Schaar machte Haddjadj den Sieg lange ftreitig, bis 
er fie endlih von Schügen umzingelte, welche fie faft alle 
niederſtreckten ). 

Abd Errahman flüchtete nun mit einem Theile des Heeres 
nad Chuſiſtan, ward aber yon Haddjadj's Sohn Mohammed 
und von Umara Ibn Temim verfolgt, und bei Sufa noch 
einmal aufs Haupt gefchlagen, Doch entfam er glücklich über 
Kerman nad Sedjeftan. Als er vor Zerendf anlangte, wo 
er Abd Allah Fon Amir als feinen Stellvertreter zurückge— 
laſſen hatte, verfagte ihm dieſer den Eingang in die Stadt, 


noch zu verfolgen, er fagte aber: wir find jekt zu müde, und 
Fehrte in fein Lager zurüd, Um Mitternacht, als fie, des Sieges 
gewiß, in voller Sicherheit umherlagen und die Waffen abgelegt 
hatten, ftürmten die 4000 Syrer unter dem Rufe: o Haddjadj! über 
fie heran und Ibn Aſchath's Truppen mußten gar nicht, mohin 
fliehen, denn fie hatten den kleinen Tigris zur Linken und den 
großen Tigris vor fih mit fteilen Ufern, jo dag noch mehr Leute er- 
tranfen, als dur das Schmwerdt getödtet wurden. Auch Haddjadj kam 
wieder über den Sib, fobald er das Krieasgefchrei hörte und fandte 
jeine Reiter gegen Ibn Aſchath, jo daß Ddiefer fih zwiſchen zwei 
feindlihen Heeren befand. Indeſſen verfolgte er mit 300 Mann, 
die fih um ihn gefammelt, das Ufer des großen Tigris bis an den 
fleinen Tigris hin, wo er Schiffe fand, in denen er nah Baßra 
hinabfegelte. Sein ganzes Lager fiel in die Hände Haddjadj’s. Der 
Fleine Tiarid (Dudjeil) ift der Name eines Kanals, welcher oberhalb 
Bagdad, Kadefia gegenüber, den Tigris mit dem Guphrat verband, 
Den gleihen Namen führte auch bei den Arabern der Karunfluß 
in Ahwas. Bergl. Ibn Challitan I. S. 619 und I. ©. 296, 
1) Ibid. v. 


Abd Almalık, 461 


Er zog daber nad Boft, wo Hamjan Ibn Jjadh bisher in 
feinem Namen herrſchte. Diefer nahm ihn auf, nad) einiger 
Zeit aber, als feine Truppen zerftreut waren, lieg er ihn 
feſſeln und wollte ihn Haddjadj ausliefern. Zenbil, der König 
von Kabul, der Davon unterrichtet ward, erinnerte ſich aber 
feines Bündniffes mit Abd Errahman, er z0g mit einem 
Heere !) nady Sedjeftan, belagerte Boft und drohte Hamjan mit 
dem Tode und der Zerftörung der Stadt, wenn er nicht Abd 
Errabman, ohne ihm ein Haar zu frümmen, in Freiheit fee. 
Hamjan mußte nachgeben und Abd Errahman ging mit Zenbil 
nad) Kabul, wo er die freundlichfte Aufnahme fand. Indeſſen 
verfammelten fih bald wieder in Sedjeftan ?) alle, welche 
mit Haddjadj unzufrieden waren, oder wegen ihrer wieber- 
holten Empörungen feine Gnade zu erwarten batten, be= 
lagerten die Stadt Zirendi und forderten Abd Errahman Ibn 
Mohammed auf, fi wieder an ihre Spige zu ftellen, Abd 
Errahman begab jih in ihre Mitte und es gelang ihnen, 
Zirendf zu nehmen. Bald darauf fam aber Omara mit den 
Syrern nad Sedjeftan, fo daß fie fih nicht Yänger in biefer 
Provinz halten fonnten. Die Rebellen forderten nun Abd 
Errahman auf, fie nach Chorafan zu führen. Abd Errah— 
man ftellte ihnen vor, daß dieſes Unternehmen fehr gewagt 
wäre, indem der tapfere Jezid, der Sohn Muhallab’s, der 
nad feines Vaters Tod (Ende d. J. 82 8.9.3) zum Statt- 


1) Es heißt im arabijchen Terte f, 123 v. fie beliefen ſich auf 
60,000, die Bewohner Sedjeftans mit eingerechnet, die fih ihnen 
anſchloſſen. Im türf. Tab, ©. 90 aber wird ihre Zahl nur auf 
6000 angegeben, und das ift wahrfcheinlicher, weil fie fonft nicht 
jogleich die Flucht ergriffen hätten, ald Omara nad Sedjeftan Fam. 

2) Nach einer Tradition bei Tab. f.127 v. zogen fie zuerft nad) 
Rei und huldigten Omar Ibn Abi Affalt, der ſich diefer Stadt be: 
mächtigt hatte. Haddjadj fandte aber Kuteibah Ibn Muslim dahin, 
der fie aus Rei vertrieb, worauf fie fih dann nad Sedjeftan 
flüchteten. 

8) Ibid. fol. 115 verso. Bor ihm ftarb fein Sohn Mughirah, 
deſſen Tod ihn ſehr niederſchlug. Er befand ſich damals in 


462 Neuntes Hauptſtück. 


halter von Chorafan ernannt wurde, ſich wahrſcheinlich mit 
den Syrern verbinden würde, um fie aus dem Lande zu 
treiben. Er gab jedoch ihren wiederholten Aufforderungen 
nad, in der Hoffnung, ein Theil der Bevölferung Chorafans 
würde fih ihm anfchliegen, As fie aber auf dem Wege 
nad) Herat waren, trennte fi der fhon oben erwähnte Ku— 
reifchite Uberd Allah Fon Abd Errahman mit 2000 Mann ?) 
son ihnen und fchlug einen andern Weg ein. Dies veran- 
laßte Abd Errahman, die Nebellen wieder zu verlaffen und 
mit feinen Getreuen nach Kabul zurüczufehren. Die Häupter 
der Rebellen buldigten nun dem ebenfalls ſchon genannten 
Abd Errakman Fon Abbas und bemächtigten fih unter feiner 
Anführung der Stadt Herat ?). Jezid fandte Abd Errahman 
einen Boten und ließ ihm fagen, daß er fehr ungern ihn 
befriegen, dazu Doc gezwungen fein würde, wenn er fi) 
nit aus der von ibm verwalteten Provinz entferne, wozu 
er ibm allenfalls noch die nöthigen Mittel zukommen laſſen 
wollte. Abd Errahman antwortete, er bevürfe feines Bei: 
ftandes nicht, wolle aber auch feinen Krieg, fondern nur 


Keſch jenfeits des Oxus, ſchloß aber bald darauf Frieden und wollte 
nach) Meru zurückehren, wo er Mughirah als Statthalter gelaſſen 
hatte, ftarb aber in der Nähe von Merurud, in einem Dorfe, welches 
Zaghul hieß, nachdem er feine Söhne zur Einigkeit ermahnt hatte. 
©, auch Abulfeda S. 424. 

1) Tab. f. 123 v. im türk. Tab. ©. 90 wird ihre Zahl auf 
12,000 angegeben, da er aber felbit die Gefammtzahl der Rebellen 
nur auf 6000 angibt, fo verfteht fih von ſelbſt, daß bier die Zahl 
12,000 übertrieben ift. 

2) Nah einer andern Tradition bei Tab. a. a. D. war Hbeid 
Allah vorher nach Herat gekommen, und hatte dort Abd Errahman 
Son Mohammed wegen feiner Flucht nad Kabul getadelt; fpäter 
fam dann Abd Errahman Ibn Abbas nach Sedjeftan, um den ſich 
alle früheren Anhänger des Ibn Afchath verfammelten, und diefer 
führte fie dann, 20,000 Mann ftarf, nah Herat. Dieje Tradition 
ſcheint von Ibn Aſchath's nochmaliger Wiederfehr aus Kabul nichts 
zu willen, 


Abd Almalik. 463 


einige Zeit in Herat ausruhen und dann wieder weiter ziehen. 
Jezid begnügte ſich mit diefer Antwort, bis er vernahm, daß 
Abd Errahman in der Gegend von Herat Steuern erhebe, 
Er fandte nun feinen Bruder Mufaddhal mit vier bis ſechs— 
taufend Mann nah Herat, er felbft folgte bald nad mit 
einer gleichen Anzahl Truppen und forderte Abd Errahman 
nochmals auf, Chorafan zu verlaffen. Diefer hoffte aber, 
daß es ibm als Hafchimiten und fo nabem Berwandten von 
Mohammed leicht fein würde, Jezid's Truppen zu verführen 
und ließ es zum Kriege fommen. Jezid übertrug den Ober- 
befehl feinem Bruder Mufaddhal, der ohne große Anftrengung 
die Rebellen zu Paaren trieb, von denen fich ein Theil, gleich 
beim erften Angriffe, aus dem Staube machte ). Unter den 
Gefangenen, welche Jezid dem Haddjadj nad Kufa fehiekte, 
wor Mufa Ibn Ubeid Allah, welcher früher Abd Errahman’s 
Leibwache befehligt. Als Haddjadi ihm Vorwürfe machte, 
fagte er: „Gott erhalte den Emir! e8 war eine Empörung, 
welche fowohl den Tugendhaften als den Verbrecher mit fich 
riß, nun bat dir Gott aber den Sieg über ung verliehen, 
begnadigft du uns, fo verdanfen wir es beiner Milde und 
deiner Großmuth, beitrafit du, fo haben wir deine Strafe 
nur unferm Vergehen zuzufchreiben!” Haddjadj erwiederte 
bierauf: „Es ift nicht wahr, daß diefe Empörung aud) die 
Tugendhaften mit ſich riß, doc das Befenntnig deiner Schuld 
mag dir nüsen 2).“ Halkam Ibn Nueim, einen andern Ge- 
fangenen, fragte Haddjadj: „Was erwarteteft du von Abd 
Errabman Fon Mobammed? hoffteft du fein Stellvertreter 
zu werden?” Halfam antwortete: „Ja wohl, ich war ehr— 
geizig und hoffte ihm das zu werden, was du jest Abd Al— 
malif biſt.“ Diefem ließ er fogleich den Kopf abfchlagen. 
Auch der Dichter Aaſcha Hamadani, welcher viele Satyren 


1) Ibid. f, 124 v. 
2) Ibid, f, 125 v. 


464 Neuntes Hauptſtück. 


gegen ihn gedichtet, ward hingerichtet, obſchon er jest eine 
große Kaßidah herfagte, in welcher Haddjadj fowohl als Abd 
Almalif verberrliht, die Irakaner aber mit Schimpf und 
Schmach beladen werden ). Feirus Ibn Hußein, einer der 
Gefangenen, ward gegeißelt, bis fein ganzer Körper wund 
war, dann mit Eſſig und Salzwaffer gewafchen. Da fagte 
er: „ich habe viel Geld ausjtehen, das für euch verloren ift, 
wenn ihr mich jest zu tod martert, laſſet mich Lieber erft 
meine Schulden einfordern. Als man ihn aber in die Stabt 
führte, rief er: „Wer mic) erfennt, der weiß, wer ich bin, 
wer mich nicht mehr erfennt, der wife, ich bin Feirus Hußein. 
Biele Leute find mir Geld ſchuldig, ich erfläre aber hiermit, 
daß ich Jedermann feine Schuld erlaffe und von Niemanden 
einen Dirham zurücbegehre. Möge es der Anmefende dem 
Abweſenden verkünden!” Er Tieg fih dann gerne hinrichten, 
da er doch Haddjadj um einen Theil feiner Neichthümer 
gebracht und fi fo für die erlittene Mißhandlung gerächt 
hatte 2), Abd Errahman, der Hafchimite, entkam jedoch 
glücklich nach Sind 3), während Abd Errahman Jon Mo- 
bammed Ibn Aſchath im folgenden Jahre, oder nach Andern 
im Sabre 85 der Hidjrah (14, Jan. 704 bis 2. Jan, 705) 
umfam. Ueber fein Ende find die Nachrichten eben fo von 
einander abweichend, wie über das Jezdedjed's. Manche 


1) Ibid, f. 127 v. Sn diefem Gedichte heißt es unter Anderm: 
„Gott wollte fein Licht in vollem Glanze ftralen laſſen und die 
Flamme der Ruchlofen löfchen. Jrak follte gedemüthigt werden, 
weil es das fefte Bündniß zerriffen.. . In ihren Worten it Feine 
Aufrichtigkeit, in ihren Thaten Peine Ausdauer, nichts als eitles 
Prahlen, darum hat fie auch Gott mac allen Seiten hin zerftreut 
... Sie Elagen ihre Emire der Tyrannei an, während fie wider 
fpenftige Hebelthäter find, Wir finden die Söhne Merwan's als 
die beften Smame und die mildeften Herrfcher. Nach dem Propheten 
find fie die edelften Sprofien aus dem Zweige Kureifch u. ſ. w.“ 

2) Ibid. f, 129 r, 

8) Ibid. f. 125 r, 


Abd Almalik. 465 


behaupten, daß nicht lange nach feiner Rückkehr zu Zenbil, 
Haddjadj diefem mit einem verbeerenden Kriege drobte, falle 
er Abd Errahman Tänger bei fich behielte, ihm aber jeden 
Tribut auf fieben Jahre erlaffen wollte, wenn er diefen Re— 
beffen aus dem Wege räumte und daß Zenbil hierauf dem 
Haddjadf das Haupt Abd Errahman's zugefandt habe. Andere 
erzählen, er fei an einer Krankheit geftorben, als man ihn 
aber beerdigen wollte, babe Zenbil feinen Kopf abjchneiden 
laffen und Haddjadj geſchickt, nebft denen von achtzehn feiner 
Verwandten. Einer dritten Tradition zufolge wollte Zenbil 
von einer Auslieferung nichts wiffen, bis Abd Errahman bei 
ihm von einem andern Araber verläumdet ward, dann fandte 
er ihn gefeifelt mit feinen Verwandten an Omara, der in 
Sedjeftan war. Als Abd Errahman fih aber verrathen ſah, 
flürzte er fih von einem Dache herab. Sein Haupt ward 
dann Haddjadj geichieft, diefer fandte es dem Chalifen nad) 
Damasf ”) und son bier ward es auch noch nad) Egypten, 
dem Bruder des Chalifen Abd Alaziz gebracht. 

Als eine Folge der Empörung Abd Errahman’s 2) fann 


1) Ibid. f. 1354, Die Frau eines Kureifchiten, welcher Abd 
Almalit auch Abd Errahman’s Haupt zufchiete, rief, als fie es 
erblickte: Ser mir willfommen, theures Haupt! das nicht mehr 
ſprechen kann. Ein König von den Königen ftrebte nach dem, was 
ihm geziemte, aber das Schieffal wollte es anders. Als des Chalifen 
Berfchnittener hierauf den Kopf wieder weatragen mollte, ri fie 
ihm denſelben aus der Hand, wuſch ihn ab und widelte ihn ein, dann 
erlaubte fie ihm erit, ihn wieder zu nehmen. Als der Verfchnittene 
dies dem Chalifen erzählte, bat er ihren Gatten, irgend eine Lift 
gegen jte zu erfinnen. 

2) Bei Tab. f. 150 wird erzählt: Als Haddjadj (im Sahr 85) 
die Kufaner zu einem Feldzuge nad Chorajan aufbot, und fie in 
Hamam Amru lagerten, befuchte ein junger Kufaner feine erft Fürz- 
lich geheuratete Frau des Nachts. Während er bei ihr war, ward 
an die Thüre geklopft und feine Frau fagte ihm, es fei ein fprifcher 
Soldat, der ſchon mehrere Nächte betrunken zu ihr fomme und fte 
mishandeln wolle, Der Aufaner ließ ihm öffnen und erjchlug ihn. 


466 Neuntes Hauptſtück. 


man die Erbauung der Stadt Waftt anfehen, in der Mitte zwi- 
fhen Kufa und Baßra, deren Befagung diefe beiden aufrühreri- 
ſchen Städte im Zaume halten follte. Eine zweite Folge diefer von 
Srafanern ausgegangenen Empörung war die Entſetzung Jezid's 
Ibn Muballab, der befanntlih auch aus Irak war und bei 
Haddjadj angeflagt wurde, einige Nebellen, aus Rüdficht für 
ihre Stammgenofjenfhaft verfchont 7), auch den Krieg in 


Am folgenden Morgen befahl er feiner jungen Frau, fih zu 
Haddjadj zu begeben und ihm von dem Worgefallenen Bericht zu 
erftatten. Haddjadj jagte dann zu den Eyrern: beerdigt euern Er- 
fhlagenen, der zur Hölle gefahren und für den weder Blutrache 
genommen, noch Löſegeld bezahlt werden foll. Hierauf verbot er 
den Syrern irgendwo einzufehren und fuchte einen geeigneten Platz 
ald Hauptlager. Als er in der Gegend von Kasfar war, an der 
Stelle wo fpäter Waſit erbaut ward, fam ein Mönch auf einem 
Gfel geritten, welcher die Erde verunreinigte. Der Monk hob aber 
die unreine Erde auf und warf fie in’s Waſſer. Hadvjadj fragte 
ihn, warum er dies gethan? er antwortete: „ich habe in unfern 
Büchern gefunden, daß hier eine Mojchee gebaut werden foll, in 
welcher Gott angebetet wird, fo lange es Menichen gibt, die feine 
Einheit befennen, da gründete Haddjadj die Stadt Waſit und baute 
die Moſchee an diejer Stelle. 

1) Nach Tab. f. 125 begnadigte er Mohammed Ibn Saad Ibn 
Abi Wakkaß und Abd Grrahman Son Talha. Letztern wollte er 
auch mit den andern Gefangenen fortfeicen, da fagte ihm fein 
Bruder Habib: mit welchem Gefichte millft du je den Semeniden 
entgegentreten, wenn du den Sohn Talha’s auslieferit? Sezid er: 
wiederte: wer will aber Haddjadj mwiderfpenjtig fein? Habib ver: 
ſetzte: ſchicke ihn nicht fort und made dich Fieber mit dem Gedanken 
einer Entjegung vertraut, denn er hat einſt für unfern Vater 200,000 
(Dirham) bezahlt, als fie ihm in der Mojchee der Vereinigung ge— 
fordert wurden. Ibid. f. 128, wo auch eine andere Tradition angeführt 
wird, der zufolge Mohammed Son Saad Ibn Abi Wakkas von 
Haddjadj hingerichtet ward. Auch f. 129 beißt ed: einer der Gefange- 
nen ja,te zu Haddjadj, Zezid habe feine Stammgenoſſen alle befreit 
und ihm nur die Söhne Mudhar's zugeſchickt, dieß vergaß Haddjadj 
nie. Muhallab war befanntlih aus dem Stamme Ad, weldyer aus 
Semen fam und von Kahtan abitammte, Haddjadj war ein Tha— 
Pifite und ftammte von Mudhar ab, Talha’s Mutter aber aus Zemen. 


Abd Almalik. 467 


Trangoranien nicht mit der erforderlichen Strenge geführt zu 
haben 9. Der Chalife willigte ungern in diefe Entſetzung 
und Haddjadj felbit wagte es nicht, an feine Stelle einen 
Fremden zu ernennen, jondern übertrug die Statthalterfchaft 
zuerft Jezid’s Bruder Mufaddhal, und erft nah neun Mo— 
naten entfernte er diejen und ernannte Kuteiba Ibn Muslim, 
der für die Ausdehnung des Islams im Oſten daffelbe that, 
was Mufa und Tarif im Weften, deſſen Thaten aber au 
erit dem folgenden Chalifate angehören. Unter Mufaddhal 
ward jedoch noch das Gebiet yon Tirmez erobert, in welchem 
bisher Mufa, ein Sohn des oben erwähnten Abd Allah Ibn 
Chazim, bisher der Macht des Chalifen getrotzt hatte 2). 


1) Die Legende weiß auch für diefe Handlung Haddjadj’s einen 
andern Grund. Tab. f, 155 erzählt: Haddjadj Fehrte einft, auf einer 
Reife nad) Syrien, in ein Klofter ein, wo ein fehr gelehrter 
Scheich fih aufhielt, Er lieg ihn vor fih rufen und fragte ihn: 
„findet ihr etwas in euern Büchern über eure und unfere Zuftände ?“ 
er antwortete: „ja wohl, wir finden darin fomwohl eure Vergangen: 
heit, als eure Gegenwart und Zukunft aufgezeichnet.“ „Ausdrüclich 
mit Namen oder nur allgemein gefchildert?* „Sie enthalten theilg 
Schilderungen ohne Namen, theils Namen ohne nähere Befchrei- 
dung.” „Was findet ihr über den jegigen Fürften der Gläubigen ?“ 
„Wir finden, daß in unferer Zeit ein furchtbarer König herrfcht, 
der alles umftürzt, was fib ihm miderfegt. „Und nah ihm?“ 
„einen Mann, der Welid heißt.“ „Und nach diefem?” „einen 
Mann, der den Namen eines Propheten führt.“ (Suleiman.) „Kennft 
du auch mih?“ „ich habe von dir Kunde.“ „Weißt du, mas mir 
verliehen?” „Sa.“ „Wer wird mein Nachfolger?“ „Gin Mann, 
welcher Zezid heißt.” „Noch bei meinem Leben oder erft nach mei: 
nem Tode?” „Das weiß ich nicht.“ „Weißt du etwas Näheres über 
ihn?” „Sonft nichts, als dag er Verrath üben wird.” Haddjadj 
dachte gleih an Zezid Son Muhallad, und ward fehr beunruhigt 
durch die Worte des Mönchs. Er ſuchte ihn dann bei Abd Almalie 
zu verdäctigen, erinnerte ihn an Muhallab’8 Anhänglichkeit für 
Abd Allah Ibn Zubeir und meldete ihm die Worte des Schriftge: 
lehrten, bis er endlich einmilligte. 

2) Ibid. f. 138 u, ff. im Jahe 85, 


30 * 


468 Neuntes Hauptflüd. 


Ehe wir nun zu Abd Almalik's Testen Tagen übergehen, 
bleiben uns noch feine Striege gegen die Byzantiner, ſowohl 
in Alten als in Afrifa, zu erwähnen übrig. 

Wir haben ſchon oben gefehen, daß ohngefähr um die— 
felbe Zeit, als Abd Almalif den erften Zug gegen Jraf 
unternahm, alfo im Jahre 69 oder 70 der Hidjrah ) (688 
oder 689 n. Chr.), er mit den Griechen, welche, wahrscheinlich 
feine Abwefenbeit benügend, das mufelmännifche Gebiet über: 
fielen, einen Frieden ſchloß. An der Erhaltung dieſes Frie- 
dens lag dem tributpflichtig gewordenen Chalifen fehr viel, 
weil er Mußab befriegen und das ganze Euphrat- und Tigrig- 
gebiet wieder feinem Scepter unterwerfen mußte, Erſt im 
Sabre 73 2) (692 — 95) entbrannte der Krieg aufs Neue 


1) Wenn wir bei der Zeitbeftimmung der verfchiedenen Kriegs: 
züge und Friedensichlüffe zwifhen den Griechen und Arabern auch 
feinen Grund haben, den mujelmannifhen Quellen eher als dem 
ältern Theophanes zu folgen, fo verdienen doc Gritere gewiß den 
Vorzug, wo es fih um rein einheimifche Angelegenheiten handelt, 
wie z. B. der Krieg Abd Almalit’s gegen Mußab und der Haddjadj’s 
gegen Abd Allah Sbn Zubeir. Da nun ſelbſt Teophanes (S. 556) 
diefen Friedensjchluß in daffelbe Sahr fest, wie die Empdrung Said's, 
fo ift Fein Zweifel, daß er früheftens im Jahr 688 ftatt fand. Außer 
dem ſchon oben angeführten Tab. lieft man auch bei Sujuti (S. 253) 
und Masudi (f. 246): Abd Almalif erfuhr in einer Nacht die Wie: 
derlage der gegen Medina abgefandten Truppenabtheilung, den Auf: 
ftand in Damasf, den Einfall von Mußab's Truppen auf der einen 
und der Griechen auf der andern Seite. Er befriedigt Lestere durch 
Geld u. j. w.“ 

2) Es heißt bei Tab. L. 25 r. Sm Sahr 73 fchlug Mohammed 
Son Merwan die Griechen in die Flucht, nachdem Othman Ibn 
Welid ıhnen in Armenien mehrere Schlachten geliefert. Er hatte 
nur 4000 Mann bei fi, die Griechen zählten aber über 60,000 (2). 
Demungeachtet wurden Lestere gefhlagen. Mögen auch) diefe Zahlen 
unrichtig fein, fo ſcheint doc jedenfalls das griecifche Heer dem 
arabifchen um das doppelte oder dreifache überlegen gewefen zu fein, 
deshalb glaube ich, daß hier von dem Kriege die Rede ift, in wel: 
chem die Siaven den Kaifer verriethen, und entweder fih gar nicht 


Abd Almalik. 169 


fowohl in Armenien und Kleinafien als auf dem Gebiete von 
Carthago und dauerte mit wenig Unterbrechungen bis zum Tode 
Abd Almalik's fort. Der Friede ward yon Seiten des Kaiſers ge- 
findet, der nad Unterjochung der Slaven, mit denen er 
fein Heer verftärfte, den Durch innere Kriege gefhwächten 
Mufelmännern die Spise bieten zu fünnen glaubte. Aber 
Mobammed Ibn Merwan, ein Bruder des Chalifen, flug 
die Griechen, nachdem der größte Theil der Slaven zu ihm 
übergegangen war, bei Sebaftopolis, während Othman Ibn 
Welid fie aus Armenien vertrieb und den größten Theil dieſes 
Landes aufs Neue dem Chalifen unterwarf I. Aber fchon 
im folgenden Jahre ftellte fih der Armenier Simpad, welder 
glüklih aus feinem Gefängniffe in Damasf entfam, wieder 
an die Spite feiner Glaubensbrüder und mit Hülfe byzan- 
tinifcher Truppen unter Leontius’ Führung gelang es ihm, 
die Mufelmänner wieder aus dem Herzen Armenien zu verz 
treiben 2). In Folge diefer Niederlage feheinen jedoch die 


fhlugen, oder gar zu den Mufelmännern übergingen. Freilich fest 
Theoph. diefen Krieg in das Sahr 691 (6833— AL) aber die von ihm 
angegebene Zeit kann doch Feinesfalld richtig fein, da er vorher den 
Sieg Haddjadj’s (chagan) über Abd Allah Ibn Zubeir (zumir) meldet, 
der erft im Sahr 73 itatt fand. 

1) Theoph. S. 561, wo nur, wie fchon erwähnt, das Sahr 
nicht richtig angegeben ift. Auch St. Martin (Mem. sur l’Armenie I. 
340) nimmt an, daß im Sahr 695 ganz Armenien den Arabern 
unterworfen war und von arabischen Statthaltern beherrfcht ward, 
welche ihren Sig in Tovin hatten. Der Grite heißt bei St. Martin 
Abd Allah. Nah der Meinung diefes Gelehrten ftritten fih By: 
zantiner und Araber feit dem Sahre 686, wo wir oben (©. 294) 
die Gefhichte Armeniens gelaffen, um den Beſitz dieſes Landes, 
Sm Sahre 690 fandte Suftinian drei Heeresabtheilungen nad Ars 
menien, die, wie es fcheint, erft im Jahr 695, als Abd Almalık 
freier athmete, mit Nachdruck befämpft werden fonnten, 

2) St. Martin a. a.D. Auch das Schweigen Tabari's von einem 
Feldzuge im Sahre 74 d. H. (Mai 693—694) deutet auf eine Mies 
derlage der Araber, ebenfo der Erfolg des Feldzuges im folgenden 


470 Neuntes Hauptſtück. 


Griechen wieder einen vortheilhaften Frieden oder wenigſtens 
einen Waffenſtillſtand geſchloſſen zu haben D), der auch jetzt 
noch dem Chalifen erwünſcht ſein mußte, weil er noch immer 
ſeiner beſten Truppen zur Erhaltung der Ruhe in Arabien, 
Irak und Perſien bedurfte. Aber auch dieſen Frieden brach 
Juſtinian muthwilligerweiſe kurz vor ſeiner Entthronung (695) 
und weigerte ſich, die neugeprägten arabiſchen Münzſorten als 
Tribut anzunehmen. Bis zum Jahre 75 oder 76 d. 9. 2) 
hatten nämlich die Araber fich theils fremden Geldes bedient, 
theils neues Geld mit griechiihen oder perſiſchen Infchriften 
prägen laffen. Abd Almalif ließ aber jet die eriten ara- 
bifhen Münzen fchlagen mit Legenden, welche verfchiedene 
Sprüde aus dem Koran enthielten 7). Sei es nun, dag 


Sahre, welder nad) den Waffenthaten des 3.73 Feiner wäre, wenn 
nicht Verluſte dazwischen fielen, 

1) Dies geht fowohl aus Tesph. ©. 559 hervor, wo die Araber 
zur Zeit, als Abd Almalif ein neues Münzweſen einführte, (694— 95) 
als tributpflichtig erfcheinen, wie auch aus Sujuti und Makrizi, welche 
eines Schreibens des Chalifen an den Kaifer und eine Drohung 
deffelben wegen einer arabijchen Weberjchrift des Briefes erwähnen, 
in Folge derer er neue Münzen prägen ließ. 

2) Nah Tab. f. 56 v. im Sahr 76, ebenfo bei Glmafin ©. 64, 
Bei Sujuti S. 249 aber im Sahre 75, ebenjfo im Chamis. Tab, 
kann hier nicht als fehr gewichtige Autorität angefehen werden, weil 
er nur Wakidi anführt, der befanntlich beſonders in chronologiſcher 
Beziehung fehr unzuverläflig ift. Wenn, wie Theoph. berichtet, die 
Münzveränderung noch einen Krieg zwiſchen Abd Almalif und Ju— 
ftinian veranlaßt hat, fo muß fie nothmwendigerweife in das Jahr 75 
gefegt werden, da Zuftinian im Jahr 695 entthront ward. S. auch 
bei Möller (de numis oriental. innumpphylacio Goth. asserv. conıment. I.) 
&.6 mehrere andere Quellen, welhe das Jahr 75 ald das der Vers 
änderung im Münzmefen angeben. 

5) Sch folge hier ohne VBedenfen dem gelehrten Numigmatifer 
Frähn, mwelher Tychſen's Zweifel an Makrizi's Berichte von der 
Griften; mufelmännifher Münzen vor Abd Almalik vollftändig wider: 
legt. ©. befonders Sahresverhandlung der Kurländ. Gejellihaft für 
Literatur und Kunft, Bd. I, ©, 401 u. ff. Frähn's Anficht zufolge, 


Abd Almalik. a1 


unter diefen Legenden mande für einen chriftlichen Kaifer 
verlegend waren, oder daß das Gewicht diefer neuen Münzen 
im Berbältniffe zu den früheren geringer war, genug, Juſti— 
nian nahm diefe Neuerung zum Borwande eines neuen Frie— 
densbruches. Die Araber fämpften mit Erbitterung gegen 
die wortbrüdigen Griechen und löſchten die Schande einer 
mehrjährigen Untertbänigfeit in dem Blute ihrer Feinde. Die 
Griechen mußten das Gebiet von Maraſch räumen und der 
byzantinifche Statthalter Simpad überließ ihnen wahrſcheinlich 
wieder die ſüdlichen Provinzen Armeniens D. Bon diefer 
Zeit an machten nun die Araber alljährlich Streifzüge nad) 
dem Gebiete der Griechen und zogen fih mit Menfchen= und 
Güterraub bereichert, wieder zurüd, ohne daß es mehr zu 
einer größern Schlaht gefommen wäre, Doch nahmen die 


welche inzwifhen durch aufgefundene Münzen noch mehr Gewicht 
erhielt, lieg jhon Omar Silbergeld nad) periishem Gepräge fchlagen, 
das nur ganz Furze Sprüche wie „Lob fei Gott“ u. dal. oder 
den Namen Dmar’s enthielt. So ging das fort bis auf Muamia, 
der auch Dinare prägen ließ, auf welchen er mit einem Schwerdte 
umgürtet dargejtellt war. Auch Abd Almalik hatte in der erften 
Zeit Münzen mit einer Figur prägen laffen, dann aber ein rein 
Sälamitifhes Gepräge eingeführt, welches aus größern frommen 
Sprüchen aus dem Koran beftand, von denen mandhe gegen Nicht: 
Mufelmänner gehäffig waren, Auch die arabijchen Statthalter liefen 
fhon unter Muawia Münzen jchlagen, und fo hat H. Dlshaufen, 
der fih um die Entzifferung der Pehlewimünzen fo verdient gemacht, 
im Sahr 1844 eine Münze gefunden, welche den Namen des Statt: 
halter8 Zijad und die Zahreszahl 52 enthält. Andere von Ubeid 
Allah und Salım aus den Sahren 60 und 63 d. 9. find ſchon früher 
befannt worden. ©. Verhandlungen der deutihen Gefellfhaft für 
Kunde des Morgenlandes. 1844. 

1) Tab. f. 28 v. Sm Sabre 75, nah Hadji Chalfa im J. 74. 
Auch Teoph. fpribt ©. 563 im Sahr 687 Al.) von einem Gtreif: 
zuge der Araber in das4. Armenien d. h. in den anden Quellen des 
Tigris gelegenen Theil Armeniens, welcher jest zum Paſchalik von 
Amid gehört. St, Martin erwähnt nihts von einem Siege der Araber, 
meder im Zahr 694, noh im Jahr 695. 


472 Neuntes Hauptſtück. 


Chriften im Jahre 79, als Syrien von einer verheerenden 
Peſt heimgefucht ward, an den Muſelmännern des nördlichen 
Syriens eine furchtbare Rache, und brachten befonders den 
Bewohnern son Antiochien eine blutige Niederlage bei D). 
Dies erzählen felbft arabifhe Duellen, denen zufolge dann 
aber in den Jahren 81 (700—701) und 84 (703) Abd 
Allah, ein Sohn Abd Almaliffs, die Griechen wieder ge— 
Ichlagen haben fol. Im Jahr 81 foll er Erzerum einge- 
nommen haben und im Jahr 84 Mafia 7) (mopsuestia), 
woraus ſich von felbft ergibt, daß er in der Zwifchenzeit 
alles im Jahr 81 eroberte Land wieder verloren. Auch 
wiffen wir aus byzantinifchen Berichten, daß die Araber im 
Jahr 83 durch einen Aufftand der Armenier 3) und im Jahr 
84 dur die Truppen bes Heraklius, Bruder des Kaifers 
Apfimarus, ſchweren Berluft erlitten, Jener Aufftand der 
Armenier veranlaßte dann die Araber zu allerlei Graufam- 
feiten und e8 wurden auf Befehl Mohammed's, Bruder des 
Chalifen, fo viele Kirchen niedergebrannt, daß diefes Jahr 


1) Tab. f. 94: Sm Sahr 77 machte Welid einen Streifzug gegen 
die Griechen. Dann f. 9: Im Jahr 78 Sahja Son Alhafam, 
Sm Sahr 79 Niemand, wegen der Vet, weldhe in Syrien haufte; 
nach einigen Berichten brachten in diefem Sahre die Griechen den 
Bewohnern von Antiochien eine Miederlage bei. Auch Theoph. 
©. 569 erwähnt unter dem Sahr 692, (700) alfo nur um etwa ein 
Sahr fpäter, einer furchtbaren Niederlage der Araber: »Romani autem 
impressione in Syriam facta Samosatum usque penetrant, vicinasque 
regiones populati, Arabum ad ducenta ut narrant millia (2) trucidant, 
spoliaque optima innumerosque captivos abducentes, valido metu Ara- 
bum animis incusso, domum reversi sunt.« 

2) Erftere nach Tab. L. 100 im Sahr 81 und legtere f. 131 im 
Sahr 84. Kalifala heißt Erftere bei Tab., vergl. St. Martin I, 69 
und I. 215, auch Hadjı Chalfa bei Möller a. a. D. ©. 28. 

3) Theoph. S. 570 im Sahr 695 (703). Tab. f. 181 Hadji 
Shalfa 1. 1, ©. 24, Nach St. Martin (S. 341) hingegen fielen die 
Siege und Graufamfeiten der Araber in das Sahr 704 ©. au 
Johannes Catholicos trad. par St. Martin ©, 86 und 87. 


Abd Almalik. 473 


(das 84. d. H.) das des Brandes bei ihnen genannt ward. 
Die Niederlage der Araber im folgenden Jahre hingegen 
wird felbft von mufelmännifchen Autoren nicht geläugnet U), 
doch wird der Ort, wo ein Treffen vorftel, nicht genannt. 

In Afrika konnten die Araber feit Okba's Tod, weil 
fie von Oſten ber ohne Unterftügung blieben, nicht mehr das 
Gebiet von Barka überfchreiten, obgleich von einigen Autoren 
behauptet wird, fie haben im J. 64 (683 bis 84) unter 
Führung des Zubeir Ibn Keis den vebellifhen Berbern eine 
blutige Schlacht geliefert, in welcher Rufeil Ihn Lemzem, der— 
felbe Häuptling, der den aus Weftafrifa beimfehrenden Dfba 
überfallen, getödtet 2) ward. Erſt im Jahr 73, als Ibn 
Zubeir aus dem Wege geräumt war, fonnte fid) Abd Almalif 
mit der Wiedereroberung der in Afrika verlorenen Provinzen 
wieder beſchäftigen. Haſſan Jon Numan ward zum Statt 
balter von Afrifa ernannt und er brad an der Spike eines 
großen Heeres zuerft gegen die von Griechen befesten Küſten— 
ftädte bis nad) Karthago auf ®), dann wendete er feine Waffen 


1) Hadji Chalfa ©. 25. 

2) Fon Abd Alhak. S. 109. 

3) Wie Kartbago eingenommen ward, geht aus Ibn Abd Al- 
hakl. 1. nicht ganz klar hervor. Es heißt wörtlih: „Sm J. 73 
ward Haflan Sbn Numan zum Statthalter des Weſtens von Abd 
Almalıf ernannt. Er bradı mit einem großen Heere auf und lief 
fi in Tripoli nieder, wo fich diejenigen um ihn verfammelten, welche 
die Provinz Ifrikija und Tripoli verlaffen hatten. Er jandte Mo: 
hammed Ibn Abi Bekr und Hilal Son Thauban und Zuheir Son 
Keis mit den Vorpoften voraus, eroberte das Land, machte große 
Beute und zog aus (charadja) nad) der Stadt Kartagena (Karthago) 
in welcher die Griehen waren, er traf (oder fchlug »lam jussib) 
darin nur wenige von ihren Schwachen und er ging wieder und zog 
gegen die Kahinah u. f, w.“ Dies kann nun fo gedeutet werden, 
dag nur eine Fleine, ſchwache, griechiſche Befakung in Karthago 
fag, die fich bald ergab, oder dag er nad) der Einnahme der Stadt 
nur noch einige Franfe Griechen in derjelben fand, meil die übrigen 
ſich wahrfheinlich zur See geflüchtet hatten. Nach Numeiri Gourn. 


474 Neuntes Hauptftüd. 


gegen die Berber, welche fih den Griechen anfchloffen, weil 
fie unter ihrer Herrichaft doch wenigſtens in den von der 
Küfte entlegenen Ländern eine gewiffe Freiheit und Unab— 
bänigfeit behaupten fonnten. Haffan ward aber von den 
Berbern auf's Haupt gefhlagen ) und genöthigt, ſich wieder 
in das Gebiet von Barka zurüdzuziehben. Die Berber wurden 
damals von einer Königin regiert, welche zugleich alg Prie- 
fterin oder Wahrfagerin (Kahina) bei ihrem Bolfe unbe- 
dingten Gehorfam fand und ihr allein war es gelungen, die 
zahlreichen, fjowohl durch Abftammung als durch Sprache 
von einander getrennten Berber, unter ihrem Scepter zu 
vereinen. Mit ihrem Tode, welchen ihr ein treulofer Araber 
bereitete, den fie, wie ihre eigenen Kinder, mit Wohlthaten 
überhäuft, war daher auch die Macht der Berber gebrochen. 
Diefer Berräther, Chalid Ibn Jezid, aus dem Stamme 
Abs ?), ließ fih nämlih von Haflan Fon Numan beftechen, 


Asiat. 3me Serie t. XI. p. 134, ward Sarthago mit Sturm genommen 
und in eine Ruine verwandelt. Letzteres it unwahricheinlih, da ja, 
wie wir aus Byzantinern willen, noch einmal darum gekämpft ward. 
Die Zeit der Einnahme wird nicht näher angegeben; fie mochte, Da 
nah Son Athir Haffan erit im Jahr 74 nad Afrika Fam und gewiß 
viele Kämpfe zu beitehen hatte, bis er nad) Karthaao gelangte, im 
Sahr 76 (695—696) ftatt gefunden haben. Sch weiß nicht, warum 
Lembfe, der doch auch morgenlänvdifche Quellen benügt hat, in feiner 
Geſchichte von Spanien (I., 251) fhreibt: „Endlich aber entichloß 
fih der Khalif Abdelmelef Ben Merwan zu mwirfjameren Mitteln, 
Afrika zu erobern. Er beauftragte damit den Statthalter von Eayp- 
ten, Hhafan Ben Naaman u. f. w.“ Haſſan war aber niemals 
Statthalter von Egypten, fondern vom weſtlichern Afrifa, Statt- 
halter von Egypten war aber Abd Alaziz, ein Bruder Abd Almaliks. 

1) Die Schlacht fiel nach Numeiri (a. a. O. S. 558) am Fluffe 
Nini, zwei Stunden füdöftlib von Beahaya, bei Son Abd Alhaf. 
1. 1. beißt es: „bei einem Fluſſe, welcher jest Fluß des Verderbens 
(Albalai, wegen der verlorenen Schlaht) genannt wird. 

2) Bei Numeirt „aus dem Stamme Keis,“ von dem Abs auch 
einen Zweig bildet. 


Abd Almalik, 475 


und feste ihn von allen Bewegungen der Priefterin in Kenntniß, 
fo daß es ibm leicht war, fie eines Tages mit einer über— 
legenen Truppenzabl zu überfallen und zu tödten 7), 

Test durchzog Haffan als Sieger das ganze Gebiet von 
Kairawan und feste die Mufelmänner aufs Neue in biefer 
Stadt feit, welche der Mittelpunkt arabifher Herrichaft in 
Afrika ward 2), Als aber Haffan Afrifa verließ 3), wurde 


1) Son Abd Alb. ©. 110. Als fie den Feind ſah, rief fie Cha: 
fid zu ſich und ſagte ihm: ich habe dich ald Sohn angenommen, 
damit du in einer ſolchen Stunde der Gefahr meine Göhne retteft, 
ich bin des Todes, gehe aber zu Haflan und flehe feine Gnade für 
fie an! Chalid that dies und Haſſan feste (jpäter) den ältejten Sohn 
der Kahinah über einen Theil der Berber, welche mit ihm waren. 
Die Kahinah aber wurde am Fuße des Berges mit ihrer Umgebung 
von Haffan erfchlagen und der Ort ward „Brunnen der Kahinah“ 
genannt. Fabelhaftes findet man bei Son Abd Alh, gar nichts über 
diefe Kahinah, wenn nicht etwa, daß fie, ald Chalid einen Brief 
an Haflan in einen Laib Brod verbarg, vorausgefagt haben fol, 
daß ihr Verderben in einem Wahrungsmittel enthalten fei. Zie 
Zeit ihres Todes wird nicht angegeben, fällt aber jedenfalls zmifchen 
den Fahren 76 und 73 d. H., da in dieſem Jahre Haſſan wieder 
Afrika verließ, mwahrfcheinlich alfo in das Sahr 77 1696-697), da 
ja Haffan nah ihrem Tode noch andere Krieaszüge unternahm und 
auch längere Zeit in Kairaman verweiltee Numeirt, welchem die 
meiften Guropier folgen, läßt Haſſan 5 Sahre in Barfa bleiben, 
und fchreibt Haſſan's fpätere Siege den neuen, aus Syrien ange- 
fommenen Truppen zu, auch läßt er die Griechen gemeine Sache mit 
den Mufelmännern gegen die Kahinah madhen. Man fieht hier offen- 
bar, daß Mumeiri oder einer feiner Vorarbeiter alles aufbot, um 
die Wahrheit, dag Haffan feinen Sieg nur dem Verrath eines Ara- 
bers verdanfte, zu verhüllen. 

2) Bon der Wiedereinnahme von Karthago wird nichts erwähnt, 
fie verſteht fih aber son felbft durch die Worte: „und er blieb da- 
felbft, bis ibm das ganze Pand unterthan war” und geht auch aus 
Theoph. ©. 567 hervor, demzufolge Sohannes fie erft mieder eins 
nehmen mußte. 

5) Nah einer Tradition im Sahre 76, nad) einer andern im 
Sahre 78. Lesteres iſt wahrfcheinlicher und ftimmt auch, wenn wir 


476 Neuntes Hanptflüd. 


das ganze Küftenland abermals den Arabern entriffen. Der 
Kaiſer Leontius fandte den Patricier Johannes mit einer 
großen Flotte nach Afrifa, welcher Karthago wieder einnahm, 
den Ibrahim Jon Alnußrani, welden Haffan als Präfeften 
von Barfa zurücgelaffen, vertrieb und Zuheir Ibn Keig, 
welcher ihm auf dem Gebiete der Pentapolis ein Treffen 
lieferte, töbtete ). Haffan wurde daher von dem Chalifen 
wieder nach Afrifa zurüdgefchict ?). Als er aber nach Egypten 
zu Abd Alaziz kam, verlangte er die Zurückberufung Talid's, 
eines Sklaven, welchen Abd Alaziz zum Statthalter des in- 
zwifchen wieder eroberten Gebiets von Barfa erhoben, und 





— — 


den Anfang des Jahres nehmen (März 697) ſo ziemlich mit den 
byzantiniſchen Berichten überein. 

1) Ibn Abd Alh. S. 111. Dort heißt es zwar „im Jahr 76,“ 
dies kann aber jedenfalls nur nach der erſten in der vorhergehenden 
Note angeführten Tradition richtig fein, denn Zuheir ward erſt, als 
die Nachricht von dem Verfufte der Araber nad) Egypten Fam, alfo 
lang nad) Haffan’s Abreife, wieder nach Afrika geſchickt. Numeiri, 
1.1. ©. 135 läßt Zuheir fchon mehrere Sahre vor dem Tode Abd 
Allah's Ibn Zubeir, alfo auch vor der erften Sendung Haſſan's nad 
Afrifa, in einem Gefechte mit den Griechen in Barfa umfommen, 

2) Haſſan war gar nicht abgefegt worden, wie fich aus Abd Alaziz’s 
Vorwürfen ergibt, fondern wollte nur einen Triumphzug mit feiner 
Beute und feinen Sklaven nach Egypten und Syrien feiern. Ganz 
unrichtig ift daher bei Numeiri nach Slane’s Ueberfegung ©. 560: 
II (Hassan) fut depose par Abd-el-Aziz Ibn Merwan, gouverneur de 
’Egypte et de l’Afrique, lequel le rappela lors de la mort d’Abd-el- 
Melik et de l’avenement d’el Welid, fils de ce Khalife. Befanntlich 
ftarb ja Abd Alaziz im Sahre 84 oder 85 und Abd Almalif erft im 
Sahr 86. ©. Tab. f. 149 und Abulfeda ©. 425 und 426. Nawawi 
führt zwar auch (S. 395) eine Tradition an, derzufolge Abd Alaziz 
auch erſt im Jahr 86 ftarb, eben fo Elmakin ©. 66, doch geht 
jedenfalls aus Lesteren wie aus Tab. hervor, daß er vor Abd Al: 
malif ftarb und diefer erft nach deffen Tode Welid zum Thronfolger 
beftimmte. Darnach ift auch Lembke (S. 252) zu berichtigen, welder 
den Ehalifen Welid dem Abd Alaziz fchreiben läßt, er follte Mufa 
Son Nußeir in das mweftliche Afrika fehicen. 


Abd Almalik, 477 


als der Statthalter von Egypten fih weigerte, biefen Liebling 
zu entjegen und Haffan Vorwürfe machte, daß er durch feine 
Reife nad) Damasf den Griechen den Sieg über die Küften: 
ftädte Afrifag erleichtert, Febrte er nach Damasf zurück, um 
fih bei dem Chalifen zu beflagen, ftarb aber dafelbit bald 
nah feiner Anfunft I. Abd Aaziz ftellte nicht lange nad 
Haſſans' Abreife 2), den Mufa Ibn Nußeir (78 oder 79 


1) Son Abd Alhak. S. 112, übereinftimmend mit einer alten 
arabifhen Chronik, welhe dem Ibn Kuteiba, jedoch fälfchlich, zuges 
fhrieben wird. Vergl. Makkari (v. Pascual de Gayangos) I. append. 
©. 54 u. 55. Haſſan hatte nämlich vom Chalifen für ſich die Statt: 
halterfhaft von Barfa zu der von Sfrifija erhalten. Daß Abd Alaziz 
die Statthalterfhaft von Afrıfa für fih vom Chalifen begehrt, wie 
Lembke ©, 252 berichtet, oder gar, wie bei Conde, um die von 
Barfa andhielt und auch wirklich felbft dahin reifte, ift gewiß ein 
Serthum, der daraus entitand, das Abd Alaziz den Talid nad) Barfa 
ſchickte. Die ganze Scene bei Nuweiri (©. 561) zwiſchen Haſſan 
und dem Chalifen Welid gehört natürlich demnach auch in das Reich 
der Sagen. 

2) Auch hier werden von Sbn Abd Alb. zwer Traditionen an: 
geführt, man kann alſo jedenfalls annehmen, dag Muſa Anfangs 
79 jhon in feiner Statthalterfhaft war. Diefes Sahr beginnt im 
März 698 und ftimmt alfo vollfommen mit Theoph. überein, der 
auch die leste Eroberung von Carthago durch die Mufelmänner in 
das Jahr 690 (Alex.) fest. Nuweiri und Andere laffen befanntlich 
Mufa erit im J. 89 nach Afrika kommen (j. Lembke ©. 252), aber 
mit Son Abd Alhakam ſtimmt auch die ſchon genannte arab. Chronik 
überein, wo auch erwähnt wird, dag Abd Almalik fehr aufgebracht 
gegen feinen Bruder war wegen der Ernennung Mufa’s zum Statt 
halter, Er wollte diefen ſchon früher (75) mit dem Tode beftrafen, 
weil er angeklagt war, Bejchr, den Statthalter von Sraf, hinter: 
gangen zu haben, ey verdanfte aber jein Heil fchon damals der 
Fürfprache und Unterftügung des Abd Alaziz, welcher damals gerade 
in Damasf war. Als jest der Chalife erfuhr, dag gegen feinen 
Befehl Muſa den Dberbefehl über die afrifanifche Armee erhalten, 
fagte er: „Selobt ſei Gott, der Muſa in meine Hand geliefert!“ 
d. h. mir eine neue Beranlafung gegeben, ihn zu züchtigen. Als 
aber bald darauf unerhörte Siegesbotihaften und ein ganzes Heer 


478 Neuntes Hauptſtück. 


d. 9. 697—98) an die Spite der nad Afrifa beftimmten 
Truppen, welcher die Griechen für immer aus Karthago und 
den übrigen Küftenftädten vertrieb und auch nad und nad 
Afrika in feiner ganzen Breite bis an das atlantifhe Meer 
als Sieger durchzog. Auf die Züge dieſes fühnen Eroberers 
werden wir unter der Regierung des folgenden Chalifen zus 
rüdfommen, in welhe aud der Einfall der Araber nad) 
Spanien fällt, welcher ebenfalls unter Muſa's Leitung ftatt 
fand. Hier wäre nur noch einer von verfchiedenen Autoren 
erwähnten Seefahrt nach Sieilien, unter Leitung des Atta 
Ibn Raft zu erwähnen, welche im Jahr 82 d. 9. von Afrika 
aus unternommen worden fein joll ). Aber gewiß handelte 
es ſich auch nur von einer Furzen, vielleicht zu einem raſchen 
Raubzuge benügten Landung, wie der, welcher fchon unter 
Muawia's Chalifat, Abd Allah Ibn Keis Alfazari auf diefer 
Inſel ausgeführt haben fol 2). Atta’s Flotte, welche auch 
Sardinien berührt haben fol, ward auf der Heimfehr yon 
einem Sturme zertrümmert, worauf dann Mufa bei Tunis 
eine neue Flotte bauen ließ, deren Dberbefehl er feinem 
Sohne Abd Allah übergab, Diejer fol dann nad Sicilien 
hinübergefegelt fein und fih in einer im Weften diefer Inſel 
gelegenen Stabt mit Beute beladen haben ?). 


von Sklaven anlanate, verzieh ihm der Chalife. Conde I. ©. 22 
(nach der Weberjegung von Rutſchmann) fest auh Muſa's Zug nad) 
Afrika auf Befehl des Statthalter Abd Alaziz in das J. 78. 

1) Hadji Chalfa bei Moller ©. 28, wo e8 zwar heißt; „Grobe: 
rung Meſſina's, d. h. Siciliens, und Chami's.“ 

2) ©. Noveiri histoire de Sicile trad. de l’arabe par J. A. Caussin. 
p. 8. Bon einer Landung Atta's in Sicilien erwähnt Nuweiri nichts, 
eigentlich unterworfen ward Sicilien befanntlih erft im dritten Sahr: 
hunderte der Hidjrah. 

3) Makkari I. I, Appendir ©. 66 u. 67. Muja hatte zuerft die 
Nachricht verbreiten laffen, er würde fich ſelbſt einfhiffen, um da: 
durch mehr Leute für diefes Unternehmen zu gewinnen; in der That 
meldeten fih auch die edelften und tapferſten Männer aus dem 


Abd Almalik. 479 


Mufa’s Freude mit der glücklichen Rückkehr feines Soh— 
nes von diefem gewagten Naubzuge ward bald durch bie 
Nachricht vom Tode feines Wohltbäters Abd Alaziz getrübt, 
Der Tod diefes Bruders des Chalifen, der Egypten, zum 
Gedeiben diejes Landes, feit deſſen Wiedereroberung durch 
Merwan, verwaltete, — nad den zuverläfftgiten Berichten 
bis zum %.840.9. — kam aber dem Hofe in Damasf eben 
fo erwünſcht ), als er Mufa in Trauer verfeste. Abd AL 
aziz ward nämlih von feinem Vater Merwan zum Thron- 
erben nach Abd Almalik beftimmt, während diefer einem feiner 
Söhne die Herrichaft über das islamitifhe Reich zu über- 
tragen wünjchte, und ihn zu wiederholtenmalen, jedoch ohne 
Erfolg, aufforderte, feinen Anfprücen auf die Nachfolge zu 
Gunften Welids zu entjagen. In der legten Zeit fol fogar 
der Chalife feinem Bruder mit Entfegung von feiner Statthalter: 
haft und Abforderung einer ftrengen Rechenſchaft über Die 


Heere, fo daß diefe Fahrt „der Streifzug der Edlen“ (Ghazwat 
Aſſchurafa) genannt ward. Die Beute, melde aus Gicilien weg— 
geichleppt wurde, foll jo bedeutend gewefen fein, daß jeder Krieger 
— es waren ihrer zwiſchen 900 und 1000 — hundert Dinare ers 
hielt. 


1) Tab. f. 146— 148. Vielleicht ift Abd Alaziz vergiftet worden 
was mwenigiteng aus dem Umſtande hervorzugehen jcheint, daß der 
Bote, welher aus Eaypten Fam, Abd Almalik felbft und allein zu 
ſprechen wünſchte und dag Abd Almalik furz vorher ihn verfluchte, 
fo dag die Syrer nah feinem Tode fagten: „Er bat Abd Almalik 
widerſprochen, drum ift er von ihm verwünfcht worden und Gott 
hat des Chalifen Fluch erhört.” Es wird indeffen, wie fchon oft 
erwähnt, den Dmejjaden fo viel Schlimmes aufaebürdet, daß wir 
nicht nur nicht weiter gehen dürfen in unferm Verdachte, als die 
mufelmännifhen Autoren, fondern bei fich mwiderjprechenden Tradis 
tionen faft immer der minder nachtheiligen folgen dürfen. So leſen 
wir auh bei Tab. nah der im Terte angeführten Tradition: 
„Abd Alaziz fchrieb feinem Bruder: wir find beide in einem Alter, 
das noch Wenige aus unfrer Familie überftiegen. Wer weiß, wer 
von ung zuerft ind Grab fteigt, laß mich die wenigen noch übrigen 


480 Neuntes Hauptſtück. 


ganze Zeit feiner Verwaltung gedroht, und auf Haddjadjis ) 
Rath den Entſchluß gefaßt haben, ihn unter irgend einem 
Borwande, auch gegen feinen Willen, von der Regierung zu 
entfernen und die Nachfolge feinen Söhnen Welid und Sulei— 
man zu fihern, als ein Bote aus Egypten ihm durch bie 
Nachricht yon dem Tode feines Bruders, die ſchon befchloffene 
Gewaltthat erſparte. 

Indeſſen fand nach einigen Berichten, ſelbſt nach dem 
Tode des Abd Alaziz, dem Abd Allah, ein Sohn des Cha— 
lifen, in der Statthalterſchaft von Egypten nachfolgte, Abd 
Almalik noch einigen Widerſtand, als er verlangte, daß man 
noch bei ſeinem Leben ſeinen Söhnen Welid und Suleiman 
huldige. Said Ibn Almuſejjab, einer der gelehrteſten und 
angeſehenſten Männer Medina's, weigerte ſich hartnäckig, bei 
dem Leben des Chalifen einem andern zu huldigen. Hiſcham 
Ibn Ismail, der damalige Statthalter von Medina, ließ ihn 
prügeln und wie einen zum Tode Verurtheilten in einem 
haarnen Gewande nach dem Hinrichtungsplatze führen. Er 
blieb aber ſtandhaft und der Statthalter wagte es nicht, ihn 
hinrichten zu laffen 2), Die Oppoſition dieſes Mannes war 


Tage in Ruhe genießen! Diefe Worte erweihten Abd Alma- 
fit und er ließ ab von feinem Begehren.“ 


1) Haddjadj fandte ihm Ißam Alanazi, um ihn zu bereden, die 
Thronfolge feinem Sohne zu fihern und deſſen Sohn Smran, den 
Dichter, welher dem Chalifen ein Gedicht vortrug, in welchem 
Welids Vorzüge und Rechte auf das Chalifat hervorgehoben werden, 
die Nachfolge des Abd Alaziz aber als das größte Unglückfür die isla— 
mitifchen Völker dargeftellt wird, 


2) Tab. f. 148. Abd Almalik ſoll diefes Verfahren feines Statt: 
halters getadelt und gejagt haben: da Suid Fein Aufrührer ift, fo 
hätte er ihn in Ruhe laſſen, oder, wenn er doch einmal Gewalt 
brauchte, ihn binrichten laſſen ſollen. Nach andern Traditionen hatte 
fi früher Said geweigert, dem Abd Allah Son Zubeir zu huldigen 
und ward darum von deifen Statthalter in Medina, Diubeir Ibn 


Abd Almalik. 481 


indeffen reine Glaubensſache, weil er eine folche Huldigung 
bei Lebzeiten eines andern Herrſchers für eine den Eitten des 
Islams widerftreitende Handlung bielt, ev dachte aber Feineg- 
wegs daran, daß etwa ein anderer als Welid nad) dem Tode 
des Chalifen den Thron bejteigen würde, denn alle Präten- 
denten waren längft aus dem Wege geräumt, die Rebellen 
allentbalben zerftreut, oder zur Ruhe zurücgefehrt und bie 
Maffe des Bolfes der langen Bürgerfriege müde, Mit der 
Gewißheit, für feine Nachfommen gearbeitet zu haben, ſchied 
Abd Almalif den 14ten Schawwal des Jahres 86 !) (Sten 
Dftober 705) aus diefer Welt, in einem Alter von 60 oder 
63 Fahren 7). Die ganze Dauer feiner Regierung war, 
von dem Tode feines Vaters an gerechnet, 21 Mondjahre 
und etwa 11, Monate ?), yon dem Tode des Abd Allah 


Alaswad auf obige Weife behandelt worden, Ueber Sad Sbn Mus 
jejjab f. Nawami ©. 283. Seine Geburt fällt in das dritte Sahr 
von Dmars Chalifat und fein Tod nah Nawawi in das J. 93 oder 
94 2.9 Nah Andern bei Ibn Ihallifan (I, ©. 569) ein Paar 
Sahre früher oder jpäter. Don feiner Weigerung, Welid oder Abd 
Allah zu huldigen, ift bei feinem der beiden Biographen die Rede 
welche überhaupt weniger feine Lebensſchickſale mittheilen, als feine, 
Frömmigkeit, feine Traditionsfunde und fein Anjehn als Gelehter 
preifen. 

1) So bei Sbn Abd Alhak. ©. 112, welcher ganz richtig hinzu: 
fegt: „an einem Donnerftag.” Bei Tab. f. 149 heißt ed: „Don: 
neritag, Mitte Schamwal,” ebenjo im Chamis, wo jedoch hinzu: 
gejegt wird: „nach Andern den 10ten Schammal.“ 

2) Tab. a. a. DO. Nah Andern in einem Alter von 58 oder 
62 Sahren. Wenn die eine Tradition, derzufolge er am Tage von 
Dthmans Tod, in einem Alter von 10 Sahren, bei jeinem Water 
in Medina fich befand, wahr ift, jo erreichte er ein Alter von 
60— 61 Jahren. 

3) Bon Ramadhan 65 bis Mitte Schammal 86. Der Tag von 
Merwans Tod wird in den meiften Quellen nicht näher angegeben, 
alfo 1%, bis 1’, Monate, je nahdem Merwan Anfang oder Ende 
Ramadhan geftorben., Nach Abulfeda ©. 408, welcher den öten 
Ramadhan als den Todestag Merwans und der Thronbefteigung 
Abd Almalifs angibt, ein Monat und 12 Tage, 

31 


482 Neuntes Hauptſtück. 


Fon Zubeir an, durch den er eigentlich erſt Alleinherrfcher ward, 
13 Mondjahre und A oder 5 Monate 9. Seine Regierung 
war eine der ſtürmiſchſten in der Gefchichte des Islams, ſo 
dag ihm wohl zu verzeihen ift, wenn er bei der Nachricht 
som Tode feines Baters, im Vorgefühle der fchwierigen 
Herrſcherpflichten, die feine ganze Aufmerffamfeit und Thätig- 
feit in Anfpruch nehmen würden, das vor ihm Tiegende Exem— 
plar des Korans mit den Worten ſchloß: „wir baben ung 
zum lestenmale geſehen“ 2). Mebr als einmal war er dem 


1) Se nahdem man annimmt, daß Abd Allah Mitte Djumadi— 
l-Awwal des Sahres 73 oder Mitte Djumadi-l-Achir ftarb (f. oben 
©. 422). 9. v. 9. fohreibt in feinem Gemäldefaal S. 105: „Sn 
diefem Sahre (86) ſtarb Abdolmelif, ſechzig Sahre alt, im drei und 
zwanzigften feiner Regierung,“ und dazu in einer Note: „Nicht im 
80ten, wir es bei Abulfeda I. ©. 426 heißt, durch Schreibfehler 
Afhret ftatt Sfhrin, was Reiske in der Weberfekung über: 
fehen; er beftieg den Thron im J. 64 und ftarb im I. 86; (Hadji 
Chalfa).” Dagegen ift erfteng zu bemerken, dag Abd Almalik nicht 
im 2öten, fondern im 22ten Regierungsjahre gejtorben, denn nad) 
allen Berichten ftarb Merwan nicht im J. 64, fondern im J. 69. 
Zmeitend fagt Abulfeda nicht, daß er im 30ten Regierungsjahre 
geftorben, fondern daß er 13 Sahre und einige Monate (nah dem 
Tode des Abd Allah Ibn Zubeir) regiert, und drittens ift im Terte 
fein Schreibfehler, da Aſchret ganz richtig ift, und folglich hat 
Reiske auch nichts überfehen. Die Stelle lautet: »Quem in sequente 
anno 86 [qui coepit ipsis Calendis Januar. A. 1. 705] secutus fratrem 
eodem est ipse Abd-el-Malek, medio mense decimo aetatis annum 
agens sexagesimum, Chalifatu tredecim annos et quatuor menses, 
minus septem dies, gesto, si quidem numerandi exordium a caede 
Zobairidae a qua contumaces plerique omnes fracti ad obsequium con- 
cesserunt, facias.« Im Terte heißt ed ganz Furz wörtlih: „von der 
Zeit an, wo Ibn Zubeir getödtet und das Volk fih um ihn (Abd 
Almalif) vereinigte.“ Abulfeda irrt nur um 7 Tage, was wohl 
daher rühren mag, daß er einer Tradition folgt, welche Ibn Zubeirs 
Tod um eine Woche zu fpät fest. Er felbft gibt bei dem Tode Ibn 
Zubeird (S. 420) den Tag nicht näher an, fondern nennt blos den 
Monat Djumadi Adir, 

2) Abulfeda ©, 408. 


Abd Almalik. 483 


Untergange nahe, denn im Norden bedrohten ihn die Griechen 
und im Süden und Südoften die Anhänger des Abd Allah 
Ibn Zuseir und die Charidjiten, Zu feinem großen Glüde 
fonnten Lestere zu feinem Cinverftändniffe fommen, denn 
bätten Muchtar und Mufab, ftatt fih gegenfeitig zu befeh- 
den, ihre vereinten Waffen gegen ihn gefehrt, fo hätte er 
wahrſcheinlich unterliegen müſſen. Der Tribut, zu dem er 
fi) gegen Byzanz verpflichtete, beweift zur Genüge, wie 
fritifch feine Lage war, Bis zum Jahre 82, in weldem 
der furchtbare Abd Errabınan gefchlagen ward, war noch 
Abd Almaliks Thron ſchwankend, darum bot er auch alle 
Mittel auf und fandte feine nächften Verwandten ing feind- 
liche Lager, um wo möglich nicht in einer Schlacht feine 
ganze Eriftenz aufs Spiel zu ſetzen, jo wie er auch früher 
Mußab fowohl als Abd Allah Fon Zubeir zu wiederholten: 
malen auffordern ließ, ibn als Herrſcher anzuerfennen, bevor 
er zu den Waffen griff. Abd Almalif war gewiß ein fried- 
hiebender Mann, denn aud) zwifchen ihm und den Griechen 
fam e8 immer nur durch den Muthiwillen Lesterer zu Feind» 
feligfeiten. Er war ein Feind des Blutvergießens, obgleich 
durch Männer, wie Haddjadj, die ihm aber zur Unterdrüdung 
des Aufruhrs unentbehrlich waren, mander Kopf dem Hen- 
ferbeil verfiel. Er fühlte allzufehr, wie ſchwer es fei, die 
von feinen Vorgängern eroberten Länder zu beherrfchen, um 
nad) neuen Eroberungen zu trachten, und die geringe Erwei— 
terung der Grenzen des mohammedanifhen Reichs unter Abd 
Almalif müffen mehr feinen Statthaltern, als ihm felbft zu- 
geichrieben werden. Abd Almalif war ein erfahrener, ein- 
fihtsvoller und gewandter Mann. Er befand fi als zehn- 
jähriger Knabe bei feinem Bater in Medina, als Othmans 
Palaft erftürmt ward ). In einem Alter von 16 Jahren 


1) Diefes traurige Greigniß vergaß er nie, und man erfennt 
daraus, daß zwiſchen dem Gefchlehte der DOmejjaden und allen 
denen, welche bei der Ermordung DOthmans betheiligt waren, eine 

31 * 


484 Neuntes Hauptflüd, 


leitete er in Medina das ganze Finanzweſen und während 
der furzen Regierung feines Vaters war er Statthalter der 
Provinz Hadjr Y, darum verbefferte er auch fpäter das ganze 
Kanzleiwefen, das big zu feiner Zeit fogar in fremder Sprade 
geführt wurde. Die Launen des Schiejals, aus eignen Erleb- 
niffen fennend, mißbraudte er nie übermüthig feinen Gieg. 
Als er nah Mußabs Tod in Kufa bei Tifche ſaß, fagte er: 
„wie fchön wäre unfer Leben, wenn nur auch etwas Dauer 
hätte, aber ſchon beißt es bei einem Dichter; Alles Neue, 
o Umeim! wird alt, wer heute gegenwärtig, gehört morgen 
der Bergangenheit an.” Als er dann in fein Gemach Fam, 
warf er fih hin und ſprach folgenden Vers: 


wirkliche innere Abneigung ftatt fand. Zu den Medinenfern fagte 
er einft in einer Kanzelrede: Mir geht es mit euch, wie in dem 
Mährhen von einer Schlange und zwei Brüdern: Zwei Brüder 
kamen einft vor eine Höhle, da trat eine Schlange hervor und legte 
einen Dinar hin und verfchwand wieder. Am folgenden Tage Famen 
fie wieder und erhielten abermals ein Goldftüf. Dies dauerte eine 
Zeit lang fo fort, bis einer der beiden Brüder mit dem Goldſtücke 
nicht mehr zufrieden war und nac allem Golde gelüftete, das fi 
in der Höhle befand. Gr trat eines Tages bewaffnet vor die Höhle 
und ald die Schlange wie gewöhnlich mit einem Goldftüdfe an die 
Deffnung Fam, fprang er auf fie zu und wollte fie tödten. Die 
Schlange ward zwar verwundet, doch brachte au fie dem undanf: 
baren Menihen eine Wunde bei, an der er farb. Der andere 
Bruder fam nun einige Zeit noch allein vor die Höhle, aber die 
Schlange fam nit mehr zum Vorſchein. Eines Tages, als er 
lange fteben blieb und fie fragte, warum fie fich vor ihm nicht mehr 
ſehen laffe, fagte fie: weil bei dem Grabe deines Bruders und der 
Wunde, welhe mir fein Frevel zurücgelaffen, doch Feine aufrichtige 
Liebe mehr zwijchen ung ftatt finden fann. So geht es nun auch 
uns. Dmar war ftreng gegen euch, ihr beugtet euch in Demuth vor 
ihm. Othman war mild und ihr habt ihn ermordet. Folge eurer 
Undanfbarfeit war der Schlachttag von Harra, an dem ihr euern 
Frevel gebüßt. Diefen Tag vergeſſet ihr eben fo wenig, ald ich den 
son Dihmans Ermordung. Masudi f. 251, 
1) Nawawi ©, 897, 


Abd Almalik, 485 


„Nur fachte, ihr Menfchen, forget nur für eure Seele, 
ihr feid ja doch des Todes, die Vergangenheit fcheint als 
wäre fte nie gewejen und die Gegenwart, als wäre fie fchon 
vergangen‘ N), 

Abd Almalif, der felöft Dichter war, verfammelte die 
bedeutendften Dichter feiner Zeit an feinem Hofe und befchenfte 
fie wahrhaft fürftlih, feste manchen auch beftimmte Gehalte 
fell. Der Dichter Dierir erhielt für ein einziges Lobgedicht 
hundert Kameele, achtzehn Sklaven und einen filbernen Becher 2). 


1) Tab. f. 12. Bei einer andern Gelegenheit fagte er: „Die 
Zeit erhebt den Einen und erniedrigt den Andern. Seder tadelt 
feine Zeit, weil fie die Zungen alt madt, doch wenn aud) alles zu 
Grunde geht, verläßt uns doch die Hoffnung nie.“ 

2) Sujuti zum Mughni. Dierir war ein Sohn Atijah’s, Sohn 
Chatafi's, aus dem Stamme Tamim. Gr und Ferazdaf führten 
einen vierzigjührigen Federfrieg gegen einander und beide ftarben 
in dem 5. 110 d. 9. Spätere Kunftrichter pflegten zu fagen: Ku: 
their verftand es am beiten, die Liebe zu fchildern, Ferazdaf, fi 
über andere zu erheben, Djerir war der biifigfte Satyrifer und der 
Sohn der Chriſtin (Achtal) der ſchönſte Panegyriker. Bon Manden 
wird indeß behauptet, folgender Vers Achtals fei der befte, den je 
ein Satyrifer gedichtet: „Es find Leute, die, wenn ihr Hund Gäfte 
anbellt, ihrer Mutter jagen: pıffe fehnell auf das Feuer!” Ferazdaks 
Name ift: Hammam Son Ghalib, aus dem Stamme Tamim. Feraz- 
daE bedeutet „ein dicker Laib Brod“ und er erhielt diefen Namen 
wegen feines breiten, vollen Gefihtes. Er war ein Schüler des 
Dichters Tirmah und ein Lehrer Kumeitd. Er wird mit dem heid- 
niihen Dichter Zuheir verglichen, Djerir mit Aaſcha und Achtal mit 
Nabigha. Ald Merkwürdigkeit wird erzählt, dag Ferazdaf viel Um: 
gang mit dem meibliben Geflecht pflegte und doch weder die 
Liebe zu befingen, noch Frauenreize zu fchildern verftand, während 
Dierir auch hierin Meifter war, obgleich er ganz keuſch und zurück— 
gezogen lebte. Ferazdaf war ftolz auf feine Ahnen und tadelt fort: 
während Djerir wegen feiner niedern Abkunft. Sein Großvater 
Safaa war ein frommer und reicher Mann, welcher 1000 dem Tode 
geweihte Mädchen von ihren Eltern Eaufte und unterhielt, denn be- 
kanntlich pflegten viele arme Araber vor Mohammed ihre Töchter 
bei ihrer Geburt oder bald nachher zu tödten. ©. auch über Djerir 
Son Ehallifan I. ©, 294 u. ff. 


486 Neuntes Hauptftüd, 


Ein Beduine trug einft dem Chalifen ein Gedicht vor, das 
ihm fehr wohl gefiel. Djeriv war zugegen, ohne jedoch von 
dem Fremden gefannt zu fein. Als dieſer mit feinem Vor— 
trage zu Ende war, fragte ihn der Chalife um fein Urtheil 
über den beften in einem Lobgedichte vorkommenden Berg, 
da recitirte er den yon Djerir an Abd Almalif gerichteten: 
„Seid ihr nicht der Edelſte unter Allen, die auf Kameelen 
reiten? Iſt eure Hand nicht die Freigebigfte in der Welt?“ 
Dann fragte ihn der Chalife auch nach dem beften Iyrifchen 
und fatyrifchen Verſe und er recitirte wieder einige Verſe 
Dierirs. Diefer war fo erfreut über das Urtheil des Be— 
duinen, der felbft ein ausgezeichneter Dichter war, daß er 
ihn küßte und umarmte und den Chalifen bat, ihm feinen 
laufenden Jahrgehalt — er beftand aus 15,000 Dirham — 
zu fchenfen, Gut, fagte der Fürft der Gläubigen, und id) 
fohenfe ihm dazu nod) eine ähnliche Summe, 

Einft lieg Abd Almalif ein Kameel mit Gold beladen 
und bie drei Iyrifchen Dichter, Dmar, Sohn des Abd AL 
lah ) Ibn Abi Rabiah, Diami Fon Mimar 2) und Kutheir 


1) Sujuti a. a. O.: fchon früher heißt ed, dag Omar von dem 
Ehalifen ungeheure Geldfummen erhielt. Sein Water hieß früher 
Bahir, ward aber von Mohammed Abd Allah (Diener Gottes) ge- 
nannt. Dmar ward nach einigen Traditionen in derfelben Nacht 
geboren, als der Chalife Omar ftarb, und erhielt auch darum feinen 
Namen. Ibn Abbas, der dies erzählte, fegte hinzu: „welche Wahr: 
heit wurde ung enthoben und welchen Tand erhielten wir zum Er: 
ſatze!“ Er farb im J. 98 d. H., und zwar nah Dfahabi Fam er 
auf dem Meere in einem Brande, der auf feinem Schiffe ausge: 
brochen, um. 

2) Djamil war der Sohn Abd Allah’s, Sohn Mi'mars, aus 
dem Stamme Udfra im Hedjad. Sein Tod fällt in das Jahr 82 
dv. 9. In Egypten fragte ihn jemand, warum er denn Butheina 
liebe, die fo mager, daß man mit ihren Knochen Vögel fchlachten 
fonnte. Er antwortete: du fiehft fie eben nicht mit meinen Augen, 
fonft würdeft du dir nichts daraus machen, um ihres Befikes willen 
vor Gott als Ehebrecher zu erfcheinen, Als er auf dem Kranken— 


Abd Almalik, 487 


Azad) rufen und fagte ihnen, wer von euch die drei 
zärtlichften Verſe über feine Geliebte improvifirt, erhält dieſes 
Kameel. 


bette lag, fragte er Abbas Shn Sahl, der ihn befuchte: Was glaubft 
du von einem Manne, der Feine Mordthat, Feinen Diebftahl und 
einen Ehebruch begangen und feinen Wein getrunken? Sch hoffe 
alles Gute für ihn, antwortete Abbas. Nun verfegte der Dichter: 
ih bin ein folder Mann, ich habe den legten Tag meines Lebens 
erreicht und ftehe am Eingang eines andern Lebens, doch ſchwöre 
ih dir bei der Fürbitte Mohammeds, daß, obgleih ih Butheina 
feit dreißig Sahren liebe, ich fie doc nie auf eine unzüchtige Weiſe 
berührt. Butheina war troftlos, als fie Djamild Tod vernahm. 
Auch fie Fam einft vor Abd Almalif, welhem fie jo wenig gefiel, 
daß er ihr fagte: was hat wohl Diamil bewogen, dir fo zärtliche 
Gedichte zu widmen? Sie erwiederte: was hat wohl das Volk an 
dir gefunden, daß es dich zum Chalifen erhoben? Abd Almalif lachte 
und gewährte ihr, was fie verlangte. 

1) Kutheir war ein ganz unpraftifher Menſch. Gr fam einft 
zu Abd Alaziz, dem Statthalter von Egypten, und obgleich er von 
Gefhäftsführung gar nichts verftand, hielt er doch um die Stelle 
des Staatsfecretärd an, er erhielt fie natürlich nicht, doch ward er 
von ihm befchenft. Kutheir war ein Sohn Abd Grrahmans Ibn 
Alaswad aus dem Stamme Chuzaa, Der fromme Omar Ibn Abd 
Alziz fagte einft: ich erfenne die Frommen und Gottlofen der Söhne 
Haſchims an dem Grade ihrer Liebe zu Kutheir, denn er war ein 
Ketzer und glaubte an die Wiederfehr des Imams und an die See: 
lenwanderung. Wer mit ihm umging, ward daher von Omar für 
einen Gottlofen gehalten. Der Dichter Ferazdaf traf einft mit ihm 
zufammen und fagte ihm: Niemand hat wie du die Liebe befungen 
in dem Berfe: „Sch wollte Leila vergeffen, aber mir ift, als ftände 
fie auf jedem Wege vor mir.“ Diefer Berd war aber ein Plagiat 
aus einem Gedichte Djamils. Abd Almalif wünfhte lange Zeit 
feine Befanntihaft zu mahen, als er ihn aber jah, bereute er es, 
denn er war bäßlih, klein und hager. Kutheir fagte aber: fachte, 
o Fürft der Gläubigen! der Mann bewährt fih dur feine zwei 
Eleinften Theile, durd fein Herz und feine Zunge. Mit Iegterer 
drüdt er feine Gedanfen aus und mit erfterem zieht er dem Feinde 
entgegen. Er improvifirte dann ein Gedicht, in welhem es unter 
anderm heißt: „du fiehft manchen ſchmächtigen Mann mit Gering- 


488 Neuntes Hauptſtück. 


Omar ſprach folgende Berfe: 

„D dürfte ich doch deine Wangen füffen, wenn meine 
legte Stunde herannaht! möchte man mid dod, wenn ich 
todt bin, nur mit deinem Speichel benegen und mit deinem 
Dlute und dem Staube deiner Füße mid) einbalfamiren! 
Wäre nur Suleima (fo hieß feine Geliebte) meine Beiſchlä— 
ferin im Grabe, gleichviel, ob im Paradiefe oder in der 
Hölle,” 

Djamil fagte: 

„O Butheina! ich ſchwöre — und gewiß, mein Schwur 
ift wahr — blind will ih werden, wenn ih falſch ſchwöre! 
ich ſchwöre bei den geweihten Thieren, die als Opfer ge— 
fchlachtet werden, daß die Liebe mein Herz gebrochen und ich) 
das Leben nimmer lang ertragez; daß aber, wenn nad) meinem 
Tode mich ein Todtenbefchwörer mit einem einzigen Worte 
aus dem Munde meiner Geliebten heraufbeſchwören wollte, 
ich fogleich wieder ins Leben zurückkehrte,” 

Kutheir ſprach: 

„Bet dem Leben meines Baters und meiner Mutter! 
meine Geliebte Azza befhämt alle ihre Feindinnen. Schöne 
Frauen befuchen mich, um mir Azza zu verleiden; doch ihre 
Wangen find nicht fo ſchön als Azza’s Fußſohlen. Gewiß, 
wenn Azza der Morgenfonne den Preis der Schönheit ftreitig 
machen wollte, fo müßten unparteiiihe Richter folchen ihr 
zuerfennen.” 


ſchätzung an, aber unter feinem Gemande ftedt ein Löwenherz. 
Manche fchöne Geftalt nimmt dich ein, du mwendeft dich aber ab von 
ihr, wenn es gilt, Muth zu zeigen. Nicht Körpergröße ſchmückt den 
Mann, Tugend und Edelmuth find des Mannes wahre Zierde.“ 
Abd Almalif entfchuldiate fich bei ihm und behandelte ihn mit großer 
Auszeihnung. Sn feinem Alter verftummte er und fagte: Azza ift 
todt, mich begeiftert nichts mehr, meine Jugend ift dahin, mich freut 
nichts mehr und Ibn Leila (Abd Alaziz) ift im Grabe, ich wünſche 
nichts mehr.“ Gr flarb im J. 105 d, 9. 


Abd Almalık, 489 


Abd Almalif fagte dann: Freund der Hölle! (Dmar) 
nimm das Kameel mit Allem, was darauf iſt ). 

Selbft der chriftliche Dichter Achtal, ein Zeitgenoffe und 
Wettkämpfer Dierirs und Ferazdafs, welche zufammen Das poe— 
tiſche Triumvirat jener Zeit bildeten, fand bei dem Chalifen 
eine freundliche Aufnahme und nahm den erften Rang unter 
feinen Hofdichtern ein, denn er hatte ſchon Jezid, den Sohn 
Muawia’s, gelobt und die ihm widerfpenftigen Gefährten des 
Propheten verfpottet 2). 

Die angefühtten Thatſachen, denen ſich noch manche ähn— 
liche beifügen ließen, beweifen zugleich) au, daß Abd Almalik 
feineswegs den Namen eines Geizhalfes verdiente, den ihm 
fpätere Autoren beigelegt und den ihm vielleicht bei feinem 
Leben jhon irgend ein alter unzufriedener Gefährte oder Ver— 
wandter des Propheten gegeben. Wir glauben aber auch ſchon 
darum nicht an Abd Almalifg Geiz, weil wir bei mehreren 
Beranlaffungen von bedeutenden Summen Iefen, Die anges 
wendet wurden, um einflußreihe Männer zu gewinnen, und 
weil endlich nach einer zuverläffigen ältern Duelle, welche 
gewiß nicht der Parteilichkeit für die Omejjaden angeklagt 
werden fann, Abd Almalif einft fagte: „Niemand war der 
Herrſchaft würdiger als ich. Abd Allah Ibn Zubeir hat zwar 
viel gebetet und gefaftet, aber fein Geiz machte ihn der 


1) Bergl. auch über Omars Abenteuer mit einer Tochter Abd 
Almalifg, welche einen hohen Grad von Bildung gehabt zu haben 
fheint, Kitab Alaghani ©. 118 und über Djamil und Kutheir, Ibn 
Challik. I. ©. 331 u. ff. 

2) Sujuti a.a.D. Achtals Name war: Ghijath Ibn Ghauth, aus 
dem Stamme Taghlab. Suleiman, der Cohn Abd Almaliks, fragte 
einft den frommen Dmar Sbn Abd Alaziz um fein Urtheil über Achtal 
und Djerir, Er fagte: Erlaffe mir dies! als aber Suleiman in ihn 
drang, ihm zu fagen, welchen er höher ftelle, antwortete er: „Achtal 
war durch feinen Unglauben gehemmt, während der Islam dem 
Djerir ein freies Feld geöffnet und doch hat Erfterer es zu einer 
hohen Zollfommenheit gebracht.“ Bei Gott! rief Suleiman, du 
haft Achtal über Djerir geftellt, 





490 Neuntes Hauptſtück. 


Herrſchaft unwürdig“ 1). Sehen wir aber hieraus, wie leicht 
ein Chalife, weil er fich nicht fcheute, Mekka wie eine feind- 
fihe Stadt belagern und die heilige Kaaba wie einen heid— 
niſchen Tempel zerftören zu laffen, son fpätern Sanatifern 
verunglimpft werden fonnte, fo dürfen wir auch mande an- 
dere ihm aufgebürdete Schuld noch bezweifeln, und fann auch 
feines Betters Saids Ermordung — der größte und auch in 
unjern Augen unverzeihlihe Fleden feiner Regierung — als 
eine biftorifhe Thatfache angenommen werden, fo folgen wir 
doch Lieber den Traditionen, welche ihn als einen Ver⸗ 
räther bezeichnen und wenigftens nicht durch des Chalifen 
eigne Hand umfommen laffen. Die oben erwähnten Streitig- 
feiten mit feinem Bruder, dem Statthalter von Egypten, 
ſcheinen mehr durd feine Söhne veranlaßt worden, als von 
ihm felbft ausgegongen zu fein. Wenigſtens wird berichtet, 
dag er, als Abd Alaziz fich weigerte, den Anfprücen auf die 
Thronfolge zu entfagen, fie fragte: „habt ihr irgend ein Ver- 
brechen begangen ?” und als fie diefe Frage verneinten, ihnen 
fagte: „Wenn euch Gott die Herrichaft verleihen will, fo 
fann fie euch niemand entreißen.“ Diefe VBorausfagung be- 
währte fih auch, denn von den fiebzehn Kindern, die er 
hinterließ, beftiegen vier Söhne nad ihm den Thron. 


1) Zab. J. 151. Das diefer Autor im ganzen Leben Abd Al: 
malifs nichts von feinem Geije erwähnt, verfteht fi von jelbft. 
Auch von dem nad Abulfeva wegen feines Geizes ihm verliehenen 
Spottnamen „Felſenſchweiß“ ift bei Zab. Feine Rede. Auch bei 
Sujuti zum Mughni wird ein Vers des Dichters Humeid Ibn Ma— 
lik Alarkat angeführt, in welhem er zu Abd Almalik fast: „Warum 
foll ich den beiden Chubeib beiftehen ? ich bedarf ihrer nicht, mein 
Smam (Abd Almalif) ift weder geizig noch veranlußt er die Ent: 
mweihung der Heiligthümer.“ Unter den beiden Chubeib, fagt Sujuti, 
ift Abd Allah Son Zubeir und fein Bruder Musab zu verfteben. 
Griterer hieß Abu Chubeib, weil er einen Sohn hatte, der den Na: 
men Chubeib führte und Mußab wird, in Gemeinjchaft mit feinem 
Bruder, gleihfam von diefem Namen überwunden (Ala Attaghlib). 


Zehntes Hauptſtück. 


Welid. 


Welid's Antrittsrede. — Seine Statthalter. — Omar's Verwal— 
tung in Medina. — Chalid Ibn Abd Allah in Mekka. — Said's 
Hinrichtung. — Jezid's Flucht zu Suleiman. — Kuteiba's Züge nach 
Transoxanien. — Unterhandlungen mit Kaſchgar. — Eroberungen 
Mohammed's in Indien. — Maslama's und Abbas’ Feldzüge in 
Kleinaſien und Armenien, — Muſa's Züge in Afrifa. — Eroberung 
von Tanger. — Tarik zum Statthalter von Weſtafrika ernannt. — 
Kriege mit dem Grafen Julian. — Zuſtand Spaniens um dieſe 
Zeit. — Graf Sultan verbündet fih mit Tarif. — Erſte Landung 
der Mujelmänner in Spanien unter Tarif. — Ihm folgt bald Tarif 
mit einem größern Heere nah. — Theodomir muß vor Tarik's Trup: 
pen weichen. — Roderich fammelt ein Heer bei Cordova. — Tarif’s 
Rede an feine Truppen. — Schlacht bei Feres. — Roderich ver: 
ſchwindet. — Eroberung von Sidonia und Perez. — Belagerung 
und Einnahme Ecija und Cordova. — Malaga wird von den Ara- 
bern bejest. — Granada wird mit Sturm genommen. — Theodomir 
fchliegt Frieden mit den Arabern. — Toledo capitulirt mit Tarif. — 
Einnahme von Guadalarara. — Tarik's weitere Züge bis Altorga. — 
Tarik's Verhältnis zu Mufa. — Mufa führt auch ein Heer nad 
Spanien. — Er unterwirft Sidonia, Sarmona und Sevilla. — Me: 
rida capitulirt mit Mufa. — Aufftand in Sevilla, — Mufa läßt 


492 Zehntes Hauptflüd, 


Tarif verhaften. — Ermird auf Befehl des Chalifen in Freiheit gefegt.— 
Saragoſſa wird von Tarif belagert und nach Mufa’s Eintreffen zur 
Capitulation gezwungen. — Unterwerfung von Tarragona, Barcelona 
und Gerona, durch Muſa. — Tarif nimmt Tortofa, Valencia, Fativa 
und Denia ein. — Mufa wird vom Chalıfen zurücgerufen. — Un— 
ternimmt noch einen Feldzug nad) Galizien. — Er läßt feinen Sohn 
Abd Alaziz als Statthalter zurück. — Reiſ't in Begleitung Tarik’s 
über Kairamwan und Koftat nah Syrien. — Mufa wird vom Chali: 
fen mißhandelt. — Sein und Tarik’s weiteres Schieffal. — Abd Alaziz 
wird, wahrfheinlih auf Befehl des Chalifen, ermordet. — Welid 
befördert die Cultur im Reiche. — Seine mohlthätigen Schöpfuns 
gen. — Zufammentreffen mit Said Sbn Mefejjad. — Wird von 
mehreren Dichtern gelobt. — Haddjadj’s Charakter. — Seine Ver— 
dienfte um den Koran. — Schreiben an den Chalifen. 





Welid feste das Regierungsſyſtem feines Waters fort, 
und da die innern Unruhen unterdrüdt waren, fonnte er um 
fo nachdrücklicher an der Vergrößerung feiner Herrfchaft nad) 
Außen arbeiten. Seine erfte Kanzelrede war dem Lobe fei- 
nes Vaters und der Ermahnung zum Gehorfam und zur Ei- 
nigfeit gewidmet. „Wir find Gottes und Fehren einft zu ihm 
zurück,“ waren feine erften Worte, „Bei Gott allein finden 
wir Rraft, um den Tod des Emirs zu ertragen. Sein 
Menſch kann verfchieben, was Gott für eine beftimmte Zeit 
beſchloſſen, noch das von ihm Feftgefegte vorrüden. Der 
Tod gehört zu den yon Gott in feiner Weisheit gefaßten Be— 
fhlüffen, er hat ihn feldft über Propheten und über die fet- 
nen Thron tragenden Engel verhängt. Der Herrſcher dieſes 
Volks ift in die Wohnung der Neinen hinübergegangen. Er 
bat fie verdient durch feine Strenge gegen Zweifler, wie Durch 
feine Güte gegen ©erechte und Tugendhafte. Er hat die 
Paniere und Leuchtthürme des Islams erhalten, durch feine 
Pilgerfahrt wie durch feine Kriege gegen Ungläubige, Er 
war weder ſchwach noch übermüthig. Bleibet jet einig und 
gehorhet! Satan ift mit den Abtrünnigen, Wer feinen Be- 
gierben freien Lauf vor ung läßt, den ſchlagen wir auf ben 


Welid. 493 


Kopf, wer ſchweigt, ſtirbt einen natürlichen Tod ). Für die 
Erhaltung der Ruhe in Irak ſorgte fortwährend Haddjadj, 
der auch unter Welid eine unbeſchränkte Macht behielt und 
ganz nad Willführ Jezid Ibn Muhallab in ein Gefäng- 
niß werfen ließ 2) und deſſen Bruder Habib der Statt- 


2) Tab. f. 152. Der Sinn des legten Satzes ift mir nicht 
ganz Far. Es heißt wörtlich: wer ung aufdeckt feinen eignen Willen, 
ſchlagen wir das worin feine Augen, und wer fehweigt, ftirbt durd 
feine Krankheit. (man abda lana dsata nafsihi dharabna alladsi fihi 
ainaihu waman sakata mata bidaihi.) 


2) Sezid mußte, nah Tab., bis zum J. 94 im Kerker ſchmach— 
ten und allerlei Kränfungen erdulden. Seine Schwefter Hind ward 
son Haddjadj, ihrem Gatten, weggeſchickt, weil fie ihn bemitleidete. 
Erſt im 5. 94 entfam er mit feinen Brüdern Mufadohal und Abd 
Almalif, durch Hülfe feines Bruders Merwan aus Bafra, welcher 
die Gefängnißhüter bewirthete und dann mit ihm auf bereitftehen: 
den Pferden davonjagte. Vor Haddjadj entfliehen, war aber nichts 
Leichtes, denn Welid und alle Statthalter des Reihe waren ihm 
gerwiffermaßen unterthban. Gr mußte auf Umwegen und nur des 
Nachts reifen; erſt nah manchen Gefahren kam er nad Paläftina 
zu Wahb Ibn Abd Errahman, der ihn dem Schuge Suleiman’s, 
Bruder des Chalifen, empfahl. Einem Manne wie Haddjadj, blieb 
aber Jezid's Zufluchtsort nicht lange verborgen. Er wendete ſich 
daher an den Chalifen, mit der Bitte, ihm Jezid wieder auszuliefern, 
da er es für gerecht und zweckmäßig halte, ihn fo lange im Gefäng: 
niſſe zu laffen, bis er die von feiner Stutthalterfchaft her noch ſchul—⸗ 
digen 600,000 Silberftüde herausgäbe. Welid fchrieb fogleih an 
feinen Bruder um die Auslieferung Jezid's. Suleiman bemühte fih 
vergebens, den Chalifen zu überzeugen, daß feinem Schüglinge von 
Haddjadj Unrecht gefhehen und dag es für ihn eine Schande wäre, 
wenn ein Freund bei ihm feinen Schuß mehr fände. Welid beftand 
auf Jezid's Auslieferung. Suleiman fandte dann feinen eigenen 
Sohn Aijub in Ketten mit Sezid umd fchrieb dem Chalifen, fein 
Sohn würde nicht eher die Feffeln ablegen, bis er auch Jezid wieder 
in Freiheit gefegt. Diefer Brief, der Anblick des Neffen in Ketten 
und Jezid's Bertheidigung bewogen endlich den Chalifen, legtern zu 
begnaadigen und feinem Bruder zurüczufenden, bei welchem er als 
Hausfreund bis zu deſſen Thronbefteigung lebte, 


494 Zehntes Hauptſtück. 


halterfchaft von Kerman entfegte, Nur in Medina ward dem 
von Abd Almalik gehaßten und von deffen letztem Statthalter 
Hiſcham Ibn Ismail ſchwer gedrüdten Volke einige Erleichte- 
rung, weil Omar der Sohn des Abd Alaziz, welchen Welid 
als Statthalter nad) Medina fandte, fehr fromm und mild 
war, und gleich bei feiner Ankunft zehn gefegfundige Männer 
wählte, mit denen er alle wichtigen Streitfragen berieth, und 
die er auch beauftragte, feine Unterbeamten zu überwachen N). 
Während feiner Statthalterfchaft wurden auf Welid's Befehl 
die Mofchee zu Medina vergrößert, viele Brunnen gegraben, 


1) Es heißt wörtlich bei Tab. f. 154 r. Als Omar Ibn Abd 
Aaziz nah Medina Fam, ftieg er in dem Haufe Merwan’s ab, mo: 
hin die Leute Famen, um ihn zu begrüßen. Nach dem Mittagsgebete 
lieg er zehn Gejegfundige (Fufaha) Medina’s rufen... .. (folgen ihre 
Namen.) Sie famen und nahmen Pas. Dann fagte er, nad dem 
geziemenden Lobe Gottes: „Ach habe euch gerufen zu einer Sache, 
die euch Lohn bringen wird, und durch die ihr Gehüffen fein follt 
zum Recht. Sch will nichts entjcheiden ohne euern Rath, oder den 
Rath derjenigen von euch die anmefend find. Geht ihr Jemanden, 
der Gewalt übt, oder höret ihr von einem meiner Beamten ein Un, 
recht, fo fordere ich euch bei Gott auf, mich davon in Kenntniß zu 
fegen.“ Auf diefes Tribunal, wie ed auch Abulfeda ©. 428 befhreibt, 
das nur Omar für Medina einrichtete, während Haddjadj und an- 
dere Statthalter ganz nach Willkühr herrfchten, gründet fich folgen: 
des bei Flügel ©. 82: „Zu eigener Ruhe und zur Befriedigung der 
Anfprüce feiner Untertbanen ernannte er (Welid) fogleih nad) fei- 
nem NRegierungsantritte einen Gerichtshof von zehn der ausgezeich— 
netiten und redlichiten Nechtsgelehrten am Grabe des Propheten zu 
Medina. Gr felbft unterwarf fi deffen Ausfprühen, ohne den 
Mitgliedern diefes Rathes Willführ zuzugeftehen. Er machte es 
ihnen zur ftrengen Pflicht, über das Verhalten der Unterbeamten zu 
wachen, und von jeder Bedrückung, die fih einer oder der andere 
erlauben möchte, ihm felbft Anzeige zu erftatten. Allen Maächtſprü— 
hen und Gewaltftreichen, den gewöhnlichen Hebeln morgenländifcher 
Tyrannei feste er fomit ein Ziel, und die Dankbarkeit und das Ver: 
trauen feiner Völker, deren Arme und Waijen noch unter feinem 
befondern Schuge ftanden, war die Belohnung.“ 


Welid. 495 


die Straßen verbeffert und den Invaliden Penſionen ertheilt. 
Aehnliche nügliche Arbeiten wurden in Meffa angeordnet, fo 
dag der nachherige Statthalter Chalid Ibn Abd Allah Alfasri, 
nachdem zwei Brunnen in Tawa und Hadiun gegraben wur— 
den, einft den Chalifen über Abraham erhob, weil das Waffer 
diefer Brunnen füßer war, als das der Semfernquelle, welche 
die Sage dem Abraham zufchreibt. Dmar’s milde Herrfchaft 
mißfiel aber dem Haddjadj, weil viele Jrafaner, um dem auf 
ihnen laſtenden Druck zu entgehen, fih nad Meffa und Me- 
dina flüchteten. Welid entfette daher (im Jahre 93) feinen 
Better und ernannte, auf Haddjadj's Vorſchlag, Othman Ibn 
Hajjan als Statthalter von Medina und den eben genannten 
Chalid Ibn Abd Allah als Statthalter yon Mekka. Diefer 
drobte gleich in feiner erften Nede jedem Hausbefiger in Mekka, 
der einen der Regierung feindlih Gefinnten bei ſich aufneb- 
men würde, mit der Zerftörung feines Haufes, und Tieferte 
alle flüchtigen Irakaner, unter denen auch der berühmte Tra- 
Ditionsgelehrte Said ) Ibn Djubeir war, dem Haddjadj aus, 
der ihn binrichten ließ, weil er an der Empörung Abd Errah— 
man's Ibn Aſchath Theil genommen. Auch Othman ver: 


1) Als Abd Errahman zu den Türken floh, begab fih Said 
nah Iſpahan. Haddjadj befahl dem Statthalter von Sipahan ihn 
auszjuliefern, diefer gab aber Said Kunde von dem erhaltenen Bes 
fehle und rieth ihm zur Flucht. Er blieb dann mehrere Sahre in 
Adferbivjan, und begab jih unter Omar's Statthalterfchaft nad) 
Mekka. Bon diefem Said, welcher im Sahre 94 hingerichtet ward, 
werden viele Wunder erzählt. Nach einer, von Haddjad’s Pfortner 
herrührenden Sage, (Nawawi ©. 279) fol! fein Kopf, ald er auf den 
Boden fiel, noch gerufen haben: „Es gibt feinen Gott außer Gott.“ 
Nach dem türf. Tab. (S. 107) fogar dreimal, einmal ganz laut, fo 
daß es jeder verftand, das zmweitemal etwas gebrochen und das dritte: 
mal ganz leife. Haddjadj foll nur 40 Tage nad Said geftorben 
fein und ihn jede Naht im Traume gefehen und die Worte ver- 
nommen haben: „Feind Gottes! was habe ich dir gethan, daß du 
mich hinrichten ließeſt ?“ 


496 Zehntes Hauptſtück. 


bannte gleih alle Jrafaner aus Medina und hielt folgende 
Rede auf der Kanzel: „D ihr Medinenfer! ihr waret in 
früherer Zeit ſchon und feid auch jest noch gegen den Fürften 
der Gläubigen übel gefinnt, Nun haben fih auch Leute zu 
euch gejellt, die euch noch fehlimmer machen, Männer der 
Zwietracht und Scheinheiligfeit, Bewohner Iraks, eines Lan- 
des, welches, bei Gott! das Neſt der Scheinheiligfeit ift und 
das Ei aus dem fie hervorgeht. Bei Gott! ich habe ftets 
gefunden, daß die Jrafaner es ſich zum größten Verdienſte 
anrechnen, dem Gefchlechte Abu Talib’s (Ali's) Gutes nach— 
zureden, doch haben fie weder zu diefem noch zu irgend einem 
Andern eine innige Anhänglichfeit, denn fie haffen die ganze 
Welt; indeffen bringen fie es nad) Gottes Willen, zu nichts, 
als dag ihr Blut dahin firömt. Bei Gott! wer einen von 
ihnen bei fi aufnimmt, oder ihm eine Wohnung vermietbet, 
dem laſſe ich fein Haus einreißen und beftrafe ihn wie er es 
verdient. Schon als Dinar Ibn Chattab, der für das Wohl 
feiner Unterthanen beforgte Chalife, die Mufelmänner nad) 
fremden Ländern verpflanzte, und die Leute fragte, ob fie nach 
Irak oder nad) Syrien wollten, hieß es immer: lieber nad) 
Syrien, denn Irak ift ein ſchlimmes, verborbenes, vom Sa— 
tan ausgebrütetes Land. Bei Gott! fagte er einft, alle Mittel, 
die Jrafaner zu befjern, fcheitern, es bleibt nichts mehr übrig, als 
fie in dem ganzen Neiche zu zerftreuen, aber dann würden 
fie duch ihren Geift der Unruhe und ihre Streitfucht alle 
Länder anfteefen, wo fie hinfämen, Sie fragen immer: „wie“ 
und „warum”, und find ftets zum Aufruhr bereit, follen fie 
aber das Schwerdt ziehen, da bleiben fie zurück.“ Nachdem 
er dann noch die Treulofigfeit der Jrafaner gegen Othman 
und unter Muaria fchilderte, fuhr er fort: „Berharret im 
Sehorfam, ihr Bewohner Medina’s! denn ich habe Erfahrung 
in Bekämpfung der Widerfpenftigfeit. Seid ihr feine Männer 
des Krieges, fo bleibet ruhig in euern Käufern und fchlaget 
eure Augen nieder, Denn ich fende Leute in eure Gefellihaf- 
ten, die mir alles, was fie hören, binterbringen. Ihr feid 


Welid. 497 


gewöhnt viel Ueberflüſſiges zu reden, das taugt nichts. Höret 
auf, ‚die Statthalter zu tadeln, denn fo löſ't ſich nach und 
nad das Band, bis endlich ein Aufruhr daraus folgt. Auf— 
ruhr iſt aber ein Verderben, in welchem Glaube, Menjchen 
und Güter zu Grunde geben.” Hierauf wurde in allen 
Straßen der Stadt ausgerufen: „Wer einen Jrafaner beher- 
bergt, fteht nicht mehr unter dem Schutze Gottes,“ das heißt 
mit andern Worten, bat fein Leben verwirkt. 

Diefe Strenge gegen den geringften Berfuch zum Auf 
rubr, oder auch fogar gegen den, welcher Nebellen begünftigte, 
ward nur in Arabien, theils aus Rückſicht für den frommen 
Dmar, theils aus Rückſicht für die heiligen Städte, mit denen 
ih Das Haus der Dmejjaden wieder zu verfühnen wünfchen 
mußte, fo ſpät gehandhabt, in allen übrigen Theilen des 
Reichs, und befonders in den unmittelbar von Haddjadj ver- 
walteten Ländern, berrfchte längſt fchon ein furchtbarer Deſpo— 
tismus. Jeder felbitftändige Mann fchwebte fortwährend in 
Gefahr, yon irgend einem Spinne als verdächtig und gefähr- 
lich angezeigt, und von der Polizeibehörde, welche in folchen 
Fällen über dem gewöhnlichen Zribunale ftand, je nach Gut- 
dünfen eingeferfert oder hingerichtet zu werben. Diefe Unbe- 
baglichfeit und Unficherhbeit in der Heimat mochte Manchen 
bewogen haben, unter das Heer zu treten, wo doc wenig- 
ftens Beute oder ein ruhmvoller und feligmachender Tod zu 
erivarten war. Diefem Umftande dürften vielleicht zum Theil 
die großen Siege zugefchrieben werden, welche unter Welid 
faft zu gleicher Zeit von Kuteiba jenfeits des Drug, von 
Mohammed Fon Kaſim am Fundus, von Maslamah, dem 
Bruder des Chalifen, in Armenien und Kleinaften, und von 
Mufa und Tarif in Afrifa und Spanien erfochten wurden, 
Wir werden auch dießmal wieder der beſſern Heberficht willen, 
den Zügen dieſer ausgezeichneten Feldherrn der Reihe nad) 
bis zum Tode Welid's folgen. 

Sobald Kuteiba bei dem Heere anlangte, das fein Vor— 
gänger Mufadhal gegen den Oxus bin führen wollte, bielt 

32 


498 Zehntes Hauptftüd, 


er eine mit vielen Koransverfen und Sprüchen des Prophe— 
ten ausgeftattete Rede, in welder der heilige Krieg als eine 
der gottgefälligften Handlungen und der Märtyrertod als der 
ſchönſte und rafchefte Uebergang zu den Freuden des Para— 
dieſes dargeftellt wird, verfäumte Doch auch nicht, Die Truppen 
nad den materiellen Vortheilen lüſtern zu machen, die fie von 
der Eroberung Transoranieng zu erwarten hätten ). Sein 
erfter Feldzug war indeffen von fehr geringer Bedeutung. 
Im Gebiete von Talifan vereinigten ſich mehrere Häupter yon 
Bald mit ihm, der Fürft von Saghan überlieferte ihm bie 
Schlüffel der Stadt und die Herrn von Achzun und Schuman 
in Tochariſtan erfauften einen Frieden 2). Nach andern Be- 
rihten ging Kuteiba im erften Jahre feiner Statthalterichaft 
gar nicht über den Drus, fondern befämpfte bloß die Bewoh- 
ner von Bald), welche ſich gegen die Mufelmänner aufgelehnt 
hatten. In diefem Kriege fol die Mutter Chalid's Ibn 
Barmak gefangen und Kuteiba’s Bruder Abd Allah zugefallen 
fein, der fie jedoch nad der Unterwerfung von Bald ihrem 
Gatten Barmaf, welcher ein Arzt war, zurückgab. Aus bie- 
fer kurzen Verbindung 3) foll der genannte Chalid, Stamm: 


1) Son. £ In2y, 

2) Ibid. f. 155 r. Kuteiba Fehrte dann nach Meru zurück und 
ließ feinen Bruder Salih mit dem Heere nachfolgen. Dieß hörte 
Haddjadj und fehrieb ihm: „Wenn du in Zukunft wieder in’s Feld 
zieht, jo mußt du ſtets an der Spige des Heeres ftehen, Fehrft du 
aber von einem Feldzuge heim, fo ift dein Pas in den hinterften 
Reihen des Heeres.‘ 

3) Sie foll, als er fie ihrem Gatten zurüdgab, ihm erklärt 
haben, daß fie ſchwanger fei und er bei feinem Tode feinen Kindern 
anempfohlen haben, Chalid ald ihren Bruder anzuerkennen, was fie 
jedoch nicht thaten. Tab. felbft fchreibt aber a. a. O. v.“ Die Be: 
wohner Balchs fchloffen am folgenden Morgen, nahdem Kuteiba fie 
befriegt, Frieden mit ihm, und er befahl alle Gefangenen zurückzu— 
geben.“ Die ganze Gefchichte ift wahrfcheinfich erft fpäter erfunden 
worden, um den Barmafiden eine edle Abkunft zu verfchaffen. 


Welid. 499 


vater der Barmakiden, welche bis unter Harun Arraſchid die 
höchſten Aemter bekleideten, entſproſſen ſein. Im folgenden 
Jahre, nachdem Kuteiba mit Nizek dem Fürſten von Bad 
Iſa, einem Vaſallen des Königs von Tochariſtan, Frieden ge— 
ſchloſſen, und von demſelben alle Muſelmänner zurückerhielt, 
welche in früheren Feldzügen gefangen worden T), zog er ge— 
gen Peifund, eine Stadt, weldhe jenfeits des Oxus im Ge- 
biete von Buchara Tag ?). Er ward aber von zahlreichen 
Bölkerfchaften, die dem Fürften von Peifund zu Hülfe kamen, 
dermaffen umzingelt, daß er zwei Monate lang nicht einmal 
einen Boten an Haddjadj abgehen laſſen fonnte, fo daß die- 
fer in allen Mofcheen für das entfernte Heer beten ließ. Ku— 
teiba gab zulest, als fein von dem Feinde beftochener 
Spion, in der Hpffnung, ihn dadurch zur Rückkehr nach Meru 
zu bewegen, ihm die falihe Nachricht von Haddjadj's Ent- 
ſetzung bradte, den Befehl zum Angriff und brachte den 
Heiden eine blutige Niederlage bei 3). in Theil des Fein- 
des, der fih in die Stadt warf, Fonnte fie nicht lange ver: 
tbeidigen, fie ergab fih, fobald Kuteiba mit der Zerftörung 
der Mauern begann. Kaum hatte ſich indeffen Kuteiba mit 
dem Hauptheere wieder entfernt, als der Kommandant und 


D bid f. 155 r. 

2) &3 heißt bei Tab. a. a. D. v.: Er ging von Meru nah 
Merurud, dann nah Amul, dann nah Zumm, dann nach Peifund, 
welche die nächte Stadt Buchara’s gegen den Strom hin und auch 
Buchar heißt, an der Spige der Wüſte von Buchara. Statt „Bu: 
char” lieſ't man aber bejjer im türf. Tab. S. 94: Tudjar, (Stadt der 
Kaufleute, oder Handelsjtadt, die Worte Buhar und Tudjar werden 
mit denjelben Buchſtaben gefchrieben und unterfheiden jih nur durch 
Punkte). 

3) Den Spion ſelbſt ließ er gleich enthaupten und dem Dhirar 
Ibn Huſein, welcher zugegen war, drohte er mit dem Tode, wenn 
er das Gehörte weiter ſagte, weil er befürchtete, daß die Truppen, 
ſobald ſie Haddjadj's Entſetzung erfahren, ſich nicht mehr ſchlagen 
würden. 

32* 


500 Zehntes Hauptftüd, 


die Feine Befagung die er zurüdgelaffen, verrätherifchermwerfe 
überfallen, und viele von ihnen niedergemeßelt wurden. Jetzt 
fehrte Ruteiba wieder, erftürmte die Stadt und erbeutete darin 
mehr Gold und Edelfteine als in ganz Chorafan bisher ge- 
funden worden "), denn Peikund war eine der größten Hans 
belsftädte Buchara's. 

Im Jahre 88 ſchloß Kuteiba Frieden mit Nu Mafchfat und 
und Ramithunh 2), zwei Städte, welche ebenfalls zu Buchara 
gehörten, und in den beiden folgenden Jahren eroberte er die ganze 
Provinz nebft der Hauptftadt Buchara ?), worauf Tardun, 
der König von Sogd, auch wieder Frieden mit ihm ſchloß 9. 
Als Nizek fah, daß Tarchun, troß feiner wiederholten Empö— 
rung, doch wieder Gnade gefunden, fagte er: diefe Araber 
gleihen Hunden, weldhe bellen wenn man fie ſchlägt, dann 


1) Einer der Häupter wollte fein Leben mit 5000 Stück dine- 
fifher Seidenftoffe, welche 1,000,000 werth waren, losfaufen, ward 
aber auf Kuteiba’d Befehl hingerichtet. Verſchiedene goldene und 
filberne Gefäße und Götzen, welche Kuteiba jchmelzen lieg, follen 
50,000 nad) andern 150,000 Mithfal gewogen haben. Ibid. f. 156 v. 
Nach einer andern Tradition im türf. Tab. ©. 95 fanden fie ein 
goldenes Götzenbild, das 250,000 Mithkal fhmwer war. Daran 
waren zwei Verlen von nie gefehener Größe. Man fragte 
den Mubed, aus welchem Lande diefe Perlen gefommen, und er 
fagte: Zwei Vögel haben fie in den Schnäbeln gebraht und im 
Tempel niedergelegt. Auch behaupten mande, der größte Theil der 
Einwohner waren auf Reifen als die Mufelmänner Peifund überfies 
fen und ausplünderten. 

2) Ibid. f. 159 r. 

8) Ibid. f. 160 v. und 161 r. und v. Sm Sabre 89 wollte er 
Buchara nehmen, 309 fih aber vor dem Könige Wardan Hadfah 
zurüd. Haddjadj machte ihm Vorwürfe deßhalb, worauf er im J. 
90 aufs Neue gegen Buchara aufbrah. Auch dießmal blieb der 
Kampf lange unentjchieden, fchon flohen die Mufelmänner, wurden 
jedoch von den Frauen wieder auf das Schlachtfeld getrieben und 
die Benu Tamim trieben dann den Feind aus der feiten Stellung, 
die er eingenommen, 

4) Ibid. f. 162 v. 


Welid. 501 


aber wieder ſtill ſind und einem nachlaufen, wenn man ihnen 
etwas zu eſſen hinwirft. Er wagte es, ſich ſelbſt noch ein— 
mal gegen die Araber aufzulehnen, mit der Zuverſicht, ſie 
jedenfalls nach einer Niederlage wieder durch Geld zufrieden 
ſtellen zu können ). Er ging daher nad Tochariſtan, Tief 
den König, ſeinen Oberherrn, in Ketten legen, erklärte ſich 
unabhängig von Kuteiba und forderte die Fürſten von Balch, 
Merurud, Talikan, Djusdjan und Kabul auf, gemeinſchaftlich 
mit ihm die Muſelmänner zu bekämpfen. Da der Winter 
ſchon vor der Thüre war, konnte Kuteiba nur noch Balch 
mit 12,000 Mann durch ſeinen Bruder Abd Errahman be— 
fetzen laſſen. Im Frühling 91 aber züchtigte er die rebelli— 
ſchen Städte und verfolgte Nizek bis gegen Ferghana, doch 
gelang es ihm nur durch Verrath, ihn gefangen zu nehmen, 
und nur mit Wortbruch ihn aus der Welt zu ſchaffen 2). 
Noch in demfelben Fahre ward Schuman aufs Neue erobert, 
ebenjo Keih und Nafaf 3). Im Fahre 92 ging Kuteiba nad) 
Sedjeftan und rüftete fich zu einem Feldzuge gegen Zenbil, 
der es aber zu feinem Kriege fommen ließ %). Im Jahre 
93 ward Kuteiba von dem König von Chowaresm, den fein 


1) Ibid. £. 163 r. 

2) Ibid, f. 168 u.ff. Er ſandte Suleim, einem früheren Freund 
Nizek's zu ihm, um ihn zu bereden, fich zu ergeben. Nizek hatte aber 
in einem engen Thale eine fefte Stellung, fo daß er von Kuteiba nichts 
mehr fürdtete. Suleim ließ ihn indeſſen glauben, Kuteiba würde 
ihn auch den ganzen Winter hindurch belagern und auf fo lang war 
Nizek nicht mit Lebensmitteln verjehen. Nizek entſchloß fich indeffen, 
nicht eher Suleim zu begleiten, bis ihn diefer der Begnadigung Ku— 
teiba's verficherte, der ihn jedoch gleich einfperren und fpäter, troß 
der Fürbitte mancher Mufelmänner, die einen ſolchen Verrath und 
Wortbruch nicht billigen konnten, hinrichten ließ. Andere Trapditio- 
nen, zu Kuteiba’s Rechtfertigung erdichtet, verdienen Feine Er: 
wähnung. 

3) Ibid. f. 172. 

4) Ibid, f. 175 v. 


502 Zehntes Hauptſtück. 


jüngerer Bruder der Herrſchaft beraubt hatte, aufgeforbert, 
diefe Provinz zu befegen. Nachdem dieß vollbracht war 1), 
überfiel er die Provinz Sogdiana, die auch von einem Uſur— 
pator beherricht war, führte feine fiegreichen Truppen in bie 
Hauptitadt Samarfand 2), und ließ, gegen ben Friedensſchluß, 
eine Befasung von 4000 Mann zurüd, Im Jahre 94 wur: 


1) Ibid. f. 176 r. Kuteiba verbreitete die Nachricht, als ziehe 
er gegen Sogd, dann überfiel er plöglich Chumaresm, als die Trup- 
pen des Uſurpators zerftreut waren. Die drei Städte Chumaresm’s 
heißen bei Tab.: Medinat Elfil (Elephantenftadt), Farikein und 
Hezareft. 

2) Ibid. £. 177,u. ff. Die Truppen, welche von Schaſch den 
Sogdiern zu Hülfe famen, wurden von den Mufelmännern über: 
fallen, dann Samarfand fo lange befihoffen, bis der König um Fries 
den bat. Kuteiba forderte 2,200,0009 Mithkal jährlihen Tribut (2) 
und für diefes Sahr noch befonders 30,000 männliche Sklaven, da— 
gegen follten feine Truppen in der Stadt bleiben, die anfäfligen 
Mufelmänner jedoch die Befugnig haben, eine Mofchee in der Stadt 
zu erbauen. Als ihm aber alles dieß gewährt worden, zog er doc) 
mit feinen Truppen nicht mehr ab, fo daß, er fich abermals des 
Wortbruchs ſchuldig machte. Von den Gögenbildern, die Kuteiba 
verbrannte, follen 50,000 Mithkal Gold übrig geblieben fein, Unter 
den Gefangenen war eine Tochter Sezdedjerd’s, die Kuteiba dem Had: 
djadj und diefer dem Chalifen fchicfte, welchem fie feinen Sohn Se: 
zid gebar. Tardhun, welcher mit den Mufelmännern Frieden ge 
fchloffen, war damals nicht mehr auf dem Throne von Samarfanpd, 
fondern Ghuref, der jenen eben darum ftürzte, weil er den Mufel- 
männern Tribut gewährt. Aus allem geht hervor, daß Kuteiba von 
den Anhängern Tarchun’s begünftigt ward, und daß die Bewohner 
von Samarfand, um Feiner längeren Belagerung ausgeſetzt zu fein, 
ihm große Summen boten, die er annahm, dann aber doc) verräthe- 
rifher Weife die Stadt befekte. Auch heißt es bei Tab. f. 181 v. 
„als die Nachricht von der Eroberung von Samarfand nah Damask 
fam, fagte ein Syrer: „Bei Gott, ihr habt Samarfand nur dur 
Berrath genommen, Bevor Kuteiba von Samarfand abzog, befahl 
er, daf Niemand in der Stadt Waffen trage, daß jedem Fremden, der 
in die Stadt komme, die Hände zufammengefiegelt werden, und daß 
des Nachts Niemand, bei Todesftrafe, fein Haus verlaffe. Bid. f. 182 r. 


Welid. 503 


den die Städte Schaſch (Taſchkend) Chochand oder Djuchand 
und Kaſan in der Provinz Ferghana eingenommen I), Im 
folgenden Jahre ftand er ſchon wieder in Schafch, um von dort 
aus feine Eroberungen fortzufegen, als ihm die Kunde von 
Haddiadis Tod zufam, die ihn bewog, wieder nach Meru zu— 
rüdzufebren, und die Befehle des Chalifen abzuwarten 2). 
Im Jahre 96 endlich z0g er aufs Neue nad Ferghana und 
fhon waren feine Borpoften, oder wenigſtens feine Gefandten 
in Kaſchgar 3), als er den Tod des Chalifen vernahm und 
feine Entfegung befürchtete, weil er ed mit denen gehalten, 


1) Ibid. f. 184 r. und v. 

2) Ibid, f. 188 v. im Schawal des J. 95 nah Andern fturb 
Haddjadj den 25. Ramadhan, in einem Alter von 54 Sahren, Seine 
Statthalterfchaft dauerte zwanzig Jahre nah Wakidi. Nach f. 167 
v. ftarb er Freitag den 23. Ramadhan. Shm folgen Sezid Son Abi 
Kebihan für den Krieg und Zezid Ibhn Abi Muslim, oder nad Be: 
ladori, Salih Sbn Abd Errahman über die Finanzen. 

3) Ibid. ©. 192 u. ff. Der König von Shina, heißt es, ver: 
langte, ald Kuteiba’s Truppen nad Kaſchgar (mahrfcheinlich nach 
dem Gebiete von Kaſchgar) kamen, zu unterhandeln. Kuteiba fandte 
ihm zwölf Mann, an deren Spitze Hubeira. Gie gingen den erften 
Tag an den Hof in weißem Hausgewande mit Sandalen, und zogen 
fid; wieder zurüd, ohne ein Wort zu fprechen. Den zweiten Tag 
legten fie foftbare und reich verzierte Kleider an, fprachen aber wie: 
der Fein Wort. Am dritten endlich erfchienen die Gefandten in voller 
Kriegsrüftung mit Helm und Panzer bededt. Als der König über 
diefe dreifahe Erfcheinung Aufichluß verlangte, fagte Hubeira: Das 
erfte Mal famen wir in einem Aufzjuge, als hätten wir es nur mit 
Frauen und Kindern zu thun, das zweitemal, als hätten wir gegen 
vornehme Herrn zu Fämpfen, und das drittemal wollten wir zeigen, 
mie mir gegen deine Krieger auftreten würden. Nach Kuteiba’s Ver: 
langen gefragt, fagte Hubeira: „er hat geſchworen dein Land mit Füßen 
zu treten, deine Bafallen in Ketten zu legen und dich zu einem Tribut 
zu verpflichten. Gut, fagte der König, ich fende ihm Geld mit etwas 
Erde aus meiner Stadt, durch vier meiner Großen. Er mag ihnen 
Ketten anlegen, das Geld nehmen und die Erde mit Füßen treten. 
Dies gefhah und Kuteiba drang nicht weiter vor gegen China??? 


504 Zehntes Hauptſtück. 


welche an Suleiman’s Stelle Welid's Sohn Abd Maziz zum 
Thronerben erheben wollten, 

Mit dem Regierungsantritte Welidg wurde aud wieder 
an bie ſüdöſtliche Gränze des Reichs, wo unter Abd Alma— 
lik nur einige unbedeutende Streifzüge I) ftatt gefunden hatten, 
eine, größtentheis aus Syrern zuſammengeſetzte Armee ?) ge: 
gefchieft, um auch auf Diefer Seite dem Islam eine weitere 
Ausdehnung zu geben. An die Spise diefer wohlausgerüfte- 
ten Armee ftellte Haddjadf, zu deffen Statthalterfchaft alle 
öftlih von Irak gelegenen mufelmännifchen Provinzen gehör— 
ten, feinen Better Mohammed Jon Kaſim. Diefer augge- 





1) Reinaud fragmens arabes etc. p. 165. Da heißt es bei Be- 
fadori, dem wir hier folgen, daß Said Ibn Aslam, der erfte von 
Haddjadj ernannte Statthalter von Mefran, mit eiferfüchtigen Ara- 
berhäuptlingen zu kämpfen hatte. Madiaa, fein Nachfolger, machte 
eine Gaziah in dad Gebiet von Candabyl. Diefer ftarb nad einem 
Sahre, und ihm folgte Mohammed Ibn Harun. Diefem fihenfte 
der Fürft von Ceylan mufelmännifche Frauen, die fich auf feiner Sn- 
fel befanden, aber das Schiff ward von Seeräubern aus der Gegend 
von Daybal genommen. Haddjadj wendete fih an den Fürften von 
Daybal wegen der Zurücgabe diefes Schiffes, und da er ihm Feine 
Genugthuung gab, fendete er zuerft Ubeid Allah Son Nabhan mit 
Truppen gegen Daybal. Da diefe Erpedition mißlang, follte Bo: 
dal von Oman aus zu Waſſer gegen Daybal vorrüden, aber auch 
Bodail fällt fo bald er landet, und num folgt Mohammed Sbn Kafım. 
Hauptfache ift wohl, daß unter Abd Almalif nicht viel Truppen nad) 
fo entfernten Ländern gefchiett werden konnten. Dieß lieſ't man 
auch bei Abulfeda Annott. p. 107: »Hegagus ergo veniam rogabat ab 
Abd Al Maleco Jndiam armis impetendi. Sed Abd Almalee negabat 
praetendens nimis remota esse loca, neque debere moslemos pericu- 
lis temere objectari. Quum autem eo mortuo succederet Valid, roga- 
bat Hegagus et impetrabat ab eo veniam Indos invadendi.« 

2) Die Armee, heißt es im Terte, war mit allem verfehen, was 
zu einem folhen Zuge nöthig war, felbft Faden und Madeln waren 
nicht vergeffen worden. Haddjadj ließ auch Baumwolle in Eſſig tau- 
chen, dann im Schatten trocknen, und jandte fie diefen Truppen, damit 
fie bei Mangel an Eſſig mit diefer Baumwolle dem Waffer einen 
Eſſiggeſchmack geben könnten. 


Welid. 505 


zeichnete Feldherr befand ſich, als er zum Befehlshaber der 
indiſchen Armee ernannt ward, in Fars, und zog von hier 
nah Mekran, wo er fo lange blieb, bis dieſe Provinz voll- 
ftändig unterworfen war )Y. As Mohammed feinen Rüden 
von Feinden befreit hatte, brach er gegen Daybal auf umd 
nabm diefe Stadt mit Sturm ein, nad einer langen und 
fhwierigen Belagerung. Die befiegte Stadt wurde drei Tage 
lang der Wuth der Soldaten preis gegeben, dann lieg Mo— 
bammed den Mufelmännern, die er als Beſatzung zurückließ, 
ein eigenes Stadtviertel einräumen und Darin eine Miofchee 
bauen. Diefer glänzende Sieg der Araber verbreitete einen 
ſolchen Schreden, dag Mohammen, ohne große Schwierigfeit 
bis an den Indus vordringen fonnte, denn die meiften Städte, 
welche auf feinem Wege lagen, unterwarfen ſich ohne Schwerbt- 
ftreich, und verfaben ihn noch mit Lebensmitteln. Erſt als 
Mohammed auf einer Schiffbrüdfe den Indus überfchritten 
hatte, begegnete er einem indilchen Deere, an deſſen Spike 
Daber ftand. Nach einer mörberifhen Schlacht, in welcher 
Daber felbft umfam, und feine Truppen theils niedergemacht 
theils in die Flucht gefchlagen wurden, bemächtigte fih Mo— 
hammed der ganzen Provinz Sind. Daur und Bahman- 
Abad 2) die alte Brahmanenftadt, wohin fih die Flüchlinge 
von Daher's Armee geworfen hatten, wurden mit Sturm ge— 
nommen, Alor, Savendary und andere Städte ergaben ſich 
unter der Bedingung, daß ihre Tempel nicht weniger als bie 
Kirhen der Chriften und Synagogen der Juden verfchont 
blieben 9. Jetzt feste Mohammed über den Beyasflug 


1) Es werden befonders zwei Städte genannt, Kyzebu und Ar: 
manl oder bejier Armabyl. 

2) Dieje Stadt lag zwei Pharafangen von der fpätern Stadt 
Manßurah. 

3) Der Krieg hörte um dieſe Zeit auf ein heiliger zu ſein, denn 
der Hauptzweck deſſelben, Bekehrung der Heiden ward verfehlt. Ne— 
ben Allah durften Götzen angebetet werden, wenn nur Tribut be— 
zahlt wurde, 


506 Zehntes Hanptftüd. 


(Hyphasis) und griff Multan an. Die Belagerung dieſer 
Stadt z0g fih in die Länge, und die Mufelmänner Titten 
große Noth, bis es ihnen gelang, den Belagerten das Waffer 
abzufhneiden, fo daß fie genötbigt waren, fi auf Gnade und 
Ungnade zu ergeben. Ungebeure Schätze wurden in Multan, 
wohin viele Indier wegen eines uralten Götzen wallfahrten D), 
erobert; alle waffenfähigen Männer wurden niedergemeselt, 
Frauen und Kinder als Sklaven verfauft. 


1) Der in Multan verehrte Götze foll nah Beladori den Pro: 
pheten Hiob (?) vorgeftellt haben. Bei Albiruni heißt es nah Rei: 
naud’8 Ueberſetzung: Gbid. p. 141) L’idole de Moultan, une de celles 
qui ont ete les plus celebres, etait appelee Aditya a cause qu'elle 
etait consacree au soleil. Cette idole etait en bois, mais enveloppee 
d’une peau d’antilope de couleur rouge. Ses deux yeux consistaient 
dans deux rubis eic. Befonders merkwürdig und das in der vorher- 
gehenden Note beftätigend, iſt folgendes: »Lorsque Mohammed fils 
de casem fils de Monabbah fit pour la premiere fois la conquete de 
moultan, il reconnut que la presence de cette idole et l’affluence des 
pelerins qu’elle attirait, etaient une source de prosperite pour le pays, 
il laissa done l'idole debout: seulement pour montrer son mepris pour 
la superstition des Indiens, il fit attacher au cou du Dieu un morceau 
de viande de vache.« Erſt fpäter als fih die Karmaten der Stadt 
Multan bemeifterten, ward der Götze zerftört und der Tempel in 
eine Mofchee verwandelt. Die in Sndien gemachte Beute foll 
120,000,000, und die Koften des Feldzugs follen nur 60,000,000 
Diahren betragen haben. Tab. faßt den ganzen indifhen Krieg in 
folgenden wenigen Zeilen zufammen: „Sm Jahre 90 tödtete Mo- 
hammed Ibn Kaſim, mwelhen Haddjadj an die Spike eines Heeres 
ftellte, den König von Sind, Daß Sbn Saßah Cl. 161). Sm J. 
94 eroberte Mohammed Son Kafim Indien, (f. 18%. Sm Sahre 
95 wurde Hinterindien (achir alhind) erobert mit Ausnahme von 
Kiredj und Almandel (I. 189). Bei Beladori aber heißt es 
(p. 172) ausdrüdlich, daß Kiredj fih untermwarf, nachdem Duher ge: 
fchlagen, nad einigen fogar getödtet ward. Auch heißt es bei dem- 
felben, die Bewohner von Kiredj haben Mohammed Ibn Kaſim, ale 
er abgerufen ward, bemeint und fein Bild aufbewahrt. 


Welid. 507 


Wie Kaſchgar für Kuteiba’s Züge gegen China, jo war 
Multan für die Mobammeds in Indien, das durch Haddjadj's 
und Welids Tod geftedte Ziel. Schon nad) dem Tode des 
Erjteren zog jih Mohammed wieder nad) Sind zurüd, wo 
er mande aufrübrerifche Stadt und Völkerſchaft aufs Neue 
befämpfen mußte. Nach dem Tode des Chalifen warb er 
von feinem Nachfolger Suleiman, wie Kuteiba und andere 
Günftlinge und Berwandte Haddjadj's, nicht nur entjeßt, fon- 
dern auch wie ein gemeiner Verbrecher behandelt. Auf Ku— 
teiba, der jih nicht, ohne wenigſtens mit den Waffen in der 
Hand für feine Freiheit zu fechten, in fein Schickſal fügte ), 
müſſen wir unter Suleimans Regierung zurüdfommen. Mo- 
hammed aber, welcher feine politiihe Rolle mehr fypielte, 
fönnen wir bier ſchon bis an das Grab begleiten, denn er 
hatte nad) dem Tode Welids, als mit Suleiman’s Herrichaft 
die von Haddjadj unterdrüdten und mißbandelten Söhne Mu: 
ballabs wieder zu Macht und Anfehen gelangten, nur nod) 
eine kurze martervolle Zeit zu leben. Muawia, ein Sohn 
Muhallabs, führte ihn in Ketten nach Waftt, wo Salih Ibn 


1) Auch ihm wäre es leicht geweien, an der Spitze der ihm er- 
gebenen Truppen, fich gegen den Chalifen aufzulehnen; dies ſprach 
er au in folgenden Verſen Beladori’s aus, weiche nad) Reinaud’s 
Ueberjegung lauten: 

»Si Javais voulu opposer de la resistance, il ne tenait qu’ä moi 
de monter sur le dos de jumeaux et de chevaux dresses an combat. 

Les cavaliers de la famille de Sakasak n’auraient pas penetre 
sur le territoire qui m’etait confie, et aucun emir de la famille d’Akk 
n’aurait mis Ja main sur moi. 

Je ne serais pas ä la merci d’esclaves acharnes contre moi. C’est 
bien mal a toi, o fortune, de t’attaquer ainsi aux nobles coeurs.« 

Safafaf it der Name eines Fleinen jemenidijchen Stammes, 
welcher, nah dem Kamuß, von Sakſak Ibn Afchrab, oder Ibhn Waila 
abftammt. Auch Akk ift ein jemenidifcher Stamm, welher von Azd 
abftammt, zu welhem Muhallab gehörte. Der Nachfolger Moham- 
meds mußte natürlich, um nöthigenfalls ihn mit Gewalt vertreiben 
zu können, jemenidifche Truppen mit fich führen, 


508 Zehntes Hauptſtück. 


Abd Errabman, deffen Bruder einft auf Haddjadjs Befehl 
hingerichtet worden war, ihn mit andern Verwandten Had— 
djadjs zu Tode foltern ließ. Haddjadj's Freunde mußten dann 
für die von ihm verübten Graufamfeiten büßen und der Cha- 
life duldete diefe neuen Abfcheulichfeiten, weil zur Zeit ale 
Welid, gegen den legten Willen feines Vaters, ftatt Sulei- 
man feinen eignen Sohn Abd Alaziz zum Nachfolger bejtim- 
men wollte, Haddjadj und fein ganzer Anhang ihn in diefem 
Borhaben beftärkten . Wie Abd Almalit feinen Bruder 
Abd Alaziz, fo Tieg auch Welid feinen Bruder Suleiman auf- 
fordern, den Anfprüchen auf die Nachfolge zu entfagen, und 
als diefer fich weigerte, wurden dennoch die Statthalter be- 
auftragt, Abd Alaziz, dem Sohne des Chaliten, huldigen zu 
faffen. Da aber nur Haddjadf und feine Greaturen diefen 
Befehl vollzogen, ward Welid gerathen, Suleiman zu ſich zu 
berufen und nöthigenfalls zur Entfagung zu zwingen. Welid 
befolgte diefen Rath. Suleiman, welcher des Chalifen Ab- 
fihten abnte, erſchien aber nicht in Damasf und zu feinem 
Glücke ftarb bald darauf der Chalife, noch ehe die ſchon zu 
Suleimansg Ausihliefung von der Nachfolge befchloffenen 
Zwangsmaßregeln ausgeführt werden fonnten. 


Wir baben oben gejehen, dag in Zurfiftan die innern 
Streitigfeiten um die Herrfchaft dem Feldherrn Kuteiba feine 
Siege fehr erleichterten. Auch Maslamah's und anderer ara— 
bifcher Feldherrn Erfolge in Armenien und Kleinaften, unter 


1) Tab. f. 195. Auch der Dichter Djerir fuchte den Chalifen 
zu beftimmen, feinen Sohn Abd Alaziz zum Nachfolger zu ernennen, 
Gr richtete folgende Berfe an ihn: 

„Nach Abd Alaziz erheben fich die Augen der Heerde, wenn ſich 
ihe Hirt verirrt, auf ihn blicken fie, wenn durch des Schickſals Tücke 
die Pfeiler der Herrihaft zufammenftürzen. Wenn die Noth auf's 
Höchſte geftiegen, Tagen die Befonnenften Kureiſch's: Dem Abd Ala— 
ziz wollen wir huldigen und mit vollem Rechte nennen fie ihn jetzt 
fhon ihren Thronerben u. f. m.“ 


Welid. 509 


der Regierung Welids, fallen in eine Zeit, wo die byzanti— 
niſchen Kaiſer mehr auf Erhaltung ihres Thrones und Ver— 
folgung der Rebellen, als auf Beſchützung des Reichs gegen 
äußere Feinde bedacht waren. Juſtinian II. erlangte den Thron 
wieder, als Welid das Chalifat übernahm und weibte feine 
Regierung durch die Hinrichtung der beiten Offiziere, welche 
es mit den beiden Gegenfatfern gehalten, ein. Später unter- 
nabm er einen Feldzug gegen die Bulgaren, welcher für feine 
Armee ein trauriges Ende nahm und wenig fehlte, hätte er 
feine Undanfbarfeit, — denn er verdanfte feinen Thron den 
Bulgaren, — mit dem Leben gebüßt. Der Feldzug gegen 
die Bewohner von Cherfon foftete Zuftinian zuerft eine Flotte 
mit 70,000 Mann und endete mit feiner Hinrichtung. Phi— 
lippicus, welcher ibn geftürzt hatte und fein Nachfolger ward, 
fonnte fih nur zwei Jahre auf dem Throne behaupten. Sein 
Staatsfeeretär Artemius, der jest den Thron beftieg, war big 
zu Welids Tod zu fehr mit den Römern beichäftigt, um ener— 
giihe Maßregeln gegen die Araber zu ergreifen. Wir dür— 
fen ung daher nicht wundern, wenn wir fowohl bei byzanti- 
niſchen als bei arabijchen Autoren, während der ganzen Dauer 
von Welids Chalifat, Kleinafien und Armenien mufelmanni- 
[hen Raubzügen ausgefest finden. Schon im J. 86 d. 9. 
machte Maslamah, der Bruder des Chalifen, mit einigen an— 
dern Feldherrn, einen Einfall auf griechiihes Gebiet in Klein— 
aften und zog mit Beute beladen wieder ab 1). Im folgenden 
Jahre (Dechr. 705— 706) follen mehrere Gefechte in ber 
Gegend von Mopjueitia und Tyana vorgefallen fein 2), in 





1) Tab. f. 153 v. 


2) Ibid. f. 155 r, „Im J. 87 fiel Maslamah mit Sezid Son 
Djubeir in das Gebiet der Griechen ein und er traf die Griechen in 
großer Anzahl in Saufanah (oder Sufanah) in der Gegend von Ma: 
ßißah (Mopſueſtia). Wakidi berichtet: Maslamah ftieß in diefem 
Sahre bei Tumanah (Tyana) auf Meimun Aldjarhani, Diefer wurde 
von Maslamah, der ohngefähr 1000 Krieger bei fih hatte, gejchla- 


510 Zehntes Hauptftüd, 


deren Folge einige befeftigte Pläbe in die Hände der Araber 
fielen und die abtrünnigen Mufelmänner, die fi) wieder den 
Griechen angejchloffen, ſchwer gezüchtigt wurden. Im fünften 
Monate des J. 83 (April oder Mai 707) nach arabifchen, 
oder zwei Jahre fpäter nach byzantinifhen Quellen, warb 
endlich die fefte Stadt Thana von den Mufelmännern einge- 
nommen und beſetzt. Zwar gelang es den fchon gefchlagenen 
Chriften noch einmal, den Feind in die Flucht zu treiben, aber 
Abbas, ein Sohn des Chalifen, brachte die Truppen durch 
den Ruf „Herbei ihr Männer des Korans!’ wieder zum 
Stehen. Die Griechen wurden mit erneuter Wuth angegriffen 
und in die Stadt zurücdgefchlagen, welche nach einer längern 
Belagerung eingenommen ward I). Im folgenden Jahre (708) 


gen und mehrere Feftungen fielen in die Gewalt Maslamah’e. Wach 
andern Berichten befriegte Hiſcham Ibn Abd AlmaliE in diefem 
Sahre die Griehen und eroberte die Feftung Bulif, Alachrim, Balis 
und Kamkam (9). Er tödtete auch von den Moftaribah gegen 1000 
Soldaten und nahm ihre Frauen und Kinder gefangen.“ Tuwanga 
bei den Arabern, it offenbar die griechiiche Stadt Tüana, die nach 
Arrian urfprünglih Thoana hieß. Sie lag nah Mannert (Geogr. 
der Grieh. u. Rom. VI, 2. 263.) an der Stelle des jegigen Kara- 
higar. Tovin, die armenijche Reſidenz, war fehon längft in den 
Händen der Araber und heißt nicht Tumana, fondern Dumin oder Debil. 
©. Kamuf. Die Vebereinftimmung der Griechen mit den Urabern in 
Betreff der Einnahme Tyana’s, obgleich mit einiger chronologifcher 
Abweichung, beweift übrigens fchon zur Genüge, dag unter Tuwana 
hier Tyana in Cappadocien und nicht Tovin zu verftehen ift. 

1) Ibid. f. 157 v. „Die Mufelmänner, unter dem Dberbefehle 
Maslamah’s Ibn Abd Almalif und Abbas Ibn Welid, fchlugen den 
Feind in die Flucht, aber er fammelte ſich wieder in einer Kirche 
und erneuerte den Angriff mit folhem Ungeftüm, dag die Mufel: 
männer weichen mußten. Abbas blieb jedoch mit wenigen Leuten 
auf feinem Poſten und fagte zu Sbn Muhriz Adjamhi, der ebenfalls 
das Schlachtfeld nicht verlaffen hatte: „wo find denn die Männer 
des Korans, die fih nach dem Varadiefe fehnen? Son Muhriz ev: 
wiederte: „rufe fie zurück! fie werden dir folgen.“ Abbas rief: „Her: 
bei ihr Männer des Korans!“ Da Fehrten fie alle wieder auf das 


Welid. 511 


ſchlugen die beiden Feldherrn ein griechiſches Heer bei Amo— 
rium und eroberten Heraclea und einige andere feſten Plätze. 
Abbas blieb dann mit einem Theile des Heeres in Kleinaften, 
während Maslamab feine Eroberungen nad Nordoften gegen 
den Raufafus bin ausdehnte ) und noch im J. 91 Novbr. 
709 — Det. 710) finden wir ihn bei Derbend kämpfend 2), 
Im 3. 93 ward Samofate von Abbas und Amaſia von Mer: 
wan Jon Maslamab genommen, welcher auch noch andere 


Schlachtfeld zurüch und Gott fchlug den Feind aufs Neue in die 
Flucht, bis er fih in Tumana einfchlog. Bei diefem Heere waren 
1500 Medinenjer von den 2000, die fie auf Welid’s Befehl ins Feld 
fhiden jollten, fie braten dann den Winter in (der Provinz) Tuwana 
zu und eroberten diefe Feftung. In denfelben Sahre eroberte Mas: 
lamah ferner die drei Fejtungen: Konftantin, Ghazale und Alahrim. 
Auch tödtete er gegen 1000 Moftaribah und 309 ihre Güter ein.“ 
Bei Theoph. S. 577 wird der Verluft von Tyana der Uneinigfeit 
der beiden Feldheren, welche die Stadt entjegen follten, und dem 
Mangel an Disciplin und Kriegstaftif unter ihren Truppen zuges 
fhrieben und in das Jahr 701 (Alex.) geſetzt. 


1) Ibid. f. 160 u. 161: „Sm J. 89 zogen, nah Wakidi, Mass 
lamah und Abbas vereint gegen die Griehen, dann trennten fie 
ih, Maslamah eroberte die Feſtung Suriieh und Abbas Adrulia 
und ſchlug ein griechifches Heer in die Flucht. Andere berichten 
aber: Maslamah wendete ſich gegen Amuria, wo er ein ftarfeg grie: 
hifhes Heer ſchlug, dann eroberte er Heraflea und Kamudia, 
Abbas aber befämpfte die Griechen von der Geite von Be: 
dendun. Zn demjelben Sahre befimpfte auch Maslamah die Tür— 
fen, bis er von Adjerbidjan her nach Derbend drang, und er eroberte 
in jener Gegend Städte und Citadellen. Im J. 90 zog Maslamah 
gegen das Gebiet von Suriah und nahm dafeldit fünf Feftungen 
ein, Auch Abbas machte Streifzüge, nah Einigen bis Suriah, nad 
Andern bis Arzan; erftere Tradition ift aber die richtigere. 
In diefem Jahre nahmen auch die Griehen den mufelmännifchen 
Admiral (Sahiba-1-bahri) Chalid Son Keifan gefangen und brachten 
ihn dem Katfer, aber diefer jandte ihn dem Chalifen wieder zurück.“ 

2) Ibid. f. 167 v. Bei ihm war in diefem Sahre Abd Aaziz 
Son Welid, 


512 Zehntes Hauptſtück. 


feften Pläbe in der Gegend von Malatia den Griechen ent- 
riß D. Im J. 94 waren vier Truppenabtheilungen gegen 
die Griechen thätig. Abbas unterwarf dag pifidifche Antio- 
chien 2), Abd Maziz, ein Sohn des Chalifen, machte Streif- 
züge in der Gegend yon Malatia, Welid Ibn Hiſcham gegen 
Burdj Alhamam (Taubenburg) und Jezid Ibn Abt Kabſcha 
gegen Erzerum hin. Im folgenden Fahre (Sept. 713—714) 
wird, nad) einigen Berichten, Heraklea, das ſich wahrſcheinlich, 
wie manche andere Grenzftädte, wieder von mufelmänntfcher 
Herrfchaft befreit hatte, abermals unterworfen, ebenfo Die 
Stadt Kinesrin (Chaleis) I. Noch im Todesjahre Welids 
joll endlih, nah byzantinischen Berichten, Maslamah einen 
Streifzug nad Galatien unternommen und Artemius den Cha- 
lifen, welcher eine Armee zur Belagerung der Hauptftabt des 
byzantinischen Reichs ausrüftete, um Frieden gebeten haben ?). 

Veberrafchender und dauerhafter als alle genannten, une 
ter Welids Negierung yon Mohammed Ibn Kafım, Kuteiba 
und Maslamah gemachten Eroberungen, find die Mufa’s und 
Tarik's in Afrika und Spanien. In Afrifa Scheint Mufa eine 


— — — 


1) Ibid. f. 175: „Abbas eroberte Samoſata, Merwan Ibn We: 
lid machte eine Ghaziah gegen die Griechen und drang bis Chan— 
chara vor, während Merwan Son Maslamah Amafia, Hußn Alhadid 
(die eiferne Feftung), Shazale und Tirahma in der Gegend von 
Malatia einnahm. 

2) Ibid. f. 183 v. Das J. 94 beginnt mit dem 7. Oft. 712 
und endet mit dem 26. Sept. 713. Hier ftimmen alſo Araber und 
Byzantiner jo ziemlich mit einander überein, denn auch Theoph. 
©. 587 fest die Einnahme von Antiochien in das J. 705 (Alex.). 
Ebenſo wird auch von Theoph. ©. 585 die Befekung Amafia’s in 
das 5. 104 gejekt. 

3) Ibid, fol. 188 u. 189. 

4) Theoph. ©. 588. Bei Tab. f. 189 v. heißt es bloß: „Im 
3.96 machte, nach Wafidi, Beſchr Son Alwelid einen Streifzug nad) 
Griechenland und überwinterte dafelbft. Ber feiner Heimkehr war 
der Chalife ſchon todt.“ 


Welid. 513 


wahre Menfcheniagd veranftaltet zu haben. Noch unter Abd 
Almalik's Regierung unternahm er und feine beiden Söhne 
Merwan und Abb Allah mehrere Streifzüge gegen die Ber- 
ber, von welchen fie 300,000 Menfchen erbeutet haben follen, 
jo dag der Antheil des Chalifen an diefer Beute 60,000 
Köpfe betrug I). Sp drang denn Mufa immer weiter gegen 
Weiten, indem er den einen Berberftamm ausrottete, den ans 
dern vertrieb, den dritten unterwarf und ſich durch Geißeln 
vor Berrath fiherte, bis er an den Fluß Mulwija, weftlich 
von Tlemſen fam, wo fich ein zahlreiches Heer von Berbern 
ibm entgegenftellte. Aber auch diefes ward gefchlagen, nach— 
dem Merwan, Mufa’s Sohn, den Anführer in einem Zwei— 
fampfe getödtet. Das Gebiet von Fez und Maroffo lag nun- 
mehr offen vor Mufa’s Truppen ?). 


1) Son Abd Alba, S. 112, Makkari Append. ©. 58 u. N. 
Es waren vermuthlich größtentheils Frauen und Kinder, denn die 
erwachfenen Männer wurden, wenn fie fich nicht zum Islam bekehr— 
ten, größtentheild niedergemegelt, Mit diefen Zahlen darf man es 
übrigens nicht zu genau nehmen, obgleich fie fchon darum mehr 
Glauben verdienen, als in den älteſten Quellen ſelbſt angegeben 
wird, dag Mufa’s Beriht an Abd Alaziz, über den Erfolg jeiner 
und feiner Söhne Züge, für übertrieben gehalten wurde, bis der 
fünfte Theil der Gefangenen anlangte. Bei Makkari heißt es fo- 
gar, Muſa's Secretär habe aus Verſehen 30,000 ftatt 60,000 ge— 
fehrieben. Abd Alaziz fand auch diefe Zahl fo unglaublich, daß er 
Muſa jchrieb: er habe entweder den fünften Theil der Beute zu 
hoch angegeben oder fein Secretär müſſe fih geirrt haben in ter 
Zahl 30,000. Darauf erwiederte nun Mufa, daß allerdings ein Irr— 
thum vorgefallen, indem der Fünfttheil der Gefangenen nicht 30,000 
fondern 60,000 betrage. Bei Ibn Abd Alb. heißt es ftatt „Muſa's 
Sohn Abd Allah” bloß „feinen Neffen.“ 

2) Als Abd Almalit Nachricht von diefen Siegen erhielt, fagte 
er: „Sch wünfche dir Glück zu diefem Siege, Abu-l-Aßbagh.” Dann 
fagte er: „DBielleiht findet ihr etwas unangenehm, das doc zu 
euerm Beiten iſt.“ Abu-l-Aßbagh it der Zuname des Abd Alaziz, 
dur deffen Vermittlung Mufa zum Feldherrn ernannt worden und 
dem Chalifen die Siegesbotſchaft zufam. Die folgenden Worte find 

33 


514 Zehntes Hauptſtück. 


Die nähften Bemühungen Mufa’s waren nunmehr auf 
das Seewefen gerichtet und wir haben fchon „oben von ben 
Fahrten nad) Sieilien und Sardinien geredet, welche von ihm 
angeordnet worden. 

Die erfte Schlacht, welche unter der Negierung Welids 
in Afrika gefochten worden, fand in dem Lande Sus ftatt, 
Merwan Ibn Mufa gewann fie und fein Sieg hatte die frei- 
willige Unterwerfung aller berberifchen Stämme jener Gegend 
zur Folge I). Mufa felbft brach dann wieder gegen Weft- 
afrifa auf und eroberte Tanger, wohin vor ihm noch fein 


aus dem Koran und Abd Almalif bezog fie auf fich felbft, weil er, 
wie wir oben gefehen, über Muja’s Ernennung erzürnt war, Sn 
dem Worte »lijuhnikan bei Makk. Append. 64 fehlt ein Hamza oder 
ein ja. (S. den Kamuß Ausg. v. Bulaf I, 68.) Pascual de Ga- 
yangos überfegt unrichtig: »Victory has rendered thy vain, o Abul- 
Asbagh« und bemüht fich vergebens in dem Folgenden »lahume für 
»lakum« zu lefen, gefteht übrigens felbft, daß ihm auch dann noch 
der Sinn nicht klar. 


1) Wie viel Aehnlichfeit die Berber in ihrer ganzen Lebens: 
weife mit den Arabern hatten, geht am Beſten aus einer Unterre— 
dung Mufa’s mit dem fpätern Chalifen Suleiman hervor. Da fagt 
Mufa, nach der Ueberſetzung von Pascual de Gayang. (I. Append. 89) 
»The Berbers,« Commander of the faithful, are of all foreign nations 
the people who resemble most the Arabs in impetuosity, corporal 
strength, endurance, military science, generosity, only that they are, 
o Commander of the faithful! the most treacherous people on earth.« 
Die Schilderung, die er von dem Charakter anderer Völfer entwirft, 
liefert einen Beweis von feiner Menſchenkenntniß. »The Greeks,« 
fagt er, »are lions within their castles, eagles on their horses, wo- 
men in their ships; if they see an opportunity, they immediately seize 
it, but if the day turns against them, they are goats in ascending their 
mountains, and so swift footed in their flight, that they scarcely see 
the land they tread.e Won den Spyaniern ſagt er: »They are luxu- 
rious and dissolute lords, but knights who do not turn their faces 
from the enemy.« Endlich noch über die Franfen befragt, antwortet 
er: »The Franks, o Commauder of the faıthful! have numbers, re- 
sources, strength and valour.« 


Welid. 515 


arabiſcher Feldherr gedrungen. Hier ließ er einen Statthalter 
zurück, welcher verſchiedene Stämme der Landſchaft Sus, die 
ſich gegen die Araber aufgelehnt, wieder zum Gehorſam zwang. 
Muſa kehrte wieder nach Cairawan zurück, und verlieh bald 
den Oberbefehl über Tanger und die im Weſten Afrika's er- 
oberten Länder feinem Freigelaffenen Tarif Jon Zejfad N. 
Diefer ſuchte fih nah und nach in den Beſitz der ganzen 
Nordweftküfte Afrika's zwifchen Tlemfen und Tanger zu fegen, 
fand aber an dem Grafen Julian, welcher im Namen ver 
Könige von Spanien Ceuta und die umliegende Gegend ver- 
waltete, einen Gegner, der nicht fo leicht wie die Berber zu 
befiegen war. Doch wurden auch bier die Araber, wie früher 
in Egypten, von innern Spaltungen unter der hriftlichen Be— 
völferung Spaniens begünftigt. Um dieje Zeit wurde nämlich 
Witiza, welcher ſich einen Theil feiner Unterthanen durd) ſei— 
nen Kampf mit der römifchen Geiftlichfeit und dem römiſchen 
und fpanifchen Adel zu Feinden gemadt, vom Throne ver- 
drängt, Seine Söhne Eva und Siſebut fämpften vergebeng 
für den Thron ihres Vaters gegen Roderich, welcher denfel- 
ben ufurpirte, obgleich ihr Anhang noch immer fehr ftark war. 
Zu den Freunden des geftürzten Königshauſes gehörte auch) 
der Graf Julian, welhem Roderich um fo verhaßter fein 
mußte, als er deſſen Tochter entehrt hatte). Der Haß gegen 


1) Sh bin hier Ibn Abd Alb. ©. 113 gefolgt, welcher Mufa 
den eriten nennt, der nach Tanger gefommen und Tarif erit fpäter 
Walt von Tanger werden läßt. Nach einer andern Tradition (©. 
112) jandte Muja feinen Sohn Merwan in das Gebiet von Tanger, 
mwelher nad einigen Gefechten ſich zurüdz;og und Tarif Sbn Amru 
den Dberbefehl über das Heer ließ, das nach einigen aus 12,000 
Berbern, nad) andern nur aus 1700 beitand, Mac andern Autoren 
bei Maff. I, ©. 253 ward Tanger auch von Tarif erobert, während 
mande fogar die Eroberung von Ceuta dem Mufa zujchreiben, 

2) Auch bei Ibn Abd Alh. 1. 1., der älteften arabifchen Quelle 
über die Eroberung Spaniens, findet fich die befannte von Manchen 
für Sage gehaltene Geſchichte son Zulian und feiner Tochter, doch 

33* 


516 Zehntes Hauptſtück. 


Roderih, und vielleicht die Hoffnung, mit Hülfe der Araber 
den unterdrüdten Prinzen wieder ihr Necht zu verichaffen, 


ohne alle fpäteren Zufäge, welche fie erjt unwahrſcheinlich machen. 
Die ganze Stelle lautet wörtlih: „Tarif Fämpfte einige Zeit dorf 
(im Gebiete von Tanger) und dies war im Sahre 92. Auf dem 
Veberfahrtsorte zwiihen ihm und Andalus, war ein Mann von den 
Adjam, welcher Bilian hie und Herr von Sebta war, aud war er 
über eine Stadt gejest an dem Weberfahrtsplas nad Andalus, welche 
Alchadhra hief, nah der Seite von Tanger hin. Bilian war dem 
Loderif, dem Herrn von Andalus, welcher in Tuleitala wohnte, uns 
terthan. Tarik ſetzte jih aber in brieflichen Verkehr mit Biltan und 
ſchmeichelte ihm, bis fie fih mit einander befreundeten. Bilian 
hatte nämlich eine feiner Tochter dem Loderif, Herrn von Andalug, 
geſchickt, damit er für ihre Bildung und Erziehung forge, er aber 
hatte fie geſchwängert. Biltan jagte daher, als er davon Nachricht 
erhielt: ich kann ihn für diefe Schandthat nicht anders beftrafen, 
ald wenn ich die Araber in fein Sand führe. Sp fandte er dann 
zu Tarif und bot ihm an, ihn nah Andalus zu bringen.“ Anda— 
lus it befanntlich der arabiihe Name für Spanien und wäre nad) 
Nuweiri (journ. asiat. Ser. II. T. I. p. 564) von den Vandalen ab- 
zufeiten. Adjam ift ein Wort, das Verfer, Fremde und Bar: 
baren bedeutet, Alchadhrah, oder Djeziret Alhadhrahb (die arüne 
Inſel) iſt das jegige Algeſiras. Bilian tt bloß durd einen weg— 
gelajfenen Punkt aus Ilian oder Jilian entitanden. Eben fo Fonnte 
leiht aus Rodrich ein Lodrich werden, dadurd daß das r über die 
Zeile gefegt wurde. Man fieht nicht ein, warum die Araber das 
Vergehen Roderihs gegen Julians Tochter erdichtet haben follten. 
Höchſtens mochten fie fih darin irren, daß fte die Entehrung diefes 
Mädchens als den einzigen Beweggrund zu Julians Verrath betrac: 
teten. Mas Lembke (Geih. v. Spanien I, 258) gegen die Wahr: 
fheinfihfeit diefer Erzählung anführt, ift auf Sbn Abd Alhakams 
Tradition nicht anwendbar. Hier ift nicht ausdrücklich gefagt, daß 
Roderih ſchon König war, als Sultan ibm feine Tochter fhicte, er 
wird nur ald „Herr von Andalus“ bezeichnet, weil er es fpäter ge 
worden, vielleiht erſt nachdem er ſie entehrt. Auch ift bier von 
vielem Anfragen Peine Rede, denn die Eroberung Spaniens unter 
günftigen Umftänden mußte ſchon längſt, was jogar von einigen 
Autoren ausdrücklich erwähnt wird, zwiſchen dem eroberungsfüchtigen 
Chalifen und feinem Statthalter in Afrika zur Sprache gekommen 


Welid, 517 


veranlaßte daher Julian mit Tarif zu unterhandeln und ihn 
zu ‚bewegen, ein Heer nach Spanien überzufegen. Tarik be- 
gab jih nah Ceuta, um ſich mit dem Grafen zu befprechen, 
doch nicht eher als bis er feine beiden Töchter als Geißeln 
nad Tlemſen geſchickt I. Sobald Tarif fid) überzeugt hatte, 
dag mit Hülfe Julians und der vielen fpanifihen Flüchtlinge, 
jo wie der in Spanien felbft gebliebenen Feinde Roderichs, 
diefes reiche und fruchtbare Land erobert, oder wenigftens eine 
reihe Beute aus demfelben entführt werden fünnte, traf er 
die nöthigen Anftalten zur Ueberfahrt. Tarif Abu Zu’ra 2) ward 


fein. Die hier angeführte Stelle aus Ibn Abd Alhak. ift um fo 
wichtiger, als Pascual de Gayangos 1. 1. p. 513 ſchreibt: Die Hifto- 
rifer, welche über das I1te Sahrhundert hinauf reichen, »if they 
mention Uyan at all, say nothing about his misunderstanding with 
Roderic.« 


1) Sbn Abd Alt. 1.1. Dies macht die von Maffari (9. 264) 
erzählte Fahrt Sultans nad) Algefiras, um Bemerfe feiner Aufrichtig- 
feit zu geben, unwährſcheinlich. Dagegen fpriht auch noch, außer 
dem Schweigen der gleichzeitigen chriftliben Quellen und vieler ara> 
biihen, die angegebene Zeit, nämlih das 3. 90 Mor. 708 — 709), 
wo Rodrich wahrſcheinlich noch aar nicht König war. 


2) Bekanntlich ift von Affemani und Andern Tarifs Erpedition 
beftritten und Tarif als eine Verwechslung mit Tarif angefehen wor: 
den. Dies ift aber nicht anzunehmen, denn auch die Namen ihrer 
Väter, mwelhe immer bei Arabern mit genannt werden, find gunz 
verfhieden. Gegen diefe Landung als eine von der Tarifd gejon- 
derte fpriht aber erftens das Stillſchweigen der älteiten Quellen 
und zweitens die Zeit, in welcher diefe Landung vorgenommen wor— 
den fein fol. Als ſolche wird nämlich der Namadhan des S. 91 
genannt, welcher dem Suli 710 entipricht, da doc immer wieder 
Roderihs Regierungsantritt, welcher der Bemweggrund von Julians 
Bündnig mit den Mufelmännern fein joll, fhon in das Jahr 709 
gefegt werden müßte, während feine ganze Herrfchaft nur ein Jahr 
gedauert haben foll. (S. Aſchbach Geſch. der Omejjaden in Span. 
I. 26.) Pascual de Gay. hat im Terte S. 265 für den Monat Ra— 
madhan »Aug.— Sept. A. D, 710. Dann fohreibt er in einer Note 
p. 518: »Ramadhan being the last month of the Mohammedan year, 


518 Zehntes Hanptflüd, 


zuerft, wahrscheinlich nur um den Zuftand der Küfte zu unter- 
fuchen, mit vier hundert Mann Fußvolf und hundert Reitern 
in vier fleinen Schiffen nad der ſpäter fo genannten Halb- 
inſel Tarifa übergefest und ald er nirgends Widerſtand 
fand, folgte Tarif Fon Zejiad mit einem Heere, das von 
manden Autoren auf 12,000 Mann angegeben wird und 
befeftigte fih auf der Anhöhe, welde fpäter Tarifs-Berg 
(Diebel Tarif-Gibraltar) genannt ward, Daß diefe Landung 
im Jahre 92 der Hidjrah ftatt fand, unterliegt faum einem 
Zweifel, ungewiß ift aber der Monat und der Tag derfelben, 
doch wahrfheinlich wurden die erften Trupyen am 5. Radjab 
ausgeſchifft, Tarif felbft aber erft am Sten, welcher dem erften 
Mat 711 entfpriht ), auf fpanifchen Boden gebracht, Spä- 


Tarif's invasion must have taken place between the 29th September 
and the 27th October 710, which date must be substituted for the 
August or September A. D. 710, as in my translation.«a Ein auffal- 
lendes Berfehen von einem fo gelehrten Drientaliften. Ramadhan 
ift nicht der legte, jondern der Yte Monat des mohammedanifhen 
Sahres und beginnt mit dem 3. Suli 710, Das wahrſcheinlichſte ift, 
und damit ftimmt auch Sbn Chaldun (bei Makk. ©. 268) überein, 
dag Tarif eines der erften Schiffe beftieg, Tarif aber das legte, 
mas Ibn Abd Alb. ausdrücklich bemerkt und daß vielleicht nur einige 
Tage zwijchen der Landung der beiden genannten Generäle lagen. 
Die Stelle bei Ibn Abd Alh. Tautet: „Zwifchen den beiden Webers 
fahrtsorten, nämlich zwiihen Sebta und Andalus, lag ein Berg, 
welcher jest Djebel Tarif heißt. Als es Abend war, Fam Bilian 
mit Schiffen und befud fie (mit Soldaten) nah diefem Landungs— 
plage. Er blieb dann den Tag über verborgen und des Abends 
fandte er die Schiffe wieder zurück, um die Andern zu holen, bis 
feiner mehr übrig blieb. Die Bewohner von Andalus merkten nichts, 
fie glaubten, die Schiffe gingen wie immer des Handels willen hin 
und her. Tarif war bei der legten Abtheilung die hinüberfegte, und 
aud Bilian mit den ihm befreundeten Kaufleuten blieb in Alhadhra, 
um feinen Gefährten und Tandsleuten guten Muth zu madhen.“ 

1) Sp nad) dem Art de verifier les dates. Auch bei Lembke 
©. 259 jtimmt der 5. Radjab mit dem 28. April überein, der Ste 
alfo mit dem 1. Mai. Bei Pasc. de Gay, ©. 522 den 30, April, 


Welid. 519 


tere Data, welche noch bei muſelmänniſchen Autoren vorkom— 
men, beziehen fi gewiß nur, wenn fie nicht ganz irrig find, 
auf andere, von Tarif bald nach feiner Landung noch herbei- 
gerufenen Truppen, zur Verſtärkung feiner Armee, welche bet 
feiner Ueberfahrt fchwerlich noch die oben erwähnte Stürfe 
von 12,000 Mann erreiht haben modte M. 

Theodomir, ein fpanifcher General, welcher fih den dag 
ganze Küftenland ausplündernden Mohammedanern zu wider: 
fegen wagte, ward zurüdgeichlagen und fah fi, bei der im— 
mer” wachjenden Zahl des Feindes, genöthigt, Noderich felbft 
zu Hülfe zu rufen, welcher mit den Nebellen von Navarra 
und Biscaya bejhäftigt war 2). Roderich brach fchleunig 
nad dem bedrohten Süden feines Landes auf und zog in ber 
Nähe von Cordova ein großes Heer zufammen 3). Tarif, 
der durch zahlreiche, von der Regierung aufs graufamfte ver: 
folgte Juden, jo wie dur die mit Julian und der geftürzten 
Dynaftie verbündeten Chriften, von Allem unterrichtet ward, 
rief nun auch feine zerftreuten Truppen zufammen und Tieß 
noch einige taufend Mann aus Afrifa hberüberfommen %), 


* 


nach den chronologiſchen Tafeln von Masden. Damit ſtimmt auch 
der von Manchen angegebene Wochentag (Donnerftag) überein, 

U So ließen fih die mwiderfprechenden Angaben über die Trup— 
penzahl am beften vereinigen. Mit Tarif mochten etwa 7000 und 
im Laufe des folgenden Monats noch 5000 gelandet fein. ©. die 
verichiedenen Angaben bei Lembfe ©. 258. 

2) Makkari ©. 268. 


3) Ibid. p. 269. Bon Cordova aus foll auch Roderich die Söhne 
Witiza's aufgefordert haben, mit ihm den gemeinjamen Feind zu 
befämpfen. 

4) Wahrfheinlih aus den unter feiner Verwaltung ftehenden 
Provinzen von Tlemfen bis Tanger oder gar bis Sus. Daß er 
aber, wie Maffari ©. 270 berichtet, Mufa erft um Beiftand bat, 
ald Roderih heranrüdte, und Mufa ihm noch 5000 Mann vor der 
Schlacht ſchickte, kann niht angenommen werden, denn da Mufa in 
Kairaman war, hätte eine folhe Sendung viel mehr Zeit erfordert, 


520 Zehntes Hauptftüd, 


In der Nähe des Fluffes Gundelete ), zwiſchen dem 
fpätern Xeres und dem Meere, ftiegen die beiden Deere auf 
einander. Das chriftliche war dem mohammedaniſchen an Zahl 
wenigftens doppelt überlegen ?), es fehlte aber demfelben an 
Einigfeit und Vertrauen 3), welche bei den Mufelmännern in 
fo großem Maaße vorhanden waren. Schon bald nad) der 
Landung hatte Tarif, um feinen Truppen Muth einzuflößen, 
denfelben erzählt: der Prophet fei ihm, von den Hülfsgenoſſen 


als zwifhen Roderich's Zug nad dem Süden und der Schlaht von 
Xeres liegen konnte. 

1) Dieſer Fluß oder eigentlich dieſes Thal heißt bei den Ara— 
bern Wadi Lekah oder Lekeh. Nach Pasc. de Gay. (S. 525) fand 
die Schlacht, nicht wie man bisher glaubte, in der Ebene von FZeres, 
fondern mehr in der Nähe des Meeres, nicht weit von Medina 
Sidonia ftatt. Es mwird nämlich von einigen Autoren ausdrüclich 
das Schlachtfeld in die Mähe eines Sees gejekt, worunter der von 
La Janda in der Nähe von Sidonia gemeint ıft. Da indeffen die 
Schlacht mehrere Tage dauerte und von manchen Autoren auch der 
Fluß von Bejer genannt wird, fo mochte die Schlaht zwifchen Bejer 
und Sidonia begonnen und in der Nähe letzterer Stadt aufgehört 
haben. 

2) Es zählte nah Ibn Challifan 70,000, nah Ibn Chaldun 
40,000, nad Andern 90,000 Mann. Maffari ©. 524. Turif’s Heer 
war wenigſtens 12,000 Mann ftarf, ohne Julian's Truppen und 
eine Anzahl chriftlicher Heberläufer, deren Zahl fih nicht genau be- 
ftimmen läßt. 

3) Es heißt bei Makkari: Viele von Roderich's Leuten äußer— 
ten fih: „Warum folgen wir dem Roderih, dem Thronräuber ? war 
er nicht ein Vaſall wie wir und fteht doch jest über ung? wozu 
wollen wir jene fremden Abkömmlinge befämpfen ? ihre Abficht ift 
nur, fih mit Beure zu beladen und dann wieder abzuziehen. Beſſer 
ift ed, wir vereinigen ung mit ihnen, und wenn fie ung wieder ver- 
laffen haben, fünnen wir dem den Thron geben, welchem er gebührt. 
Lembke ©. 261. Nach Pafcua’s Ueberſetzung fagen fie von Roderich: 
„not only he does not belong to the royal family, but he was once 
one of our meanest menials, we do not know how far he may carıy 
his wicked intentions against us.« 


Welid. 521 


und Auswanderern umgeben, und mit Schwert und Bogen 
bewaffnet, erſchienen und habe ihm zugerufen: „Schreite vor— 
wärts, Tarik, und führe dein Unternehmen aus! ſei mild ge— 
gen die Muſelmänner und bleibe deinem Worte treu!“ Dann 
habe er geſehen, wie der Prophet und alle, die ihn umgaben, 
ihm vorangingen nach Andaluſien ). 

Bor der Schlacht ſoll Tarif feine Soldaten folgender— 
weiſe angeredet haben: „Wohin wollt ihr fliehen? Das Meer 
ift hinter euch, der Feind fleht vor euch. Bei Gott! ihr fin- 


1) Makkari und Numeiri. Ber Sbn Abd Alhakam ift davon 
feine Rede, wohl aber auch von dem verfchloffenen Palafte und dem 
gekochten Menjchenfleifche, um den Feind zu fehreden. Gritere Sage 
lautet (S. 114): E8 war in Andalus ein Haus (oder Gemach), vor 
welhem Schlöſſer lagen. So oft ein König die Regierung antrat, 
legte er ein neues Schloß davor, bis der König den Thron beftieg, 
unter deffen Herrichaft die Mufelmänner einen Einfall in Andalus 
machten. Als man diefem zuredete, gleich feinen Vorgängern, aud) 
ein Schloß vor diefes Haus zu legen, weigerte er ſich und fagte: ich 
lege Fein Schloß vor, bis ich gefehen, was darın ift. Er ließ das 
Haus öffnen und fiehe da! ed war ein Gemälde darin, welches Ara: 
ber vorftellte und dabei war gefchrieben: „wenn diejed Haus geöffnet 
wird, wird das Volk in das Land dringen, welches auf diefem Ge— 
mälde dargeftellt ift.” Die zweite Sage lautet: „Tarif ging über 
eine Brücke vom Berge nah einer Stadt, welche Cartagena hieß, 
dann wendete er fih nad der Richtung von Cordova und fam an 
einer Snfel vorüber, auf welcher er eine feiner Sklavinnen ließ, die 
Umm Hafım hieg. Er lieg auch eine Abtheilung Truppen auf diefer 
Snjel, welhe den Namen Umm Hakim erhielt. Als die Mufelmän: 
ner fich auf diefer Inſel niederliegen, fanden fie bloß einige Wein- 
gärtner darauf. Sie nahmen fie gefangen und fahlachteten einen 
derfelben, dann zerfchnitten fie ihn und Fochten ihn im Beifein ſei— 
ner Gefährten. Ste hatten aber in einem andern Topfe Fleifch ge: 
kocht, das fie dann aßen, während fie das Menfchenfleifch wegwarfen, 
ohne das die Gefangenen es bemerften, Dieje glaubten daher, die 
Mufelmänner jeien Menſchenfreſſer.“ Bei Maffari thut dies Tarif 
vor den Augen eines riftlihen Spions, welcher fib in fein Heer 
gefchlichen. 


922 Zehntes Hauptftüd, 


det euer Heil nur in Muth und Ausdauer, zwei Tugenden, 
mit denen man nie unterliegt, und die ſelbſt zwei fliegenden 
Heeren gleichen. Mit ihnen trägt auch ein Fleines Heer den 
Sieg davon, ohne fie vermag aud eine große Schaar nichts, 
befonders von Männern, wie fie euch entgegentreten, entfräftet 
durch Wolluft, gefhwächt durch Zwiefpalt, und befleckt durch 
Feigbeit und Eitelfeit. Folget meinem Beifpiele, ihr Männer! 
thut immer, was ihr mich thun ſehet, dringe ich auf den 
Feind ein, fo folget mir, bleibe ich ftehen, fo machet auch ihr 
Halt! Bringet Einheit in alle eure Bewegungen, als wäret 
ihr nur ein Mann. Was mich betrifft, ich werde den Ty- 
rannen auffuchen und ihn verfolgen, bis ich fterbe oder ihn 
erreiche. Falle ich, fo öffnet doch euer Herz nicht der Furcht, 
und laffet eure Reihen nicht aus Mangel an einem Ober: 
haupte in Berwirrung gerathen. Hat fich einmal der Schreden 
eurer bemächtigt und der Siegeswind euch verlaffen, jo daß 
ihr dem Feinde den Nüden fehret, dann ift entweder Tod 
oder Gefangenfchaft euer Loos. Liebt ihr diefe Welt, fo werfet 
nicht mit eigner Hand den günftigen Augenblick weg, der euch 
unzäblbare Schäte bietet, die euch für die Zufunft ein ange- 
nehmes forgenlofes Leben fichern, oder einen noch ſchönern Lohn: 
die Krone des Märtyrertbums. Thut ihr Dies — was Gott 
verhüten möge! fo wird euer Name in Zufunft mit Schmad 
und Schande bededt und euer Andenken nur ein Gegenftand 
des Spottes und der Verachtung bei euern Glaubensgenoffen 
bleiben. Folget mir! ihr Männer, ich werde nicht ruhen, big 
ih den Tyrannen mitten unter feinen bewaffneten und be— 
panzerten Kriegern erreiche ).“ 

Trotz der größten Entjchloffenheit und Verwegenheit auf 
der einen und ver bedeutenden Leberlegenbeit an Zabl und 
fhwerer Rüftung auf der andern Seite, foll doch der Kampf 
zwifchen dem Islam und dem Chriftenthume mehrere, nad) 


1) Maffari Append. ©, 70 u. 71. 


Welid. 523 


einigen Berichten ſogar ſieben Tage lang unentſchieden ge— 
blieben fein ). Erſt am 5. Schawwal (26. Juli 711) ward 
die Schlacht von den Ilrabern gewonnen, und zwar den meis 
ften Duellen zufolge, durch Verrath der Befehlshaber der 


2) JIbn Abd Alh, ift hier gar nicht ausführlich, doch iſt er auch 
für die Ortsbeftimmung wichtig. Man lieſt ©. 114: Als Tarif lan— 
dete, famen ihm Truppen von Cordova entgegen, welche vernommen, 
daß er mur wenig Leute bei fih hätte. Nach einem heftigen Ge- 
fechte wurden fie aber zurückgeichlagen und von Tarif big nad Cor: 
dova verfolat. Als Loderif dies hörte, brach er von Toledo auf, 
und fie (die beiden Heere) ftiegen auf einander an einem Orte, wel: 
her Schiduna (Sidonia) hieß, an einem Thale (oder Flug), welches 
heut zu Tage das Thal Umm Hafim heißt. Es entitand ein bus 
tiger Kampf, bie Gott, der Erhabene und Gepriefene, Loderif und 
die Seinigen tödtete.” Dann heißt es f. 115: „Mande berichten: 
Loderik 309 gegen Tarif, als er noch auf dem Berge (an der Küfte) 
war, und als Loderik anrüdte, trat ihm Tarif entgegen. Loderik 
befand fih damals auf einem königlichen Throne, welcher von zwei 
Maultbieren getragen wurde, er hatte eine Krone auf und ein Schirm 
bedeckte fein Haupt, au hatte er allerlei Shmud an, wie die Kö— 
nige vor ihm trugen. Tarif und feine Genojjen rückten alle zu Fuß 
gegen ihn vor — es war fein einziger Reiter unter ihnen — und 
fämpften von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und glaubten, 
es fei ihr Untergang. Aber Gott todtete Foderif und die Seinigen, 
und verlieh den Mufelmännern den Sieg. Es war im Welten nie 
eine jo mörderifhe Schlacht mie diefe, und die Mufelmänner hoben 
drei Tage lang das Schwert nicht von ihnen (den Chriften) weg. 
Dann braden fie nah Cordova auf.“ Auch Tab. f. 175 hat nur 
folgende wenige Zeilen über die Eroberung Spaniens: „Sm J. 92 
unternahm Tarif Ibn Zejjad, ein Freigelafiener des Mufa Ibn 
Nußeir, einen Kriegszug nah Andalus mit 12,000 Mann, und er 
ftieß auf den König von Andalus. Wafidi glaubt, diefer König habe 
Idrinijuk geheißen. Er war ein Mann von den Bewohnern Ißba— 
hans (Spaniens) und diefe waren die Könige der Fremden von An» 
dalus. Sorinijuf ſaß auf dem foniglihen Throne, hatte eine Krone 
auf dem Haupte und ein Zelt und allerlei Schmuck. Es entipann 
fih eine blutige Schlaht, bis Gott (Roderich) todtete. Andalus 
ward noch im J. 92 erobert,“ 


524 Zehntes Hauptſtück. 


beiden Flügel von Roderich's Armee I). Roderich felbft iſt 
entweder ertrunfen, oder vom Kampfplage verſchwunden. Seine 
Leiche ward nicht gefunden, wohl aber fein Pferd, und einer 
feiner Sandalen oder Stiefel. Sobald Roderich vermißt wurde, 
trat unter feinem Deere die größte Verwirrung ein, und wer 
nicht die Flucht ergriff, ward ein Raub der arabifhen Waffen. 
Unermeßlihe Beute fiel in die Hand der Sieger, welde in- 
deffen auch auf 9000 Mann zufammengefhmolzen fein follen. 

Die Kunde von Tarifs Sieg gegen den König von An- 
dalus und fein ganzes Heer lockte neue kampf- und raub- 
luftige Schaaren aus Afrifa berüber, während unter den 


3) Sch finde Pascual’s Zweifel (S. 528) gegen die bis auf Afıh- 
bach und Lembfe geglaubte Nachricht von dem DVerrathe der beiden 
Söhne Witiza's vollfommen gegründet. 1. wird von mehrern Au— 
toren, worunter auch Dſahabi, behauptet, Witiza’s Söhne feien nad) 
Afrika hinübergefegelt, um die Araber (wahrfcheinlich durd Wermitt- 
fung des Grafen Zulian) zu bewegen, Roderih vom Throne zu 
ftürzen, weil fie hofften, daß fie fih mit reicher Beute begnügen 
würden. 2. wird berichtet, fie feien noch Kinder gewefen, als ihr 
Vater vom Throne geftürzt wurde, d. h. im J. 709 oder 710, folg- 
fih im J. 711 gewiß nicht fähig, die beiden Flügel einer Armee von 
90,000 Mann zu befehligen. 3. ift e8 ganz unmahrfceinlih, daß 
Roderich den Prinzen, die er vom Throne verdrängt und denen fein 
Fall erwünfcht fein mußte, jo wichtige Voften in feinem Heere an: 
vertraute. Sch vermuthe daher, daß bei irgend einem alten Hiftorifer 
nur das Wort Freund, Anhänger oder ein Aehnliches ausgefallen, 
daß es etwa hieß: die Befehlshaber der beiden Flügel, welche (ge- 
heime) Anhänger Evas und Siſibuts waren, übten Verrath. Weber 
das angegebene Datum vergl. auh Makk. a. a.D. In Betreff Ro- 
derich's glaube ih auch, daß er entweder ertrunfen, oder daß er, 
weil er bemerfte, dag Tarif ihn befonders verfolgte, fich verfleidete 
und dann unerfannt mit andern Leichen beerdigt ward. Daß fein 
Kopf nach Damask gefchicft worden, fcheint eine Erfindung arabıfcher 
Hiftorifer, weldhe dem Siege dadurd die Krone aufſetzen wollten, 
fo wie die Behauptung: Noderich fei glücklich entfommen und habe 
fein Leben in einem Klofter in Portugal vollendet, der Phantafie 
eines frommen Mönchs entjprungen zu fein feheint. 


Welid. 525 


Chriſten Beftürzung und NRatblofigfeit in demfelben Maaße 
zunahbm. Das flahe Land blieb ohne Schus den Plünderuns 
gen des Feindes ausgejegt, jeder fuchte hinter feiten Mauern 
oder in unzugänglichem Gebirge fein Leben vor den ale 
Menfchenfreffer geltenden Arabern zu fichern. 

Die Stadt Sidonia, vielleicht auch Xerez I), in deren 
Nähe die Schlacht vorfiel, ward zuerft, wahrſcheinlich ohne 
MWiverftand, von Tarif genommen. Moror, das jetzige Mo- 
ron, und Carmona folgten bald nad und erboten fih gern 
zu einem Tribut, Erft die Bewohner von Ecija verſchloſſen 
dem Sieger die Thore ihrer befeftigten Stadt, in welder 
auch die Trümmer von Roderichs Heer eine Zuflucht gefucht. 
Die Belagerten wagten es fogar auszurüden und Tarif ein 
Treffen zu liefern, in welchem viele Mufelmänner erfchlagen 
wurden. Tarik hob indeſſen die Belagerung nicht auf, denn 
er erbielt täglich neue Verftärfung aus Afrifa und bald nach— 
ber gelang e8 ibm, den Gouverneur der Feftung, als er im 
Fluſſe badete, gefangen zu nehmen, welcher, um fein Leben 
zu erhalten und feine Freiheit wieder zu erlangen, die Stadt 
übergab 2). 

Nach dem Falle von Ecija wendete fih Tarif mit dem 
Kern feiner Truppen nad dem nahen Corbova 3), während 


1) Der Name Schidunia, welher im Terte vorfommt, ward 
nämlib jpäter auch Zerez beigelegt. Wahrfcheinfich wurden beide 
Städte genommen, ehe Tarif gegen Ecija vorrüdte. S. Makk. 
©. 529. GSidonia und Carmona mußte jedoh Mufa zum zweitens 
male nehmen. 

2) Makk. ©. 275. Sch weiß nicht, warum Lembfe, der doch 
auch dieje Quelle benügte, von der Gefangennahme des Gouverneurs 
nichts erwahnt. Die Mufelmänner erdichten gewiß nichts, was ihre 
Berdienfte ſchmälert und hätten die Hebergabe der Stadt lieber ihrer 
Furcht vor einer Einnahme durd Sturm zugefchrieben. 

5) Nah einigen Berichten fam Tarif gar nicht nad) Cordova, 
fondern brach unmittelbar nad Toledo auf, da indeffen Cordova auf 
dem Wege lag, jo ijt dies nur fo zu verftehen, daß er nicht fo fange 


926 Zehntes Hauptſtück. 


er Fleinere Heeresabtheilungen, um feinen Feind im Rüden 
zu baben und die Verbindung mit Afrifa ftets frei zu erhal- 
ten, gegen Malaga und Granada ziehen ließ. Der größte 
Theil der Bewohner Corbova’s hatte bei dem Herannahen 
des Feindes die Flucht ergriffen, aber eine, zwar an Zahl 
ſchwache, jedoch fehr entichloffene Beſatzung, war in der 
wohlbefeftigten Stadt zurüdgeblieben, fo daß fie förmlich be— 
lagert werben mußte. Tarif, welcher wohl einfahb, daß das 
Schidjal feiner Waffen davon abhinge, daß er die Haupt- 
ftadt Toledo einnehme, ehe die Chriften fih von ihrem 
Schrecken erholt und durch eine neue Königswahl ſich wieder 
vereinigten, ließ einen feiner Generäle, Mughith Arrumt, zur 
Belagerung von Cordova zurüd, während er felbft gegen 
Zoledo vordrang. Die Stadt Cordova fiel indeffen bald nach 
Zarifs Abzug, denn ein Schäfer, welcher son den Mufel- 
männern gefangen genommen wurde, zeigte ihnen eine zu— 
gänglihe Stelle an den Mauern, welche ſie unbemerkt in 
einer dunfeln regnerifchen Nacht erreichten. Es gelang ihnen, 
die Mauer zu überfteigen, die Thorwachen niederzumeseln 
und den Truppen, welche außen barrten, das Thor zu öffnen. 
Die Befasung zog fi) aber in eine befeftigte Kirche zurüd, 
in welcher fie fi drei Monate behauptete, bis endlih Mughith 
die Mittel fand, ihnen das Waffer abzufchneiden ). Er ließ 


— 


vor Cordova blieb, bis die Stadt eingenommen ward. Ber Sbn 
Abd Alh- 1. 1. heißt es indeſſen ausdrüdlih: „Mu’tib Arrumi war 
über der Reiterei Tariks, und es brach auf Mu'tib Arrumi und 
wollte nach Cordova und Tarif ging nad Toledo.” Mu'tib iſt offen— 
bar £ein Anderer, ald Mughith, auch lieſt man in dem einen Pariſer 
Codex Mughib. Wer die arabifhe Schrift Fennt, weiß, dag Mu'tib und 
Mughib ganz gleich geihrieben find, wenn die diafritiihen Punkte 
fehlen. Maffari läßt Tarif (S. 237) über Saen nad) Toledo gehen. 
Bergl. auch Pascuals Note ©. 530. 

1) So bei Maffari ©. 278 u. 279. Bei Lembfe, welcher auch diefe 
Duelle (S. 266) anführt, lieft man: „der gothifche Befehlshaber flüchtete 
mit der Befasung in eine von Waffer umgebene Kirche und 


Welid. 527 


dann nach einigen Berichten, als die Beſatzung ſich noch 
immer nicht ergeben wollte, die Kirche in Brand ſtecken. 
Nach Andern ergab ſie ſich jetzt auf Gnade und Ungnade, 
ward aber, mit Ausnahme des Befehlshabers, welcher erſt 
ſpäter umkam, zuſammengehauen. 

Nicht minder glücklich, als die unter Mughith ſtehende 
Heeresabtheilung, waren die beiden andern, welche nach Südoſt 
ſich gewendet. Malaga war von ſeinen Bewohnern verlaſſen, 
als die Muſelmänner einzogen. Granada mußte aber von 
den nach der Beſetzung von Malaga vereinten Truppen mit 
Sturm genommen werden. Die Citadelle von Granada, ſo 
wie überhaupt die Bewachung der von den Muſelmännern 
eroberten Städte wurde größtentheils den Juden überlaſſen, 
welche durch ſie von der grauſamſten Unterdrückung erlöſt 
worden, ſo daß an ihrer Treue und Hingebung nicht gezwei— 


befeſtigte ſich darin. Drei Monate hielt er ſich tapfer und viele der 
Araber fielen, bis es ihnen gelang, das Waſſer abzuleiten.“ Nach 
Pascuals Ueberſetzung iſt nicht nur nicht geſagt, daß die Kirche von 
Waſſer umgeben war, ſondern es heißt ſogar: »As water was con- 
veyed under ground to this church from a spring at the foot of a 
neighbouring mountain, the besieged defended themselves some time.« 
D. h. fie Eonnten fich halten, weil fie feinen Waffermangel hatten, 
die Kirche oder das Klofter war aber wahrfcheinlih durch Wälle 
befeſtigt. Daß hier nur von Waſſer zum Trinken die Rede ift, geht 
noch deutlicher aus der Stelle hervor, wo es heißt: „fie wufchen den 
fhwarzen Sklaven am unterirdifhen Kanale, durch welchen die Bes 
fasung mit Waffer verjehen wurde.“ Mach Pascuals Berfion kann 
man auch noch die Tradition annehmen, daß die Kirche in Brand 
aufging, weil die Beſatzung, als fie waſſerlos blieb, die Brenn: 
materialen, welche von den Arabern hineingefchleudert wurden, 
nicht mehr löſchen konnte. Doch paßt diefe Tradition beffer zu 
Lembkes Ueberſetzung. Auch über die Flucht des Gouverneurs weichen 
die Traditionen von einander ab, ob fie vor oder nach der Weber: 
gabe der Kirche ftatt fand. Gewiß ift, daß er wieder eingeholt und 
verfhont ward, um lebendig dem Chalifen gefchicft zu werden. Doch 
erfchlug ihn fpäter Muſa. 


528 Zehntes Hauptſtück. 


felt werden konnte). Nach dem Falle von Granada griff 
nun, nad einigen Quellen, biefelbe Heeresabtheilung das 
Gebiet yon Murcia an, welches unter der Herrichaft Theo— 
domirs ftand, Nach tapferer, doch unglüdlicher Gegenwehr, 
war Theodomir gendthigt, ſich mit der geringen Mannfchaft, 
die ihm übrig blieb, in die fefte Stadt Drihuela zu werfen. 
Da es ihm indeffen an Mitteln fehlte, Eräftigen Widerftand 
zu leiften und Feine Hoffnung auf Entfag haben fonnte, über- 
gab er fie, erlangte jedoch durch biefelbe Lift, welche die 
Anhänger Muferlama’s gegen Chalid gebraucht 2), günftige 
Bedingungen. 

Während diefe Städte im Süden gewonnen wurden, rückte 
Tarik felbft gegen Toledo vor und fand zu feinem großen Erftau- 
nen wenig oder gar feinen Widerftand, denn die Mächtigen 
und Reichen hatten ſchon vor feiner Ankunft, der Biſchof an 
ihrer Spige, die Stadt verlaffen und fi mit ihren Habfelig- 
feiten nach Galicien geflüchtet. Die geringe Befasung, welche 


1) Herr Pascual glaubt, die meiften Berberftimme des nörd— 
lichen Afrika's haben fih zum Sudenthume befannt und fieht in den 
Berbern, welche bei Tarif Armee waren, jüdiihe Renegaten, welche 
natürlich mit ihren zur Befenntnig des Chriſtenthums gezwungenen 
Brüdern in Spanien fompathtfirten. Es bedurfte aber, wenn man 
weiß, wie die Suden damals in Spanien behandelt wurden, Feiner 
Slaubensverwandtfchaft zwifchen ihnen und den Arabern, welde 
ihnen volle Gemwiffensfreiheit geitatteten, um die Sympathie der 
Suden für Legtere zu erklären, die dann das Vertrauen der Muſel— 
männer erzeugte. Nach den Befchlüfen einer VBerfammlung zu 
Toledo unter Egica wurden die Juden aller Güter beraubt nnd wie 
Sklaven guten Ihriften zur Aufiiht übergeben. Jüdiſche Kinder 
wurden nach dem fiebenten Sahre von ihren Eltern getrennt, jüdiiche 
Sungfrauen an chriftfihe Männer und jüdiſche Zünglinge an chrift: 
lihe Frauen gewaltfam verheirathet u. dergl. mehr. S. Lembfe 
©, 117. 

2) ©. oben ©. 26. Nach andern Berichten wurden diefe Städte 
erft fpäter, nah Mufa’s Landung, unterjocht. Das glaube ich auch 
in Betreff Murcia's und Orihuela's, aber Malaga und Granada 
wurden wahrfcheinlich fhon von Tariks Generälen genommen. 


Welid. 529 


zurückblieb, ſah die Unmöglichkeit ein, ſie lange zu vertheidi— 
gen, ſuchte ihr daher das traurige Schickſal einer mit Sturm 
eroberten Stadt zu erſparen und übergab ſie lieber, nachdem 
Sicherheit des Lebens und Eigenthums, mit Ausnahme der 
Pferde und Waffen, für die Zurückbleibenden, freier Abzug 
für die, welche auswandern wollten, zugeſagt worden. Auch 
ungeſtörte, nur nicht öffentliche Ausübung des Gottesdienſtes, 
Erhaltung der Kirchen und ein eigenes Tribunal für Strei— 
tigkeiten unter Chriſten wurde von Tarik, wie von allen ihm 
vorangegangenen Eroberern in chriſtlichen Ländern, natür— 


lich gegen Entrichtung eines Tributs, den Beſiegten zuge— 
ſtanden N). 


Tarik hielt ſich nicht lange in Toledo auf. Er wollte 
nicht nur Städte erobern, ſondern auch Reichthümer ſammeln, 
und ſuchte daher die Flüchtigen, welche alle Habſeligkeiten 
des Staats und der Kirche fortgeſchleppt, einzuholen. Er 


1) So bei Conde ©. 41, Bei Makkari iſt gar Feine Rede von 
einer Befasung, noch von einer Capitulation. Da heißt es blos: 
„die Stadt war ganz leer, die Bewohner hatten fih in eine Stadt 
enfeit3 der Gebirge geflüchtet.” Aus chriftlihen Quellen wiffen wir, 
dag der Biſchof Sindered die Koftbarfeiten der Kirche nach Galicien 
rettete und daß die meiſten Bewohner der Stadt feinem Beifpiele 
folgten. Darum glaube ich auch nicht, dag die große Beute, von 
welcher bei den Arabern fo viel erzählt wird, wie Conde und nad 
ihm Aſchbach und Lembfe berichten, in Toledo gemacht wurde, Wenn 
man die Kirchen leerte, fo ließ man gewiß auch nicht beim Heran- 
nahen des Feindes den Foniglihen Palaft mit Gold und Edelfteinen 
gefüllt. Bei Ibn Abd Alh., den wir weiter unten anführen werden, 
fo wie bei dem Autor in Makkari's Apvend. ©. 48 heißt es übrigend 
ausdrüklih, daß die vielen Schäge, worunter auch die 25 Kronen, 
nicht in der Reſidenz, fondern in einer Stadt hinter Toledo gefun: 
den wurden, mo auch der goldene Tiſch fi befand, von dem ſogleich 
die Rede fein wird. Das Datum der Einnahme von Toledo wird 
bei den arabifhen Autoren niht näher angegeben. Lucas Zudenfis 
nennt den Yalmfonntag 712 als den des Ginzugs der Araber, ©. 
Mark, notes 532, 


34 


530 Zehntes Hauptſtück. 


lieg eine Beſatzung zurüd, welche, im Verein mit den Juden 
Toledo's, die entvölferte Stadt bewachte, und brach in der 
Rihtung von Guadalarara nad einer zwei Tagereifen von 
Toledo gelegenen Stadt auf), mo er einen Theil der Schäbe 
Toledo's fand, darunter einen goldenen, mit Perlen und Edel- 
fteinen befegten Tiſch. Nachdem er zum Befise diefer Hab- 
feligfeiten gelangt, bemächtigte ſich wahrfcheinlich einer feiner 


ji) Es heißt wörtlih bei Shn Abd Alh. ©. 114: „Als Tarit 
nah Toledo Fam, fragte er nah dem Tifhe — er hatte fein wich: 
tigeres Anliegen — ed war der Tifh, von welhem die Männer der 
Schrift (Zuden und Chriften) behaupteten, er habe Salomon, dem 
Sohne Davids, gehört, über den Gottes Segen! Man fagte zu 
Tarif: diefer Tiſch befindet fi in einer Veſte, welche Feras (kann 
auch fa, fi, fo und fu gelejen werden) heißt, zwei Tagereifen von 
Toledo, und diefe Veſte befehligt ein Schwefterfohn Loderiks. Tarif 
fandte zu ihm und ließ ihm und feinen Verwandten Sicherheit zus 
fagen. Der Gouverneur Fam zu Tarif herab, der ihm aud, feinem 
Verſprechen gemäß, Sicherheit gewährte, Tarif fagte ihm dann: 
gib den Tiſch heraus! da gab er ihn heraus. An diefem Tifche 
waren Gdelfteine und Gold, wie man noch nie gefehen. Tarıf ri 
einen Fuß heraus mit dem Golde und den Gdelfteinen, die daran 
waren und feste einen andern Fuß ein. Der Tifh wurde auf 
200,000 Dinare gejchäßt, wegen der Edelfteine, die daran waren, 
Tarif nahm auch, was er fonft an Waffen, Gefäßen, Gold, Silber 
und Goelfteinen fand, und erbeutete außerdem noch beifpiellofe 
Schäge und brachte alles zufammen nad Cordova. Da blieb er 
und gab Mufa Nachricht von der Eroberung Andalufiens und der 
gemachten Beute.“ Diefe kurze Notiz ift in fofern von großer 
Bedeutung, ald man noch immer über den Drt, wo diefer Tiich 
gefunden worden, fo wie überhaupt über die Richtung und Ausdeh- 
nung der Züge Tariks, nach der Eroberung von Toledo, in Zweifel 
ift, und fo viel ich glaube, die Entfernung des Ortes, welcher wegen 
des Dafelbft gefundenen Tiſches Medinet Almaida genannt ward, 
von Toledo, in feiner andern Quelle fo beftimmt angegeben ift. 
Pasceual hat ©. 554 eine lange Note über diefen Gegenftand, in 
weldher er die verfchiedenen fich widerfprechenden Berichte und Ans 
fihten der Araber und Spanier zufammenftellt. Am Schlufe fagt 
er, und das ift mir auch um fo wahrfcheinlicher, ald der Ort, wo 


Welid. 531 


Generäle der Stadt Guadalarara, während er felbft mehrere 
Städte jenfeits der zwiſchen Alt- und NeusCaftilien fich er— 
bebenden Berge unterwarf und nach einigen Berichten vor 
feiner Rückkehr nah Toledo, ſogar bis Aftorga drang und 
diefe Stadt einnahm. 

Alle diefe Feldzüge hatte Tarif, obgleich er unter dem 
Befehle Mufa’s, des Statthalters von Afrika, ftand, welcher 
felbft in wichtigen Angelegenheiten bei dem Chalifen anfragen 
mußte, ganz eigenmächtig unternommen. Nach mehreren Be- 
richten foll er fogar gegen den ausdrüdlichen Befehl Mufa’s 
gehandelt haben, welcher ihm nach den eriten Siegesnachrich- 
ten fchrieb, er folle bis zu feiner Anfunft Cordova nicht über- 
ſchreiten. Mufa zürnte dem fühnen Tarif, trotz dem glüdlichen 
Erfolge feines Ungehorfamg, als ihm die Einnahme von Toledo 
gemeldet ward, denn er gönnte ihm nicht den Ruhm, die 
Hauptftadt Andalufiens unterworfen zu haben, und fürchtete 
auch, es möchte ihm der fchünfte Theil der Beute entgehen, 
Er beichleunigte daher feine Abfahrt, nachdem er die Negie- 
rung von Afrifa feinem älteften Sohne Abd Allah übergeben 
und fegelte mit einem Deere, an deſſen Spite viele ber älte— 
ften und angefehenften Araber und Berber ftanden, nad) Spa— 
nien hinüber, Die Zahl der Truppen, fo wie die Zeit ber 


der Tifch gefunden worden, mit der von Ibn Abd Alh. bezeichneten 
Lage übereinftimmt: »there is only one way of reconciling the 
different statements of these autors, which is to suppose that Tarik 
on his way to Amayas, or Moya (either town will do for my con- 
jecture), went first to Alcala, where he met with a party of fugitives 
and seized upon the table of Salomon, and that on his return from 
his expedition he crossed ihe mountains at Buitrago, and proceeded 
to Galicia-Guadalaxara being, during this interval, reduced by a party 
of his men, under the orders of his lieutenants.« Letzteres ift Feine 
Bermuthung, denn Alfaft fchreibt ausdrüdklih die Eroberung von 
Guadalurara dem Mohammed Son Slias Almugheili zu. ©. Ibid, 
©. 583, daß es nicht Medinaceli ift, wie Marina und Andere wollen, 
kann mit Gewißheit behauptet werden, R 
34 


532 Zehntes Hauptftür, 


Landung Mufa’s in Alchadhra I) wird verfehteden angegeben. 
Er Hatte nad Einigen 10,000 Mann bei fih und landete 
ſchon im zweiten Monate des Jahres 93 (Novemb. — Dez. 
711) nad) Andern führte er 18,000 mit ſich und betrat erſt 
im April oder Mai oder gar im Juli den fpanifchen Bo— 
den?). Statt aber auf dem von Tarif eingefchlagenen Wege 
nad) Toledo zu ziehen, ließ er fi) von den mit ihm verbün- 
beten Chriften eine andere Richtung vorzeichnen, die auch ihm 
Ausfiht auf Kriegsruhm und Reichthümer öffnete. Sidonia 
ward von ihm duch Sturm genommen, dann griff er Car— 
mona und Sevilla an. Erftere Stadt fiel durch Verrath der 
Soldaten Julians, die als Chriften in die Stadt eingelaffen 
wurden, dann aber in ber Nacht den Arabern die Thore 
öffneten ). Sevilla, einft die Dauptitadt des Reichs, und 


1) Makkari und nad ihm Lembke fchreibt: „Muſa landete an 
einer Stelle, welche nady ihm dann den Namen Djebel Mufa (Mu: 
fa’8 Berg) erhielt.“ Aber Pascual hat ©. 536 nachgemwiefen, daß 
diefer Name nicht von diefem Mufa, fondern von dem Biblifchen 
herrübren foll, welcher, einer mufelmännifchen Legende zufolge, einft 
mit Sofua und Elias an der Meerenge von Gibraltar eine Zufam: 
menfunft hatte, daß aber nicht auf fpanifchem, fondern auf afrifa- 
nifhem Boden, zwifchen Ceuta und Tanger, ein Berg und ein Hafen 
nach Mufa benannt wurden, 

2) ©. Pascual ©. 535 u. 536. Sn Betreff der Zeit habe ich 
die nicht zu verwerfende Meinung Son Abd Alhafams (S. 115) hin- 
zuzufegen, welher Mufa’s Ueberfabrt in den Monat Radjab fest 
(April — Mai 712) und auch ausdrücklich Alchadhra (Algeſiras) als 
den Landungsplag nennt. Auch Tab. f. 182 v. fett die Ueberfahrt 
Mufa’s nah Spanien in den Monat Nadjab. Derfelbe fpriht auch 
nur von 10,000 Mann. Statt Habib Son Abda Alfıhri, welchen 
Mufa mit fit) nahm, heißt es bei Ibhn Abd Alb. „Son Abi UÜbeida“ 
und bei Tab. „Habib Sbn Okba Ibn Nafi.“ Beide Stellen werde 
ich weiter unten wörtlich anführen. 

3) Makk. ©. 284. Carmona foll zuerft genommen worden fein; 
der Lage nad follte man es nicht glauben. Wahrfheinlih ward 
Carmona von einer Fleinen Heeresabtheilung, die unter einem von Mus 
fa’8 Generalen ftand, genommen, während er felbft vor Sevilla lag. 


Welid. 533 


noch jetzt mächtig und ſtark bevölkert, widerſtand einige Zeit 
den Angriffen der Muſelmänner, dann ergab ſie ſich aber, 
nach einigen Berichten auf Zurathen des Erzbiſchofs Oppas. 

Merida, wohin Muſa jetzt ſein Heer führte, mit Aus— 
nahme einer kleinen Beſatzung, der er im Vereine mit Juden 
die Bewachung der Citadelle von Sevilla auftrug, vertheidigte 
ſich länger und ſchlug die Muſelmänner zu wiederholtenmalen 
von ihren hohen und feſten Mauern zurück. Muſa ließ ſich 
daher gern in Unterhandlungen ein und gewährte den Ab— 
geordneten der Stadt, welche in ſein Lager kamen, Sicherheit 
des Lebens und Eigenthums für alle Bewohner derſelben D. 
Nur das zurüdgebliebene Gut der Geflüchteten, fo wie das ver 
während der Belagerung Gefallenen, nebft den Kirchengütern, 
follte ihm ausgeliefert werden 2). Urfache der Lebergabe war 


1) Makk. ©. 285. Mehrere Quellen erzählen, dag Roderichs 
Wittwe, Eailone (bei den Arabern Eylah), ſich auch in Merida be= 
fand, als diefe Stadt fih dem Mufa ergab. Pascual bemerft 
(S. 543): »Egilona must on this occasion have become Musa’s slavc, 
Since two years after she married his son Abdu-l-Aziz.« Ich weiß 
nicht, warum fie nicht auch zum Islam übergetreten fein konnte, 
menigftens zum Scheine, damit Mufa fie gejesmäßig heirathen 
fonnte. Bei Sbn Abd Alb. ©. 118 heißt es ausbrücklich: „Abd 
Alaziz heirathete (tazawwadja — ein Ausdruck, der nur bei wirf: 
fiher Ehe vorfümmt —) eine Chriſtin,“ aber nidt eine Wittme, 
fondern eine Tochter Roderichs. 


2) Nah Mafkari 1. I. fand die Hebergabe von Merida am erften 
Schammal des 3. 94 (30te Suni 713) ftatt. Nah Numeiri (journ. 
asiat, II, 11. 572) einen Tag früher. Nach Conde’s Quellen und 
einer andern von Lembfe (S. 270) angeführten Handſchrift, im 
5.9. Lembfe nimmt ohne Bedenfen legteres Datum an. Thut 
man dies, jo muß man Mufa’s Ueberfahrt nicht, wie Lembfe, in 
den Monat Suni 712 fegen, fondern fpätefteng in den Xpril, was 
auch mehrere Wutoren, worunter Zab. und Sen Abd Alh., thun, 
denn in einem Monate fonnte doch unmöglih Mufa Sidonia, Car: 
mona, Sevilla und Merida, legtere „nach einer längern Belagerung,“ 
nehmen. Daß 94 unrichtig ift, geht auch aus Sbn Abd Alb. hervor, 


534 Zehntes Hauptſtück. 


wahrfheintih Die Rückkehr der Truppen, welche Mufa nad) 
Sevilla geichieft hatte, wo eim Aufftand ausgebrochen war, 
in welchem ein Theil der arabiihen Befasung umfam. Sein 
Sohn Abd Maziz hatte bald die aufrührerifche Stadt, fo wie 
Niebla und Beja, die an der Empörung theilgenommen, ge— 
züchtigt und dem wieder vereinigten Heere Mufa’s fonnte die 
hülflofe Feftung nicht länger widerftehen Y. 

Einige Wochen nad der Uebergabe von Meriva nahm 
endlich Mufa die gerade Richtung nah Toledo, und Tarif 
ging ihm bis Talavera entgegen, wo er wegen feines Unge- 
horſams mit Härte angeredet, nach einigen Berichten fogar 
thätlich mißhandelt wurde. Durch Darlegung der Gründe 
feines Handelns und mehr noch durch Herausgabe aller 
eroberten Schäße, befonders auch der foftbaren Tafel, welche 
unter dem Namen Salomons-Tafel befannt war, gelang eg 
jedoch Tarif, feinen Seren zu befänftigen. Nach andern 
glaubwürdigeren Duellen hatte das erfte Zufammentreffen 
Tariks mit Mufa bald nach deffen Landung zwifchen Algefiras 
und Cordova ftatt, Es fam eine Verſöhnung zu Stande, 
ein zweites ung jedoch unbefanntes Vergeben bracdte aber 


der ©. 117 berichtet: „Mufa blieb nur einen Monat vom 3. 95 in 
Spanien,“ es blieben alfo nach der Ginnahme von Merida nur noch 
4 Monate für alle folgenden Unternehmungen. 


1) Makk. Ibid. Was Conde ©, 45 von der Ankunft von 7000 
Mann unter Abd Al Aziz berichtet, ift wahrfcheinlich fo zu verftehen, 
daß diefer während der Belagerung von Merida, nachdem er Sevilla 
wieder bezwungen, zur Belagerungsarmee zurüdfehrte und dieſe 
Rückkehr veranlaßte vielleicht die Bewohner von Merida, zu capitu- 
liren. Aſchbach irrt daher, wenn er (©. 37) fchreibt: „Mufa mußte 
erft die Verftärfung neuer Truppen aus Afrifa abwarten,“ und 
glaubt, daß fein Sohn Abd Alaziz aus Afrika kam. Makk. fagt 
ausdrüdlih (S. 285), dag Abd Alaziz gleich mit Mufa in Spanien 
landete, fo wie feine beiden Brüder Merwan und Abd Alala. Diefe 
Stelle Conde’s beitimmt mich aber zu glauben, daß die Wiederunter- 
johung Sevilla's vor der Einnahme von Merida ftatt fand, 


Welid. 535 


Muſa aufs Neue gegen Tarik auf, ſo daß er ihn feſſeln und 
in einen Kerker ſperren ließ D. Der ſchon oben genannte 
Mughith Arrumi reifte daher fchleunigft nah Damask und 


1) Hier weiche ih von Makkari und Conde, denen Afchbadı 
und Lembfe folgen, ab. Man lieft bei Jon Abd Alb. ©. 115: 
„Mufa hatte dem Tarif gefchrieben, er follte Cerdova nicht über: 
fhreiten, als er daher Nachricht von der Groberung von Toledo 
erhielt, war er fehr erzürnt über ihn und fuhr ſelbſt im Radjab des 
3. 9 nab Alhadhra hinüber, nahdem er feinen Sohn Abd Allah, 
welcher fein ältefter war, über Cairawan gejegt, und bei ihm mar 
Habib Ibn Abi Ubeidah Alfihri. Er landete in Aldhadhra, dann 
ging er nah Cordova. Tarif Fam ihm entgegen und fuchte ihn 
zufrieden zu ftellen und fagte ihm: bin ich doch dein Sklave und 
was ich erbeuter, gehört dir. Tarif gab ihm dann heraus, was er 
erbeutet hatte und Mufa fammelte unbefchreiblihe Reichthümer .... 
Nach einigen Berichten hatte Mufa den Tarif nad) feiner Landung 
nach Toledo geſchickt, und diefe Stadt liegt in der Mitte zwiſchen 
Cordova und Arbuna. (Narbonne) S. 117 heißt es dann, nad mehs 
reren Grzählungen von Leuten, melde von der Beute geraubt und 
dann mwunderbarerweije beftraft worden: „Mufa Ibn Nußeir ergriff 
den Tarif Ibn Amru und feifelte ihn und fperrte ihn ein, und hatte 
im Sinne, ihn umjubringen. Da fandte Tarik zu Mughith Arrumi, 
welcher ein Sklave des Welid Ibn Abd Almalit war [und fagte ihm]: 
wenn du meine Angelegenheit vor Welid brinaft [und ihm fagft]: 
dag Andalus dur mich erobert worden und dag Mufa mic ein: 
gefperrt und» mih umbringen will, gebe ich dir hundert Sklaven. 
Mughith ging diefe Bedingung ein und vor feiner Abreije, als er 
fi) bei Mufa verabfchiedete, fagte er diefem: „Webereile dich nicht 
mit Tarif, denn du haft Feinde; ſchon hat der Fürft der Gläubigen 
von ihm gehört und ich fürchte für dich.” Mughith reifte dann ab 
und Mufa blieb in Andalus. Als Mughith zu Welid kam, gab er 
ihm Nachricht, wie ed zugegangen bei der Eroberung von Andalus 
durch Tarif und wie Mufa diefen eingeferfert und ihn umbringen 
gewollt. Da fchrieb Welid dem Mufa und ſchwur bei Gott: mahr: 
ih, wenn du ihn (Tarif) fchlägft, fo fchlage ich dih, und wenn du 
ihm tödteft, fo tödte ich deinen Sohn für ihn. Diefen Brief fandte 
er durh Mughith Arrumi, melher ihn dem Mufa nad) Andalus 
brachte. Als diefer ihn gelefen, ließ er Tarif aus dem Kerfer holen 
und frei ziehen. Tarif hielt fein Verfprehen gegen Mughith in 


336 | Zehntes Hauptflüd. 


klagte Mufa’s ungerechtes und graufames Verfahren gegen 
einen Mann, dem der Islam fo glänzende Waffenthaten ver: 
danfte, bei dem Chalifen an, der auch ſogleich Befehle zu 
deſſen Befreiung ertheilte, 

Tarif warb wieder an die Spise einer Heeresabtheilung 
geftellt, welche gegen Norboft in gerader Richtung nad Sa- 
ragoffa bin marfchirte, während Mufa auf dem großen Um: 


Betreff der hundert Sklaven.” Auch bei Tab. f. 182 v. heißt es: 
„Mohammed Sbn Omar erzählt: „Mufa zürnte im J. 93 dem Tarif 
und er ging zu ihm im Radjab diefes Sahres und bei ihm mar 
Habib Ibn Okba Ibn Nafi Alfihri. Er ließ feinen Sohn Abd Allah 
als Statthalter von Afrifa zurück und feste mit 10,000 Mann zu 
Tarif hinüber. Tarif fuchte Mufa zufrieden zu ftellen; diefer nahm 
feine Entfchuldigung an und fandte ihn nad Toledo, welche eine 
der größten Städte Andalufiens ift, 20 Tagereifen von Cordova. 
Dort fand er Suleimand Tifh, an welhem fo viel Gold und Silber, 
als nur Gott weiß.” Auch in der Handfchrift, welche Pascual als 
Appendix D mittheilt, heißt es (©. 49): »After penetrating far into 
the country of the Rum, Tarik returned to Cordova and fixed his 
abodes in that eity.« Dann weiter unten: »Musa landed at Algesiras 
and took the road to Cordova; he was met by Tarik, who treated 
him with respect and submission, but Musa, raising his staff, gave 
hin a blow on the head and continued marching until he reached 
Cordova.« Aus allen diefen Berichten geht hervor, daß Tarif nicht 
zwiihen Meriva und Toledo, fondern zwijchen Algefiras und Cor: 
dova feinen Herrn empfing. Mufa fohnte ſich mit ibm aus und 
fandte ihn wahrjcheinlih nach Toledo zurück, während er über Me: 
rida fih dahin begab. Auf dem Wege mochte Mufa erfahren haben, 
daß Tarif entweder ihm einen Theil der Beute vorenthalten, oder 
vielleiht gegen feinen Befehl aud noch Toledo überfchritten habe, 
und ließ ihn darum, als er ihm nach Talavera entgegenfam, fefleln 
und einfperren, Dies glaube ich nicht blos, weil die drei angeführ: 
ten Quellen mehr Bertrauen verdienen, als Maffari und andere 
Menere, denen Conde folgte, fondern weil ed mir auch ganz um: 
glaublih fcheint, daß Mufa wenigſtens fünf Monate, nad) vielen 
Berichten neun Monate und noch darüber, in Spanien gewefen fei, 
ehe Tarif fich zu ihm begab, oder der auf Beute fo erpichte Mufa 
ihn zu fich berief und Rechenſchaft von ihm verlangte, 


Welid. 537 


wege über Salamanca und Aſtorga die Mauern von Sara— 
goſſa erreichte. Tarik hatte mit ſeinen ihm übrig gebliebenen 
Leuten, denn viele mußte er als Beſatzung in den auf ſeinem 
Marſche eroberten Städten zurücklaſſen, die befeſtigte und tapfer 
vertheidigte Stadt nicht einnehmen können. Erſt als Muſa 
anlangte, ward ſie zur Uebergabe genöthigt, und zwar wegen 
ihres langen Widerſtandes, unter härteren Bedingungen. Wie 
überall ließ ſich auch hier Muſa Geißeln ausliefern und legte 
eine ſtarke Beſatzung in die Stadt. Die beiden Feldherren 
trennten ſich dann wieder. Muſa unterwarf die öſtlich und 
nordöſtlich von Saragoſſa gelegenen Städte Tarragona, Bar- 
celona, und bis über Gerona hinaus, Tarif folgte aber dem 
Laufe des Ebro, nahm Tortofa ein und eroberte dann die 
füdlicheren Städte Balencia, Kativa und Denia, Manche Au: 
toren laffen fogar Mufa die Pyrenden überfteigen und bis 
Narbonne, ja fogar bis Avignon und Lyon vordringen, darauf 
den Entſchluß faſſen, das byzantinifche Reich von Weften her 
anzugreifen. Alle diefe übertriebenen Berichte rühren aber 
wahrſcheinlich daher, daß die Provinz Catalonien, weil fie 
mehrmals von den Franfen unterjocht war, damals auch von 
den Arabern das Franfenland (Ardh-Alfarandj) genannt warb, 
und daß dann fpätere Autoren, welche von Mufa’s Eroberun- 
gen in Catalonien hörten oder laſen, dabei an Frankreich 
dachten und darum ſchon Mufa die Einfälle in Gallien zu- 
Schreiben, die erjt unter fpäteren arabifchen Feldherren unter- 
nommen wurden 7), Folgende Infchrift einer Statue foll 


— — — 


1) ©. Pascual ©. 545. Ohnehin haben wir übrigens oft ſchon 
gefehen, daß es in der Art arabifcher Hiftorifer liegt, die Eroberun— 
gen fremder Länder bedeutend vorzurücen. Sm Append. ©. 76 heißt 
es fogar: »He (Mufa) then took the route of the country of the 
Frank, until he reached Saragossa « Dann erzählt Abd Allah Ibn 
Mughirah: »I was in the number of these who accompanied Musa 
in the conquest of Andalus and i wäs with him when he arrived in 
the sight of Saragossa which was with the exception of some light in- 


538 Zehntes Hauptſtück. 


Mufa zum Rückzuge bewogen haben: „Söhne Ismaels! bier 
ift das Ziel eures Vordringeng, drum fehret um! Wollt ihr 
wiſſen, was ihr bei eurer Rückkehr findet? ich will es euch 
jagen: innere Zwiftigfeiten, in denen ihr euch unter einander 
den Kopf abjchneidet 1).” Den Sinn diefer Inſchrift mochte 
Muſa in feinem Herzen getragen haben, denn er mußte wiffen, 
daß fein Benehmen gegen Tarif, welcher einflußreiche Freunde 
am Hofe Welid’s hatte, und feit feiner Befreiung auf Befehl 
des Chalifen, ziemlich eigenmächtig handelte, auch in unmittel- 
barem Berfehr mit Damasf ftand, ihm feine guten Früchte 
bringen würde, In der That traf er auf feinem Rückzuge 
einen Boten des Chalifen, welcher ihm den Befehl brachte, 
nah Afrifa zurüdzufehren 2). 

Mufa beſtach jedoch den Boten, der ihm das Schreiben 
des Chalifen brachte und bewog ihn, noch einige Zeit bei ihm 
zu verweilen, bis er noch einen Feldzug nad) Galicien unter= 
nommen. Diesmal foll er bis Lugo und feine Vorpoften 
fogar bis an die nordweftliche Küfte Spaniens gedrungen fein, 
als ein zweiter Bote des Chalifen, mit der Weifung, ihn 


cursions in the district beyond it, the farthest limit of our conquests 
under him.« 


D) So nah Numeiri a. a. D. ©. 575. Wach Pascual’s Weber: 
fegung heißt es bei Maff. ©. 289: O sons of Ismael, hither you 
will arrive, hence you must return, for if you go beyond this stone 
you will return to your country to make war upon one another and 
consume your forces by dissensions and civil wars. 

2) Der Chalife traute Mufa fchon anfangs nicht ganz, wie aus 
Append. ©. 72 hervorgeht. Mufa fcheint ohne Erlaubnis Welid’s 
nah Spanien hinüber gejegelt zu fein. Auch ließ er ihn bie zu 
feinem Einzug in Toledo ohne Nachricht, fo daß der Chalife fürch— 
tete, Muja möchte in Spanien ein unabhängiges Reich gründen. 
Der Kadhi von Damasf flehte fogar fchon, auf Welid's Befehl, 
Öffentlich in der Moſchee, Gottes Schus gegen Muſa's ehrgeizige 
Abfihten an, als fein Bote anlangte und ihm fagte: betet für und 
nicht gegen Muſa, denn er hat nie den Gehorfam gegen feinen Ge: 
bieter vergeifen, noch) das Wohl feines Volkes vernachläſſigt u. ſ. w. 


Welid. 539 


ohne Verzug zurückzubringen, ihn in feinem weitern Sieges- 
laufe, oder eigentlich Raub⸗ und Zerſtörungszuge, hemmte H. 

duſa theilte, wahrſcheinlich um dadurch den Chalifen zu 
nöthigen, ihn mit Schonung zu behandeln, die Herrſchaft über 
Spanien und Afrika unter feinen Söhnen und nöthigte Tarif 2), 
bei deffen Rückkehr aus Aragonien, mit ihm das Land zu 
verlaflen, dag fie gemeinschaftlich erobert. Seinen Sohn Abd 
Alaziz ernannte er zum Statthalter von Spanien, und wies 
ihm Sevilla, wegen der Nähe diefer Stadt von den mufel- 
männifhen Befigungen in Afrifa, als Reſidenz an. Sein 
Sohn Abd Almalik follte das weftlihe Afrifa, mit Ausnahme 
der Küftenftädte, welche deifen Bruder Abd Alala übergeben 
wurden, verwalten, und Abd Allah, wie bisher, Statthalter 
son Kairawan und dem öftlihen Afrifa bleiben ). Mufa 


1) Makk. ©. 291 u. 292, Der erfte Bote war der uns fchon 
befannte Mughith Errumi, derfelbe, der nah Abd Alh. den Befehl 
zu Muſa's Befreiung gebraht und folglich ınzwifhen nod einmal 
die Reife nach Syrien und zurücd gemacht haben müßte. Der zweite 
Bote wird Abu Naßr genannt, allerdings wie Pascual ©. 546 richtig 
bemerkt, nur ein Beiname. Mir ift aber unbegreiflich, wie Pascual 
dann hinzufegt: »I suspect that Mugheyth and Abu Nasr are one and 
the same person, as that general might well have received, on his 
return to the east, the honorific surname of »father of victory« which 
is the meaning of those words.« Crftens heißt ed im Terte, daß 
Mughith bei Mufa blieb und ihn nad) Lugo begleitete und dann 
heißt es ausdrüdlih bei Muſa's Rückkehr, daß er die zwei Boten 
des Chalifen, Mughith und Abu Nafr, mit fih nahm. 


2) A. a.D. und bei Numeirt ©. 524. Auch bei Ibn Abd Alh. 
©. 117 lief man, daß Tarif mit Mufa von Kairaman aufbrad, ihn 
folglich auf der ganzen Reife menigftens bis dahin begleitete. Nicht 
mie bei Conde und den ihm folgenden fpätern Hiftorifern, welcher 
auch Tarif vom Chalifen zurüdrufen und vor Mufa von Spanien 
abreifen läßt. ©. auch Append. ©. 50, 


3) So bei Makk. ©, 292. Nah Numeiri ©. 574 erhielt Abd 
Almalif den Dberbefehl über Ceuta, Tanger und die umliegenden 


540 Zehntes Hauptſtück. 


verließ Spanien, nad den älteften Quellen I), im zweiten Mo- 
nate des 3. 95 (Okt. — Nov. 713), alle erbeuteten Koft- 
barfeiten und eine große Anzahl Gefangener mit fich führend. 
Da er den Weg von Qeuta bis Damasf zu Land machte, 
theils weil er noch Manches in Afrifa zu ordnen hatte, theils 
weil es wahrſcheinlich an Schiffen fehlte, um ihn mit dem 
Heere von Sklaven und Gefangenen, deren Zahl von Man- 
chen auf 30,000 ?) angegeben wird, aufzunehmen, mußte über 


Orte, Abd Allah aber die Provinz Afrika mit allen davon abhängen: 
den Ländern, von Abd Alala tft gar Feine Rede. 

1) Son Abd Alb. S. 117: „Mufa’s Aufenthalt in Afrifa war 
im 3. 93 und 94 und noch während eines Monats vom J. 95. Als 
Mufa in die Provinz Afrika Fam, fchrieb ihm Welid, der Sohn Abd 
Almalik's, er jolle vor ihm erjheinen. Mufa ernannte jeinen Sohn 
Abd Allah zu feinem Stellvertreter und verlief die Provinz Afrika 
und zog mit aller Beute und allen Gefchenfen nad) Egypten. Welid, 
der Sohn Abd Almalik's, ward aber frank und fchrieb daher dem 
Mufa, er jollte feine Reife beichleunigen. Suleiman fchrieb ihm 
aber, er follte einhalten, damit Welid inzwifchen fterbe und das, was 
Mufa mitgebracht, ihm zufalle. Mufa zog weiter bis nach Tiberiag, 
wo er die Nachricht von Welid’s Tode erhielt und er brachte dann 
alle Geſchenke dem Suleiman, der fehr erfreut darüber war.“ Auch 
bei Tab. f. 188 v. heißt es: „Sm 3. 95 kehrte Mufa wieder von 
Andalus nah Afrika zurüd. Nah Maff. ©. 292 verlief Mufa 
Afrifa im legten Monate des 3. 94. Nach Append. E. ©. 78 ſchon 
gegen Mitte 94. Append. D. ©. 50 aber lautet übereinftimmend 
mit Sbn Abd Alb. Ber Makk. felbft II. 30 heißt es ſogar, Mufa 
verließ Spanien im Dfu-l-Hudjah 95, was indejfen vielleicht nur ein 
Schreibfehler ift. Sch hätte es für einen Drudfehler gehalten, wenn 
nicht Pascual, ohne an den Widerſpruch zu denken, hinzugefest hätte: 
„Aug. Sept. 714.” 

2) Maff. ibid, Ber Numeirt, der immer mehr weiß ald An- 
dere: „30,000 Sunafrauen, Töchter gothiiher Fürften und Großen.“ 
Bei Append, D. ©. 50: „1100 Gefangene, Männer, Frauen und 
Kinder, worunter 400 Prinzen von königlichem Geblüte.“ Bei Ap- 
pend. E. ©. 78: »Musa then began his march taking along with him 
the sons of the Gothic kings and the sons of the Frankish kings and 
an immense booty, consisting of gold diadems, of the famous table, 


Welid. 541 


ein Jahr vergehen, bevor er in Damask anlangte. Er ward 
allenthalben auf ſeiner Durchreiſe wie ein Triumphator empfan— 
gen und alle Araber, welche von ſeiner Ankunft hörten, dräng— 
ten ſich herbei, um die gothiſchen Gefangenen und andaluſiſchen 
Merkwürdigkeiten zu ſehen, welche Muſa in dreißig Wagen 
und auf zahlloſen Kameelen nachſchleppte. Erſt gegen Ende 
des dritten Monats des J. 96 (Dez. 714) kam er in Foftat 
oder Altfabira an !), wo er auf Befehl des Chalifen von 
Kurrad Jon Scherif, dem damaligen Gouverneur von 
Foftat, empfangen und von allen Edlen Egyptens bewill- 
fommt ward. Er brachte drei Tage in Foftat zu, befchenfte 
alle die ihn befuchten, beſonders veichlid) aber die Söhne 
feines Wopltbäters Abd Alaziz Jon Merwan ?). In klei— 
nen Tagereiſen bewegte er fih nun gegen Syrien, jo daß 
nah einigen Berichten er ſchon in Tiberias den Tod deg 
Chalifen vernahm, welcher erft Mitte Djumadi-LF-Adir, alfo 
zwei und ein halb Monate nad) feiner Abreife von Foftat er— 
folgte 9. Wahrfcheinlicher ift jedoch eine andere Tradition, 


and the rich vases of gold and silver, and many thousands of male 
and female slaves and jewels beyond computation and all sorts of 
novelties.« 


I) Nah Son Abd Alb. 1. 1. „Donnerftag den 24. Rabia-l-Aw- 
wal“, Nach dem Art de verifier les dates wäre der 24, ein Freitag. 
Uebrigens ift befannt, dag das mufelmännifhe Sahr und befonders 
der Anfang der Monate de facto oft von der Theorie abweicht, was 
fhon häufig dur den Anfang und das Ende des Ramadhan ver: 
anlaßt wird, jo dag man bei Nichtübereinftimmung eines Wochen: 
fages mit dem Datum des Monates nach unferer Berechnung das 
Datum nicht gerade als falfch erfliren Fann, wenn es fih nur um 
einen oder zwei Tage handelt. Der 23, Rabia-l-Awwal entipricht 
dem 6. Des. 714. 

2) Makk. Append. ©. 80. 


3) Bei Tab. f. 190. Samftag den 15. Auch dieſes Datum 
ſtimmt, in Betreff des Wochentages, mit dem obigen von Ibn Abd 
Alh. nicht überein, nad) dem art. de verif, les dates wäre der 15. 


542 Zehntes Hauptftüd, 


derzufolge er bier nicht Nachricht vom Tode, fondern bloß 
von der Krankheit des Chalifen befam, der ihm auch, um 
fein Leben mit einem glänzenden Triumphe zu befchließen, den 
Defehl ertheilte, feine Reife nad) Damasf zu befchleunigen. 
Suleiman, der Thronfolger Welid's hingegen, foll, um feinen 
Regierungsantritt mit bem Einzuge des Eroberers von Spas 
nien verherrlichen zu können, Mufa gebeten haben, feine Reife 
jo viel als möglich in die Länge zu ziehen. Mufa, der ent 
weder die Krankheit des Chalifen nicht für Tebensgefährlich 
hielt, oder von Welid eine beffere Aufnahme als yon feinem 
Nachfolger erwartete, gab Lesterem fein Gehör, z0g fi) aber 
durch feinen Ungehorfam nur Unannehmlichfeiten zu, denn 
Welid, welcher in den Testen Zügen lag, Fonnte nichts mehr 
für ihn thun. 

An einem Borwande zur Mißhandlung Mufa’s fehlte 
es nicht, Er ward angeflagt, nicht den gefeßmäßigen fünften 
Theil der Beute ausgetheilt zu haben, und es ward ihm von 
Zarif und feinen Freunden bewiefen, daß er in feinen Be— 
richten nicht wahr gewefen, indem er fih mande Waffenthat 
zufhrieb, welche Tarif ausgeführt, unter Andern auch die, 
welche die Erbeutung des Eoftbaren Tifches zur Folge hatte). 


Djumadi-l-Ahir ein Montag. Nimmt man alfo wirklich einen Sams: 
tag als den Todestag an, fo entfpräche er dem 23. und nicht dem 
25. Febr. 715, 

1) Nach einigen Berichten fiel auch diefes noch unter Welid 
vor. As Mufa nämlich dem Welid die goldene Tafel fchenfte, be: 
hauptete Tarif, er habe fie erbeutet, und da Mufa ihn Lügen ftrafter 
bat Tarik den Chalifen, Mufa zu fragen, warum ein Fuß fehle? 
Mufa antwortete: er habe die Tafel fo gefunden. Tarif holte aber 
dann den Fuß herbei, den er vor Muſa's Landung in Spanien, wahr: 
fheinlih in der Vorausficht eines folchen Vorfalld, von der Tafel 
genommen, und der Chalife ward überzeugt, daß Mufa ihn belogen. 
J. Abd Alb. ©. 118 u. a. Vorher heißt ed (S. 117): Als Suleiman 
die von Mufa ihm gemachten Gefchenfe in die Hand nahm, (nad 
der Tradition, die Welid vor Mufa’s Ankunft fchon fterben läßt), 


Welid. 543 


Obgleich Muſa's ferneres Schickſal eigentlich in das 
folgende Hauptſtück gehört, wollen wir doch, um nicht noch 
einmal auf ihn zurückzukommen, da er ſchon im folgenden Jahre 
ſtarb, ihn hier noch bis zu ſeinem Ende begleiten. Gewiß 
iſt, daß er in der erſten Zeit von dem Chalifen Suleiman, 
es ſei nun wegen ſeines Ungehorſams, oder wegen wirklicher 
Vergehen, mit vieler Härte behandelt ward. Nach einigen 
Berichten ſoll er in einen Kerker geworfen, aller ſeiner Gü— 
ter beraubt und noch zu einer Geldſtrafe von 100,000 Dina— 
ren verurtheilt worden ſein ). Suleiman ſoll ſogar die 
Grauſamkeit ſo weit getrieben haben, daß er ſich in Muſa's 
Gegenwart den Kopf ſeines Sohnes Abd Alaziz bringen ließ, 
der in einer, wahrſcheinlich vom Chalifen ſelbſt angeſtifteten 
Verſchwörung, in Spanien umkam, und ihn fragte, ob 
er ihn kenne? Worauf der achtundſiebenzigjährige Greis, der 
nichts mehr zu verlieren hatte, antwortete: „Allerdings kenne 
ich ihn als einen Mann, der früh zum Gebete ſich erhob und 
viel gefaſtet. Gottes Fluch möge ihn treffen, wenn ſein 


ſprang ein Medinenſer hervor, von den Gefährten Muſa's, der über 
die Beute geſetzt war und Iſa Ibn Abd Allah Attawil (der Lange) 
hieß und ſprach: O Fürſt der Gläubigen! Wahrlih, Gott hat dir fo 
viel erlaubtes Gut geichenft, dag du Unerlaubtes entbehren Fannft. 
Sch bin der Verwalter der zu vertbeilenden Beute, und weiß, 
das Mufa von dem mag er dir hier fchenft, nicht das Fünftel herz 
gegeben hat. Suleiman ftand erzürnt von feinem Throne auf und 
ging in fein Gemach. Dann trat er zu den Leuten heraus und 
fagte: Gewiß! Gott hat mir fo viel erlaubtes Gut gefchenft, daß ich 
Berbotenes entbehren kann und ließ alles in den dffentlihen Schak 
der Mufelmänner bringen. 


1) Son Abd Alb. ©. 119 erwähnt nur die Geldftrafe, dann 
aber auch, das ihn der Chalife dem Habib Ibn Abt Ubeida übergab, 
der ihn nad der Provinz Afrika bringen follte.e Durch Ajjub Son 
Suleiman’s Fürbitfe durfte er jedoch in Syrien bleiben, Nach 
Matt, S. 294 ward er in der Sonne dffentlich ausgeftellt. 


544 Zehntes Hauptſtück. 


Mörder beſſer ift als er war I.’ Er ftarb bald darauf als 
Bettler unter feinen Stammverwandten, bei denen er bie ihm 
auferlegte Geldbuße zufammenzubringen hoffte. Nach anderen 


1) Derfelde ©. 118, Urſache und Verlauf des Aufruhrs er- 
zählt er folgenderweife: „Abd Alaziz hatte nach der Abreife feines 
Vaters eine chriftlihe Prinzeffin geheuratbet, von den Bewohnern 
Andaluftens, nämlich die Tochter Loderik's, König von Andalufien, 
welhen Tarif erſchlagen, und fie brachte ihm unbefchreiblich viele 
Güter mit. Als fie zu ihm Fam, fagte fie: warum verehren dich 
deine Untergebenen nicht auch durch eine WVerbeugung wie es die 
Unterthanen meines Vaters vor ihm gethan? Da er ihr nichts zu 
antworten wußte, ließ er an einer Seite jeines Schloffes eine nies 
dere Thüre machen, fo daß, wer zu ihm Fam, ſich bücen mußte. Als 
fie dies fah, fagte fie zu Abd Alaziz: jest bift du erjt Herr meines 
Volkes. Als aber die Leute hörten, zu welhem Zwecke er diefe 
Thüre hatte machen laffen, während auch manche behaupteten, feine 
Gattin habe ihn zum Chriftenthume befehrt, verſchworen ſich Habib 
Son Abi Ubeida der Fihrite und Zijad Sbn Alnabigha der Tamimite 
und einige ihrer Freunde von andern Beduinenftämmen, gegen ihn 
und befchloßen ihn zu tödten. Sie begaben fich daher zum Muads 
dfin CGebetrufer) und fagten ihm: rufe zum Gebete wenn es noch 
Nacht ift! Der Muaddfin that dies und wiederholte den Ruf: „Be: 
ten iſt beffer ald Schlafen.“ Abd Alaziz kam heraus und fagte zum 
Muaddfin: du haft heute zu früh zum Gebete gerufen, es ift noch 
Naht. Er ging jedoch in die Mofchee, wohin fich auch die genann: 
ten Berfchworenen und einige Andere, welche beten wollten, begaben. 
Abd Alaziz trat hervor und fing an (im Koran) zu lefen. „Wenn 
die Auferftehung gekommen, dann wird fie niemand läugnen, fie ers 
niedrigt und erhebt.“ Bei diefen Worten hob Habib fein Schwerdt 
gegen Abd Alaziz's Haupt auf. Diefer entfloh aber in fein Haus 
und verbarg fich unter einen Baum feines Gartens. Habib, der 
Sohn des Abu Ubeida und feine Gefährten entflohen auch, aber Zi: 
jad Ibn Ulnabigha verfolgte den Abd Alaziz und fand ihn unter dem 
dem Baume. Da fagte Abd Alaziz: O Sohn Nabighas! rette mich! 
du folljt haben was du verlangft, Gr erwiederte: du darfit nicht 
Länger feben, fiel über ihn her und enthauptete ihn. Als Habib und 
feine Gefährten dieß hörten, Famen auch fie wieder herbei, dann 
reif’ten fie zufammen, mit Abd Alaziz’s Kopf, zu Suleiman Ibn Abd 
Almalik, und festen über Andalus den Ajjub, einen Neffen Mufa’s 


Welid. 545 


Berichten ward er durch die Fürbitte Ajjabs, eines Sohnes 
des Chalifen, oder durch die Jezid's Ibn Muhallab, deſſen 
Günſtling, wieder begnadigt, und beſchloß, ſein Leben auf 
einer Pilgerfahrt, in Begleitung des Chalifen, 


Bon feinem Waffengefährten Tarif weiß man nur, daß 
Suleiman ihn zum Statthalter von Spanien ernennen wollte, 
es aber dann wieder unterließ, als er hörte, daß er alleg über 
feine Truppen vermochte und daher Leicht fie zum Abfalle 
vom Chalifate bewegen fünnte, Ueber fein weiteres Schicfal 
verlautet nichts mehr, woraus ſich fchließen Yäßt, daß er in 
das Privatleben zurückzutreten gendthigt war. Das islamiti- 
ſche Reich hatte jest eine ſolche Ausdehnung erreicht, daß die 
Chalifen es nicht mehr wagen durften, die entferntern Pro— 
vinzen Männern anzuvertrauen, deren Perfünlichfeit und mili- 
tärifcher Ruf groß genug war, um die ihnen untergebenen 
Truppen unbedingt an ſich zu feffeln. Indeſſen machten die 
fortwährenden Neibungen zwifchen den verfchiedenen Stamm: 


Son Nußeir.“ Hätte Suleiman nicht diefen Mord befohlen, jo würde 
man ihm den Kopf des Grmordeten nicht gebracht haben. Seine 
riftlihe Gattin und vielleicht eine aus andern Gründen angebrachte 
fleine Thüre wurden ald Vorwand gebraucht, um die Mörder vor 
einem VBolfsaufftande zu jchügen. Uebrigens wird von mehreren 
Autoren, auf die wir fpäter zurückkommen werden, ausdrücklich ge— 
ſagt, Abd Alaziz fei auf Befehl des Chalifen Suleiman ermordet 
worden, weil er ihn, wegen feiner Undanfbarfeit gegen feinen Vater 
offen tadelte, und Suleiman befürdhten mußte, er möchte nah unab» 
hängiger Herrihaft ftreben. Den Tod des Abd Alaziz fegen die 
meiften Autoren in den legten Monat des 3. 97 (S. Makk. I. ©, 
404). Da aber nad) Makk. I. ©. 297 allgemein angenommen wird, 
dag Mufa im Sahre 97 ftarb, und zwar nach einigen Berichten auf 
der Pilgerfahrt, die er doch gegen Ende des Monats Diusl-Raadah hant. 
treten mußte, fo kann er unmöglid; den Kopf feines Sohnes ge: 
fehen haben. Nuweiri a. a. D. ©. 578 fest gar Abd Alaziz’8 Tod 
in das Ende des 3. 99 und läßt doch auch Muja noch feinen Kopf 
fehen, Muſa müßte demnach erft im Jahre 100 geftorben fein. 
35 


546 Zehntes Hauptſtück. 


genoſſen, welche von Damask aus genährt wurden, es den 
Statthaltern ſchwierig, ſich lange in ihrer Unabhängigkeit zu 
behaupten, weil, wie wir in der Folge häufig ſehen werden, 
es den Chalifen immer wieder gelingt, mit Hülfe der Stämme, 
welche dem Rebellen feind ſind, ihn wieder zu ſtürzen. Dieſe 
Kämpfe gegen empörte Statthalter und die Nothwendigkeit, 
die Statthalterſchaften entweder Gliedern aus der Familie des 
Chalifen oder willenloſen Geſchöpfen zu übergeben, ſchwächte 
das Reich nicht weniger, als die innern Zerwürfniſſe und 
Fehden, namentlich die große Spaltung zwiſchen den Jeme— 
niden und den Abkömmlingen Adnan's, welche, da der Hof 
bald die eine, bald die andere Partei begünſtigte, einem an— 
dern Geſchlechte den Weg zum Throne bahnte. Schon Su— 
leiman, welcher die Jemeniden an die Spitze der Regierung 
ſtellte, ließ, wie ſchon erwähnt, den Eroberer Indiens wie 
einen gemeinen Verbrecher behandeln, mußte gegen den Sieger 
in Transoxanien, wie wir bald ſehen werden, förmlichen Krieg 
führen und den Sohn des Zerſtörers der gothiſchen Herrſchaft 
in Spanien, welcher, da er nach den meiſten Quellen gar 
nicht yon arabiſcher Abkunft war I), auch keine Partei ent— 


1) Man lieſt darüber bei Makk S. 297: »As to his ancestors 
there are various opinions; some authors make him the son of Nosseyr, 
son of Zeyd, of the tribe of Bekr; others of Nosseyr son of Abdu-r- 
Rahman, son of Zeyd, of the same tribe. Ibn Khallekan following 
al-Homaydi and other ancient historians, calls him Musa, son of Nos- 
seyr, a Mauli of the tribe of Lakhm. Some go so far as to say 
that he was a Berber of mixed blood. Those who incline to the 
former opinion say that his father, Nosseyr, drew his origin from 
those Barbarians who, when defeated by Khaled Ibnu-lI-Welid near 
Aynu-n-Namar (the fountain of the panthers) pretended to be hostages 
and descendants of Bekr Ibn Wayil. Nosseyr became at the time 
the slave of Abdul-Aziz Ibn Merwan of the family of Umeyyah, who 
in the course of time gave hım liberty and promoted his son Musa 
in the army, until he bestowed on him the governement of Africa 
proper ... Be it as it may in one thing we find all historians agree, 
namely, that Musa was a Mauli of Abdu-l-Aziz Ibn Merwan u. f. w.“ 


Welid. 547 


ſchieden gegen ſich hatte, ermorden laſſen. Welid allein wußte 
noch durch Umſicht und Klugheit, durch unerbittliche Strenge 
auf der einen und die größte Wohlthätigkeit auf der andern 
Seite, mit ſeinen mächtigen Armen ein Reich zuſammenzu— 
halten, das ſich jetzt von Kaſchgar und Multan bis an das 
atlantiſche Meer erſtreckt. Mögen ihn daher auch die ortho— 
doxen muſelmänniſchen Hiſtoriker, wahrſcheinlich weil er, wie 
ſein Vorgänger, dem Haddjadj volles Vertrauen geſchenkt und 
eine unbegrenzte Macht gelaſſen, einen Tyrannen nennen 7), 


Maula eines Stammes heißt, von demſelben adoptirt und Maula 
eines Einzelnen, wie z. B. Muſa als Maula des Abd Alaziz ge— 
nannt wird, meiſtens Freigelaſſener. Statt Ein Namr muß Ein 
Tamr (Dattelnquelle) geleſen werden. ©. oben ©. 36. 


1) & bei El Mafin ©. 73. (Djabbar) Reiske in den Noten 
zu Abulfeda I ©. 108, nachdem er die Stelle aus Theophanes an: 
führt, wo vom Bau der Mofchee zu Damasfus die Rede ift und 
MWelid ein wArrroros genannt wird, fchreibt: » Epitheton 6 aAvriguos 
scelestis, exprimit cognomen Validi arabicum Alfadjir, quod ei 
inde additum, quia, Muslemorum quamvis princeps, tamen ejus fidei 
articulos pro veris non reputabat, a precibus, jejuniis, lotionibus 
abstinebat, Corani codicem cuspidibus sagittarum destruebat, al.« Sch 
vermuthe, daß Reiske diefen Welid mit dem fpätern Chalifen Welid 
Son Sezid, der wegen feines Unglaubens ermordet ward, verwechfelt. 
Bei feinem Araber habe ich gefunden, dag Welid Fadjir genannt 
worden jei. Daß er den Koran verehrte, wird man gleich aus einer 
Erzählung im Terte fehen, daß er betete, geht aus folgendem bei 
Maff. I. Append. ©. 68 hervor: They relate that a servant of Walid 
Ibn Abdi-I-Malik told them, »i was close to the Khalif, who was 
performing his ablutions in a vessel of gold that was before 
bim, when in came a messenger from Koteybah Ibn Moslem, announ- 
eing the conquest of some districts in Khorassan. Der Chalife ließ 
fih nun den Brief vorlefen und ehe der Diener damit zu Ende 
war, Fam ein anderer Bote, welcher ein Schreiben von Muſa brachte, 
das einen Bericht über die Eroberung von Sus enthielt. Nachdem 
auch diejer Brief gelefen war, »my master praised God, and returned 
thanks and went upon his knees and prayed.« Dann fam 
noh ein Bote von Mufa, der Chalife fchiekte feinen Diener weg 
und hieß ihm vor der Thüre warten; nun erzahlt der Diener: »There 

35* 


548 Zehntes Hauptflüc, 


fo ift er doch in unfern Augen der größte und jedenfalls der 
mächtigfte Herrſcher unter allen fogenannten Fürften der Gläu— 
bigen. Er war nicht blos ein Länder-Eroberer, wie Dmar, 
fondern er bemühte ſich auch, in den unter feiner Herrichaft 
ftehenden Ländern einige Cultur zu verbreiten. Er gründete 
Schulen, Tieß überall Straßen anlegen, Brunnen graben, 
große und Funftreihe Mofcheen bauen, von denen die zu Da- 
masfus noch bis zum heutigen Tage Zeugniß ablegt !). Er 
lieg KRranfenhäufer einrichten, in denen auch alterſchwache und 
durch fonftige Gebrechen zur Arbeit unfähige Leute aufge- 
nommen wurden, und hatte eine bejondere Eorgfalt für Blinde 
und Lahme, welde vom Staate befoldete Diener erhielten. 
Er ging, trog allem Glanze, den er um fic) verbreitete, doch 
auf den Marft und erfundigte fih nad dem Preiſe der 
Lebensmittel. Ohne ein Fanatifer zu fein und an alten Ge— 
bräuchen, blog weil fie herkömmlich waren, feftzuhalten, war 
ihm doch der Koran heilig, und wir finden mehrere Beifpiele, 
dag er fogar Stammverwandten, die Unterftügung von ihm 


was at the time in the room a young infant, a son of Al Walid, who 
was crawling on the fioor, and who, while his father was ab- 
sorbed in his prayers and returning thanks to the Almighty for 
the favours received, approached the vessel, and fell inside of it. 
Che child being hurt by the fall, screamed ont for help, but, although 
i saw his danger, i could not run to his assistance, since i had been 
ordered to stand by the door; the prayer was a long one, and so 
was the prostration, and the child ceased to cry; the Khalif then 
raised his head and cried out to me to come in; i entered and took 
the child out of the vessel, but he was senseless.« Daß Theophanes 
son feinem Standpunkte als chriftlicher Berichterftatter bei der Er: 
zählung, wie Welid eine Kirhe in eine Mofchee verwandelt, ihn 
einen @Fırmaos nennt, Fann doh gewiß nicht auffallen und bemeift 
keineswegs, daß er auch bei den Mohammedanern für gottlos galt. 

1) ©. eine ausführlihe Geſchichte diefer berühmten Mofchee, 
fo wie deren Bejchreibung und die Händel mit den Chriften wegen 
Zerftörung ihrer Kirche, bei Macrizi hist. des sultans Mamlouks par 
Quatremere II. 1. p. 262—288, 


Welid. 549 


begehrten, dieſelbe verſagte, bis ſie bei einem Lehrer, den 
er ihnen ſelbſt anwies, im Koran Unterricht genommen N), 
Auf einer Pilgerfahrt nah Mekka befuhte er auch Medina, 
um bie dafeldft gebaute Mofchee zu befichtigen. Die ganze 
Bevölferung von Medina ftrömte ihm entgegen, nur ber 
fromme und gelehrte Said Ibn Mufejjab wid nicht von 
feinem Plage in der Moſchee. Welid bemerkte ihn und fragte 
feine Umgebung, wer er fe. Omar Jon Abd Alaziz fagte: 
es ift ein alter ſchwacher Mann, deifen Gefiht auch geſchwächt 
ift, fonft würde er bir entgegengefommen fein, um dich zu 
begrüßen. Gut, fagte Welid, jetzt fenne ich ihn und werde 
ihn Morgen befuchen. Am folgenden Tage begab ſich der 
Chalife in Said's Wohnung und begrüßte ihn. Said erwie- 
berte ganz troden des Chalifen Gruß, ohne fi) weiter viel 
um ihn zu kümmern. Da fagte Weltd zu Dmar, der ihn 
begleitete: „Dies ift ein Ueberbleibfel von den wahren Män— 
nern 2).“ 

Mohammed Ibn Juſuf, der Statthalter von Yemen, 
bradte ihm einft foftbare Geſchenke. Cine feiner Frauen bat 
ihn darum, und er gab fie ihr. Später brachte fie ihm 
Alles wieder zurüd und ſagte ihm, fie habe gehört, Moham- 
med habe Alles den Unterthanen erpreßt. Welid lieg ihn 
rufen, und drohte ihm, bis er in der Mofchee ſchwur, daß 
er die dem Chalifen geſchenkten Koftbarfeiten auf rechtlichem 
Wege erworben. So war der Mann, welden darum aud) 
die Syrer für den größten unter allen Dmejjaden halten und 
deffen angeblihe Härte, worüber von Seiten der Frafaner 
geflagt wird, durch ihren Geift des Aufruhrs und der Wider: 
fpenftigfeit hervorgerufen ward. Haddjadj bleibt immer ein 
Sleden in der Regierung Welid's, aber gewiß nicht fo groß, 


1) Tab. 1. 190. 
2) Ibid. f. 191. 


550 Zehntes Hauptflüd, 


das haben wir an mehreren Beifpielen nachgewiefen ), als 
uns orthodoxe Mufelmänner glauben laſſen möchten, denen 
die Zerftörung des Tempels dur) ihn fchwer auf dem Herzen 
liegt, und die überhaupt gerne bie Dynaftie der Dmejjaden, 
deren Etifter den Tochterfohn des Propheten vom Throne 
verdrängt, fo viel als möglich in den Schatten ftellen., Der 
Dichter Adi Ibn Errafa ?) fagte von Welid: 

„Ich babe zu Welid meine Zuflucht genommen, er genügt 
mir, wer ihn zum Beichüger erwählt, bereut es nit. Wer 
ihn Toben wollte, fände fein Ende, feine Tugenden überragen 
alle Andern. Seine Gaben befhämen alle Freigebigfett. Sein 
ehrfurchtgebietendes Antlig verbreitet Schrecken unter den Uebel— 
thätern, und beglüdt die, denen es fich freundlich zuwendet.“ 

Auch Ferazdaf lobte diefen Chalifen und ward in einem 
Hungerjahre von feinen Stammgenoffen, die ihn den beften 
der Menfchen nennen, zu ihm gefandt, um einige Unterftügung 


1) Bergl. oben S 431u. 458. Nach jenem Mufter der Uebertreibung 
fpäterer Autoren muß wohl auch die Zahl 120,000 reducirt werden, 
die für die Opfer der Tyrannei Haddiadj’s angegeben wird; von der 
aber auch Tab. nichts weiß. Er foll übrigens denen, die ihm Bor: 
würfe darüber machten, daß er fo viel Blut vergiefe, geantwortet 
haben: Klaget nur euch jelbft an, ihr Eonntet vor mir nur durch 
die härteften Strafen im Zaume gehalten werden und erhaltet viel- 
lfeiht nah mir noch einen ftrengeren Herrn. Betrachtet eure Statt: 
halter nur wie euer Bild im Spiegel, wie ihr euch darin zeiget, fo 
findet ihr auch euer Bild wieder. Zu-Haddjadj's Graufamkeiten, 
allerdings auch wieder gegen einen Straßenräuber und Mörder, 
welcher den Tod verdiente, gehört auch, daß er demfelben die Wahl 
ließ zmwifchen Hinrichtung und einem Kampfe mit einem ausgehun- 
gerten Löwen, bei gefejjelter Rechten, Der Verbrecher zog lekteres 
vor und durchbohrte den Löwen mit der Linken unter den Augen 
Haddjadj’s, der ihn dann nicht nur begnadigte, fondern auch noch 
reichlich beſchenkte. Sujuti. 

2) Adij war eigentlich Sohn Zeid's, Sohn Malik's, Sohn 
Adij's, Sohn Raka's, wird aber gewöhnlich nur Sohn Raka's ge— 
nannt. Ibid. 


Welid. 551 


zu fordern ). Am ſprechendſten für die Vorzüge Welid's find 
aber die nach feinem Tode, wo fein Lob feinen Lohn mehr 
brachte, von Djerir gedichteten Verſe: 

„Die Erinnerung an Welid entloct unftillbare Thränen 
meinen Augen, alle feine Vorzüge liegen unter Erdenftaub 
begraben. Als er feinen Söhnen entriffen ward, glichen fie 
Sternen vom Monde verlaffen. Sie waren alle vereint, aber 
feiner fonnte den Tod von ihm abwenden, weber Abd Alaziz, 
noch Rub, nod Omar ?). 

Auch Haddjadj's Tapferfeit und militärifches Talent 
wird von Djerir und feine heilfame Strenge von der Dichterin 
Leila Alachjaliah gelobt, welche unter Anderm fagt: „Sobald 
Haddjadj ein Franfes Land befucht, bringt er ihm Genefung, 
wenn jeder andere Arzt verzweifelt )Y.“ Selbft fpätere Bio- 
graphen, welche alle gegen Haddjadj *) erbichteten Mähren 


D) Tbid. 

2) Tab. f. 191. 

3) Sujuti a.a.D. Sie hieß Achialifah, nad dem Namen ihres 
Vaters. Achjal, Sohn Ukeil's. 

4) Wir haben oben fchon erzählt, was über feine Geburt ges 
fabelt wird, Seine Mutter war nach Masudi zuerft mit Harith Ibn 
Kalda, einem Gefährten des Propheten und Richter der Stadt Taif, 
verheirathet. Er fand fie eines Morgens mit einem Zahnftocher in 
der Hand und frennte fih von ihr. Als fie ihn fragte, was fie ver- 
fchuldet, fagte er: „Entweder du haft fhon gefrühftückt und bift eine 
Freſſerin, oder du haft noch eine Speiſe von geftern zwifchen den 
Zähnen und riechft aus dem Munde. Sie verfegte: ich habe Feine 
der beiden Untugenden, fondern ed blieb mir ein Splitter vom Zahn- 
ftoher zwiſchen den Zähnen, den ich herausjtogen wollte, doch ver: 
fie fie ihn und heirathete Juſuf Ibn Ukeil, welcher Schulmeifter in 
Taif war. Als er erwahfen war, ließ ihn fein Vater in die Schaar- 
mwache des Chalifen treten, welche unter dem Befehle des Ruh Ibn 
Zinba ftand. Eines Tages Flagte der Chalife dem Ruh den Mangel 
an Disciplin und gleihmäßiger Bewegung feiner Truppen, Ruh 
empfahl ihm Haddjadj als einen guten Offizier und er füyrte bald 
eine ftrenge Ordnung im Heere ein. Ibn Challitan. Ueber feine 


552 Zehntes Hauptftüd. 


als geihichtlihe Thatjachen wiedergeben, erzählen doch manche 
edle und großmüthige Züge aus feinem Leben, welche bewei- 
jen, daß er auch zu verzeihen wußte und überhaupt, daß er 
zwar bis zur Graufamfeit ftreng fein fonnte, doch nie unge— 
recht war. Während andere Statthalter es fih zur nächften 
Aufgabe machten, fi zu bereichern, binterlieg Haddjadj, wel— 
her zwanzig Sabre lang unumfchränfter Herr der öſtlichen 
Provinzen des Islams war, nur einige hundert Dirhem, einen 
Koran und einige Waffen. Um den Koran bat er fich viele 
Berdienfte erworben, er verfertigte felbft viele Abfchriften da— 
von und fandte fie allen Statthaltern des Reichs zu ), was 
gewiß auch von. einem gottvergeffenen Menſchen, wie ihn 
mande fchildern, nicht zu erwarten war. Aucd erfand er ge— 
wiffe Zeichen 2), um viele Irrthümer zu verhindern, welche 
ih in Folge der mangelhaften Schrift der Araber in den 
Koran eingefchlichen hatten, Als fein Bruder Mohammed, 
Statthalter von Jemen, farb und Welid ihm ein Trofifchrei- 
ben jandte, antwortete er: „Fürft der Gläubigen! ich war 
lange Zeit von meinem Bruder getrennt und nur ein Jahr 
mit ihm vereint. Sch hatte wenig Hoffnung, ihn bald wie- 
derzufehen, während ich jest die Gewißheit habe, ihm in einer 
Wohnung zu begegnen, wo zwei aufrichtige Mufelmänner nie 
mehr getrennt werden.’ Während feiner Krankheit — er 
farb an einem Magenfrebs — ſchloß er ein Schreiben an 
den Ehalifen mit folgenden Worten: „Wenn ich vor Gott 
trete und bet ihm Gnade finde, ift meine Seele frob. Gottes 
Ewigkeit genügt mir, darum feße ich mein Vertrauen nicht 
auf Sterbliche. Unfere Vorgänger fielen dem Tode anheim, 


Großmuth gegen mehrere Araber, die ihn fchwer beleidigt und ver: 
wünjcht, f. auch Herbelot bibl. orientale. 

1) Son Abd Alh. ©. 55. 

2) Ibn Challifan. Vergl. dazu auch Slane’s Anmerf. I. ©. 364 
N. 13, 14 und 15 und ©. 666 NR. 6 im Leben des Abu-l-Aswad 
Addumali, 3 


Welid. 553 


auch uns verſchont er nicht.“ Zu ſeinem Glücke ſtarb er 
noch ein Jahr vor Welid, ſeinem Beſchützer, ſonſt hätte er 
wohl auch unter Suleiman das Loos der Eroberer von In— 
dien, Spanien und Turkiſtan getheilt ). 


1) Das wußte Haddjadj auch recht gut, und konnte nicht daran 
zweifeln, da der Sohn Muhallab’s, den er verdrängt, wie fchon er: 
wähnt, Suleiman’s Liebling war. Auch erzählt Tab.: „Einft war 
Welid fehr frank und lag einen ganzen Tag bewußtlos da, jo daf 
man ihn jchon für todt hielt. Als Haddjadj dies erfuhr, warf er 
fih auf die Knie und betete: „Herr! gib mir feinen Herrfcher, der 
ohne Erbarmen gegen mich verfahren wird, ich habe dich ſtets ans 
gefleht, mich vor dem Fürften der Gläubigen fterben zu laſſen.“ Als 
er ſich wieder erhob, Fam ein zweiter Bote, welcher Welid’s Wieder: 
genefung meldete. Als Welid fih wieder vollfommen erholt hatte, 
fagte ihm Dmar Ibn Abd Alaziz: „Niemand wird fih mehr mit 
deiner Genejung ald Haddjadj freuen, er wird Sklaven befreien und 
Danfgebete verrichten laffen.” Kaum hatte Omar dies gejagt, als 
ein Brief von Haddjadj anlangte, worin es hieß: „Als ih Nachricht 
von der Geneſung des Fürſten der Gläubigen erhielt, warf ich mich 
danfend vor Gott nieder und fchenfte allen Sklaven, die ich befaß, 
die Freiheit“ und fo beftätigte Haddjadj’s Brief Alles, was Omar 
vorhergeſagt. 


Elftes Hauptftück. 


Suleiman. 


Sezid Sen Muhallab wird zum Statthalter von Sraf ernannt. — 
Benehmen des Chalifen gegen Kuteiba.— Kuteiba’s Briefe an Sulei- 
man. — Er wird in feiner Statthalterfchaft beitätigt. — Er empört ſich 
gegen den Chalifen. — Wird von feinen Truppen verlaffen und ent: 
hauptet. — Sezid wird Statthalter von Choraſan. — Seine Kriege in 
Dehiftan und Tabariftan. — Eroberung von Djordjan oder Gorgan. — 
Klagen der Chorafaner gegen ihn. — Der Chalife will ihn entfegen. — 
Krieg mit den Byzantinern. — Belagerung von Konftantinopel,— Ver: 
hältnig der Araber zu Leo dem Sfaurier. — Masdlama wird von ihm 
htntergangen. — Zuftände in Transoranien, Spanien und Indien 
unter Suleiman. — Seine Grauſamkeit gegen Gefangene. — Seine 
Schmelgerei und Eiferfucht. — Wie Omar Ibn Abd Alaziz zum Nach: 
folger beftimmt worden. 


Suleiman, der Bruder Welid's, ſchon von feinem Water 
Abd A Malik zu Welid's Nachfolger beftimmt, Iebte in 
Ramla, als er die Nachricht vom Tode des Chalifen befam 
und begab ſich alsbald mit feinem Günftling Jezid Ibn 


Suleiman, 555 


Muballab nah Damask. Da Suleiman faft in jeder Be— 
ziehung das Entgegengefeßte von feinem Bruder war, fo 
mußte auch mit feiner Thronbefteigung eine gänzliche Um— 
wälzung im Reiche vorgenommen werden. Suleiman's Re— 
gierung wird von den Orthodoxen hochgepriefen, obgleich er 
feine befte Zeit den Freuden der Tafel und feine größte Auf- 
merfjamfeit denen des Harems weihte. Man nennt ihn den 
Schlüffel des Guten, weil er den frommen und ſchwachen 
Dmar Fon Abd Alaziz zum Nachfolger ernannt, was jedoch, 
wie wir in der Folge fehen werden, noch bezweifelt werden 
darf. Man preift feine Milde, weil er den von Haddjadj 
Eingeferferten die Freiheit fchenfte, obne zu bedenken, daß 
Andere, welche zur Partei Haddjadj's gehörten, von dem, 
bald nad Suleiman’s Thronbefteigung zum Statthalter von 
Irak ernannten Fezid Jon Muhallab verdammt wurden, ihren 
Pas einzunehmen oder auf deffen Befehl zu Tode gefoltert 
wurden. 

Selbft Männer wie Mufa und Mohammed Ibn Kaſim 
erndteten nur Undanf für ihre geleifteten Dienfte und ein 
äbnlihes Schickſal ftand Kuteiba, dem Eroberer yon Samar- 
fand, bevor. Mufa hatte ſich aber felbft thörichterweife von 
jeinem Deere getrennt und ward wahrfcheinlih in Syrien 
vom Tode Welid's überrafht. Mohammed ward entweder, 
nod ehe er den Tod des Chalifen wußte, plötzlich verhaftet 
oder es fehlte ihm an Mitteln zur Empörung, auch Fonnte 
eine von dem Herzen des Neichs abgefchnittene Armee fich 
ſchwerlich zu jener Zeit in Indien lange behaupten. Kuteiba 
aber, der Statthalter von Chorafan, einem Lande, das ohne- 
bin ftetS bereit war, die Fahne des Aufruhrs aufzupflanzen, 
an der Spige vieler Truppen, welche nicht zu der jebt herr— 
jhenden Partei der Jemeniden gehörte und felbft ein eben 
fo gewandter Staatsmann, als waderer General, war nicht 
fo leicht zu ftürzen. Gegen diefen mußte man mit Borficht 
verfahren und zur Lift feine Zuflucht nehmen. Auf Jezid's 
Anrathen fandte ihm der Chalife ein Schreiben, in welchem 


556 Elftes Hauptftüd. 


er ihm, ohne ihn gerade ausdrüdlich in feiner Statthalter 
haft zu bejtätigen, befahl, einen Feldzug nad Ferghana zu 
unternehmen, wo noch mande Feltung zu unterwerfen war. 
Zugleih ward aber auch dem Boten ein zweites Schreiben 
an die Armee mitgegeben, in welchem verjelben ein erhöhter 
Sold zugefagt, und jedem Soldaten, der den Feldzug nad) 
Ferghana nicht mitmachen wollte, die Erlaubniß ertheilt ward, 
in feine Heimat zurüdzufehren. Auf diefe Weife wurden, 
noch ehe Kuteiba einen Entſchluß gefaßt, und während er 
mit dem vom Chalifen erhaltenen Auftrage ſich freute, die 
Truppen für den Chalifen günftig geftimmt und alle diejenigen, 
welche, des Krieges in fernem Lande müde, fih nah Ruhe 
oder nach ihrer Familie fehnten, fogleih von ihm losgeriffen. 
Dies fah Kuteiba indeffen ein, fobald er von dem zweiten 
Briefe Suleiman’s Kenntniß erhielt und erflärte daher das 
zweite Schreiben für falfh und den Boten als einen Ver— 
räther, welcher das Heer des Chalifen ſchwächen wollte. Dann 
fhrieb er dem Chalifen drei Briefe, welche er einem und 
demfelben Boten mitgab, Im erſten Briefe fchilderte er feine 
Treue und feine Hingebung für Abd Almalif fowohl, wie 
für Welid, und bat um die Beftätigung in feiner Statthalter- 
Ihaft, indem er die Verficherung hinzufügte, dag er ihm eben 
fo gehorfam und eifrig wie feinen beiden Vorgängern dienen 
würde. Im zweiten Briefe fchilderte er feine Kriegsthaten 
und ihre glänzenden Erfolge, ſprach mit Verachtung von dem 
Geſchlechte Muhallab’S und erklärte, daß wenn Jezid zum 
Statthalter von Chorafan ernannt würde, er genöthigt wäre, 
fih ihm mit Gewalt der Waffen zu widerfegen. Im dritten 
Briefe fündete er ganz einfach dem Chalifen den Gehorfam 
auf. Dem Sklaven, welder dieſe drei Briefe dem Chalifen 
überbringen follte, fagte er: gib den erften Brief allein ab, 
wenn du aber fiehft, daß Suleiman ihn dem Sohne Muhal- 
lab's mittheilt, fo überreiche ihm den zweiten! läßt er Jezid 
auch dieſen Iefen, fo ftelle ihm den dritten zu! Falls aber 
der Chalife den erften Brief für ſich behält, fo verbirg bie 





Suleiman. 557 


beiden andern und zeige fie Niemanden Y.“ Der Bote fand 
Jezid bei dem Chalifen, als er ihm Kuteiba’s erften Brief 
überreichte, und wie Kuteiba vermutbet, ließ er ihn Sezid 
lefen. Das Gleiche tbat der Chalife mit dem zweiten Schrei- 
ben Kuteiba’s. Das dritte verliegelte er aber wieder, als 
er es gelefen hatte ?), fagte fein Wort und befahl, den Bo— 
ten in das zur Aufnahme von Gefandten beftimmte Haus zu 
bringen, Am folgenden Morgen ließ er ihn wieder rufen, 
befchenfte ihn und befahl ihm, in Begleitung eineg andern 
Boten, weldher der Träger eines Diploms war, das bie 
Beltätigung Kuteiba’s als Statthalter von Chorafan enthielt, 
wieder nad Meru zurüczureifen, wo diefer ſich aufhielt. Alg 
die beiden Boten aber nah Hulwan famen, hörten fie yon 
Reijenden, die aus Chorafan famen, Kuteiba babe ſich gegen 
den Chalifen aufgelehnt. Dies veranlaßte den Boten des 
Chalifen wieder nad) Damasf zurüdzufehren und den Kutei— 
bas allein mit dem Diplome Suleiman’s zu feinem Herrn 
zurüdfehren zu laſſen. Jetzt bereute Kuteiba feine Heftigfeit 
und ließ feine Brüder zu fih fommen, um ſich mit ihnen 
über fein weiteres Berhalten gegen Suleiman fowohl, als 
gegen die ihm untergebenen Truppen zu berathen ?). Sein 


1) Bermuthlich gab er ihm noch andere ähnlihe Snftruftionen. 
Denn er konnte doch nicht wiſſen, ob gerade Zezid zur Zeit, wo die 
Briefe dem Chalifen übergeben werben, gerade anwefend fein würde. 

2) ©o bei Tab. f. 196 v. Dann heißt es aber: „nad einer 
andern Tradition warf er den Brief zmwifchen zwei Betten (oder 
Sofa, mithalein), welche vor ihm ftanden.” Sm türf. Tab. ©. 110 
fieft man: „Kuteiba warf auch den dritten Brief, nachdem er ihn 
gelejen hatte, vor Sezid bin und fagte: „wir haben nicht aut gegen 
Kuteiba gehandelt, er war ein brauchbarer Mann und wir haben 
ihn gekränkt.“ 

3) Ein gewiſſer Bohtari, der auch um Rath gefragt ward, fagte 
zu Kuteiba, Suleiman würde, in Betradht feiner großen Eigen: 
fhaften und militäriihen WVerdienfte, ihn gewiß begnadigen, darauf 
antwortete er aber: „Sch fürdte keineswegs den Tod, fondern nur, 
daß Zezid zum Statthalter von Chorafan ernannt und ich vor den 


558 Elftes Hauptſtück. 


Bruder, Abd Errahman, rieth ihm, die Unzuverläſſigen unter 
ſeinem Heere nach verſchiedenen Theilen ſeiner Provinz in's 
Feld zu ſchicken, den übrigen freie Wahl zu laſſen, ob ſie 
ihn nach Samarkand begleiten oder in ihre Heimat zurück— 
kehren wollten. Auf dieſe Weiſe, ſagte er, kannſt du dich 
gegen Verräther ſichern, denn nur treue, ergebene Freunde, 
werden dir freiwillig folgen, du gründeſt dann in Transoxa— 
nien ein unabhängiges Reich, das du mit zuverläſſigen Trup— 
pen leicht gegen den Chalifen vertheidigen kannſt. Kuteiba, 
der, wie es ſcheint, von der Anhänglichkeit ſeiner Soldaten 
zu ihm eine zu hohe Meinung hatte, befolgte, zu ſeinem Un— 
glück, dieſen Rath nicht, ſondern ſtimmte ſeinem Bruder Abd 
Allah bei, welcher ihm rieth, geradezu die Truppen aufzu— 
fordern, ſich von Suleiman loszuſagen. Er hielt vor dem 
verſammelten Heere eine Rede, in welcher er den ſchlechten 
Zuſtand Choraſan's unter ſeinen Vorgängern Omejja Ibn 
Abd Allah, Muhallab und Jezid ſchilderte, die das Land 
ausgepreßt, ſtatt es Durch Beute und Tribut zu bereichern U). 


— 





Augen des ganzen Volkes von ihm mit Verachtung und Gering— 
ſchätzung behandelt werde, was für mich ſchlimmer als der Tod 
wäre.“ 

1) Omejja, ſagte er, hat weder gegen die Ungläubigen Krieg 
geführt, noch irgend etwas erbeutet, man wußte nicht, was Gehor— 
ſam, was Ungehorſam unter ihm, dem Abd Almalik ſchrieb er aber 
einſt, der Ertrag von Choraſan genüge für die Ausgaben ſeiner 
Küche nicht. Unter Muhallab lebtet ihr drei Jahre in größter Rath: 
fofigkeit, ev nahm euch nur Geld und zog euch eure Kleider vom 
Leibe aus. Was Zezid angeht, fo ift euch feine Herrfchaft befannt, 
hat er je Recht und Gerechtigkeit unter euch gehandhabt?” Ganz 
anders wird Muhallab von dem Dichter Nahhar Son Taufaa in 
folgenden Verſen (bei Tab. 1.115) gefchildert; „Tugend, Ruhm und 
Reichthum it dahin, Wohlthätigkeit und Freigebigkeit ift verſchwun— 
den, feit Muhallab's Tod. Wenn gefragt wird, welcher GSterbliche 
hat den Menſchen am meiften Gutes erwiefen, fagen wir ohne 
Scheu: er. Er hat uns offenes und befeftigtes Land unterworfen, 
mit Reitern, deren Pferde wie Kata dahinfliegen,“ 


Suleiman, 559 


Er ging dann auf die von ihm erfochtenen Siege und er- 
beuteten Schäge, fo wie auf feine heilfame Verwaltung im 
Innern über und fragte, ob er wohl einem Manne, wie 
Jezid, der lieber rauen verführt, als Feinde unterjocht, 
wieder feine Stelle einräumen follte, 

Kuteiba’s Rede mochte wohl einen günftigen Eindruck gemacht 
baben, da indeffen die Zeit der Empörung und des Aufruhr 
längft vorüber war, mußte jeder fich fcheuen, zuerſt wieder 
öffentlich den Gehorfam gegen den Chalifen abzufchütteln, und 
fo fam es, daß Niemand antwortete. Den übermüthigen und 
beftigen Ruteiba beleidigte aber diefes Schweigen dermaßen, 
daß er fihb in Schmähungen erging, befonders gegen die 
Beduinen oder Wüftenbewohner, die er „als Bettler in fein 
Heer aufgenommen und mit ben Koftbarfeiten türfifcher und 
perfiicher Fürften bereichert.“ Mit vdiefen Worten, welche 
ihm einen Theil feiner Truppen entfremdeten und die eben= 
falls ohne Erwiederung blieben, verließ er die Verſammlung. 
Bald rotteten fih alle feine Feinde zufammen, und ein Theil 
des Heeres verlangte auf ihr Anftiften feinen Abſchied. Ibad 
Sen Jjas rieth Kuteiba, entweder das Heer durch Geld zu 
gewinnen zu fuchen, oder denjenigen, die ihn verlaffen woll- 
ten, den Abſchied zu gewähren oder fogleih die Däuptlinge 
der Unzufriedenen binrichten zu laffen. Kuteiba befolgte aber 
diefen wohlgemeinten Rath wieder nicht, fondern feßte aber- 
mals fein Vertrauen auf eine Rede I), die nicht mehr Er- 
folg als die frühere hatte und nur die Thätigfeit der gegen 
ihn Verſchworenen noch mehr anfpornte. An ihrer Spike 
ftand Hajjan Jon Ijas und Waki' Fon Abi-l-Aswad, welche 


1) Sn diefer Rede fagte er unter anderm aud) feinen Truppen, 
fie möchten bedenken, daß er fie nah Abd Errahman Son Afchath’s 
Niederlage gegen den Zorn Haddjadj’s gefhügt, da, wie wir ſchon oben 
erwähnt, alle Rebellen, die bei Kuteiba Zufluht juchten und in 
feine Dienfte traten, von Haddjadj begnadigt wurden. 


560 Elftes Hauptftüd, 


Kuteiba ihrer Nemter entfeßt hatte )). Kuteiba ward vor 
ihnen gewarnt, aber er glaubte nicht daran, weil Waki' ſchlau 
genug war, jeden Abend in Gefellfchaft Abd Allah’s, des 
Bruders Kuteiba’s, zuzubringen. Endlich überzeugte fich je- 
doch Kuteiba durch einen Spion, daß Waki' fi) oder viel- 
mehr dem Chalifen Suleiman heimlich huldigen Yaffe, und 
faßte den Entihluß, ihn fowohl als Hajjan aus der Welt 
zu jchaffen. Aber beide waren auf ihrer Huth und Tießen 
fih, als fie zu Kuteiba gerufen wurden, franf melden. Da 
jedoh Kuteiba drohte, fie in ZTragfeffeln holen zu laſſen, 
riefen fie alle, die ihnen gehuldigt hatten, zufammen und 
überfielen Kuteiba, der gar feinen Angriff erwartete und 
darum auch nur wenig Truppen bei ſich hatte, auf die er 
zählen fonnte 2). Mehrere feiner Brüder fielen im Gefechte 
an der Spitze der Getreuen, welche fi zur VBertheidigung 
des Schloffes, das er bewohnte, einftellten. Als er ſelbſt 
dann zu Pferd fteigen wollte, um gegen die Treulofen zu 
fämpfen, war ſchon fein Stall in Brand geſteckt und das 
Schloß von den Feinden erftürmt, unter welchen befon- 
ders die Benu Ad, die Stammgenoffen Jezid's, thätig 
waren. Auch fiel er einem Manne aus diefem Stamme, dem 
Saad Jon Bahr, in die Hand, der ihn fogleich enthauptete 


1) Die Unzufriedenen hatten fich vorher an einige Andere ge- 
wendet, aber feiner wagte es, fih an ihre Spitze zu ftellen „wegen 
der Söhne Mudhar’s, welche Kuteiba’s Freunde waren.“ Waki' 
war aber auch ein Beduine und es ward ihm leicht nach Kuteiba’s 
Rede alle Beduinen für fi zu gewinnen und Hajjan hatte auch 
arofen Einfluß auf einige von Mudhar abftammende Truppenab- 
tbeilungen und war Anführer von 7000 Freigelaffenen. Die Statt: 
halterfhaft von Chorajan ward ſchon im voraus von Ddiefen Beiden 
getheilt. Waki' follte alle diefjeits und Hajjan die jenfeitd des Drug 
gelegenen Provinzen verwalten. 

2) Die Benu Keis ftanden Kuteiba bei, fahen aber bald ein, 
das fie den zahlreihen Truppen unter Waki' und Hajjan nicht wider: 
ſtehen konnten. 


Suleiman. 561 


und den Kopf dem Waki' brachte, welder ihn alsbald dem 
Chalifen nad) Damask fandte (97 d. 9. N). 

Sobald Kuteiba geftürzt war, bemühte fich Jezid, der 
Sohn Muballab’s, um die Statthalterfchaft von Chorafan. 
Die von Jraf fonnte ihm nicht behagen, denn ein Land, in 
welhem Haddjadj zwanzig Jahre gehauft, bot Feine Gelegen- 
heit zur Bereicherung dar. Jezid war aber ein größerer 
Berfhwender als Haddjadj, und Suleiman verlangte diefelben 
Abgaben, die feinem Vorgänger entrichtet wurden. Schon 
batte Jezid, bald nad feiner Ernennung, um nur die Früchte 
der Bedrückung der Irakaner zu genießen, ohne den daran 
baftenden Fluch auf fih zu laden, den Chalifen gebeten, ihm 
noch Salih Jon Abd Errahman zuzugefellen, damit dieſer 
das ganze Finanzwefen, alfo auch die Einforberung der 
Steuern leite, er felbit aber nur den Oberbefehl über die 
Truppen behalte, eine Theilung, wie wir fie ſchon in Egyp— 
ten unter Omar's Chalifat gefunden. Das gute Bernehmen 
zwifchen Jezid und Salih dauerte aber nur fo lange, ale 
diefer jenem alle von "ihm eingetriebenen Summen zur Ver— 
fügung ftellte, als er aber, wahrfcheinlih auf Suleiman’s 
Befehl, Jezid in feiner alles Maaß überfteigenden Verſchwen— 
dung zu befchränfen fuchte, fehnte er fih von Irak weg 
und bot alle Mittel auf, um die feinem Bruder Abd Almalif 
ſchon zugedachte Statthalterichaft von Chorafan zu erhalten ?). 


1) Wie wir in der Folge fehen werden, in den erften Monaten 
des Jahres, alfo noh im Sahr Chr. 715. 

2) Da hier ſowohl ald oben bei Kuteiba’d Sturz, der türf. 
Zab. mit dem Urterte im Wefentlichen übereinftimmt, will ich fegtern 
eitiren, weil er gedrudt vorliegt. ©. 115 wird berichtet: Als Sezid 
vernahm, dag jein Bruder Abd Almalif die Statthalterfchaft von 
Chorafan erhalten follte, bat er Abd Allah Son Ahtam, einen Mann, 
der die Zuftände in Chorafan genau Fannte und dejien Rath daher 
auch von großem Gewichte fein mußte, nah Damasf zu reifen, um 
Suleiman zu bewegen, ihn zum Statthalter von Chorafan zu er: 
nennen. Abd Allah mwilligte ein und empfing von Jezid 30,000 Dir: 

36 


562 Elftes Hauptftüd. 


Sobald ihm feine Ernennung zufam, fandte er feinen Sohn 
Machlad mit Truppen voraus nad Meru, wo er mit ber 
ihm als Sohn des neuen Statthalters gebührenden Auszeich- 
nung aufgenommen ward. Nur Waki', welcher feit Kutei- 
ba’s Sturz den Dberbefehl in Chorafan geführt, und wahr: 
fcheinlich gehofft hatte, ihn auch zu behalten, erwies ihm 
nicht die übliche Chrerbietung, ward aber dafür, nebft allen 
feinen Anhängern, ſchwer gezüchtigt 1). Jezid, der bald nach— 
folgte und Djarrah Ibn Abd Allah an feiner Stelle in Waſit 
ließ, weihte auch fein neues Amt durch allerlei Graufamfeiten 
gegen Kuteiba’s Verwandte und die yon ihm eingefeßten 
Beamten ein. 

Jezid mußte indeffen, nachdem feine Herrfchaft in allen 
Theilen Chorafang anerfannt war, um nicht vor Suleiman 
zu Schanden zu werden, fein der Sinnlichkeit und Schwelgeret 
gewidmetes Leben ändern, und unter Anderm auch einen Kriegs- 
zug gegen die füdöftlich vom kaspiſchen Meere gelegenen Län— 
der unternehmen, weil er früher fortwährend die Unterjochung 
berfelben als höchſt wichtig gefchildert und oft Kuteiba 2) 
getadelt hatte, dag er feine Waffen nicht nach dieſer Seite 
hin gewendet. So lange Djordjan und Tabariftan, überhaupt 
die ganze Strede zwifhen Rei, Nifabur und dem faspifchen 


hem. Suleiman beſprach ſich mit ihm über den zu erwählenden 
Statthalter, aber Abd Allah wußte an Allen, die er nannte, etwas 
zu tadeln, bis er endlich auf Sezid Fam, 

1) Ibid. ©. 116. Man ritt ihm entgegen und ftieg dann beim 
Zufammentrefien ab, Waki' und einige Andere aber blieben figen. 
Zwiſchen Kuteiba’s Sturz und Jezid's Ankunft in Meru waren 9 
oder 10 Monate vergangen. Leptere fand auch noch im Sahr 97 
ftatt, woraus fi alfo mit Gewißheit fchliegen läßt, daß Kuteiba 
in den erften Monaten des Zahres enthauptet ward. 

2) Kuteiba foll mehrmals vergebens Haddjadj um Erlaubniß 
gebeten haben, einen Feldzug gegen Djordjan zu unternehmen. Diefe 
Feftung foll fogar gegen die mäctigften Saffaniden ihre Unabhän— 
gigfeit behauptet haben. 


Suleiman. 563 


Meere bis über die Bucht von Aftrabad hinauf nicht unter: 
jocht war, mußten die Araber, die von Irak nach Chorafan 
wollten, den großen Umweg über Fars und Kerman maden. 
Nur dem Said Ibn Aaß war es unter dem Chalifate Oth— 
man’s gelungen, bis nad) Gorgan oder Djordjan, der Haupt- 
feftung des Landes, in der Nähe von Aftrabad, vorzudringen, 
aber auch er batte fie nicht eingenommen, fondern bloß ge— 
brandfchatt. Seit jener Zeit hatte fih Fein arabifcher Feld— 
berr mehr dahin gewagt, oder war wenigſtens Feiner mehr 
vom Chalifen dahin gefandt worden. Jezid brach mit 100,000 
Mann von Meru auf. In Dedeftan foll er ein Heer von 
200,000 Mann, unter der Führung eines Türfen mit Namen 
Sol, gefhlagen und dann die Hauptitabt diefer Provinz zur 
Uebergabe genöthigt haben ?). Bon Deheftan wendete er fi) 
über Djordjan gegen Tabariftan, wo Gil Gilan herrſchte. 
Djordjan hatte er eigentlich nicht unterworfen, fondern er war 
bloß Durchgezogen und hatte fid) gegen eine Summe von 
300,000 Dirbam jeder Gewaltthätigfeit enthalten. Nur 4000 
Mann ließ er unter der Führung des Abd Allah Ibn Afad 
in diefer Provinz zurüd, Der Herr von ZTabariftan mußte 
troß den Hülfstruppen des Königs von Deilem in offener 
Schlacht unterliegen, als aber die Mufelmänner die Flüchtigen 
ins Gebirge verfolgten, erlitten fie großen Verluft und waren 
genöthigt, fi wieder in die Ebene zurüczuziehen. Diefe 
Schlappe veranlaßte auch die Bewohner yon Djordjan, den 
Frieden zu brechen und Afad’s Truppen zu überfallen, Jezid 
war jest genöthigt, mit dem Herrn von Tabariſtan Frieden 


— — 


2) Die Türfen, welche in der Stadt waren, heißt es bei Tab,, 
hatten feine Lebensmittel mehr, darum fnüpfte Col Unterhandlungen 
an. Sezid geftattete ihm und feinen Angehdrigen freien Abzug mit 
all ihrer beweglihen Habe. Für die übrigen Bewohner der Stadt 
ward nichts beftimmt, darum lieg auch Sezid 14,000 Menjchen über 
die Klinge fpringen und betrachtete Alles, was fih in der Stadf 
fand, als Beute, 

36 * 


564 Eiftes Hauptftüd. 


zu fchliegen, den der ſchlaue Hajjan noch unter günftigen Ber 
dingungen zu Stande brachte ) und nad) Djordjan zurüczus 
fehren. Er gelobte, für das vergoffene Blut feiner Truppen 
fo viele Ungläubige zu ſchlachten, bis ihr Blut eine Mühle 
berumtreiben würde. Jezid löſte fein Gelübde, indem er nad 
Einnabme der Stadt und Gitadelle, welche letztere auf einem 
fteilen Berge lag, fo daß fie erft nach einer Belagerung von 
fieben Monaten erftürmt werden konnte ?), alle Gefangenen 
am Ufer eines Baches ſchlachten ließ, fo daß ihr mit dieſem 
Waſſer vermifchtes Blut in der That eine Mühle trieb, Trotz 
diefem Siege, welcher in Damasf großes Auffehen erregte, 
fiel doch Jezid bald in Ungnade bei Suleiman, weil viele 
Bewohner Chorafans fi) über feine Bedrückung beflagten und 
behaupteten, er habe fo große Summen erpreßt, daß er das 
mit die ganze Welt erobern und fi) leicht unabhängig machen 
könnte. Suleiman foll daher kurz vor feinem Tode befchloffen 


— 


1) Dem Hajjan, der, wie oben berichtet worden, einer der 
Häuptlinge der Verſchworenen gegen Kuteiba war, war es nicht 
beffer gegangen als War’, feinem Mitverfchworenen. Sezid hatte 
ihn mißhandelt und ihm 200,000 Dirhem ausgepreßt. Sekt wendete 
fich Sezid an ihn, weil er felbft ein Deilemit und wie es feheint, mit 
dem Herrn von Tabariftan näher befannt war. Seine Worte muß— 
ten um fo mehr Glauben finden, ald er ale Feind Sezid’8 befannt 
war. So ließ fih denn Gil Gilan leicht zu einem Friedensfchluffe 
überreden, weil Hajjan ihm fagte, Sezid würde bald Verftärfungen 
erhalten und dann größere Forderungen ftellen. Sezid, welcher glaubte 
feloft den Frieden erfaufen zu müſſen, erhielt noch 100,000 Dirhem, 
409 Ladungen Safran und 400 Sflaven, deren jeder eine filberne 
Shüffel, ein Stück Seidenftoff und einen goldenen Ring mitbrachte. 
% a. D. ©. 119. Andere Nachrichten über diefen Krieg ſowohl 
als über frühere in Tabariftun, nah Ihn Kethir und Munadjimbafci, 
hat Kraft in den Wiener Sahrbücern Bd. 106 ©. 4 u. ff. des 
Anz.Bl. mitgetheilt. Der Herr von Tabariftan heißt dort Ferchan. 

2) Sie entdeckten zulest einen Pfad, der zur Citadelle führte, 
und überfielen fie ganz unerwartet, während die Beſatzung nach der 
entgegengefesten Seite hin einen Ausfall machte, 


Suleiman. 565 


haben, Jemanden aus feiner Familie nach Chorafan zu fenden, 
um von Jezid Rehenfchaft zu fordern, nad) einigen Berichten 
feinen Bruder Maslama, und zwar um als Statthalter an 
Jezid's Stelle in Chorafan zu bleiben N). 

Maslıma lag um diefe Zeit noch vor Konftantinopel 
und fämpfte gegen die Byzantiner, welche den Arabern unter 
Suleiman’s Regierung zehnmal größern Berluft zufügten, als 
durch Jezid's Siege am kaspiſchen Meere gewonnen ward, 
Schon Welid hatte im legten Jahre feiner Regierung (714) 
eine Flotte ausgerüftet, um die Hauptftadt des griechifchen 
Reichs, gegen welche die Araber von Kleinafien und Armenien 
aus vorrüdten, auch zugleih Yon der Seefeite her anzugreifen. 
Suleiman fonnte anfangs unter fehr günftigen Umftänden den 
Krieg gegen die Griechen fortführen, denn die byzantinifche 
Slotte, welche (715) die feinige zerftören follte, empörte ſich 
gegen ihren Admiral Johannes und gegen. den damaligen 
Kaifer Anaftafius und belagerte ihre eigene Hauptftadt, ftatt fie 
vor den Angriffen der Feinde ihres Glaubens und ihres Vol— 
fes zu ſchützen ?). Als in Folge diefes militärifchen Aufruhrs, 
jedoch erft nachdem Konftantinoyel fih ſechs Monate lang 
vertheidigt hatte, Anaftafiug entthront und Theodofius (716) 
zum Kaifer ausgerufen ward, fanden die Araber an Leo, dem 
Saurier, dem General des Dftens, welcher dem neuen Kaiſer 
feine Anerfennung verfagte, mehr einen Verbündeten als einen 
Feind. Alfe errungenen Vortheile gingen aber wieder für fie 
verloren, als Leo den Thron beftieg (März 717) und fie 
plöglih in ihm einen erfahrenen und entfchloffenen Gegner 


1) Ibid. p. 120. 

2) Theophanes I. p. 590 u. fi. Die Flotte follte von Rhodus 
aus nach der phönizifhen Küfte fegeln, wo die Araber große Holz: 
vorräthe aufgefchichtet hatten, aus denen in den egyptiſchen Häfen 
Schiffe gebaut wurden. Diejes auf dem Libanon gefüllte Bauholz 
follten die eingefhifften Truppen, melche größtentheils aus der Fai- 
ferlihen Garde beftanden, verbrennen. 


566 Eiftes Hauptſtück. 


faben, wie fie feit dem Beginn des Islams Feinen gehabt. 
Wie überall, wo feine Lorbeeren geerntet worden, find auch 
bier die arabifhen Hiftorifer ziemlich einfylbig und ihre Be— 
richte um fo dunfler, als fie von den byzantinifchen Thron- 
ftreitigfeiten feine genügende Kenntnig haben. Das Eine gebt 
jedoch far aus ihren Traditionen hervor, daß fie Konftantinopel 
wenigſtens ein Jahr Yang vergebens belagert, daß fie von Leo 
hintergangen worden und in der legten Zeit namentlich große 
Noth litten, jedoch bis zum Tode Suleiman’s feine Erlaubniß 
zum Abzuge erhielten, In allen diefen Punkten ftimmen die 
byzantinifyen Quellen mit ihnen überein und geben ung nähern 
Aufſchluß über die einzelnen Partien diefes großen Trauer— 
ſpiels, das damit endete, daß die mufelmännifche Flotte zer— 
trümmert oder verbrannt und eine über 100,000 Mann ftarfe 
Armee durch Hunger, Veit und Krieg aufgerieben ward. 
Bei Amorium, fo erzählt Theophanes, ftieß Leo auf die 
Borpoften der Araber unter Spliman Y), welcher ihm, wahr- 
fcheinlih in der Hoffnung, in diefe Feſtung eingelaffen zu 
werden, feinen Beiftand gegen Theodofius verſprach. Da aber 
Amorium feine Thore nicht öffnete und Leo dem Bifchof von 
Amorium, welchen die Araber in ihr Lager gelodt, zur Flucht 
verhalf, fuchte fih Spliman durch Lift der Perfon Leo’s zu 
bemädtigen, was ihm jedoch nicht gelang. Bald darauf langte 


1) p. 593. »Hoc anno Masalmas in Cplim expeditionem suscepit, 
ac ideo Sulimanem terra, Umarum vero mari datis utrique exereitibus 
praemisit, ipse amplo belli apparati coacto retro sequutus est etc.« 
Daß hier unter Suliman nicht der Chalife gemeint ift, verfteht 
fih von ſelbſt. Sch vermuthe, daß dieſer General Muslim bief, 
eigentlih Muslimun, woraus leicht ein Suliman werden Fonnte, 
denn auch bei Tab. f. 204 wird berichtet, daß im 3. 97 (Sept. 715 
— Aug. 716) Dawud, ein Sohn des Chalifen und Muslim in Klein: 
afien Krieg führten. Der von Theoph. genannte Umar ift ohne 
Zweifei Amru Son Hubeira Alfazari, der nad) Tab, die Flotte be- 
fehligte und den Winter auf byzantiniihem Gebiete, wahrſcheinlich 
in Eilieten, wie Theoph. ©. 599 berichtet, zubrachte. } 


Suleiman. 567 


Maslama vor Amorium an, Er fchlog mit Leo einen Ver— 
trag, in welchem höchſt wahrscheinlich eine Theilung des byzan- 
tiniſchen Reichs verabredet und feftgefegt ward, daß fie, ftatt 
fih in Galatien zu befehden, gemeinschaftlich, Leo von der 
aftatifchen Seite und Maslama von Thracien ber, die Haupt— 
ftadt angreifen follten ). Leo überfiel dann in Nicomedien 
den Sohn des Kaiſers und feste ſich in Chryfopolis feft, 
worauf Theodofius bald genöthigt war, ihm den Thron ein- 
zuräumen. Maslama erwartete jest von Leo die Erfüllung 
des Bertrags, da diefer aber fein Wort brach 2), ward Kons 


2) Maslama wendete fich zuerft gegen Acroinum, dann be— 
lagerte er aber Pergamos, das er auch ſpäter einnahm. Der 
Bertrag Maslama’s mit Leo wird auch von Tab. erwähnt, doch 
wird auch deſſen Snhalt nicht näher mitgetheilt. Sn einer Tradition 
wird jedoch gefagt, Leo habe den Arabern verfprochen, ihnen Kon- 
ftantinopel zu überliefern. 

1) Die Araber liegen ihn wahrfcheinfih ganz ungeftort mit 
Tıuppen in die Hauptitadt einziehen, was fie vielleicht hätten hindern 
können. Das Maslama hintergangen worden, geht auch aus Theoph. 
hervor, wo ed (p. 607) heißt: »Caeterum Masalmas in Asia hiematus, 
ibi Leonis promissorum solutionem expectabat, qui cum nihil a Leone 
accepisset, illusum se sentiens, Abydum profectus, copiosum exercitum 
in partes Thraciae navibus transmisit et in urbem imperii reginam arma 
movit etc.«a Nach Tab. wurden die Araber fogar treuloferweife ihrer 
Vorräthe beraubt, oder fie felbft zu zerjtören veranlaßt. Die Stelle 
lautet (f. 208): „Sm J. 98 jandte Suleiman feinen Bruder Mas— 
fama nah Konftantinopel und befahl ihm, nicht zu weichen, big er 
die Stadt eingenommen. Maslama brachte einen Winter und einen 
Sommer dajelbft (in der Gegend) zu. Jeder Reiter mußte zwei 
Mudd Korn mitnebmen, der ganze Vorrath ward aufgefpeichert, denn 
die Truppen follten auf Streifzügen ihren Unterhalt ſuchen, audy 
follten fie Hütten bauen, das Land beſäen und die mitgebradte 
Frucht liegen laffen. Maslama blieb mit andern Häuptern Syriens 
bis zum Tode Suleiman’s vor Konftantinopel liegen. Es wird er 
zählt: Als Suleiman Chalife wurde zog er gegen die Griechen auf, 
dann ließ er fi in Dabif nieder und fandte Maslama voraus. Da 
Fam Sliun (Leon) aus Armenien und forderte von Maslama einen 


568 Elftes Hauptftüd, 


ftantinopel u Waffer und zu Land noch enger eingefchloffen. 
Heftige Stürme und das griechiiche Feuer zerftörten aber einen 
Theil der vor Anfer Tiegenden Flotte fowohl als die Trans: 
portichiffe, welche die Landarmee mit Lebensmitteln verfehen 
follten, auch gingen viele hriftlihe Matrofen, welche ſich auf 
arabifhen Schiffen befanden, zu ihren Glaubensbrüdern über. 
Die Truppen, welde in Afien, in der Gegend von Nicome— 
bien und Nicea umberftreiften, wurden von Griechen und bie, 
welde von Thracien aus in der Bulgaret Lebensmittel er- 
beuten wollten, von den Bulgaren gefchlagen. Mehr als das 
tobende Meer und das feindlihe Feuer und Schwert raffte 
noch Hunger und Pelt dahin. Man begreift nur nicht, wie 
es, wenn dieſe Berichte nicht übertrieben find, noch den arm— 
feligen Trümmern der mufelmännifchen Armee möglich ward, 
nah Suleiman’s Tod in ihre Heimath zurüchzufehren, ohne 
daß Leo es verfucht hätte, fie in offener Schlacht gänzlich zu 


Mann (d. h. einen Gefandten zum Unterhandeln) und Maslama fandte 
ihm Ibn Hubeira.” Nun bietet, nach einigem unbedeutenden Wort: 
wechfel, Leon dem Maslama einen Dinar für jeden Soldaten, wenn 
er abzieht. Dies nimmt Maslama nicht an, dann fährt Tab, fort: 
„Die Patrizier fagten dann zu Stiun: wenn du Maslama von uns 
entfernft, jo ſchwören wir dir, daß wir dich zum Kaifer erwählen. 
Iliun begab fich hierauf zu Maslama und fagte ihm: Die Leute wiffen, 
daß, fo lange du Lebensmittel haft, du feinen Sturm auf die Stadt 
machen wirft, drum verbrenne deinen Vorrath, dann wird ſich die 
Stadt (aus Furcht vor einem Sturme?) dir ergeben. Maslama ver: 
brannte alle Lebensmittel, aber dies erhöhte den Muth des Feindes 
und verjeßte die Mufelmänner in Noth. Eine andere Tradition 
lautet: Nach dem Tode (?) des Königs der Griechen Fam Stun zu 
Maslama und verfprah ihm, die Stadt zu überliefern. Er ging 
hinein und fchrieb Maslama, er möchte ihm feine Lebensmittel fchicken, 
damit die Griechen jehen, daß er mit ihm befreundet und fich ihm 
ohne Furcht vor Plünderung und Gefangenfchaft ergeben, Maslama 
erlaubte ihm, Früchte in Schiffen zu holen, Jliun hinterging ihn 
aber und befümpfte ihn am folgenden Morgen. Die Mufelmänner 
geriethen in Noth und Fonnten Feine Hülfe befommen, doc blieben 
fie bis zu Suleiman’s Tod.“ 


Suleiman, 569 


zernichten. Wenn aber in den wefentlichiten Punften I) zwi: 
fchen Theophanes und Tabari Uebereinftimmung herrſcht, fo 
daß Erfterer nur als eine Ergänzung des Lestern betrachtet 
werden kann, fo findet in Betreff der Zeit der Belagerung 
Konftantinopels und deren Aufhebung eine große Verſchieden— 
beit flatt. Während nämlich Jener die Belagerung erft im 
Auguft 717 deginnen und ein ganzes Jahr dauern Yäßt, fesen 
die Araber diefelbe in das J. 98, welches im Auguft 716 
beginnt, Maslama’s Rückkehr aber bald nach Suleiman’s Tod, 
welcher den meiften Berichten zufolge den 22. Sept. 717) 
in Dabif bei Chaleis ftatt fand, wohin der Chalife fchon im 
vorhergehenden Sabre feine Reſidenz verlegt hatte, um dem 
Kriegsfhauplage näber zu fein, Ohne Zweifel verdienen aber 
bierin die Byzantiner, welhe den Tag der Aufhebung der 
Belagerung lange Jahre hindurch gefeiert, den Vorzug. Die 
Araber, welche, wie wir bald fehen werden, Suleiman’s Nach— 
folger, Omar Jon Abd Alaziz, wie einen Heiligen, dem zwei—⸗ 
ten Chalifen Omar gleich, verehren, mochten wohl abfichtlich 
mit dem Negierungsantritte deffelben den Sammer ihrer Glau— 


1) Aud die Kimpfe gegen die Bulgaren, von denen Theoph. 
©. 611 fpricht, erwähnt Tab. f. 209 nad) feiner Art. Da heißt es: 
Sn diefem Sabre (98) wurde auch die Stadt Safalie erobert. 
Mohammed Son Omar erzählt: Sm 3. 98 fielen die Burdjan 
über Maslama her, welcher nur wenig Leute bei ſich hatte. Sulei— 
man fandte ihm Masada oder nach Andern Amru Ibn Keis mit 
vielen Truppen zu Hülfe, aber die Safalie gebrauchten Lift gegen 
ihn. Doc trieb fie Gott in die Flucht, nachdem fie Schurahbil Son 
Abdah getödtet. Statt Safalie muß Safalibe gelefen werden, 
ein Wort, das wie Burdjan die (jlavifchen) Länder weitlih und 
nordweftlih von Konftantinopel gegen die Donau hin bezeichnet. 
Die Grenze beider Länder ijt unbeftimmt. ©. den Kamuß über 
Bedeutung und Abftammung beider Wörter, Gine Stadt Safalibe 
fommt im Kamuß nicht ver. 

2) Den 10. Safar 99. Nach Andern den 19. oder 20., alfo 
den 1. oder 2. Dft. Tab. f. 216. Nach Theoph. p. 609, der aber 
hier nicht in Betraht fommen fann, den 8. Dft. 


970 Eiftes Hauptſtück. 


bensbrüder enden Yaffen, der eigentlich um diefe Zeit, im un- 
gewöhnlich firengen Winter 717 nämlich, erft recht begann 1). 


1) Sch Fann nicht umhin, aud noch in Kürze wenigſtens das 
mitzutheilen, was man im türf. Tab. ©. 122 über Maslama's Abzug 
fieft, obfhon im Urterte Feine Spur davon zu finden ift, wäre ed 
auch nur, um einen neuen Beweis von der Unzuverläſſigkeit der 
Ueberſetzungen Tabari's zu geben. Da wird num zuerft wiederholt, 
daß Suleiman vor feinem Tode dem Maslama befahl, fi nad) 
Chorafan zu begeben, um Jezid Ibn Muhallab die Statthalterichaft 
abzunehmen. Maslama wollte vorher die Stadt erftürmen, die Grie: 
chen machen einen Ausfall, werden aber gejchlagen. Am folgenden 
Tage fchreibt ihm Leon, er folle entweder die Stadt Mefihije (9) 
befegen oder nah Syrien zurüdfehren, er wolle ihm 600,000,000 
Silberftüde, 1000 Off Gold, 5000 Ochfen, 5000 Stück Kleinvieh 
und 1000 Pferde geben. Maslama antwortet, er habe gefchworen, 
nicht zu weichen, bis er in die Stadt gedrungen, in der Sophienfirche 
gebetet und etwas erbeutet habe, Leon verfammelt feinen Rath und 
befchlieft, Maslama Alles zu gewähren, um ihn zum Abzug zu bes 
wegen. Maslama foll dann allein in die Stadt Fommen, feine 
Truppen jedoh an den offen bleibenden Thoren ftehen, um ihm 
nöthigenfalls zu Hülfe fommen zu können. Maslama ftellt Amru 
Albattal an die Spike feines Heeres und fagt ihm: wenn ich bie 
zum Nachmittaggebete nicht zurücgefehrt bin, fo haben mich die 
Unglaubigen getödtet, du rächft dann meinen Tod durch die Ver: 
wüftung der Stadt. Gr ging dann in voller Kriegsrüftung, Die 
Hand am Griffe des Schwertes, durd die Reihen der Ungläubigen, 
welche ihn ehrfurchtsvoll anftaunten, in den Faiferlihen Palaſt und 
ließ fih von Leon in die Sophienfirche begleiten. Hier nahm er 
ein goldenes, mit vielen Gdelfteinen verziertes Kreuz, obgleich Leo 
ihm fagte, das Volk könnte wegen der Verehrung, die fie diefem 
Kreuze zollen, fich gegen ihn erheben und ihm gern den Werth des: 
felben erfesen wollte. In der That entftand auch ein Tumult, den 
Leo nur mit großer Mühe befcbwichtigte. Maslama verließ dann 
die Stadt wieder und wartete in Kehreh (2), bis Leo den verfpro: 
chenen Tribut fandte, dem er noch viele Gefchenfe beifügte. Dann 
zog Maslama nah Mefihije. Hier bracd die Peſt unter dem Heere 
aus und raffte viele weg. Auch erklärten die Bewohner von Mefihije 
den Mufelmännern den Krieg, wurden jedoch gefchlagen und die 
Stadt Meſihije ward zerftört, Don hier begab fih Maslama nad) 


Suleiman. 571 


Wenn aber dem Suleiman vielleicht von feinen Glau— 
bensgenoffen eine Schlappe angerechnet wird, welche der Re— 
gierung feines Nachfolgers angehört, fo wird er doch auf der 
andern Seite wieder gerade des von ihm, gegen alle Erwar— 
tung, zum Chalifen beftimmten Omar willen, mehr als er es 
verdiente, gelobt. Für die Ausdehnung oder auch nur Er- 
- haltung der mufelmännifhen Beftgungen hat er gar nichts 
gethan, denn die beften Feldherrn, weldye in Spanien, Indien 
und an der Grenze von China ftanden, wurden von ihm ent: 
fest, zum Theil auch zu Tode gefoltert oder gemeuchelmorbdet. 
Jezid, welder des tapfern Kuteiba Stelle eingenommen, blieb, 
nach der Zerftörung einiger Feftungen in Djordjan und Ta— 
bariftan, in Meru Liegen, nur nach Genuß und Reichthum 
firebend. Jezid's Bruder Habib, welcher Mohammed Ibn 
Kafim in Indien erfegen follte I), fonnte nur mit Mühe wies 
der das Land dieffeits des Indus behaupten. In Spanien 
wurde unter Suleiman, wegen der Ermordung des eben fo 
tapfern als ftantsflugen und gerechten Abd Mlaziz, und der 
baldigen Entjegung feines Vetters Ajjub 2), nicht nur jede wer- 


Taffurije. Hier erhielt er einen Brief von Omar, in welchem er 
ihm anzeigte, daß er zum Chalifen erwählt worden und ihn auffor- 
derte, ihm zu huldigen und mit der Armee nicht nach Chorajan zu 
ziehen, jondern fie nah Syrien zjurüdzubringen. Maslama’s Gene: 
räle erklärten fih Alle für Omar, er buldigte ihm daher und brach 
dann nah Amoria auf und von hier über Tarfus nad) Damask. 
Bon 180,000 Mann, die er bei fich hatte, waren nur noch 30,000 
übrig. 

1) Zuerft ward Jezid Ibn Abi Kabiha als Statthalter von 
Sind ernannt, er ftarb aber 18 Zage nach feiner Ankunft. Dann 
kam erft Habib. Inzwiſchen hatten die indifchen Fürften wieder Be- 
fig von ihren Ländern genommen. Gin Sohn Dahers bemächtigte 
fih wieder der Stadt Bahman Abad. Reinaud fragmens p. 198. 


2) Von Abd Alaziz war oben die Rede. Ajjub Son Habib, wel: 
her an der Ermordung feines Vorgängers Theil genemmen, blieb, 
nad) einigen Berichten, nur fehs Monate Statthalter, Ihm folgte 


572 Elftes Hauptſtück. 


tere Eroberung unmöglich, fondern diefer Wechfel der Statt- 
balter und die damit verfnüpften Unruhen bereiteten den Wi- 
derftand der Chriften in den Gebirgen von Afturien, Galicien 
und Navarra vor, welder unter Pelagius Führung nach 
manchen Berichten fhon im J. 99, alfo kurz nach Suleimans 
Tod begann N). 

Bon innern PVerbefferungen unter Suleiman gefchieht 
auch Feine Erwähnung. Wir haben gefehen, dag Jezid darum 
nicht in Irak bleiben wollte, weil der Chalife immer diefel- 
ben Abgaben forderte, wie fie unter Haddjadj's Verwaltung 
eingetrieben worden, folglich Feineswegs daran dachte, Die 
Untertbanen von den Laften zu befreien, die ihnen der als 
Tyrann verfchrieene Welid aufgebürdet. Für feine gefühllofe 
Graufamfeit fpricht außer der Mißhandlung der tüchtigiten 
Feldherrn feiner Zeit noch eine von Tabari erzählte Gefchichte, 
derzufolge er einft, bei feiner Rückkehr von der Pilgerfahrt 
nad Meffa, in Medina 400 Gefangene traf, die er alle in 
feiner Gegenwart zufammenhauen lieg. Er betrachtete dies als 
ein Schaufpiel und befahl mehreren Dichtern ?), die fein Ge- 
folge bildeten, auch Gefangene zu erfchlagen. Es wird noch 
hinzugefest, daß der Dichter Farazdaf, der auch zugegen war, 
fein Schwerdt trug, fo daß er das eines Andern zu nehmen 
genötbigt war, Das entliehene Schwerdt war aber fo fchlecht, 


Al Horr, der von dem Chalifen, oder wenigftens von feinem Statt: 
halter in Afrifa Mohammed Ibn Zezid ernannt wurde, der an Abd 
Allah Son Mufa’s Stelle in Kairaman refidirte. Nach Andern blieb 
Ajub ein ganzes Jahr Statthalter, wird jedoch nicht als ſolcher be: 
trachtet, weil er nur von der Armee zum Oberhaupte erwählt wor: 
den. ©. Lembke ©. 278 und Makkari IL. ©. 32 u. 406. Bon AU 
Horrs Zügen über die Pyrenäen wird unter Omar die Rede fein. 

1) Ibid. ©. 467. n. 16. Nach Ibn Hajjan ein Paar Sahre ſpä— 
ter, aber nad chriftlihen Quellen noch etwas früher. 

2) fol. 217 v. Außer Farazdaf wird noch Djerir und Ruba Ibn 
Aladdjadj genannt. Auch Abd Allah, ein Enkel Ali's, war daber und 
mußte die Rolle eines Henfers übernehmen. 


Suleiman., 573 


dag er lange einbauen mußte, bis er den Gefangenen tödten 
fonnte. „Alle Umftebenden verfwotteten ihn und Suleiman 
lachte.” Suleimans Lebenswandel wird gepriefen 1), doch 
wird nicht geläugnet, daß er ein Wollüftling war, daß er 
häufig feine Gattinnen entließ und wieder andere beirathete, 
und daß er troß feiner Krone, feiner Eitelfeit und wirklicher 
förperlichen Schönheit 2), doch aus Eiferfucht, der Erfte unter 
allen Chalifen, feinen Harem bloß von Eunuchen bewachen 
lieg. Auch wird von feiner Völlerei Unglaubliches erzählt, 
er foll ſich ſogar durch feine Gefräßigfeit den Tod zugezogen 
haben 9. Tabari berichtet ), daß fo wie zur Zeit Welids 
yon nichts Anderm als von Bauten und unter Omar Ibn 


1) Abulfeda ©. 486 u. 488. Elmakin ©. 75. Hier hat Erpe— 
nius in der Weberfekung die Hauptſache ausgelaſſen, dag nämlich 
Suleiman dem Aliden Abd Allah Son Mohammed Sbn Alt viele 
Ehre erwies und ihn dann bei feiner Heimkehr vergiften Tief. 
Sh würde diefen Fehler jo wenig als zahlreiche andere gerügt 
haben, da ohnehin die ganze Stelle auch im Terte corrupt ift, wenn 
nicht das Factum einen Beweis mehr für die Abjcheulichkeit von 
Suleimang Charakter lieferte und Erpenius' Ueberſetzung Schloſſer 
(Beltgeih. II, 1. ©. 330) irre geleitet Hätte, fo daß er glaubte, Su: 
lfeiman habe die Nahfommen des Abbas begünftigt. Sm Terte ift 
3. 2 u. 5 Aba-l-Abbas und Son Abd Allah Ibn Alabbas 
zu ftreihen und 3. 4 juridu ftatt Jezidu zu leſen. Vergl. Na— 
wawi ©. 369 und Schehreftani S. 112, 

2) Tab. erzählt f. 217 und nah ihm Elmakin ©. 74: Er fah, 
nicht lange vor feinem Tode, mit folbem Selbftgefallen in den Spie- 
gel, dag er fih „König der Jugend“ nannte, worauf eine feiner 
Sflavinnen ein kleines Gedichten vortrug, das ihn an feine Vers 
gänglichfeit erinnerte. Weber feine Neuerung in Betreff der Eunu: 
hen, die jhon Muamwia eingeführt haben foll, mug man Reiske's 
Mote zu Abulf. J. ©. 109 u. ff. nachleſen. 

3) Sowohl die von Abulfeda als von Elmafin angegebene Quan— 
tität mag übertrieben fein, findet fidy auch nicht bei Tab.; dag er 
aber für die Freuden der Tafel befondere Vorliebe hatte, geht auch 
aus dem gleich im Terte Folgenden hervor. 


4) p. 108 des türf. Tab, übereinftimmend mit dem Urtexte. 


574 Elftes Hauptflüd, 


Abd Alaziz von Koran und Religionsfachen die Nede war, fo 
bildete unter Suleimang Herrfchaft die Kochfunft und der Um— 
gang mit dem fchönen Gefchlechte das allgemeine Volksgeſpräch. 
Es bleibt demnach an Suleiman nur die Beftimmung Omars 
zum Chalifen zu loben übrig, die aber felbft von den Arabern 
auf eine Weife erzählt wird, dag daraus hervorgeht, daß dies 
fes Verdienſt nicht ihm gebührt und daß felbft einiger Ver— 
dacht gegen die Rechtmäßigkeit diefer Nachfolge entitehen muß. 
Wir wollen den ganzen Dergang der Sache wörtlich über- 
fegen und nur bemerfen, daß Radja, welder die Hauptrolle 
in diefer Geſchichte Spielt, als Schriftgelehrter und Gefesfun- 
Diger fehr berühmt ift, alfo natürlich wünſchen mußte, einen 
Mann wie Dmar auf den Thron zu bringen. 

„Als Suleiman frank war,” fo erzählt Nadja Ibn Ha— 
jat I), „befahl er, dag man eine Urfunde auffese, in welcher 
einer feiner noch minderjährigen Söhne zum Thronfolger er- 
nannt werde. Da fagte id: willft du das Wohl der Mu- 
felmänner in die Hände eines Knaben legen, der noch nicht 
das Mannesalter erreicht hat? Suleiman erwiederte: im 
Wahrheit, das thu ich nicht, hier muß mit Bedachtſamkeit zu 
Werke gegangen werden. Nach zwei Tagen ließ er mic) 
rufen und jagte: was bältft du davon, wenn ich meinen Sohn 
Davud zum Nachfolger beftimme? ich antwortete: der ift ab- 
wefend 2) und du weißt nicht, ob er noch lebt oder nicht. 
„Und wen bältft du denn des Chalifats würdig?“ „Das 
weiß der Fürft der Gläubigen beffer.“ „Was denfjt du von 
Dmar Ibn Abd Alaziz?“ „Fürft der Gläubigen! ich fenne 
feinen würdigeren Mufelmann, er tft befannt durch feine Tu— 
gend, Enthaltfamfeit und Gottesfurcht und befist jede gute 
Eigenſchaft.“ „Wenn ich aber ibm die Herrfchaft übergebe 
und meine Brüder übergehe, fo werden Unruhen entſtehen 


1) Tab. t. XL. 1u. ff. Türk, Zab, ©. 128. 
2) Er war bei dem Heere vor Konftantinopel, 


Suleiman. 575 


und fie werden ihm den Gehorſam verweigern, Darum will 
ih meinen Bruder Jezid (er war damals in Meffa) als 
Nachfolger Omars beftimmen, jo wird jedem Aufruhr vorges 
beugt werden.” „Du weißt es beffer, Fürft der Gläubigen,” 
Er ließ dann folgende Urfunde fchreiben : 

„Im Namen Gottes des Allbarmberzigen, des Allgnädi— 
gen. Diefes ift ein Schreiben von dem Diener Gottes Sur 
feiman, dem Fürften der Gläubigen, an Omar, den Sohn 
des Abd Alaziz. Ich übertrage dir das Chalifat nach mei« 
nem Tode und ernenne Jezid, den Sohn Abd Almalifs, zu 
deinem Nachfolger. Gehorchet ihm und ſeid ihm unterthan, 
fürchtet Gott und werdet nicht uneinig, damit nicht eure Feinde 
nad) euch gelüſten.“ 

„Er ließ dieſes Schreiben verſiegeln und Kaab Ibn 
Hamid, den Reichsverweſer herbeirufen, dann ſagte er uns 
beiden: Dieſes Schreiben enthält meinen letzten Willen in 
Betreff der Thronfolge, zeiget es dem Volke an! Ich nahm 
das Teſtament, zeigte es dem Volke und ſagte: Dieſes Schrei— 
ben enthält den letzten Willen des Fürſten der Gläubigen, 
huldiget dem, welcher darin als Thronfolger genannt iſt! Die 
Leute ſagten: laßt uns ſelbſt zum Fürſten der Gläubigen gehen 
und ſehen! Suleiman deutete auf das Schreiben, das in 
meiner Hand war und ſagte: dieſes Schreiben enthält mein 
Teſtament, gehorchet demjenigen, den ich in dieſer Urkunde 
bezeichnet habe und ſchwöret ihm Treue! Ich hob dann das 
verfiegelte Schreiben in die Höhe, bis ſich das ganze Volk 
damit einverftanden erflärte. Als die Leute ſich wieder ents 
fernt hatten, trat Omar Ibn Abd Alaziz zu mir und fragte 
mid: bat der Fürft der Gläubigen in Betreff meiner etwas 
verfügt? ſage mir es, damit ich mich von diefem Uebel Ios- 
made und fchon jest meine Vorfehrungen treffe zu dem, was 
ih nachher zu thun gefonnen bin. Ich erwiederte: bei Gott! 
ich fage dir fein Wort und er verließ mid in übler Laune, 
Hierauf fam Hıldam Ibn Abd Almalif zu mir und fagte: 
du weißt, daß zwilchen ung das Necht des Brodes und Sal- 


576 Elftes Hauptftüd. 


zes (der Gaftfreundfchaft) beftehtz bei dieſem heiligen Rechte 
beſchwöre ich dich, mir dies Geheimnig zu offenbaren, damit 
ih meine Anftalten treffe, für den Fall dag die Herrſchaft 
mir zuftele jowohl, als für den andern Fall; ich ſchwöre dir, 
das Geheimnig Niemanden zu offenbaren. Ich fagte:- bei 
Gott, ich theile dir dieſes Geheimniß nicht mit. Hiſcham 
verlieg mich dann und fagte, die Hände über einander fchla- 
gend: „die Herrichaft ift einem Andern übertragen worden, 
fonft hätte er mir nichts verſchwiegen.“ Ich begab mid) dann 
wieder zu Suleiman, den ich fterbend fand, und wollte ihn 
gerade Tegen und feinen Mund und feine Augen fchliegen. 
Er fagte aber: es iſt noch nicht Zeit, Radja. Ich wartete 
ein wenig und wollte dann wieder daſſelbe thun, aber er 
wiederholte diefelben Worte. Nah einer Weile fagte er : 
jest ift Zeit, Nadja, tbu was du willſt, ich befenne daß Gott 
einzig ift, ohne Genoffen, und dag Mohammed fein Diener 
und Gefandter war. Hierauf fchloß er den Mund und ver- 
fhied. Ich drückte ihm die Augen zu, warf einen Schleier 
über fein Gefiht, ging hinaus, verfchloß die Thüre daß nie- 
mand hinein Fonnte, begab mih zu Kaab Ibn Hamid und 
fagte ihn: verfammle die ganze Familie des Fürften der Gläu— 
bigen und die Emire! Kaab ließ fie in die Mofchee von 
Dabif rufen und ich forderte fie zur Huldigung auf. Sie 
fagten: wir haben ja ſchon einmal gehuldigt I)! ic) erwiederte; 
huldiget noch einmal demjenigen, welcher im Teftamente des 
Fürften der Gläubigen als Thronfolger genannt ift. Erft als 
alle der Neihe nach gehuldigt hatten und die Sache abgethan 


1) Hier heißt es im türk. Tab. „Denn früher hatten fie einem 
Sohne Suleimand gehuldigt.“ Diefe Worte find aber vom Weber: 
feger zugefest und bilden einen Widerjpruch mit dem vorher gefag- 
ten, daß fie fhon bei Suleimang Krankheit dem im Teftamente ge: 
nannten gehuldigt. Früher war allerdings ein Sohn Guleimans 
(Ajjub) als Nachfolger anerkannt worden, er ftarb aber vor feinem 
Vater. 


Suleiman. 577 


war, machte ich fie mit dem Tode des Chalifen befannt, in- 
dem ich ihnen fagte: begebet euch zum Fürften der Gläubigen, 
denn er ift heute aus der vergänglihen Wohnung in die ber 
Ewigkeit übergegangen. Dann nabm ic dag Siegel vom 
Zeftamente weg und las es vor. Als id Omar Ibn Abd 
Alaziz nannte, vief Hiſcham, der Sohn Abd Almalifs: dem 
werden wir niemals huldigen. Ich fagte aber: bei Gott! 
wenn dur nicht huldigft, fo fchlage ich dir den Kopf herunter, 
Der unglüdlihe Hiſcham befänftigte fih und ich faßte Omars 
Hand und führte ihn auf die Kanzel, bemerfte aber, dag er 
durchaus nicht Herrichbegierig war, während Hiſcham fehr be— 
trübt darüber war, daß er nicht zur Regierung gelangt.” 


Aus diefer Erzählung Radja's T) ergibt ſich jedenfalls, 
dag Suleiman bis zu feiner legten Kranfheit einen feiner 
Söhne zum Nachfolger ernennen wollte und nur von Nadja 
überredet ward, das Chalifat dem Omar zu übertragen. Da 
aber aud der Erzähler felbft fein Geheimnig daraus macht, 
daß er die Ernennung Omars gewünfcht und gewiffermaßen 
erwirft babe, fo mochte er vielleicht gar, fei es nun aus 
Freundfchaft für Omar, oder aus religiöfem Eifer, als Su- 
leiman auf dem Todtenbette Tag, Omars Namen an die Stelle 
Jezids oder eines feiner Söhne gefegt haben. Die bisher 
ungewöhnlihe Huldigung einem noch ungenannten Thronfol- 
ger, die Wahrfcheinlichfeit, dag Nadja felbft das Zeftament 
geichrieben, das Geftändnig, dag er allein beim Chalifen 
war, als er ftarb, folglich auch Herr feines Siegelrings war, 
geben wenigftens zu folhem Verdachte Veranlaffung genug. 
Wie dem auch fer, fo fteht der gepriefene Suleiman feinem 


1) Bergl. über Radja Nawawi ©. 245. Er ſcheint fhon früher 
Einfluß auf den Chalifen gehabt zu haben, denn auch bei Sen Abd 
Alb. S. 319 heißt ed, dag Suleiman an Abd Allah Son Mufa’s 
Stelle, auf den Rath des Radja Ibn Hajat, Mohammed 
Son Zezid den Kureifhiten zum Statthalter von Afrifs ernannte, 

37 


578 Eiftes Hauptſtück. 


son Manchen getadelten Vorgänger Welid in jeder Beziehung 
nad und wir fünnen ihn nur im buchftäblichften Sinne des 
Wortes mit feinen mufelmännifchen Panegyrifern „Schlüffel 
des Guten” nennen, in fo fern fein wirklicher oder angeb- 
licher Tester Wille wenigftens das Thor zum Beffern öffnete, 


Zwölftes Hauptſtück. 


Omar II. 


Züge von Omar's einfachem Leben und Humanität. — Ein 
Sohn Welid's will den Thron beſteigen. — Jezid Ibn Muhallab 
wird entſetzt und eingekerkert. — Auch Jezids Sohn wird zurückgeru— 
fen und Djarrah nach Choraſan geſchickt. — Jezid ſoll auf eine In— 
ſel des rothen Meeres verbannt werden. — Omar ſucht Proſelyten 
zu machen. — Sendet Abd Errahman Alkuſcheiri nach Choraſan. — 
Bekehrung indiſcher Fürſten. — Seine Statthalter in Afrika und 
Spanien, — Omar's Religioſität. — Auszug aus einer Predigt. — 
Aufftand der Eharidjiten. — Unterhandlung mit Omar über den 
Thronfolger. — Emiſſäre der Abbafiden in Sraf und Chorafan, — 
Ob Dmar den Fluch gegen Ali aufgehoßen. — Legenden und Sagen 
über Dmar. — Seine Gerechtigfeitäliebe auch gegen Nichtmoham— 
medaner. — Dmar und die Dichter. — Stirbt wahrfheiniih an 
Gift. 


Omar ſoll gleich nach der Wahl gezeigt haben, daß er 
das luxuriöſe Leben feiner Vorgänger keineswegs nachzuahmen 
gefonnen fei, indem er ſich weigerte, eines der ihm vorgeführ- 

ar 


580 Zwölftes Hauptſtück. 


ten Prachtpferde feines Vorgängers zu befteigen ”). Beweiſe 
son Menſchlichkeit und Zartgefühl foll er dadurch gegeben ha- 
ben, daß er das Schloß des Chalifen nicht eher bezog, bis 
die Familie des Verftorbenen es verlaffen hatte. eine Herr- 
fhaft ward im ganzen Reiche anerfannt, nur Abd Alaziz, ein 
Sohn des verftorbenen Chalifen Welid, welcher nicht in Da- 
bif war, ließ fih, bei der Nachricht vom Tode Suleiman’s 
huldigen und zog nad Damasf 2). Er foll jedoch, als er 
erfuhr, dag Omar zum Chalifen ernannt worden, fi ald- 
bald unterworfen baben. Auch Jezid Jon Muhallab, der 
Statthalter von Chorafan, Leiftete feinen Wiederftand, obſchon 
er Omar für einen Heuchler hielt 3), und fein Freund Abu 
Otba ihm vorausfagte, daß ihn Omar nit nur entjegen, 
fondern auch mißhandeln würde. Er war faum in Syrien 
angelangt ), als Dmar ihn in ein Gefängniß werfen ließ 





1) So bei Tab. ©. 122, wo er fagt: mein Pferd genügt mir 
Bei Nawawi ©. 467 fordert er ein Maulthier, was in hiftorifcher 
Beziehung zwar höchft gleihgültig ift, jedoch bemeißt, daß alle der: 
artigen an Omar gepriefenen Züge mit ihren Belegen mehr als 
Anekdoten denn als geichichtlihe Thatfachen zu betrachten find. 

2) Tab. ar. t. XL f. 3. 

3) Ibid. fol, 5. Omar's Brief an Sezid lautet, nad) der ge: 
wöhnlihen Gingangsformel: „Suleiman war ein Diener von den 
Dienern Gottes, dem Gott Reihthum und Herrichaft gejchenft. Er 
ift nun aus der Wohnung der Vergänglichfeit in die der Dauer 
übergegangen und hat mich zu feinem Nachfolger beftimmt und nad 
mir Sezid, den Sohn Abd Almalifs, wenn er mich überlebt. Diefes 
Vermächtniß ift Fein Leichtes für mich, denn das Mohl vieler Mus: 
felmänner ruht auf meinen Schultern. Da mir das ganze Volk ges 
huldigt hat, fo huldige auch du mir und nimm auch den Leuten, die 
bei dir find, den Huldigungseid ab! Ernenne dann einen Stellver: 
treter über Chorafan und verfüge dich hierher zu mir!“ 

4) Nah Tab, a. a. O., auch im türk. ©. 132 ward er von 
Adij Son Urta, Statthalter von Baßra, verhaftet und dem Chalifen 
gefickt. Darnach ift wohl Reiske I. ©. 115 zu berichtigen, mo er, 
wahrſcheinlich nach einem fehlerhaften Texte des Ibn Kuteiba, fchreibt; 


Omar II. 581 


und von ihm die Summen forderte, welche er, nad einem 
früher an Suleiman gefchriebenen Briefe, in Tabariftan und 
Diordjan erbeutet hatte. Vergebens erflärte Fezid, fein Ver— 
hältniß zu Suleiman ſei der Art gewefen, daß er wußte, es 
werde von ihm feine Rechenſchaft gefordert und er habe dieß 
nur gethan, um dem Chalifen eine Freude zu machen. Mach— 
lad, ein Sohn Fezid’s, welchem diefer den Dberbefehl in Cho- 
rafan gelaffen, ward aud alsbald abgerufen und die Gtatt- 
balterfchaft von Chorafan dem Djarrah Ibn Abd Allah über: 
geben. Machlad wollte ſchwören, daß fein Vater nicht fo 
viel erbeutet, als er in feinem Briefe angegeben, und erbot 
fi, alles, was er beſaß, für die Befreiung beffelben hinzu— 
geben, aber Omar war unerbittlich, und beftand auf der Rück— 
erftattung der ganzen Summe, welche Jezid entweder wirflich 
nie bejeflen oder bald wieder verfchwendet hatte ). Dmar 
trieb fogar die Härte fo weit, daß er Jezid ein wollenes 
Kleid anziehen ließ, wie es die Sträflinge trugen, und ihn 
nad Dablaf, einer kleinen Inſel auf dem rothen Meere 
ſchicken wollte, wo die gemeinften Verbrecher ihr Leben zu— 
bringen mußten. Er nahın jedoch diefen Befehl wieder zurüd, 
als man ihm fagte, Jezid's Stammgenoffen würden fich erhe- 


»Post mortem Suleimani tandem, fili Abd-al-Maleki, petebat Jazid 
filius Muhallabi Basram capiebatque (qui tum ibi prefectus erat) adium 
filium artati, eumque in vinculis ad omarum fillum Abd-el-Azizi mit- 
tebat, a quo custodia mandatus fuit.« 


1) Sn feinem Briefe an Suleiman hatte er gefchrieben, er habe 
fo viel erbeutet, daß ‘er 600,000 Dirhem ald den dem Chalifen ge: 
bührenten Fünftheil davon abgejondert. Sein Sekretär Mughira 
Son Abi Farma hatte ihm damals ſchon gerathen, Feine Summe zu 
nennen und ihm gefagt, entweder Suleiman wird diejed Geld von 
dir fordern, oder wenn er dir es läßt, Gefhenfe von dir erwarten, 
die, fo bedeutend fie auch fein mögen, ihm doc immer gering fchei- 
nen merden, übrigend weißt du nicht, mas zmwifchen heute und mors 
gen fi ereignen fann. Tab, ©. 120, 


582 Zwölftes Hauptſtück. 


ben, wenn er auf beffen Vollzug beftände 1). Das Gefäng- 
niß durfte aber Jezid nicht verlaffen. Erft als Dmar auf 
dem Kranfenbette lag, nach einigen Berichten fogar erſt nach 
deifen Tode, gelang es ihm zu entkommen und, wie wir in 
der Folge fehen werden, unter dem Chalifen Jezid noch ein- 
mal eine politifhe Rolle zu fpielen., Djarrah Ibn Abd Allap 
ward indeffen auch bald wieder feiner Stelle entſetzt, weil er 
fih mande Ungeredhtigfeiten gegen freigelaffene Sklaven ſo— 
wohl als gegen Neubefehrte zu Schulden fommen ließ. Er— 
ftere wurden angehalten, ohne Sold zu dienen, und Lettere 
mußten no immer Abgaben zahlen, zu denen nur befreundete 
Richtmohammedaner verpflichtet waren 2). Der fromme Dmar 
war in biefer Beziehung größer, als alle feine Vorgänger, 
felbft Omar der Erfte nicht ausgenommen, indem er weniger 
darnach ftrebte, den Islam auf Koften der Ungläubigen zu 
vergrößern oder zu bereichern, als die Zahl der Mufelmän- 
ner zu vermehren, ohne jedoch irgend Jemanden durch Ges 


1) Nah andern Berichten follte er nad der Feſtung Ein Tamr 
gebracht werden und zwar durch Waki Sbn Hafan. Die Benu Ad, 
Sezid’8 Stammgenoſſen, rotteten fich aber zufammen um ihn zu be- 
freien. Waki fchwur, daß wenn fie fich nicht entfernen, er augen: 
blieklih Sezid erfchlagen würde. Davon hat der türk. Tab. nichts, 
Das Weitere im arab. Tab. f. 5 iſt aber verwifcht. 

2) Dmar fohrieb an Djarrah: „wer, wie wir, mit dem Geftchte 
nah Meffa gerichtet, betet, ift von der Kopffteuer befreit. Darauf 
befannten ſich viele zum Islam. Man fagte dann zu Djarrah: diefe 
Meubefehrten find Feine Gläubigen, fie wollen fih nur vonder Kopf: 
fteuer befreien, fege fie dur die Bejchneidung auf die Probe! 
Djarrah fragte bei Omar an, welder ihm erwiederte: „Gott hat 
mich gefandt, um meine Untertbanen zum Glauben aufzufordern, 
nicht um fie bejchneiden zu laffen.” Bekanntlich gehört die Beſchnei— 
dung nicht zu den eigentlihen WVorjchriften des Islams, fondern ift 
nur ein herföümmliches Gebot (Sunnah), Sn diefer Stelle bei Tab, 
f. 6 wird das Wort Djezieh (Kopfiteuer) und Charadj (Grundfteuer) 
ganz gleihbedeutend gebraucht, was ich auch an andern Orten fchon 
gefunden habe. 


Omar Il. 583 


walt befehren zu wollen. Dem neuen Statthalter von Cho- 
rafan Abd Errabman Alfufcheiri fchrieb er: „reißet Feine Kirche 
um und feine Synagoge und feinen Feuertempel, welche ver- 
tragsmäßig beſtehen dürfen, gejtattet aber auch nicht, daß neue 
Kirchen oder Tempel auf euerm Gebiete gebaut werden.‘ 

Auch in Indien ſuchte Omar, oder vielmehr fein Statt 
halter Amru Ibn Muslim Albahili, nicht die Herrichaft des 
Islams durch das Schwerdt auszudehnen, fondern vielmehr 
die ſchon unterworfenen Länder für den neuen Glauben zu 
gewinnen, indem er allen indischen Fürften, welche ſich zum 
Islam befannten, gleiche Rechte mit den Mufelmännern ein- 
räumte N). 

Aehnlihen Miffiongeifer bethätigte Omar in Afrifa und 
Spanien. Afrifa ward zu feiner Zeit von Ismail Ibn Abo 
Allab verwaltet, dem es durch feine Milde und Gerechtigkeits— 
liebe gelang, die Berber für den Islam zu gewinnen 2). 
Nach Spanien wurde an die Stelle des Al Horr, der ſich 
durch feine Tyrannei verhaßt gemacht, der trefflihe Al Sa- 
mah gefandt 3), ein eben jo weiler Staatsmann als ausge: 


D Beladori bei Reinaud a. a. O. p. 174. Zu den Profelyten 
gehörte auch der oben genannte Sohn Daher’8 und andere Prinzen, 
welche auch arabifhe Namen annahmen. 

2) Ibn Abd Alb. ©.119, wo es fogar heißt: und es blieb un- 
ter feiner Statthalterfhaft Fein einziger Berber, der fih nicht 
zum Islam befannte. 

85) Nah Son Hajjan und Ibn Chaldun bei Makfari ©. 32. 
Sm Ramadhan des 5. 100 d. H. März-April 719, nicht April-Mai 
718 wie bei Pascual. Hebrigens weichen befanntlich die Nachrichten der 
Araber ſowohl ald der Chriften über die Dauer der Statthalterfchaf: 
ten von Abd Alaziz bis Al Samah von einander ab. Daß indeffen 
legterer noh unter Dmar zum Statthalter von Spanien ernannt 
murde, unterliegt feinem Zweifel. Seine Kriege in Gallien fallen 
aber unter Jezid's Chalifat, wo wir darauf zurückkommen werden. 
Vergl. Lembfe S. 279 und Aſchbach S. 54. Conde's Chronologie 
im 20. Kapitel ift von Anfang bis zu Ende unrichtig. 


984 Zwölftes Hauptſtück. 


zeichneter Feldherr, denn feine Croberungen in Gallien waren 
von Dauer, während Al Horr nur der Beute willen mehrere 
Fahre hintereinander in dieſes Land einfiel. A Samah 
follte au Ordnung in die Finanzen bringen, die Länder nach 
mufelmännifhem Kriegsrechte vertheilen und, da Dmar wohl 
einfab, daß die fpanifchen Chriften nicht fo Leicht zum Islam 
zu befehren, wie die Völker Indiens und Transoxaniens, 
ihnen befondere Länder einräumen, was jedoch nicht bewerf- 
ftelligt wurde. 

Dmar fah wohl ein, daß ſchon die Staatsflugheit erfor- 
derte, mehr für die Erhaltung des bereits eroberten Gebiets 
als für weitere Ausdehnung zu forgen. ine noch größere 
Zerfplitterung der Kräfte fonnte dem Reiche nur verderblich 
werden, fein Hauptftreben ging daher dahin, durd Einheit des 
Glaubens die unterjochten Völker jich zu befreunden, und wo 
dies nicht auszuführen war, fie zu ifoliren. So foll er aud) 
an der nordöſtlichen Gränze des Neihs die Eroberungen in 
Transoranien aufzugeben gefonnen geweſen fein und allen 
dortigen mufelmännifchen Coloniften geftattet haben, nach Cho- 
rafan herüber zu fommen Y. Dmar war übrigens aud zu 
gleichgültig für irdifhe Größe, als dag er auf großen Befts 
oder Siegesruhm einigen Werth gelegt hätte. Sein wahrhaft 
religiöfer Sinn ſpricht fih am Klarften in folgender Stelle 
einer Predigt aus, die er kurz vor feinem Tode hielt: 

„O ihr Leute, ihr feid nicht zwecklos geichaffen, höret 
nicht auf Gutes zu üben, denn ihr werdet einft wieder auf- 
erftehen, da wird Gott als Richter unter euch erſcheinen und 
die Guten von den Schlimmen fondern. Wehe dem, welder 
von Gottes Barmherzigkeit, die Alles umfaßt, ausgefchloffen 


1) Tab, fol. 20. Den Bewohnern von Samarfand, welche bei 
ihm Plagten, daß fie von Kuteiba hintergangen worden, foll er es 
frei geftellt haben, wieder ihre frühere Stellung einzunehmen, was 
jedoch natürlich unausführbar war. 


Dmar II. 585 


wird, webe dem, der feinen Eingang in dag Paradies findet, 
deffen Raum fo groß ift wie der des Himmels und der Erde, 
Wiffet, daß Morgen nur derjenige Gnade findet, welcher 
Gott fürchtet, Vergängliches ewig Dauerndem, Geringes Gro- 
ßem und Unficheres Sicherem opfert. Seht ihr nit, daß 
ihr einft all’ euern Befig wieder Andern überlaſſen müſſet, 
die fih aber dann auch wieder wie ihr gegen ihren Willen 
davon trennen werden ? Gebt ihr nicht jeden Morgen und 
jeden Abend das letzte Geleite denen, deren Lebenszeit abge- 
laufen und verberget fie in den Schooß der harten, nadten 
Erde, fern von allen Freunden? Sie ruhen dann im Staube 
bis fie vor das Gericht treten, wo ihnen nur die vorausge— 
fhieten guten Handlungen und nicht ihr früherer Befts von 
Nutzen if. Fürchtet Gott, bevor eure Zeit abgelaufen und 
ihr dem Tode anheimfallet, ich ſchwöre euch aber, daß, indem 
ih euch predige, wohl weiß, daß ich ſchwerer ald einer von 
euch mit Sünden beladen bin, aber ich flehe Gottes Gnade 
an und befehre mich zu ihm u. f. w.“ N). 

Dmar’s Regierungspauer war indeffen zu kurz, um ir- 
gend heilfame Früchte zu tragen, fie fonnte nur Mande fei- 
ner Vorgänger noch mehr in den Schatten ftellen und den 
muthmaßlihen Thronerben, welcher ihm feineswegs ähnlich 
war, im voraus verhaßt machen. Auch hören wir, daß unter 
Dmar die Charidjiten in Irak, unter Führung Boftamg, wel- 
her auch Schaudſab hieß, ſich wieder erhoben, und die Trup- 
pen des Statthalter von Kufa in die Flucht fehlugen, fo daß 
Dmar genöthigt war, Maslama, den Sohn Abd Almalikg, 
den er von Konftantinopel zurüdgerufen, an der Spige fyri- 
fher Truppen, gegen die Rebellen in’s Feld zu fchiden. 
Dmar foll jedoch mit den Rebellen unterbandelt und zwei Ge— 
fandte Boftams in Damasf aufgenommen haben, welche als 


2) Tab. T. 2. 


886 Zwölftes Hauptftüd, 


Grund ihres Aufftandes die Nachfolge Jezid's angaben N). 
Der Aufftand nahm dann dermaßen überhand, daß fein Nach— 
folger 10,000 Mann brauchte, um ihn zu unterdrüden 2). 
Nach einigen Berichten follen auch um diefe Zeit fehon 3) 
bie Nachkommen des Abbas Emiffäre nad) Irak und Chora= 
jan gejandt haben, welche im Stillen Haß und Verachtung 
gegen die Omejjaden predigten und Stimmen für einen Nach- 
folger aus ihrem Gefchlechte warben. Oberhaupt der Familie 
des Abbas war Mohammed Ibn Ali Fon Abd Allah Ibn Abbas, 
alfo ein Urenfel des Abbas, welcher bekanntlich Mohammeds 
Sheim war. Um diefe Zeit waren übrigens, wenn überhaupt 
ſchon förmlich für einen Chalifen aus dem Haufe Hafchim 


1) TIbid, fol. 4 Dmar erklärte, er könne an der Beftimmung 
Suleimansd nichts ändern. Darauf ermwiederten die Gefandten: was 
mwürdeft du thun, wenn dir Semand irgend ein Gut anvertraute, mit 
der Weifung, ed nach deinem Tode einem Andern zu übergeben, von 
dem du mwüßteft, daß er es fchlecht verwalten würde? Darauf jol 
Dmar drei Tage Bedenfzeit gefordert haben, ehe fie aber abgelaufen 
waren, vergiftet worden fein, weil die Söhne Merwan's fürchteten, 
er möchte einen andern als Zezid zum Thronfolger beftimmen. 


2) Ibid, fol. 24. Drei Truppenabtheilungen, welhe Abd Alha- 
mid gegen fie fchickte, wurden vorher gejchlagen. Der Anführer des 
legten Heeres hie Amru Ibn Said, 


3) So im türf. Tab. S. 126. Der erfte, der nach Sraf ging, 
hieß Meifara. Nah Chorafan gingen Mohammed Ibn Habib, Abu 
Ikrima, Hajjan Alattari und Abu Mohammed Ibn Sadik. Sie 
fammelten Interfchriften und fandten fie dem Meijara, welcher fie 
an Mohammed Ibn Ali beförderte. Später ernannten fie dann 
zwölf Apoftel oder Stellvertreter Mohammeds, welche das ganze 
Miffionswefen, — denn Wiederherftellung des reinen Glaubens war 
der Hebel ihrer Umtriebe — leiteten. Auch im Urterte werden diefe 
Miffionen der Abajliden erwähnt. Indeſſen wird fpäter ausdrücklich 
gefagt, dag die erften Miffionäre der Abaffiden unter der Statthal: 
terfchaft des Afad Ibn Abd Allan nach Chorafan (107 oder 109) 
famen. Auf diefe Stelle des Urtertes (S. 60) werden wir an feinem 
Drte zurückkommen. 


Dmar U. 587 


geworben ward, doch gewiß die Anhänger der Nachkommen 
Als und die der Söhne des Abbas noc) vereint und zunächft 
nur auf den Sturz der Omejjaden bedacht. Die Hoffnungen 
der Lestern foll Dmar felbft wieder dadurch belebt haben, 
daß er aufbörte, Ali von der Kanzel berab zu ſchmähen, wie 
dies feit Muawia in allen Mofcheen üblih war, Statt deffen 
las er den Koransvers: „Gott befiehlt Gerechtigfeit und Güte 
und Wohlthätigfeit gegen Berwandte, und. verbietet Gewalt: 
that, Gebäffigfeit und Schledhtigfeit, er warnt euch, damit 
ihr es bedenfet.” Sp gerne wir indeſſen auch Diefe, Dem 
Charafter Dmars vollfommen zufagende Neuerung glauben 
möchten, müffen wir fie doch bezweifeln, weil nur fpätere Duel- 
len!) ihrer erwähnen, welche, fich nicht mehr damit begnügen, 


1) Abdulfeda, Elmakin und Abul Faradj. Tabari, der mande 
Anefvoten und Legenden von Omar erzählt, hätte gewiß eine fo 
fromme und bedeutungsvolle Handlung Dmars nicht verfchmwiegen, 
wenn fie ihm befannt gemwefen wäre, Nicht nur im Urterte, fondern 
auch in der Ueberſetzung, wo noch mancher Zufas aus fpätern Quel- 
fen jih finder, wird davon mit feiner Sylbe erwähnt. Hingegen 
lieft man bei Tab. im Urterte f. 54: „Der Chalife Hiſcham pilgerte 
(im J. 106) und weigerte fih nad damaliger Sitte Ali zu ver: 
fluben, trogß dem Verlangen Saids Ibn Abd Allah, eines Urenkels 
Othmans.“ Auch ſagt Zeid Ibhn Alt zu Zufuf Son Amru, dem 
Statthalter von Irak, welcher Geld von ihm zurüdforderte, das ihm 
fein Vorgänger Chalid Ibn Abd Allah gegeben haben follte: „wie 
fannft du glauben, daß Chalid mir Geld gab, während er meine 
Bäter auf der Kanzel befjhimpfte? (aschtumu abai ala-l- 
minbari. Tab, f. 122 v.), Um feinen Staatsrath von der Nothwen— 
digfeit der Abjchaffung diefes Fluches zu überzeugen, foll, nad) vor- 
ausgegangener Berabredung mit Omar, ein Jude dffentlih um feine 
Tochter angehalten haben. Dmar fragte ihn: wie er ald Zude eine 
folhe Bitte ftellen Fonne. Darauf verjegte der Zude, Mohammed 
habe doch auch feine Zochter Fatima dem Ali zur Frau gegeben, 
Als Dmar darauf ermwiederte, Ali fer ein Mufelmann geweſen, fagte 
ter Zude: wenn ihr ihn als einen Gläubigen anfehet, warum rufet 
ihr denn öffentlich auf der Kanzel Gottes Fluch auf ihn herab? 
Dmar verftummte und auch Feiner der Anmejenden wußte darauf zu 


588 Zwölftes Hauptftüd. 


und Omar als einen gerechten und gottesfürdhtigen Dann zu 
fhildern, fondern ihn fogar zu einem Heiligen und Wunder: 
thäter erheben, deffen Erfcheinen fhon Omar der Erfte, von 
bem er yon mütterlicher Seite her abflammte, prophezeit 
baben fol. Gewiß ift jedenfalls, dag nad) Omars Tod die 
Aliden wieder gefhmäht und verflucht wurden und daß der 
Chalife Hiſcham ſich weigerte, das Beifpiel feiner Vorgänger 
zu befolgen. Omar hatte eine Narbe im Gefichte — fo Tautet 
eine auch in ältern Quellen vorfommende Sage, die wir, fo 
wie mande Andere, bier aufnehmen müffen, um zu zeigen, 
wie leiht man geneigt fein mochte, ihm fpäter auch Tugenden 
feiner Nachfolger zuzufchreiben — die ihm von dem Tritte 
eines Maultbieres fam. Als dies Unglück gefhah und er 
mit bfutigem Geſichte feiner Mutter gebracht ward, machte 
fie ihrem Gatten Abd Alaziz Vorwürfe über feine Unachtſam— 
feit. Er aber fagte: beruhige dih, Glückliche, dies wird der 
Narbige fein, von dem Omar, der Sohn Chattabs, gefagt: 


antworten, daher Dmar diefe Veranlaffung ergriffen haben fol, um 
diefen fündhaften Gebrauch abzufchaffen. Herbelot. Diefe Anekdote 
bemweift aber eben jo wenig etwas gegen Tabari, als die wahrſchein— 
lih erft fpäter gedichteten Verſe, welhe El Makin ©. 76 u. Abul- 
feda ©. 438 anführt. Legterer irrt jedenfalls, wenn er behauptet, 
„Alt fei nachher nie mehr verflucht worden.” Bei Nam. &. 471 
fieft man: „wenn Omar über die Kameeljchlaht (zwiſchen Alt und 
Yfha) und über die Schlaht bei Siffin Gmifchen Alt und Muawia) 
gefragt wurde, fagte er: das find blutige Händel, vor denen Gott 
meine Hand bewahrt hat, darum möchte ich auch jest nicht meine 
Zunge hineintauchen.“ Bon der Abfhaffung des Fluches gegen Alt 
erwähnt er aber auch nichts. Auch bei Tab. t. XI. f. 105 fchreibt 
Abu Djafar an den Aliden Mohammed, der ſich gegen ihn empörte: 
„Hamza und Abbas find in Frieden und von der ganzen Gemeinde 
des Islams geehrt aus der Welt gefchieden, dein Stammpater (Ali) 
aber in Fehde und Krieg, verflucht von den Söhnen DOmejja’d, wie 
Unaläubige, im vorgefchriebenen Gebete, bis wir (Abbafiden) ung 
feiner annahmen” u, f. w. 


Dmar II. 589 


„einer meiner Enfel, mit einer Narbe im Gefichte, wird bie 
Erde mit Geredhtigfeit erfüllen“ N). 

„An dem Tage, als Omar die Regierung antrat, famen 
die Hirten vom Gebirge herab und fragten: wer ift der 
fromme Chalife? Als man fie fragte, woher fie etwas von 
ibm wüßten, antworteten fie: wenn ein frommer Regent auf- 
fteht, jo greifen weder Löwen noch Wölfe unfre Heerde an.” 

„Sufuf Ibn Mahak erzählt: Als wir die Erde auf 
Dmars Grab ebneten, fiel ein Pergament vom Himmel herab, 
auf dem gefchrieben war: „Im Namen Gottes, des Allbarm- 
berzigen, des Allgnädigen. Sicherheit von Gott für Omar 
Fon Abd Alaziz vor dem Feuer der Hölle” 2). 

Konnte es aber auch Dmar vielleicht aus politifchen 
Gründen nicht wagen aufzuhören, Ali's Gedächtniß zu ver: 
wünfchen, fo gebt doch aus Allem, was von Omar erzählt 
wird, hervor, daß er ein äußerſt gerechter und milder Mann 
war 3), der wohl nicht ohne Grund gegen Jezid Ibn Muhallab 
mit Härte verfuhr, und noch weniger, wie uns Theophanes 
berichtet *), die Chriften mit Gewalt zum Islam befehren 


1) Tab. T. ©. 127. Ar, f. 20 u. 9. 

2) Nawawi ©. 472. 

3) Abu Zanad erzählt: Ald wir in Sraf waren, befahl uns 
Dmar, alles von früheren Statthaltern dem Volfe gewaltfamerweife 
entriffene Gut wieder zurüd zu erftatten. Um diefen Befehl zu voll: 
ziehen, mußten wir nicht nur die aanze Staatsfaffe leeren, fondern 
aud noch Geld aus Syrien kommen Iajfen. Omar ſchrieb Eeinen 
Brief an Abu Bekr Son Mohammed, welher nicht die Weifung 
enthielt, eine Ungerechtigkeit gut zu machen, einen religiöfen Ge 
brauch wieder einzuführen, eine Neuerung abzufchaffen, Geſchenke 
auszutheilen, Gehalte auszufegen, oder jonft eine fromme That zu 
üben. Namami. 

4) ©. 614. Auch bei Nawawi heißt es: „Abu Bekr Ibn Mos 
hammed berichtet: Omar ſchrieb mir: unterfuche die öffentlichen 
Bücher und ijt vor mir einem Mufelmanne oder einem verbün» 
deten Ungläubigen Unrecht gefchehen, fo erftatte ihm zurüd, was 
ihm gebührt.” 


590 Zwölftes Hauptftüd, 


wollte, wenn fih aud nicht läugnen läßt, daß er die Proſe— 
lyten mehr als feine Vorgänger begünftigte. Das oben ange- 
führte Schreiben Omars an den Statthalter yon Chorafan 
fowohl, als die von den Chriften Damasfs an ihn geftellte 
Bitte um die Zurücdgabe der von Welid in eine Moſchee 
verwandelten Johannesfirche beweift, daß er auch gegen An- 
dersgläubige gerecht war, und wenn aud) Omar die Yebte 
Bitte nicht gewährte, fo entfchädigte er die Chriften doch 
durch andere, den DBerträgen gemäß ihnen nicht gehörende 
Kirchen MR 

Auch Dmars Privatleben, befonders feine Enthaltfamfeit 
und Genügjamfeit, fowohl bei der Tafel als in feiner Woh— 
nung und Kleidung, wird nicht weniger als die feines Urs 
großvaterg Omar gepriefen, obgleich behauptet wird, er habe 
vor feiner Thronbefteigung 2) nicht weniger luxuriös als an— 
dere Prinzen aus dem Haufe Omejja gelebt. 


1) ©. Elmakin ©. 77. 


2) Radja Son Hajat, freilich eine nicht unparterifche Quelle, 
erzählt: „Omar Son Abd Alaziz war, ehe er die Regierung antrat, 
einer derjenigen, welche die fchönften Kleider trugen und von den 
beiten Räucherwerken Gebrauh machten. Als Ihalife aber trug er 
ein Gewand, das nur 12 Dirhem werth war. Ein gewiffer Haddjadj 
Aſſawwaf erzählt: Omar Ibn Abd Alaziz befahl mir einft, zur Zeit, 
als er Statthalter von Medina war, ihm ein Stück Zud) zu Faufen. 
Als ic) es ihm brachte, betaftete er es, und obgleich ed 400 Dirhem 
aefoftet, fagte er doch: wie grob und wie rauh! Als Chalife aber 
lieg er fih ein Stüf Tuh für 14 Dirhem Faufen und als er es in 
die Hand nahm, rief er: gepriefen fei Allah: wie fein und wie 
zart! — — „As Omar Chalife wurde, verkaufte er alle feine 
überflüffigen Sklaven und Kleidungsftüde und Räucherwerf. Der 
Erlös betrug 23,000 Goldſtücke, die er für fromme Zwede verwen- 
dete.” — — „Meimun Ibn Mihran erzählt: ich vermweilte ſechs 
Monate bei Omar und ſah ihn immer in demfelben Gewande, das 
jede Woche gewafchen ward, Er trug ein Hemd, berichtet Said Ibn 
Sumeid, das sornen und hinten gefliit war 16,” Nawawi— 


Dmar I 591 


Daß ein Mann, wie Omar, fein großer Freund ber 
Dieter feiner Zeit fein konnte, welche die Liebe und den 
Wein nicht weniger als den Propheten und fein Gefchlecdht 
befangen, und die für feinen leichtgläubigen Vorgänger nicht 
weniger Weihraud gehabt, als für ihn, ift höchſt wahrjchein- 
lid. Darum mag auch folgende, für ihn und feine Zeit 
charakteriſtiſche Erzählung als eine hiſtoriſch begründete ange- 
feben werden und bier an ihrem Plage fein: 

Als Dmar die Regierung antrat, reiften die Dichter zu 
ihm, um ihn zu begrüßen, Sie brachten aber mehrere Tage 
vor feiner Thüre zu und Fonnten nicht vorgelaſſen werben. 
Sie hatten im Sinne fi wieder zu entfernen, als Adij Ibn 
Urta Der fpätere Statthalter von Baßra) an ihnen vorüber 
fih zum Chalifen begab. Der Dichter Derir fagte ihm: 

„Slüdliher, der du furchtlos einherfcheiteft, deine Zeit 
ift gefommen, die meinige aber war längft da, Sage dem 
Chalifen, wenn du ihn fiehft, ich ftehe hier vor feiner Pforte, 
wie an einem Stride feftgehalten. Vergiß ung nicht! Gott 
wird dir auch gnädig fein, denn fchon lange weile ich fern 
yon meiner Famlie und yon meiner Heimat.’ 

Als Adij vor Omar fam, fagte er ihm: die Dichter 
ſtehen vor deiner Pforte, ihre Pfeile find giftig und ihre 
Worte gehen tief. Omar ſagte: wehe dir! Adij, was habe 
ich mit den Dichtern gemein? Adij erwiederte: Gott verherr- 
lihe den Fürften der Gläubigen! Folge dem Beifpiele des 
Gefandten Gottes! Ihn Hat Abbas Ibn Mirdas gelobt und 
er bat ihm ein Kleid gefchenft und damit feine Zunge, (vom 
Tadel) abgefhnitten. Der Chalife fragte dann, wer denn 
von ihnen vor der Thüre ftehe? Adij nannte Farazdaf, Omar 
Son Rabia, Mahwag, Machtal und Djamil. Da fagte 
Dmar: bat diefer nicht dieſen und biefer nicht jenen Vers 
gedichtet ? — Dabei recitirte er von einem Jeden Berfe, 
welche feinen hohen Grad von Religiofität verriethen. — Bei 
Gott! es fol mir feiner von ihnen hereinfommen. Iſt außer 
diefen noch einer da? Adij nannte noch Dieriv. Wenn ich 


592 Zwölftes Hauptftüd. 


doch einen vorlaffen muß, fo fei es diefer, denn er hat 
gejagt: 
„Sie befuchte dic; des Nachts, um dein Herz zu unters 
jochen, das ift aber feine Zeit des Befuchens, fehre zurüd in 
Srieden !” 

Dierir ward eingelaffen und er ſprach: 

„Derjenige, der Mohammed als Propheten gefandt, bat 
die Herrichaft einem gerechten Jmam verliehen. Seine Ge— 
vechtigfeit und Treue umfaßt die ganze Welt, er führt jeden 
Schwanfenden zum Guten zurüd. Ich erwarte, dag du mir 
alsbald Unterftügung gewähreft — welches menſchliche Herz 
liebt nicht irdifches Gut! Auch die göttliche Schrift fichert ja 
dem Armen und Wanderer Hülfe.“ 

Wehe dir! Dijerir, unterbrah ihn Omar, fürdte Gott 
und halte dih an der Wahrheit! Dierir fuhr fort: 

„Spt ich erzählen von dem Unglück und der Noth, die 
ung getroffen, oder genügt das, was du ſchon davon gehört? 
Wie manche gebeugte Wittwe in Jemama, wie mande hülf- 
Iofe Waife ruft dich um Beiftand an, als wären fie von 
Diinn oder fonftigen böfen Geiftern geplagt. Stellvertreter 
Allah’s! was verfügeft du über uns, wenn wir weder bei Dir 
noch in der Heimat Troft finden? Schon lange wandere ich 
unter meinen Stammgenoffen bin und ber, von ſchwerem 
Kummer gedrüdt, bis ich hierher Fam. Unfere Wüfte nüst 
nichts den bedürftigen Stadtbewohnern und die Beduinen 
fliehen uns. Wir hoffen aber, daß, wenn der Regen uns 
getäufcht, der Chalife ung deffen Segen erfegen wird” u. ſ. f. 

Dmar fagte zu Djerir: ich finde nicht, daß du auf das 
mir anvertraute Gut gerechte Anfprüche hätteſt. Warum nicht, 
verfegte Djerir, bin ich nicht ein bedürftiger Neifender? Als 
ich Chalife ward, ermwiederte Dmar, befaß ich nur dreibun- 
dert Dirhem. Abd Allah nahm hundert davon, feine Mutter 
auch hundert, nun bleiben mir nur noch hundert, die foll dir 
mein Diener geben. Djeriv nahm das Geld und fagte: bei 
Gott! nie hat mir ein Geſchenk fo viele Freude gemadht. 


Omar I. 593 


Als er wieder berausfam, fragten ihn die Dichter: was 
bringft du? Er antwortete: nichts Angenehmes für euch. Der 
Fürft der Gläubigen bejchenft die Armen, aber den Diptern 
gibt er nichts, doch bin ich mit ihm zufrieden D). 

Omar war in jeder Beziehung, fowohl in feinem Pri— 
vatleben als in feinen Negierungsprineipien, fo verjchieden 
von feinen Borgängern und den ihn umgebenden Omejjadifchen 
Prinzen, daß wir gerne glauben, daß er von feiner eignen 
Familie, wahrfcheinlih von feinem Nachfolger Jezid, vergiftet 
ward, welcher fürchtete, er möchte einen andern Nachfolger . 
beftimmen 2). Man fol ihn zur Borfiht ermahnt und vor 
Gift gewarnt, er aber erwiedert haben: „wo find meine 
Vorgänger troß aller ihrer Vorſicht? Gott! fürdte ich einen 
andern Tag als den des Gerichts, jo wende das, was ich 
fürchte, nicht yon mir ab! Auch jedes Heilmittel foll er von 
fih geftoßen haben aus reiner Hingebung in den Willen 
Gottes. Er ftarb nach zwanzigtägigem Leiden, den 20ten 
oder 25ten Radjab des Jahres 101 3) (Öten oder 1Oten Fe— 
bruar 720), von feinem Bolfe tief betrauert, in Chanaßira 


1) Sujuti a. a. ©. 


2) Tab. u. 4. Auch Elmakin S. 76, aber freilich nur im Terte 
wo es heißt: „fein Lebenswandel war ganz verfchieden von dem fei: 
ner Familie und nichts halt ab zu alauben, daß fie ihm Feine lange 
Friſt geitattete, ſondern ihn vergiftete;”“ wofür aber Erpenius über: 
fest: »natura ejus contraria erat naturae populi ejus neque vetuit ne 
se vocarent et moram non concederent. « 


3) Tab. f. 9 führt beide Data an, Son Abd Alb. p. 119 nur 
Erfteres. Sn der türkifhen Ueberfegung, fo mie bei Nawawi und 
Abulfeda nur Lestered. Ber Elmafin den 24ten. As Wochentag 
wird von den Einen Mittwoch, von Andern Freitag angegeben. 
Nah dem Art de verifer les dates war der erſte Radjab ein Mitt: 
woch, demnah ftimmte Elmakins Datum am beiten mit Freitag 
überein. Der 20te paßt weder zu Freitag noch zu Mittwoch. 

38 


394 Zwölftes Hauptflüd, 


und ward in Deir Saman, in der Nähe yon Himß, be 
graben. Die Dauer feiner Regierung war nicht ganz zwei 
und ein halbes Jahr und er hatte noch nicht dag vierzigfte 
Lebensjahr zurüdgelegt, als er den Thron feinem Better Jezid 
einräumte. 


Dreizehntes Hauptftüd. 


Je;t> IL 


Sezids Verwandfchaft mit Haddjadj. — Flucht des Sezid Ibn 
Muhallad. — Er bemädhtigt fih der Stadt Baßra. — Erftürmt die 
Eitadelle und nimmt des Chalifen Statthalter gefangen. — Berfchie: 
dene Parteien in Baßra. — Widerfpruch des Hafan Albafri. — 
Huldigung der Baßrenſer. — Sezid unterwirft die öftlihen Provin: 
zen und Waſit. — Der Shalife fendet Maslama nach Irak. — Habib 
rathet feinem Bruder Sezid, fih nah Fars zurückzuziehen. — Er 
bricht gegen das Heer des Chalifen auf. — Gefecht zwijchen Abbas 
und Abd Almalit. — Schlaht bei Afr. — Tod Jezids. — Flucht 


feiner Brüder und Söhne nad Sind. — Shr Tod. — Empörung 
und Krieg in Ferghana. — Miederlage der Araber in Armenien. — 
Djarrah’8 Zug gegen den Kaufafus. — Ginnahme von Balandjar., 


— Rüdzug der Araber. — Kämpfe in Kleinafien und Weftarmenien. 
— Dmar Ibn Hubeira, Statthalter don Irak. — Jezid Ibn Abi 
Muslim, zum Statthalter von Afrika ernannt, — Wird ermordet. — 
Berfchiedene Veranlafjungen zum Aufftande. — Statthalterfchaft des 
Mohammed Ibn Aus und Beihr Sbn Safman. — Abd Allah, der 
Sohn Mufa’s, wird hingerichtet. — Allgemeine Zuftände in Spa: 
nien. — Zug des Alhorr nah Franfreich. — Zweifelhafte Einnahme 
son Narbonne. — A Samah nimmt die Stadt wieder ein, — 
35 * 


596 Dreizehntes Hauptftüd, 


Schlacht bei Touloufe. — Abd Errahman wird Statthalter. — Unge— 
wißheit über den Beginn von Andafas Statthalterfchaft. — Aufftand 
der Gothen in Afturien. — Alkama's Tod. — Zezids Sorglofigfeit. 
— Geine Liebe zu Hababa. — Seine Verfügungen über die Nach— 
folge. — Sein Tod. 


Jezid hatte fo wenig Aebnlichfeit mit Omar, als biefer 
feinem Borgänger Suleiman in irgend einer Beziehung gleich 
gewejen wäre. Zwiſchen Suleiman und Jezid fand aber der 
Unterfchied ftatt, der auch noch erklärt, warum er ihn nicht 
zum unmittelbaren Nachfolger beftimmt, dag Erfterer, aus 
oben angegebenen Gründen, ein Feind Haddjadj's und feines 
ganzen Anhangs, während Jezid mit demfelben befreundet 
und verſchwägert war. Jezid's Gattin, die Mutter des ſpä— 
tern Chalifen Welid, war nämlich eine Nichte des Haddjadj, 
Tochter des Mohammed Jon Juſuf. Mit der Thronbeftei- 
gung Jezid's gelangte daher auch dieſes Gejchlecht wieder zur 
Macht und die Jemeniden, welche feit Suleiman die erften 
Aemter im Staate eingenommen, mußten nun ihrerfeits wie- 
der auf diefelbe Behandlung gefaßt fein, welche die Thafifi- 
ten durch fie erlitten, Dieg wußte Jezid, der Sohn Mubal- 
lab's recht wohl 1), und deßhalb entfloh er aud aus feinem 
Gefängniffe, fobald Dmar auf dem SKranfenbette Tag. Er 
foll jogar einen Brief an Dmar binterlaffen haben, in welchem 
er erklärte, daß wenn er die Geneſung des Chalifen voraus— 


1) Tab. f. 9. Seid Son Muhallab fürchtete fih vor Sezid 
Son Abd Almalıf, weil er feine Schwäger, die Familie des Abu 
Ukeil geveiniat hatte. Umm Albaddjadj, Tochter des Mohammed 
Ibn Zufuf, eines Bruders des (berühmten) Haddjadj Ibn Zufuf, war 
die Gattin des Jezid Son Abd Almalik und fie gebar ihm den We- 
id Son Sezid, welcher (in einem Aufftande) getödtet ward. Wahr: 
fheinlih gebar fie vorher auch einen Sohn, der Haddjadj hieß, weß— 
halb fie Umm-Alhaddjadj (die Mutter des Haddjadj) genannt ward, 


Jezid I. 597 


gefeben hätte, er in feinem Gefängniffe geblieben wäre. Ser 
zid hatte aber auch, fobald er den Thron beftieg, Fein wichti— 
geres Anliegen, als die Verfolgung der ganzen Familie Mu- 
ballab's. Er befahl fogleih dem Statthalter von Baßra, 
Adij Ibn Urta, die dort lebenden Brüder Jezid's einzufer- 
fern und dem Abd Alhamid, Statthalter von Kufa, gab 
er den Auftrag, dem flüchtigen Jezid nachzufegen. Er bes 
feste die ganze Strede bis gegen Udſeib hin, aber Jezid, um 
den ſich viele Freunde gefammelt, war fchon vorüber als die 
Kufaner anlangten, und fam unangefochten bis nad) Baßra. 
Adij Ibn Urta wollte ihm den Eingang in die Stadt nicht 
gewähren, aber ein großer Theil der Bafraner gingen zu 
ihm über, die einen aus Stamm- und Bundesgenofjenfchaft, 
bie andern aus beleidigtem Ehrgeize, Manche aus Haß gegen 
Adi, der wegen feines Geizes zum allgemeinen Gefpötte ges 
worden ). Nur der Thakifite Mughira Jon Abo Allah, der 
für die feinem Stamme früher angethane Unbill fih rächen 
wollte, griff Jezid an, ward aber mit Berluft zurüdgefchlagen. 
Indeffen gab doch Adif, auf die erwarteten fyrifchen Hülfs— 
truppen feine Zuverfiht fegend, den Friedensvorfchlägen Je— 
zid's, welcher nur feine Verwandten auf freien Fuß gefegt 
haben wollte, fein Gehör. Es fam zu einem zweiten Ge— 
fechte zwifchen den Anhängern Jezid's und den Truppen Adij's, 
welches abermals zum Nachtheile des Lertern endete. Er 
mußte in die Citadelle fliehen, aber auch diefe ward erftürmt. 
Jezid befreite feine Brüder, welche die Thüre ihres Gefäng- 
niffes verrammelt hatten, um nicht, wie es wirklich verſucht 





2) Ibid. fol. 27. „Sezid fchenfte viel Geld her, während Adij 
ein Geizhald war. Er gab feinen Truppen nur einen Sold von zwei 
Dirhem (monatlih?) weßhalb er auch von dem Dichter Farazdaf 
verjpottet ward. Amru Son Amir ging zu Sezid über, weil er 
nicht zum Anführer der Benu Befr erwählt worden. Auch die 
Stämme Rabıa und Keis hielten es mit ihm,“ 


598 Dreizehntes Hauptſtück. 


ward, vor beffen Ankunft ermordet zu werden, und an ihrer 
Stelle ward Adij eingeferfert Y. 

Trotz diefem Siege ſchloßen ſich jedoch dem Jezid mehr 
die niedern Klaffen des Bolfs an, die leichter, weil fie weni- 
ger zu verlieren hatten, an jedem Aufitande ohne Bedenken 
Theil nahmen, als die angefehenern Bewohner Baßra’s, 
Diefen waren die fhlimmen Folgen der frühern Empörungen 
gegen die Chalifen in zu friihem Andenken noch, als daß fie 
ihr Leben und ihr Gut aufs Spiel festen, um fi einem 
Manne in die Arme zu werfen, den felbft der fromme und 
milde Omar feiner Freiheit beraubt hatte. Biele flohen nad 
Kufa, andere nad Syrien. Zu Lestern gehörte auch Hawari 
Ibn Zeifad, welcher auf dem Wege den Gefandten. des Cha- 
Iifen begegnete, die zu fpät die Begnadigung Jezid's und 
aller feiner Angehörigen brachten, und bei der Nachricht von 
dem ftattgehabten Kampfe und der Erftürmung der Gitadelle 
von Baßra, wieder umfehrten. Selbft unter den in Baßra 
Zurüdgebliebenen waren noch immer viele Stimmen für den 
Chalifen, welche verlangten, daß Jezid mit feinen Verwandten 
fih entferne. Doc wurden fie von der Gegenpartei, welche 
Jezid Ibn Abd Almalif gar nicht mehr als Chalifen aner- 
fennen wollte, nicht angehört. Ein gewiffer Sameida ?), ein 


1) As er in Ketten vor Sezid geführt wurde, lachte er. Sezid 
munderte fich darüber, da ihn doch fein Vertrag hinderte, ihn auf 
der Stelle enthaupten zu laſſen. Adij fagte aber; mein Leben ift 
mit dem deinigen eng verknüpft, tödteft du mich, fo ift auch für 
dih Feine Hoffnung auf Gnade übrig. Er ermahnte ihn dann 
noch, feinen weitern Aufruhr zu ftiften und des Chalifen Vergebung 
anzuflehen. Darauf erwiederte Zezid: Möge Gott mich nicht mehr 
fo lange leben laſſen, als ein fcheuer Vogel Zeit zum trinken nimmt, 
wenn meine Lebensdauer von der deinigen abhängt, Meine Empö— 
rung ift den Syrern ſchon ärgerlicher, als wenn ich Taufende auf 
einem Fleck ſchlachtete. Man würde mir gerne ihr Leben und Gut 
fchenfen, wenn ich nur die Waffen niederlegte. 

2) Ibid. £. 29. Gr wird auch von Farazdaf verfpottet. 


Jezid I. 599 


ſehr frommer aber ſchwacher und unerfahrner Mann, welcher 
zum Schiedsrichter erwählt wurde, erflärte fih zu Gunſten 
Jezid's Jon Muhallab, der fih nun förmlich als Oberhaupt 
buldigen ließ. „Ich fordere euch auf,“ fagte er in feiner 
Kanzelrede, „bei der Beobachtung der göttlichen Schrift und 
der Erhaltung der Vorfchriften des Propheten, gegen die Sy- 
ver in’s Feld zu ziehen. Der Kampf gegen diefe Gottlofen 
ift nicht minder heilig als der gegen ungläubige Türfen und 
Deilamiten, Haben fie nicht die Nachfommen des Propheten 
genöthigt, nach Hinduftan und Turfiftan zu fliehen? Haben 
fie nicht Hufein, den Sohn Ali's enthauptet und felbft Alt 
unzäblbare Dualen bereitet? Darum gehorchet mir!” Diefe 
Worte Fangen freilich fonderbar in dem Munde eines Man» 
nes, welcher fein ganzes Leben hindurch der Schwelgerei und 
Böllerei ergeben war, und während feiner Statthalterfchaft 
fih allerlei Ungerechtigfeiten fchuldig gemacht hatte Auch 
rief Hafan der Baßrenfer, einer der frömmften und gelehrte- 
ften Männer feiner Zeit ): ©epriefen fei Allah! Jezid be- 


1) ©. über Hafan, Nawawi und Ibn Challikan. Hier nur eine 
Geſchichte oder Anefoote über den Charafer dieſes Mannes. Als 
Dmar Ibn Hubeira (unter Sezid Ton Abd Almalif) Statthalter von 
Irak ward, lieg er Haſan Albagri, Schabi und Mohammed Ibn 
Sirin rufen und fagte ihnen: Jezid ift Gottes Stellvertreter, Gott 
hat ihm über feine Diener gefegt, und ihnen die Pflicht auferlegt, 
ihm zu gehorhen. Auch ich habe ihm Folgfamfeit und Gehorfam 
gelobt. Nun hat er mir dieſes Amt anvertraut, und endet mir 
fhriftlih feine Befehle zu, muß ich ihm unbedingt in Allem gehor: 
hen? Ibn Sirin und Schabi antworteten mit Behutfamfeit, Hafan 
fagte aber geradezu: Gott fteht über Zezid, er Fann dich gegen Jezid 
in Schug nehmen, Sezid Fann dich aber nicht gegen Gott jhüsen. 
Er kann bald einen Engel fenden, und dich aus diefem geräumigen 
Yalafte in ein enges Grab bringen laffen, dann können dich nur 
deine (guten) Handlungen retten. Sohn Hubeira’s! Bedenke, wenn 
du je gegen Gottes Befehle handeln follteft, daß er die Herrihaft 
nur zum Schutze des Glaubens und der Gläubigen gefchaffen. Der 
wechsle nicht irdifhe Macht, die von Gott eingefest ift, mit der 


600 Dreizehntes Hauptftüd. 


ruft ſich jest auf die göttliche Schrift und die Lehren bes 
Propheten, er, den wir fowohl als Machthaber wie alg Un— 
terthan ganz anders gefunden. Nur Aufruhr will er predi- 
gen, und verdient daher, daß man ihn wieder gefeffelt in den 
Kerfer werfe, in welchen ihn Omar gefperrt. Jezid that, als 
hörte er nichts, einige feiner Freunde, worunter auch Alnadhr, 
Sohn des berühmten Traditionsgelehrten Anas Ibn Malik D), 
überfchrieen ihn und das Volk huldigte. Sobald Fezid Herr 
von Baßra und feinem Gebiete war, fel es ihm nicht ſchwer, 
die öftlih von diefer Stadt gelegenen Provinzen Fars und 
Kerman aufzumiegeln und alle Unzufriedenen aus biefen Län— 
dern an fich zu zieben. Sein Heer vermehrte fi dermaßen, 
dag fih ihm auch Waftt bald unterwarf und felbft Kufa nur 
mit Mühe von dem Statthalter des Chalifen in Zaum ge- 
halten werden fonnte ?). Es dauerte indeffen nicht lange, fo 
rücte eine Armee aus Syrien unter dem Befehle des Mag- 
lama Ibn Abd Almalif und Abbas Fon Welid heran, welche 
unter Jezid's Anhängern große Beftürzung verbreitete, und Ha— 


göttlihen Religion. Gin Geſchöpf, das gegen feinen Schöpfer un- 
gehorfam ift, kann feinen Anſpruch auf Gehorfam madhen.” Seine 
Geburt fällt in das Sahr 21 und er ftarb im J. 110 d. 9. Weber 
Son Sirin ©. auh Son Thallifan I. 585. 

1) Auch über Anas S. Nawawi. Er war 10 Sahre im Dienfte 
Mohammeds und ward über 100 Sahre alt. Sein Todesjahr it 
ungemwiß, doch wird gewöhnlich das J. 93 angenommen, 

2) Der Chalife fandte mehrere Leute dahin, um die Bewohner 
zu beruhigen, unter Andern auch den Dichter Kutami. Diefer hatte 
aber früher, ald Jezid mächtig war, ihn gelobt. Gr fagte daher, 
ald er hörte, daß Kutami das Volk für den Chalifen bearbeitete: 
welch’ ein Unterfchied zwifchen den Worten und den Thaten Kutamis! 
Kutami's Lobgedicht beginnt: „Könnte mein Aug’ Sezid fehen, wie 
er ein mächtiged Heer anführt, und dem Lande Beiftand verleiht! 
Er tft nicht geizig und nicht neidisch, auch gehört er nicht zu den 
Feigen im Schlachtgetümmel. Tu fiebft, wie Fürften fib vor ihm 
beugen und mit Demuth feine Gnade anflehen, während andere ihn 
durch Abgeordnete begrüßen laffen u, f. mw.“ Ibid. f. 29, 


Jezid IL 601 


bib, ein Bruder Jezid's, welcher damals bei ihm in Waſit 
war, rieth ihm, Irak zu verlaffen und mit feinen Truppen 
die verfchiedenen Feitungen und Engpäſſe in Fars zu befegen, 
indem er dort eher den Syrern würde Widerftand Teiften 
fünnen als in Irak. Sezid hörte aber nicht auf diefen Rath ”), 
ernannte feinen Bruder Merwan als Statthalter von Baßra, 
lieg feinen Sohn Muawia in Waſit und zog felbft mit Ha— 
bib und Abd Almalif den Truppen des Chalifen entgegen 2). 
Diefe ſchlugen unterhalb Anbar eine Brüde über den Euphrat 
und es fam bald zu einem Gefechte zwiſchen Abbas und Abd 
Almalif, der gegen Kufa ziehen wollte, um die Bewohner 
diefer Stadt zum Aufftande zu bringen. Abd Almalif ward 
zurüdgefchlagen, und er begab fi zum Hauptheere unter Je— 
zid, das unterhalb Afr, nicht weit von Kufa, doch auf dem Iinfen 
Euphratufer, lagerte. In der Nacht vor der Schladht wollte 
Jezid plötzlich das feindliche Lager von 12,000 Mann ans 
greifen laffen. Sie follten die ſyriſchen Truppen bie ganze 
Naht durh in Schady halten, fo daß fie mit Tagesanbruch 
erliegen müßten, wenn er mit den übrigen ausgeruhten Trup- 
pen den 12,000 Mann zu Hülfe käme. Derjelbe Sameida 


1) Er fagte: ich will nicht wie ein Vogel die Städte meiden 
und von einem Berge zum andern fliegen. Ibid. 

2) Man lieft im Urterte f. 32: „SZezid zog an Fum Alnil 
vorüber bis nah Ar, Maslama längs dem Guphrat bis Anbar, 
dann ſchlug er eine Brücke bei dem Städtchen Farit, dann bracd er 
gegen Sezid auf. Der Kampf zwiſchen Abd Almalif und Abbas, 
welder 4000 Mann bei fid) hatte, fand in Sura ftatt.” Sura ıft 
nah dem Kamuß der Name eines Drtes in Sraf, der früher zu 
Syrien gehörte, und eines andern zur Provinz Bagdad gehörenden 
Ortes. Hier ift ohne Zweifel lekterer Drt gemeint, Afr ift nad) 
dem Kamuß ein häufig vorfommender Ortsname, unter andern auch 
in der Nähe von Kufa. Nach Abulfeda hieß diefer Drt Afr Babel 
und lag im Diftrift Kufa, nicht weit von Kerbela. ©. auch Reisfe’s 
Noten zu Abulfeda I. ©, 118. Im türf. Tab. find alle diefe Eigen: 
namen entitellt. 


602 Dreizehntes Hauptflüd, 


aber, welhem Jezid die Huldigung der Stadt Baßra ver- 
danfte, widerfeste fih der Ausführung dieſes Kriegsplaneg, 
indem er vorher Maslama auffordern wollte, nach der gött— 
lihen Schrift und den Lehren des Propheten zu handeln, und 
dann erft als Ungläubigen befriegen. Wie Hafan zu den Baß— 
ranern, ſo fagte jest Jezid zu Sameida und feinen Anhängern: 
wie könnt ihr glauben, daß diefe Leute je fih der Schrift 
Gottes und den Lehren des Propheten unterwerfen, fie, welche 
den Tempel Gottes zerftört und den Sohn eines Gefährten 
des Propheten erfchlagen? Aber auch er ward jest nicht ge- 
hört. Maslama hielt Sameida mehrere Tage mit Unterhand- 
lungen bin und verftärfte inzwifchen täglich fein Heer mit 
neuen Truppen aus Syrien und Kufa, während Jezid hülf- 
los blieb, weil es nad feinem Abzune doch dem Haſan ge- 
lang, die ruhigen Bewohner Baßra's, die fih auf den Kampf- 
plas begeben wollten, abzuhalten. Am 14, Safar des Jahres 
102 (24, Auguft 720) kam es endlich, nach mehreren Zwei: 
fämpfen, zu einer allgemeinen Schlacht, welche Maslama da- 
durch gewann, daß er die hölzerne Brüdfe hinter fi in Rau 
aufgehen ließ. Denn da den Syrern hiedurch jede Flucht 
unmöglich geworden, mußten fie fiegen oder fterben. Die Jra- 
faner aber verloren den Muth und wichen ſogleich zurüd, be- 
troffen von Maslama’s Kühnheit. Alle Ermahnungen Jezid's 
zur Fortſetzung des Kampfes, der nichts weniger als verloren 
war, blieben fruditlos, nur wenige Getreue und Stammge- 
noſſen harrten bei ihm aus. Er lieg nun Maslama zu einem 
Zweifampfe herausfordern, als diefer aber die Herausforde— 
rung ablehnte, ftürzte fih Jezid, welcher durch den Tod fei- 
nes Bruders Habib in einen Zuftand der Naferet gerieth Y, 


1) Man rieth ihm, fib nach Waſit zu werfen und dort wieder 
feine Leute zu jammeln, er wollte aber nicht die Schmad einer 
Flucht auf fi laden, auch erklärte er, fein Leben habe nah dem 
Tode Habib’s feinen Werth mehr für ihn. Als man Maslama jei- 
nen Kopf brachte, war er dermaßen von Wunden entftellt, daß er 
ihn gar nicht Fannte. Tab. 


Jezid M. 608 


in die Mitte des Feindes, und drang, Maslama ſelbſt auf— 
ſuchend, immer vorwärts, bis er von Pfeilen und Lanzen durch— 
bohrt zu Boden ſank. An ſeiner Seite fiel auch ſein Bruder 
Mohammed und ſein Freund Sameida, der, als er einſah, 
wie wenig er die Syrer gekannt, doch wenigſtens mit dem 
ſterben wollte, den er in den Untergang geſtürzt. 

Nach Jezid's Tod konnten ſich ſeine Brüder weder in 
Waſit noch in Baßra behaupten, ſie ſchifften ſich daher, nach 
Ermordung der Gefangenen, die in ihrer Gewalt waren 1), 
nad Kerman ein und begaben ſich dann nad Kandabil, weil 
fie hofften, Wadda Ibn Hamid, der noch von ihrem Bruder 
eingefegte Gouverneur diefer Stadt, würde fie aufnehmen und 
bei dem Chalifen um ihre Begnadigung anhalten. Der Un- 
dankbare ließ aber die Thore der Stadt jchliegen und griff fie 
im Rüden an, während fie fih mit ben fie verfolgenden 
Truppen des Chalifen fohlugen, Ihren vereinten Bemühungen 
gelang es, fämmtliche Brüder Jezid's zu tödten, und fi) aller 
ihrer Frauen und Kinder zu bemächtigen, die ald Sklaven 
verfauft wurden ?). 

Nach Unterdrüdung eines Aufftandes, welcher dem Cha- 
lifate der Omejjaden ſehr gefährlich hätte werden fünnen, und 
darum aud alle feine Kräfte in Anfpruc nahm, wurde den 
unter Omar vernachläßigten Orenzgebieten des Reiche wieder 
mehr Sorgfalt geſchenkt. An allen Seiten waren Unruhen 
ausgebrochen, wahrfcheinfih in Folge der Härte der neuen 
von Jezid ernannten Statthalter, jo daß die Länder, welche 


1) Die Unmenfhlichfeit war auf beiden Seiten gleich. 800 
gefangene Irakaner wurden auf Befehl des Chalifen in Kufa ermor: 
det. Muamia, der Sohn Jezid's, ließ vor feinem Abzuge von Waſit 
32 Gefangene hinrichten, unter denen auch Adij Ibn Urta und fein 
Sohn ſich befanden. 

2) Muamia Sbn Zezid foll erft fpäter umgefommen fein. ©. 
Reinaud fragm. ©. 205. Reiske's Noten a. a. D., und Elmakin ©. 
78, der ganz mit Tab, übereinftimmt. 


604 Dreizehntes Hauptſtück. 


unter Welid längſt erobert worden, auf's neue mit großen Opfern 
wieder unterworfen werden mußten. 


Said Fon Amru, der Statthalter von Chorafan und 
Zransoranien unternahm einen Streifzug nad) Samarfand 
und brad dann gegen Ferghana auf. Der Fürft von Ferghana 
machte ihm Sriedensanträge, die auch angenommen wurden. 
Auf dem Rückwege nad) Samarfand aber, als die Mufel- 
männer, feines Krieges gewärtig, des Abends forglos umher— 
lagen, wurden fie von den Truppen Ferghana’s überfallen 
und größtentheils niedergemegelt. Der Krieg gegen Ferghana, 
wohin ſich nad und nad alle mit den Mufelmännern unzu— 
friedenen Bewohner von Buchara und Samarfand flüchteten, 
ward dann, ohne dag wir von großem Erfolge der moham— 
medaniihen Waffen hören, bis zum Tode Jezid's fortgefest N), 

Gleiches Schiefal, wie das Heer in Transoranien, traf 
auch das in Armenien, in Adferbidjan und am Kaufafug 
fämpfende. Schebib Nahrawani ward in Merdj Alhidjara, 
im nördlichen Armenien, von den Chofaren, das heißt, von 
den zwifchen dem Faipifchen und fehwarzen Meere wohnenden 
Bölferfchaften überfallen und mußte mit den wenigen Trup- 
pen, die entfamen, fih nad) Syrien zurüdziehen 2). Jezid 
ließ ein neues ftarfes Heer ausrüften, welches dann Djarrah 
Fon Abd Allah gegen den Kaufafus führte. Nach mehreren 
fiegreichen Gefechten drang er bis Balandjar, Hauptfig der 
Chofaren, vor und nahm diefe Stadt. Aber auch ihn nöthigte 
ein allgemeiner Aufftand unter den Gebirgsvölfern zum Rück— 
zuge 3). 

1) Tab. ar. f. 16 u, ff., türk. f. 182. 

2) Ibid. ©. 133. 

8) Ibid. Balandjar ift das, was bei Elmakin (S. 79) Meltahar 
genannt wird. Die Miederlage bei Ardebil, welhe Elmafin hier 
erzählt und Djarrah's Tod fällt aber erft in das Sahr 112. ©. 
Tab. ar. fol. 70 v. Weber diefen Zug Djarrah’8 hat Zab. folgende 
Einzelnheiten. „Sobald Djarrah nad) Armenien gelangte, floh der 


Jezid M. 605 


Dmar Ibn Hubeira machte im Jahr 102 nah Weftar- 
menien einen glüdlichen Streifzug ) und ward dafür mit 
der Statthalterfihaft von Irak belohnt, welche vor ihm zuerft 
Maslama Jon Abd Almalif, dann Said Jon Amru, dann 
Abd Errahman Jon Salman und zulest Abd Almalif Ibn 
Beſchr erhalten hatte. Auch Abbas Ibn Welid Fämpfte nicht 
ohne Erfolg in Kleinafien ?). ine andere Truppenabtheilung 
aber, die im Jahre 105 von Said Jon Abd Almalif auf 
feindliches Gebiet gefchieft ward, ward gänzlich aufgerieben 9). 

Auch in Afrika erzeugte Jezid's Vorliebe zu den Ans 
hängern des Haddjadj große Unzufriedenheit, welche mit ber 


König der Chofaren nah Bab Alabwab. Diarrah rüdte bis Ber 
daah vor, ruhte einige Tage aus, ging dann über den Kur und 
fegte feinen Marſch bis Ruhbafch, zwei Pharafangen von Bab Alabwab 
fort. Von hier ging er nah drei Tagen nach Bab Alabwab (Pforte 
der Pforten, Derbend), wo er gar feinen Feind fand. Er fandte 
dann Fleine Truppenabtheilungen auf Raubzüge aus, die mit vielen 
Gefangenen und reiher Beute, befonders an Vieh, zurücdkamen. 
Er felbft ging mit 20,000 Mann bi Nahraman, ſechs Pharafang 
über Bab Alabwab. Hier Fam ihm Nardjil, König der Chofaren, 
Sohn des Chafans, mit 40,000 Mann entgegen, ward aber ges 
fhlagen. Hierauf belagerte Djarrah die Feftung Haßin (die Fefte), 
welche fih bald ergab. Von hier brad er nach einer Stadt auf, 
melhe Barghud hieß; fie unterwarf fih auch nach einem feche- 
tügigen Widerftande. Hierauf ward Balandjar mit Sturm genom: 
men, und der König von Balandjar flüchtete fih mit 50 Mann 
nad der Feftung Samandar, feine ganze Familie fiel aber in die 
Hand Djarrah’d. Diefer war grogmüthig gegen den Beftegten 
und fchenkte ihm alle Angehörigen wieder zurück, Gr wollte dann 
bis Samandar vorrüden, ald er einen Brief von dem König von 
Balandjar erhielt, welcher ihm aus Dankbarkeit anzeigte, daß alle 
Chofaren und Gebirgsvölker im Aufftande begriffen, und ihm rieth, 
ſich zurüdzuziehen, ehe fie alle Päſſe befegt haben würden. Djurrah 
309 fih nun bis Kefch (am Oxus?) zurück und bat den Chalifen um 
Berftärkung. 

1) Ibid. f. 16. Er machte 700 Gefangene. 

2) Ibid. Er erobert im Sahr 103 die Stadt Ghaslah (?) 

3) Ibid. f. 46 v. 


606 Dreizehntes Hauptſtück. 


Ermordung des Statthalters endete, Bald nad) Omar’s Tod 
ward nämlich der befonders gegen die Berber fehr milde Is— 
mail Ibn Abd Allah entfegt und Jezid Fon Abi Muslim, 
ein ehemaliger Sefretär des Haddjadj, zum Statthalter von 
Afrifa ernannt. Seine erfte Handlung war, Abd Allah, dem 
Sohne Mufa’s, welcher zu jener Zeit aus dem Dften wieder 
nah Afrifa zurückkam, ungeheure Summen auszupreffen N). 
Dann behandelte er die von Mufa Ihn Nußeir freigelaffenen 
Berber wie Sklaven, brandmarfte fie an beiden Händen und 
eignete fich auch den fünften Theil ihrer Güter zu. Endlich 
mißhandelte er Mohammed Ibn Jezid, welcher unter Sulei- 
man Afrifa verwaltet hatte, auf eine fchauderhafte Weife. 
Er ward in eine oben verfiegelte, ganz rauhe, wollene Kutte 
gefteet, in eine enge, eigens für ihn gebaute Zelle gefperrt 
und erhielt nur Aſchwaſſer zu trinfen. Es fam nun wahr: 
ſcheinlich eine Verſchwörung zu Stande, an welcher alle Un- 
zufriedenen Theil nahmen und Jezid ward, nach einigen Be— 
richten bei der Tafel, yon einem Soldaten aus feiner Leib- 
wache, nad andern von DBerbern ?) in der Mofchee beim 


1) Son Abd Alb. ©. 119. Es ſcheint, daß er befonders eifers 
füchtig auf die gute Aufnahme war, die Abd Allah gefunden. Es 
heißt: „Mit Sezid Son Abi Muslim Fam auch Abd Allah Son Mufa 
aus dem Dften nad Sfrikijje. Als er (wahrſcheinlich Abd Allah) 
in der Nähe war, gingen ihm Leute entgegen. Als Jezid Son 
Abi Muslim nah Kairaman Fam, hieß er Abd Allah in feine Woh— 
nung gehen und befahl den Leuten, ihm zu folgen, fo daß fie 
glaubten, er fei fein Freund. Als fih aber Abd Allah entfernt hatte, 
fandte ihm Zezid einen Boten mit dem Befehle, fo viel von feinem 
Vermögen herzugeben, als der Sold der Truppen auf fünf Jahre 
erfordere. ” 

2) Ibid. ©. 120. Die Stelle ift nicht ganz Elar und lautet 
wörtlih: „Manche behaupten: die Wachen des Zezid Ibhn Abi Mus- 
lim, als er (nach Afrika) Fam, waren Berber, worunter feine andere 
als (aus dem Stamme) Bitr; fie waren aud die Wachen der Statt: 
halter vor ihm; Bitr ausfchließlih und Fein Einziger von den Ba— 
ranus. Jezid Son Abi Muslim fagte in feiner Kanzelrede: wenn 


Jezid I. 607 


Abendgebete ermordet. Das Volk erwählte nun Mughira Ihn 
Abi Burdab zum Statthalter, er lehnte aber die Wahl ab, aus 
Furcht der Theilnabme an der Verſchwörung beſchuldigt zu 
werden, worauf dann der Anßar Mohammed Jon Aus gez 
wählt ward H, welcher ſich damals in Tunis aufhielt. Der 
Chalife mußte zuerft die Wahl beftätigen und das Geſchehene 
gutbeigen. Doch in demfelben Jahre noch ernannte er den 
Behr Ibn Safwan Alfelbi, welcher bisher Statthalter 
von Egypten war, zum Statthalter von Afrika und befahl 
ihm, Abd Allah Ibn Mufa Hinrichten zu laſſen, weil er als 
Anfifter der Verſchwörung angeklagt ward 9). 


ih fromm bin, fo zeichne ich meine Wache an den Händen, wie es 
die Griechen vor mir gethanz ich werde auf ihre rechte Hand ihren 
Namen zeichnen laffen und auf die Linfe „meine Wache,“ damit 
fie als folhe erfannt werden. Sie wurden aber böſe darüber und 
fie verabredeten fih unter einander, ihn zu ermorden u. f. m.” 
Statt Bitr oder Batr ift vielleicht Tier oder Tabr zu lefen, mie 
diefes Wort S. 110 vorfümmt, wo, bei dem Kampfe Hafan’s mit 
der Kahinab, es heißt: „mit Hafan war eine Abtheilung Berber 
von Tibr oder Tabr.“ Weber die Baranus, d. h. foldhe, die einen 
Burnus tragen, und zwiſchen Sus, Aghmat und Fetz wohnen, ©. 
journ. asiat. ser. III, t. 13 p. 256, 

D) %. a. 9. Musgbira wollte eigentlich Statthalter werden, 
aber fein Sohn Abd Allah rieth ihm, aus angegebenem Grunde, 
ab. Es heißt hier im Terte, nicht blos in der Abfchrift des 9. 
Ewald, fondern au in den Varifer codd. fakatala dsalika As-schei- 
chu, wahrſcheinlich für »fakabala« und er nahm dies (diefe Mahnung) 
an. Sezid ward im Sahr 102 ermordet, wahrfcheinlich Anfang des 
Sahres, denn auch Beſchr kam noch in demfelben Sahre nah Kai: 
raman. 

2) Abd Allah wurde durch die Vermittlung des Siegelbewahrerg 
Jezid's, deſſen Gattin die Mutter oder die Schwefter Abd Allah’s 
war, begnadigt. Beſchr hatte aber, dies befürchtend, die Hinrichtung 
befchleunigt und die Begnadigung traf erft nach derfelben ein. 
Ibid. ©. 121. Tab. weicht ſowohl über den Grund der Ermordung 
Jezid's, als über defien Nachfolger von Ibvn Abd Alh. ab. Er be: 
richtet; (fol. 16) Sn diefem Sahre (102) ward Zezid Sbn Abi Mus: 


608 Dreizehntes Hauptftüd. 


In Spanien fiheint man unter dem Chalifate Jezid's 
nicht weniger ald in Afrifa, nach Unabhängigfeit vom Djten 
geftebt zu haben, und dies war um fo leichter, als die Statt- 
balterfchaft von Spanien unmittelbar von der von Afrifa ab- 
ding und diefe in ihrem- eigenen Lande für die Erhaltung 
des Gehorfams gegen den Chalifen zu forgen hatte. Bei 
dem Wechfel aller böhern von Suleiman und Omar ange- 
ftellten Beamten und den Damit fich ändernden Regierungs— 
prinzipien, befonders was die Behandlung der nicht moham- 
mebanifchen oder neubefehrten Untertanen und Schußgenoffen 
angeht, läßt fich die Fortdauer der Statthalterfchaft Samah’g, 
welhen Omar nad Spanien gefchidt, nur der Schwäche der 
Regierung Jezid's zufchreiben, und der ihm folgende Statt- 
halter Abd Errahbman Ibn Abd Allah ward geradezu nur 
vom Heere zu diefer Würde erhoben. Diefe Schwäche des 
Chalifats, oder vielmehr die allgemeine Unzufriedenheit mit 
dem Ghalifen und feinen Beamten wirfte indeffen auch höchſt 
nachtheilig auf die Zuftände Spaniens. Es fehlte auch hier 
unter der gemifchten Bevölferung von befehrten und nicht 
befehrten Juden und Chriften, von DBerbern, yon Arabern 
aus jemenidiſchem und ismaelitiihem Gefchlechte, an einem 


lim in Afrika erfchlagen, weil er die (früheren) Schutzgenoſſen, deren 
Uriprung aus Sawad war (d. h. befehrte Zuden oder Chriſten) wie: 
der in ihre Heimat zurücichiefen und zur Kopfiteuer verpflichten 
wollte, wie zur Zeit ihres Unglaubengd. Sie ernannten wieder ihren 
frübern Statthalter Mohammed Ibn Jezid, und der Chalife geneh: 
migte es.“ Bei Nuweiri lieſt man, nach der Weberiegung von 
Slane: (journ. as. III. 9. 580.); Jezid arriva dans la province d’Afrique 
Van 102, et il voulait y tenir la m&me conduite qu’el-Heddjadj avait 
tenue envers les habitants du Sewad (la Babylonie) qui descendaient 
d’ancetres tributaires. El-Hedjjadj les envoyait dans leurs villages 
pour les obliger à payer la capitation (djezija) comme ils le faisaient 
avant leur conversion ä l’Islamisme. Yezid voulait suivre le m&me 
systeme dans la province d’Afrique, mais les habitans d’un commun 
accord le firent perir et se mirent de nowveau sous la conduite de 
leur ancien gouverneur Mohammed Ibn Yezid. « 


Jezid IL 609 


feften Bande, um Einheit in allen Unternehmungen hervor— 
zurufen. Die nötbigen Berftärfungen der Heere aus Afrifa 
und dem Mutterlande blieben aus, die Feldherrn waren mehr 
auf augenblicklichen Gewinn, als auf dauerhafte Bortheile 
für den Staat bedacht. So ward es den Chriften in Gallien 
möglich, ihr Land vom Feinde eben fo fchnell wieder zu ſäu— 
bern, als es befegt worden, und denen Spaniens, ein neueg 
Königreich zu gründen, das einft wieder der Herrichaft des 
Korans in Andalufien ein Ende fegen follte. 

Mas zuerft die Züge der Araber über die Pyrenäen 
betrifft, jo übergehen wir als fabelhaft die von manden Ara— 
bern jchon dem Muſa zugejchriebenen und glauben, daß der 
erfte Einfall der Araber in das fünlihe Franfreic gegen 
Ende des erften Jahrhunderts der Hidjrab (718 n. Chr.), 
unter Führung des Alhorr ftatt fand Y. Franfreih war 
um dieſe Zeit eben fo in fich felbft zerfallen, wie Spanien 
und Egypten, als fie von den Arabern unterjodht wurden, 
Eudo, der Herzog von Aquitanien, kämpfte für Chilperic, 
einen angeblichen oder wirklihen Sohn Childerich's II., gegen 
Clotar IV., oder eigentlich) gegen Karl Martell, der in feinem 
Namen berrfchte 2). Die Bewohner der ſüdlichen Provinzen 
Frankreichs zerfielen außerdem noch in zwei fi einander 
feindlih gegenüberftehende Theile, in Gothen, welche lange 
im Beſitze der Macht und der Neichthümer gewefen, und in 
Abkömmlinge der Römer und Gallier, welchen ihre norbifchen 
Zyrannen nicht weniger verhaßt waren, als die fie von 
Dften ber bedrohenden *), Darum ift es nicht unwahrfchein- 
lich, das Alborr, ohne großen Widerftand zu finden, dag 
ganze Land von Carcaffone bis Nismes durchftreifen und mit 
vieler Beute beladen und zahlreiche Gefangenen entführend, 
wieder nach Spanien zurüdfehren fonnte. Zweifelhaft bleibt 


1) Conde ©, 69 Makk. ©. 407. Rod, Tolet, cap. X u. & 
2) Vergl. Schloffer Weltgeſch. II., 1 ©. 168 u. ff. 
8) ©, Reinaud. Invasions des Sarrazins en France p. 14 et sqg. 


39 


610 Dreizehntes Hauptſtück. 


es indeffen, ob er auch die größeren Städte, namentlich Nar- 
bonne ”) wirklich einnahm, und gewiß ift, daß er, ohne eine 
Beſatzung zurüdzulaffen, fih wieder entfernte, fo daß fein 
Nachfolger Samah, nahdem er zuerft die inneren Angelegen- 
heiten der Halbinfel geordnet, unter Jezid's Chalifat die ganze 
narbonenfifhe Provinz aufs Neue unterwerfen mußte. Im 
Fahre 720 oder 721 führte diefer trefflihe Statthalter ein 
ftarfeg Heer über die Pyrenden, nahm die fefte Stadt Nar- 
bonne nad hartnädiger VBertheidigung ein und Tieß fie nod 
beffer befeftigen, um den Mohammedanern einen großen Waf- 
fenplag jenfeitS der Pyrenden zu fihern 9). Das Schidjal 


1) Die Gründe gegen die Einnahme von Narbonne unter Al 
Horr findet man in der hist. de Languedoc t. I. not. 82 p. 688, 
Aſchbach ſchreibt ©. 55: Die hist. de Langued. ſucht vergeblih zu 
beweifen, daß Alahor niht nah Narbonne gefommen ſei.“ Wenn 
Isid. Pac. von Alhorr fagt, daß er »debellando et pacificando pene 
per ires annos Gallianı Narbonensem petit,« fo läßt fih, wie in der 
hist. de Lang. bemerft ift, allerdings nicht daraus fchließen, daß er 
Narbonne eingenommen. Faft eben fo unbeftimmt lautet Roder. 
Tolet: Misit (Suleiman) Alahor quem Hispanie prafecerat, ut Nar- 
bonensem Galliam devastaret, et citeriorem Hispaniam, in qua Chris- 
tiani aliqui rebellaverant subjugaret, qui et prædictam Galliam et 
utramque Hispaniam, vi, fraude et deditione receptans, vectigali sub- 
didit servituti.« Bei den arabifchen Autoren ift jedoch mach Conde 
S. 69 ausdrücklich die Rede von der Einnahme von Narbonne unter 
A Horr. Auch bei Son Abd Alb. heißt ed ©. 115, wo von Tarif 
Zug nad Toledo die Rede ift: „Toledo liegt in der Mitte zwifchen 
Marbonne und Cordova. Narbonne iſt die legte Grenzfeftung von 
Andaluftieen. Omar's Befehl gelangte bis Narbonne. Später 
eroberten die Ungläubigen diefe Stadt wieder und fie befindet fich 
jest in ihrer Gewalt.” Daraus geht jedenfalls hervor, dag Nar— 
bonne fpäteftens Anfang 720 fchon eingenommen war, ob aber dur 
Al Horr oder Al Samah bleibt dabingeftellt. Wenn Isid. Pac. unter 
Al Samah die Unterwerfung der narbonenfiihen Provinz wiederholt, 
fo mwiderfpriht er fih darum nicht, da fie nah Al Horr’s Abzug 
ſich wahrfcheinfich wieder gegen die Araber erhob, 

2) Reinaud a. a. O. ©, 18, Aſchbach ©. 55, wo auch die 
Duellen angeführt find. 


Jezid IL 611 


wollte aber, daß alle unter Jezid mit fo großem Erfolge 
begonnenen Kriegsoperationen ein unglüdliches Ende nahmen. 
Samah wendete fi nämlich nach der Einnahme von Narbonne 
gegen Dften und rüdte bis Touloufe vor. Die Belagerung 
diefer Feſtung hatte fchon begonnen, und ihr Fall war nicht 
mebr fern, als der Herzog Eudo mit einem ftarfen Heere 
zum Entfate berbeifam und die hartbebrängte Stadt rettete, 
Die Schladht zwifchen den Befennern des Korans und des 
Evangeliums war eine der blutigften und ward erft, als 
Samah entweder todt oder fchwer verwundet vom Kampfplatze 
getragen ward, gegen erftere entchieden, weil fie nad) dem 
Falle ihres Anführers in Unordnung die Flucht ergriffen D. 
Indeſſen ſammelten fih die Flüchtlinge bald um Abd Errah- 
man Ibn Abd Allah Alghafiki, der fid) während der Schlacht 
dur feine Tapferfeit ausgezeichnet, auch früher ſchon als 
frommer ZTrabitionsgelehrter in hohem Anfehen ftand, und 
in Narbonne fanden fie einen fejten Punft, den Eudo nicht 
einmal anzugreifen wagte. Wie lange nun Abd Errahman, 


1) Makk. ©. 83. »Ibnu Hayan relates that having invaded the 
land of the infidels, he (Samah) was surrounded by their forces, who 
poured on him on all sides, and that not one Moslem (?) escaped 
that disastrous affair.« Diefe Wiederlage erlitten die Araber nad) 
Son Chaldun u. X. den ten Diusl-Hudja 102 (Iten Zunt 721, nicht 
10ten Mai, wie bei Pascual ©. 40%). Diejes Datum entipricht den 
chriſtlichen Quellen (S. hist. de Longued, a. a. DO.) Andere Araber 
fegen aber die Schlacht bei Touloufe erft ein Zahr fpäter. Einige 
laſſen aub Samah niht in diefer Schladht, fondern in einem 
Treffen gegen Pelagius, in der Nähe von Leon, umfommen, Sch 
ffimme in Betreff der Schlacht von Toulofe den riftlihen Quellen 
bei. Samah ward wahrfheinlih in diefer Schlacht verwundet, wie 
auch ein Araber bei Borbon ausdrücklich erzählt, jo dag Abd Errah: 
man den DOberbefehl übernehmen mußte, fpäter focht er wieder gegen 
Pelagius und fiel. Mid beitimmt befonders für eine längere Dauer 
son Samah’s Statthalterfchaft, daß, wie wir gleich fehen werden, 
Son Abd Alhak. Andafa erft unter Hiiham nach Spanien kom— 
men läßt. 

39* 


612 Dreizehntes Hauptflüd, 


der mit einem Theile des Heeres nah Spanien zurüdzog, 
Statthalter blieb, ift ungewig. Manche berichten, er fei erft 
im folgenden Jahre durch Anbafı oder Ambafa erfegt wor: 
den, Andere, fhon nah einigen Monaten. Nah einigen 
Duellen folgte ihm zuerft noch Alhorr bis zum Tode des 
Chalifen Jezid ). Dem fer, wie ihm wolle, fo gehört jeden- 


1) Bei Son Abd Alb. ©. 121 lieft man: „Beihr Ihn Safwan 
(Statthalter von Kairawan) reifte mit Geſchenken nad Syrien zum 
Chalifen Sezid. Auf dem Wege dahin vernahm er Sezid’d Tod, 
welher in der Nacht auf Freitag den 26ten Schaban 105 ftarb. 
Beihr brachte die Gefchenfe dem Hıfbam Ibn Abd Almalit, welcher 
ihn wieder nach Afrika zurückſandte. Er bemächtigte fih der Güter 
Mufa’s Son Nußeir und mißhandelte deffen Interftatthalter und 
feste über Andalus den Anbafa Ibn Suheim Alfelbi und 
entieste den Alhorr (es heißt Al Djorr, aber wahrfcheinlich ift 
der Punkt zu ftreihen). Ibn Abd Errahman Alabſi (ſoll vielleicht 
Althakifi heißen, in arabifcher Schrift leicht mit Alabit zu verwechſeln).“ 
Auch Conde ©. 76 läßt Anbafa erft unter Hiſcham Statthalter wer- 
den, obgleih er ſchon früher an der Spige der Armee gejtanden. 
Auch bei Numeiri 1. 1. S. 581 wird zwar Anbafa fhon im Sahr 103 
Statthalter von Spanien, aber jein Vorgänger wird auch Alhorr 
Son Abd Errahman genannt. Bei Maff. ©. 31 heißt es nah Ibn 
Hajjan, Anbafa ſei im Safar 103 (Auguft 721) von Sezid Ibn Abi 
Muslim zum Statthalter von Spanien ernannt worden. Dies ift 
aber offenbar faljh, da ja, wie wir aus Son Abd Alb. gefehen, der 
doc gewiß über egyptiſche Angelegenheiten am Zuverläffigften if, 
Behr Son Safwan jhon im Sahr 102 Statthalter von Afrika 
war. Sc glaube daher, ohne Bedenken annehmen zu dürfen, daß 
Anbafa erft unter Hiſcham wirfliher Statthalter geworden, daß er 
aber jhon früher, jogar vor Al Samah’s Tode, in fo großem Ans 
fehen ftand, daß leicht manche Autoren den Beginn feiner Statt: 
halterjchaft früher fegen Fonnten. Zmwifchen ihm und Al Samah 
mar gewiß einige Zeit Abd Grrahman und vielleicht auch wieder Al 
Horr Statthalter, oder mwenigftens der That nad Befehlshaber in 
Epanien. Beide werden in dem Verzeichniſſe der Statthalter gar 
nicht genannt (S. Makk. ©. 405 u. append. ©, VI), weil ihre Er: 
nennung nicht von SKairaman oder Damasf ausging und daher 
kömmt es wohl, das Anbafa’d Statthalterfchaft zu weit vorgerückt 
ward, 


Jezid II 613 


falls der Zug des Stattbalters Anbafa über die Pyrenden 
bem folgenden Chalifate an, 

Ohne Einfluß blieb aber gewiß die von den Moham- 
medanern erlittene Niederlage bei Touloufe, die erfte, welche 
ihnen europäische Chriften beigebracht, nicht auf die chriftliche 
Bevölferung Spaniens und die Lleberbleibfel des königlichen 
Haufes, welche in den Gebirgen von Afturien und Biscaya 
eine Zuflucht gefucht. 

Schon einige Jahre früher, unter der Statthalterichaft 
des Alhorr, während er jenfeitS der Pyrenäen Streifzüge 
machte, batten ſich die Chriften, unter Anführung des Pela- 
gius, in den Gebirgen Afturiens erhoben. Dieſer Aufftand, 
von Alhorr's graufamer Herrihaft begünftigt, ſchien dieſem 
Statthalter fo bedenflih, daß er Alfama mit einer Truppen- 
abtheilung gegen diefelben ſandte. Die Araber wurden 
aber im Thale Cangas gejchlagen und Alfama felbft verlor 
das Leben ). In der eriten Zeit der Statthalterichaft des 


1) Dfahabi u. A. bei Makk. ©. 260 u. ©. 407 N. 16. Aus 
Alkama baten die hriftlihen Chronifer Alraman gemacht. ©. auch 
Lembke ©. 321 und Aſchbach ©. 147 u. ff., welcher, da ihm die 
arabiihen Nachrichten nicht befannt waren, die von Velagius’ Er- 
hebung unter Al Horr und Anbafa fprechen, auch Isidor. Pac. davon 
fhmeigt, den Quellen beiftimmt, weldhe die Regierung des Pelagius 
um etwa 16 Sahre jpäter beginnen laſſen. Da mande von einem 
Aufſtande unter Al Horr und Andere unter Anbafa fprechen, fo läßt 
fih wohl annehmen, daß verfhiedene Kämpfe vorfielen. War Al 
Horr wirklich nod einmal Statthalter unmittelbar vor Anbafa, fo 
ift die Meinungsverfchiedenheit der Quellen um fo leichter zu er: 
Flären. Nur müßte dann der Aufftand etwa gegen die Mitte des 
Sahres 105 (Ende 723) gefest werden. Noch ijt endlich zu erinnern, 
dag Anbafa, nah einigen Berichten bei Zbn Abd Alb. (S. 122) 
noch einmal bis zum Sahr 116 Statthalter war. Die YUutoren, die 
Pelagius’ Zug unter Anbaſa's Statthalterfchaft angeben, meinen 
wahrfcheinlic die zweite, denn die erfte endete fchon im Sahr 107, 
Pelagius’ Tod wird aber in das Sahr 183 (750) gefegt und doch 
feiner Regierung nur eine Dauer von 19 Sahren gegeben. Indeſſen 
mochte Pelagius erft nah dem Kampfe zum König gewählt worden 





614 Dreizehntes Hauptſtück. 


Al Samah wagte es wahrfcheinlich Pelagius nicht, wieder 
aus den Gebirgen berporzutreten und jener hielt es entweder 
nicht der Mühe werth, ihn zu befämpfen oder fürchtete, der 
für ein größeres Heer unzugänglichen Dertlichfeit willen, dag 
Schickſal Alkama's. Nach feiner Niederlage oder nad feinem 
Zode aber hören wir aufs Neue von dem Widerftande der 
Gothen unter Pelagius, welche zwar Anbafa wieder in bag 
Gebirge zurüctrieb, doch nicht zu befiegen vermochte, 
Während aber, wie wir der Neihe nad gejehen, das 
große NReih des Islams in allen feinen Theilen, im Innern 
ſowohl wie an den Grenzen, durch Emporung von Stattz 
haltern und Bolfsbewegungen, durch offenen Krieg und heim: 
liches Miſſionsweſen tief erfchüttert ward, gab fich der Chalife 
Jezid ungeftört den Freuden der Liebe und des Gefanges hin, 
Seine Liebe fcheint zwar reiner und tiefer gewefen zu fein, 
als die Euleiman’s, aber feine Sorglofigfeit um den Staat 
aud um fo größer. Er foll eine feiner Sflavinnen fo heftig 
geliebt haben, daß er, gegen alle mufelmännifche Sitte, fe drei 
Zage unbeerdigt und auch fpäter noch einmal ihr Grab öffnen 
lieg. Auch foll der Schmerz um ihr Dahinfcheiden wenige 
Tage nachher feinem Leben ein Ende gemadt Haben. Er farb, 
noch nicht vierzig Jahre alt, in der Provinz Balfa, nad einer 


fein, Das Wahrfcheinlichfte in diefer viel beftrittenen Frage ift, daß 
allerdings fchon unter Al Horr Bemegungen der Gothen gegen die 
Araber in den Gebirgen Afturiens ftatt fanden und fich oft wieder— 
holten, daß fie aber Feinesmegs fo bedeutend waren, mie es die 
fpanıfchen Chroniken fchildern, darum auch leicht von Isid. Pac. über: 
gangen werden Fonnten. Bei der hier obmwaltenden Verfchiedenheit 
der Quellen, ift es fehr leicht, für und gegen jede Behauptung Bes 
weiſe zu finden. Man nehme z. B., daf die Araber erzählen: Pe— 
lagius verhungerte mit den Seinigen in den Gebirgen bis auf 30 
Mann, welche die Araber nicht der Mühe werth hielten, länger zu 
verfolgen, während die Spanier im Kriege mit Pelagius 124,000 
Mufelmänner umfommen laffen. 


Jezid. 615 


unheilvollen Regierung von vier Jahren und einem Monate 
in der Nacht des 26ten Schaban des Jahres 105 N). 

Zu feinen Nachfolgern hatte Jezid ſchon gleich bei feinem 
Regierungsantritte feinen Bruder Hiſcham und feinen damals 
elfiäbrigen Sohn Welid beftimmt, der auch wirflih nad 
Hiſcham Chalife wurde, As Welid das fünfzehnte Jahr er- 
reicht hatte, joll Fezid, wie fo manche Andere vor ihm, den 
Entfhlug gefaßt haben, feinen Sohn zum nächften Thron- 
erben zu beftimmen, aber fein baldiger Tod geftattete ihm 
nicht mehr die Abänderung feiner früheren Verfügungen 2). 


1) Dies entipriht der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 724. 
Somohl bei Ibn Abd Alb. als bei Tabari wird Freitag Nacht ge 
nannt, d. h. die Nacht von Donnerftag auf Freitag. Der erfte 
Sanuar des Sahres 724 war ein Samftag. 


2) Tab. fol. 144. 


Vierzehntes Hauptftüd. 


Hifdam. 


Hiſchams Charakter. — Umtriebe der Hafhimiten. — Chalid 
Son Abd Allah Statthalter von Irak. — Er mißhandelt feinen Vors 
gänger. — Verſchwörung in Kufa. — Kämpfe gegen den Rebellen 
Bahlul. — Chalid begünftigt die Ehriften. — Will den Aufrührer 
Alfachtajani begnadigen. — Hiiham entiegt Chalid. — Berjchiedene 
Gründe feiner Ungnade. — Sufuf Ibn Omar Statthalter von Sraf. 
— Chalid wird eingeferfert. — Hifham befreit ihn. — Empörung 
des Zeid Ibn Ali in Kufa. — Wird von den Kufanern verlaſſen. 
— Rampf in den Straßen Kufa’s. — Zeid wird erjchlagen. — Die 
Abbafiden werden fühner. — Vorfälle in Choraſan. — Emiffäre der 
Abbafiden und Bürgerkrieg. — Aſad Ibn Abd Allah’ Statthalter: 
fhaft. — Kriege gegen Ghorat. — Aſchras wird Statthalter. — 
Aufftand in Transoranien. — Djuneid's Statthalterfchaft. — Zug 
gegen Samarfand. — Niederlage der Araber unter Saurat. — Aßim 
wird Statthalter. — Harth Son Schureih empört fih gegen ihn, — 
Gr verbündet fih mit den Ungläubigen. — Afad kommt wieder nach 
Chorafan. — Statthalterfchaft des Naßr Ibn Sejjar. — Er unter: 
wirft Ferghana. — VBerderbliche Lehren eines Emiſſärs der Abbas 
fiven. — Kriege Djuneidd in Indien. — Seine Treulofigkeit. — 
Abfall der Indier. — Gründung mufelmännifcher Städte am Indus. 
— SFriedenefhlug mit den Alanen. — Maslama’d Kriege in Ad: 


Hiſcham. 617 


ferbidjan. — Niederlage der Araber unter Djarrah. — Said Ibn 
Amru's Zug gegen die Chofaren. — Maslama's Tod. — Merman 
wird Statthalter von Armenien. — Neuer Krieg gegen die Alanen, 
— Maslama's und Muamia’s Feldzüge in Kleinafien. — Belages 
rung von Nycea. — Niederlage der Araber unter Abd Allah Albat- 
tal. — Befhr Son Safmans Statthalterfchaft von Afrifa. — Raub» 
zug einer arabiihen Flotte nah Sicilien. — Aufitand der Berber 
in Weftafrifa. — Ermordung des Präfeften von Tanger, — Verei— 
nigung der Berber mit den Charidjiten, — Niederlage der Araber 
unter Chalid Son Abi Habib. — Kolthum fommt mit einem zweiten 
Heere um. — Sein Neffe Baldj flüchtet fih nah Spanien. — Hans 
zala Ibn Safwan Statthalter in Afrifa. — Kimpfe gegen Berber 
und Charidjiten bei Kairaman. — Niederlage der Charidjiten. — Zu: 
fände in Spanien unter Anbafa. — Seine Einfälle in Gallien. — 
Udfrah’8, Jahja's und Hudfeifa’s Verwaltung. — Othman, Alheis 
thbam und Mohammed Son Abd Allah. — Abd Errahman's zweite 
Statthalterihaft. — Feldzüge jenfeits der Pyrenäen. — Schlacht bei 
Tours zwifhen Abd Errahman und Karl Martell. — Tod des Er: 
ftern. -— Abd Almalif Son Katan folgt ihm. — Aufftand der Chri— 
ſten im nördlihen Spanien. — Okba's Statthalterfchaft. — Bündnif 
zwiihen Maurontius und den Arabern. — Marbonne von Karl 
Martell belagert. — Unruhen in Spanien. — Abd Almalıf wird 
wieder Statthalter. — Wird von Baldj erfchlagen. — Empörung 
gegen Baldj und fein Tod. — Anarchie in Spanien. — Hifhams 
Gerechtigfeitsliebe. — Sein Geiz und fein enthaltjames Leben. — 
Berhältnig zu feinem Nachfolger. — Sein Sohn Maslama, — Der 
Dichter Kumeit. — Hiſchams Tod. 


— 


Hiſcham hatte feines der Lafter feines Vorgängers. Er 
betrachtete den Beſitz der Krone nicht bloß als ein Mittel, 
fih alle irdifhen Genüffe zu verichaffen, fondern als eine 
Berprlihtung, jih gänzlich dem Wohl des Staates zu opfern. 
Er verbannte alle, mit den alten Sitten des Islams nicht 
barmonirenden, aus Griehenland und Perſien entliehenen 
Bergmügungen von feinem Hofe T), lebte fo einfach und fo 


1) Einft brachte man einen Mann vor ihn, bei dem man einen 
MWeinfrug und einen Tamburin gefunden, Er nannte den Tamburin 


618 Vierzehntes Hauptſtück. 


fireng ortbodor wie Omar und forderte einen ähnlichen Les 
benswandel von feiner Umgebung ). Demohngeachtet hat 
auch er während feiner zwanzigjährigen Regierung nicht nur 
gegen Äußere Feinde und empörte Grenzprovinzen, fondern 
auch gegen innere Unruhen zu kämpfen. in Theil der 
Stürme, welche Hiſchams Chalifat bewegen, mag wohl feinen 
Statthaltern zugefchrieben werden, die nicht immer in feinem 
Einne bandelten, er felbft hatte aber auch zwei Untugenden, 
welche in einer verdorbenen Zeit, wie die feinige war, und 
unter einem Bolfe, bei dem Habgier und Rachſucht fo viele 
Gewalt ausübten, höchſt nachtheilig wirfen mußten. Hifcham 
war geizig und verfäumte daher, durch Gefchenfe feine Feinde 
zu gewinnen und feine Freunde zu erhalten. Er war ferner 
zum Argwohn geneigt, glaubte daher leicht mandes Sch limme, 
das nur perfönliher oder Stammhaß eines Verläumders er- 
fann, und dies trieb ihn zu manchen Gewalttbaten fo wie 
auch zu häufigem Wechfel feiner Statthalter. Beſonders 
fhwierig ward aber dem Hiſcham das Negieren, weil bie 
Haſchimiten durd ihre Emiffäre fortwährend feine Mängel in 
ein grelles Licht ftellen, feine Tugenden verbeimlichen, fein 
ganzes Gefchleht als ein gottlofes und das ihrige ale das 
allein beglückende darftellen liegen. Einen fehr günftigen Bo» 
den fanden diefe Emiffäre in Chorafan, wo die gemifchte 
mufelmännifche Bevölkerung ohnehin fortwährend in Unfrieden 
unter ſich ſelbſt und mit ihren Statthaltern lebte und in Irak, 
wo von der frübeften Zeit ber es jedem Prätendenten leicht 


eine Trommel und faate: zerfchlaget diefe Trommel an feinem Kopfe. 
Tab. f. 141. 


1) Einer feiner Söhne fam einft Freitags nicht zum Gebete in 
die Moſchee. Hiſcham ftellte ihn darüber zur Rede und jener ents 
fhuldigte fih damit, dag fein Maulthier fo Schlecht gelaufen fei, daß 
er zu fpät fam. Hifbam ſagte ihm aber: wäreſt du abgeftiegen 
und zu Fuß gelaufen. Zur Strafe entjog er ihm einen ganzen Jah— 
reögehalt, Ibid, 


Hiſcham. 619 


ward Anbänger zu finden, die ihn freilich auch im Augenblide 
der Gefahr eben fo ſchnell wieder aufgaben. Da Hiſcham 
die Statthalterfhaft von Irak und Chorafan wieder mit Je— 
meniden befeste, fo war dies ſchon Grund genug für mande 
aus Mudhar entfuroffene Stämme, um fi) denen anzuſchlie— 
fen, welche an dem Sturze der Dynaftie der Omejjaden ar: 
beiteten, und darum feben wir aud, daß den Emiffären unter 
Hiſcham befonders aufgetragen ward, fi bei den Nachkommen 
Mudhar’s einzufchmeicheln Y. Manche diefer Unrubeftifter 
wurden freilich entdeckt und auf graufame Weife hingerichtet, 
aber es finden fi) immer wieder Menihen, die, entweder 
aus Liebe zu dem Gefchlehte Mobammeds, oder aus Haß 
zur herrſchenden Dynaftie, vielleicht auch von dem Gelde der 


1) Wir haben fhon oben bemerkt, das, nad) einigen Berichten, 
die eriten Emiffäre der Abbafiden erft unter Hiſcham nah Chorafan 
famen. Die Stelle bei Tab. T. XL f. 60 lautet: „Der erfte Mifs 
fionär (fo werden fie genannt, weil die Religion ihrer Herrfchjucht 
zum Derfmantel dienen mußte) der Abbafiden nach Chorafan war 
Zijad Abu Mohammed, ein Maula (Adoptirte) ded Stammes Ham 
dan unter der erften Statthalterfchaft des Ajad Sen Abd Allah. Er 
war abgejandt von Mohammed Ibn Ali Son Abd Allah Ibn Abbas, 
welcher ihm fagte: reife über Semen und ſchmeichle dem Stamme 
Mudhar, mweihe aber einem gewiſſen Ghalib aus Srihehr aus, 
weil er zu große Liebe für die Söhne Fatima’s (Ali's) heat. (Nah 
Andern war der erite Weberbringer eines Briefes von Mohammed 
Son Ali nah Choraian, Harb Son Dthman aus Bald, ein Maula 
der Benu Keis Son Thalaba.) Zijad warb für die Abbafiden, er: 
zählte von dem ungerechten Lebenswandel der Dmejjaden, und fpeifte 
das Volk. Ghalid aus Irſchehr fam auch zu ihm, fie entjweiten 
ſich aber bald wieder, weil Ghalib das Geichleht Abu Talibs (Ali's) 
erhob, mährend Zijad die Söhne des Abbas pried. Zijad brachte 
einen Winter in Meru zu und gewann dajelbft mehrere Anhänger. 
Ajad ward von feinen Umtrieben in Kenntniß gefegt, da er fih aber 
für einen Kaufmann ausgab, begnügte jener fih damit, ihn aus der 
Stadt zu verweifen. Erſt ald er zum zmweitenmale in der Stadt ge: 
funden ward, lieg ihn Aſad nebit acht feiner Genoſſen hinrichten. 
Vergl. auch Abu⸗l-Faradj. S. 108. 


620 Bierzehntes Hauptftüd, 


Abbaftden verführt, das Volk gegen die Omejjaden reizte und 
von der Rechtmäßigkeit der Anfprüche der Haſchimiten I) auf 
das Chalifat zu überzeugen fuchten, 

Die Statthalterfhaft von Irak ward bald nad Hiſchams 
Thronbefteigung dem Chalid Ibn Abd Allah Alkasri 2) über- 
tragen, der ſchon unter Welid einige Zeit Statthalter von 
Mekka gewefen und die von Chorafan und Transpranien fei- 
nem Bruder Aſad. Chalid machte fich gleich durch Mißhand— 
lung feines Vorgängers Dmar Ibn Hubeira verhaßt. Der 
Chalife Hatte ihn freilich beauftragt, von Omar firenge Re— 
henfchaft zu fordern, das heißt mit andern Worten, ihm alles 
Geld abzunehmen, das er während feiner Berwaltung gefam- 
melt. Chalid gebrauchte aber, um ficher zu fein, daß auch 
alles ausgepreßt wird, die fhwerften Foltern und finfterften 
Kerfer, und als e8 Omar durch Beftehung der Kerfermeifter 
gelang zu entfommen, ließ ihn Chalid verfolgen und umbrin- 
gen. Hiſcham ließ freilich aud) den Mörder Omars zu Tode 
foltern, dem Chalid, der wahrfcheinlih den Mord befohlen, 
gab er aber nur einen Verweis und ließ ihn in feinem Amte ?), 
Chalid wird zwar als ein fehr freigebiger Mann gepriefen 9), 





1) Hafchimiten find fomohl die Aliden als die Abbaftden, weil 
beide von Hafhim, dem Urgroßvater Mohammeds, abftamımen, die 
Dmejjaden aber von Hafhims Bruder Abd Schemd. ©. Leb. Moh. 
©. 11. 

2) Sp richtig bei Abulf. S. 458 und Ibn Challifan I. 484, wo 
die ganze Genealogie bis Kahtan angegeben ift. Bei Tab. heißt es 
überal Alkuſcheiri. Der Stamm Kuſcheir entfpringt von Kaab 
Son Rabia, der Stamm Kafr aber durd Badjilah von Saba und 
Kahtan, gehört alfo zu den Zemeniden. 

5) Tab. auch in der türf. Heberf. ©. 134. 

4) Son Challik. a. a. O. Einer feiner Günftlinge fagte ihm 
fogar einſt: „Gott ift wohlthätig und fo bift auch du, Gott ift frei: 
gebig und jo bift auch du,” und fo ftellte er ihn in zehn Eigen: 
jhaften neben Gott. Hiſcham madte ihm Vorwürfe darüber, daß 
er fo gottesläfterifhe Schmeichelei duldete. Darauf foll Chalid ers 
wiedert haben, daß er (der Chalife) weit Schlimmeres geduldet, in« 


Hifcham. 621 


aber nicht felten findet man, nicht bloß im Driente, die größte 
Habgier auf der einen mit grenzenlofer Verſchwendung auf der 
andern Seite gepaart. 

Indeſſen bören wir in den dreizehn erften Jahren der 
Statthalterſchaft Chalids von feinen ernten Unruhen im ei— 
gentlihen Zraf, was theilg feiner Strenge und Umficht, theils 
auch feiner Popularität bei der Maſſe des Volkes zugefchrie- 
ben werden mag, bei dem immer ein Jemenide größern An— 
bang fand, Erft in den legten zwei Jahren mußte er gegen 
eigentliche Nebellen fämpfen. In Kufa hatte der Zauberer 
Mughira Ibn Said eine Verſchwörung angezettelt, an welcher 
befonders die dienende Klaffe Theil genommen. Chalid ent: 
deefte fie jedoch noch zur rechten Zeit und lieg Mughira und 
fieben andre Rädelsführer öffentlich) verbrennen ). In Ba— 
bylonien ftreifte ein gewiſſer Bahlul mit einer Bande umher, 
mordete die Beamten Chalidg und forderte das Volk auf, 
fih gegen einen Statthalter zu erheben, „der Mofcheen ein- 
reißen, Kirchen und Synagogen aufbauen, Magier über 
Mufelmänner berrichen läßt und Gläubigen geftattet, ſich mit 
Ungläubigen zu verheirathen, Vorwürfe, die zum Theil darin 
ihren Grund hatten, dag Chalids Mutter eine Chriftin war 
und er ihre wirklich eine Kirhe bauen ließ, vielleicht ihret= 
willen auc überhaupt die Chriften begünftigte. Bahlul ftand 
wahrfcheinlich auch mit den Abbafiden in Verbindung, wenig- 
ftens trug er auch wie fie eine ſchwarze Sahne D). Chalid 


— — — 


f 
! 


dem ihn einft jemand fragte, ob er feinen Gefandten oder Stellver 
treter (Chalife) vorziehe und er antwortete: meinen Stellvertreter, 
worauf dann jener verjegte: nun du bift Gottes Stellvertreter und 
Mohammed war fein Gefandter, folglih ihn über den Propheten 
erhob, 

1) Tab. fol. 101. 


2) Ibid. fol. 102. Er pilgerte nah Mekka, wo fih ihm Gleich— 
gefinnte anſchloſſen. Sie geben ſich überall ald Gefandte Hifhams 
aus umd laſſen fih Poftfameele geben, Sn einem Städtchen in Sa: 


622 Vierzehntes Hauptſtück. 


fandte zuerft 800 Mann gegen ihn, worunter 600 Syrer, 
welche nach Indien beftimmt waren, aber ihr Häuptling ward 
getödtet und die Soldaten in die Flucht gefchlagen. Eine 
zweite von Chalid gegen ihn geſchickte Truppenabtheilung hatte 
ein gleiches Schiefal. Bahlul unterlag erft, als zu gleicher 
Zeit drei Heere gegen ihn ausrüdten, eines von Kufa, eineg 
aus Syrien und. eines aus Moßul. Nun folgen nod drei 
andere Aufftände unter Amru Aljafchfart, unter Manazi und 
unter Alſachtajani. Lesterer ward lebendig gefangen, zeigte 
aber, als er vor Chalid gebracht wurde, eine fo tiefe Kennt— 
nig des Korans und fo glänzende Beredfamfeit, daß er ihm 
gerne das Leben fchenfen wollte. Hifham machte ihm 
Vorwürfe über feine Schwäche gegen einen Rebellen, welcder 
fih mehrerer Mordthaten und Brandftiftungen fchuldig ge- 
macht und befahl, daß er hingerichtet werde, obgleich Chalid 
nochmals um deffen Begnadigung anhielt. Er ward nebft 
allen feinen Mitſchuldigen verbrannt, ftarb jedoch mit der 
Hingebung eines Heiligen und ftatt, wie feine Genoffen, 
Jammertöne auszuftoßen, fuhr er unter den gräßlichften Feuer- 
qualen fort, Sprühe aus dem Koran herzufagen 2). 


wad wollte Bahlul Efftg Faufen und erhielt Wein. Er verlangte 
fein Geld zurück und da er es nicht erhielt, klagte er beim Präfek— 
ten, aber auch diefer ſprach ihm kein Recht, weshalb er mit deſſen 
Ermordung begann, gegen den Rath feiner Genoſſen, die bis Kufa 
ihre Rolle fortfpielen wollten, um Chalid todten zu können. Weber 
Shalids Ruf als ſchlechter Mufelmann lieſt man auch bei Ibn Chal- 
lifan ein Gedichtchen von Farazdaf, in welchem er das Kameel ver- 
fluht, das Chalid nach Irak getragen. Wie kann ein Mann, fagt 
der Dichter, deffen Mutter nicht an die Ginheit Gottes glaubt, ein 
guter Imam fein? hat er nicht feiner Mutter ein Klofter mit einem 
Kreuze errichtet und aus Haß gegen den Islam Minarete der Mo— 
ſcheen zerftört ? 

1) Ibid. fol. 105. Sie wurden in der Moſchee in Rohr einge: 
bunden, das man mit Pech befchmierte und dann auf einem freien 
Pape anzündete, 


Hiſcham. 623 


Bald nad diefem Borfalle ward Chalid entfegt, und eg 
ift nicht unwahrſcheinlich, daß das Mitgefühl, dag er für Als 
fachtajani gezeigt, den Chalifen bewog, ihm einen fo wichtigen 
Poften nicht länger anzuvertrauen, obgleih die arabiſchen 
Duellen andere Gründe angeben I), worunter au) feine Liebe 
zu den Nachfommen Ali's genannt wird ?). Die unermeß- 
lihen Reichthümer, die er befaß, waren indeffen für den hab- 
füchtigen Chalifen auch ſchon Grund genug zu deffen Entfegung, 
bei der ihm natürlich alles abgenommen ward. Der Thafi- 
fite Jufuf Jon Omar, der bisher Statthalter in Jemen ge: 
wejen, warb zum Statthalter von Irak ernannt. Schon 
als Thakifite glübte ev von Haß und Nahe gegen Chalid, 
der Dmar Jon Hubeira Alfazari foltern und morden ließ, 
welcher au zu den Stämmen Mudhar's gehörte. Er hatte 
fhon Proben von feiner Unmenfchlichfeit bei der Empörung 
des Ibad Alraſi in Südarabien abgelegt. Hiſcham geftattete 


1) Bei Tab. f. 115 u. ff. wird unter andern auch erzählt, was 
man bei Reiske in den Noten zu Abulf. S. 127 aus Nuweiri findet, 
er habe fih über Hiſcham luſtig gemadt und ihn „Sohn der Blöd— 
finnigen“ genannt. Seine Mutter war nämlich, fo erzählt Tabari 
f. 48, ganz kindiſch, fo dag fie mit Puppen fpielte, weshalb ſich auch 
Abd Almalif, nah Hiſchams Geburt, von ihr fheiden lief. Dann 
führt aber Tab. auch andere Berichte an, denen zufolge Hiſcham 
neidifch auf Chalids große Einfünfte war. Der Erlös feines Korns 
allein foll jährlich 20,000,000 Dirhem betragen haben. Bei Ibn 
Challifan wird als Grund feiner Entjegung angegeben, daß er einer 
Frau, welcher einer feiner Beamten Gewalt angethan, eine unan— 
ftändige Antwort fratt einer Genugthuung gab. Abulf. erwähnt nur 
Chalids Tod, unter Welid, Nuweiri aber deſſen Entiegung unter 
Hiſcham, fie widerfprechen ſich nicht, wie Reiske a. a. D. glaubt. 


2) Noch ein Grund liege fih vermutben, denn Tab. berichtet 
fol. 145, daß, als Hiibam feinen Sohn an Welids Stelle zum Nach— 
folger ernennen wollte, wovon weiter unten die Rede fein wird, 
Chalid ihn in diefem Vorhaben nicht unterftügte, Auch fandte His 
fhams Sohn deshalb dem Thalid, als fein Bruder Afad farb, eine 
Satyre ftatt eines Beileidſchreibens. 


624 Vierzehntes Hauptſtück. 


indeſſen dem rachſüchtigen Juſuf diesmal nicht, ſein Opfer 
nach Herzensluſt zu peinigen; nur einmal durfte er Chalid 
foltern laſſen, weil der Chalife, trotz den großen bei ihm 
vorgefundenen Schätzen und Gütern, doch noch hoffte, mehr 
yon ihm zu erpreſſen I). Nachdem er 18 Monate in Juſufs 
Kerker zugebracht, Tieß ihn Hiſcham fogar wieder in Freiheit 
feßen und troß wiederholter Anklagen Juſufs, an einem Feld— 
zuge gegen die Griechen Theil nehmen 2). Wir werden auf 
Chalid's weiteres Schidfal unter dem folgenden Chalifate 
zurüdfommen. Sp viel mußte aber bier mitgetheilt werben, 
weil Chalids Entfegung, wenn aud nicht Urfache, doch Ver— 
anlaffung eines fehr bedenklichen Aufftandes ward, welcher in 
dem Jahr 122 der Hidjrah (740 n. Chr.) in Kufa ausbrad). 

Bei der von Jufuf über Chalid's Verwaltung angeftellten 
Unterfuhung ergab fi) nämlich, oder nad andern Berichten 


1) Einer von Chalids Freunden, Aban Ibn Welid, hatte gleich 
mit Sufuf ausgemaht, Chalid würde 9,000,000 Dirhem bezahlen. 
Als er dies Chalid fagte, bemerkte ihm diejer, er hätte nicht gleich 
fo viel verfprechen follen, denn nun würde Sufuf noch mehr begeh- 
ren. Aban ging wieder zu Sufuf und fagte ihm, Chalid Fünne nicht 
fo viel bezahlen, als er geglaubt habe. Gut, fagte Sufuf, der ins 
zwifchen vernommen hatte, wie reich Chalid war, ich nehme alfo 
auch mein Wort zurück und fordere 100,000,000. Diefe Summe 
fheint nicht zu groß, wenn die oben für den jährlichen Erlös der 
Frucht angegebene richtig ift. Ibid. fol. 114. 


2) Ibid, f. 169, wo Chalids Tod berichtet wird. Seine Befrei- 
ung fand im Schammwal 121 ftatt. Sufuf klagte ihn auch an, die 
Aliden bereichert zu haben, aber Hifham glaubte es nicht, dann wur- 
den feine Freigelaffenen als Brandftifter in Damask angeklagt, wor: 
auf Hifham alle Verwandten Chalids einferfern ließ, fpäter ward 
aber der wirkliche Brandftifter entdect und Chalids Familie wieder 
in Freiheit gefegt. Er und fein Sohn Jezid wurden indeffen noch 
einmal verhaftet, weil er angeklagt ward, den Entfchluß geäußert 
zu haben, bei der nächſten Kränfung ſich den Abbafiden anzufchlie- 
hen, auf Verwenden feines Bruders Ismail ward er aber auch dies— 
mal wieder von Hiſcham frei geſprochen. 


Hiſcham. 625 


erklärte Chalid unter der Folter, als er über einige im Staats— 
ſchatze fehlende Summen keine Rechenſchaft zu geben wußte, 
er habe ſie dem Zeid Ibn Ali, einem Urenkel des Chalifen 
Ali, in Verwahrung gegeben, welcher unter feiner Statthalter— 
haft einige Zeit in Kufa zugebracht hatte. Hiſcham ließ Zeid 
Fon Alt verbören, und da er, nad einigen Berichten Alles, - 
nad andern einen Theil der Forderung Chalid's Täugnete, 
ward er nah Irak gefickt, um mit Chalid vor Gericht zu 
fteben Y. Diefer Prozeß entzweite Zeid Ibn Ali ſowohl mit 
dem Chalifen 2) als mit feinem Statthalter Juſuf und brachte 
ihn nach Jrak, wo er einige Zeit öffentlich leben durfte. Dann 
bielt er fich verborgen in Kufa, heirathete ein Mädchen aus 
dem Stamme Azd, wodurd) er mit den Jemeniden, welche 
den thafifitifchen Stattbalter verabfcheuten, in noch nähere Ver— 
bindung fam 3), und lieg fi heimlich Huldigen, troß aller 
Warnungen #) feiner Freunde, vor dem Wanfelmuthe der Ku— 
faner. Zehn Monate trieb er fih in Kufa, bald bei diefem, 
bald bei jenem Verwandten oder Schiiten, herum und fanbte 


V Es kommen bei Tab. verfchiedene Traditionen vor. Einige 
behaupten, Zeid geftand ein, Geld empfangen zu haben, nicht aber, 
wie Chalid angab, au ein Gut von 10,000 Dinaren. Nach Andern 
machte Zezid Son Chalid eine Forderung an Zeid. Hier fümmt f. 122 
die ſchon oben angeführte Stelle vor, wo Zeid zu Juſuf jagt: wie 
kannſt du glauben, dag mir ein Mann Geld gibt, der meine Väter 
auf der Kanzel ſchmäht? Einige berichten, Chalid geftand zulegt 
ein, er habe dies nur ausgefagt, um einige Zeit von der Folter be- 
freit zu werden. 

2) Tab. f. 121 führt auch noch einen andern heftigen Wort⸗ 
wechſel zwiſchen Zeid und Hiſcham an. 

8) Das er nichts Anderes bei dieſer Ehe beabſichtigte, als ſich 
einen größern Anhang zu ſichern, geht daraus hervor, daß er zuerft 
die Mutter diefes Mädchens heirathen wollte. 

4) Salma Son Kuheil fagte ihm: war nicht Hufein’s Zeit beſſer 
als die unfrige und doch hatten von 80,000 Menfchen, die ihm ge- 
huldigt, nur einige hundert bei ihm ausgeharrt. Ibid. £. 124. 

40 


626 Vierzehntes Hauptſtück. 


Emiſſäre durch ganz Irak, um alle Anhänger ſeines Hauſes 
für ſich zu gewinnen. Es dauerte indeſſen nicht lange, ſo 
ward Juſuf von Zeid's Aufenthalt in Kufa in Kenntniß ge— 
ſetzt und Alhakam Ibn Alßalt, Präfekt von Kufa, ward von 
ihm aufgefordert, Zeid's Verſteck ausfindig zu machen. 
Sobald aber die Regierung ernftlihe Schritte zur Ber: 
haftung Zeid's that, wendete fih ſchon ein Theil derjenigen 
von ihm ab, die ihm vor Kurzem, ohne ſich weiter um fein 
Urtheil über eine längft vergangene Zeit zu kümmern, geſchwo— 
ren batten, bis zum Tode für ihn zu fämpfen. Statt wegen 
der ihm drohenden Gefahr entdeckt zu werden, den Aufitand 
zu befchleunigen, richteten num manche Schiiten biftorifch dog— 
matifche Fragen an ihn und fagten fih von ihm los, weil er, 
der Enfel Hufein’s und Urenfel Alt’s, fein ganz fanatifcher 
Schiite war. Ste fragten ihn nämlich um fein Urtheil über 
Abu Bekr und Omar. Zeid antwortete ihnen, das Chalifat 
habe zwar fogleih Ali gebührt, doch feien diefe beiden Cha- 
Iifen vom DBolfe gewählt worden und haben nad Net 
und Gefes regiert, Die Schiiten begnügten fi) mit diefer 
Antwort nicht, denn fie verlangten von ihm, dag er Abu Bekr 
und Omar geradezu als Ufurpatoren erkläre und erfannten 
daher ftatt feiner einen Enfel Ali's, Diafar Jon Mohammed, 
als Imam an, obgleich diefer fie felbit früher an Zeid ge- 
wiefen hatte), Die Zahl der Schiiten, welche mit Zeid's 


— 





1) Sp wörtlich im Wrterte f. 130. Dafür hat der türf, Tab. 
S. 143: „Die Schiiten gingen (nach dieſer Unterredung mit Zeid) 
zu Djafar nach Medina und berichteten ihm Zeid's Worte, in Betreff 
Abu Bekr's und Omar's. Djafar fagte: auch ich würde mich fo 
ausdrüden, drum fürchtet Gott und wenn ihr meinem Better Treue 
geſchworen, fo erfüllet auch euern Schwur! er ift des Smamats wür: 
diger als ich. Die Leute Fehrten hierauf wieder nach Jrak zurüc, 
entichuldigten fih bei Zeid Son Ali und wollten ibm aufs Meue 
huldigen. Er fagte aber; eure Huldigung ift noch vollfommen, es 
bedarf feiner Erneuerung derſelben.“ Man fieht aus diefem Zuſatze 
die Abſicht eines Halbſchiiten glauben zu Taffen, auch der fromme 


Hiſcham. 627 


Anſicht übereinftimmten, war indeffen noch groß genug, um 
ihm Hoffnung zu geben, jobald er öffentlich als Prätendent 
in Kufa auftreten würde, fogleich die Regierung der Omej— 
jaden flürzen zu fünnen. Als er aber am verabredeten Tage, 
Neumond Safar 122 (6. Januar 740), die Fahne des Auf- 
rubrs erbob, ward die Mofchee, in welcher ein Theil der 
Verſchworenen verfammelt war, auf Befehl des Statthalters, 
den feine Spione von Allem unterrichtet hatten, yon Truppen 
umzingelt und von den Tauſenden, die Zeid gehuldigt hatten, 
folgten nur einige Hundert I) feinem Rufe. Indeſſen foll er 
fih doch einige Zeit in den Straßen Kufa’s gegen die fyri- 
fhen Soldaten mit Erfolg gefchlagen haben und zulest fogar 
bis vor die Mofchee gedrungen fein, in welcher feine Anhän— 
ger eingeichloffen waren, um ſie zu befreien, als er von einem 
Pfeile getroffen ward, der ihn zu Boden ftürzte. Es gelang 
zwar den Schüten noch, ihn wegzubringen und, als er nad) 
einigen Stunden an feiner Wunde ftarb, heimlich in der Nacht 
zu beerdigen, aber auch fein Grab blieb dem Statthalter nicht 
verborgen. Es ward geöffnet, Zeid's Leiche ward verftümmelt 
und fein Haupt dem Chalifen nah Damasf geſchickt. Juſuf 
foll bei dem Chalifen hierauf um die Erlaubniß gebeten haben, 
die Stadt Kufa, diefen Heerb des Aufruhrs zu verwüſten 2). 
Hiſcham ſchrieb ihm aber, daß dieſer Aufftand ihm einen neuen 
Beweis von der Treue der Kufaner gegeben habe, indem er 
nicht jo leicht zu dämpfen geweſen wäre, wenn. fich die Maffe 
des Volkes dem Rebellen angefchloffen hätte, 

Obgleich diefe Empörung in Irak zunächſt feine weitern 
Folgen hatte, ward fie doch der berrfchenden Dynaftie ſehr 
verderblih. Das unternehmende Haupt der Familie Ali's war 





Djafar habe die Chalifen Abu Ber und Omar ald rehtmäßige 
Herriher angejehen: 
1) Nach Tab. f. 183 nur 218 Mann, gehuldigt follen ihm aber 
15,000 haben, 
2) Ibid. f. 135, 
40 * 


628 EN Vierzehntes Hauptſtück. 

gefallen, auch Zeid's Sohn, Jahja, auf den wir fpäter 
zurüdfommen müffen, verlor das Leben in Folge dieſes Auf- 
ftandes und mit ihm alle diejenigen, welche Anhänglichfeit für 
das Haus Alt’s bei diefer Veranlaſſung an den Tag gelegt. 
Es zeigte ſich abermals, daß diefes Haus troß feiner Nechte 
und Vorzüge doch nicht zum Herrfchen beftimmt fei. Das 
Mißgeſchick der Aliden erhöhte aber den Muty und das Ber: 
trauen der Abbaſiden, denen bisher die Anfprüche und zahl: 
reichen Freunde derfelben ein Hinderniß gewefen. Jetzt ver- 
fuchten es die Abbafiden, auch Irak mit Eifer für fid) zu be- 
arbeiten und im Gefängniffe von Kufa machte Bufeir Ibn 
Mahan, einer der thätigften Emifjäre für das Haus Abbas, 
die erſte Befanntichaft Abu Muslim's 1), welcher fpäter den 
Abbafiden den Weg zum Throne babnte. 

Weit ftürmifher als in Irak ging es unter Hifcham’s 
Chalifat in Chorafan her. Gleih im J. 106 (724—725), 
als Chalid's Bruder, Aſad, Statthalter ward, fand in ber 
Gegend von Balch ein fürmliher Krieg unter den Abkömm— 


1) Bei Bufeir fand fih, nad Tab. f. 139, noch Sfa Son Makal 
und Sunus Abu Aaßim im Gefängniffe, welche er für die Abbafiden 
gewann. Don Erſterem Faufte Bufeir den Abu Muslim für -400 
Dirbem und fandte ihn dem Shrahim, einem Sohne Mohammed’s. 
Ibrahim fandte ihn in die Schule zu Mufa Aſſaradj und als er das 
Mannesalter erreichte, nad) Chorafan. Nach einigen Berichten ward 
er fhon im Gefängniffe für die Hafchimiten gewonnen und bis zu 
Thränen gerührt, als er von der ungerechten Zurückſetzung der Fa— 
milie des Propheten hörte. Nach andern Berichten (f. 135) zeigte 
Abu Muslim, noch während er bei Iſa Son Makal war, fo ent: 
fhiedene Liebe für die Hafhimiten, daß Mohammed Son Alt, der 
davon hörte, ihn von Iſa Faufen ließ, welcher ihn ale Sklaven be- 
handelte, obgleich er felbft behauptete, als Freier und von gutem 
Haufe geboren zu fein. Letzteres ift wahrfcheinlich erſt fpäter er: 
dichtet worden, weil die neue Dynaftie ihre Eriftenz nicht gern einem 
Sklaven verdanfen wollte, fo auch wahrfcheinlich die andere f, 232 
und bei Abulf. ©. 474 angeführte Tradition, derzufolge er aus der 
Provinz Kufa und Hausmeifter des Idris Son Mafal war. ©. aud) 
3. Chal. I. 100, 


Hiſcham. 629 


lingen von Mudhar und denen von Rabia und Kahtan ſtatt D), 
den er nur mit Mühe ſtillen konnte. Im Sabre 107 wird 
Chorafan von Emiffären der Abbafiden durchſtreift 2). Zwei 
derfelben werden gefangen und gräßlich verftümmelt, Aſad 
batte um dieſe Zeit die Bölferfchaften am Paropamyfus zu 
befimpfen, das ganze Land zwifchen Herat und Bald war 
in Aufruhr und letztere Stadt hatte in diefen Kriegen fo viel 
gelitten, daß fie unter der Leitung eines Barmafiden ganz neu 
aufgebaut werden mußte ?). Sowohl Aſad's Kriege gegen 
Ghorat als das Miffionswefen der Abbafiden dauerte auch 
noch in den beiden folgenden Jahren fort und der geringe 
Erfolg feiner Unternehmungen geht aus feiner Entfegung (109) 
bervor. 

Aſchras Fon Abd Allah, aus dem Stamme Suleim, 
der an Ajad’s Stelle Fam, weihte feine Verwaltung durch 
Wortbruch ein und bewirkte dadurch den Aufftand von ganz 
Transoxanien, dag nur mit fhweren Opfern und nad) meh— 
rern Niederlagen der Mufelmänner wieder unterworfen wer- 
den fonnte ). Aſchras ward daher im J. 111 zurüdgerufen 
und Djuneid Jon Abd Errahman erhielt, durch die Fürfprache 
einer Gattin des Chalifen 5), die Statthalterichaft von Cho— 
rafan. Diefer war noch unglüdlicher als feine Vorgänger, 
denn er ward auf einem Zuge nad Samarfand, im Thale 
Sogd, vom Feinde umzingelt und er fonnte fih nur Dadurch 


1) Ibid. f. 50. 

2) Ibid. f. 55. Den Gefangenen Abu Serima und Abu Mo- 
hammed lieg Afad Hände und Füße abhauen. 

3) Ibid. f. 56, 

4) Ibid. f. 62. Er verſprach allen ungläubigen Schußgenoffen 
Befreiung von den Steuern, wenn fie fich zum Islam befehren, for: 
derte fie aber dann doch wieder mit Gewalt ein. 

5) Ihid. f. 69, Er hatte ihr, um ihre Gunft zu erlangen, einen 
foftbaren Schmud geſchenkt, den er wahrfcheinlich aus Sndien mit 
gebracht, wo er früher Statthalter war. 


630 Vierzehntes Hauptſtück. 


retten, daß er Saurat Ibn Abd Allah, den Präfeften von 
Samarfand, mit einem Deere von 12,000 Mann opferte ) 
und allen Sklaven, die bei feinem Heere waren, um fie zum 


1) Ibid. f. 71. Wie es eigentlich dabei zuging, würde wahr: 
fcheinlich auch ein bejferer Taktifer aus dem Terte nicht erfehen können. 
„Saurat war in Samarfand, Djuneid ftand, als ihn der Chafan mit 
feinem Heere umzingelte, nocd vier Pharaſangen von Samarfand. 
Er jandte einen Boten an Saurat, welcher mit 12,000 Dann her 
beieilte. Als der Chafan davon Nachricht erhielt, wartete er, bis die 
Mittagshige und der Marfch die Truppen Saurat's ermattet hatte, 
dann ließ er Gefträiuche anzünden, fo daß fie fich nicht dem Waſſer 
nähern Eonnten, dann griff er fie an und es entfamen nur 1000 bis 
2000 Mann. Djuneid feste inzwijchen feinen Marfh nah Samar: 
fand fort, ehe er indefien die Stadt erreichte, ward auch er wieder 
angegriffen und verdanfte feine Rettung nur den Sflaven u. |. w. 
Nach einer andern Tradition war Saurat felbft an feinem Unglüd 
fhuld, weil er dem Thale hätte folgen follen, ftatt deifen aber über 
das Gebirge Fam,” In beiden Füllen fieht man nicht recht ein, warum 
Djuneid ihm nicht zu Hülfe kam, und den Chafan im Rücken angriff, 
während er mit Saurat Fämpfte. Wahrfcheinlich hatte Djuneid nur 
wenig Leute bei fih. Der türf. Tab. ift bei allen diefen Vorfällen 
in Chorafan fehr ungenau und vom Texte verfhieden. Sein Bericht 
über diefen Zug lautet (S. 141): „Während Saurat in Samarfend 
war, zog der Chakan mit 50,000 Mann gegen ihn. Als Djundub 
(jo heißt bei ihm Djuneid) dies hörte, wollte er zuerft Naßr Ibn 
Sejjar zum Entfage ſchicken, dann entſchloß er fih, ſelbſt dahin zu 
ziehen. Der Chakan erhielt aber Kunde davon und ließ alle Päjfe 
befegen. Mit vieler Mühe gelangte indeffen Djundub dod auf Um— 
wegen zu dem Heere des Chafans und ſchlug es in die Flucht. Der 
Chafan griff jest, ehe Djundub ſich mit Saurat vereinigen Eonnte, 
legteren in Samarfand an. Saurat, an der Spike von 20,000 Mann, 
lieferte ihm eine Schlacht, in welcher viele Gläubige umkamen, dod) 
fhlugen fie die Türfen fchon zurüd, als Saurat fiel. Da die Mufel: 
männer nicht fliehen wollten, ftürjten fie fich aufs Neue in die feind» 
lihen Reihen und ftarben bis auf den legten Mann als Märtyrer. 
Der Chafan belagerte hierauf die Citadelle von Samarkfand, in welche 
fih die übrigen Araber zurüdgezogen hatten, aber Djundub fammelte 
ein neues Heer von 43,000 Mann und fehlug den Chafan.“ 


Hiſcham. 631 


Kampfe anzuſpornen, die Freiheit ſchenkte. Hiſcham war ge— 
nöthigt, wenn nicht alle Eroberungen jenſeits des Oxus ver— 
loren gehen ſollten, Djuneid mit 20,000 Mann zu verſtärken. 
Als indeſſen Djuneid wieder allenthalben die Ordnung hergeſtellt 
hatte, ward er entſetzt, weil er eine Tochter des oben erwähn— 
ten Rebellen Jezid Jon Muhallab geheirathet, doch ſtarb er, 
ebe fein Nachfolger Aßim Ibn Abd Allah in Chorafan ans 
langte I. Aßim mißhandelte, nad üblicher Weife, alle von 
feinem Borgänger angeftellten Präfekten, dies bewirfte einen 
Aufftand, an dem alle Anhänger des verftorbenen Statthalters 
Theil nahmen. An ihrer Spige ftand Harth Ibn Schureih, 
der auch unter Djuneid eine hohe Stellung bei dem Heere 
eingenommen hatte. Darth bemächtigte fih, im Namen der 
göttlichen Schrift und der heiligen Gebräuche Aufruhr predi- 
gend, der Städte Bald, Djusdjan, Farijat, Talifan und 
Merwerud, und zog mit 60,000 Mann gegen die Hauptftabt 
von Chorafan. Aßim brachte ihm zwar in der Nähe von 
Meru eine Niederlage bei, doc fonnte er ihn nicht befiegen, 
und auch Aſad, der im J. 117 zum zweitenmale von feinem 
Bruder als Statthalter von Chorafan angeftellt ward, hatte 
noch ſchwere Kämpfe gegen Harth zu beftehen ?). Zulest, 
was bis jest in der Gefchichte des Islams nie vorfam, ging 
Harth zu dem Feinde über und griff, vereint mit dem Chafan, 
ein islamitifches Heer hinter Bald) an, das nur dur un- 
glaublihe Anftrengung, nachdem es ſchon die Flucht ergriffen 
und alles Gepäck in Stich gelaffen, zulegt doch wieder den 
Sieg davon trug ?). Endlich gelangte, als Aſad im J. 120 


1) Ibid. f. 82 im $. 116. 

2) Did. f. 86 u. ff. 

8) Ibid. f. 92. Aſad hatte einen Streifzug gegen Chotal unter: 
nommen, ein and, nach Abulfeda, hinter Bald, zwifchen dem Sluffe 
Badahihan und Wahfchab. (S. Chorasm. et Mawaralnaharae des- 
eriptio etc, Lond. 1650. p. 61.) 


632 Bierzehntes Hauptſtück. 


ftarb, der tapfere und Fluge Naßr Ibn Sejjar zur Statthal- 
terfchaft von Chorafan. Durch eine allgemeine Begnadigung, 
die er felbft den abtrünnig gewordenen Bewohnern des Lan- 
des zu Theil werden ließ, gewann er bie Liebe der Bewohner 
von Sogd und er fonnte, durch fie verftärft, das längſt ab- 
gefalfene Ferghana wieder unterwerfen ). Vergebens fuchte 
Sufuf, der Statthalter von Irak, welder gern eines feiner 
Geſchöpfe, wie Chalid früher feinen Bruder Afad, in Chora= 
jan haben wollte, Naßr bei dem Chalifen zu verbäcdhtigen 2). 
Hiſcham durchſchaute den niederträchtigen Thafifiten und ließ 
Napr, zum Wohl der Bewohner von Chorafan und Trans— 
pranien, an feiner Stelle. Die Miffionäre der Abbafiden festen 
indeffen auch unter Naßr's Statthalterfchaft ihre Thätigfeit 
fort, obgleich ihr Anfehen durch einen gewiffen Chadaſch, wel- 
cher ihre Rechte verfocht, Dabei aber die frechfte Sittenlofigfeit 
und Srreligiöfität predigte, fehr gelitten hatte, bis endlich Mo— 
hammed Jon Alt ihn öffentlich verläugnete und denen, bie ihn 
für feinen Agenten gehalten, einen Verweis gab ?). 


— 


1) Wid. f. 107, 126 u. ff, u. 136. Zwiſchen Aſad und Naßr 
war Djafar Albahranı 4 Monate lang Statthalter. 

2) Sufuf verfpradh dem Muiz; Son Ahmar, weldhen Naßr zu 
dem Chalifen fchiefte, um ihm Nachricht von feinem Siege in Fer: 
ghana zu geben, die Statthalterfchaft von Sind, wenn er Naßr des 
Hochmuths ankflagte, eine Untugend, welche der argwöhniſche Chalife 
am mwenigften duldete. Ihbid. f. 137. 

8) Ibid, f, 91, wo erzählt wird, daß Chadaſch im J. 118 Frauen: 
gemeinſchaft erlaubte, dann auf Befehl Afad’8 gehängt ward, ferner 
f. 109, wo es heißt: Mohammed Ibn Ali ſchickte Bufeir Ibn Mahan 
nad) Chorafan, um die Irrlehren Chadafch’s zu verläugnen, als man 
ihm aber feinen Glauben fchenfte, fandte er ihnen Stäbe, von denen 
ein Theil mit Eifen und ein Theil mit Mefjing befchlagen war, fie 
erkannten daraus, daß fie von feinem Lebenswandel abgemwichen und 
befehrten fih. Sollten die Abbafiden es wirklich gewagt haben, auch 
auf diefem Wege ihr Glück zu verfuchen, oder war Chadaſch ein 
Abtrünniger? Letzteres ift doch wahrfcheinlicher, Nach Abulfaradi 


Hiſcham. 633 


Die mufelmännifchen Befisungen in Indien wurden unter 
Hiſcham zuerft von Djuneid verwaltet, den ſchon Jezid N. 
zum Statthalter von Sind ernannt hatte. Er fämpfte in 
Indien mit mehr Glück, als fpäter in Transoranien, doch fo 
wie er bier, um fich zu retten, gegen Saurat Verrath übte, 
jo griff er auch wahrfcheinlich verrätherifcher Weiſe mitten im 
Frieden den Sohn Daher’s am Indus an und mordete meuch— 
leriſch deſſen Bruder, welcher fi über feine Treulofigfeit bei 
Chalid oder dem Chalifen jelbft beflagen wollte ). Die von 
Djuneid wieder unterworfenen Provinzen und Städte ?) gin- 
gen unter feinem freigebigen, aber ſchwachen Nachfolger Temim 
Fon Zeid Alotbi wieder verloren und die Indier, welche ſich 
unter Omar Jon Abd Mlaziz zum Jslam befehrt hatten, fielen 
wieder von einem Glauben ab, den Männer wie Djuneid 
predigten, die fi) durch DVerrath, Raub ) und Mord verhaßt 


©. 209 hatte Chadaſch auch Gebet, Pilgerfahrt und Faften mie die 
frätern Batiniten als unmefentlich erklärt und die darauf bezüglichen 
Koransftellen allegorifch gedeutet. Daß der Koran von den Abba: 
fidven auf eine eigene Weiſe interpretirt wurde, geht auch aus einem 
Briefe Abu Muslim's an den Chalifen Abu Djafar bei Tab. AII. 
©. 60 hervor. Vergl. auch Schehreft. S. 109. 

1) Beladori bei Renaud fragmens p. 175 u. ff. Nach einer Tra- 
dition griff der Sohn Daher’s zuerft zu den Waffen, nach einer an- 
dern wollte ihm Djuneid einen Tribut auferlegen, was einen Auf: 
ftand der Indier verurfahte. Für Djuneid's Verrath jpricht erftens 
der Umftand, dag arabiihe Quellen felten ihre Feldherren grundlos 
anflagen, und zweitens die unbeftrittene Thatjache, daß er einem 
andern Sohne Daher’8, welcher nach Sraf reifen wollte, jo lange 
fhmeichelte, bi8 er fih mit ihm verfühnte und ihn dann meuchel— 
mordete. 

2) Es werden Kyredj, Barus und Albayleman genannt und 
noch einige Andere, die aber wahrfcheinlich fo fehlerhaft gefchrieben 
find, daß fie fih nicht näher beftimmen laſſen. 

3) Seinen Gefährten foll Djuneid 40,000,000 Dirhem geſchenkt 
und eben jo viel mitgenommen haben. Gr verließ Indien gegen dad 
3,108 d. 9. 


634 Bierzehntes Hauptſtück. 


gemacht, Der Haß, welcher aufs Neue die Indier gegen bie 
Mufelmänner entflammte, nöthigte Hafım Jon Awana, der 
nah Temim’s Tod Statthalter von Sind ward, fefte Städte 
anzulegen, in welchen fie eine fichere Zuflucht fänden. So 
ward zuerſt Mahfuza (die gefhüste) von Hakim felbft und 
dann Deanfura (die fiegreihe) von feinem Emir, Amru Ibn 
Mohammed, gegründet, welche lange Zeit Hauptftadt der Statt- 
halter von Indien blieb. Bon diefen feften Punften aus un— 
ternahmen die Araber weitere Streifzüge und unterwarfen 
wieder einige verlorene Provinzen, doch eigentliche Fortſchritte 
wurden unter den Omejjaden feine mehr gemacht. 

Auh an der nördlichen und norbwetlichen Grenze des 
Reichs fiel es den Waffen des Islams fehwer, die früher 
eingenommene Stellung zu behaupten, obgleich wir auf diefer 
Seite nichts von inneren Unruhen vernehmen. Die Macht 
des Chalifen war zu fehr zerfplittert, als daß auf irgend 
einem Punfte bedeutende Bortheile errungen werben fonnten, 
und die ſchon in früheren Feldzügen reich gewordenen Araber 
fehnten ſich jest mehr nad Ruhe und Genuß, als nach neuen 
Entbehrungen und Kriegsftrapazen. Der religiöfe Eifer hatte 
abgenommen, das Verlangen nad Ruhm und nationaler Größe 
ward weder durch innere Cinigfeit, noch durch Liebe zu dem 
Dberhaupte genährt. 

Mit den Alanen im Norden Armeniens fhloß Haddjadj 
Fon Abd Almalif gleich im erften Negierungsjahre Hiſchams 
einen Frieden I), und wir hören yon feinem andern Zuge 
der Araber nad) dieſer Seite hin, bis zum Jahre 110, unter 
Leitung des Maslama Ibn Abd Almalik ). Im folgenden 


1) Tab. f. 50. Es heißt im Terte „Allan” Im Kamuß Tieft 
man: „Allan ift der Name eines Volkes und eines Königreichs auf 
der Seite von Armenien. Es ift das Fand, das jest Taghiftan 
heißt und defien Hauptftadt Kuimuf ift.“ 

2) „sm 5. 110 (728 — 729) unternahm Maslama einen GStreif: 
zug gegen die Türken, gegen die Pforte der Allan (bäb Allan), 


Hiſcham. 635 


Fahre wurden die Mufelmänner in Adferbidjan von den Türken 
und Alanen angegriffen ) und im Jahre 112 ward ihr ganzes 
Heer fammt feinem Anführer Djarrab Ibn Abd Allah bei Ardebil 
aufgerieben 2). Said Ibn Amru Aldjuraſchi führte ein neues 
Heer nach Adferbidjan und drang” fiegreich gegen die Chofaren 
vor, eben jo fein Nachfolger Maslama Ibn Abd Almalif, 
der wieder Streifzüge bis über Balandjar hinaus machte 3) und 
Derbend befeftigte. Doch fiel er im Jahr 114 in einem 
Treffen gegen die Choſaren und an feine Stelle fam der 
fpätere Chalife, der Leste der Dmejiaden, Merwan Ibn 
Mohammed, ein Enfel Merwans I. *), als Statthalter von 


welcher einen ganzen Monat dauerte. Nach einem heftigen Regen 
ergriff der Chafan die Flucht. Maslama Fehrte dann zurüc nad) 
Masdjad Diusl-Karnein. (Mofchee Aleranders des Zweihörnigen, 
fo heißt Alerander der Große bei den Arabern).” Nah Theoph. 
©. 626 ſcheint doch Maslama auf diefem Zuge auch bedeutenden 
Berluft erlitten und darum den Rüdzug angetreten zu haben. Gr 
feßt diefen Zug in das J. 721. AM. 
1) Ibid. f. 69. 


2) Ibid. f. 70. Auch im türf, Tab., der die Einzelnheiten näher 
angibt. ©. 131 u. 1855. ©. auch Theoph. ©. 626, wo Djarrah 
Garahus heißt und die Niederlage in das J. 120. Al., alſo ohnge- 
fähr zwei Jahre zu früh gefegt wird. 


3) Ibid. f. 80. Maslama erfchlug in der Gegend von Balandjar 
den Sohn des Chakans und unterwarf das Land hinter dem Ge- 
birge Balandjar. Im Kamuß kommt Balandjar nur ald Name 
eines Drtes im Lande der Chofaren, aber nicht ald Gebirg vor. 


4) Ibid. f. 81. Dies ftimmt fo ziemlih mit Theophanes p. 680 
überein, welcher unter dem $. 723 (Alex. 731 n. Chr. = 118 — 114 
d. 9.) berichtet: »Hoc anno Masalmas in Turciam exereitum eduxit, et 
cum jam Caspias portas attigisset, metu correptus, retro cessit.« Bei 
Abulf. S. 452 fommt er noch im 3. 121 gegen die Griechen käm— 
pfend vor. Es iſt aber wahrfcheinlich eine Verwechslung mit Mas— 
lama Ibn Hiſcham, wie er bei Tab. f. 121 genannt wird. Elmakin 
©. 81 fest Maslama's Tod in das 3. 122. Ibn Kuteiba in das 
3.123. Vergl. Reisfe’s Nott. S. 124. 


636 Vierzehntes Hauptſtück. 


Armenien und Adferbidjan. Diefer nahm im Jahr 117 die 
Stadt Tumanfchah und machte im Jahr 121 das Land des 
Fürſten der Alanen zwifchen dem fchwarzen und kaſpiſchen 
Meere tributpflichtig ). Gegen die Chofaren am Kaufafus 


1) Tab. f.117 u. 1.118. „Sn diefem Sahre machte Merwan eine 
Ghaziat in das Land des Herrn des goldenen Thrones und nöthigte 
ihn, jährlich 1000 Köpfe (Stück, Sklaven) als Tribut zu entrichten. 
Bei Abulf. ©. 452 70,000 Köpfe. Nah dem Kamuf ift das Land 
des Thrones (Serir) das zwifhen Allan und Derbend gelegene Land, 
welches jeinen eignen Padiſchah hat und deſſen Bewohner ihren 
eignen Glauben haben. Nach den geographifhen Büchern, jo fährt 
der Kamuß fort, ift Serir Allan das Königreih, das jekt Ta- 
shiftan heißt und deſſen Hauptitadt Kuimuk if. Es wird Gerir 
genannt, weil Nufchirman einen feiner Verwandten mit vollfomme: 
ner fönigliher Gewalt als Statthalter dahin fjandte, fo dag er 
gleihfam wie auf einem Throne ſaß. Vergl. auch Reiske's Noten 
©. 123, wo aus der Geogr. Nub. ein anderer noch unmwahrjchein- 
liherer Grund für diefen Namen angegeben wird. Sm türf. Tab. 
©. 135 — 140 findet man mehr Einzelnheiten über Amru’s, Masla: 
ma’s und Merwand Züge, es find aber mehr Sagen als gejhicht: 
fihe Thatfahen, Gott weiß, aus welchen Quellen gefhöpft. Der: 
felbe läßt Maslama nah der Ginnahme von Derbend nad) Syrien 
zurüdfehren und feine Statthalterfchaft dem Merwan Sbn Mohams 
med übergeben. Merwan mußte gleich wieder bei Balandjar Krieg 
führen, weil die Chofaren wegen Maslama’s Rückkehr neuen Muth 
fhöpften. Diefer Feldzug heißt der Kothfeldzug (Ghazwat Altın), 
mweil es fo viel regnete, daß der Boden überall ſchlammig ward. 
Nach - feiner Rückkehr wird Merwan entfegt und Said Sbn Amru 
kömmt an feine Stelle, der fein Lager in Derbend aufihlug und 
von da aus weitere Streifzüge machte. Amru ward aber blind, er 
ward abgerufen und Merwan erhielt feine Statthalterfchaft wieder. 
Gr bricht mit 120,000 Mann aus Syrien auf, untermwirft ganz Ar- 
menien, dringt dann in das Land der Chofaren, läßt es hinter fic 
und madht Streifzüge bis in die Bulgarei (?), umgeht alſo ganz 
Südrußland (Chozarilerden gudjub ssakalibehjeh gidub u. f. w.). End 
lich befehrt fich der immer flüchtige Chafan zum Islam und Mer- 
wan ehrt nah Derbend zurüd. Statt Serir kömmt dann eine 
Feftung Sermez vor, in mwelhe Merwan als Gefandter eindringt, 
um ihre Blöße zu erfpähen. 


Hiſcham. 637 


ſcheint aber Merwan unter Hiſcham nicht mehr ins Feld ge— 
zogen zu ſein, oder wenigſtens keine bedeutenden Siege errun— 
gen zu haben, ſondern ſeine Thätigkeit mehr der vollſtändigen 
Unterwerfung der unmittelbaren Grenzprovinzen zwiſchen Te— 
bris, Eriwan und Erzerum zugewendet zu haben. 

Trotz der großen Verluſte, welche zu wiederholtenmalen 
die Araber am Kaukaſus und in Transoxanien erlitten, ward 
doch unter Hiſchams Regierung der Krieg gegen die Byzan— 
tiner keinen Augenblick unterbrochen. Leo, der Iſaurier, war 
zu ſehr mit ſeinen eignen Unterthanen beſchäftigt, die ihn 
wegen feiner Edikte gegen die Bilderverehrung als einen gott- 
lojen Menſchen verabfcheuten, als daß er gegen die von allen 
Seiten ber. in fein Neich eindringenden Mufelmänner die 
nötbige Aufmerffamfeit und Macht hätte aufwenden fönnen, 
darum find aud bier die Waffen des Jslams glüdlicher als 
an andern Theilen des Reichs, obgleich die Araber auch bier 
zulest fchwere Niederlagen erleiden. 

Im Jahre 107 (Mai 725— 726) drangen zwei ara- 
biſche Heere nad Kleinaften unter der Führung Maslama’s 
Fon Abd Almalif und Muawia's Ibn Hiſcham und erfterer 
nahm im folgenden Jahre wieder von Cäſarea in Cappado— 
eien Beſitz ). Nach griechiichen Berichten drangen fie dann 
bis Nycea vor, belagerten diefe Stadt, welche aber Conftan- 
tin jo tapfer vertheidigte, daß fie, jedoch mit reicher Beute 
beladen, wieder in ihre Heimath zurückfehrten 7). 

Die Raubzüge der Araber zu Land und zu Waſſer wie- 
derholen fih nun mit jedem Jahre, die Flotte befehligte zuerft 
Abd Allab, ein Sohn des tapfern Okba Ibn Naft, fpäter 
Abd Alla Fon Abi Mariam, und das Landheer Muawia 
Ibn Hiſcham, ein Sohn des Chalifen und fein Bruder Su: 
leiman. Außer der Eroberung und Berheerung einiger Orte 


1) Tab. f. 55 u. 57. Ibrahim Ibn Hiſcham, heißt ed an leß- 
terer Stelle noch, nahm eine andere griehifhe Feftung. 
2) Theoph- ©, 621 u. 624, 


638 Vierzehntes Hauptſtück. 


in der Nähe von Malatia durch Muawia im J. 112), 
melden die Araber nichts von Bedeutung bis zum Jahre 114 
(732 — 733), in weldem Abd Allah Albattal, einer von 
Muawia’s Generälen, Konftantin gefangen genommen haben 
fol). Damit ift wahrſcheinlich Tiberius aus Pergamos ge- 
meint, welden, nad griechiſchen Quellen, die Araber für 
einen Sohn Juftinians ausgaben oder hielten, als Faiferlichen 
Prinzen nah Ferufalem fandten und zur Bewunderung aller 
Syrer im Lande herum reifen ließen ?). Eine Niederlage des 
arabifchen Heeres unter Abd Allah Albattal, welcher felbft 
auf dem Kampfplage blieb, wird von den Arabern ſowohl, 
als von den Byzantinern in das Jahr 739 gefegt ), Ein 
Theil des Heeres war unter Abd Allah gegen Acroinum 
und ein anderes unter Suleiman gegen Tyana vorgerüdt. 
Legterer fehrte mit unermeßlicher Beute und vielen Gefange— 
nen nad Syrien zurüd, Abd Allah ward aber von dem Kaifer 
und feinem Sohne Conftantin aufs Haupt geſchlagen, und mit 


1) Tab. f. 70. 
2) Ebendaf. f. 80. 


3) Theoph. S. 632. Die Zeit ftimmt freilich nicht überein, denn 
Theoph. berichtet dies unter dem J. 729 (Al), alſo etwa vier Sahre 
fpäter, als nad) arabifhen Angaben. Bei El Mafin S. 80 wird 
fogar die Gefangennahme Conftantins in das J. 113 gefest, Wäre 
Konftantin wirffich gefangen worden, fo hätten die ihn verabſcheuen— 
den Byzantiniſchen Hiftoriker es gewiß nicht verjchwiegen. 


4) Bei Tab. wird der leßte Zug Abd Allah's und der Gulei: 
mans getrennt angegeben. Erfterer im Jahre 122 (Tten Dec. 739 — 
26ten Nov. 740), wo es heißt (dd. 185): „in diefem Sahre wurde 
Abd Allah Albattal in Rum mit feinem Heere gejchlagen und ge: 
tödtet.“ Letzterer im J. 124 mit folgenden Worten (f. 189): „In 
diefem Sahre kämpfte Suleiman Ibn Hifham gegen die riechen. 
Leo, der Kaifer der Griechen, rücte gegen ihn heran, er entkam 
aber glücklich und trug Beute davon.“ 


Hifcham. 639 


Mühe gelang es einigen taufend Flüchtlingen, nad Synnada 
zu entfommen ?). 


Am deutlichiten zeigt ſich jedoch die Ohnmacht der Re— 
gierung und die immer lockerer werdenden Bande des Gehor- 
fams und der Unterwürfigfeit in Afrifa und Spanien. 


Behr Ibn Safıvan Alfelbi, der fchon unter Jezid zum 
Statthalter von Afrifa ernannt worden, warb von Hiſcham 
betätigt und blieb in diefem Amte bis zu feinem Tode im 
Sabr 109. Es wird aber nichts anderes von ihm erwähnt, 
als daß er einige unglüdlihe Raubfahrten gemacht und alle 
ehemaligen Beamten und Freigelaffenen Mufa’s Ibn Nußeir 
gepeinigt 2). Unter der Statthalterfchaft feines Nachfolgers 
Ubeida Fon Abd Errahman Hatte abermals die afrifanifche 
Flotte, welche die Hafenftädte Sieiliens ausplündern wollte, 
fein Glück. Ein Sturm zertrümmerte die meiften Schiffe, ber 
Anführer Muftanir ®), deffen Schiff nah Tripoli verfchlagen 
wurde, ward eingeferfert, weil er nicht vor der flürmifchen 
Jahreszeit heimgefegelt. Im Sabre 116 ward der bisherige 
Statthalter von Egypten, Ubeid Allah Ibn Alhabhab nad 


1) Theoph. ©. 633. Der von Theoph. genannte Feldherr Me: 
lich iſt vielleicht Said Son Abd Almalit, der auch bei Tab. vor: 
fommt. Gamer iſt ein Sohn des Chalifen Sezid IL, Bruder des 
folgenden Chalifen Welid und kommt bei Tab. f. 154 als Anführer 
eines Heeres gegen die Griechen im J. 125 vor, 


2) Son Abd Alh. ©. 121. 


3) Ebend, er heißt in der einen Handfchrift Muftanir und in 
der andern Muftatir. Ubeida fchrieb feinem Präfekten von Tripoli, 
Sezid Son Muslim Alkindi, ihn feft zu nehmen und in Ketten unter 
fiherer Bedeckung nah Kairaman zu ſchicken. Bei feiner Ankunft 
in Kairawan lieg ihn Ubeida zuerft prügeln, dann auf einem Efel 
in der Stadt herumführen und in der Folge ward er jede Woche 
aufs Neue geprügelt u. f. w. 


640 VBierzehntes Hauptſtück. 


Afrika verfegt D. Unter feiner Berwaltung machte Abd Allah 
Ibn Habib Ibn Abi Ubeida einen Streifzug in das Land 
Sus und Sudan. Bald nachher empörten fi die Berber 
und erfchlugen zuerft ven Präfeften von Tanger, Omar Ibn 
Abd Allah Almuradi, der fie in Betreff ihrer Abgaben wie 
Ungläubige behandelte, dann Ubeid Allah's eigenen Sohn, 
Ismail, welcher in Sus Unterftattbalter war. Ubeid Allah 
fandte Chalid Ibn Abi Habib Alfibri gegen die Rebellen mit 
den angefehenften Männern Arabiens, fie wurden aber ſämmt— 
ih von den Berbern erfchlagen. An der Spige diefer Berber, 
welchen fih auch Araber anfchloffen, die zur Sefte der Cha- 
ridjiten gehörten, alfo wahrfcheinlih mit den Empörern im 
Mutterlande, oder vielleicht mit den Abbaftden in Verbindung 
waren, ftand Meifara 2), Habib Ibn Abt Ubeida, der jest 
gegen die Rebellen gejchieft wurde, Fonnte um fo weniger 
etwas ausrichten, als er felbft den treugebliebenen Truppen, 
die fih um Mufa Jon Abi Chalid in Tlemſen gereiht, nicht 
traute und diefem Hände und Füße abbauen ließ. Der Chalife 
fandte jest Koltbum Ihn Jjjadh Alkuſcheiri“) (123) nach Afrika, 


— 


1) Ebendaf. ©. 122. Nach einigen Berichten verließ Ubeida 
Afrika fhon im NRamadhan 114. Proviforifch war von ihm Okba 
Son Kudama Altadjibi zum Statthalter eingefegt. Ubeida war in 
Ungnade beim Chalifen gefommen, aber fein Vergehen wird nicht 
näher angegeben. Die vielen Gefchenfe, die er dem Chalifen an 
Sflaven, Sklavinnen (700), Pferden, Gold und Silber machte, 
fiherten ihm jedoch eine freundlihe Aufnahme. 

2) Ebend. ©. 123. Meifara, oder nad dem andern Cod. Ma: 
fira Alfakir. Er nannte fih Chalife und ließ ſich als ſolchem huldi— 
gen. Die Araber, welche ſich dem Aufftand anfchloffen, ihn vielleicht 
anftifteten, gehörten, nadı Son Abd Alh., zur Sefte der Spfarijje 
oder Sifarijje, die nach) dem Kamuß einen Zweig der Harurije bil: 
deten. Shr Oberhaupt war entweder Abd Allah Ibn Soffar, oder 
Bijad Ibn Alaßfar. Lesterer Anfiht ift Schereftani I. ©. 102, wo 
man Mäheres über diefe Sefte findet. 

3) Sp bei Tab. f. 185 u. A., der jedoch Kolthums Tod in das 
3.122 fest, Bei Iom Abd Alh. a a. D, heißt er Alfeifi. Seine 


Hiſcham. 641 


Kolthum ſandte ſeinen Neffen Baldj Ibn Beſchr voraus gegen 
die Rebellen, er ſelbſt folgte nach. Kaum hatte aber Kolthum 
mit ſeinem Heere Kairawan verlaſſen, als der von ihm zu— 
rückgelaſſene Statthalter von den Charidjiten angegriffen ward. 
Akuſcha Ibn Ajjub Alfazari, aus der Gegend von Kabis, 
fandte nämlich einen Bruder, an der Spite vieler von ihm 
zufammengebrachten Berber aus dem Stamme Zenata, gegen 
die Stadt Sabra. Er warb zwar von dem Emir von Tri- 
polis geichlagen, als aber hierauf Maslama, der Gouverneur 
von Kairawan H, Ukaſcha felbft in Kabis angriff, ward er 
in die Flucht getrieben und genöthigt, fih in Kairawan zu 
verſchanzen. Koltbum rückte inzwifchen gegen die Berber vor, 
die fich in der Gegend von Tanger gefammelt und ein neues 
Oberhaupt gewählt hatten 2) und ließ fie, gegen den Rath 
des Habib Ibn Abi Ubeida 3), von Baldj's Reiterei angrei- 


Sendung nah Afrika wird in den Monat Djum. Achir des J. 123 
gefest, fein Tod nach einigen Berichten (S. 124) ſogar erft in das 
Sahr 124. 

1) Maslama Ion Sawada, ein Kureifhite, ward von Kolthum 
über das Heer gejegt und die eigentlihe Verwaltung dem Abd Er: 
rabman Ion Okba Alghifari anvertraut. Ibn Abd Alb. ebend. 

2) Der neue Häuptling hieß Chalid Ion Homeid Alzinati und 
feine Leute gehörten auch, fo berichtet abermals Ibn Abd Alh., zur 
Sefte der Sofarijje. Meifara war nämlich von feinen eignen Leu: 
ten umgebracht worden. Dies erzählt aud Ibn Abd Alh. ©. 123. 
Dann heißt es aber: „und fie übertrugen die Herrichaft dem Abd 
Almalit Ibn Katan,“ während doch S. 124 Chalid Ibn Homeid 
als ihr Anführer genannt wird. Hier ift offenbar eine Lücke in der 
Handfarift, die fih aus Numeiri (journ. as. Ser. II. Bd. 12. ©. 445) 
leicht ergänzen läßt, wo es heißt, daß die Spanier, als fie Ubeid Allah’s 
Niederlage erfuhren, den von ihm eingefegten Statthalter Okba Ibn 
Alhaddjadj entjegten und Abd Allah Ibn Katan ftatt feiner er— 
nannten. 

3) Diefer ward von Baldj und Kolthum verhöhnt und mißhan- 
delt, bei ihm war fein Sohn Abd Errahman, der natürlich gegen 
Baldj fehr erbittert ward, was, wie wir in der Folge fehen werben, 
viele Unruhen in Spanien veranlaßte, Ebend. ©. 124. 

41 


642 Vierzehntes Hauptftüd. 


fen, welde, von den Bogenſchützen der Berber zurüdgewor- 
fen, auch das Fußvolf in Unordnung bradte. Sekt wollte 
Koltbum den Dberbefehl dem Habib übergeben, es war aber 
zu fpät, die halbnackten Berber folgten der flüchtigen Reiterei 
auf den Ferfen nach und richteten unter den ſchon gebrochenen 
Reihen des Fußvolfs ein furdhtbares Blutbad an. Kolthum 
jowohl als Habib famen in der Schlacht um. Baldj gewann 
aber die Küfte und rettete fich mit den fyrifchen Truppen durd) 
die Flucht nad) Spanien. 

Im Safar des Jahres 124 fandte Hifham den Han 
zala Ibn Safwan, welder bisher Statthalter yon Egypten 
war, nah Afrika. Diefer Tieg Okba Ibn Abd Errahman 
an der Spike eines Heeres gegen den noch immer nicht be- 
fiegten oben genannten Charidjiten Ukaſcha ziehen. Ukaſcha 
ward gefchlagen, fammelte aber bald wieder ein neues Heer 
und vereinte fih mit einem andern Charidjiten, Abd Alwahid 
Son Jezid Alhawwari. Den verbündeten Rebellen gelang eg, 
den Truppen Dfba’s wieder ihren Sieg zu entreißen, ihn 
felbft zu tödten und Tunis zu nehmen. Beide Rebellen rück— 
ten nun, an der Spike zahlreicher Berber, die, felbft nad) 
Unabhängigfeit ſtrebend, jedem Aufrührer willig folgten, 
von verichiedenen Seiten her, gegen die Hauptftadt Kairawan. 
Hanzala war in der größten Noth, aber die Raubfucht feiner 
Feinde rettete ihn. Statt gemeinfchaftlich zu operiren, wollte 
Abd Alwahid fowohl als Ukaſcha allein und zuerft von ber 
reihen Stadt Kairawan Befis nehmen, und beide forderten 
Hanzala zur Uebergabe derfelben auf, Diefer verfprad wahr- 
fcheinlich jedem von Beiden, fie zu überliefern, fo daß fie in 
ihrer Zvennung verharrten, fchlug aber den einen nad) dem’ 
andern in die Flucht, weil diesmal die Erhaltung des Gutes 
und des Lebens alle Bewohner Kairawans zu einem Ausfalle 
anfpornte N). 


1) Dies gefhah nah Son Abd Alb. ©. 126 im Sahr 125, alfo 
im Todesjahre Hiſcham's. Abd Alwahid, welcher in Aßnam, nur 


Hiſcham. 648 


Der häufige Statthalterwechſel in Afrika, die inneren 
Kriege zwiſchen einem Theile der Araber unter ſich ſelbſt und 
zwiſchen dieſen und den Berbern, mußte natürlich auch auf 
die Verhältniſſe der Araber in Spanien großen Einfluß üben, 
einmal, weil Kairawan gewiſſermaßen das Verbindungsglied 
zwiſchen Damask und Cordova bildete und die meiſten ſpa— 
niſchen Statthalter von denen von Afrika ernannt wurden, 
noch mehr aber, weil der größte Theil der islamitiſchen Be— 
völkerung der ſpaniſchen Halbinſel von afrikaniſcher Herkunft 
war, darum auch die dortigen Händel ſie als Stammgenoſſen 
nahe berührten. 

Hiſcham's erſter Statthalter in Spanien war Anbaſa 
Ibn Suheim Alkelbi, der nach einigen Quellen ſchon von 
ſeinem Vorgänger dazu ernannt war. Seine Bemühungen, 
mehr Ordnung in die Verwaltung zu bringen, werden von 
arabiſchen Autoren gelobt, von den ſpaniſchen aber, weil er 
die Abgaben der Chriſten vermehrte, getadelt. Schon im 
zweiten Jahre von Hiſcham's Regierung (725 n. Chr.) ver— 
ließ aber Anbaja die Halbinfel, um die unter Al Samah 
erlittene Niederlage in Frankreich zu rächen, Carcaſſone ward 


noch eine Tagreife von Kairawan, fein Lager hatte, fiel im Kampfe. 
Ukaſcha, welher mit feinen Truppen bis Karn vorgedrungen, nur 
noch ſechs Milien von Kairawan, entfam, ward aber fpäter von 
Berbern gefangen und dem Statthalter gebracht, der ihn hinrichten 
lieg. Abd Almahıd und feine Sofarijje waren befonders gefürchtet, 
heißt es bei Sbn Abd Alh., weil fie es für erlaubt hielten, die 
Frauen und Kinder ihrer Feinde gefangen zu nehmen und als Skla— 
ven zu behandeln. Daß Hanzala dem Ukaſcha Verfprehungen ge— 
macht, um ihn dadurdh abzuhalten, fih mit Abd Alwahid zu vers 
einen, wird ausdrüdlid von Son Abd Alb. erwähnt. Nuweiri 
a. a. D. hat davon nichts. Nach diefem Autor ward Ukaſcha zuerft 
angegriffen, nadı Sbn Abd Alh. aber Abd Alwahıd, dann brach Hanzala 
noch in der Nacht, ehe Ukaſcha etwas von der Niederlage Abd Al: 
wahid’s erfuhr, gegen Karn auf und überrumpelte Wkafcha mit 
Tagesanbruch, der wahrfheinlich, ftatt eines feindlichen Heeres, eine 
friedlihe Geſandtſchaft erwartete. 
4 * 


644 Vierzehntes Hauptſtück. 


mit Sturm genommen und der Wuth der Soldaten preis 
gegeben. Nimes übergab ſich und ſtellte Geiſeln, die nach 
Barcelona geſchickt wurden und das ganze mittägliche Frank— 
reich ward von arabiſchen Horden durchſtreift, welche beſon— 
ders gegen Klöſter und Kirchen wütheten ). Anbaſa ſoll 
indeſſen, nach einigen Berichten, ſchon im Jahr 107 (125 
— 126) umgekommen fein und Udſrah Ibn Abd Allah AL 
fihrt einen Theil des Heeres über die Pyrenden zurüdgeführt 
haben. Obſchon Udſrah fowohl wegen feiner Tapferkeit alg 
Diederfeit in Spanien fehr beliebt war und das Volk ihm 
gern gehorchte, mußte er doch auf Befehl des Statthalters 
von Afrika nad einigen Monaten feine Stelle dem Jahja 
Ibn Salma abtreten, wahricheinlih nur, weil er auch ein 
Kelbite war, wie Beſchr Ibn Safwan, der um diefe Zeit 
noch Afrifa verwaltete, Jahja blieb bis zum Tode feineg 
Protectors Statthalter von Spanien, als aber im Safar des 
Jahres 110 (Mai — Juni 728) Ubeida Jon Abd Errah— 
man Alfeifi die Statthalterfchaft von Afrika erhielt 7), ward 
auch ein Keifite, Hubdfeifa Jon Alahwaß, über Spanien ges 
fegt 9). Diefer blieb nicht ganz ein Jahr Statthalter und 
ihn folgen in den nächften zwei Jahren, ohne daß man weder 
ihre Reihenfolge, noch die Dauer: ihrer Verwaltung, ja nicht 
einmal die Art ihrer Ernennung mit Beftimmtheit anzugeben 
vermöchte, Othman Jon Abi Nefa, Alheitham Ibn Ubeid 


1) ©. Reinaud Invas. des Sarr. en France. p. 22 u. ff. 

2) Son Abd Alh. ©. 121. 

3) Maffar, ©. 36. Im Rabia Awwal des Jahres 110. Diefes 
Datum ftimmt mit dem von der Ernennung Ubeida’s fo gut überein, 
dag nicht zu zweifeln ift, daß Hudfeifa feine Statthalterfhaft ihm 
verdanfte. Jahja wäre demnah, was auch von Ibn Chaldun an- 
genommen wird, 2", Zahre Statthalter geweſen. Zwiſchen Sahja 
und Hudfeifa fällt, wie Pasc, ©. 408 N. 20 u. 21 richtig bemerkt, 
die von Ginigen erwähnte Statthalterfhaft Othman's Ibhn Abi 
Uberda, der fih gegen Jahja empörte und mit Hülfe der Berber 
der Stadt Cordova bemächtigte. 


Hiſcham. 645 


und Mohammed Ibn Abd Allah Y. Innere Unruhen, wäh— 
rend derer die Herrſchaft getheilt war, Kriege zwiſchen Jeme— 
niden und Abkömmlingen Mudhar's, zwiſchen Arabern und 
Berbern, ſind der Grund dieſer Ungewißheit und Verſchie— 
denheit der Angaben. Gewiß iſt, daß im Jahr 113 (731) 
Abd Errahman Ibn Abd Allah, der ſchon einmal an der 
Spitze des Heeres geſtanden, wieder Statthalter war, und 
auch diesmal ſich die Liebe des Volks durch ſeine Gerechtig— 
keit und Unparteilichkeit und die der Truppen durch genaue 
Vertheilung der Beute ?) erwarb. Abd Errahman züchtigte 
zuerft, nad einigen Berichten, den frühern Statthalter Abu 
Nesa, von den chriftlichen Chronifen Munuza genannt, der 
fih gegen ihn empörte und mit Herzog Eudo in ein Bündnig 
getreten war 3). Im Jahr 132 überftieg er felbft an ver 
Spige eines furdtbaren Heeres die Pyrenden und drang, 


1) ©. Lembfe ©, 285 N. 2 und Pasc. a a D. 

2) Ibn Abd Alb. erzählt ©. 122: „Ubeida hatte Abd Errahman 
Ibn Abd Allah Alakfı über Andalus gejegt, er war ein frommer 
Mann und mabte einen Feldzug gegen Afrandja, welde die ent- 
fernteiten Feinde von Andalus; er beſiegte fie und nahm viele Beute 
weg, darunter war auch ein goldener Mann, mit Perlen, Hyacinten 
und Smaragd verziert. Er ließ ihn (den Mann, die Statue) zer: 
fhlagen, fonderte den fünften Theil davon (für den Staatsſchatz 
oder den Chalifen) ab, und theilte das Webrige unter den Truppen 
aus, die mit ihm waren. Als Ubeida dies hörte, gerieth er in 
heftigen Zorn und ſchrieb ihm einen drohenden Brief. Abd Errah— 
man ermiederte darauf: wahrlich, wäre der Himmel und die Erde 
verfohlofien, fo würde der Barmherzige, zum Segen ter ihn Fürch— 
tenden, fie au öffnen. Dann unternahm er einen zweiten Feldzug 
und ftarb als Märtyrer mit allen feinen Gefährten. Gein Tod 
war im Jahr 115. Ubeida feste dann Abd Almalit Ibn Katan über 
Andalus, und reifte zu Hiſcham Ibn Abd Almalit mit vielen Ge— 
fchenfen und zwar im Ramadhan 114, Jahja Son Bukeir berichtet 
aber, nad) Leith Son Saad: Ubeida Fam im Sahr 115 von Afrifa 
und feste in diefem Sahre Abd Almalif Ibn Katan zum Statthalter 
von Spanien.“ 

3) ©. Conde ©, 84—86, 


646 Bierzehntes Hauptſtück. 


ohne auf großen Widerftand zu flogen, big Bordeaux vor, 
welche Stadt er auch nad) einiger Gegenwehr einnahm. Eudp, 
welcher ihm den Mebergang über die Dordogne freitig machen 
wollte, ward gefchlagen, Libourne und Poitiers wurden ver- 
mwüftet. Schon richteten die Araber ihre Schritte gegen Tours, 
als endlih Karl Martell, dem Nothrufe Eudo’s gehorchend 
und für feine eigenen Länder beforgt, über die Loire feste 
und dem Vordringen Abd Errahman’s in feinen Kriegern 
einen eifernen Damm entgegenitellte. Nach mehreren Schar- 
müseln fam es zwifchen Tours und Poitiers zu einer allge- 
meinen Schlacht, welche mit gleicher Tapferkeit gefochten warb, 
bis eine Abtheilung der Franken in das feindliche Lager drang 
und die Araber, aus Furcht, die bisher gemachte Beute zu 
verlieren, in Unordnung gerietben. Bald fiel Abd Errahman 
felöft, mit ihm feine tapferen Gefährten, verlaffen von einem 
Theile des Heeres, dem die Rettung des Lagers theurer war, 
als Ehre und Kriegsruhm. As Karl am folgenden Morgen 
die Schlacht erneuern wollte, waren die Araber mit ihren 
leicht beweglichen Habfeligfeiten fchon wieder, theils gegen 
Narbonne, theild gegen die Pyrenäen hin verfchwunden 2). 


1) Die arabifhen Quellen find auch hier, wie überall, wo es 
fih von Niederlagen der Mufelmänner gegen Chriften handelt, fehr 
kurz, die chriftlihen find aus Aſchbach, Lembfe und Reinaud be- 
fannt. Mit den Zahlen nehmen diefe ed nicht genauer, als jene, 
fonft würden fie die in diefer Schlacht gebliebenen Mufelmänner 
nicht auf 375,000 angeben, In Betreff der Zeit fchwanfen die Tra— 
ditionen, wie fchon aus obiger Anmerfung erfihtlih, auch bei Mak— 
fari ©. 37, zwifchen dem Sahr 114 und 115. Ibn Chaldun nennt 
ausdrüdlih den Monat Ramadhan 114, welcher den 25. Oft. 732 
beginnt und diefes Datum ift befonders darum für das richtige zu 
halten, weil aud die chriftlichen Chronifer diefe Schlaht in den 
Okt. 732 feren. Vergl. Lembfe ©. 288 und über den Ort der 
Schlacht Reinaud ©, 44, Die fid) widerfprechenden Nachrichten 
laffen fich dadurd vereinen, daß man annimmt, das erfte Zuſam— 
mentreffen babe bei Tours ftatt gefunden, die Mufelmänner wichen 
aber und erft bei Poitiers lieferten fie die Hauptfchlacht, 


Hiſcham. 647 


Abd Almalif Ibn Katan, Abd Errahman's Nachfolger 
in ber Statthalterihaft von Spanien (733 7), jollte auf den 
Befehl des Chalifen den Ruhm der arabiſchen Waffen in 
Gallien wieder beritellen, er mußte aber vorher das nördliche 
Spanien, Catalonien, Aragonien und Navarra, das feit Abd 
Errahman’s Niederlage in Aufruhr war, wieder unterwerfen. 
Auf einem diefer Züge gegen die chriftlichen Gebirgsbewohner 
ward er geichlagen. Diefe Schlappe und die Klagen der 
Spanier über feine Härte und Bedrückungen veranlaßten den 
neuen Statthalter von Afrifa, ihn gegen Ende des Jahres 
116 (734) zu entjfegen und die Statthalterfchaft dem Okba 
Ion Al Haddyadi zu übergeben. 

Unter Okba, welcher als ein vortrefflicher Statthalter 
geichildert wird, dehnten Die Araber ihre Beſitzungen in Gal- 
lien wieder weiter aus. Die Grafen und Herzöge von Sep- 
timanien und der Provence zogen ein Bündnig mit den Ara— 
bern der Herrichaft Karl Martell’s und Eudo’s vor. Mau— 
rontius, der Herzog von Marfeille, überlieferte Jufuf, dem 
Statthalter von Narbonne, noch im Jahr 134 die Städte 
Arles, Fretta (St. Remi) und Avignon. Später Tegten fie 
fefte Waffenpläge bis an die Ufer der Rhone an, befesten 
Balence und Lyon, und durchzogen raubend und zerfiörend 
einen Theil yon Burgund und Dauphine. Erſt im J. 737, 
als Karl den Sachſenkrieg beendigt hatte, traf er Anftalten 
zur Rettung Galliens. Luitprand ward mit Lombarden aus 
Stalien herbeigerufen und Childebrand voraus an die Rhone 
geſchickt. Diefer batte ſchon die Belagerung von Avignon 


1) Nah der oben angeführten Stelle aus Sbn Abd Alb. im 
Sahr 115, das mit dem 21. Febr. 733 beginnt. Ber Maff, ©. 87 
heißt es: im Ramadhan 114 (Okt. Nov. 732). Er rechnet nämlich 
son dem Tode des Abd Errahman, der um diefe Zeit ftatt fand, 
die eigentlihe Ernennung dur den Statthalter von Afrifa Fonnte 
aber wohl erft einige Monate fpäter erfolgt fein. Lembke hätte 
daher nicht (S. 288) jhreiben follen, daß der Statthalter von Afrifa 
den Abd Almalif im Ramadhan 114 ernannte. 


648 Bierzehntes Hauptſtück. 


begonnen, als fein Bruder fam und beide drangen dann ver- 
eint nah Erftürmung der Stadt, die Araber vor ſich ber 
treibend, bis nach Narbonne. Obgleich aber Karl die Araber, 
welche Dfba zum Entfage der belagerten Stadt ſchickte, voll- 
fommen aufs Haupt fchlug I), behauptete fi doc der Gou— 
verneur von Narbonne gegen ihn. Er zog wieder ab, ohne 
die Stadt eingenommen zu haben und begnügte fi damit, 
die übrigen Feftungen zu zerflören und Geifeln von ben 
Chriften mitzuführen, die mit den Arabern gemeine Sade 
gemacht hatten. Maurontius fam indeffen bald wieder zum 
Borfhein und die Araber beraubten aufs Neue die Ahoneufer, 
fo daß Karl Martell (739) einen neuen Feldzug gegen fie 
unternehmen mußte, um fie bis Narbonne zurüdzubrängen. 
Okba felbft war bei diefen Borfällen nicht zugegen 2). 
Er war entweder ein befferer Verwalter als Feldherr und 
verließ darum Spanien nicht, oder fürchtete, daß bei feiner 
Entfernung in Spanien ſelbſt Unruhen ausbrechen möchten, 
denn auch bier waren viele Berber anfäßig, die es fchon 
früher verſucht hatten, das Joch der arabifchen Herrfchaft 


D) Da der Uebergang über die Pyrenäen nicht fiher und auch 
langmwierig war, fandte Dfba die Truppen zur See. Aber die Ufer 
des Andefluffes, durch welchen fie in die Stadt gelangen follten, 
waren von Franken bejegt. Sie mußten daher in einiger Entfer- 
nung vor der Stadt landen. ©. Reinaud a. a. D. 


2) Conde und nad ihnen Aſchbach und Lembfe, berichtet, Okba 
ſei ſchon bis Saragoſſa gefommen, dann aber vom Chalifen nad 
Afrika berufen worden, um den Aufruhr der Berber zu unterdrücken, 
was ihm auch vollfommen gelang, nocd ehe die Hülfstruppen aus 
Rairaman und Barka anfamen. Dies widerfpricht aber allen oben 
mitgetheilten Nachrichten aus Sbn Abd Alh., demzufolge der Auf: 
ftand der Berber erft im Sahr 123 ftatt fand und der noch aus— 
drücklih dazu bemerft (S. 123): „dies war der erfte Aufruhr der 
Berber in Afrifa.” Sest man auch mit Tabarı den Aufruhr der 
Berber und Kolthum’s Tod um ein Sahr früher, fo fonnte immer: 
bin Okba nicht im Sahr 737 Schon nah Afrika gerufen worden 
fein, ald er den Narbonenfern ein Heer zum Entjage ſchickte. 


Hiſcham. 649 


abzuſchütteln und ſich als die Herren des Landes zu erklären, 
zu deſſen Eroberung ſie am meiſten beigetragen. Ueberhaupt 
herrſcht ſowohl über die Dauer von Okba's Statthalterſchaft, 
als über die Art ſeiner Entſetzung die größte Ungewißheit. 
Nach Einigen blieb er fünf Jahre lang Statthalter, dann 
kam er um und Ubeid Allah ernannte wieder feinen Vorgänger 
Abd Allah Ion Katan. Nach Andern behielt er die Statt- 
balterichaft bis zum Jahre 123 (740 — 741) wo, wahr— 
fheinlih in Folge der Empörungen in Afrifa, auch in Spa— 
nien Unruben ausbradhen, welde dem Abd Almalik wieder 
zur Statthalterfchaft verhalfen Y. Diefer blieb aber nicht lange 
im Genuffe der ufurpirten, und nad) einigen Berichten, mit 
Vergiftung Dfba’s erfauften Herrſchaft. Baldj, der Neffe 
Kolthum's, der, wie oben erwähnt, nad) der unglüdlichen 
Schlacht bei Zanger, mit einem Theile der mit ihm aus 
Syrien gefommenen Truppen, nad Spanien hbinüberfegelte ?), 


1) Man lieft bei Tab. ©. 122: „Er (Ubeid Allah) ſetzte über 
Andalus den Dfba Ibn Alhaddjadj und entfegte den Abd Almalik 
Son Katan. Manche berichten, Anbafa Son Suheim Alfelbi war 
damald Walt von Andalus, ihn entjeste Sbn Albabhab und gab 
feine Stelle dem Okba Ibn Alhuddjadj. Diefer fam um (halaka) 
in Undalus, da feste Ubeid Allah wieder Abd Almalif Son Katan 
darüber.” (Das Wort halaka wird gewöhnlih von einem jhlimmen 
Tode gebrauht, weder auf dem Krankenbette, noh im heiligen 
Kriege). Nah der fhon oben angeführten, lückenhaften und aus 
Numeiri zu ergänzenden Stelle, fheint es, dag Abd Almalif erſt 
in Folge des Aufruhrs in Afrika (123), als Ubeid Allah, welchem 
Okba feine Stelle verdanfte, abtrat, wieder zur. Statthalterichaft 
gelangte, Damit ftimmt Arrazi bei Makk. ©, 38 überein, während 
Andere Abd Almalik's Empörung gegen Okba fchon in das S. 121 
fegten. DBergl. auch Lembfe ©. 298 N. 4 über die verfchiedenen 
chriſtlichen und arabifhen Berichte in Betreff der Todesart Dfba’s. 


2) Alles Folgende ift nad Sbn Abd Alh. (S. 124), den ich 
wörtlid; anführen will, weil er von Conde's und anderen Berichten 
abweicht: „Baldj und Thalaba Cein anderer fyrifcher Feldherr) 
gingen nad) Andalus. Kolthum hatte den Andalufiern, deren Statt: 


650 Vierzehntes Hauptſtück. 


machte Anſprüche auf die Statthalterſchaft, ließ Abd Almalik 
einferfern, und da er nicht freiwillig abtreten wollte, ent- 


halter Abd Almalit Ibn Katan war, befohlen, ihm zu Hülfe zu 
fommen und fie waren ſchon an die Meberfahrt von Alchadhrah ges 
langt, als Baldj ihnen entgegenfam. Abd GErrahman Son Habib, 
der vor Baldj in Andalus landete, befahl dem Abd Almalif Ibn Katan, 
dem Baldj nicht zu gehorhen. Baldj fchrieb aber dem Abd Almalik 
von Aldjefira aus, er fei Kolthum’s Chalife, Thalaba Aldjudami und 
feine Gefährten bezeugten ed ihm, und der Kadhi von Andalus war 
der Bote zwifchen ihnen. Abd Almalit trat dem Baldj die Statt: 
halterfchaft ab, zum großen Aerger des Abd Errahman Ibn Habib, 
der auch aus Haß gegen Baldj Cordova verlief. Bald lieg, fobald 
er nach Cordova Fam, den Abd Almalif Ibn Katan einfperren, Aber 
fein Sohn Omejja vereinte fidy) mit Abd Errahman Son Habib gegen 
Baldj. Diefer lieg Abd Almalit Son Katan aus dem Gefängniffe 
holen, und fagte ihm: geh in die Mojchee und verfünde dem Volke, 
Kolthum habe dir gejchrieben, ich ſei fein Chalife. Abd Almalik 
fagte aber in der Mofchee: D ihr Leute! ih bin von Kolthum zum 
Statthalter ernannt und Baldj hat mid) ungerechtermeife in ein 
Gefängnis geworfen. Baldj lieg ihn hierauf enthaupten, aber Abd 
Errahman Son Habib z0g mit einem großen Heere heran. Baldj 
303 ihm mit den Syrern entgegen und ein Fluß (der Quadalquisir) 
trennte die beiden Heere. Zn der Nacht feste Abd Errahman über 
den Fluß nad Cordova, wo in Baldj’s Abweſenheit der Kadhi 
herrfhte. Da diefer im Verdachte ftand, die Ermordung Abd Al: 
malik's bewirft zu haben, ergriff ihn Abd Errahman Son Habib, 
ftah) ihm die Augen aus, ſchnitt ihm Hände und Füße ab, ent: 
hauptete ihn und hing ihn auf einen Baum, nahdem er feinem 
Rumpfe einen Schweinsfopf aufgefegt hatte. Hierauf verließ er die 
Stadt wieder und Baldj wußte von Allem nichts. Dann befümpfte 
ihn Baldj und trieb ihn in die Flucht. Er fammelte aber ein neues 
Heer und erfhlug Baldj und die mit ihm waren. Nach einigen 
Berichten ward Baldj nicht getödtet, fondern er ftarb einen natür: 
fihen Tod. Jahja Fon Bukeir erzählt nad Leith's Bericht: Baldj 
ftarb im Sahr 125, einen Monat nachdem er Abd Almalif Ibn 
Katan erfhlagen. Dann fpalteten fid) die Bewohner Andaluſiens 
unter vier Emiren, bis Hanzala Sbn Safwan Alfelbi den Ibn Al- 
chattab Alkelbi fandte, der fie wieder vereinte. „Nach Makk. ©. 89 
ward Abd Almalif gehängt mit einem Schweine in der rechten und 


Hiſcham. 651 


haupten. Aber Omejja, der Sohn Abd Almalik's, vereint 
mit Abd Errahman, dem Sohne Habib's, der von Baldj 
und feinem Dbeime Kolthum mifbandelt worden, erfannte 
den neuen Herrſcher nit an. Alle Feinde der Syrer unter- 
ftüsten fie und nach mebreren Gefechten unterlag Baldj. Nun 
folgt eine gänzliche Anarchie in Spanien. Die Berber ers 
boben ſich aufs Neue und verbanden ſich mit der Partei des 
Add Almalif, an die Spike der Syrer ftellte fih Thalaba 
Ibn Salama, der mit Baldj aus Afrifa gefommen und erft 
nad Hiſcham's Tod ward die Ruhe wieder durch Aburl-Chattab 
Fon Dhirar bergeftellt, den Hanzala zum Statthalter von 
Spanien ernannte. 

Nach diefer Darftellung der wichtigften, während ber 
zwanzigjährigen Regierung Hiſcham's, in allen Theilen des 
Reichs vorgefallenen Begebenheiten, wird es ung um fo leich— 
ter, diefen Chalifen richtig zu beurtheilen und einzufehen, daß 
zwar fein Geiz und feine Habgier manches Uebel hervorge— 
rufen, daß aber die Wurzel des Verderbens in den Umtrieben 


einem Hunde in der linken Hand. Aus obiger Stelle ergibt fi, 
dag Pac. ©. 412 M. 13 mit Unrecht Conde tadelt, daß er von 
Omejja, dem Sohne Katan’s, ftatt von zmei Söhnen Omejja und 
Katan fpriht und dag Abd Errahman Son Habib und nicht Ibn 
Alfama den Baldj getödtet. Das Baldj mit Gewalt nah Spanien 
übergefegt, iſt nicht Flar gefagt, doch fcheint, daß Abd Almalik ihm 
zu ſpät umd gezwungen den Plag räumte, darum auch glei ein- 
geferfert ward. Der wahre Name ift Baldj, obſchon aud bei Abd 
Alb. einigemal Balch vorfümmt (der Unterjchied liegt blos in der 
Stellung eines Punktes) Feinesfalls Balik, obgleich Aſchbach nicht 
nur jo ſchreibt — dag würden wir nicht rügen — fondern auch nod) 
hinzufegt: „So muß der Name nah dem Arabifchen gejchrieben 
werden.” Andere Einzelnheiten über diefe Unruhen findet man bei 
Aſchbach und Lembke. Ein Fehler muß aber beſonders gerügt mer: 
den, der nämlih, daß Baldj in Afrifa unter Hanzala die Berber 
befriegt, während er nah Kolthum's Tod nah Spanien hinüber: 
fegelt und Hanzala um diefe Zeit in Kairaman mit den Sofariden 
beſchäftigt war. 


652 Vierzehntes Hauptſtück. 


der Abbaſiden Yang, welche überall Zwietracht fäten und Haß 
und Mißtrauen gegen die Regierung einflößten. Im Often, 
wo viele Anhänglichfeit zu dem Haufe des Propheten berrfchte, 
wurde das Bolf fortwährend an das von den Omejjaden ihm 
widerfahrene Unrecht erinnert und angeftachelt, diefem Haufe 
wieder den Weg zum Throne zu bahnen, Im Weften, wo 
die neubefehrten Mauren und Berber vorherrfchend waren, die 
feine Erinnerung an Ali fnüpfte, denen aber die Herrichaft 
der fremden Araber drüdend war, wurden die revolutionären 
Grundfäge der Charidjiten von Männern gepredigt, die aus 
Syrien famen und denen jogar Hiſcham eine Feldherrnftelle 
anvertraut I). Sämmtliche Seften, in welche die Charidjiten 
zerfallen und zu denen auch die Sofariden gehören, welche 
an der Spise der Rebellen in Afrifa fanden, hielten fih ja 
befanntlih für verpflichtet, Othman fowohl als Ali wegen 
ihrer Fehler zu verdammen, und fich gegen jedes Oberhaupt 
zu empören, das vom Gefege und dem Herfommen abweicht, 
erfannten alſo dem Bolfe eine fortwährende Aufficht und Macht 
über die Chalifen zu. Hiſcham hätte übrigens, wenn wir 
einige, vielleicht wohlverdiente Härte und Strenge gegen ver- 
ſchwenderiſche und doch wieder habgierige Statthalter abrech— 
nen, aud) Das unparteiifchte Volksgericht nicht zu fürdten 
gehabt. Er war gerecht, mild und tugendhaft, drüdte vielleicht 
feine Unterthanen nicht mehr als feine Borgänger, hinterließ 
aber größere Schäße, weil er nichts verpraßte und an Günft- 
linge verfchenfte, wie fie. Selbſt feine nächften Verwandten 
erhielten nichts aus dem Staatsfhase, wenn fie nicht irgend 
ein Amt ausübten ?). Seine Weigerung während einer Pil- 
gerfahrt in Meffa öffentlich Ali zu verfluchen, wie eg big zu 


1) Nuweiri a. a. D. ©. 446 berichtet, daß der oben genannte 
Sofarite Ukafcha, der fi gegen den Statthalter von Kairawan em: 
pörte, die Vorpoften der Syrer befehligt hatte, welche mit Ubeid 
Allah nah Afrika famen. 

2) Tab. f. 141 


Hiſcham. 658 


feiner Zeit Sitte war, ſpricht für feine humanen Geſinnungen )). 
Seine Liebe zur Gerechtigkeit fpiegelt fi in folgender Ge— 
ſchichte: Mohammed, ein Sohn Hifcham’s, Fam einft ſehr auf- 
gebracht nach Haufe und erzählte, ein Chrift habe feinen Jun— 
gen geichlagen und erging fi in Schmähungen über den 
Chriften. Hiſcham bieg ihn fchweigen. Mohammed fragte 
bierauf, wie er den Chriften beftrafen folle? — „Gar nicht.” 
— „Was foll ich denn thun? zum Kadhi gehen 2” — „Sonft 
nichts?“ — „Nein.” Ein Berfchnittener Mohammed’s fagte 
bierauf zu feinem Herrn: ich will den Ungläubigen fchon 
beftrafen und er ging und fohlug den Chriften. Als aber 
Hiſcham davon benachrichtigt ward, ließ er den Verfchnittenen 
rufen, züchtigte ihn troß der Kürbitte Mohammed's und ſchmähte 
dieſen, obgleich er behauptete, ihn nicht geheißen zu haben ?). 
Daß der Erzähler diefer Gefhichte dem Chalifen nicht ſchmei— 
delt — was übrigens ohnehin bei denen aus dem Haufe 
Dmejja nicht zu befürchten ift — fieht man aus den grellen 
Farben, mit denen er Hiſcham's Geiz malt, die größte Une 
tugend in den Augen eines Morgenländers, beſonders wenn 
fie einem Negenten anhaftet: „Einer feiner Pächter ſchickte ihm 
einft zwei ſehr fchöne Vögel und erbat fi ein Gefchenf, Was 
foll ich dir geben? fragte der Chalife. — Was dir beliebt, 
antwortete der Pächter. — Nun, verfegte jener, fo nimm 
einen biefer beiden Vögel für dih! Der Pächter fuchte den 
ſchönſten der beiden heraus und wollte ihn wieder mitnehmen, 
As Hiſcham dies ſah, fagte er: fo, du willft mir den fchledh- 
tern laffen, ich will doc Fieber beide behalten und dir AO 
oder 50 Dirhem geben ?).” Trotz dieſem Geize, der fo weit 


1) Ibid. f, 54 Dies war im J. 106, alfo bald nad feinem 
Regierungsantritt. Zijad Ibn Abd Allah, ein Urenkel Othman's, 
drang in ihn, aber er gab nicht nad. 

2) Ibid. f. 140. 

8) Ibid, f. 142. 


654 Vierzehntes Hauptſtück. 


ging, daß er während feines ganzen Chalifats daffelbe Ober— 
fleid trug Y, obgleich er viele Kiften voll Kleider befaß, foll 
er doch, fo wird wenigftens von Theophanes berichtet, nicht 
nur für den Feldbau, fondern auch für Gartenanlagen und 
Architektur viel aufgewendet haben 2), fo daß man annehmen 
müßte, er ſei mehr aus Grundſatz, als aus niederer Leiden- 
ſchaft geizig gewefen. Auch fcheint er überhaupt ein höchſt 
einfaches frugales Leben wirklich geliebt zu haben. Einft ging 
er zu feinem Sefretär Mabrafih, half ihm feine Ziege melfen, 
zündete felbft Feuer an, um einige Kuchen zu baden, die er 
dann mit ihm unter einem Zelte verzehrte 3). 

Nicht wenig mochte indeffen auch die Ausfiht auf Wer 
lid's Chalifat dazu beigetragen haben, das Haus Dmejja, trog 
vielen guten Eigenschaften Hiſcham's, aller Bolfsthümlichfeit 
zu berauben, denn diefer, ſchon von dem Chalifen Jezid be— 
ſtimmte Nachfolger glich in vielen Beziehungen feinem Oheim 
Suleiman und feinem Vater Jezid, war nur nod) ein größe— 
rer Verſchwender und nahm in feinen zügellofen Leidenschaften 
und Laftern, fo wie in manchen antiislamitifchen Neigungen 
nod weniger Rückſicht auf die Hffentlihe Meinung. Schon 
als Kronprinz gab er fi, trog allen Mahnungen Hifcham’s, 
der ihn mit väterlicher Liebe behandelte, einem höchſt aus- 
fhmweifenden Leben hin und verböhnte Gefeße und Sitten in 
folhem Grade, daß er fogar Wein und Hunde mit ſich führte, 
ein verbotenes Getränfe und unreine Thiere, als er im J. 116 
nah Meffa pilgerte 2). Hıldam ging damit um, feinen Sohn 





1) Ibid. f. 140. Ikal betrachtete einjt lange fein grünes Ober: 
Eleid, da fagte ihm Hifham: es ift immer noch daſſelbe. Was ich 
gejammelt, it für euch. 

2) Successit Ameras Isam, frater ejus, qui passim per provincias 
et urbes palatia construere agros serere, hortos plantare, conquirere 
aquas et deducere caepit. Theoph. ©. 620. 

8) Tab. f. 142, 

4) Ibid, f. 144, 


Hiſcham. 655 


Maslama an Welid's Stelle zum Nachfolger zu ernennen. 
ChHalid, der damals noch mächtige Statthalter von Irak, rieth 
aber davon ab und Hiſcham gab feinen Plan um fo eher auf, 
als er erfuhr, daß fein eigener Sohn nicht beffer war als 
Welid. Später aber, als Maslama, durd) eine gebeuchelte 
Frömmigfeit, feinen Vater und einen Theil des Volfes beſtach, 
fo dag felbft der fromme Dichter Rumeit feine Tugend bes 
fang Y), boffte Hifcham, ihm das Chalifat übertragen zu fün- 


1) Ebend. f. 145. Kumeit Ibn Zeid war ein Kufaner und 
gehörte zum Stamme Afad. Er war als Dichter fo berühmt, daß 
Abu Ubeida fagte: hätten auh die Benu Afad feinen andern Vorzug 
als Kumeit erjeugt zu haben, fo wurde der ihnen genügen. Er war 
im 5. 60 der Hidjrah geboren und ftarb im J. 126. Kumeit hatte 
zehn Eigenjhaften, welche den Dichtern feiner Zeit fremd waren: 
Er war ein guter Prediger, der Geſetzkundigſte unter den Schüten, 
fannte den Koran auswendig, war ruhig und befonnen, fchrieb eine 
ſchöne Hand, war bewandert in der Genealogie, ein guter Schüge, 
Reiter und tapferer Kämpfer, freigebig, religids und der erfte, der 
tiefer einging in die Lehren der Schiiten. Er meigerte ſich lange, 
als Dichter aufzutreten, bis ihn fein Oheim, Oberhaupt der Benu 
Aſad, zwang, da ließ er feine Stammgenofjen zufammenrufen und 
trug ihnen ein Gedicht zu Ehren Mohammed’s und feines Haufes 
vor, in welhem es unter Anderm heißt: 

„Mich beglückt nicht die Liebe zu zarten Frauen; mein graues 
Haar findet feine Freude an Scherz und Spiel. Nicht das Zelt oder 
die Spuren der ehemaligen Wohnung der Geliebten rühren mich; 
fhön gefärbte Finger haben feinen Reiz für mid. Sch gehöre nicht 
zu denen, deren Unternehmung von dem Fluge eined Vogels ab- 
hänat; ich frage nichts darnach, ob ein Rabe Fräht, oder ob mir 
ein Fuchs quer über den Weg läuft; ich befümmere mic nicht dar- 
um, ob Abends die Vögel von der Rechten zur Linken, oder von 
der Linken zur Rechten ziehen; auch nicht ob ein Wild mit ganzen 
oder zerbrohenen Hörnern an mir vorüberftreift. Sch fehne mid 
nur nadı den Frommen und Gottesfürdtigen; nur nach den Edeliten 
der Söhne Eva’d geht mein Verlangen, nad dem reinen Stamme, 
durch deſſen Liebe ih mich Gott nähere, nad den Söhnen Haſchim's, 
der Familie des Propheten. Nur ihretwillen Bann ich bald Freude 


656 Bierzehntes Hauptftüd. 


nen, aber Chalid verharrte in feinem Widerftande, der fpätere 
Chalife Merwan fprach ſich entfchieden zu Gunften Weliv’s ) 
aus und Hiſcham felbft mochte zuletzt einfeben, daß er durch 
eine Aenderung in den Beftimmungen feines Vorgängers nur 
den Keim zu Zwieſpalt in feiner eigenen Familie ausftreuen 
würde. Hiſcham hoffte jest, Welid durch Strenge zu beffern, 
aber diefer verließ den Hof und ftreifte mit feinen Zechge- 
noffen im Lande umher. Einer derfelben, Abd Affamd, trieb 
die Ausgelaffenheit fo weit, daß er in einem Gedichte, das 
bald unter das Bolf fam, unverhohlen den Wunſch ausſprach, 
Welid möchte doch bald auf den Thron gelangen. Eine ſolche 
Srechheit konnte der Chalife nicht dulden, er entzog daher fei- 
nem Neffen jede Unterftügung, bis er Abd Affamd fortiagte 2). 
Welid Hatte indeffen mehrere Freunde am Hofe, Darunter auch 
feinen Sefretär Jjadh Ihn Muslim, welche dafür forgten, daß 
er in feiner Beziehung verfürzt wurde, Diefer Jjadh Tief, 
noch ehe Hiſcham fein Auge geichloffen, im Namen Welid’s 


— 


empfinden, bald Aerger . . . Nur dem Haufe Ahmad's (MMohammed's) 
kann ich anhänglich ſein, zu ihm führt allein der Weg des Rechts. 
Nach welcher Schrift und nach welchem heiligen Gebrauche kann 
meine Liebe zu demſelben als ein Verbrechen angeſehen werden?.. 
Aus Anhänglichfeit zum Gefchlechte des Propheten muß ich Morgens 
und Abends meine Späher fürchten, die Ginen nennen mid einen 
Ungläubigen und die Andern einen Sünder und Lebelthäter.“ Su: 
juti zum Mughni, der dann noch hinzufest, der Prophet fei dem 
Dichter im Traume erfchienen und babe ibm für dieſes und jenes 
Leben Sicherheit zugefagt, hier gegen die Omejjaden und dort gegen 
die Hölle. Merkwürdig und bezeichnend für jene Zeit ift, daß dieſer 
Dichter doch ſowohl an dem Hofe Jezid's IL, ald an dem Hiſcham's 
erſchien und zwar, wie nah Sujuti ſcheint, wie andere Dichter, um 
ihnen feine Aufwartung zu machen (walada ala ete.), 

1) Tab. f. 148. Maslama ſelbſt fcheint auch feine Rolle als 
Frömmler nicht lange fortgefpielt zu haben, denn Tab. berichtet, daß 
Welid fpäter ihn allein mit Schonung behandelte, weil er feinen 
Vater Hiſcham fortwährend zur Milde gegen ihn ftimmte. 


2) Ebend. f. 146. 


Hiſcham. 657 


Alles verfiegeln, fo dag man felbft einen Keffel entlebnen 
mußte, um das zur Wafchung des Chalifen nöthige Waffer 
zu wärmen D. Hiſcham ftarb, 56 Jahre alt, den 6. Rabia 
Achir 1252) (6. Februar 743) an der Bräune in feinem 
Schloſſe zu Rußafa in der Nähe von Kinesrin, wo er aud), 
wegen der in Damasf häufig wüthenden Peft, den größten 
Theil feines Lebens zugebracht batte. 


D Ebend. f. 147, auch Abulf. u. A. Sogar als er noch lebte 
und etwas begehrte, ward es ihm verjagt. Sjadh war fehr erbittert, 
weil er die legte Zeit, wegen feines Einverftändniffes mit Welid, im 
Gefängniſſe zugebract hatte. 

2) So bei Tab. f. 139, wo noch ganz richtig der Wochentag 
Mittwoch) angegeben wird, nicht wie bei Abulfeda im Rabia Amwal, 


42 


Fünfzehntes Hauptftück. 
MWeliv IL 


Welid's Verfehmendung, Graufamfeit und Tafterhaftes Leben. — 
Er ernennt feine Söhne zu Nachfolgern. — Sein Rundfchreiben an 
die Statthalter. — Widerftand gegen diefe Verfügung. — Unzufrie- 
denheit eines Theiles der Omejjaden. — Er liefert Chalid Ibn Abd 
Allah dem Statthalter von Irak aus. — Rachedurft der Semeniden 
darüber. — Aufftand des Sahja Sbn Zeid. — Sein Krieg gegen den 
Statthalter von Chorafan. — Sein Tod. — Zezid ftellt fih an die 
Spitze der Unzufriedenen. — Sein Bruder Abbas ermahnt ihn. — 
Schreiben Merwan’s an Said Ibn Abd Almalik. — Sezid läßt fi 
in Damask huldigen. — Sendet Truppen gegen den Chalifen. — 
Welid wird enthauptet. 


Welid's Thronbeſteigung ftieß auf feinen Wiverftand, ob- 
gleich Jedermann wußte, daß er weder zum Negieren fähig 
war, noch um die Angelegenheiten des Staats fih fümmern 
würde. Man wußte aber auch, daß Hiſcham unermeßliche 
Schätze hinterlaffen, Die der verfchwenderifche Welid nicht lange 
in den Kiften würde liegen laffen und jeder drängte ſich zur 
Beglückwünſchung herbei, um aud feinen Antheil von ben 
Erfparniffen des verftorbenen Chalifen zu erhalten. Welid 


Welid I. 659 


täufhte die Erwartungen feiner Schmeichler nicht, er vermehrte 
den Sold des Heeres und die Apanage aller Großen deg 
Reichs, obgleich er auf der andern Seite, doch wahrscheinlich 
mehr aus Rachegefühl als aus Habgierde, Hifcham’s Verwandte 
und Freunde aller ihrer Güter beraubte . Auch ließ er 
Ibrahim und Mohammed, die Söhne des frühern Statthalters 
von Medina, Hiſcham Ibn Jsmail, in der Hoffnung, ihnen 
nod immer mehr Geld auszuprefien, zu Tode foltern. Nach— 
dem er durch feine Freigebigfeit das Heer gewonnen, glaubte 
er, fih ohne Scham feinem frühern Yeichtfinnigen Leben hin- 
geben zu fünnen, doch wollte er auch vorher noch die günftige 
Stimmung benügen, um feinen Söhnen die Nachfolge zu 
fihern. Der ungläubige Welid, der nicht nur feine ganze 
Zeit auf der Jagd, oder bei Wein, Mufif, Gefang und Tanz 
zubrachte, fondern fih auch noch — fo wird mwenigftens von 
feinen Feinden erzählt — allerlei unnatürlichen Laftern hingab 
und ſogar mit Blutſchande befleckte, erfrechte fih, alle Statt 
balter aufzufordern, folgendes Nundfchreiden befannt zu mas 
hen und feinen unmündigen Rindern huldigen zu laſſen 2), 
„Gott, deffen Namen wir preifen, deffen Lob wir ver- 
fünden, den wir nicht ohne Verherrlichung erwähnen, hat den 
Islam als feinen Glauben erwählt und ihn den Edelſten 
feiner Geſchöpfe beftimmt, dann erfor er Engel und Menfchen 
als feine Boten, um ihn zu verbreiten. Viele Jahrhunderte 
find vergangen, in denen er dahingeſchwundene Völker auf 
den geraden Weg leiten und zum jchönften Glauben auffor= 
dern ließ, bis endlich feine Gnade durd den Propheten Mo- 
hammed ihre Vollendung erhielt, zu einer Zeit, wo die Wiſ— 
fenfchaft brach) Tag, wo die Menfchen im Dunklen, nur von 
ihren Leidenfchaften getrieben, umberirrten, wo die Zeichen 
der Wahrheit verwifcht waren und jeder feinen eignen Weg 


1) Tab. f, 148, 


2) Ebend. S, 154. 
42 * 


660 Fünfzehntes Hauptſtück. 


wandelte, Durch diefen Propheten, über den Gottes Seg— 
nungen! ward die Peitung offenbar und die Finfterniß ver- 
ſcheucht, Irrthum und Schlechtigfeit hinweggeräumt und die 
Religion verberrlicht. Durch ihn fandte Gott der Welt Barm— 
berzigfeit, mit ihn befchlog er feine Dffenbarung und in ihm 
vereinigte er alle Gnade, welche frühern Propheten zugeftrömt. 
Er folgte ihren Spuren, beftätigte was ihnen geoffenbart 
worden, und forderte feine Zeitgenoffen auf daran zu glauben 
und darnach zu handeln. Wer ihm Gehör fihenfte und den 
Glauben annahm, den ihm Gottes Gnade gefchenft, vertheidigte 
die Offenbarung früherer Propheten gegen die Ungläubigen, 
heiligte und verehrte was Frevler entweihten, und empfahl 
das Gute, das Nuchlofe verwarfen, Wer den Worten der 
frühern Propheten Glauben gefchenft, der beftätigte auch die 
Sendung Mohammeds und nur Ungläubige nannten ihn einen 
Lügner und feindeten ihn an, darum erlaubte auch er, das 
Blut diefer Gottlofen zu vergießen und zerriß jedes Verhält- 
niß zwifchen ihm und den Ungläubigen, ohne Rückſicht auf 
Blut- und Stammverwandtfchaft. Als Gott feinen Prophe— 
ten, durch den die Offenbarung befiegelt worden, zu ſich nahm, 
ernannte er einen Nachfolger, um feine Satungen zu voll 
ziehen, um feine Borfchriften in Ausführung zu bringen, um 
feine Gefege aufrecht zu halten. Sein Nacdyfolger follte den 
Islam ftärfen und befeftigen, er follte von dem Berbotenen 
abhalten und durch feine Wachfamfeit über das Geſetz die 
Menfchen beglüden und über Gottes Land Wohlſtand ver- 
breiten, denn fo hat auch Gott der Erhabene (im Koran) ge— 
fagt: „Hätte Gott nicht die Menfchen einen durch den Andern 
befhüst, fo würde die Erde zu Grunde gehen, aber Gott ift 
gütig gegen die Welt.” Man huldigte den Stellvertretern 
Gottes und erfannte ihre Nechte, als Erben feiner Propheten, 
an; wer fie ihnen jtreitig machte, den beftrafte Gott, wer 
fih von ihnen trennte und gegen ihre Herrfchaft auflehnte, 
den lieferte Gott in ihre Gewalt und fie wurden zum war- 
nenden Beifpiele für Die Zufunft, So verfährt Gott immer 


Welid I. 661 


gegen diejenigen, welche fih von der Gemeinde Yosfagen, an 
welche jedermann fich anfchliegen foll, weil nur durd Untere 
werfung Himmel und Erde beiteben, wie es beißt: „Dann 
wendete fih der Herr gegen die Himmel — fie waren Raud) 
— und ſprach zu ihnen und zur Erde: füget euch in Gehor- 
fam oder geziwungen! und fie riefen: wir fügen ung unter- 
würfig.“ Ferner beißt es: „Und als dein Herr zu den En— 
geln ſprach: ich will einen Stellvertreter auf die Erde fegen, 
fagten fie: willft du jemanden einfegen, der fie verdirbt und 
Blut darauf vergießt? unbefleckt bleibe dein Lob und gehetligt 
dein Name! er aber erwiederte: ich weiß, was ihr nicht 
wiſſet.“ Durch das Chalifat erhält Gott die Menfchen auf 
der Erde, und durch den Gehorfam gegen Diejenigen, denen 
er die Herrſchaft verliehen. Gott weiß, daß nichts ohne Un- 
terwerfung befteht, nur durch fie werden feine Befehle voll- 
zogen und feine Verbote heilig gehalten. Der Gehorfame 
ift Gottes Freund, er fügt fich feinem Willen und wandelt 
auf dem von ihm vorgezeichneten Pfade, fein Lohn ift Glück 
in diefem Leben und Verherrlichung in der zufünftigen Welt. 
Der Empörer verliert fein irdifches Glück und feinen Antheil 
bei Gott, denn er ift auch zugleich gegen feinen Herrn wider- 
ſpenſtig; Bedrängniſſe jeder Art ftürmen gegen ihn herein, 
die er nicht abzuwenden vermag, bis er in Erniedrigung und 
Schmad die Erde verläßt und ewiger Höllenpein entgegen- 
gebt. Nah dem Glauben an Gott und feinen Gefandten, 
durch welchen Gott unter feinen Sklaven unterfcheidet, ift Ge— 
borfam die Stüge und der Grundpfeiler der Religion. Un— 
terwerfung fihert den Frommen das Paradies und Aufruhr 
belaftet den Ruchloſen mit Gottes Zorn, Drum fuchet durch 
sollftändige Unterwerfung Gottes Nähe und nehmet euch ein 
Beifpiel an den Rebellen, welche Gottes Licht auslöfchen 
wollten, die er aber in Schmach und Elend untergehen ließ, 
Gott, der Gepriefene, bat fein Volk geleitet und ihm aus 
Liebe für daſſelbe Stellvertreter gegeben, als Stüge und Zu— 
fluchtsort in der Noth, als Bereinigungspunft in ber Ent- 


662 Fünfzehntes Hauptftüd, 


zweiung, darum gehört auch Treue gegen den Chalifen zu 
den Grundpfeilern des Jslams.... 

Der Fürft der Gläubigen hat, nachdem ihm Gott bie 
Herrichaft verliehen, Fein wichtigeres Anliegen, als dieſes 
Vermächtniß, weil davon das Wohl der Mufelmänner ab- 
hängt, darum fleht er auch Gottes Beiftand dazu an, daß es 
zum Heil der Gläubigen vollzogen werde. Er fordert von 
euch, daß ihr feinem Sohne Hafam und nad ihm feinem 
Sohne Othman huldiget; er hofft, daß fie von Gott zu euern 
Herrihern beftimmt worden und daß ihr ihm für diefe Gnade 
danfen werdet. Jedoch behält fi der Fürft der Gläubigen 
vor, falls einer dieſer beftimmten Nachfolger fich irgend ein 
Vergehen zu Schulden fommen laffe, einen andern feiner 
Söhne oder fonft einen Gläubigen an feine Stelle zu ernennen 
und je nad Gutdünfen den einen dem Andern vorzufegen. 
Wiffet und erfennet dies, Gott der Allwiffende und Einzige 
möge den Fürften der Gläubigen und euch durch dieſen Be— 
ſchluß fegnen und ein glüdliches Ende herbeiführen, wozu er 
allein die Macht hat. Friede über euch und Gottes Barm— 
berzigfeit! Gefchrieben am 28ten Radjab 125 ).“ 

Diefes Rundſchreiben des Chalifen erregte Unzufrieden- 
heit unter dem Volke, das zwar längft daran gewöhnt war, 
fih von der Willführ des Chalifen auch feine zufünftigen 
Herrſcher vorfchreiben zu laſſen, big jest aber doch nicht un- 
mündigen Knaben als unmittelbaren Nachfolgern gehuldigt 
hatte. Noch größere Unzufriedenheit brachte aber dieſe Ver- 
fügung unter den omejjadifchen Prinzen hervor, da ſeit Abo 
Almalif fein Chalife feine eignen Söhne allein zu Nachfolgern 
beftimmt hatte. Zu den vielen Stürmen, denen das Fürften- 
haus ausgefegt war, Fam alfo jest noch der bedrohlichſte hinzu, 
es ward unter ſich felbft uneinig. Die Söhne Hiſchams 
und Welids I. verbündeten ſich mit den Feinden der Omej— 





1) Zab, f. 150— 158, 


Welid H. 663 


jaben und Flagten den Chalifen als einen Ungläubigen, als 
einen Freigeift und Blutfhänder an. Welid hatte fie übrt- 
gens nicht nur durch feine Beftimmung über die Erbfolge, 
fondern auch noch perfünlich gefränft, Suleiman Ibn Hiſcham 
lieg er prügeln, jcheeren und in ein Gefängnig in Oman 
fperren. Einem Sohne Welids I. raubte er eine Sklavin. 
Andere, die ihm riethen, einem Enfel Welids I. ) als Thron- 
erben buldigen zu laſſen, wurden eingefperrt. Da indeffen 
Welid die Truppen für fi hatte, würden feine Feinde wenig 
gegen ihn vermocht haben, wenn er fi nicht mit allen Je— 
meniden, durch die graufame Behandlung Chalids Ibn Abd 
Allab und anderer feines Stammes, verfeindet hätte. Chalid, 
welcher in den legten Jahren von Hiſchams Regierung wies 
ber auf freiem Fuße in Damasf gelebt hatte, weigerte fi 
auch, zwei Kindern zu huldigen, „die noch nicht beten fonnten 
und nicht einmal als Zeugen gültig waren; doch wies er 
die Anträge der Verſchworenen mit Entfchiedenheit zurüd, und 
als fie ihn fragten, ob er denn das Zeugniß eines Mannes 
wie Welid für gültig halte, antwortete er: „das habe ich 
nicht zu unterfuchen, es find Gerüchte gegen ihn im Umlauf, 
über die es aber fchwer ift Gewißheit zu erlangen.” Er 
rieth fogar Welid, welcher nah Meffa pilgern wollte, zu 
Haufe zu bleiben, weil er befürchtete, man möchte ihm auf 
der Reife eine Falle legen. Da er aber Welid Feine nähere 
Ausfunft über die ihm bevorftehende Gefahr geben wollte, 
weil er den Aufrührern Verfchwiegenbeit geſchworen, ward er 
in ein Gefängniß geworfen. Bald naher fam Juſuf Ibn 
Dmar, der Statthalter von Jraf, nah Damasf, der ſchon 
lange nad) Chalids Blut dürftete ). Diefer bot dem Cha- 
Iifen 50,000,000 Dirhem für Chalids Perfon und Güter. 
Welid ließ den unglücklichen Chalid aus dem Kerfer holen 


1) Er hie Atif Son Abd Alaziz Son Welid. Ebend, f. 156. 
2) Ebend, f. 157. 


664 Fünfzehntes Hauptflüd, 


und fagte ihm: kannſt du Bürgfchaft für 50,000,000 ftellen, 
fo bift du frei, wo nicht, fo liefere ih dih aus, Der ent- 
rüftete Chalid eriwiederte, indem er ein Stückchen Holz auf- 
bob: feit wann werden Araber verfauft? Bei Gott, auch 
nicht diefes Stückchen Holz gebe ih, um mich Ioszufaufen. 
Nah andern Berichten, ward Chalid bald nad Hiſchams 
Tod zu dem neuen Chalifen gerufen. Seine Freunde riethen 
ibm, ſich entweder zu empören oder die Flucht zu ergreifen, 
weil fie von dem Sohne einer Thakifitin ) nur Schlimmes 
für ihn befürchten fonnten. Chalid wollte weder einen 
Bürgerkrieg anfahen, noch wie ein feiger Miffethäter ſich 
verbergen, und begab ſich zum Chalifen, der ihn auf's Neue 
wegen der im Staatsichage fehlenden Summen zur Rede 
ftellte. Da aber um dieſe Zeit in Chorafan Jahja, der Sohn 
des oben genannten Zeid Jon Mt, fih empörte, wagte es 
Welid nicht, dur die Mißhandlung Chalidg die Jemeniden 
zu reizen 2), aus Furcht, ihre Bereinigung mit den Aliden 
zu veranlaffen. Erft als jene Empörung durch Naßr Ibn 
Sejjar, den Statthalter yon Chorafan, unterdrüdt war 3) und 


1) Seine Mutter mar die Tochter des Mohammed Ibn Zufuf 
Althakifi, alfo eine Nichte des berühmten Haddjadj. Ebend. f. 168. 


2) Ebend. f. 172, 


3) Das Nähere über diefen Aufftand gibt Tab, f. 155 folgen- 
dermeife an: „Sahja war in Bald, ale Hiſcham ftarb. Schon unter 
Hiſcham wollte fih Naßr feiner Perſon bemächtigen, aber er war 
nirgends zu finden. Man fchicte fein Signalement allen Präfekten 
in Choraſan zu und endlich entdeckte man, daß er bei Hureiih Ibn 
Amru in Bald verborgen. Diefer ward zum Statthalter gerufen 
und nad Jahja gefragt, er läugnete aber, ihn gefehen zu haben, 
geftand auch, ſelbſt ald man ihn zu foltern anfing, nichts ein, aber 
fein Sohn Kureifch verrieth Sahja, um feinen Vater zu retten. Naßr 
fragte beim Chalifen an, was mit Sahja geſchehen follte und erhielt 
zur Antwort, er möge ihn in Freiheit fegen. Naßr bejchenfte ihn, 
ermabnte ihn zur Ruhe und rieth ihm, fich zum Shalifen zu begeben. 
Zugleich fihrieb er an die verfchiedenen Präfekten der auf dem Wege 


Welid I. 665 


Jahja's Haupt in Damasf anlangte, nahm Welid die Masfe 
berunter. Er faß bei Tifche und hatte Jahja's Haupt vor 
fih, als Chalid abermals vor ihm erfcheinen mußte, Dieg- 
mal forderte er von ihm feinen Sohn Yezid, der als Pfand 
feiner Treue nach Irak geſchickt werden follte, und da er fih 
weigerte, feinen Sohn auszuliefern, ward er eingeferfert, bis 
Juſuf nah Damasf fam und ihn faufte. Der unmenfchliche 


nah Syrien gelegenen Städte und beauftragte fie, dafür zu forgen, 
dag Sahja feine Reife nah Damasf auf geradem Wege fortfege 
und nicht zu lang an einem Ort in Chorafan vermweile. Als aber 
Sahja an der Grenze von Choraſan und Kumis war, Fehrte er plöß: 
ih um und griff Amru Ibn Zurara, den Statthalter von Niſabur, 
an, Naßr befahl dann mehreren Feldherrn, gegen ihn zu ziehen. 
Es vereinigen ſich 10,000 Mann unter dem Oberbefehle Amru’s Ibn 
Zurara. Sahja jhlägt aber dieſe Truppen und tödtet Amru, obgleich 
er nur 70 (9 Mann bei fih hatte und begab fih nach Herat. Naßr 
zog dann felbft mit einigen andern Feldheren gegen ihn und lieferte 
ihm ein Treffen bei Djusdjan. Jahja fiel von einem Pfeile getroffen 
und feine Leute ergriffen die Flucht. Jahja's Kopf ward nah Da— 
mask gefickt, der Rumpf zuerft gehängt, dann verbrannt und die 
Aſche ind Waffer geftreut.” Man fieht aus diefer Darftellung Ta: 
bari's vollfommene Unvartheilichfeit, indem er uns geradezu Sahja 
als einen undanfbaren Verräther fehildert. Nur in der Angabe der 
Zahlen war er faljch berichtet, oder war vielleicht Amru von Trup- 
pen umgeben, die fih nicht gegen Jahja fchlagen wollten. Hier fieht 
man auch wieder Plar die abfichtlihe Verfälſchung des türfifchen 
oder perjiichen Heberjegerg, den alle jpätern Quellen folgen. Diejem 
zufolge (S. 145) kam Jahja mit 109 Mann nah Niſabur und wollte 
feinen Weg nad) Syrien ruhig fortjegen, als Amru ihm mit 20,000 
Mann entgegen zog und ihn gefangen nehmen wollte, weil er glaubte, 
er ſei Nafr entfloben. Sahja verficherte ihn vergebens, daß er be- 
gnadigt worden und mit Naßr's Einmilligung reife, auch fchlug er 
ihm vor, er wolle fo lange in Nifabur bleiben, bis er bei Naßr an- 
gefragt. Amru beftand auf deffen Verhaftung und griff ihn an, 
ward aber getödtet. Erſt nach diefer Schlaht Fehrte dann Sahja 
um und ward von Magr’8 Truppen, 12,000 Mann ftarf, geichlagen. 
Er hatte in diejer zweiten Schlaht 700 Mann bei fih. Wielleicht 
ift im Urterte auch 700 ftatt 70 zu leſen. 


666 Fünfzehntes Hauptftüd, 


Juſuf ließ dann Chalid in einem wollnen Hemde auf einem 
ungefattelten Kameele nad Kufa bringen und ihm ein Glied 
nad dem andern zerquetichen, bis er unter feinen Qualen 
erlag N. 

Noch mehr als Chalid’s fehauderhafte Ermordung em- 
pörte die Jemeniden ein Gedicht, das nad) einigen Berichten 
Welid felbft, nach andern wahrfcheinlihern aber, einer feiner 
Feinde in feinem Namen verbreitete, um die Jemeniden zur 
Rache anzuftaheln. In diefem Gedichte werden die mit Cha- 
id verwandten Stämme verhöhnt, weil fie zu ſchwach und 
zu feig waren, ihren Häuptling zu ſchützen. Sie werben als 
niedrige und gemeine Sflaven dargeftellt, die Fein Gefühl 
mehr für Ehre haben und fo tief gefunfen find, daß fie fich 
jede Demüthigung gefallen laſſen müffen 2). 

Als Fezid Jon Welid, ein Enkel Abd Almaliks, der an 
der Spise der Omejjaden ftand, welche ſich gegen den Chas 
lifen verfchworen, des DBeiftandes der Jemeniten ficher war, 
berietb er fi) mit feinem Bruder Abbas, Diefer ermahnte 
ihn aber an feinen, dem Chalifen gefchworenen Eid, und 
machte ihn auch auf die verberblichen Folgen aufmerffam, Die 
eine folhe Empörung für ihr ganzes Haus haben würde, 
Da indeffen immer mehr Unzufriedene dem Jezid Huldigen 
wollten, fehrte er wieder zu Abbas, der fich auf dem Lande, einige 
Milten von Damask, aufhielt und fuchte ihn zu überreden, 
an ber Verſchwörung Theil zu nehmen. Abbas wies ihn 
wieder ab und drohte ihm fogar, ihn beim Chalifen als Re— 
belfen anzuflagen, wenn er nicht zum Gehorfam zurückkehre. 
Er beſchwor ihn, nicht mit eigner Hand einen Brand zu ftif- 
ten, der zulebt fie alle verzehren würde und nur ben Feinden 
ihres Haufes Nutzen bringen könnte ?). Später ließ er ihn 


1) Ebend. f. 178. Abulf. ©. 458. 
2) Tab. f. 158. 
5) Ebend. f. 159. 


Welid I. 667 


noch einmal rufen und tbeilte ihm folgendes Schreiben mit, 
das Merwan, der Statthalter von Armenien und fpätere Cha— 
life, an Said, den Sohn Abd Almaliks, gerichtet: 

„Bott hat jedem Haufe Pfeiler eingeſetzt, auf das“ es 
fih fügt, wenn ftürmifhe Tage eintreten; du bift, durch 
Gottes Gnade, ein folder Pfeiler für die Glieder deineg 
Geſchlechts. Ich habe vernommen, daß mande Thoren aus 
deiner Familie damit umgehen, ihren Huldigungseid zu brechen; 
führen fie diefe verrätherifchen Pläne aus, fo öffnen fie ein 
Thor, das Gott nicht mehr hinter ihnen fchließen wird, big 
viel Blut gefloffen. Mich hält die Vertheidigung der wich— 
tigften Grenze des mufelmänniichen Neichs hier gefeffelt, wäre 
ich in der Nähe diefer Berräther, fo würde ich ihr verbreche- 
riiches Unternehmen mit Hand und Zunge zerftören, denn ich 
würde Gottes Zorn fürchten, wenn ich anders handelte, weil 
ih weiß, wie fowohl diesfeitiges als jenfeitiges Glück durch 
folhe Spaltungen zerftört wird. Ich weiß, daß fein Volk 
feine Macht verliert, jo lange eg einig ift, wo aber Zwie- 
tracht berricht, wird der Feind kühn und lüſtern. Da du 
diefen Leuten näher bift, als ich, fo bemühe dich, in ihre 
Geheimniffe einzubringen und made fie auf die Folgen ihres 
Borhabens aufmerffam, vielleicht wird ihnen Gott den ver- 
lorenen Berftand und Glauben wiederfchenfen, denn ihr Un— 
ternehmen zieht Verluſt des Wohlftandes und der Herrfchaft 
nach fih. Beeile dih, fo lange das Band der Freundfchaft 
noch befeftigt, das Volk ruhig ift und Die Grenzen gut ver- 
theidigt find. Sei wachſam, denn jeder Vereinigung droht 
Zwietracht, jedem Wohlftande Armuth und jeder noch fo großen 
Zahl Abnahme, nichts in dieſer Welt ift vor dem wechjelnden 
Schickſale fiher. Alle Glieder unferer Familie find von Wohl: 
thaten überjchüttet worden, die Reichthümer aller Nationen, 
die wir ihnen geſchenkt, haben jedoch nur ihren Neid erregt, 
und durch den Neid des Iblis ıft Adam des Paradiefes ver- 
luftig geworden. Diefe Aufrührer geben ſich Hoffnungen hin, 
vor deren Erfüllung fie felbft untergehen mögen! Jedes 


668 Fünfzehntes Hauptſtück. 


Geſchlecht hat kranke Glieder, durch die Gott ihm ſeine Gnade 
entzieht. Gott halte dich fern von ihnen und ſetze dich in 
den Stand, mir genaue Nachricht über ſie zu geben! Gott 
bewahre deinen Glauben und befreie dich von dem, was du 
etwa ſchon begonnen und laſſe das Rechte und Wahre in dir 
den Sieg davon tragen!“ N) 

Der Herrfchfüchtige Jezid 2) war taub für alle diefe Er- 
mahnungen und fuhr fort, hinter dem Rücken feines Bruders, 
im Namen Gottes und der verlegten Religion Aufruhr zu 
predigen und fih von allen Feinden des Chalifen huldigen 
zu laſſen. Als er den größten Theil der Bevölferung von 
Damasf gewonnen hatte, jo wie die von Mizzat, ein Städt: 
hen, das nur eine Milie von der Hauptſtadt lag, begab er 
fih des Nachts mit einigen Bertrauten nad) Damasf und. 
nahm, mit Hülfe feiner Getreuen, eine Mofchee, in welcher 
viele Waffen aufbewahrt waren 3). Seinen bewaffneten An- 
bängern ſchloß fi bald viel Volk an, auc aus der Um— 
gegend ftrömten alle Berfchworenen herbei, und in Damasf 
jeldft ftieß er auf feinen Widerftand, denn Abu-l-Adj, der 
Dberfte der Wachen, ward fogleich ergriffen und bald darauf 
der Gouverneur der Stadt, Abd Almalif Fon Mohammed, 
der fid) wegen der Peft auf dem Lande aufhielt. Jezid ließ 
dann befannt machen, wer mit ihm gegen Welid ziehe, erhalte 
1000 Dirhem. Aber die Damascener, obgleich bereit, ſich 
gegen den Chalifen aufzulehnen, waren doch zu feig, um 
gegen feine Truppen fih zu fihlagen. Nur taufend Mann 
fammelten fih um Jezids Fahne, bis er jedem Soldaten 
1500 Dirhem verſprach, da ftellten fih noch 1500 Mann 


1) Tab. f. 160, 

2) Ein Geitenftüc zu obiger Fälfchung liefert der türk. Tab. 
gleih auf der folgenden Seite, indem er Welids Härte gegen die 
Söhne Ali's ald den Grund der Empörung Jezids angibt. 

3) Ebendaf. fol. 162. Suleiman Sen Hifchum hatte fie aus 
Mefopotamien gebracht. 


Welid I. 669 


ein. Später bezahlte er fogar 2000 Dirhem I) für jeden 
Mann und nur fo gelang es ihm, fünf bie fechs taufend 
Mann, unter der Führung des Abd Alaziz Jon Haddjadj Jon 
Abd Almalik gegen den Chalifen zufammenzubringen, Diefer 
befand fih, als er die erfte Kunde von einem Aufftande ers 
bielt, nur mit einigen hundert Mann in Nadfaf, einem Dorfe 
im Lande Amman 2), Nach einer längern Berathung mit 
feinen Freunden, von denen die Einen ihn beftürmten, ſich 
nad Palmyra zu flüchten und die Andern nach Himß, beſchloß 
er, fih in das Schloß Nadjra 3) zu werfen und bier, in ber 
Hoffnung, eiligft Truppen zufammenziehen zu können, Jezid 
zu erwarten. Aber Abbas, der ihm zu Hülre fommen wollte, 
ward mit feinen Leuten von Jezids Truppen in einem engen 
Thale überfallen und gezwungen, Jezid zu huldigen. Zwölf: 
hundert Mann, welde in der Nähe von Nadjra ihr Lager 
hatten, wurden durch Jezids Geld zu Verräthern 2). Ber: 
gebens pflanzte Welid die Fahne feines Urgroßvaters Merwan 
auf, mit welcher er bei Djabia die Zubeiriden befiegt, feine 


1) Ebendaſ. I. 163. 


2) So bei Abulf. ©. 460. Bei Tab. lieft man einmal Aadſab, 
dann Aadfaf, dann Aadaf, Lag diefer Ort wirklih im Lande Am- 
man, das heißt in der Gegend von Balka, nordöftlih vom todten 
Meere, fo begreife ich nicht, wie man ihm rathen Fonnte, fich 
nah Himß zu flüchten. 


3) Sp bei Tab. a. a. D. und auh im Kamuß, mo ed ausdrück— 
fih heißt, Nadjra ift der Name des Schloſſes, in welhem Welid 
ermordet wurde, alfo nicht Bahara, wie bei Abulfeda. (Der Unters 
ichied befteht nur in der Stellung eines Punktes und dem leicht zu 
verwechſelnden Endbuchſtaben) Die Lage diefed Ortes gibt aber 
auch der Kamuß nicht näher an und die bei Tabart genannten Sta- 
tionen zwifhen Damasf und Nadjra find nicht bekannt. Sie heißen: 
Bureina, Lulua und Melifa (f. 166). Bei Edrifi (par Jaubert II, 
155) kömmt Nadjra als der Name eines Ortes 12 Milien von 
Harran vor. 


4) Ebend, f. 168. 


670 Fünfzehntes Hauptſtück. 


eignen Leute, welche tros ihrer geringen Zahl den Zugang 
zum Schloffe tapfer vertheidigten, legten die Waffen nieder, 
als fie auch Abbas in den Reihen des Feindes faben, Welid 
ſelbſt kämpfte indeffen mit einem Mutbe, den ihm niemand 
zugetraut, bis er von einem Steine an der Stirne getroffen 
ward, Er zog fih dann in das Schloß zurüd und verlangte 
zu unterhandeln, ſprach zu den von ihm abgefallenen Truppen 
von dem vermehrten Solde und zu den Leuten aus dem Volke 
von den verminderten Abgaben und feiner Wohlthätigfeit gegen 
die Armen. Als man ibm fagte, nicht materielle Intereſſen, 
fondern reiner Glaubenseifer babe das Volk gegen ihn be- 
waffnet, berief er fi auch auf Gottes Schrift ) und verlangte, 
dag eine neue Chalifenwahl, nad den Beftimmungen des 
Geſetzes, ftatt finde, da aber Feiner feiner Vorſchläge ange- 
hört ward, und auch Welid Ibn Chalid, welcher den Abd 
Alaziz beftechen follte, felbft zu Jezid überging, 309 er fi 
in ein Gemach zurück mit den Worten: „ein Tag, wie der 
Othmans,“ und las im Koran, bis die Nebellen, welde das 
Schloß erftürmten, ihn enthaupteten. Dies gefhah am 27Tten 
Djumadi-[-Ahir des Jahres 126 (16ten April 744 2) ). 


1) Eben». f. 166. 


2) Als noch zwei Nähte vom Monat Djumadi-I-AUhir übrig 
waren, der 29 Tage hat, alfo am 2dten, ein Donnerftag, wie Tab, 
f. 168 ausdrücklich bemerft, nach einer Regierung von einem Sahre, 
zwei Monaten und 22 Tagen, was ebenfalls richtig ift, wenn man 
den Todestag Hiſchams und den Welids mitrechnet. Abulfeda ift 
jedenfalld ungenau, indem er die Negierungsdauer auf 3 Monate 
angibt, denn da er Hiſchams Tod in den Rabia Ammal fest, fo 
wären es 3 Monate und 22 Tage. Ganz falich ıft Flügels Angabe 
(S. 97) „Juni 744.” Diumadi-l-Achir ift der fechfte Monat des 
Sahres und der erfte beginnt mit dem 25ten Okt. 745. Bei Theoph. 
p- 644 wird auch Donnerftag der 16te April als der Todestag We: 
lid8 angegeben, Auch bei Abu-I-Faradj heißt ed ©. 211: als noch 
zwei Nächte von Djumadi-l-achir übrig waren. 


Welid I. 671 


Am folgenden Tage ward fein Haupt auf einer Lanze in den 
Straßen Damasfs berumgetragen und fein eigner Bruder 
Suleiman, dem man ihn nachher zur Beerdigung brachte, 
weigerte fih, ihm die Teste Ehre zu erweiſen D). 


1) Eben». f. 167. 


Sechzebntes Hauptitück. 


Jezid IM. 


Gründe des Widerftandes gegen Sezid. — Aufruhr in Himß. — 
Kampf bei Adsra. — Sezids erfte Predigt. — Aufruhr in Valeftina. 
— Die Srafaner wollen Mangur nicht als Statthalter. — Abd Allah 
Sen Dmar wird dahin geſchickt. — Naßr wieder zum Statthalter 
von Choraſan ernannt, — Merwang Brief an Omar Ibn Zezid. — 
Sein Zug nah Harran. — Thabit Son Nueims Empörung gegen 
ihn. — Merwan huldigt und wird Statthalter von Mejopotamien. 
— Sezid ernennt Sbrahim und Abd Alaziz zu Nachfolgern. — 
Sein Tod, 


In einem Lande, wie Syrien, wo feit Muawia's Cha- 
lifat das monarchiſche Prinzip feinen Stoß erlitten und das 
Bolf in den fchwierigften Zeiten fih gegen feine Herrſcher als 
treu und gehorfam bewährt, war nicht zu erwarten, daß, trotz 
der Berachtung, die ſich Welid durch feinen leichtſinnigen und 
gottlofen Lebenswandel zugezogen, Jezids Handſtreich überall 
gut geheißen würde, Auch war es fchon binreihend, daß 


Jezid IM. 673 


Jezid mit Hülfe der Jemeniden fih auf den Thron gefchwun- 
gen, um ihn bei den Abfömmlingen Mudhars verhaßt zu 
maden, um fo mehr, da der ermordete Chalife von mütter- 
licher Seite diefen angehörte. Dazu fam noch, daß Jezid, 
obgleich in feinem Leben ftreng religiös, doc den Drthodoren 
ein Gräuel war, weil er zu den Befennern der Lehre des 
freien Willens gebörte, eine Lehre, welche feine Vorgänger 
verdbammten. Die Stadt Himß verfagte zuerft dem Chalifen 
die Huldigung. Das Haug feines Bruders Abbas ward zer- 
ftört und weheklagende Frauen forderten das Volk auf, das 
Blut Welids zu rädhen. Statt aber, nad dem Rathe des 
Statthalters Merwan Jon Abd Allah Fon Abd Almalik U), 
in der feiten Stadt ſich zu vertheidigen, bis noch mehr Unzu— 
friedene berbeigezogen werden fünnten, rüdten die Bewohner 
von Himß gegen Damasf, unter Führung des Abu Moham— 
med Affofiani. Jezid fandte ihm zwei Heeresabtheilungen ent- 
gegen, die eine unter Suleiman Jon Hiſcham, die andere 
unter Abd Alaziz Ibn Haddjadj, welde die Aufrührer bet 
Thaniat Alikab, hinter Adfra ?), ohngefähr zwölf Mitten von 
Damasf fchlugen, den Anführer gefangen nahmen und fodann 
die Stadt zur Huldigung zwangen. 

Als diefer Aufftand glücklich unterbrüdt war, hielt Jezid 
folgende Predigt: 

„O ihre Leute! Ich habe mich nicht aus Uebermuth und 
Undanfbarfeit aufgelehnt, weder Habgier noch Herrſchſucht wa— 


1) Tab. f. 114. Samat Ibn Thabit, fein Feind, Flagte ihn 
als Verräther beim Volke an und fagte, er halte es mit Zezid, weil 
auch er ein Kadarij (Befenner der Lehre des freien Willens) ift. 

2) Ebendaf. Suleiman eröffnete die Schlaht, die aber unent- 
fhieden blieb, bis Abd Alaziz, der bei Thaniat Alifab gelagert war 
auch hinzufam. Adira lag nah Tab. 14 Milien von Damasf, nad) 
dem Kamuß ein Berid, d. h. 12 Milien. Der Ort felbft, wo die 
Schlacht ftatt fand, heißt bei Tab. Suleimanije. Abu Mohammed 
ward auf die Eitadelle gebracht und zu den Söhnen Welids einge: 
iperrt. 

43 


674 Sechzehntes Hauptſtück. 


ren die Triebfedern meines Unternehmens, auch halte ich mich 
nicht für den Würdigſten, denn ich weiß, daß ich ein Sünder 
bin, wenn ſich Gott meiner nicht erbarmt. Nur aus Eifer 
für Gott, ſeinen Glauben und ſeinen Geſandten habe ich mich 
erhoben und zum Glauben an Gott, an ſeine Schrift und an 
die Satzungen ſeines Propheten, über den Gottes Segnungen! 
aufgefordert; denn das Panier der Leitung war umgeworfen, 
das Licht der Gottesfurcht war ausgelöſcht, ein gewaltthätiger 
Tyrann war aufgeſtanden, der alles Heilige entweiht und den 
keine ſündhafte Neuerung zurückgeſchreckt, ein Mann, welcher 
weder an die göttliche Schrift, noch an den Tag des Gerichts 
glaubte. Ich wendete mich darum von ihm ab, zu Gott, ob⸗ 
gleich er ein Glied meiner Familie, obgleich er mein Vetter 
war, und forderte alle Gleichgeſinnten auf, ſich mir anzuſchlie— 
ßen, und bekämpfte ihn, bis Gott der Welt und den Menſchen 
Ruhe vor ihm gefchafft, durch feine Macht und feine Kraft, 
nit durch die Meinige. D ihr Leute! ich verfprede euch 
feinen Stein auf den andern zu fesen, feinen Kanal zu gras 
ben, fein Geld für mich oder für meine Frauen und Kins 
der zu fammeln, nod von einem Lande in das andere zu 
fhaffen, bis ich die Grenzen des Reichs befeftigt, für das 
Wohl aller Unterthanen geforgt und überall Hülfe geleiſtet, 
wo die Noth am größten. Ferner verfpreche ich eu, eure 
Krieger nit in die Gränzfeftungen einzufperren, wodurd 
fie und ihre Familie zur Unzufriedenheit gereizt werben, 
auch werde ih euch nie meine Thüre verjchliegen, damit 
nit der Starfe unter euch den Schwachen unterdrüde, auch 
will id die Kopfiteuerpflichtigen mit Milde behandeln, damit 
fie nicht zur Auswanderung genöthigt werden, und ihr Ge— 
ſchlecht ausſterbe. Cure Gefigenfe follt ibr jedes Jahr von 
mir erhalten, und euern Lebensbedarf jeden Monat, damit 
alle Mufelmänner nahe und fern an Lebensmitteln Leberfluß 
haben. Erfülle ih was ich euch verheiße, fo dienet mir treu 
und gehorfam, wo nicht, fo entihronet mich, doch warnet mic) 
vorher und verfühnet euch wieder mit mir, wenn ich mich 


Jezid I. 675 


beffere. Kennet ihr aber Jemanden, der durch Rechtſchaffen— 
beit ſich ausgezeichnet, von dem ihr eben fo viel als von mir 
zu erwarten babt und den ihr mir vorziehet, fo will ich der 
erfte fein, der ihm buldige und Gehorfam leiſte. O ihr Leute! 
wer dem Schöpfer ungehorfam ift, Fann von den Gefchöpfen 
feinen Gehorfam fordern, wer den göttlichen Bund zerreißt, 
fann feine Treue fordern. Nur wer fich felbft Gott unter: 
wirft, Fann von Andern Unterwerfung fordern, wer ihm aber 
widerfpenftig tft und zur Sünde verleitet, verdient, dag man 
fih gegen ihn empöre und ihn aus der Welt fhaffe. Das 
iſt's was ich euch zu fagen babe. Gott fei mir und euch 
gnädig ! 

Trotz dieſer volfsthümlichen Kanzelrede, hörte doch der 
Widerftand gegen Jezid nicht auf, er ward vielmehr bald noch 
ftärfer, als er den Sold der Soldaten wieder verminderte, 
wie er vor Welid gewefen, wozu ihn die erichöpfte Staats— 
kaſſe nöthigte. Die nächften Unruben brachen in Paläftina 
aus, wo Jezid Jon Suleiman Jon Abd Almalif fih die Herr- 
haft anmaßte, und den Mohammed Fon Abd Almalik, an der 
Spise der Bewohner des öftlichen Jordanufers unterftügte. 
Aber au diefe wurden von Suleiman Ibn Hiſcham geſchla— 
gen, nachdem es Jezid gelungen war, die Häupter des Volks, 
Said und Dhoban Ibn Ruh, zu beftechen 2). 

Die Srafaner freuten fih zwar, von ihrem Statthalter 
Sufuf Fon Dmar erlöft zu werden, welchen natürlich der von 
Semeniden beherrſchte Chalife gleich entſetzte, und einferfern 
ließ 3), doch waren fie mit feinem Nachfolger Manßur Ibn 
Diumbur, wegen feines irreligiöfen Lebens und feiner freien 
Grundfäge nicht zufrieden *). Eben fo wenig warb er in 


1) Zab. f. 178. 

2) Ebend. f. 177. Abulf. ©. 464. 

3) Er flüchtete fib, in Frauenfleidern, nach Balfa, ward aber 
doh erkannt, und nah Damask gebracht und blieb im Kerker bis 
Merwan nah Damask kam. Tab. f. 181. 


4) Ebend. f. 179. 
43* 


676 Sechzehntes Hauptftüd. 


Chorafan anerkannt, das er von feinem Bruder Manzur ver- 
walten laffen wollte. Der Chalife fah ſich genöthigt, Naßr 
Ibn Sejjar I) in der Etatthalterfchaft von Chorafan zu be- 
ftätigen und die von Irak Abd Allah, einem Sohne des Cha— 
Iifen Omar Fon Abd Alaziz zu übergeben. Mit diefem un— 
partetifchen Statthalter waren die Syrer unzufrieden, weil 
fie gewöhnt waren, in vielen Beziehungen vor den Srafanern 
bevorzugt zu werden, und es kam zu einem Handgemenge 
zwijchen den fyrifchen und irafanifchen Truppen. Auf der an— 
dern Seite liebten mande Kufaner den Statthalter nicht, 
weil er feinerlei Gewaltthätigfeit duldete, und die Beamten 
des frühern Statthalters gegen den Pöbel ſchützte . Auch 
in Chorafan braden, felbit als Naßr wieder als Statthalter 
nah Meru zurücdfehrte, neue Unruhen aus, denn Naßr be- 
günftigte die Stämme Mudhars, zu denen au er gehörte, 
während die Jemeniden von Welid einen Statthalter aus 
ihrem Gefchlechte erwartet hatten, und fi daher dem Ker- 
mant, auf den wir in der Folge zurüdfommen werden, ans 
fhloffen. Dazu famen noch die fortwährenden Umtriebe ber 
Abbafiden, die nad dem Tode des Mohammed Ibn Ali für 
feinen Sohn Ibrahim warben ?). 


1) Wir haben oben berichtet, daß Sufuf der Statthalter von 
JIrak fih ſchon unter Hiſcham, jedoch vergebend, bemühte, auch die 
Statthalterfhaft von Shorafan zu erhalten. Unter Welid erfaufte 
er fie aber. Naßr erhielt den Befehl, nad) Damasf zu fommen und 
allerlei Saadoogel und Muftfinftrumente aus Perſien mitzubringen. 
Naßr, der vielleicht eine baldige Umwälzung vorausjah, zögerte aber fo 
lange, daß er die Gränze von Sraf noch nicht erreiht hatte, als 
Melid umfam, worauf er dann wieder nach Chorafan zurückkehrte. 
Tab. fol. 153. 


2) Gbend, f. 187. 
8) Ebend. f. 193. Es wird in Chorafan auch Geld für Ibra— 


him gefammelt, mit dem diefer wahrjcheinfich in Meſopotamien Sraf 
und Syrien die Unruheftifter bezahlte, 


Jezid II. 677 


Der gefährlichfte und machtigfte Feind Jezid's war aber 
Merwan Ibn Mohammed, der Statthalter yon Armenien und 
Adjerbidjan, der vergebens die Empörung gegen Welid zu 
verhindern gefucht hatte. Diefer fchrieb, fobald er von den 
Borfällen in Damasf Kunde erhielt, folgenden Brief an Omar 
Fon Jezid, Bruder des ermordeten Chalifen: 

„Wiſſe, daß die Herrfchaft von Gott fümmt, nad den 
Lehren feiner Propheten und Gefandten; durch ihren Beruf 
über die Beobachtung der religiöfen Vorſchriften und Gefege 
zu wachen bat fie Gott geehrt, und erhebt er auch diejenigen, 
welche fie ehren, während er diejenigen, welche ſich von ihnen 
Yosfagen und einen andern Weg wandeln, erniedrigt. Dieß 
erfannten die Völker, unter welche Gott Chalifate einge- 
ſetzt zu jeder Zeit, indem fie ſich fortwährend zum Schutze 
der Rechte ihrer Chalifen erhoben. Die treuejten Untertha- 
nen waren aber ſtets die Syrer, fie befhüsten und verthei- 
digten was ihren Herrfchern heilig war und fämpften mit 
Eifer gegen abtrünnige Aufrührer, welche das Recht umgefto- 
fen; darum floß ihnen aud Gottes Gnade zu, denn der 
Islam ift durch fie gediehen, und der Unglaube warb durch 
fie verdrängt; nun haben fie aber felbft Gottes Befehl über- 
treten und den Eid der Treue gebrochen, die Flamme des 
Aufruhrs ift unter ihnen angefacht worden, obgleich ihr Herz 
ſolchem Unternehmen fremd if. Dod darf das Blut des 
Chalifen nur von einigen Häuptern aus dem Haufe Dmejja 
gefordert werden, und gewiß, es bleibt nicht ungerädt, wenn 
auch jest der Aufruhr niedergedämpft und die frühere Ord— 
nung zurüdgefehrt ift, denn was Gott beſchloſſen, kann nichts 
abwenden. Sch bin tief beftürzt über deinen Zuftand und 
entfchloffen, die mit Füßen getretene Religion und dag ver- 
legte Gefes zu rächen, denn ich habe Truppen bei mir, in 
deren Herz Gott Gehorfam gelegt, Männer, welche mutbig 
vorwärts fehreiten, wohin ich fie führe und deren Herz für 
Thaten erglüht. Auch die Rache kömmt von Gott und hat 
ihre beftimmte Zeit. Ich gliche weder mir felbft noch mei- 


678 Sechzehntes Hauptftüd, 


nem DBater Mohammed, wenn ih nicht mit Schwert und 
Lanze gegen dieſe Defenner des freien Willens aufträte D), 
Gott mag zwifchen mir und ihnen entfcheiden! Doc; werde 
id mid noch ruhig verhalten, bis ih Nachricht von dir er: 
halte, hoffe aber, daß du nicht fäumen wirft, dich und deinen 
Bruder zu rächen. Gott ift mit dir und befhüst dich, wir 
bedürfen feiner andern Hülfe als der des Herrn“ 2). 

Auf die Nachricht von Jezid's Sieg über die Bewohner 
von Himß und die ganze Partei Welid's, brach er mit einem 
Theile feines Heeres vom Kaufafus auf?) und fiel in Mefopo- 
tamien ein, wo fein Sohn Abd Almalif, ſchon vor feiner An- 
funft, fih mit Dülfe einiger Truppen, die er in Chorafan 
eommandirt, der Stadt Harran bemächtigt hatte. Hier ward 
fein Heer durch 20,000 Freiwillige aus Mefopotamien ver: 
ftärft, und er war ſchon im Begriffe, gegen Jezid nad) Da- 
mask zu ziehen, als diefer ihm gewiffermaßen eine Theilung 
des Reihe vorihlug, indem er ihn nicht nur als Statthalter 
von Armenien und Adferbidfan beftätigte, fondern ihm aud) 
noh ganz Mefopotamien dazu gab. Da Jezid unmittelbar 
nah der Huldigung Merwan’s farb, (Ende Dfu-L-Hudjah 





1) Diefe und andere ähnliche Stellen beftimmen mich nah A 
Mafin ©. 89 anzunehmen, daß Merwan den Beinamen Djadi we: 
gen eined Dheims diefes Namens befam, nicht wie bei Abulf. S.490 
weil er der Sefte Djaad's angehört2, welcher die Prädeftination und 
die Ewigkeit des Koran’ läugnete. Man müßte denn wie Reiske 
das Wort kadar durch Prädeftination überfegen, Diefe Bedeutung 
hat es aber gewöhnlich nicht, auch halten meiftens nur die, welche 
die Prädeftination läugnen, den Koran für gefhaffen. S. de Sacy 
hist des Druzes I. p. 28 und Scehreft. ©. 30. 

212.906, 22185; 

8) Ebend. f. 194, Merwan war fchon auf dem Wege nad) 
Mefopotamien, als er erfuhr, daß Thabit Jon Nueim, den er als 
Gouverneur von Derbend zurücgelaffen, die Truppen anftiftete, fich 
gegen ihn zu empören, weil er ja nur von Welid zum Statthalter 
ernannt worden, der nun todt wäre, Merwan Fehrte um, und führte 
Thabit gefangen mit fih nah Mofopotamien. 


Jezid I. 679 


126 = 12. Oft. 744) D), fo wiffen wir nicht, welche geheime 
Bedingungen noch bei diefer Lebereinfunft feftgefegt wurden, 
wir können aber nicht zweifeln, daß fowohl in Betreff des 
Schickſals der beiden eingeferferten Söhne Welid's, als in 
Betreff der Nachfolge, Jezid auch Zugeftändniffe gemacht, und 
- dag Merwan feineswegs damit einverftanden war, daf es 
zid's Bruder Ibrahim und nad) ihm Abd Alaziz Ibn Had— 
diad Ibn Abd Almalik als Nachfolger beftimmt würden. 

Sp viel man nad der halbjährigen Regierung Jezid's 
urtheilen kann, war er feineswegs der Mann, der nad) einer 
blutigen Revolution wieder den wanfenden Thron zu befefti- 
gen im Stande gewefen wäre. Er wollte um jeden Preig 
berrfhen, wenn aud nur dem Namen nad, daher feine Nach— 
giebigfeit und Schwäche ſowohl gegen Naßr als gegen Mer- 
war und Andere, die er gegen feinen Willen in ihrem Amte 
lieg, obgleich fie fi gegen ihn aufgelehnt hatten, und ber 
Partei der Jemeniden, der er den Thron verbanfte, feind 
waren, 


1) So bei Tab. f.195, nach Andern den 20. Dſu⸗l-Hudjah. Auch 
über fein Alter find die Berichte verfchieden, manche behaupten, er 
ward nur 30 Sahre alt, Andere 37, einige fogar 46. Die Dauer 
feiner Regierung war entweder 6 arabiihe Monate und einige Tage, 
oder 5 Monate und 22 oder 23 Tage, nicht 12 mie bei Abulf. ©. 464. 


Siebzehntes Dauptitüc. 


Merwan I. 


Merwan erfennt Ibrahim nicht an. — Schlägt feine Truppen 
bet Ein Altjarr. — Nimmt Damask. — Ermordung der Söhne 
Welid's. — Merwan mird Chalife. — Ibrahim entfagt und wird 
beanadigt. — Aufruhr in Himß und in der Gegend von Damask. — 
Himß wird gejchleift und Mizza verbrannt. — Gmpörung in Palä- 
ftina und Tadmor. — Ein Alide erhebt fih in Kufa. — Wird vom 
Statthalter von Irak vertrieben. — Er bemädtigt ſich mehrerer per- 
fiihen Städte. — Bürgerkrieg in Irak. — Dhahbaf der Charidjite 
fhlägt Merman’s Statthalter. — Nimmt Kufa und Hira. — Relu: 
gert Waſit. — Abd Allah Ibn Omar verbündet fih mit ihm. — Su: 
leiman Son Hiſcham mwird von einem Theile der Truppen zum Cha: 
lifen ausgerufen, — Mermwan fchlägt ihn bei Kinesrin. — Belages 
rung von Himb. — Ibn Hubeira nimmt Kufa wieder. — Schlacht 
bei Kafr Tutha zwiſchen Merwan und Dhahhak. — Belagerung von 
Moßul. — Die Eharidjiten fliehen nach Perſien. — Die Charidjiten 
in Adferbidjan. — Krieg mit den Brzantinern. — Abd Trrahman 
Son Habib Statthalter von Afrika. — Kriege gegen Berber und 
Sharidjiten. — Zuftände in Epanien, — Abu:l:Chattab’8 Gtatt: 
halterfhaft. — Zumeil empört fih gegen ihn. — Thuaba kömmt 
an feine Stelle. — Krieg mit Abusl-Chattab. — Thuaba’g 
Tod. — Juſuf wird Statthalter von Spanien. — Aufruhr 
und Krieg in Arabien. — Krieg in Verfien mit den Aliden, — 
Zuftände in Chorafan, — Mufa’s Kriege mit Kermani und Harth. 


Merwan II. 681 


— Abu Muslim kämpft für die Abbaſiden. — Ibrahim wird einge- 


Eerfert. — Abu Muslim nimmt Meru und andere Städte in Cho: 
rafan. — Schlaht bei Tus und in Djordjan. — Nafr’d Tod. — 
Kabtaba nimmt Hamadan und Nehawend. — Krieg in Sraf zwis 


fhen Kahtaba und Ibhn Hubeira. — Kahtaba’d Tod. — Sein Sohn 
Hafan nimmt Kufa. — Abu-l:Abbas wird Chalife. — Schlaht am 
Zab zwifhen Merwan und Abu Aun. — Die Abbaftden nehmen 
Damask. — Merwan's Fluht nah Egypten. — Sein Tod, — 


Manche arabiſche Autoren nennen Ibrahim, den Jezid zu 
feinem Nachfolger beftimmt, als den nächiten Chalifen, da die— 
fer aber fo ſchwach und unbedeutend war, daß er ſelbſt nicht 
einmal dieſen Namen zu führen den Muth hatte, ſondern ſich 
blos Emir nannte I), übrigens auch höchſtens in der Haupt— 
ftadt einige Monate als Herriher anerfannt ward, fo ver— 
dient er auch gar nicht unter den Chalifen gezählt zu werben. 
Sobald nämlich Merwan von dem Tode Jezid's Kunde er- 
bielt, brach er von Harran mit einem ftarfen Deere auf, angeb- 
fih um im Namen der beiden in Damasf eingeferferten Söhne 
Welid's die Regentichaft zu übernehmen, In Kinesrin ſchlug 
er zuerft Beichr, einen Bruder des legten Chalifen Fezid, und 
nahm ihn fowohl als feinen Bruder Masrur gefangen 2). 
Bon bier wendete er fih, durch viele Araber aus dem Ge— 
ſchlechte Mudhars verftärft, an ihrer Spitze der fpätere Statt- 
halter von Jraf, Jezid Ibn Omar Ibn Hubeira, gegen Himß. 
Diefe Stadt hatte fih ſchon vor feiner Anfunft geweigert, 
Ibrahim zu Huldigen 3), und ward deshalb von Abd Alaziz 


1) Abulf. ©. 466 u. U. Seine nur von einer Fleinen Partei 
anerkannte Herrihaft dauerte nach einigen 4 Monate, nah andern 
nur 70 Tage, nah Sbn Kuteiba nur 1, Monate. 

2) Tab. f. 19, Elmaf. ©. 87. 

3) Ebend. 


682 Siebzehntes Hauptſtück. 


Fon Haddjadj belagert, Diefer zog fih aber, fobald Mer- 
wan beranrüdte, gegen Damasf zurück und Himß öffnete 
dem Merwan feine Thore. Ohne Aufenthalt rüdte er dann 
gegen Damasf vor, bis nah Ein Aldjarr, einem Fleinen Drte 
zwifchen dem Libanon und Antilibanon, auf dem Wege von 
Balbef nah Damasf, Hier fand Suleiman Jon Hifcham, 
welcher alle Jemeniden und fonftige Anhänger des verftorbe- 
nen Chalifen um fi verfammelt hatte. Suleiman’s Heer 
fol 120,000 Dann, das Merwan’s nur 80,000 gezählt ha= 
ben. Jenes war aber mehr ein zufammengerafftes Volk, die 
fes beftand größtentheils aus alten Kriegern, die viele Feld— 
züge gegen Armenier, Griechen und Türfen mitgemacht. Wegen 
des engen Thales, in welchem die beiden Deere auf einander 
fliegen, war die numerifche Ueberlegenheit von Suleiman’g 
Zruppen ohne große Bedeutung, während Merwan Gelegen- 
heit fand, durch beſſere KRriegstaftif den Sieg zu erringen, 
Nachdem nämlich eine mörderiſche Schlacht von Tagesanbrud) 
bis gegen drei Uhr des Nachmittags ohne Erfolg geblieben, 
fandte Merwan eine Abtheilung Truppen über den Fluß Li— 
tani, welche den am Djarrfluffe ftehenden Feind umging und 
ihn im Rüden angriff, worauf die Niederlage Suleiman’s 
entihieden war I). Er lieg 17,000 Mann auf dem Schladht- 


1) Tab. Ebend. Ein Aldjarr (die Quelle des Djarr) kommt 
auh im Kamuß jomohl als bei Abulf. (ed. Schier ©. 130) vor. Der 
ame diefes Drtes fommt wohl von der Quelle oder den Quellen 
her, die in der Nähe entipringen, welhe den Fluß bilden, welder 
bei Tab. Djarar heißt, und der fi einige Stunden ſüdweſtlich von 
Ein Aldjarr mit dem Litani verbindet, welcher durd das Thal Bekaa 
fließt und weiter unten den Namen Kafimijjeh (Leontes) führt. Mit 
diefer von Tab. angegebenen Lage des Kampfplages ftimmt auch 
Theoph. ©. 645 überein, wo ausdrüdlich die Schladt in Die Ebene 
Garis am Fluffe Lita gejegt wird. Daß Theoph. diefen Fluß 
auch den Schlimmen (zuxos) nennt, Fommt vielleiht von dem Ginne 
des Wortes Djarr her, weldyes unter Andern auch „ein Unrecht bes 
gehen‘ bedeutet. ©. Kamuf. Sowohl der Drt ald der Fluß Al 


Merwan II. 683 


felde, eine gleiche Zahl fiel in die Hände Merwan’s, das 
übrige Heer zerftreute fih in Unordnung, fo daß aud bie 
Hauptftadt nicht mehr vertheidigt werden konnte. Ibrahim 
und Suleiman entfloben aus Damasf, nachdem fie vorher Die 
Söhne Welid’s, fowie Jufuf Ion Omar, den ehemaligen 
Statthalter von Jraf ermorden und den Staatsihat ausplüns 
bern ließen. Merwan, der bisher nur als Bluträcher We: 
lid's und Beſchützer feiner Söhne aufgetreten war, konnte 
fi) jest ohne Scheu ſelbſt als Chalifen huldigen Yaffen. Um 
indeffen das Volk glauben zu laffen, Merwan verbanfe den 
Thron nicht bloß feinem Schwerdte, fondern ſei auch ein 


Djarr kommt noch jegt unter dem Namen „Andſchar“ vor. Man 
lief't bei Burckhardt (Ausg. v. Gefenius I. ©. 47 u. 48). „Sch ritt 
(von Zahleb) nah Andjar an der öftlihen Seite von Bekaa, Süd: 
oft gegen Süd, ein Weg, den man von Zahleh etwa in dritthalb 
Stunden mabt... Der Plas, welher Andjar heißt, liegt nahe bei 
dem Anti-Fibanus und befteht aus einer verfallenen Stadtmauer... 
Sndem ih dem Berge füdlih von diefen Ruinen folgte, Fam ich 
nad ungefähr 20 Minuten an den Fleck, wo der Mojet Anpfhar 
oder der Fluß Andſchar feinen Urſprung in mehreren Quellen hat. 
Diefer Fluß hatte, als ih ihn fah, dreimal fo viel Wajler als der 
Siettani; aber, obwohl er fih mit dieſem in Befaa nahe bei Dichiffr 
Temmir verbindet, behält der vereinigte Fluß dennoh den Namen 
Liettani.“ Am folgenden Tage legte dann (S. 49) Burdhardt die 
Reife von Andjar nah Baalbek in fieben Stunden zurüd, was aud) 
mit Abulf. a. a. O. übereinftimmt, der die Entfernung zwifchen dies 
fen beiden Orten auf eine Tagreife angibt. Daß DI, Dſch und © 
nur verfchiedene Schreibart eines und deſſelben arabıfhen Buchſta— 
ben (Djim) ift, wiffen auch manche Nichtorientaliften und fo unters 
liegt es feinem Zweifel, daß Al Djarr, Andjar und Garis (ohne Ar: 
tifel) identifch find. Aus der Vergleihung des Theoph. mit Tab, 
ergibt fih aud, dag die Schlacht in der Ebene zwifhen dem Fluſſe 
Andjar und Litani ftatt fand und daß Merwan fie dadurch gewann, 
daß er einen Theil feiner Truppen unterhalb des Zujammenfluffes 
des Al Djarr und des Litani über den Fluß ſetzen und den Feind, 
der am Aldjarr ftand und ihm mwahricheinlih den Webergang über 
diejen Fluß ftreitig machte, im Rüden angriff. 


684 Siebzehntes Hauptſtück. 


legitimer Chalife, bezeugte der oben genannte Abu Mohammed 
Afoftani, der mit den Söhnen Weliv’s eingeferfert war, Ha— 
fam, der Aeltefte der Beiden, habe ihm vor feinem Tode feine 
Rechte auf das Chalifat übertragen Y. | 

Trotz diefer wirklichen oder erdichteten Sanction und ob— 
gleih Ibrahim felbft auf alle feine Rechte verzichtete, auch 
er ſowohl als Suleiman Ibn Hiſcham fih, dem Scheine nad) 
wenigftens, mit ihm ansfühnten, und Merwan fogar, um bag 
Bündniß zu befeftigen, feine Söhne mit Suleiman’g Schwer 
ftern verheurathete, fand doch feine Herrſchaft an feinem 
Drte volle Anerfennung. Die Schlaht von Ein Djarr 
hatte fo viele Menſchen gefoftet, dag bei einem Volke, dem 
Blutrache noch immer ein natürliches Gefühl und ein Ehren- 
punft war, feine aufrichtige Unterwerfung ftatt finden konnte. 
Die befiegten Jemeniden waren feine natürlichen Feinde, 
welche, mo fie es vermochten, fich felbft gegen ihn erhoben, 


1) Dieß beftärft mich in meiner Vermuthung, daß noch ge: 
heime Bedingungen, namentlich in Betreff der Nachfolge, zwiſchen 
Sezid und Merwan feſtgeſetzt wurden, die Sezid auf dem Kranfenbette 
nicht erfüllt, fonft würde man nicht begreifen, da ja Merwan felbft 
dem Sezid gehuldigt, welchen Werth noch eine Verfügung Hakams 
haben Fonnte. Daß aber Merwan gleich anfangs von Harran aus 
gegen Ibrahim aufbrah, um felbft nah Hakam's Beftimmung Cha: 
life zu werden, wie Reisfe in feinen Noten zu Abulf. (S. 130) aus 
Son Kuteiba berichtet, ift falfih, denn aus den von Ibn Kuteiba 
felbft angeführten Verſen Hakam's geht hervor, daß er nur nad) 
feinem Tode Merwan zum Chalifen beftimme, feine Ermordung 
fand aber erft nah der Schlaht von Ein Djarr ftatt. Reiske felbft 
bemerkt übrigens ſchon »postrema (bei Sbn Kuteiba) superioribus non 
congruunt.« Die Ermordung Juſufs ward nad arabifchen Sitten, 
von Sezid, dem Sohne Chalide, welchen er zu Tode gefoltert, voll: 
brabt. Die Söhne Welid’8 wurden von Abd Alaziz Sbn Had: 
djadj erdolht. Bei Tab. f. 197 wird als Grund ihrer Ermordung 
angegeben, weil Merwan fie zu Chalifen erheben wollte, und die 
Anhänger Zezid’8 ihre Rache fürchteten, Abd Alaziz wird nad Tab, 
f. 203 von den freigelaffenen Welid's ermordet, der Chalife Sezid 
enterdigt und gehängt, 


Merwan IL 685 


und wo fie nicht ftarf genug waren, die Unternehmun- 
gen der Hafıhimiten ſowohl als der Charidjiten unterftügten, 
Merwan’s ganzes Chalifat ift daher eine Neihe von Kämpfen 
gegen Empörungen jeder Art, die er trog feinem militärifchen 
Talente und feiner unermüdlichen Thätigfeit, die ihm den 
Spottnamen Eſel zuzog, doch nicht unterdrüden fonnte, weil 
fie an allen Enden des Reichs zumal ausbracdhen und die Sy- 
rer feldft, die bisherige zuverläßige Stüße der Omejjaden, ſich 
zum Theil feinen Feinden anfchloifen. 

Kaum drei Monate nad) der Huldigung Merwans pflanzte 
die Stadt Himf die Fahne des Aufruhrs auf, angeftachelt von 
Thabit Ibn Nueim, der fih ſchon in Adferbidjan gegen Mer- 
war aufgelehnt hatte, doc nachher wieder von ihm begnadigt 
und zum Statthalter von Paleftina ernannt ward ) ‚(ite 
Schawwal 127 = bte Juli 745). Merwan, welder damals 
in Hama war, rüdte mit einem Deere heran, die Stadt un- 
terwarf fih, als aber einige taufend Mann von Mermang 
Truppen eingezogen waren, ward das Thor geſchloſſen und 
die Rebellen fielen verrätherifchermweife über die Truppen ber. 
Merwan hatte indeffen bald wieder dag Thor erftürmt, doch 
gelang es den Rebellen durdy ein anderes Thor zu entfom- 
men und nur fünf bis fehs hundert Mann fielen in die Ges 
walt Merwans, der jest aber auch mit aller Strenge gegen 
fie verfuhr, indem er fie ringe um die Stadt herum hängen 
ließ, deren Mauern auf feinen Befehl gefchleift wurden. Von 
Himß mußte Merwan gegen die Hauptftabt aufbrechen, in 
welcher fein Statthalter von den fie umgebenden Landbewoh— 
nern belagert war. Diefe Dörfer und Städtchen waren größ— 
tentheil8 von Jemeniden bevölfert, befonders Mizza, das 
zuerft dem Chalifen Jezid gehuldigt hatte. Darum ward aud), 
nahdem Merwan die Rebellen gefchlagen, dieſes Städtchen 





1) Tab. f. 204. Ihnen ſchloſſen fich auch 1000 Mann aus Tad- 
mor an, welche zu dem Stamme Kelb gehörten, aljo auch wieder 
Semeniden, 


686 Siebzehntes Hauptſtück. 5 


den Flammen preis gegeben und Jezid Ibn Chalid, der Anz 
flifter des Aufruhrs, gehängt Y. Ein ähnliches Schiefal traf 
bald darauf Thabit Fon Nueim und feine Söhne, melde fi) 
in Paleftina gegen den Chalifen aufgelehnt und deſſen Statt— 
halter von Tiberias, Welid Jen Muawia Jon Merwan, 
angegriffen hatten 2). Merwans Energie und Strenge gegen 
die Empörer bradte endlih auch die aufrührerifhe Stadt 
Tadmor zur Interwerfung, doch wurden auch ihre Mauern 
gefchleift ?). 

Während diefer Vorfälle in Syrien waren auch andere 
Provinzen des Chalifats der Schauplag ähnlicher Empörun— 
gen. Die Charidjiten erhoben fih überall, vom Kaufafus an 
bis an den Meerbufen von Aden herab, während in den öſt— 
lichen Provinzen die Haſchimiten die Statthalter des Chalifen 
in Schach hielten. Schon im Anfang des Jahres 127 
(Dftober 744) empörte fih Abd Allah Ibn Muawia t), ein 
Abkömmling Djafars, in Kufa, Wie immer, liegen ihn aber 
die Rufaner ohne Beiftand, als der Statthalter yon JIrak 
Trupppen gegen ihn ſchickte, doc entfam er mit feinen An- 
hängern nady Perfien und bemächtigte ſich der Städte Hulwan, 
Iſpahan, Hamadan, Nei und anderer Fleinerer Pläge °), denn 


1) Ebend. 

2) Ebend. f. 205. Einer der Rebellen ward lebendig in eine 
hohle Säule geftekt, die dann zu einem Gebäude verwendet ward. 
Auch Theoph. S. 649 erwähnt-den Rebellen Thebit. 

3) Ebendaf. Merwand Truppen waren jhon im Kaftel, als 
endlich die Stadt den Ermahnungen des Abraſch zum Frieden Ge 
hör gab. 

4) Ebend. f. 198: Abd Allah Son Muawia, Ibn Abd Allah, 
Son Djafar, Son Abu Talib, alfo ein Sprögßling von Mohammeds 
Dheim. ©. Leben Moh. ©. 11. 

5) Ebend., auch Elmak. S. 90, wo es heißt: Abd Allah zog 
fih nah Djabal zurüd und nahm von den dortigen Plätzen Beſitz. 
Unter Djabal (Gebirgsland) verfteht man nah dem Kamuß das 


Merwan II. 687 


viele Jemeniden, an ihrer Spige Jsmail, ein Bruder des 
Chalid Ibn Abd Allah Alfasri, fchloffen fih ihm. an. Bald 
darauf brachen in Irak neue Unruhen aus, Hira erflärte fi 
für Abd Allah Ibn Omar, den bisherigen Statthalter von 
Irak, und Kufa für Nafr Ibn Said Aldjoraſchi, welchen 
Merwan an Abd Allah's Stelle ernannt hatte, Es fam zum 
förmlihen Kampfe zwifchen beiden, und alle Feinde des Cha— 
lifen hielten es jest mit dem entfegten Statthalter ). Nur 
das Herandringen eines gemeinfamen Feindes veranlaßte Abd 
Allah und Naßr zu einem Waffenftillftande, ja fogar zu einem 
Bündniffe. Diefer neue Feind war der Charidjite Dhahhak 
Fon Keis Afcheibani. Er war aus Mefopotamien gefommen 
niit Said Ibn Bachdal Alcheibari, welcher an der Spite von 
etwa 3000 Mefopotamiern 2) ftand, und ward nad deſſen 
Tod zum Häuptling erwählt. In Irak vermehrte fih wahr: 
fheinfih fein Anhang, denn er fhlug Abd Allah und Nafr, 
deren Truppenzahl auf 30,000 Dann angegeben werden, und 
bemädhtigte fi der Stadt Kufa 3). (Radjab 127 = April — 
Mai 745.) Bald darauf nahm er aud) Hira ein und bes 
lagerte Abd Allah Ibn Omar, welcher fih nad Waſit zurüd- 
gezogen hatte. Abd Allah hielt fi) mehrere Monate in Waflt, 
ward aber zulest (im Schawwal) von feinen Leuten genöthigt, 
mit Dhahhak einen Frieden zu fchliegen ?). 


ganze Gebiet zwifchen Adferbidjan und dem arabifhen Irak. Erpe— 
nius überfeßt: »unde in montes confugit,« was freilich Nichtorien« 
taliften irre führen mußte. 

1) Ebend. f. 206, 

2) Ibid. Das Folgende auch in Kürze bei Ibn Kuteiba. ©. 
Reiske annott. ©. 132. 

3) Nah andern Berihten nahm er Kufa ohne Kampf, denn 
Abd Allah lag mit feinen Leuten in Hira und Naßr in der Gegend 
von Baßra. Ibid. f. 208, 

4) Ebend. f. 209. Zuerft ging Manfur Sbn Djumhur, der von 
Sezid ernannte Statthalter von Sraf, zu den Charidjiten über und 
fagte zu Abd Allah: wozu Fämpfen wir länger gegen Dhahhaf, 


688 Siebzehntes Hauptſtück. 


Merwan hatte diefem Kriege nicht müßig zugefehen. 
Sobald er Nachricht von Dhahhafs Sieg über Naßr erhielt 
und ſich von der Unfähigfeit diefes Statthalters überzeugte, 
fandte er Jezid Ibn Omar Ibn Hubeira nad) Irak, den wir 
in der Folge, damit er nicht mit Abd Allah Ibn Omar ver: 
wechfelt werde, blos Ibn Hubeira nennen wollen. Dieſem 
follte zur Bekämpfung Dhahhafs ein Heer von 10,000 Mann 
folgen. Als diefe Truppen aber nah Rußafa famen, riefen 
fie den von Merwan begnadigten Suleiman Ibn Hiſcham 
zum Chalifen aus. Suleiman, der bisher in der Nähe 
Merwans gelebt, kurz vorher aber unter irgend einem 
Borwande fich entfernt hatte, ftellte fih an ihre Spike 
und führte fie nad Kinesrin, welches bald der Sammelplag 
aller mit der Negterung Unzufrievdenen ward, Merwan mußte 
daher Irak fi felbft überlaffen und alle feine Streitkräfte 
gegen Suleiman richten. Er brachte ihm zwar in Chufaf, 
nicht weit von Kinesrin, eine furchtbare Niederlage bei, aber 
bie Flüchtlinge warfen fid) in die Stadt Himß, die erft nad 
blutigen Kämpfen und einer längeren Belagerung ſich ergab 1). 


wir wollen Sieber Frieden mit ihm fchliegen und ihm gegen Merwan 
Krieg führen laffen. f. 213 werden dann die Bedingungen des Frier 
dens angegeben. Dhahhaf behielt Kufa, Hira und das ganze am 
Gupbrat liegende Land, Abd Allah aber Kaskar, Meifan, das Land 
am untern Tigris, Fars und Ahwaz. 

1) Ebend. f. 211 und 212. Abulf. ©. 470 u. Elmafin ©. 9%. 
Der Ort, wo die Himfer noch ein Treffen liefern, heißt bei Tab, 
Tel Mid, auf dem Berge Sammaf, Suleiman entfloh nach Tad- 
mor, fein Bruder Said aber nah Himß und ward bei Webergabe 
derfelben hingerichtet. Nach andern Berichten begab ſich Suleiman 
nach der Niederlage bei Chufaf zu Abd Allah Son Omar und hul- 
digte mit ihm dem Dhahhaf. Unter den Xulßavovg bei Theophanes 
©. 649 find wahrſcheinlich Kelbiten oder Kalbiten, d. h. Araber aus 
dem jemenidifben Stamme Kelb zu verftehen, melde, wie fchon 
oben berichtet, Merwans bitterfte Feinde waren. Auch von der Hin: 
rihtung und Verftümmelung eines Aethiopiers fpricht Tabari wie 
Theoph. a. a. D. Er hatte während der Belagerung von Himß 


Merwan II. 689 


Erft gegen Ende des Jahres 128 (September 746) war es 
Merwan möglih, den Jon Hubeira nad) der Provinz Irak 
zu fhiden, deren größten Theil Muldjan im Namen Dhahhaks 
beberrichte, während Lesterer felbft mit dem Hauptheere am 
obern Tigris ftand. 

Es war die höchſte Zeit, dag Merwan frei wurde, um 
den Fortſchritten Dhahhaks einen Damm zu fegen, denn Moßul 
war ſchon in feiner Gewalt, Nißibin ward belagert, während 
ein Theil von Dhahhaks Heer, das auf 120,000 Mann an- 
gegeben wird, ſchon, unter Führung des Abd Allah Ibn Beſchr, 
gegen Raffa, nad) dem Euphrat hin aufbrach. Merwan fchlug 
zuerft diefes Corps in der Nähe des Testgenannten Drteg, 
dann lieferte er Dhahhak ſelbſt in der Gegend von Kafr Tutha 
eine Schlacht, welche von Morgens bis Abends währte und 
erft mit dem Tode Dhahhaks gegen die Charidjiten entfchieden 
ward. Zwar griff Cheibari, der jeßt den Oberbefehl führte 
und bei dem fih aud Suleiman Jon Hiſcham befand, dag 
feindliche Centrum, welches Merwan felbft anführte, mit fol- 
chem Ungeftüm an, daß es weichen und der Chalife die Flucht 
ergreifen mußte, da er aber nicht unterftügt ward und nur 


Merwan verhöhnt. Die Belagerung von Himß dauerte nah Theo: 
phaneg vier Monate, nad) Elmafin 10 Monate, Abulfeda und Tas 
bart beftimmen Feine Zeit. Grfterer fest aber die Einnahme gewiß 
mit Unredht noh in das Sahr 127. Bei Tabari f. 124 heißt es: 
„Wakidi beribtet: Merwan nahm Himk im Schammwal ded Jah: 
res 128 und jchleifte die Maugrn und ließ Nueim Son Thabit ent— 
baupten.“ Lesterer darf nicht mit Thabit Son Nueim verwechſelt 
mwerden, der in Paleftina gefangen und verftümmelt wurde, Mit 
Unrecht verbeflert daher Reiske in den amnott. ©. 130 den Div: “ 
nyſius, welcher fdhreibt, Daß, als Merwan, nach Jezids Tod, gegen 
Ibrahim zog, »necaimns lius Tebit Ibrahımi jussu cum exercitu ei 
oceurrit.« und glaubt, ed müſſe „Ihabit Ibn Nueim“ heißen. Leg: 
terer Fonnte um fo mweniger gegen Merwan kämpfen, da er ja, 
wie oben erwähnt, mit Merman aus Armenien kam und als diefer 
Ehalife ward, die Statthalterihaft von Paleſtina erhielt und erft 
fpäter fi wieder empörte. 


44 


690 Siebzehntes Hanptftüd, 


400 Mann bei fi) hatte, warb er bald von ben beiben 
Flügeln des fyrifchen Heeres umzingelt und getödtet ). Nach 
diefer Schlacht zogen fich die Charidjiten nah Moßul zurüd 
und verfhanzten fih auf dem öftlichen Tigrigufer, während 
Merwan das ganze Land dieffeits des Stromes wieder befete, 
Erft nad) der Einnahme von Kufa (Ramadhan 129 = Mai— 
Juni 747), als ihm Ibn Hubeira Berftärfung ſchicken fonnte ?), 
vertrieb er die Charitjiten, die nad Cheibari's Tod Sceiban 
Fon Abd Maziz Ajafchfari zu ihrem Dberhaupte erwählt 
hatten, aus Mogul und ließ fie fogar nad) Fars, wohin fie 
ſich flüchteten, verfolgen und nochmals fchlagen. 


Trotz diefem Siege über die Charidjiten, deren Führer 
Scheiban bald nadher, nach einigen Berichten in Bahrein 
oder Dman, nad andern in Sedjeftan, umfam, und obgleich 
Son -Hubeira nah der Einnahme von Kufa aud über Abd 
Allah Ibn Omar fiegte und ihn in Waſit gefangen nahm, 
war doc Merwan von andern Seiten her dermaßen bedrängt, 
daß er genöthigt war, Naßr Ibn Sejjar, der dringend um 
Hülfe bat, fich felbft zu überlaffen. Adſerbidjan war ganz 
in den Händen der Charidjiten, weldhe Merwans Statthalter 
Aßim Fon Jezid tödteten, feinen Cohn Zufr in die Flucht 
trieben, und aud Abd Almalif Ibn Muslim fhlugen ?), den 
Merwan zur Herftellung der Ruhe mit Truppen nad) Arde— 
bit ſchickte. Im nördlihen Syrien und in Kleinafien machten 


1) Tab. f. 224, auch Theoph. 1. 1. und Ibn Kuteiba bei Reiske 
a.a.D., wo aber die Schladht in den 2ten Monat des 5.128 gefest 
wird, ftatt Ende 128 oder Anfangs 129, wie bei Tab, mas zur 
Einnahme von Himß im Schamwal fehr gut paßt. 

2) Er fandte ihm Amir Son Dhabara mit 6 oder 8000 Mann, 
welche Scheibans Truppen unterhalb Moßul ſchlugen. Tab. f. 226. 

3) Das Nühere über diefe Kämpfe in Adferbidjan findet man 


auch im türt. Tab, S. 147. Häuptling der Charidjiten war Mufafir 
Son Kethir, 


Merwan I. 691 


die Byzantiner Einfälle in das islamitifhe Gebiet und rich— 
teten auch die arabifche Flotte bei Eypern zu Grunde N). 

In Afrifa hatte Abd Errahman Yon Habib, nachdem 
alle feine Bemühungen, Spanien zu beberrihen, fruchtlos 
geblieben, den dortigen Statthalter Hanzala vertrieben (Diu- 
madiel-Amwwal 127). Merwan mußte ihn zum Statthalter 
ernennen, aber auch er batte fortwährend fowohl gegen em- 
pörte Berber als gegen Charidjiten zu fämpfen 2). 

In Spanien hatte Abu-I-Chattab einen Augenblid bie 
Ruhe Hergeftellt, bald aber durch feine Vorliebe zu den Je— 
meniden, feinen Stammgenoffen, die Abfümmlinge Mudhars 
gegen fich erbittert und Bürgerfriege hervorgerufen 3), welde 
ber neue Statthalter von Afrifa gerne gegen den von feinem 
Vorgänger Hanzala ernannten Abu-l-Chattab unterftügte, 
Zumeil Ibn Hatim ftellte fih an die Spise der Mubhariten 


1) Theoph. S. 650 und 653. 

2) Son Abd Alb. ©. 127. Er hatte feinen Bruder nah Tripoli 
als Unterftatthalter geichitkt, der aber den dortigen Kadli, welcher 
ein Sbadhij war, hinrichten ließ, worauf die Sbadhije ſich empö— 
ren und auch Humerd Ibn Abd Allah, den Abd Errahman an feines 
Bıuders Stelle ernannte, nicht anerkennen, Häuptling der Zbadhije 
ift Abd Aldjabbar Son Keis Almuradi und ihm gehorchen die Berber: 
fämme Zenata und Hawara. Mehrere Feldherrn Abd Errahmans 
merden von Abd Aldjabbar geihlagen, doch zufegt entzweite er ſich 
mit Harith Sbn Telid Alhadhrami, mit dem er bisher gemiffermagen 
die Herrjchaft getheilt hatte. Cie befämpften ſich und beide blieben 
auf dem Schlahtfelde. Die Berber ermwählten dann Ismail Ibn 
Zijad Alnafuft zu ihrem Häuptling, welcher aber von Abd Grrahs 
mans Truppen gejchlagen wird. Vergl. auh Nuweiri a, a. D. 
©. 451 u. 452. Die Sefte der Ibadhije geh rt auch zu den Cha: 
ridjiten, ihr Stifter hieß Abd Allah Son Ibadh. ©. Schehreftani 
©. 100, aub im Kamuß unter Ibadh. 

8) Die Beranlaffung zum Ausbruch der Unruhen gab eine Ents 
fheidung des Stutthalters zum Nachtheile eines Mannes aus dem 
Stamme Kinana und zu Gunjten eines Semeniden, der offenbar im 
Unrehte war. Makkari ©, 46, 

44 * 


692 Siebzehntes Hauptſtück. 


und verband fi mit Thuaba Ibn Jezid, der zwar ein Je- 
menide, aber ein yperfönlicher Feind Abu-l-Chattabs war. 
Lesterer ward an den Ufern des Guadalete gefchlagen und 
als Gefangener nad; Cordova gebracht, (Radjab 127 — April 
— Mai 745). Er ward aber aus dem Kerfer befreit und verfuchte 
aufs Neue, mit Hülfe der Jemeniden, ſich zum Statthalter 
emporzufchwingen, doc verlichen ihn feine Anhänger wieder, 
weil Thuaba, wenigftens dem Namen nad), regierte ?). Nach 
Thuaba’s Tod (Ende 128 — September 746) entbrannte 
der Bürgerfrieg auf's Neue, bis endlih die Muthariten und 
Jemeniden dahin übereinfamen, daß ein Jahr ein Mudharite 
und ein Jahr ein Jemenide Statthalter fein follte. Sufuf, 
Sohn des Statthalters von Afrifa, ward zuerft (Nabia-[-Adir 
129 — Der. 746 — Yan. 747) von den Mudhariten gewählt; 
wie vorauszufehen war, wollte er aber, nach Berlauf des 
Jahres, der Herrfhaft nicht entfagen, was neuen Aufruhr 
veranlaßte, den Juſuf nur durch) Verrath und raufamfeit 
unterdrüdte 2). 


1) So bei Maff. ©. 48. Nach Sonde u. N. fiel Abu-l:Chattab 
in einem Ausfalle, den er von Cordova aus gegen Zumeil madte. 
Vergl. Lembfe S. 303. Weber die Dauer der Statthalterfchaft von 
Abul:Chattab und Thuaba f Pascual. ©. 414. n. 32. Wenn er aber 
die von Maff. angegebene zu lange Dauer der Verwaltung Abu—l— 
Shattabs dadurch rechtfertigen will, daß er die von Afrika mitrechnet, 
fo ift dies eine faljhe Vermuthung, da weder bei Numeiri noch bei 
Son Abd Ah. Abusl-Chattab unter den Statthaltern von Afrika ges 
nannt wird, fondern Ubeid Allah, Kolthum und Hanzala unmittelbar 
auf einander folgen. 

2) Makk. S. 49 und 50 viel wahrfcheinlicher als Conde's und 
Andrer Berichte, denen zufolge Juſuf einitimmig, ohne Vorbehalt, 
aud von den Semeniden gewählt murde. Gewiß war auch fein Va: 
ter, von dem Conde gar nichts jagt, nicht untpätig bei diefer Wahl, 
und bei Nuweiri a. a. D. ©. 453 heißt ed ausdrüclich, Daß Abd 
Grrahbman vom Chalifen Merwan zum Statthalter von Afrika und 
Epanien ernannt wurde, aljo waährſcheinlich letzteres Land durch 
feinen Sohn verwalten ließ. 


Merwan II. 693 


Die weitere Gefhichte der Statthalterfchaft Juſufs ge— 
hört nicht mehr der Regierung Merwans an, da nur noch 
feine Ernennung zum Statthalter nady einigen Berichten vom 
Chalifen ausging. Wir haben auch überhaupt, weil fie zur 
eigentlichen Geſchichte des Chalifats in Feiner fo engen Bezie— 
hung mehr jtehen, alle Vorfälle in Spanien, von Hiſchams 
Tode an, nur furz berührt, indem wir bloß zeigen wollten, daß 
daffelbe Grundübel, welches im Diten blutige Bürgerfriege 
verurfadhte, au im Außerften Weſten vorhanden war, ob— 
gleich es hier ganz entgegengefegte Nefultate herbeiführte, Die 
wir in der Folge näher erörtern werden. 

Sn Arabien wurde Merwans Statthalter, fowohl in 
Mekka als in Medina und Sanaa, von Rebellen angegriffen 
und diefes Land, die Wiege des Islams, der Sammelplag 
aller Pilger, durfte Merwan nicht ſich felbjt überlaffen. In 
Meffa erfchienen plöslih 700 Mann in ſchwarzem Gewande, 
der Farbe der Abbafiven, und erflärten den Chalifen als ent- 
thront. Abd Alwahid Fon Euleiman, der Statthalter von 
Arabien, mußte mit ihnen capituliven und fie durch Gefchenfe 
zum Abzuge bewegen ). Medina ward bald darauf von 
den Charidjiten unter dem Befehle des Abu Hamza ange- 
griffen und Abd Alwahid mußte, nad dem Treffen bei Ku— 
deid, zwiſchen Meffa und Medina, die Flucht ergreifen und 
die Stadt den Charitjiten überlajfen, bis Merwan ihm den 
Abd Almalif Fon Mohammed Ibn Atijjah mit 4000 Mann 
zu Hülfe ſchickte. Diefer ftellte die Ordnung, in den beiden 
heiligen Städten fowohl, als in Sanaa wieder her, wo Abd 
Allah Ibn Jahja fih gegen Merwan aufgelehnt hatte. ALS 
er aber dann zur Pilgerfahrt, nur von zwölf Mann begleitet, 
nad Meffa reifte, ward er von Arabern aus dem Stamme 
Murad ermordet 2). 


1) Zab. f. 240 im Sahre 129. 
2) Ebend. T. XI. f. 6—10. Auch hier fchloffen fi die Cho— 
zaiten, ein aus Jemen nah Hidjas ausgemwanderter Stamm, den 


694 Siebzehntes Hauptftüd, 


In dem weftlichen Perfien hatte Merwan nad) der Ver: 
treibung der Charidjiten aus Moßul fortwährend gegen bie 
Aliden zu kämpfen, die feit dem mißglücten Aufftande in Kufa 
immer feitern Fuß in den bedeutenditen Städten von Iſtachr 
bis herauf nach Rei faßten. Abd Allah Ibn Muawia hielt 
ſich abwechſelnd in Rei und Ispahan auf, feinen Bruder Je— 
zid ſchickte er nach Fars und ſeinen Bruder Haſan in die 
Provinz Djebel und bei Letzterem hielt ſich auch häufig des 
Chalifen bitterſter Feind Suleiman Ibn Hiſcham auf N). 

So war der Zuſtand des Reichs, als Naßr, der Statt— 
halter von Choraſan, um Hülfe bat und dem Chalifen ſchrieb: 
„Ich ſehe glühende Kohlen unter der Aſche glimmen, die bald 
zur hellen Flamme auflodern werden, die, wenn ſie nicht die 
Klugen erſticken, Kopf und Rumpf verzehren wird. Wie 
Holz das Feuer zur hellen Flamme anfacht, ſo entzündet ſich 
Krieg aus aufrühreriſchen Reden und ſtaunend frage ih 2): 
„wacht das Haus Dmejja oder ſchläft es?” 

In der Provinz Chorafan, von deren Zuftänden wir 
abfichtlich bisher geichwiegen, weil fie von der größten Be— 
deutung für den Sturz der Dmejjaden und darum auch ohne 
Unterbrechung Ddargeftellt werben müſſen, berrichte feit der 
Thronbefteigung Merwans eine wahre Anardyie, welche bie 
Abbafiden, deren Emiffäre ſchon feit zwanzig Jahren dieſes 
Land bearbeiteten, ſehr gut zu benugen verftanden. 


Rebellen an. Das Treffen von Kudeid fest Tab. in den Monat Safar 
130. Abu Hamza blieb nah Mafidi drei Monate in Medina. Mer: 
mwan mußte jedem Soldaten, der mit Abd Almalif nah Arabien 309, 
100 Dinare, ein Pferd und einen Maulefel geben (2). Merman’s 
Truppen verfjpotten alles, was nicht nur den Charidjiten, fondern 
überhaupt den Mohammedanern heilig ift. Die Predigten und Ers 
mahnungen der Charidjiten find aus frühern Mittheilungen befannt. 

1) Tab. T. XI f. 289. 

2) Ebend. f. 237. Der zweite Vers fehlt bei Abulfeda und der 
dritte bei Elmafin. Xehnlihe Verfe fchidte er auch an Ihn Hubeira, 
der ihm aber eben ſo wenig Truppen ſchicken Fonnte, 


Merwan II. 695 


Wir haben ſchon unter Jezids II. Chalifat gefehen, daß 
Nafr, aus dem Stamme Kinana, die Söhne Mudhars bes 
günftigte und daß darum die Jemeniden fi) dem Chadia Ibn 
Alt Alfermani anfchloffen. Unter Merwan, als die Mudhas 
riten überall die Oberhand hatten und auch der Statthalter 
von Irak, von dem Chorafan mehr oder weniger abhing, 
wieder ein Mudharite war, lieg Naßr den Kermant, wie wir 
ihn der Kürze wegen nennen wollen, einferfern. Nach einem 
Monate ward er aber wieder durch eine unterirdifche Oeff— 
nung befreit und Naßr genöthigt, ihn zu begnadigen I). Ker— 
mani war indeffen auf feiner Hut und leiftete der wiederholten 
Aufforderung Naßr's, fih zu ibm zu begeben, feinen Gehor- 
ſam. Nah langen Gefandtfchaften zwifchen Naßr und Ker- 
mant, welcher nunmehr in einem von Jemeniden wohlbewach- 
ten Schloffe wohnte, verlangte diefer, daß ein Mann vom 
Stamme Befr ?), das heißt ein Mann aus dem Gefchlechte 
Rabia's, das weder zu Mudhar nod zu Jemen gehörte und 
eine gewiffe Neutralität beobachtete, bis auf weitern Befehl 
Merwang, die Herrichaft übe. Naßr vertraute dem Schwerbte 
und lieferte Kermani mehrere Treffen, die jedoch zu feiner 
Entfheidung führten. Naßr's Lage war um fo bedenflicher, 
als er neben Kermani auch noch immer den abtrünnigen und 
mit Ungläubigen verbündeten Harth Ibn Schureih zu befäm- 
pfen hatte. In der Hoffnung, von diefer Seite her frei zu 
werden, erwirfte er beim Chalifen des Letztern Begnadigung. 
Harth begab fih nah Meru, doch weigerte auch er 3) fic, 


1) Tab. f. 190. 

2) Ebend. f. 192. Auch im türk. Tab. ©. 147—149 findet ſich 
vieles über tie GStreitigfeiten zwiſchen Nafr und Kermani, doch 
nicht gan; übereinflimmend mit dem Urterte, dem ich bier folge. 

3) Auch Harth, ein Mann, der 12 Zuhre unter den Türfen ges 
lebt und gegen feine Glaubensgenoffen gefochten, wagte es Naßr zu 
fagen: handelft du nad der göttliben Schrift, fo bin ich mit dir, 
wo nit, fo wende ih mid von dir ab. Ebend. f. 202, 


696 Siebzehntes Hauptftüd, 


Naßr als Statthalter anzuerkennen, fondern nahm zuerft an 
der Spige einiger taufend Freunde und Stammgenoffen eine 
neutrale Stellung ein, dann unterhandelte er bald mit den 
Anhängern der Abbafiden, bald mit Kermant. Als feine 
Truppen zahlreicher wurden, verlangte auch er von Naßr, 
daß er der Statthalterichaft entfage und die Wahl des Statt- 
halters einem Schiedsgerichte überlaffe. Naßr willigte ein, 
als er aber von den beftimmten Richtern entjeßt ward, er— 
fannte er ihren Ausfprucd nicht an und es kam zu einer 
Schladt in und bei Meru (End Djumadi-l-Achir 123) zwi— 
fhen ihm und Harth. Letzterer ward gefchlagen und da er 
fih nicht länger allein gegen Naßr behaupten Fonnte, verband 
er fih mit Kermani und beide vereint bracdten dann Naßr 
eine Niederlage bei, Sobald indeffen Naßr befiegt war, ent— 
zweiten fih Harth und Kermant 1) und befämpften fich felbft 
unter einander bis zu Hartbs Tod (Radjab 128 — April 
746). Naßr und Kermant fuhren dann fort, fi) mit wech— 
felndem Glück zu befehden, ganz Chorafan ftand unter den 
Waffen, jeder friedlich Gefinnte fehnte fih nad) einer Regie— 
rung, welche Ruhe und Ordnung zu erhalten im Stande wäre 
und fühlte, Daß dies von dem in fich felbft zerfallenen und 
auf feinem religiöfen und gefeßlihen Boden fußenden Haufe 
Dmejja nicht mehr zu erivarten wäre. 

Diefe Zerrüttung und allgemeine Unbehaglichfeit benütten 
die Abbafiden, um ihre längft im Stillen gepredigten Lehren 
von den Rechten der Familie des Propheten öffentlich zu ver- 
fünden und gegen die Omejjaden ihre Anſprüche mit bewaff- 
neter Hand geltend zu machen. Zu den Emiffären, welche 
fhon Yängft in Chorafan für die Abbafiden warben, kam im 


1) Nah Tab. f. 218 fagte fib Harth von Kermani los, weil er 
zu graufam war. Er ließ 300 Gefangenen Hinde und Füße ab» 
hauen und 50 Andern den Leib aufichneiden und in den Fluß Balch 
werfen. 


Merwan II, 697 


Sabre 128 der oben genannte Abu Muslim 1). Er machte 
mehrmals die Reife von Chorafan nad Syrien zu Ibrahim, 
um ibn von der Fritiihen Lage Naßr's zu unterrichten und 
im Ramadhan des J. 129 (Mat — Juni 747) erhielt er 
endlich den Auftrag, die Feindfeligfeiten gegen Naßr zu bes 
ginnen. Ibrahim mußte freilich feine Herrfhjuht mit dem 
Leben büßen, denn als Merwan von feinen Umtrieben in 
Kenntniß gejegt ward, ließ er ihn verhaften und nach einigen 
Berichten durch Gift tödten. Seine Familie aber, worunter 
feine beiden Brüder Abd Allah Abu-l-Abbas und Abu Diafar, 
entfamen glüdlih nad Irak, wo fie fo lange verborgen leb— 
ten, bis ihre Partei die Oberhand bekam. 

Nahdem Abu Muslim ale, die ihm längſt gebuldigt 
hatten, zu ſich gerufen, pflanzte er, dem erhaltenen Befehle 
gemäß, die fchwarze, von Ibrahim empfangene Fahne auf und 
vertrieb Yezid, einen Freigelaffenen Naßr's aus Lin, ein Etädt- 
hen in der Gegend von Meru. Bald darauf flug er fein 
Lager in Machuan, nicht weit von Meru, auf. Chazim Ibn 
Chuzeima, einer feiner Feldherren, bemächtigte fid) der Stadt 
Merurud und Nadhr Ibn Nueim, ein anderer Emiſſär der 
Abbafiven, vertrieb Naßr's Präfeft aus Herat. Mit Abu 
Muslim vereinigte fih Kermani’s Sohn, Ali, nahdem Naßr, 
nad einigen Berichten durch Verrath, nad andern im offnen 
Kampfe feinen Vater erfchlagen hatte, und ſchon im Monat 
Djumadi-I-Ammwal 130 (Januar 748) mußte Nager Meru 
dem Feinde überlaffen 2). Da noch immer die Emiffäre ber 
Abbafiden nur im Allgemeinen die Anfprühe der Familie 


1) Auch er erhielt die Weifung, den Jemeniden zu fchmeicheln, 
den Arabern aus Rabia Miftrauen gegen die Regierung eınzuflößen, 
die Söhne Mupdhar’s aber auf den geringften Verdacht hin auszus 
rotten. Tab. f. 222, 

2) Nach einer Tradition nahm Abu Muslim den 9. Djumadis 
LAmmal die Stadt Meru, während Nafr dem Kermani eine Schlacht 
lieferte, Ibid, f. 242, 


698 Siebzehntes Hauptſtück. 


Mohammed’s auf das Chalifat begründeten und manche darunter 
die Nachkommen Ali's im Auge hatten, lieg Abu Muslim die 
Bewohner von Meru nur einem Chalifen aus dem Haufe des 
Propheten Treue fehwören, ohne irgend eine Perfon näher zu 
bezeichnen. Naßr, welcher wohl einfah, daß die legte Stunde 
ber Dmejiaden nicht mehr fern, ließ fich jest mit Abu Mus— 
lim in Unterhandlungen ein und war auf dem Punfte, fi 
zu ihm zu begeben, als einer der Boten Abu Muslim’s, welche 
ihn abholen follten, ihm zu verftehen gab, daß er dem Sichern 
Tode entgegengehe ). Er flüchtete fi mit wenig Getreuen 
nach Serachs, wo er aber, da diefe Stadt in den Händen ber 
Charidjiten war, ſich nicht aufhalten fonnte, er ging daher big 
Zus, wo er 14 Tage blieb, hierauf, von Abu Muslim 
verfolgt, nad Nifabur. Hier lieferte er den Truppen Abu 
Muslim’s, welche Kahtaba befehligte, eine Schlacht, in welcher 
fein Sohn Temim blieb und als er fie verlor, flüchtete er 
fih nad) Djordian, wo Nabata Ibn Hanzala an der Spiße 
eines Heeres fand, das ihm endlich Ibn Hubeira aus Jraf 
zu Hülfe geſchickt. Kahtaba verfolgte ihn auf dem Fuße 
und am 1. Dſu-l-Hudjah 130 (1. Auguft 748) fam es zu 
einer Schladt, in welcher Nabata mit 10,000 Syrern fiel 2). 
Naßr zog fih, nad Nabata’s Niederlage, nad Rei zurüd, 
da ihn aber Kabtaba durch feinen Sohn Hafan verfolgen ließ, 


1) Ibid. T. X. f. 1. Abu Muslim übertraf alle DOmejjaden 
an Grauſamkeit. Kein Gefangener murde begnadigt. Er erhielt die 
MWeijung, das Schwert ald Ruthe und das Grab als Gefängniß für 
alle nicht zu feiner Partei Gehörigen zu gebrauchen. Auch die Söhne 
Kermani’s wurden verrätherifher Weife von ihm ermordet, fobald 
er ihrer nicht mehr bedurfte. Ibid. f. 3. 

2) Kahtaba's Heer war bei weitem nicht fo zahlreich wie das 
Nabata's. Sein Sieg ward ihm dadurdy erleichtert, Daß einige 
Stämme, welche mit Nabata fochten, auch ſchwarze Fahnen hatten 
und im Schlahtgetümmel für Abbajiden gehalten wurden, fo daß 
die Syrer felbft fih unter einander bekämpften. Ebend. f. 6. 


Merwan II. 699 


wollte er nach Hamadan fliehen und ftarb auf dem Wege dahin, 
in Sawa (Rabia⸗l-Awwal 131 — November 748). Hafan 
verfolgte die Trümmer der Truppen Nafr’s, die fich zuerft 
nad) Hamadan und dann nad Nehawend zurüczogen, während 
Kabtaba mit 20,000 Mann ein ftärferes ſyriſches Heer unter 
dem Befehle des Amir Ibn Dbhabara, das von Kerman ber- 
fam, wo eg den Aliden Abd Allad Fon Muawia befämpft, 
bei Iſpahan auf's Haupt flug. Als diefes Heer zernichtet 
war, brach auch Kahtaba gegen Nehawend auf und nad) einer 
dreimonatlihen Belagerung ergab ſich Malif Jbn Adham, der 
an Naßr's Stelle gefommen war, unter der Bedingung, daß 
er und alle Syrer begnadigt würden )., (Schawwal 131 
— Mai — Juni 749.) Sobald Nehawend genommen war, 
fandte Kabtaba den Abu Aun mit einem Theile der Armee 
voraus nah Schehrzur, während er felbft die Richtung von 
Hulwan und Chanifin nahm und Ibn Hubeira, der ihm mit 
20,000 Mann entgegen zog, geihidt umging. Ohne ein 
Schwert zu ziehen gelangte er über den Euphrat und Tigrig, 
während Ibn Hubeira noch bei Djalula lag. Indeſſen fehrte 
diefer mit feinen Truppen noch raſch genug um, um vor Kah— 
taba in Kufa einzutreffen, wo bie Verfchworenen nur der An- 
funft der Abbafiden harrten, um ſich von den Dmejjaden los— 
zuſagen. Nach furzer Ruhe brah dann Ibn Hubeira gegen 
Kerbela auf und lieferte dem von Norden her fommenden 
Kahtaba, nicht weit von diefem Orte, eine Schlacht. Kahtaba 
fiel im Gefechte oder ertranf, aber fein Eohn Hafan übers 
nahm den Dberbefehl, brachte Ibn Hubeira eine vollftändige 
Niederlage bei und nöthigte ihn, nah Waſit zu fliehen, denn 
gleid am folgenden Tage, nah der Schlacht bei Kerbela, 
(10. Muharram 132 — 29. Auguft) brach in Kufa die längft 


1) Die Truppen aus Chorafan, welche von diefer Gapitulation 
nichts wußten und auch auf freien Abzug rechneten, murden alle dem 
Schwerte preidgegeben. Ibid, f. 14. 


700 Siebzehntes Hauptſtück. 


vorbereitete Empörung unter Leitung des Mohammed Ibn 
Chalid Fon Abd Allah Alfasri aus, der fich ſogleich der Cita- 
belle bemädhtigte. Hauthara, welcher einen Theil der Truppen 
Ibn Hubeira's befehligte, verfuchte es zwar noch den Aufruhr 
zu unterdrüden, aber Ibn Hubeira unterftügte ihn nicht und 
die erften Truppen, welche Mohammed angreifen follten — 
fie waren aus dem Stamme Bahdal — gingen zum Feinde 
über, fo daß auch er fi, wie Ibn Hubeira, nad Waſit zurück 
zog und Kufa dem Hafan überlich, wo bald nach feinem Ein- 
zuge dem Abu⸗l-Abbas gehuldigt ward I). Ibn Hubeira hielt 
fi freilich noch faft ein ganzes Jahr in Waflt, doch hätte 
er viel beifer gethan, wenn er, ftatt ſich hier mit feinen Trup— 
pen einzufchliegen, fie dein Chalifen zugeführt hätte, der um 
diefe Zeit ein Heer gegen Abu Aun rüftete, 

Als nämlid Abu Aun, nad) einigen Berichten mit 30,000 
Mann, in Schehrzur lag, zog Merwan alle feine Truppen 
zufammen und lagerte am großen Zab. Abu Aun war in- 
zwifchen immer weftwärts gedrungen, denn Abu Salama, einer 
der thätigften Emiffäre der Abbafiden in Chorafan, fandte ihm 
nod eine Berftärfung von 9000 und Abd Allah Fon Alt, ein 
Dheim des Abu: Abbas, führte ihm 6000 Mann von’ Kufa 
zu. Noch immer war Merwan, deffen Armee 120,000 Mann 
gezählt Haben foll, dem Feinde an Zahl um das Doppelte 
überlegen, darum ſchlug er eine Brüde über den Zab und 
griff Abu Aun an, in der Hoffnung ihn zu Schlagen, ehe er 
noch weitere Verſtärkungen erhielte, aber das Glück hatte ſich 
von ihm gewendet und mande ungünftige Umftände vereinten 
fih, um ihm den fchon erfochtenen Sieg wieder zu entreißen. 
(11. Diumadi-l-Adir — 25. Januar 750.) Hauptgrund ſei— 


I) Nah einigen Traditionen den 13. Rabia 1. (30. Okt. 749) 
nach andern Rabia II. So bei Tab. f. 22. Da er Donnerftag nennt, 
fo fcheint eriteres Datum richtiger, das auch Abulf, ©. 482 annimmt, 
der jedoch den 12. ftatt des 18. hat, 


Merwan II. 701 


ner Niederlage war der Verrath und Ungehorfam bes Theiles 
feines Heeres, der aus Charitjiten und Jemeniden beftand, 
Dazu fam noch, daß während der Schlacht Geld ing Lager 
fam, das die Soldaten plünderten. Merwan fandte feinen 
Sohn Abd Allah mit einigen Negimentern ins Lager, um das 
Geld zu retten. Sobald Abd Allah, der bisher in den vor— 
deriten Reihen kämpfte, umfehrte, glaubte man, er fliehe vor 
dem Feinde und das ganze Heer ergriff die Flucht in größter 
Unordnung I). Ein großer Theil ward von Abu Aun’s 
Schwert ereilt, Andere ertranfen im Zab, denn Merwan 
mußte, um feinen Rüdzug zu fihern, die Brüde hinter ſich 
abbreden. Merwan brachte zwanzig Tage in Harran zu, da 
er aber fein neues Heer zufammenbringen fonnte und Abb 
Allah Ibn Ali heranrüdte, floh er nach Kinefrin, von hier nad 
Himß und dann nad) Damasf, wo er, vor feiner weitern Flucht, 
feinen Schwiegerfohn Welid Jon Duawia ?) als Statthalter 


1) Ebend, f, 30 u. 31, Dies ift wohl wahrfcheinlicher als das 
son Herbelot, nad perfiihen Quellen mitgetheilte Mährchen, dems 
zufolge Merwan einen Augenblik abfteigen mußte und fein Pferd 
die Reihen der Syrer durchlief, fo daß fie glaubten, er fei getödtet 
worden. Die Truppen aus den jemenidifhen Stämmen Kudhaa, 
Sakaſik und Sufun vermweigerten ihm, nach Tab., fürmlih den Ges 
horfam. Unter den Charidjiten, die bei feiner Armee waren, werden 
Raſchidije und Muhammira genannt. Vergl. über Erftere Schehreft. 
©. 98, über die Muhammira den Kamuß. Sn diefer Schlacht fam 
auch der von Sezid ernannte Chalife Ibrahim um, der feit feiner 
Abdanfung Merwan nicht verlaffen hatte. 

2) Entweder ed gab zwei Welid Son Muawia oder bei Abulf. 
©. 484 fomohl als bei Tab. f 30 ift eine Lücke, denn beide nennen 
Welid Jon Muamia ald Anführer des linfen Flügels des fyriichen 
Heeres. Mir fbeint, daß der Name des Befehlshabers der Finfen 
von den Abbaſiden und der Rechten von den Syrern im Abjchreiben 
ausgefallen ift, denn weiter unten beißt es bei Tab.: Melid Ibn 
Muawia Ibn Mermwan, der Schwiegerfohn Merwan’s, griff die Rechte 
ded Feindes an, woraus hervorgeht, daß er die Linke der Syrer bes 
fehligte. 


® 
702 Siebzehntes Hauptſtück. 


einſetzte. Alle Städte zwifchen Damasf und Moßul, wo Mer- 
warn gar nicht eingelaffen ward, ergaben fid) dem Sieger und 
in Damask felbit brad, als Abd Allah Ibn Ali Heranzog, 
ein Aufftand aus. Die Nebellen fiegten, Welid ward getötet, 
und die fhwarze Fahne zog im Triumphe durd die Thore 
der Huauptftadt der Omejjaden ein. (10. Ramadhan 132 N), 

Abd Allah verfolgte den flüchtigen Chalifen noch nad 
Paläftina, bis an den Fluß Abu Fotros oder Audja, nördlich 
von Ramla, dann fandte er ihm feinen Bruder Salih mit 
Abu Aun und Amir Ibn Ismail nah Egypten nad, wo er 
eine legte Zuflucht fuchte. Aber felbft in das friedliche Nil- 
thal war Aufruhr und Empörung eingezogen, ev mußte auch 
bier zuerit die Rebellen befämpfen, ward dann felbft von 
Salih gefhlagen und endlid in einer Kirche in Bußir ?) ges 
tödtet. (26. Dfu-l-Hudjah 132 = 5. Aug. 750.) 

Die Darftellung der Abfcheulichkeiten, welche gegen ſämmt— 
fiche, felbft Längft verftorbene Dinejjaden verübt wurden, fo 
wie der weitern Kriege der Abbajiven gegen Ibn Hubeira 
und andere Feloherren, welde fih der neuen Dynaftie noch 
nicht ergeben hatten, gehört in den folgenden Band, wo aud) 
ein tiefereg Eingehen in die Zerwürfniffe unter den Hafchte 
miten felbft und in die Händel, welde der Huldigung des 
Aust: Abbas vorangingen, eher an feinem Plage fein wird, 


— [2 


1) Nicht den 5. wie Abulf. ©. 486, wie fhon der auch von 
ihm — Wochentag (Mittwoch) beweiſt, da der erſte Ramadhan 
ein ontag war. 

2) Wahrſcheinlich in Oberegypten. ©, die verſchiedenen An⸗ 
ſichten, ſelbſt unter den Arabern, bei Quatremere mem. sur VEgypte 
L 112 und über den Aufftand der Kopten um diefe Zeit, Makrisi 
hist. Copt. ed. Wetzer p. 98 u. Renaud. hist. patr. p. 126. Elmafin 
fegt Merwan's Tod unrichtigerweife in den Monat Djumadi-l:Abir. 
Sch folge Abulfeva und Tab., obgleich Letzterer einen Sonntag ans 
gibt, während der 5. Auguft ein Mittwoch war. Der türk. Tab. 
©. 155 iſt hier wieder ganz verfchleden vom Urtexte. 


—— 


Anhang zum erften Bande. 


Die wichtigiten Rriege und Groberungen der 
Araber nah Beladori. 


Das erite Treffen, das die Moslimen den Chriften 
in Shrien lieferten, noch ehe Chalid Jon Welid den Ober 
befehl übernahm, war in dem Städtchen Dair (oder 
Dathir) in der Nähe von Gaza, nach Andern gieng jedoch 
der Schlachttag von Arabat voraus. Die folgende 
Schlacht fand bei Adjnadein ftatt, dann fammelten ſich 
die Griechen wieder bei Bakußah (oder Nakußah), ein 
Thal, das fih an Ghur anſchließt, wo fie abermals ge= 
fhlagen wurden. Hier erhielten die Moslimen Nachricht 
son dem Tode Abu Bekrs. Hierauf folgte die Schlacht 
bei Fachl, den 28. Dſu-l-Kaadah, fünf Monate nad) dem 
Regierungsantritte Omars. In diefer Schlatht führte 
Abu Uberdah den Dberbefehl. Hierauf fam die Schlacht 
bei Merdj Alfofar, Anfangs Muharram des Jahres iA, 
worauf die gefchlagenen Griechen nad SJerufalem und 
Damasf flohen. Nach der Tradition des Abu Muhnif 
fand die Schlacht bei Merdj Afjofar 20 Tage nach der 
von Adjnadein ftatt, dann ward Damasf erobert und 
während der Belagerung der Oberbefehl dem. Abu Ubeidah 
übertragen und dann kam erſt Die Schlacht bei Fachl. 
Nach Andern aber kehrten die Moslimen 14 Tage nach 
der Schlacht von Merdj Aſſofar zur Belagerung von 

21 


1 Anhang zum erſten Bande, 


Damasf zurück und drangen big an die Thore der Stadt 
vor (16. Muharram des Jahres 14). Nach) Ginigen 
leitete Chalid nod) die Belagerung von Damasf, und führte 
den Oberbefehl bis zur Ginnahme diefer Stadt, welche 
Wakidi in den Radjab des Jahres 14 fett. Auf die Er— 
oberuug von Damask, das nach Ginigen mit Abu Ubeida 
Frieden ſchloß, während Chalid von einer andern Seite 
ber die Stadt erjtürmte, folgte die der Küftenftädte Bei— 
rut, Seida, Jrfab und Diubeil, die zwar zu Ende 
der Regierung Omars wieder verloren giengen, unter 
Dthman aber durch Muawia aufs Neue, nebit Tripoli, 
unterworfen wurden. Auch Haleb und Antiochien 
nahm Abu Ubeida, bald nach der Uebergabe von Himß. 
Balbek ergab fi) den Moslimen, au) Himß, nad) ei= 
ner furzen Belagerung, ebenfo Hamah und Kinesrin. 
Die Schlaht am Jarmuf ward im Nadjab des Jahres 
15 gefochten, Serufalem erft im Jahre 17 erobert und 
Cäſarea nach einigen Traditionen im Jahre 18, nach 
Andern erft im Schamwal des Jahres 19. Als Muawia 
legtere fefte Stadt mit Sturm nahm, fand er darin 700000 
ftreitbare Männer, 30000 Samaritaner, 200000 Juden, 
300 Bazare. Die Mauern der Stadt waren jede Nacht 
von 100000 Kriegern bewacht. in Jude zeigte den Be— 
lagerern einen unterivdifchen Weg, der fie in das Innere 
dev Stadt führte. Askalon ward nach Ginigen von 
Muawia, nad) Andern von Amru Son Mlaap erobert, 
aber diefe Stadt fowohl als Gäfaren wurde während der 
Empörung des Abd Allah Son Zubeir, von den Griechen 
zerftört. Im Jahre 28 oder nad) Andern im J. 29 lan— 
deten die Araber in EHpern und die Inſel unterwarf 
fi) gegen einen jährlichen Tribut von 7200 Dinaren. Da 
fie aber, von den Griechen unterftüßt, fi im Jahre 32 
wieder empörte, fuhr Muawia im Jahre 33 aufs Neue mit 
500 Schiffen nach Cypern, unterwarf die ganze Inſel mit 
Gewalt und Tieß eine arabifche Beſatzung zurück. Nach 


Anhang zum erften Bande. II 


Ginigen fand jedoch diefe zweite Grpedition erſt im Jahre 
35 ftatt. 

Meſopotamien ward erjt nach dem Tode des Abu 
Ubeida durch Jjjadh Ibn Ghanim erobert. Rakkah cas 
pitufirte im Jahre 18, nach einer fünftägigen Belagerung, 
dann Roha, Harran, Sumeifat, Menbidj, Kir- 
Fifia, Amid und Niſibin. Alle diefe Städte ergaben 
fih noch im Jahre 19. Im folgenden Jahre unterwarf 
ſich auch Arzen und Zijjadh drang bis Bedlis vor. 
Umeir Ibn Saad eroberte hierauf Ein Alward, Nas 
Alein und das Chaburgebiet. (Diep fpricht gegen 
Abulf. Geogr. p. 278, demzufolge Nas Gin und Ein 
Wardah ein und diefelbe Stadt wären). 

Die Städte am obern Euphratgebiete hatten viel von 
den Ginfällen dev Griechen zu leiden. Im J. 133 308 
Konftantin gegen Malatia und zerftörte die Stadt, nach— 
dem die Araber fich geflüchtet hatten. Manßur ließ fie 
aber im J. 140 wieder aufbauen und Konftantin, der einen 
zweiten Feldzug unternahm, kehrte wieder um, als er bie 
Stärfe des arabifchen Heeres vernahm. Marafch fol 
nach Ginigen, noch unter Abu Ubeida’s Oberbefehl, Chalid 
Son Welid unterworfen haben. Auch diefe Stadt ward 
von den Griechen unter dem Chalifate Merwan's verwüſtet, 
aber unter Manfur wieder aufgebaut und von Iſa Ibn 
Ali gegen ein 80000 Mann ftarfes griechifches Heer unter 
Michail vertheidigt. Hadath, eine Stadt, von welcher 
der Name Darb Alhadath (der Engpaß von Hadath) 
herkömmt, ward ebenfalls unter Merwan von den Griechen 
zerftört und erft unter Mahdt durch Hafan Jon Kahtaba 
im Sabre 161 wieder hergeftellt. 

Nach dem Berfalle des Perſerreichs nahmen die Grie— 
hen von Armenien Beſitz, doch befreite fid) ein großer 
Theil diefes Landes unter Armeniafus von der Herrichaft 
der Griechen. Nach Armeniafus beherrjchte eine Frau bie 
Armenier. Sie hieß Kalt und baute die Stadt Ralifala, 


IV Anhang zum erften Bande. 


welches „Kali's Wohlthat“ bedeutet. Diefe Stadt ward 
unter Othman von Habib Ion Maslama Alfihri belagert 
und zur Uebergabe genöthigt. Habib hatte nach einigen 
Berichten nicht mehr als 8000 Mann bei fi), er forderte 
daher DBerftärfung, weil die Armenter ein großes Heer 
gegen ihn zufammenzogen. Muawia fandte ihm von Syrien 
aus 2000 Mann und der Statthalter von Kufa 6000 
unter dem Oberbefehle des Salman Ibn Nabia Albahili, 
der auch Salman Mlcheil genannt wird. Habib hatte 
aber die Armenter fchon beſiegt als Salman heranrückte 
und die beiden Generäle entzweiten fich fowohl wegen der 
Vertheilung der Beute, als wegen des Oberbefehls. Ka— 
lifala blieb in den Händen der Mufelmänner bis zum $. 
133, wo fie von dem Armenier Kufan genommen und zer= 
ftort ward. Aber auch diefe Stadt ließ Manfur wieder 
aufbauen, und Mutaßim, bei einem abermaligen Aufftande 
dev Armenier, aufs Neue befejtigen. Habib belagerte und 
nahm auch Debil, er drang dann bis Tiflis vor, das 
fich gleichfalls unterwarf.  Salman wendete fich gegen 
Arran und Beilekfan und drang, mach der Groberung 
mehrerer Städte, worunter auch Bardaah, bis über den 
Fluß Belendjer vor, wo er vom Chakan getödtet und fein 
auf 4000 Mann zufammengefchmolzenes Heer aufgerieben 
ward. Unter dem Ghalifate Jezids Fam dev Statthalter 
Dijarrab, der in Bardaah vefidirte, auf einem Ötreifzuge 
in der Gegend von Ardebil um. Weitere Groberungen in 
Armenien und Adferbeidjan machte Maslama Ibn 
Abd Almelit, der Bab Alabwab nahm und Merwan 
Son Mohammed, der in das Land der Chozaren bis 
Schirwan vordrang. Gr fehrte erſt um, als er bie 
Ermordung Welid's vernabm und überließ die Statthal- 
terfchaft dem Thabit Ibn Nueim Aldjudſamij. Unter 
Manfur war Jezid Ibn Uſeid Statthalter diefer Provin- 
zen, welcher Bab Allan eroberte und auf Befehl des 
Shalifen fich mit dem König der Chozaren verfchwägerte, 


Anhang zum erften Bande, Y 


Ihm folgte Hafan Ion Kabtaba, unter deffen Verwaltung 
die Armenier fich gegen den Ghalifen auflehnten und Mu— 
fchafil zum Häuptling erwählten. Manßur jandte ihm 
Amir Ibn Iſmail zu Hülfe, er ward des Aufitandes 
Meiiter und tödtete Mufchafil. 

Amru's Zug nah Egypten fand im $. 19 ftatt. 
Gr hatte urfprünglih nur 3500 Mann bei fi), dann 
führte ihm aber Zubeir noch 10—12000 Mann zu. Foftat 
bieß damals Aliun Babylon), die Hauptſtadt des Landes, 
(Memphis), ward im J. 20 unterworfen und im folgenden 
Sabre z0g Amru nad) Alerandrien und nahm diefe 
Stadt nach einer Belagerung von drei Monaten. Sm J. 
23 oder nach Andern im J. 25 landete Manuel mit 300 
Schiffen vor Alerandrien, die Griechen empörten ſich und 
die Stadt mußte zum zweitenmale erftürmt werden, Manche 
behaupten, die Alerandriner haben fich zweimal gegen die 
Herrichaft der Araber aufgelehnt, einmal im J. 23 und 
einmal im 3. 25. (Ueber die Namen und Reihefolge der 
Statthalter von Egypten [S.Bd. I. ©.239 u. 283] ließt 
man: Nach der Gntjegung des Keid ward Mohammed, 
der Sohn des Chalifen Abu Befr, als Statthalter nad) 
Egypten gefandt. Auf diefen folgte Malik Mafchtar, der 
vergiftet ward, worauf dann der genannte Mohammed 
zum zweiten Male die Statthalterfchaft erhielt. Amru 
blieb dann Statthalter von Egypten, big zu feinem Tode, 
ihm folgte zuerft fein Sohn Abd Allah, dann Muawia 
Son Hudeidj, vier Jahre lang, dann Okba Ibn Nafi, der 
Sfrikija eroberte). Okba wurde unter Jezid wieder 
zum Statthalter ernannt und er machte einen Streifzug 
gegen Sus Aladna (die Nähere), welche hinter Tanger 
liegt, und z0g im Lande umher, ohne daß fi ihm ein 
Feind entgegenftellte, dann fehrte er wieder um. Tanger 
eroberte Mufa und er tft der Erfte, der fich) hier niederließ. 

Nach der Schlacht son Kadeſia blieben die Araber 
nach Ginigen 9, nah Andern 18 Monate in Nahrichir 


VI Anhang zum erſten Bande. 


liegen. Die Schlacht bei Djelula war gegen Ende des J. 16. 
Kufa ward nach Einigen im J. 17, nach Abu Ubeida aber erſt 
im J. 18 erbaut. Statthalter von Kufa waren zuerſt Saad 
Ibn Wakkaß, dann Amir Ibn Jaſir, hierauf Mughira Ibn 
Schuba, dann nochmals Saad Ibn Wakkaß, Welid Ibn Okba 
und Said Ibn Alaaßi Ibn Said Ibn Alaaßi. Der Bau von 
Bagdad, wo auch früher fchon ein Ort lag, ward im 
$. 145 begonnen. Der vöftlihe Theil hieß Nußafa, aud 
Aſkar Almahdi, (Heer oder Lager Mahdi's) weil Mahdi 
dafelbjt fein Lager auffchlug, als er nach Chorafan 309. 
Sein Schloß hieß Kafr Alwaddhah, nah dem Namen 
eines Baumeifters aus Anbar, der den Plan entwarf und 
den Bau leitete, e8 lag am Karchthore. Mahdi hielt fi) 
meiftens in Mafabadfan auf, und Harun in Rafifah. 
Holmwan capitulirte nach der Flucht Jezdedjerd's, Saad zog 
dann nach Deinemwr, das er jedoch nicht zu nehmen ver— 
mochte, aber Kirmaſin ergab fi im J. 19. In demfelben 
Jahre, nad) Andern im Jahr 20 oder 21, fand die Schlacht 
bei Nehawend ftatt, in welcher Numan Ibn Mufarrin um— 
fam, Hudſeifa Son Jemen aber doch den Sieg davon 
trug. Nach der Schlacht ward Nehamwend belagert, die 
Stadt capitulirte und da der Unterhändler Dinar hieß, 
ward fie zuerft Mah Dinar genannt, fpäter aber Mah 
Baßrah, und Deinewr, welche fih nad) einer fünftägt- 
gen Belagerung dem Abu Mufa ergab, der Numan neue 
Truppen zuführte, erhielt den Namen Mah Kufa. Dann 
capitulirte Mafabadfan, dann Sirawan, Grfteres 
jedoch nad) Ginigen fehon vor der Schlacht von Nehawend, 
(Nach einigen Geographen bei Abulf. p. 415 war Sirawan 
dev Name des Bezirks und Mafabadfan der Name der 
Hauptitadt, nad Andern führte die Stadt beide Namen). 
Hamadan ward durch Djeriv Ibn Abd Allah gegen 
Ende des Jahres 23 erobert, uach Andern erſt im folgen 
den Jahre, 6 Monate nach dem Tode des Chalifen Omar. 
Ißpahan eapitulirte aber noch unter Omar im $. 23. 


Anbang zum eriten Bande. VII 


Kaſchan ward durch Ahnaf Ibn Keis, nach einigen im 
J. 23, nach Andern im folgenden Jahre, erobert. Ißtachr, 
wohin Jezdedjerd floh, ward vergebens von Abu Muſa 
und nach ibm von Othman Ibn Abi-l-Aaß belagert, jelbft 
als Abd Allah Son Amir im J. 29 nach Baßrah fam 
und ſchon ganz Bars in den Händen der Mufelmänner 
war, widerftand Iſtachr noch. Von Iſtachr floh Jezdedjerd 
nach Kerman, wohin ibn Mudjafcht verfolgte, dev aber 
in diefem Lande fein Heer verlor, Als dev Marzaban von 
Kerman Sezdedjerd mit Geringſchätzung behandelte, flüchtete 
er fih nah Sedjeſtan, wo er eine gute Aufnahme fand, 
doch weigerte fich dev Fürft diefes Landes ihm Steuern zu 
bezahlen, er begab fih daher nach Choraſan. Neizef 
Terhan warb hier um feine Tochter und da fie ihm 
verfagt ward, unterjtügte ev den Marzaban von Meru, 
der fich gegen Jezdedjerd aufgelehnt und geweigert hatte, 
über feine Verwaltung Nechenichaft abzulegen. Sezdedjerd 
ward in der Nähe von Meru gefchlagen und dann auf dev 
Flucht, nach einigen von einem raubjüchtigen Müller, nach 
andern von den Leuten des Marzaban von Meru, getödtet. 

Rei ward zwei Monate nach der Schlacht von Ne- 
hawend durh Urwa Ibn Zeid erobert, welchen Amir 
Ibn Jaſir auf Befehl Omars gegen die Deilemiten fandte, 
Kumis ergab fi) bald darauf, aber Dameghan mußte 
mit Sturm genommen werden. Rei empörte ſich jpäter 
wieder, ward aber aufs Neue unterworfen, dann von 
Mahdi erweitert und befeftigt. Während Mugbira 
Statthalter von Kufa war, wurden Hanzala Ibn Zeid 
und Bara Ibn Azib gegen Kaswin gefandt. Die 
Stadt rief die Deilemiten zu Dülfe, ward aber demohnge- 
achtet bald zur Uebergabe genöthigt. Auh Ghilan ca- 
pitulirte, aber Zengan mußte mit Gewalt erobert wer- 
den und mehrere andere Plätze diefer Provinz wurden erft 
unter Othman genommen. 

Nah Adfjerbeidjan zog Hudfeifa Ihn Aljemen 


VIII Anhang zum erſten Bande. 


auch noch unter dem Chalifate Omars, zur Zeit als Mus 
ghira Statthalter von Kufa war. Der Marzaban ergab 
fich ihm nach kurzer Gegenwehr, er befette dann Ardebil 
und machte Streifzüge nah Mokan und Ghilan, die 
auch Frieden mit ihm fchloffen. Omar rief dann Hudfeifa 
zurück und ſandte Otba Ibn Farkad nach Adferbeidjan. 
Nah Wakidi fand die Groberung diefer Provinz im $. 
22, nach Ibn Kelbt ſchon im 3. 20 ftatt, dann empörte 
fie fih aber wieder und ward durh Aſchath Ibn Keis 
aufs Nene unterworfen, Unter Othman brach abermals 
ein Aufftand aus, den Welid Ibn Otba dämpfte. 

Moßul ward im J. 20 von Otba Ibn Farkad 
genommen. Derjelbe unterwarf auch noch unter Omar's 
Regierung Schehrzur, Samighan (mit Sad) und 
Derabads, welches zu Moßul gehörte. 

Nah Tabariftan unternahm, unter Othman's Cha— 
lifate, Said Ihn Alaaßi einen Feldzug. Der Fürft von 
Djordjan unterwarf ſich ihm, ev eroberte die Ebenen von 
Zabariftan und Rujan und die Gebirgspälfer machten 
fich ihm tributpflichtig. Unter Muawia gieng Maßkalah 
Son Hubeira mit allen feinen Truppen in Tabariftan zu 
Grunde. Ein zweites mufelmännifches Heer unter Ubeid 
Allah Ibn Zijad ward aud in Tabariftan aufs Haupt 
gefchlagen. Unter dem Ghalifen Suleiman kämpfte 
Jezid Ibn Muhallab mit Erfolg gegen Ghilan, De— 
biftan, Sarta und Djordjan, auch unterwarf fich ihm 
der Fürſt Sol Alturfi. Tabariſtan brad) oft den 
Frieden, zulegt noch unter Manfur, welcher Abu=l- 
Haßib Marzuk, Chazim Ibn Chuzeima und Ruh Ibn 
Chatim gegen die Rebellen ſandte. Unter Mamun erſtürmte 
Mohammed Ibn Muſa Ibn Hafß den Berg Scherwin. 

Obolla, der Hafen von Oman, Bahrein, Indien 
und China, ward von Otba Ibn Ghazwan genommen, 
dann Furat, Abarkubad und Doſtmeiſan. Mus 
ghira eroberte Meifan und unter dieſem Namen wer— 


Anhang zum erften Bande. IX 4 


ben zuweilen auch die vorgenannten Plätze verftanden. 
Der Bau von Baßrah ward im J. 14 begonnen, Z 
lagerte Otba in Hureibah. 

Suf Alahwas ward von Mughira gegen Ende 
des J. 15 oder nach Andern zu Anfang des J. 16 erobert. 
Dieſe Stadt empörte ſich aber wieder und Abu Muſa 
ward gegen dieſelbe geſandt, der ganz Chuzijtan,mit 
Ausnahme von Sus, Ram Hormuz und Tuſter un— 
terwarf. Die beiden erſten Plätze ergaben ſich erſt nach 
einer längern Belagerung und Tuſter, wo die Hauptmacht 
des Feindes lag, ward durch Verrath eines Perfers genom- 
men. In Sus fand man das Grabmahl des Propheten 
Daniel, das in einem Hungerjahre von Babel dahin ge- 
Ichafft worden war. Nam Hormuz empörte fich wieder 
und ward zum zweitenmale durch Abu Marjam unterwor= 
fen. Der Einnahme diefer Pläse folgten die von Djun- 
dDifabur, Zenbil, Gulbanijeh, Zut und Serru. 

Othman Ion Abi-1-Aaß fandte noch unter Omar 
feinen Bruder Alhakam nad der Inſel Ka wan, dann 
nach Tudj, in der Provinz Ardichir, nach Ginigen ward 
Tudj von Othman ſelbſt erobert, der auch Darabgerd 
und Faſa unterwarf. Im Jahre 23 oder nach Andern 
im $. 24 unterwarf derfelbe auch Sabur, das aber im 
J. 26 zum zweitenmale befriegt werden mußte. Auch Da— 
rabgerd empörte fich, ward aber im J. 28 durch Abd Allah 
Son Kureiz, der auch Iſt achr nahm, aufs Neue unter- 
worfen. 

Nach der Eroberung von Fars und der Inſel Kawan 
ward das Land Kerman durd Mudjafcht Ibn Masud 
erobert. Er nahm zuerft Beimend, dann Sirdjan, 
die Hauptftadt von Kerman, dann Djireft. 

Abd Allan Ibn Amir fandte im 3. 30 Rabia 
Fon Zijad nah Sedjeftan. Gr gieng nach Fehredj, 
durchfchnitt die Wüſte von Kerman und gelangte nach dem 
Drte Zalik, der nur noch drei Pharafangen von Sedje- 


*1 


X Andang zum erften Bande. 


ftan liegt. Der Fürft diefes Landes unterwarf fich ihm 
und gab ihm Führer mit nah Zufcht, das noch 30 Mi- 
lien von Zerendj entfernt ift. Letztere Stadt capitulirte. 
Abu Samrah eroberte dann das Land zwifchen Zerendj 
und dem Lande des Dawer in Indien, derjelbe unterwarf 
auh Boſt und Zabul, und unter Muawia's Chalifat 
drang Abd Errahman Ion Samrah bis Kabul vor 

Unter Omar’s GChalifate fandte Abu Mufa den Abd = 
Allah Ibn Budeil nach den beiden Beiten Tebefein, an 
ber Grenze von Choraſan, welche mit ihm Frieden 
ſchloſſen. 

Im J. 30 ſandte Abd Allah Ibn Amirden Ahnaf 
Ibn Keis nach Kuhiſtan. Nach mehrern kleinern Plätzen 
nahm Adham Ibn Kolthum Beihak, dann Ibrſchehr, 
dann Nifabur Abd Allah Ibn Chazim unterwarf 
Serachs, dann Tus Abd Allah Ibn Amir fandte 
dann Hamza nah Herat, Badis oder Badsghis 
und Bufchendj, worauf Meru Frieden ſchloß. Ahnaf 
Ibn Keis unterwarf Tohariftan und Merurud. Der— 
jelbe jchloß einen Frieden mit Talikan und eroberte 
Farjab. Abd Allah drang bis an den Orus vor, nach 
einigen Traditionen überfchritt er fogar diefen Strom und 
fchloß Frieden mit Transoranten. Unter Alis Chali= 
fate vebellirte Chorafan wieder. Ubeid Allah Ihn Zijad 
eroberte Beifend und fchloß Frieden mit Buhara und 
Zamin Said Ibn Dthman Ibn Affen unterwarf 
Kefh und Nafaf oder Nachſchab, und fehloß Fries 
den mit Tirmeds und Samarfand, Kuteiba 
nahm Buchara und Samarkand dur Verrath, auch 
unterwarf er wieder zum zweitenmale Peikend, Keſch und 
Nafaf und eroberte Sahaſch, einen Theil von Fer— 
ghbana, Soghd und Osruſchana. 


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l. bewachten ft. bewacht hatten. 
„ Dman ft. Omman. 


. „vor nah dem W. er. 
. „ Ufer nah dem W. Jordan, 
iſt zu zu ſtreichen. 


[. Dſu-l-Hadjib ft. Djaban. 
„Iſtachr ft. Iſtache. 

„deſſen ſt. deren. 

„Geſandten ft. Geſandte. 
„Ubeid ſt. Abd. 

„Hudeidj ft. Chudeidj. 

. 163 ft. J. 34. 

» Bezier ft. Vizier. 

„ thäte ft. that. 

„ rein ft. reine, 

„25 ft. 24. 

„24 ft. 23. 

„19 ft. 18, 

„28 ft. 20. 

„ 26. 27. 28. ff, 12, 18. 14. 

„ 2te Auguft 657 ft. 19te Suli 637, 
„ Dierir ft. Djeria. 

„ Mohammeds ft. Mahommeds, 


.„» Aromal ft. Amal. 


„Abi ft. Ali. 

er BASIt:2H; 

„ einer und derfelben ft. eine und diefelbe. 
„Zijad ft. Ziad. 

7) Yjjub ft. Ajub. 

„ sten ft. 8ten. 

„ Freitag ft. Donnerftag. 

„» Bureira ft Burira. 

„» Ausmwanderern ft. Auswanderer. 
„ſelbſt vor tem Wort aber, 

„ Hanafije ftatt Hanifije. 

f. über ft. gegen. 

„ großen ft. großer. 

„ weißer ft. meijer- 


Seite 385 Zeile 5 v. o. lefe um fi. und. 


899 
401 
402 
403 
415 
419 
424 
425 
425 
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473 
474 
478 
491 
491 
492 
49% 
503 
506 
506 
528 
528 
545 
545 
597 
992 
593 
620 
644 
645 
647 
648 


677 


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„ diejem ft. diefen. 


. „ Statthaltern ft. Statthalter. 

. {ft Son Ubeid Allah zu ftreichen. 
.  Ubeid ft. Abd. 
.„Ahwas ft. Ahmas. 

.„dieſe ft. diejer. 

. it das zweite ihn zu freichen. 


l. Allah ft. Allab. 
„ welde ft. welches. 


« „ demander ft. demandes. 


. » Mutarrif fi. Mutrif. 


„Zagroß ft. Zagrrß. 


„„und“ vor befahl. 
.„’ mit fi. in. 
.„Zuheir ft. Zubeir. 


„vor nah tem Wort Wint, 


. „ die, welde ft. der, welder. 


u „ Zerez ft. Perez. 


. „von vor dem Wort Ecija. 


„ Mujejjab ft. Mefejjab. 


. „ Mufaddhal ft. Mufadhal. 


„Kebſcha ft. Kebſchan. 
„geſagte vor d. W. Note, 


.„Dinare ft. Diahren. 


„er nach d. W. und. 
„zum ft. zur. 
„ Ajubs ft. Ajjabe. 


. it das, vor d. W. fein zur ftreichen. 
. ft das Wort gerade zu ftreichen. 


„ die ft. der, 

I. Chunaßira ft. Chanaßira. 
„ reiten ft. reizte, 

„325 ft. 125. 

„ 332 ft. 132. 

„334 ft. 134. 

„ ihm ft. ihnen. 

„ er ft. dieſer. 

„ in ft. im. 


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483945 


Weil, Gustav 
Geschichte der Chalifen. vol.]l 


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University of Toronto 
Library 


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